Archivalien



Die Anfänge der lauenburgischen Geschichtszeitschrift

Das „Sachausche Archiv"

Hansjörg Zimmermann


 

Einleitung und Fragestellung

Im Jahre 2008 jährt sich die Gründung des Möllner Geschichtsvereins zum 125. Male. Auf das in diesem Zusammenhang relevante Jahr 1883 hat bereits Rackmann knapp in einem Überblick zum 100. Jahrestag hingewiesen. 1) Nur ganz knapp streifte er dabei den Vorläufer der Möllner Geschichtszeitschrift, das so genannte „Sachausche Archiv".

Carl Theodor Johannes Sachau ist seit 1848 im Herzogtum Lauenburg nachweisbar, als er zum dortigen Landkriegskommissar bestellt wurde.

Publikationen mit wissenschaftlichem Anspruch wurden nicht nur im 19. Jahrhundert zur Subskription aufgelegt. Das verlegerische sowie das eigene Risiko sollten dadurch minimiert werden. Das war umso wichtiger, wenn ein bis dahin völlig neues Publikationsorgan aufgelegt werden sollte. So hatte auch Sachau für die von ihm herausgegebene neue Zeitschrift Werbung in Form von Einzelblättern gemacht, die wir nach heutigem Sprachgebrauch als Flugblätter oder Handzettel bezeichnen würden.

Bis dahin hatte sich um die Geschichte Lauenburgs als erster Kobbe verdient gemacht. In seinem dreibändigen Werk schien er alles bis dahin Wichtige publiziert zu haben. 2) Auch die Staatsgeschichte von Duve hatte noch einmal Wesentliches zusammengefasst. 3) Nun kam ein Nichtlauenburger in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Idee, eine Zeitschrift herauszugeben, die sich mit einzelnen Aspekten der lauenburgischen Geschichte beschäftigen wollte. Das war eine völlig neue Idee, denn Publikationen, die in serieller Folge erscheinen sollten gab es im Lauenburgischen bis dahin nicht. Bei den Literarischen Blättern, die kurz nach 1800 erschienen waren, handelte es sich um für die zu damalige Zeit allgemein übliche Publikationsorgane, die sich im Wesentlichen um Literatur bemühten und dabei in

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1) Otto Rackmann, Hundert Jahre Geschichtsverein Herzogtum Lauenburg, in: 100 Jahre Geschichtsverein, Schriftenreihe des Heimatbundes und Geschichtsvereins Herzogtum Lauenburg, Bd. 20, Schwarzenbek 1983, S. 13-39.
2) Peter von Kobbe, Geschichte und Landesbeschreibung des Herzogthums Lauenburg, 3 Bde., Altona 1821-1837.
3) A. E. E. L. von Duve, Mittheilungen zur näheren Kunde des wichtigsten der Staatsgeschichte und Zustände der Bewohner des Herzogthums Lauenburg von der Vorzeit bis zum Schlusse des Jahres 1851, Ratzeburg 1857.

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erster Linie Belletristisches an die Leserschaft herantrugen. Zwar wurde auch dann und wann einmal eine historische Frage angesprochen, doch das war nicht erstes Ziel dieser Publikationen. Im Abstand von 150 Jahren ergibt sich folglich eine ganze Reihe von Fragen, die diese Untersuchung leiten sollen: Wer war der Begründer des „Sachauschen Archivs"? Was sollte publiziert werden? Was wurde publiziert? Was wissen wir über die Leserschaft? Welchen Bestand hatte diese Zeitschrift?

