Archivalien



Samuel Gottlieb Vogel (1784)


Briefe über Ratzeburg

(in der Orthographie der Zeit)


Schon oft haben Sie mich gebeten lieber Freund, Ihnen doch einmal etwas Ganzes und Ausführliches über die schöne Gegend und Lage von Ratzeburg mitzutheilen, wovon ich Ihnen immer so viel Rühmens gemacht habe. Ich will es jetzt versuchen, Ihre Wünsche zu erfüllen, da die Natur nach einem langen Winterschlafe wieder frölich erwacht ist, und herrlich geschmückt mit all ihren Reizen, von neuem Leben und Lust, Erquickung und Freude, und frohen Muth, über Berge und Thäler, über Fluren, Menschen und Vieh, und über alles, was auf der Erde lebt, verbreitet. Da jede ihrer Schönheiten im schönsten Glanze erscheint; da alle Gefühle der Seele von neuem belebt werden, und mit ihnen jede Kraft der Seele, nach langer Trägheit und Trauer.

Zwar zeichne und gebe ich Ihnen Alles, so wie ichs vor mir sehe, nur in unvollkommenen, aber doch treuen Copeien. Meisterhafte Gemälde dürfen Sie durchaus nicht von mir erwarten, denn ein Maler, wissen Sie, bin ich nicht.


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Der Ratzeburger Gegend und Lage wünschte ich würklich einen recht geschickten Maler, und mich wundert, daß sich noch keiner dazu gefunden hat, da alles so sehr dazu einladet. Im deutschen Museum haben wir im December vorigen Jahrs, ein kleines Bruchstück davon gehabt; es war aber zu kurz.

Ratzeburg verdiente überhaupt wohl aus vielen Gesichtspunkten genau betrachtet und beschrieben zu werden, nicht allein, weil es sich durch verschiedene bemerkenswerthe Vorzüge vor andern kleinen Städten, die man umständlich beschrieben hat, auszeichnet, sondern auch, weil es zu sehr viel nützlichen und interessanten politischen, ökonomischen, physikalischen und medicinischen Betrachtungen und Reflexionen brauchbaren Stoff darbietet.

In der That gehe ich mit dem Projekt um, nach mehreren Jahren ein solches Buch über Ratzeburg herauszugeben, wozu ich schon seit geraumer Zeit die Materialien sammle. Ein Arzt ist unstreitig am geschicktesten, ein


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solches Werk zu schreiben: einmal, weil viele Dinge geradezu in sein Fach gehören, und dann, weil er ganz vorzügliche Gelegenheit hat, die Welt und den Menschen zu studieren, und alles, was mit und in ihnen vorgehet.

Ob ich ein solches Werk werde liefern können, wird die Zeit lehren. Versuchen will ichs wenigstens. Vielleicht gebe ich Ihnen in einigen folgenden Briefen noch einige Fragmente zur Probe.

Ratzeburg ist ein niedliches, reinliches, heiteres, mit breiten geraden Straßen durchzogenes, und regelmässig gebauetes Städtchen, von etwa 200 Häusern, die, außer einigen ganz und halb maßiven Gebäuden, durchgehends von Holz, im Ganzen nicht sonderlich gebauet, und nicht über zwei Stockwerk hoch sind. Rund herum ist die Stadt mit einem breiten, tiefen, schifbaren, und fischreichen See umgeben, über welchen von der östlichen Seite eine hölzerne gegen 400 Schritte lange Brücke, und von der westlichen Seite ein langer auf beiden Seiten mit Weidenbäumen besetzter steinerner Damm, in die Stadt führen. Das Städtchen liegt also auf einer förmlichen Insel, die sich in einem ungefähr 40 Fuß hohen über die Fläche des sie umgebenden Sees hervorragenden Berge allmählig emporhebt, dessen höchster Gipfel der Markt ist, ein ansehnlicher viereckiger Platz der etwa 100 Schritte lang, und fast eben so breit ist, und dem nichts fehlt, als daß ihn bessere Häuser zierten.


