Heinrich Murjahn (1835-1901):
Gemälde, graphische Arbeiten und Figuren
 


 

10. Januar  - 23. Februar 1997 - Heinrich Murjahn

Die Ausstellung des Lauenburger Konditors, Künstlers und Dokumentators erfährt durch den topographischen Bezug zu Ratzeburg (etwa in seinen gemalten Nacharbeitungen des farbigen Hane-Stiches von 1588) im Kreismuseum Herzogtum Lauenburg einen besonderen Akzent.

Im Nachruf des am 12. Mai 1901 verstorbenen Heinrich Murjahns heißt es im „Lauenburger Anzeiger“ vom 19. Mai 1901: „Heinrich Murjahn, Konditor von Beruf, ein talentvoller Kunstmaler und Plastiker von Haus aus, ist gestorben. Vielen, man darf wohl sagen allen Lauenburgern ist dieser Mann bekannt gewesen, ja weit über die Grenzen Lauenburgs hinaus war er eine beliebte Persönlichkeit, aber wenigen dürfte es wirklich bekannt geworden sein, daß in diesem Manne ein Talent schlummerte ... Ohne weitere Vorbildung, den Regungen innerer Triebe folgend, hat er auf dem Gebiete der Malerei und Plastik Werte geschaffen, die ein beredtes Zeugnis ablegen ... Seine plastischen Arbeiten seien hier noch verdienenswerter Weise erwähnt, bei denen der Künstler auch eine reiche Phantasie zum Ausdruck brachte ... Leider verhinderte Krankheit den Künstler in seiner letzten Lebenszeit am weiteren Schaffen ... Möchten diese Zeilen dazu beitragen, die Erinnerung an einen Lauenburger Künstler wachzuhalten.“

Der Nachruf betont die Wertigkeit der Murjahn’schen Figuren, in denen Mitbürger prägnant porträtiert worden sind. Die kleinformatigen Plastiken [Höhe zwischen 20 und 25 cm] sind in Konditor-Manier aus vorgeformten Körperteilen gestaltet. Eine kleine Auswahl dieses ansprechenden plastischen Werkes Murjahns rundet die Sonderausstellung ab.

(Die Eröffnung erfolgte am 10. Januar durch Herrn Werner Hinsch, Leiter des Elbschiffahrtsmuseums).
 

 

 
"Lieutenant Poschel verteidigt den Übergang über die
Schal b. Zarrentin am 18.Sept. 1813 mit d. 1.Comp.
des 1.Bat. Lützower gegen d. Franzosen."
Datiert 1898. Kreismuseum.
 
Lauenburg mit Elbe und sechs Personenraddampfer
der Gebr. Burmester. Im Hintergrund die Kulisse
Lauenburgs mit Unterstadt und Schloßberg.
1888. Privatbesitz.
 
     
 

Der Kaufhof zu Lauenburg um 1848.
Temperamalerei. Datiert 1898.
Elbschiffahrtsmuseum Lauenburg.
 
  Die alte Wache in Lauenburg, 1849.
Gemälde (Tempera), datiert 1899, Kreismuseum.
     
 

Dampfer "Beta" auf der Elbe bei Lauenburg.
1898. Elbschiffahrtsmuseum Lauenburg.
 
 
Schlackenwerth (Böhmen). Besitzungen von
Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg.
Kopie von 1886 nach einem Original
von 1642  in der  Bibliothek Salzburg.
Elbschiffahrtsmuseum Lauenburg.
 
     

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War Heinrich Murjahn ein Künstler? - In vielen einschlägigen Künstlerlexika wird man das Stichwort Heinrich Murjahn vergebens suchen. Das hat seine Berechtigung, denn Murjahns Verdienste liegen in der Überlieferung zum Teil kaum noch verfügbarer Bildquellen wie etwa Karten oder Städteansichten, die er detailgetreu kopierte. Murjahn bediente sich dabei der Prima-Malerei: er trug Öl- bzw. Temperafarben in einer deckenden Schicht direkt auf. Lasuren oder Weißhöhungen blieben ihm fremd, so daß manche seiner Gemälde flächig-stumpf erscheinen.

So wird ihm eine Zuordnung als Autodidakt und Laienmaler am ehesten gerecht: einfache Figurenansichten, übersichtlicher Bildaufbau mit wenigen Überschneidungen ohne Licht- und Schattenspiel kennzeichnen seine Malweise. Der zum Teil erhebliche Reiz für den Betrachter liegt im Dokumentationswert seiner Malereien und in der naiven Schilderung der Szenen.

Wie kam es zu dieser malerischen Produktion? - Der Postmeister Johannes Friese (1839-1916) kehrte 1873 nach mehrfachen auswärtigen Tätigkeiten wieder in die Elbestadt Lauenburg zurück. Er sammelte sein ganzes Leben lang Lauenburger Altertümer, verfügte über Beziehungen und Verbindungen zu namhaften europäischen Archiven und Sammlungen und war unter Anderem mit Heinrich Schliemann befreundet. Schon früh muß Friese auf die Begabung von Heinrich Murjahn aufmerksam geworden sein und er verstand es, ihn zum Abzeichnen bzw. Abmalen historisch bedeutsamer Bildquellen zu motivieren. Allein für das Jahr 1886 datiert Murjahn zehn umfangreiche Arbeiten für die Friese'sche Sammlung; eine enorme Arbeitsleistung, wenn man Bildgröße und Exaktheit der Darstellung bedenkt.