Der Begründer der neuen Zeitschrift

Carl Theodor Johannes Sachau wurde am 12. Dezember 1823 in Glückstadt/ Schleswig-Holstein geboren. Seine Familie lässt sich in der Gegend bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. 4) Mit 25 Jahren kam er nach Lauenburg und wurde dort zum Landkriegskommissar bestellt. Er stand in dänischen Diensten und hatte eine Art technische Aufsicht über die Justizsachen, was die Armee anging, und war somit königlicher Beamter. 1852 heiratete er die aus Kiel stammende Marie Anna Helene Schmidt, Tochter des Bürgers und Kaufmanns Christian Jürgen Schmidt. 5) Das Ehepaar Sachau hatte im Laufe der Zeit sieben Kinder, von denen zwei im Säuglingsalter verstarben. 6)

Nach dem Ende der bürgerlichen Revolution von 1848 wurde Sachau Bataillons-Auditeur, also wiederum technischer Helfer in Kriegsgerichtssachen, und übernahm nach dem Ableben des Justizrates Sponagels im Jahre 1856 an dessen Stelle das „Justitiariat der Adeligen Güter Niendorf/St., Niendorf/Schaalsee, Kulpin, Rondeshagen, Bliestorf, Grinau, Kastorf und Tüschenbek". 7) Das bedeutet, dass er jurisdiktioneller Helfer in diesen Gebieten wurde. Zehn Jahre später erhielt Sachau dann eine etwas anspruchsvollere Stellung, als er Stadthauptmann von Ratzeburg wurde. 8) Noch während seiner Zeit als Landkriegskommissar musste ihm der Gedanke gekommen sein, für dieses Herzogtum eine Zeitschrift herauszugeben, die sich mit dessen Geschichte befasst. Das ist die Zeit, in der Duve an seiner „Staatsgeschichte" arbeitet und Linsen die Herausgabe eines Statistischen Handbuches plant. Das zeigt, dass es Personen gab, denen es ein Anliegen war, das Wissen über das

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4) www.genealogy-sh.de
5) Kirchenbuch St. Petri von 1852.
6) Christiand Wulf Wilhelm *31. 10. 1853, Carl Friedrich Siegfried Johannes *12. 10. 1854, Marie Mathilde Johanna *2. 11. 1856 / +3. 9. 1857, Anna Sophie Auguste *18. 11. 1858, Hans Georg Ludwig Hermann *8.9. 1861, Friedrich Wilhelm Franz Emi * 14.8. 1864 u. Carl Lorenz Theodor Johann *+14. 8. 1865. Für diese Auskünfte bin ich dem Ratzeburger Stadtarchivar, Herrn Christian Lopau, zu Dank verpflichtet.
7) Offizielles Wochenblatt vom 27. 8., 8. 10. u. 25. 10. 1856.
8) Die Lauenburgische Zeitung meldete am 9.s 6. 1866, dass Sachau an Stelle des Herrn Adlers königlicher Stadtkommissar wurde (vgl. auch StARZ, Nr. 1604). Gem. Königlicher Ordre vom 11. 8. 1866 wurde die Bezeichnung der Stelle des „Stadtkommissars" in „Stadthauptmann" geändert.

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Land zu verbreiten. Das lag durchaus im Trend der Zeit, denn auch überregional versuchen sich historische Zeitschriften zu etablieren.

Inhalte des „Vaterländischen Archivs"

Im Vorwort zum ersten Band des „Vaterländischen Archivs für das Herzogthum Lauenburg" (VAL), der 1857 erschien, gibt Sachau eine kurze, sehr allgemeine Analyse des gegenwärtigen Zustandes im Herzogtum. Ausgehend von einem Fortschrittsglauben, der als aufgeklärter Konservatismus bezeichnet werden kann, warf er der Verwaltung vor, „dass sie in manchen Punkten zu starr an dem einmal Vorhandenen gehalten hat" 9) und damit eine Weiterentwicklung verhindert habe. So kommt Sachau zu der Schlussfolgerung, dass in Lauenburg ein „vieljähriger Stillstand" zu beobachten sei. Ganz ähnlich sprach Bismarck knapp zehn Jahre später von dem Miniaturbild des Mittelalters, dem Lauenburg noch zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert entspräche. 10) Aber gleichzeitig wollte Sachau mit den Beiträgen in der neuen Zeitschrift auch nichts berühren und anregen, „was mit dem tiefinnersten Wesen Lauenburgischer Eigenthümlichkeit in Widerspruch stehe." 11) Angesichts dieser Beschreibung darf man gespannt sein, was hier veröffentlicht wurde.