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Die vor allen Häusern, welche den Markt einschließen, stehenden Lindenbäume, geben einen muntern und anmuthigen Anblick. Sie bilden zusammen gleichsam eine große offene Laube, aus welcher man allenthalben durch die Straßen die schönste Aussicht hat, die ich Ihnen gleich nachher beschreiben werde. Da auch vor den mehrsten übrigen Häusern der Stadt, so wie in mehreren andern kleinen Städten, Bäume gezogen sind, die zum Theil die ganze Face der Häuser bedecken, und, wenn sie nicht beschnippelt werden, wie es doch häufig geschieht, zuweilen über die Häuser hervorragen: so wandelt man zur Sommerszeit in den Straßen fast wie in lauter Alleen. Eine vorzüglich hübsche Würkung thun diese Bäume in der sogenannten Herrenstraße, wenn man von der westlichen Seite der Stadt zum Lüneburgerthore herein komt, und gerade in diese berganlaufende Straße hinaufsieht. Die dicken grünen Wände auf beiden Seiten, hinter welchen die besten Häuser der Stadt hervor scheinen, nehmen sich ungemein gut aus, und machten, als ich zum ersten Mal in Ratzeburg einging, einen sehr frölichen Eindruck auf mich. Fürtrefliche Prospecte giebt es, wenn man vom Markte ab durch die mehrsten Straßen, die mehr und weniger abhängig herunterlaufen, hindurch sieht. Nach der südlichen Seite stößt das Auge sanft auf einen Theil des herrlichen Waldes, der unmittelbar jenseit des Sees in dicken grünen Wolken


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schnell sich aufthürmt, indeß im gleichen Augenblick ein Theil des vor ihm ausgebreiteten ruhigen spiegelhellen Sees im schönsten Glanze das Auge rührt. Schauet man über die zum Lüneburgerthor führende Herrenstraße hinweg, so präsentirt sich hoch über der Stadt ein Theil des etwa eine halbe viertel Stunde vor der Stadt belegenen St. Jürgensberges, und der darauf liegenden Amts- und anderen Gebäude, mit dem schönen Gehölze, das in hohen geraden den Horizont berührenden einzelnen Stämmen, zwischen welchen bei untergehender Sonne das Abendroth prächtig hindurch schimmert, in gerader Linie rechts oberhalb sich wegzieht, und gleichsam eine hohe Gallerie bildet, welche die Aussicht begränzt. Auch sieht man einen Theil eines andern dickern Gehölzes links über dem Berge anheben, und alles Uebrige um und zwischen den Gebäuden, die so hübsch da überall am Berge ausgestreuet liegen, ist mit laubvollen Bäumen und Büschen ausgefüllt. So wie man seine Stellung mehr rechts oder links verändert, verändert sich dieser ausnehmend schöne Prospekt so und anders.

Oestlich, die Langenbrückerstraße herunter, übersieht man einen Theil der langen Brücke, wenn sie zumal an einem schönen Sommertage mit Menschen zu Pferd, zu Fuß, und zu Wagen besetzt ist, und in Verbindung mit dem See, des schönen emporsteigenden Holzes gleich jenseits der Brücke, und der einzelnen Gebäude unten


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am See, ein überaus muntres, und vergnügendes Schauspiel giebt.

Nordwärts vom Markte ragen zwischen den Gipfeln hoher Linden der große und kleinere Thurm der Domkirche hervor. In mehreren Straßen blickt das Auge über die tiefer liegenden Häuser der Stadt hinweg auf den See und die freundlichen schönen Holzungen, die diesen fast überall umgeben. Ueberhaupt geht man fast durch keine Gasse, wo das Auge nicht vorwärts oder seitwärts durch die Nebenstraßen schnell hingleitet über den See, und einen Theil des einnehmenden Gehölzes begierig übersieht, das bald steigend, bald fallend, und in mannigfaltigen Wendungen, die ganze Gegend umschlängelt. Oft, wenn ich bei meinen Krankenbesuchen mit beklemmter Brust und in Gedanken vertieft die Straßen durchwandere, und mich dann aufraffe, und um mich herblicke, so lacht die holde Natur mit unwiederstehlicher Milde und Freundlichkeit fast aus allen Winkeln, in die der Blick fällt, erquickende Freude in meine Seele, die ihre Denkkraft mächtig erhebt, und mit neuem Muthe erfrischt.

An der nördlichen Seite der kleinen Stadt also liegt der unmittelbar mit dieser verbundene und nur oben und unten durch zwei Thorwege abgesonderte Domhof, welcher für sich einen eigenen kleinen Staat ausmacht, und gleichsam die Hauptstadt des zu Mecklenburg-Strelitz gehörigen Fürstenthums Ratzeburg ist. Dieses war bekanntlich vormals ein Bißthum.


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Im Westphälischen Frieden 1648 wurde es zu einem weltlichen Fürstenthum
gemacht, und 1701 kam es durch den Hamburgischen Vergleich an die Strelitzische Linie. Anfänglich ward es den Herzogen von Mecklenburg Schwerin für die an die Krone Schweden abgetretene Stadt Wismar, und die Aemter Pöl und Neukloster abgegeben, wie anderwärts umständlicher zu lesen ist.