Der Umgang mit historischem Material für die Friese'sche Sammlung weckte in Heinrich Murjahn vermutlich auch ein weitergehendes Interesse insbesondere an historischen Fakten, Stadt und Geschichte Lauenburgs betreffend. Ohne ausdrücklich auf Johannes Friese hinzuweisen, entstanden Bilder, die schon von der Darstellungsart und der Farbgebung her großen historischen Wert aufweisen.

Zu den bleibenden Verdiensten Murjahns kann u. A. das 51seitige Skizzenbuch "Alterthümer der Stadt Lauenburg a. E." gerechnet werden, in welchem er Holzschnitzereien und Tür- bzw. Portalschmuck von Gebäuden der Lauenburger Unterstadt zeichnerisch festgehalten hat.

Bedeutende Begebenheiten in Lauenburg wie die militanten Ereignisse zum Ende der napoleonischen Zeit, die detaillierte Aufzeichnung der Schützen mit den farben prächtigen Uniformen und der Schifferbrüderschaft mit ihrer markanten "Schipperhöge" wurden von Heinrich Murjahn im Bild festgehalten.

Zur Dokumentationsarbeit in Lauenburg zählen auch Bilder über wichtige Gebäude und Betriebe. So zeichnete Murjahn die beiden Schiffbauplätze von Schipper & Goern und Hitzler mit den damals typischen Arbeitsmethoden auf, hielt den in Auflösung befindlichen Umschlagsplatz für den Kanalverkehr (sog. 'Kaufhof', siehe Farbabbildung) sowie den Brand der Sägemühle im Hafen im Bild fest.

Der Motivbereich 'Schiffahrt' ist im Werk Murjahns dominierend. Er erkannte die epochemachenden Auswirkungen, welche der Übergang von der althergebrachten Segel- und Treidelschiffahrt zu den modernen Dampfschiffen mit sich brachte. Da wesentliche Impulse von Lauenburger Reedern und Schiffern ausgegangen sind, ist es nur verständlich, daß Lauenburger Schiffe einen Themen-Schwerpunkt bildeten.

Erste Personendampfer der Gebrüder Burmester für die Strecke Lauenburg-Hamburg sowie die Schleppdampfer der „Lauenburger Dampfschleppschiffahrts AG“ - alle mit Namen „Lauenburg“ - fanden genau so ihre Darstellung auf Murjahns Bildern wie die Fahrzeuge der Elbstrombauverwaltung, die für eine bessere Schifffahrt auf der Elbe sorgten. In der Zeit der Schwarz/Weiß-Fotografie bildeten die farbigen Bilder Murjahns eine wünschenswerte Ergänzung. Nur aus diesen Bildern kann heute ein Rückschluß über das tatsächliche Aussehen der damaligen - für die Elbschiffahrt bedeutsamen - Schiffstypen erfolgen.
 



Einige Lebensdaten
 

Franz Heinrich Wilhelm Murjahn wird laut Eintragung im Lauenburger Taufbuch am 9. März 1835 in Lauenburg als Sohn des bereits dort tätigen Bäckers und Conditors Friedrich Gottfried Ludwig Murjahn, verheiratet mit der Lauenburgerin Sophie Luise Dorothea Bollhorn, geboren.

Heinrich Murjahn erlernt wie sein Vater das Bäcker- und Conditorhandwerk. Sein Geschäft befand sich damals in der Elbstraße 117, einem kleinen hübschen Fachwerkhaus mit davorstehenden Lindenbäumen an der Ecke zur „Fährtreppe“.

Heinrich Murjahn heiratet in Lauenburg Johanne Emilie (Mile) Friedrike Hartten. Am 20. Oktober 1870 wird ihnen eine Tochter geboren. Die Ehefrau verstirbt bereits 1881 im Alter von 32 Jahren, so daß Heinrich Murjahn, auf sich allein gestellt, sein Geschäft fortführen muß.

In jene Zeit fällt auch der erste Hinweis auf die künstlerischen Betätigungen Murjahns. Wichtig für seine Zukunft wird ein Zusammentreffen mit dem Lauenburger Postmeister Johannes Friese. Welch vielfältigen Impulse von diesem historisch sehr interessierten Mann auf Heinrich Murjahn übergingen, wird in dieser Sonderausstellung verdeutlicht. Murjahn beginnt, in schlichter Manier zu malen und zu modellieren. Gelungene Ergebnisse seiner plastischen Bemühungen bilden zahlreiche in Ton geformte Figuren, die typische Lauenburger Bürger zeigen.

Das Jahr 1886 stellt den ersten Höhepunkt seiner Malerei dar. Für die Friese’sche Sammlung entstehen zahlreiche Gemälde von hohem dokumentarischen Wert. Die Arbeiten nehmen einen solchen Umfang an, daß ihm offensichtlich kaum noch Zeit für sein Conditorgeschäft bleibt, denn in den Tageszeitungen finden sich keinerlei Annoncen mehr. Möglicherweise finanziert er jetzt mit seinen malerischen Aktivitäten nahezu vollständig seinen Lebensunterhalt.

Die letzten bekannten Gemälde von seiner Hand stammen aus dem Jahr 1900. Danach wird es ruhig um Heinrich Murjahn. Offensichtlich hindert ihn eine Krankheit an der Weiterarbeit; außerdem scheinen äußere Einwirkungen, wie der Abriß seines Hauses im Jahr 1901, seine Kraft erheblich beeinträchtigt zu haben.
Heinrich Murjahn verstirbt am 12. Mai 1901.

Seine Arbeiten für die Friese’sche Sammlung haben als Bestände des Lauenburger Elbschiffahrtmuseums überdauert. Eine Straße in Lauenburg/Elbe erinnert heute noch namentlich an den Conditor, Maler und Dokumentalist Heinrich Murjahn.