Ein Blick auf die Inhaltsverzeichnisse der erschienenen Bände offenbart dann jedoch keine Überraschungen. Es handelt sich im Wesentlichen um Aufsätze zur Geschichte des Herzogtums vom Mittelalter bis fast in die damalige Gegenwart. Auch zeitgenössische Bestandsaufnahmen wurden veröffentlicht, die heute noch als Anregungen für weitere Forschungen gelten können, so etwa der Beitrag des Gutspächters Bödeker über die landwirtschaftlichen Vereine. 12) Auch die Geschichte des Gutes Thurow ist hier in ersten Ansätzen vorgestellt, 13) bis heute aber nicht weiter geführt worden. Im dritten Band beschäftigt sich der damalige Direktor der Lauenburgischen Gelehrtenschule C. L. F. Zander, der mit der Stiftung seiner privaten Bibliothek einen wesentlichen Grundstein der umfangreichen Bibliothek der Schule gelegt hat, mit der Franzosenzeit in Lauenburg, die nach ihm noch mehrfach aufgegriffen wurde. Mit diesem Beitrag wurde die Moderne erreicht, und in der Tat erschien der Band im Jahre 1863, das heißt genau 50 Jahre nach der Vielvölker-
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9) Vaterländisches Archiv für das Herzogthum Lauenburg [VAL], Bd. 1, Ratzeburg 1857, S. 8.
10) Eckart Opitz, Das Herzogtum Lauenburg im Königreich Preußen: 1865-1918, in: Herzogtum Lauenburg. Das Land und seine Geschichte. Ein Handbuch; hrsg. von E. Opitz, Neumünster 2003, S. 338.
11) VAL, Bd. 1 (1857), S. 11. Von einer „kritischen Zeitschrift" zu sprechen, so wie es Rackmann, Hundert Jahre (wie Anm. 1), S. 13, tut, ist infolge dessen abwegig.
12) VAL, Bd. 1 (1857), S. 93-95.
13) E. P. Berckemeyer benutzte 1846 Akten des Mecklenburg-Schwerinschen Geheimen- und Haupt-Archivs, vgl. VAL, Bd. 2 (1859), S. 385 ff.

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schlacht bei Leipzig, ohne dass dieses Ereignis jedoch auch nur annäherungsweise so gefeiert wurde, wie 1913 im Zeichen des übersteigerten Nationalismus.

 




Abb 1: Vaterländisches Archiv für das Herzogthum Lauenburg, Bd. 2, Titelblatt.
 

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Viele Beiträge haben deutliche Schwerpunkte in der Rechtsgeschichte, so wie schon das Vorwort von Sachau selbst stark von juristischer Terminologie und Zielsetzung geprägt ist. Die ersten drei Beiträge befassen sich ausschließlich mit juristischen Fragen, so dass sich einerseits die Frage nach der Autorenschaft und andererseits nach der Leserschaft ergeben. Von Warnstedt schreibt über die Rechte der Bauern, von Duve über das Jagdrecht, Meyer über Aktenverschickung bei der Gerichten, Rohrdantz über die Consistorialgerichtsbarkeit. Auch im zweiten Band finden sich wieder zahlreiche Aufsätze zu Rechtsfragen: So wiederum von Warnstedt über einen Rechtsfall aus dem 16. Jahrhundert, von Duve gibt einen Extrakt aus Prozessakten, Adler über Meyerrechts-Verhältnisse und Brinkmann über einen Kammergerichtsprozess.

Im Schlusswort des ersten Bandes rief Sachau zur Mitarbeit an der Zeitschrift auf: „Mögen die mit den Landesverhältnissen vertrauten Männer, deren Zahl keine geringe ist, dem Archiv ihre thatkräftige Unterstützung nicht fehlen lassen, damit dasselbe, durch gemeinsame Thätigkeit gehoben, auch diejenige Gemeinnützlichkeit erreiche, welche die Thätigkeit Weniger ihm zu verleihen nicht vermag, und welche doch als wesentlicher Zweck dies Unternehmen ins Leben gerufen hat." 14)


Tab. 1: Verzeichnis der Autoren (alphabetisch).
 