Auf dem Domhofe stehen einige 20 Gebäude, worin die Herrn der Strelitzischen Regierung des Fürstenthums Ratzeburg, der Domprediger, der Beamte, die Subalternen, und übrigen Herzogl. Bedienten, einige Handwerker und andere Leute, wohnen. Das mit der Kirche zusammenhängende Klostergebäude ist oben zu Zimmern für die Fürstl. Regierungscanzlei, das Consistorium, das Archiv, die Registratur, die Bibliothek, u. s. w. unten aber zu den Schulen, und zu Wohnungen für Schul- und Kirchenbediente, u. s. w. eingerichtet. Auch ist hier eine Buchdruckerei.

Großentheils vor und neben diesen Gebäuden eröffnet sich bald nach dem Eingange auf den Domhof ein großer mit Alleen von Lindenbäumen besetzter schöner grüner Platz, der Palmberg (vormals Mons Polaborum) genannt, der eine angenehme, und zum Theil ganz beschattete Promenade gewährt. Linker Hand von diesem Platze, hat man über Gärten hinweg, die an den See hinunterlaufen, eine nur etwas von den Bäumen unterbrochene Aus-


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sicht auf den See und seine behölzten Ufer. Auch sieht man hier eine mit einzelnen Bäumen besetzte kleine erhabene Insel nicht weit vom Ufer in dem See, der Schwalbenberg genannt, auf welcher die Dänen im Jahr 1693, als sie Ratzeburg belagerten und beschossen, einige Werke angelegt hatten. Rechterhand an der östlichen Seite des Palmbergs nimt sich ein ansehnliches regelmäßiges massives Gebäude, das sogenannte Herrenhaus, welches der Präses der Strelitzischen Regierung gewöhnlich bewohnt, ganz hübsch aus. In dem obern Stockwerke dieses Hauses geht ein langer hoher Saal von vorn nach hinten durch das ganze Haus, aus welchem man von beiden Seiten eine ausnehmend schöne Aussicht hat. An der nördlichen Seite des Palmbergs steht, höher als die übrigen Gebäude, die Domkirche, vor welcher sich ein viereckiger geräumiger Kirchhof ausbreitet, dessen Mauer einwärts auf allen Seiten mit hohen Linden besetzt ist, die beim Eingange auf den Kirchhof mit ihren majestätischen Gipfeln einen feierlichen Eindruck auf das Auge und die Phantasie machen, und zur dereinstigen Gesellschaft der unter ihren Schatten ruhenden Todten einladen.

Gleich jenseit der Kirchengebäude geht es steil hinunter an den See, wo eine Fähre über den See in das Strelitzische Gebiet führt. Auch hier stehn allenthalben hohe Bäume, die von dieser Seite die Kirchengebäude umfassen, und zur schönen Perspektive
 

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von außen sehr viel beitragen. Der Dom giebt überhaupt der Stadt unstreitig eine große äußere Zierde.

Von der südlichen Seite der Stadt, wo keine gewöhnliche Passage über das Wasser geht, hat man eine eigene sehenswerthe Aussicht auf den See und das sich nahe um diesen herumziehende dicke bergichte, mannigfaltig gewölbte und schattirte Gehölze, das hier ein schönes Amphitheater bildet, dessen Anblick durch eine Papiermühle die im Hintergrunde unten am Holze liegt, und hinter welcher sich durch eine Lücke des Holzes die Aussicht auf entfernte Gefilde und Holzung verliert, ganz ungemein verschönert, belebt, und gehoben wird.

Man hat diese Aussicht an mehreren Stellen. Eine der schönsten ist gleich, wenn man zum Lüneburgerthore heraus trit. Ganz zur Linken sehen Sie den ganzen Umfang des beschriebenen Amphitheaters. Vorwärts haben Sie über die Allee hinweg, die den Steindamm bedeckt, den Steindamm, die große Anhöhe vor Ratzeburg, mit dem Holze, das ihn oben umkränzt, und unter ihm eine Reihe einzelner Gebäude, zwischen welchen die Lüneburger Heerstraße wegläuft. Besser hinauf linkwärts fallen Ihnen einige neue Häuser am Eingang des Holzes in die Augen, deren neue rothe Dächer gar nett zwischen den Bäumen hervorschimmern. Gerade aus rechts am Sekenkampe haben Sie den fürtrefflichen Prospect auf das ganze Amt,


