Jahresband 1910

Archiv desVereinsfür die
Geschichte desHerzogthumsLauenburg



Aus dem Leben des Etats- und Regierungsrates
Johann Martin Christian Gottschalk,
eine Erinnerung an die Franzosenzeit in Lauenburg.

Von Prof. Dr. BERTHEAU.
 

Wir leben in der Zeit der Erinnerungen an die vor hundert Jahren auf Deutschland und nicht zum wenigsten auf unserem Ländchen lastende Franzosenzeit, und da möchte es angebracht sein, des Mannes zu gedenken, der damals mit an der Spitze Lauenburgs stand und an der Leitung desselben in den schwierigsten Verhältnissen einen hervoragenden Anteil nahm, nämlich des Etats- und Regierungsrates Johann Martin Christian Gottschalk. Seine mannigfaltige Tätigkeit als Beamter in verschiedener Herren Diensten gibt uns zugleich ein anschaulichesBild von dem wechselnden Geschicke Lauenburgs, das von Hand zu Hand gespielt und nacheinander von französischen, schwedischen, russischen, preußischen und dann wieder von französischen Truppen besetzt wurde. Ende des Jahres 1810 wurde es dann ein kleines Glied des grand empire, und 1814 brachte es die Diplomatie auf dem Wiener Kongreß in dänische Hände. Im folgenden sollen, zum großen Teil nach Aufzeichnungen über das Leben Gottschalks 1), seine Schicksale bis zum Jahre 1815 erzählt und daran anschließend ein Bild der damaligen Verhältnisse in Lauenburg entworfen werden. Gottschalk ist geboren am 15. November 1772 in Bösenrode, einem Pfarrdorfe in der hannoverschen Grafschaft Hohenstein im Harz. Bei den ärmlichen
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) Der Ursprung dieser Auzeichnungen ist nicht ganz klar. Der Hinweisauf eine Selbstbiographie, die sich an einer Stelle findet, zeigt, daß wir es nicht mit unmittelbaren Aufzeichnungen Gottschalks zu tun haben.

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Verhältnissen, in denen seine Eltern lebten, die durch eine große Kinderzahl noch drückender wurden, mußte sich die Erziehung dieses ältesten Sohnes darauf beschränken, daß er in einer gewöhnlichen Landschule den ersten Unterricht erhielt. Der Verwendung des Ortspredigers, der den gut begabten Knaben lieb gewonnen hatte, war es zu danken, daß er gegen den anfänglichen Wunsch des Vaters, der ihn Kaufmann werden lassen wollte, zuerst die lateinische Schule in Stollberg am Harz und dann von 1788 an das Gymnasium zu Quedlinburg besuchen durfte. Michaelis 1791 bezog er die Universität Jena, um da die Rechtswissenschaft zu studieren, vertauschte diese aber schon nach einem halben Jahre mit Leipzig, weil sein Vater hoffte hier durch Stipendien eine Erleichterung seiner Ausgaben für ihn zu erlangen. Diese Hoffnung schlug bei der großen Zahl der Bewerber fehl, und so mußte sich der junge Gottschalk außerordentlich einschränken und hatte nur wenig Verkehr mit anderen Studenten. Da er in Stollberg und in Schwarzburg-Sondershausen, wohin er sich zuerst gewandt hatte, keine Aussicht hatte nach Verlassen der Universität angestellt zu werden, so begab er sich in seine Heimat, die Grafschaft Hohenstein, zurück und wurde da Advokat. Um aber in die damals weit besser lohnende Beamtenkarriere eintreten zu können, suchte er bei dem Königlichen und Kurfürstlichen Oberappelationsgericht zu Celle um die Abhaltung des juristischen Examens nach und bestand dieses im Jahre 1800 mit sehr glänzendem Erfolge.