Name Beruf Titel Wohnort
Adler, F. A. Amtsadvokat   Ratzeburg
Arndt, K. F. L. Pastor   Schlagsdorf
Berckemeyer, E. P. Gutsbesitzer Landrat Gr. Thurow
Bobertag, H. P. M. Rektor der
Gelehrten-
schule
  Ratzeburg
Bödeker, G. A. Gutspächter   Neugüster
Brinkmann, Rud. Oberappe-
lationsrat
Dr. jur. Kiel
Deecke, Professor am
Catharineum
Dr. Lübeck
Duve, von Advokat Dr. jur. Ratzeburg
Laage Stadtsekretär
u. Advokat
  Lauenburg
Langrehr, von A. Capitain a. D. Kammer-
junker
Ratzeburg
Lappenberg, Archivar Dr. Hamburg
Meyer, C. Advokat   Lauenburg
Morath, A. Pastor   Mölln
Rohrdantz, L. Pastor   Lütau
Schädtler, von Capitain   Ratzeburg
Vieth, A. Pastor   Kuddewörde
Warnstedt von,
C. L.
Amtmann Kammer-
herr R,
v. D.
Steinhorst
Zander, C. L. F. Prof. u.
Direktor
Prof. Ratzeburg

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14) VAL Bd. 1 (1857), S. 454.

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Wer waren die Autoren?

Neben Sachau selbst, der als Herausgeber und Beiträger von Miszellen fungierte, lassen sich in den ersten drei Bänden insgesamt 18 Autoren feststellen.

Von diesen Männern - Frauen erscheinen wohlgemerkt nicht unter den Beiträgern - kamen 15 aus Lauenburg. Ein Drittel aller Autoren stammte aus Ratzeburg, das als Sitz aller höheren Beamtenstellen ein gewisses Zentrum für diese Zeitschrift darstellte. Jeweils drei Verfasser kamen aus den beiden übrigen Städten Lauenburg (2) und Mölln (1), von den Gütern und den gutsfreien Dörfern. Darüber hinaus hatte das VAL auch drei auswärtige Beiträger zu verzeichnen, darunter den renommierten Hamburger Archivar Lappenberg, einen Professor aus dem etablierten Lübecker Gymnasium und einen Oberappellationsrat aus Kiel.

Eine Analyse der Berufe der Schreiber in dem VAL weist nach der Untersuchung der Art der Beiträge konsequenterweise auf eine Mehrheit der Juristen, dicht gefolgt von Pastoren. 15) Mit dem Archivar Lappenberg findet sich nur ein „gelernter" Historiker findet sich unter den Autoren.

Insgesamt ist diese Zusammensetzung nicht verwunderlich: Der Jurist Sachau wohnte in Ratzeburg, traf sich möglicherweise an einer Art Stammtisch mit Berufskollegen und anderen Honoratioren, entwickelte seine Vorstellungen für eine Zeitschrift und warb gleichzeitig um Mitarbeit und Beiträge. 16) Die Kontakte nach außerhalb hielten sich insgesamt deutlich in Grenzen, was jedoch für eine erst noch aufzubauende Autorengruppe am Beginn einer solchen Zeitschrift nichts Besonderes darstellt. Das „Sachausche Archiv", wie es im allgemeinen Sprachgebrauch genannt wird, um es von dem späteren VAL des Möllner Geschichtsverein zu unterscheiden, kam über die ersten drei Bände, die in jeweils drei Heften publiziert wurden, nicht hinaus. Das dritte und letzte Heft des dritten Bandes erschien im Jahre 1863. Ein Band sollte im Oktavformat etwa 80 Bogen, das sind 240 Seiten, umfassen und 2 1/2 Reichstaler kosten. Der Ratzeburger Buchhändler Helmuth Linsen 17) verlegte das VAL.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es Preis, Kosten und geringe Abonnentenzahl waren, die diese Zeitschrift nur über einen so kurzen Zeitraum bestehen ließen.