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die Bergkirche, und übrigen Gebäude, die auf St. Jürgensberge ausgestreuet umher liegen. Rechts nach Norden hin haben Sie einen weit aussehenden Blick auf den See hinab, der von seinen grünen Ufern begleitet in weiter Ferne endlich Ihren Augen entwischt, und hinter dessen letzten Ufern etwas links Sie bei hellem Wetter einige Thürme von Lübeck können hervorragen sehen. Gehen Sie etwas weiter vorwärts auf den Steindamm hin, so erblicken Sie ganz rechts an dem disseitigen Ufer des Sees, dem Dome schräg gegen über, eine kleine Strelitzische Meierei, die Römnitz genannt, die in der Lage ihrer Gebäude an dem Ufer herunter bis nahe an den See, in welchen die letzten kleinen Häuser derselben ihre Schatten werfen, und überall umgeben und beseelt vom heiteren Grün, einen ausnehmend schönen Anblick gibt. Auch verbreitet überall das lebhafte und verschiedenste Grün von Bäumen und Büschen das munterste Colorit auf das ganze Gemälde, das nun durch den See noch alles Uebrige erhält, was sich zu seiner Verschönerung nur wünschen läßt. Ueberhaupt thut der See zum Ganzen eine fürtrefliche Würkung, der allermeistens in sanften Wallungen ruhig dahin schwebt. Heften Sie ihre Augen einige Zeit auf diesen See, so werden Sie der mittheilenden Würkung seiner Ruhe auf ihre Seele nicht widerstehen können, und werden ihn lieb gewinnen, diesen See, der außer, das er ihre Augen ergötzt, auch


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Ruhe und Frieden für Ihre gefühlvolle Seele athmet.

An der nordwestlichen Seite der Stadt, liegt zwischen den Häusern ein in verschiedenen Absätzen zum See herunter gehender hübscher grüner Platz, der mit hohen schattenreichen Bäumen besetzt ist, unter deren wohlthätigem Schatten bei der schönen Aussicht auf den See, und die Gegenden des jenseitigen Ufers, ein sehr angenehmer aber jetzt wenig mehr benutzter Aufenthalt ist. Er wird Belvedere genannt.

Aber jetzt will ich Sie auf die Anhöhen und Berge vor der Stadt hinaus führen, und da werden Sie erst über die vielfältigen Schönheiten, die die Natur über diese ganze romantische Gegend in den mannigfaltigen Abwechselungen ausgestreut hat, entzückt werden. Alles scheint ganz dazu gemacht und geordnet, das ergötzte Auge zu ermüden, und alle Reize der schönen Natur in eine Scene zu vereinigen, die unter denselben Umständen gewiß wenig ihres Gleichen hat. Man übersieht schnell alles, und dennoch erzeugt eine jede Verweilung bei jedem kleinen Abschnitte des Ganzen ein neues Vergnügen. So stark und lebhaft der Eindruck ist, wenn man zum ersten mal seine Augen für diesen malerischen Schauplatz öffnet, der gerade nicht größer ist, als ein gesundes unbewaffenes Auge umfassen und übersehen kann, so neu und groß bleibt doch das Vergnügen bei


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jedem wiederholten Anblick. Aber nur ihre sanftesten, lieblichsten, einladensten, freundlichen Reize, hat die vor Ihren ausgebreitet. Unabsehliche Klüfte, zurückscheuchende Schlünde und Abgründe, ungeheure Felsmassen, deren Häupter sich in den Wolken verlieren, kolossalische Gebürge, und donnernde Wasserstürze, diese schauderlichsten und fürchterlichsten Schönheiten der Natur finden Sie hier nicht. Alles ist sanft, ruhig, still, anmuthig, anlockend, und ländlich.

Auf der östlichen Seite der Stadt, gleich jenseits der langen Brücke, erhebt sich etwas linkwärts eine beträchtliche Anhöhe, auf welcher von einem großen Verehrer der Natur und ihrer Schönheiten mit vieler Mühe ein Garten angelegt ist, dessen breiter, sich in Terrassen erhebender Gipfel, eine Aussicht auf die Stadt und ihre ganze Gegend gewährt, die in einem nicht sehr großen Bezirke, von etwa einer kleinen halben Meile im Durchschnitt, alles zusammen häuft, was nur zu einer malerisch schönen Aussicht gedacht werden kann.