Nach bestandener Prüfung kehrte er nach Neustadt unter dem Hohenstein zurück und meldete sich zu einer dort frei gewordenen Justizbeamtenstelle, erhielt sie aber nicht, obwohl er als der einzige junge Jurist, der in Hohenstein geboren war, Ansprüche darauf zu haben glaubte. In seiner über diesen Mißerfolg sehr getrübten Stimmung erhielt Gottschalk von dem Amtmann von der Horst, der von Neustadt unter dem Hohenstein nach Blekede an der Niederelbe versetzt war, einen Brief, worin dieser ihm meldete, daß die Bürgerschaft des Städtchens

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Blekede auf seine Empfehlung hin ihn zum Bürgermeister gewählt habe, daß diese Stelle zwar nur etwas über dreihundert Thaler einbringe, daß es ihm aber nicht fehlen würde, mehrere von dem bisherigen Bürgermeister verwaltete Justiziarate (d.h. Stellen als Gerichtsverwalter in benachbarten Gutsbezirken) und daneben eine gute Praxis als Advokat zu bekommen.

Gottschalk trat dieses Amt im Februar 1801 an und Wurde sogleich Justiziar von sechs verschiedenen Gütern. Auch erhielt er eine so ausgebreitete Advokatur, daß er ihr kaum vorstehen konnte. Aber nur zwei Jahre sollte er sich dieses ungestörten Berufslebens erfreuen. Als die Franzosen 1803 Hannover besetzten, überschwemmten sie auch die Elbgegend, und die am 5. Juli desselben Jahres abgeschlossene Konvention von Artlenburg hatte die Auflösung der hannoverschen Truppen zur Folge. Zu dieser Zeit der Unruhe und Unsicherheit leistete Gottschalk nicht allein Blekede, sondern auch der ganzen Umgegend sehr wesentliche Dienste, indem er eine große Gewandtheit in der französischen Sprache besaß.

Im Jahre 1806 starb der Landsyndikus Walter in Ratzeburg, und am 13. August wurde Gottschalk sein Nachfolger. Am 12. September erhielt er durch ein Reskript aus Hannover seine Entlassung als Bürgermeister. von nun an blieb Gottschalk bis zu seinem Tode eng verpflochten mit den wechselnden und anfangs überaus traurigen Schicksalen uuseres Ländchens. In seinem Gesuch an das Landratskollegium Lauenburgs vom 10. August 1806 weist er auf das Vertrauen hin, das er fünf Jahre lang als Bürgermeister und Advokat in Blekede genossen hat. Unter den von ihm verwalteten Gerichten waren auch die in zwei lauenburgischen adligen Gutsbezirken, nämlich in Preten und Lüdersburg 1), und so ist ihm die Verfassung des Herzogtums nicht ganz fremd geblieben. Am 13. August 1806 erhielt er seine
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1) S. Manecke, topographisch-histor. Beschreibung des Herzogtums Lauenburg S. 73 über Preten und S. 100 über Lüdersburg.

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Bestallung als Landsyndikus. Sein Vorgänger als solcher, Walter, hatte daneben noch die Stelle eines Königlichen Stadtkommissars in Ratzeburg verwaltet, und deshalb richtete Gottschalk an die Hochlöbliche Ritter- und Landschaft am 27. August 1806 die ehrerbietigste Vorstellung ihm zu erlauben, auch um jene Stellung nachsuchen zu dürfen. Wenn sein Vorgänger, der ein anerkannt rechtschaffener Mann war, beide Posten miteinander vereinigen konnte, so würde es auch ihm gewiß keine Unmöglichkeit sein, seine Pflichten mit derselben Integrität zu erfüllen. Für den Fall einer etwaigen künftigen Kollision zwischen dem Corpus der Ritter- und Landschaft an einer und der Stadt Ratzeburg an der anderen Seite würde er sich gerne verbindlich machen zu veranlassen, daß der Stadt Ratzeburg auf seine Kosten ein anderer Vertreter zugeordnet würde, und für eine solche Einrichtung würde er bei der Königlichen Regierung im voraus um die Genehmigung bitten. Auch würde er, wenn die Ritter- und Landschaft die Verbindung beider Funktionen für nachteilig für ihre Interessen halten sollte, sich anheischig machen, sofort, wenn es verlangt würde, und mit Entsagung jeder Widerrede auf das Stadtkommissariat zu verzichten. Am 22. November wurde auf Grund dieser von Gottschalk vorgeschlagenen Bedingungen in der Regierungskanzlei zu Ratzeburg die Ernennung zum Stadtkommissar beschlossen, nachdem ihm die Geschäfte interimistisch schon am 8. November übertragen waren. Diese vorläufige Übertragung der Geschäfte war, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, veranlaßt durch die "jetzigen, unglücklichen Zeiten, von denen besonders diese Stadt mitbetroffen ist," und damit kommen wir auf die damaligen politischen Verhältnisse.