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15) Damit stellt sich die Autorenschaft im 19. Jahrhundert ganz anders dar als im 20. Jahrhundert, in dem eine bedeutende Anzahl aus dem Berufsfeld der Volksschullehrer kam. Vgl. dazu auch die Untersuchung von Jörn Christiansen:. „Die Heimat". Analyse einer regionalen Zeitschrift und ihres Umfeldes, Neumünster 1980, S. 44-48.
16) In gleicher Weise ist im Übrigen die Lauenburgische Heimat in den 50er bis Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts vorbereitet worden.
17) Zu Linsen vgl. Hansjörg Zimmermann, Geschichtsschreibung und Regierung. Zur Entstehungsgeschichte von drei Standardwerken zur lauenburgischen Geschichte, in: ZSHG 129 (2004), S. 115-139, hier S. 130-134.

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Die Leserschaft des „Vaterländischen Archivs"

Die Überschrift dieses Kapitels kündigt etwas mehr an als hier wirklich ausgesagt werden kann. Es wird nur ein Teil der Leser, hier die Subskribenten, untersucht werden. Wie viele Leser das VAL wirklich hatte, lässt sich nicht belegen. Ebenso wenig ist etwas über Auflage und freien Verkauf zu ermitteln. Aber es ist davon auszugehen, dass die Auflage eher gering anzusetzen ist und dass im freien Verkauf nicht sehr viele Exemplare abgesetzt werden konnten. So versuchte Sachau, wie es bei größeren Unternehmungen bis dato üblich ist, Subskribenten zu werben, das heißt vor dem Erscheinen verpflichteten sich Einzelpersonen oder Institutionen dazu, die Publikationen abzunehmen. Damit war ein gewisser kalkulatorischer Rahmen abgesteckt.

Im ersten Heft des ersten Bandes von 1857 ist das Subskribentenverzeichnis über mehrere Seiten abgedruckt. Die Fortsetzung sollte im zweiten Heft veröffentlicht werden, doch weder in jenem noch in einem der weiteren Hefte ist dieses Verzeichnis publiziert worden.

Folgende Gliederung der Subskribenten lässt sich analysieren:

Tab. 2: Struktur der Subskribenten.
 

Berufe oder Institutionen Anzahl
Beamte 66
Institutionen 21
Gutsbesitzer bzw. -pächter 9
Rechtsanwälte 9
Schulen 1
Kaufleute 1
Mediziner 1
Sonstige 6


Hinzu kamen noch der dänische Erbprinz und der Herzog von Schleswig-Holstein-Glücksburg.

Eine Tiefengliederung ergibt folgendes Bild: Von den 66 Institutionen waren 54 nicht in Lauenburg ansässig. Zwanzig waren allein in Kopenhagen zu Hause, davon waren sechs Ministerien. 18) Das war sicherlich nicht nur reines Interesse an Publikationen aus Lauenburg, sondern gehörte auch zum Überwachungssystem dessen, was publiziert wurde. Wenn die Veröffentlichungen vor Ort waren, konnten die entsprechenden Stellen auch direkter und konkreter eingreifen. Es darf nicht vergessen werden, dass das VAL in einer Zeit entstand, in der die Gedanken um die gerade erst zehn Jahre zurückliegenden Ereignisse der Märzrevolution, um Forderungen nach einer Verfassung und um mehr

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18) Folgende Ministerien wollten das VAL abonnieren: Das Finanz-, Justiz-, Innen- u.
Kriegs-Ministerium sowie das Ministerium für Schleswig und das für Holstein und Lauenburg.

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Freiheitsrechte kreisten. Entsprechende Gedanken wurden von den Regierenden jeweils aufmerksam verfolgt, und nicht umsonst hat diese Zeit den Namen „Reaktionszeit" erhalten.

Es bleibt noch anzumerken, dass von den 66 Beamten allein 13 Pastoren waren. Sie fühlten sich dem Land und seinen Bewohnern eng verbunden und waren offensichtlich auch an seiner Geschichte interessiert. Ein Abgleich der Subskribentenliste mit den Mitgliedern der Ritter- und Landschaft, also dem Vorläufer des Kreistages, zeigt, dass die meisten sich hier zurückhielten. Von den sieben Abgeordneten aus dem Stande der Gutsbesitzer wollten nur drei diese Zeitschrift abonnieren. 19) Aus den drei lauenburgischen Städten hatte nur der Möllner Stadthauptmann Dahm gezeichnet. Am „besten" war die Relation in den Landgemeinden. Von den vier Abgeordneten hatten immerhin zwei sich in die Subskribentenliste aufnehmen lassen. 20)

Die negative Korrelation zwischen Subskribierenden und Mitgliedern im lauenburgischen Landtag spiegelt sich auch in einer anderen Beziehung.