In der Mitte spiegelhellen Sees sehen Sie die Stadt nach ihre ganzen Länge mit aller liebsten Anmut prangen, in die auch auf einer Straße bis in den Markt hineingehen, und mit sehr gutem Gesicht auch alle da wandernden Menschen persönlich erkennen können. Rechter Hand an dem nördlichen


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Ende der Stadt fällt Ihnen hauptsächlich der Dom in die Augen, dessen Kirche aus den Wipfeln der sie von allen Seiten umfassenden herrlich grünen Linden ehrwürdig ihr Haupt empor hebt, und mit stolzer Würde über die ganze Stadt hinweg sieht. Gleich voran paradiert mit vieler Eleganz die hintere Außenseite des Strelitzischen Herrenhauses mit seinen in Terrassen an den See herunterlaufenden nur wenig kultivierten Garten. Ein dickes Grün hoher und niedriger Bäume schließt auch hier alle übrigen Gebäude in seinen wallenden Busen.





Gleich am Ende des Kirchengebäudes, geht ein mit vielem Gebüsch bewachsenes grünes Ufer steil herunter in den See; der dies alles, so wie die ganze Stadt, umgiebt. Zwischen den rothen Dächern der ganzen Stadt, die sich vom Dome ab, beinahe in gerader Linie von Norden nach Süden hinzieht, in der Mitte wo der markt ist, sich etwas erhebt, und dann allmählig wieder senkt, blicken ebenfalls überall die Gipfel grüner Linden und andere Bäume hervor, welches ein sehr hübsches und fröhliches Ansehen macht. Aber Sie übersehen nicht allein die ganze Stadt von der östlichen Seite, Sie sehen auch größtenteils über sie hinweg, auf einen Teil der Holzungen, die in einer beträchtllichen Höhe jenseits der Stadt den See begrenzen und parallel mit dieser nach Norden fortlaufen. Beinahe gerade vor Ihnen jenseits der Stadt stellt sich Ihren Augen der St. Jürgensberg


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dar, mit dem darauf liegenden Amtshause, der Bergkirche, dem Pfarrhause, und mehreren andern Gebäuden; doch haben sie diese Aussicht noch besser unten vom Lüneburger Thore ab, und ebenso schön ist aus vielen Häusern und Standpunkten auf der westlichen Seite der Stadt, weil sie den ganzen Berg ganz frei übersehen können, den Ihnen dort die Stadt größtenteils verbirgt. Linkerseits und über dem Amte breitet sich der Sekenkamp aus., ein großes offenes Feld, das Sie ebenfalls schon von unten her sahen. Mit dem hochgewölbten dicken Holze, woran es sich im Hintergrunde anschließt. Nach einem Zwischenraume, den dies Feld zwischen diesem Holze hier macht, und über welches Ihre Aussicht nicht weiter hinausreicht, hebt dann südwärts abermals ein dickes Gehölze an, an dessen Eingang Sie die neuen Häuser wieder erblicken, die Sie schon einmal von einem andern Standpunkt sahen, deren hochrothe Dächer mit dem schönen Grün, das sie meistens verbirgt, gar hübsch abstechen. Die waldichten Berge ziehen sich dann links in mancherlei Krümmungen und Bogen ganz um den See zu Ihnen herum.

Rechts dem St. Jürgenberge wird Ihre Aussicht auch überall von Holz begränzt, die den hin ständig begleitet. Gleich oberhalb dem Amte sehen Sie erst wieder die lange Reihe der einzelnen an den Horizont stoßenden hochstämmigen Bäume, die Sie schon zum Teil vom


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Markte ab sahen, un die in der Höhe und geradlinichten alleeförmigen Stellung einen fürtreflichen Sehepunkt geben.

Zunächst nach Norden hin folgt ein dickeres Gehölze, was den Rücken des ganzen Ufers des Sees bedeckt, so weit Ihre Augen es verfolgen können. Die lange Brücke, die unter Ihren Füßen über den See in stumpfen Zickzacken nach der Stadt hinläuft, erhebt dies Schauspiel außerordentlich. Spiegelt sich nun zumal die Sonne, oder der Mond, in dem hellen Spiegel des unbeweglichen Sees, schwimmen Böte und Schiffe mit vollen Segeln auf demselben, weidet an dem Fuße der Holzungen allerhand Vieh, und sind da Menschen mit Heumachen und anderen Dingen beschäftiget: so kann man sich würklich keinen freudigern und schönern Anblick denken. Ganz rechts sehn Sie noch unten am Wasser einige Gebäude, die ungemein niedlich da liegen. Ich sage Ihnen nichts von den balsamischen Herz und Seele stärkenden Düften, die bei recht trockenem Wetter aus der Tiefe des Gartens, und dem rechts unmittelbar an den Garten stoßenden Holze auf Sie zuströmen, und nichts von den Zaubertönen der geselligen Philomele, die hier aus allen Büschen und Bäumen in herzlichen Melodien der Sehnsucht,


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der Freude, und der Liebe, aus hellklingender Kehle, Ihre Ohren entzücket.