Nach den so überaus schimpflichen Kapitulationen von Sulingen und Artlenburg im Jahre 1803 hatten die Franzosen bekanntlich Hannover und Lauenburg besetzt. Als aber Napoleon 1805 gegen Österreich und Rußland ins Feld zog, erhielt der Marschall Bernadotte,

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dem die Verwaltung jener Länder übertragen war, den Befehl sein Heer an der südlichen Grenze Hannovers zu vereinigen und von da nach Süddeutschland Napoleon zu Hülfe zu ziehen. So verließen am 8. September die letzten Franzosen das Lauenburgische Gebiet, nachdem sie zwei Jahre, zwei und einen halben Monat da gehaust hatten. Am 5. Oktober aber landeten Russen und Schweden, und im November besetzten die ersteren Ratzeburg und Mölln. Da bald darauf auch die Schweden in das Land einrückten, so wurde dieses wieder eine Zeit lang von schwerer Einquartierung heimgesucht. Inzwischen hatte Napoleon an Preußen Hannover und Lauenburg abgetreten, aber die Schweden suchten das letztere im Namen ihres Verbündeten, des Königs von England, gegen Preußen zu behaupten, mußten aber, als preußische Truppen unter dem Oberst von Beeren einrückten, vor der Übermacht zurückweichen. Der preußische Befehlshaber besetzte Ratzeburg, und einige Monate stand das Land mit Hannover zusammen unter der Administration des Herrn von Ingersleben, der die Wunden, welche die erste französische Okkupation dem Lande geschlagen hatte, zu heilen suchte 1).

Als das preußische Heer Lauenburg verließ, besetzten, und dieses Mal nach einer Übereinkunft mit Preußen, die Schweden zum zweiten Male das Land, und unter deren Schutze wurde die alte Regierung wiederhergestellt und die preußischen Adler abgenommen.

Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt machte der preußischen Herrschaft in Lauenburg ein Ende. von den Folgen dieser Katastrophe wurde auch unser Ländchen, wenn auch vorübergehend, so doch in schrecklicher Weise betroffen. Blücher hatte sich bekanntlich durch einen Zug nach Mecklenburg der schimpflichen Kapitulation von Prenzlau entzogen und suchte Lübeck und die Ostsee zu gewinnen, um womöglich auf englischen Schiffen zu
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) S. Thimme, die inneren Zustände des Kurfürstentums Hannover unter französisch-westfälischer Herrschaft I, 183. Auf dieses überaus gründliche Werk wird im folgenden öfters verwiesen werden.

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entkommen. Ihm waren überlegene französische Heere auf den Fersen und besetzten nach einem kurzen Widerstande der flüchtenden Preußen auch Ratzeburg. Die kleine Stadt hatte vom 8. bis 10. November allein 11400 Mann zu verpflegen, das Amt Ratzeburg durchzogen an einem Tage an die 50000 Mann, und da für die Verpflegung in keiner Weise Sorge getragen war, so waren natürlich bald die Vorräte der Bewohner aufgezehrt, und es brach eine Plünderung herein, die nach den Berichten der Lauenburgischen Behörden allen Glauben überstieg. Der Schaden, der dadurch erwuchs, belief sich allein im Amte Ratzeburg auf mehr als 100000 Thaler.