Sachau hatte das VAL zur Subskription gestellt, um eine Kalkulation für diese Zeitschrift erstellen zu können. Im ersten Heft wurden 116 Abnehmer veröffentlicht, die die Zeitschrift bezahlten. Der Band mit insgesamt rund 240 Seiten sollte 2 1/2 Taler kosten. Damit hatte er 290 Taler an Einnahmen. Druck- und Verlagskosten, auch die Auflagenhöhe sind nicht zu ermitteln. Genauso wenig ist bekannt, ob es tatsächlich noch weitere Subskribenten gegeben hat. Anzunehmen ist eher, dass sich die Anzahl nicht vergrößert hat, denn sonst wären sie allein schon aus Werbegründen im zweiten Heft des ersten Bandes veröffentlicht worden.

Dass dies so war, spricht auch aus dem am 7. April 1859, also gleich nach Erscheinen des ersten Heftes, an die Ritter- und Landschaft gestellten Antrag, in dem der Buchhändler und Verleger Helmuth Linsen um finanzielle Unterstützung für das VAL bat. In der Sitzung vom 23./24. Juni 1859 wurde dieser Antrag im Landtag verhandelt. Unter Tagesordnungspunkt Nr. 12 heißt es im Protokoll: „Das unter dem 7. April 1859 eingereichte Gesuch des Buchhändlers H. Linsen in Ratzeburg wegen Beförderung und Unterstützung des 'vaterländischen Archivs für das Herzogthum Lauenburg'. - Das Gesuch ist mit acht gegen sieben Stimmen abgelehnt." 21) Dieses Stimmenverhältnis passt genau mit den Subskribenten des VAL aus dem lauenburgischen Parlament überein. Neun Abgeordnete hatten nicht subskribiert, von denen einer aber als Autor tätig war und damit für die Unterstützung gestimmt haben wird. Eben diese acht lehnten den Antrag ab. Das Ergebnis war knapp und es ist wohl davon auszugehen, dass ein regelmäßiger Druckkostenzuschuss

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19) Dies waren: von Kielmannsegge-Gülzow, von Schrader-Rondeshagen, Dr. von Hollen-Tüschenbek. Der Landrat Berckemeyer aus Gr. Thurow war immerhin als Autor dabei und wird dann wohl auch die Zeitschrift erworben haben.
20) Dabei muss von Gundlach zu Fürstenhof eigentlich zu den Gutsbesitzern gerechnet werden, denn er besaß das Freigut Fürstenhof, das in der Gemeinde Gr. Grönau lag. Somit bleibt nur der Hufner Groth aus den Landgemeinden übrig.
21) Protokoll der Landtagssitzungen der lauenburgischen Ritter- und Landschaft vom 23./24.6. 1859, S. 7.

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diese Zeitschrift auch hätte weiter bestehen lassen. So musste sie mit dem dritten Band auch aufgrund einer kurzsichtigen Entscheidung der Kommunalpolitiker 1863 ihr Erscheinen einstellen. Dieses Ende kam offenbar auch für Sachau selbst überraschend, denn es ist kein Epilog im letzten Heft des dritten Bandes erschienen.