Unten in dem quellreichen Thale des Gartens sind nach dem englischen Geschmack artige kleine Promenaden und Gänge gemacht, die von hölzern und niedern Bäumen und Büschen beschattet, und von kleinen rieselnden, das lauterste Quellwasser führenden Bächen, zum Theil begleitet, zum Theil durchschnitten werden. Dichte an dem Garten südwärts steigt ein kleiner mit Gebüsch und Bäumen bewachsener Berg steil in die Höhe, der Abrahamsruh genennt wird, und von dem man fast eben die Aussicht hat, wie von dem Gipfel des Gartens. Abrahamsruh heißt diese Anhöhe von einem vormaligen Invaliden Capitainleutenant, Abrahamsen, der sich auf diesem Berge kleine Wege durch das dicke Gebüsche machte, und mitten auf dem Gipfel Terrassen zu Tisch und Sitzen anlegte, um sich öfters unter dem Schatten der Bäume hier aufzuhalten. Nach seinem Tode sind diese Anstalten allmählig wieder verfallen, und die Wege wieder verwachsen. Indessen führt noch eine Spur hinauf, die allerdings verdient, wegen der schönen Aussicht einmal bestiegen zu werden.
 


(Der Schluß folgt künftig).

 



(Schluß)
 

Gleich unter diesem Berge nach der Stadt zu, wo ein Fußsteig vorbeiläuft, steht eine Bank, die durch ein Unglück, das sich vor einigen Jahren hier zutrug, merkwürdig geworden ist. auf dieser Bank nemlich, erschoß sich am 18ten Aug. 1782 ein Jüngling von Lübeck.

"In Ratzeburg, jenseits der langen Brücke," hatte er vorher schriftlich an einen Freund hinterlassen, "dort unten den grünen Linden, wo wir heute acht Wochen zusammen saßen, will ich meinem Jammer, Kummer und Elend ein Ende machen. Der Unglückliche, durch Wertherische Schriften in seiner trüben Lage verstimmt und verführt, hielt treulich Wort.
Er kam von Lübeck herüber geritten, trat in einem Wirthshause ab, und ging dann hin ganz genau auf die bestimmte Stelle, sein schwarzes Projekt auszuführen. Man fand ihn gleich darauf vor der erwähnten Bank in seinem Blute liegen, und neben ihm das Terzerol, womit er sich das


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tödliche Blei durch den Kopf gejagt hatte.

Es wurde mir vom hiesigen Stadtgerichte die Oefnung des Leichnams aufgetragen. Ich suchte mit möglichster Sorgfalt in seinem Körper Krankheitsspuren, dem bedaurenswerthen Jüngling ein ehrliches Begräbnis zu verschaffen. Aber das Messer erreichte sie nicht, obwohl sie höchst wahrscheinlich verborgen lagen. Ich halte den Selbstmord, vielleicht einige seltene Beispiele ausgenommen, immer für die Würkung einer kränklichen Ursache, sie liege bloß im Körper, oder bloß in der Seele, die oft sehr deutlich, manchmal dunkler, zuweilen durch keine äußerlichen Zeichen zu erkennen ist. Es giebt Krankheiten der Seele, wobei der Körper sehr gesund zu seyn scheint, und die sich nicht aus dem Pulse erforschen lassen. Das Lesen schwärmerischer Bücher zündet sehr oft nur das Feuer an, das längst verborgen in der Seele glimmte. Auf eine völlig gesunde Seele machen diese
 

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Bücher sicher nie jene traurige Würkung; aber ihre Ruhe kan allerdings dadurch bei einiger Anlage unter fortwährender Richtung auf der gleichen Gegenstand, und andern gegünstigenden Umständen, mit der Zeit gestört, und allmählig der Keim zu einer Krankheit gelegt werden, die früher oder später jene fürchterliche Wirkung hervorbringt. Die That geschieht also immer in Krankheit, und es wäre darum grausam, sie als eine willkührliche Handlung zu beurtheilen. Einige zweifelhafte Fälle kommen fast in keine Betrachtung. Dennoch habe ich nichts gegen die weltlichen Verführungen in dergleichen Fällen, wenn gleich sie auch selten ihrer abschreckenden Absicht entsprechen, weil sie einen den Selbstmord im Busen tragenden Menschen gewiß höchst selten, wo jemals, abschrecken werden, seiner gepeinigten Seele Luft zu machen.