Die Preisgestaltung und das Ende der Zeitschrift

Der Band der Zeitschrift mit rund 240 Seiten kostete 2 1/2 Reichstaler, wie der Umschlagseite zu entnehmen ist. Setzen wir diesen Preis in Beziehung zu anderen Kosten und Einkommen, so ergibt sich daraus folgendes Bild. Sachau verdiente gemäß Budget 225 Reichstaler jährlich, 22) das heißt er musste selbst 1 % seines Jahresgehaltes für den Kauf eines Bandes aufbringen. Vergleicht man sein Gehalt als königlicher Beamter mit den Gehältern anderer Personen in etwa gleichen Verhältnissen, so ergibt sich, dass selbst der Lehrer an der Armenschule mit 260 Talern deutlich mehr erhielt. Der Elementarlehrer, also ein Grundschullehrer, erhielt sogar 355 Taler, und der Töchterlehrer Mirow bekam sogar 540 Reichstaler plus freie Wohnung und Vergütung für Feuerung. 23) Die Kosten des täglichen Lebens lassen sich zum Beispiel für bezahltes Mittagessen für ein Jahr mit rund sechs Reichstalern beziffern. Für „unversorgte und uneheliche Kinder" zahlte die Stadt Ratzeburg pro Jahr bis zu 16 Taler pro Kind. Richtig teuer wurde es, wenn man als Sohn eines Ratzeburgers selbst Bürger der Stadt werden wollte. Dafür waren immerhin fünf Reichstaler aufzubringen. 24) Bezogen auf den Preis für das Vaterländische Archiv bedeutet das: Es war recht teuer, wollte sich jemand den Luxus eines solchen Buches erlauben. Bücher und Lesen waren auch noch zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas für eine relativ kleine, privilegierte Schicht. Diese Gruppe von Personen war offensichtlich zu klein, als dass sich daraus eine Geschichtszeitschrift finanzieren konnte.

So musste nach nur drei Ausgaben das Vaterländische Archiv sein Erscheinen aus finanziellen Gründen wieder einstellen. An den Inhalten kann es nicht gelegen haben, denn auch in dem 20 Jahre später neu gegründeten Vaterländischen Archiv erschienen thematisch vergleichbare Beiträge. Auch ein Mangel an Autoren dürfte als Grund für die Einstellung ausscheiden.

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22) Budget über die Einnahmen und Ausgaben des Herzogthums Lauenburg für das Jahr vom 1. April 1857 bis ult. 1858, Ratzeburg 1857, S. 37.
23) Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 1863, in dem das Gehalt Sachaus gleich geblieben ist.
24) Für die Angaben zu den einzelnen Positionen bin ich dem Möllner und Ratzeburger Stadtarchivar, Herrn Christian Lopau, zu Dank verpflichtet.

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Fazit

Ein Nichtlauenburger machte sich 1858 an ein Unterfangen, für dieses kleine, selbständige Herzogtum Lauenburg eine Geschichtszeitschrift herauszugeben. Aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit war er mit den regionalen Verhältnissen einigermaßen vertraut, jedenfalls so sehr, dass er es als lohnenswert ansah, die Historie dieses Landes in einer eigens dazu herauszugebenden Zeitschrift zu veröffentlichen. Er fand dafür auch Autoren, die sich mit unterschiedlichen Zeitabschnitten beschäftigten. Diese Beiträge sind in aller Regel fundiert, auch wenn sie in der Form nicht heute üblichen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Ganz offenbar haben finanzielle Schwierigkeiten den Herausgeber dazu gezwungen, das Erscheinen der Zeitschrift einzustellen. Nicht immer waren die Subskribenten auch verlässliche Zahler. Das VAL wäre damit sogar noch um zwei Jahre älter als die „große" Historische Zeitschrift, die, von Sybel begründet, im Jahre 1859 zum ersten Male erschien. Leider hat die regionale politische Elite mit ihrer Ablehnung einer insgesamt geringen finanziellen Unterstützung mit zu dem Ende beigetragen. Damit wurde eine Chance vertan, eine Tradition zu begründen, auf die man heute bei mancher Gelegenheit sicher gerne zurückblickte.



 






In: Brückenschläge aus der Vergangenheit
Festschrift für Peter Wulf zu seinem 70. Geburtstag

Herausgegeben von Detlev Kraack und Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt
Neumünster, Wachholtz Verlag, 2008.
(Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Band 44)

 
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Wir danken Herrn Dr. H. Zimmermann und
der Wachholtz Verlag GmbH, Neumünster
herzlich für die Wiedergabe-Erlaubnis!