Noch schöner und reicher an sehenswürdigen Gegenständen, als aus dem Garten, den wir eben verlassen, ist die Aussicht auf der westlichen Seite von der höchsten Spitze des Sekenkampes auf die Stadt und die ganze Gegend. Das Gesicht umfaßt hier nicht allein mehr fürtrefliche Parthien, als dort, sondern reicht überhaupt auch viel weiter allenthalben umher.

Linker Hand von ihrem Standpunkte ab, geht der See in ansehnlicher Breite zwischen seinen großentheils beholzten Gestaden nordwärts eine gute Meile nach Lübeck fort, wo


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er sich endlich in die Wakenitz ergießt, einen schifbaren Fluß, der die von Ratzeburg kommenden Schiffe aufnimt, und nach Lübeck bringt. Zwischen den Holzungen, welche die in allerlei Krümmungen und Wendungen sich fortschlängelnden Ufer des Sees bedecken, lachen hier und da grüne Saatfelder, die zuweilen mit unbesäeten Aeckern angenehm abwechseln, sehr munter hervor. Etwas weiter hin links, allwo sich der See auf Ihren Augen verliert, können Sie mit bloßen Augen ungemein deutlich alle Thürme von Lübeck sehen, dessen Entfernung von Ratzeburg zu Lande 3 Meilen gerechnet wird. Jenseits des Sees, gerade nach Norden hin, begränzen in weiter Ferne Felder und Berge und Holzungen, und hin und wieder niedliche Gruppen von Bäumen, endlich Ihre Aussicht.

Nordwärts etwas links gegen Ihnen über, ragen aus einer tiefen langen Gruft, die die Natur hier in den Berg gegraben, die Dächer von einer Reihe Gebäuden hervor, die zur sogenannten Bäk gehören, einem Strelitzischen kleinen Orte, der großentheils aus Kupfermühlen besteht. Ueberall ist es voll von Büschen und Bäumen, deren schönes Grün auf alles Anmuth und Munterkeit wirft. Schade, daß hier das nahe vor Ihnen liegende Amt Ihrer Aussicht, die an dem jenseitigen Ufer des Sees liegende Römnitz verbirgt; die See aber sehen Sie, wenn Sie von der größten Höhe des Sekenkampes weiter heruntergehen, so,


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daß Sie an dem Amte vorbei sehen können. Fürtreflich nimt sich diese aus wenigen Häusern bestehende Meierei hier aus, wie sie da gleichsam angeworfen scheint an das hohe waldichte Ufer. Gleich hinter ihr breiten sich einige Fluren aus, deren helleres Grün überaus schön absticht gegen das dunklere Grün der Gebüsche und Bäume, die sie von allen Seiten beschatten.

Gleich unter der Bäk dichte am See, liegende einige einzelne Gebäude, die das herumschauende Auge ebenfalls eine kleine Weile aufhalten, weil sie nicht ohne Verschönerung des Ganzen hier liegen.

Weiter über die Bäk hinaus, eröffnet sich eine neue fürtrefliche Aussicht auf einige strelitzische Dörfer, die über alles, was Sie vorhin gesehen, gar anmuthig zu Ihnen herblicken, und mit allen den Abwechselungen von Gefilden und Gehölzen und Bergen auf die angenehmste Weise Ihre forschenden Augen lange festhalten. Mit einer fast eben so schönen Aussicht werden Sie erfreut, wenn Sie nun Ihren Blick auf die andere Seite der Stadt rechts hinwenden, so weit er über selbige hinreicht. Ein niedliches Tannenwäldchen, etwa in der Mitte, das durch die eigene farbe seines Grüns hervorsticht, auf allen Seiten offene, theils blühende, theils unbebauete Gefilde, hier und da kleinere und größere Anhöhen und Vertiefungen, dort dicke Holzungen, hier einzelne kleine Gruppen von Büschen und Bäumen, sind einzelne Theilchen


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des ganzen eben schönen als simplen Gemäldes, das sich freilich ganz anders in der Natur als auf dem Papiere, ausnimt. Näher zur Stadt her häufen sich die Objekte immer mehr. Nahe hinter der Stadt, die ungemein frölich zu Ihren Füßen im See da ausgestreckt liegt, thürmt sich ein dickes wolkichtes Gehölz auf, in dessen Mitte, gerade über der Stadt weg, Sie den Garten mit dem rothen Dache eines kleinen Häuschen, und Abrahamsruh sehen, woher wir eben gekommen sind. Ueber dieses dicke Holz sieht man aber auch weg auf offene Felder, die in beträchtlicher Höhe gegen den See und seine Ufer liegen. Weiter südwärts finden Sie mehrere Häuser zusammen stehen, die hinaufwärts eine kleine Straße bilden, zwischen welchen ein breiter Weg gerade aus ins Mecklenburgische läuft. Etwas weiter rechts nahe unten am See liegt eine Mühle, und aufwärts gleich über solcher eine Meierei, der Termin, genannt, die gar allerliebst in das mannigfaltigste hellere und dunklere Grün von allerlei Bäumen gehüllet ist; gewiß eine der schönsten Parthien des reitzvollen Gemäldes. Ueberall sehen Sie hier und da noch mehrere einzelne Gebäude, theils frei stehen, theils zwischen den Bäumen durchschimmern. Dann erhebt sich weiter rechts, unmittelbar am See wieder ein freudiger Hayn, der die südlichen Gestade des Sees bekleidet, allmählig zu Ihnen herumläuft, und sich an den Berg anschließt, auf


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dem Sie stehen. Ueber diesen Hayn sehen Sie auch anfangs noch weg auf jenseitige Gefilde und Holzungen, die sich endlich an den Horizont schließen. Statt der Brücke, die Sie auf der andern Seite der Stadt vor sich hatten, sehen Sie hier, wenn Sie vom Sekenkampe sich etwas weiter herunter begeben, die lange Allee, die auf dem Steindamme von dieser Seite in die Stadt fährt, und die das Ganze allerdings sehr verschönert.

Aber, mein Freund, Sie dürfen ja nicht glauben, daß mit dem, was ich Ihnen beschrieben, der ganze Reichthum der natürlichen Schönheiten dieser malerischen Gegend erschöpft sey. Noch sehr viele Standpunkte giebt es rund um die Stadt, von welchen sich neue reitzende und herrliche Aussichten eröffnen, wovon eine immer noch schöner ist als die andere. Doch sind die Stellen, wo ich Sie hingeführt, die vorzüglichsten Standpunkte, die ganze Gegend von der einen und von der andern Seite zu übersehen. Außerdem hat man aus allen Häusern, die auf der Aussenseite der Stadt liegen, zumal aus den oberen Stockwerken


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hinten hinaus, die schönsten Prospekte auf einzelne Parthien und Abschnitte der ganzen Gegend. Auch können Sie sich vorstellen, daß an den angenehmsten und unterhaltendsten Promenaden hier ein Ueberfluß ist, und daß man diese nicht weit suchen dürfe. Wenn Sie wollen, können Sie mit einem mäßig starken Schritte aus der Mitte der Stadt in zehn Minuten ins dickste Holz eingehen, und binnen zwei Stunden die südliche Hälfte der ganzen Gegend fast durch lauter Holzungen umwandern.

Aber auch äußerst unvollkommen, holperich, schwach, leblos, ohne Schatten und Licht, ist alles was ich Ihnen erzählt haben, gegen das, was Sie in der Natur selbst sehen würden.

Ist es möglich, bester Freund, so kommen Sie bald einmal zu uns herüber, um das alles mit eigenen Augen zu sehen. Dann wollen wir recht froh und heiter Arm in Arm die ganze Gegend durchwandern, und die lieblichen Reize der hier thronenden holden Natur aus allen Winkeln belauschen.
Leben Sie wohl.

Ratzeburg, im Mai, 1784.
D. Samuel Gottlieb Vogel.

 


In:

Hannoverisches Magazin, worin kleine Abhandlungen, einzelne Gedanken,
Nachrichten, Vorschläge und Erfahrungen, so die Verbesserung des Nahrungs-Standes, die Land- und StadtWirtschaft, Handlung, Manufacturen und Künste, die Physik, die Sittenlehre und angenehmen Wissenschaften betreffen, gesammlet und aufbewahret sind.

Zwei und Zwanzigster Jahrgang, vom Jahre 1784. Hannover,
gedruckt bei G. C. Schlüter, Landschaftl. Buchdrucker. 1785.

Teil 1: 53tes Stück. Freitag, den 2ten Julius 1784.
Teil 2: 54tes Stück. Freitag, den 2ten Julius 1784.