Über diese schrecklichen Tage finden wir in Gottschalks Lebensbeschreibung folgendes: „Die Spuren dieses Heereszuges glichen denen eines verwüstenden Kometen, und diese Katastrophe war für ihn selbst mit so vielen Leiden und Anstrengungen verknüpft, daß die Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit nur als ein Wunder der günstigen Fügung der Vorsehung angesehen werden mußte. Als Landsyndikus war Gottschalk zugleich Mitglied der Lauenburgischen Landschaftlichen Deputation. Diese Behörde hatte unter Direktion des allgemeinen Landesdeputationskollegiums in Hannover alle Verwaltungszweige der Provinz zu besorgen, welche in Beziehung auf den Okkupationszustand und auf die Bedürfnisse der Okkupationsarmee stehen konnten. Die Kriegsereignisse hatten die Verbindung mit Hannover und den dortigen Behörden völlig zerstört, und Gottschalk war überdies das einzige in Ratzeburg zurückgebliebene Mitglied der Landschaftlichen Deputation, indem die beiden anderen Mitglieder, der Landmarschall von Bülow und der Graf von Kielmannsegge, sich auf ihren Gütern befanden und bei der Unsicherheit der Wege, die durch die miteinander kämpfenden Heere entstanden war, nicht nach Ratzeburg kommen konnten. Alle Ansprüche der Militärbehörden und ihre Requisitionen, sowie alle Reklamationen der Einwohner, welche

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sich auf Einquartierung, auf TruppenVerpflegung, Kriegsfuhren u.s.w. bezogen, drängten auf Gottschalk ein. Unter beständigen persönlichen Konferenzen mit der Lauenburgischen Regierung befriedigte er die Requisitionen, soweit sie durch Verwendung an die höchste Militärbehörde nicht abgewendet werden konnten. Um den großen Druck der ganzen verheerten Gegend noch möglichst zu mindern, reiste Gottschalk persönlich mit dem Regierungsrat Böhmer am 8. November durch die Armee und ihre blutigen Spuren von der Schlacht bei Lübeck zu dem Marschall Bernadotte, bei dem es diesen beiden Männern gelang, ein Geschenk von einer Partie eroberten Mehles zur Verhinderung einer Hungersnot in ihrer Gegend und eine schonende Verteilung der rückmarschierenden Truppen zu erlangen."

Am 5. Dezember wurde die geschehene Anstellung und Beeidigung des Landsyndikus Gottschalk zum Ratzeburgischen Stadtkommissar und edenklich genehmigt. „Das Hannoversche Kammerkollegium ist requiriert wegen Auszahlung der bei dieser Bedienung vermachten jährlichen Besoldung von einhundert Thalern das Nötige zu verfügen. Hannover, den 5. December 1806. Regierungskollegium. Aus dem Lauenburgischen Departement. An die Sachsen-Lauenburgische Regierung." Am 13. Dezember wird dieses Schreiben Gottschalk mitgeteilt von der Lauenburgischen Regierung, unterzeichnet C. Hake.

„Gottschalks Verfahren in jenen kritischen Tagen im Anfang November wurde von den am 15. Dezember versammelten Landständen ganz gebilligt und ihm zum Beweise der Zufriedenheit und Dankbarkeit der durch die Plünderung erlittene Verlust eines Reitpferdes ersetzt. So ermunternd diese Anerkennung seiner Verdienste auch war, so sehr wurde sein Amt ihm dadurch erschwert, daß das Hannoversche Landesdeputationskollegium ohne anschauliche Kenntnisse des verwüsteten Zustandes der Lauenburgischen Provinz von der selben ihrer Erschöpfung ungeachtet die fortwährende Konkurrenz zu den allgemeinen Kriegslasten, insonderheit zu den Lieferungen, ver-

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langte. Nur mit Mühe gelang es Gottschalk einige Quartalquoten von seiner erschöpften Provinz abzuwenden.

Gottschalks Schicksal war mit dem des Herzogtums eng verwebt. Als Napoleon nach der Schlacht bei Jena allen eroberten Ländern, wozu er auch das Kurfürstentum Hannover rechnete, eine große Kriegskontribution auferlegte und das Landesdeputationskollegium dagegen beim Kaiser, zu Berlin und Warschau Gegenvorstellungen machte, löste er durch einen Befehl vom 17. September 1807 das Kollegium, sowie alle einzelnen Provinziallandstände auf, womit Gottschalks Verhältnis als Mitglied des Landesdeputationskollegiums und als Landsyndikus auch aufhörte. An die Stelle des Landesdeputationskollegiums setzte der französiche Kaiser eine Gouvernementskommission in Hannover nieder, welche den selben Geschäftskreis wie jenes Kollegium erhielt, nur daß sie nicht beraten, sondern bloß gehorchen sollte. An die Stelle der aufgehobenen Provinziallandschaftlichen Kollegien trat in jeder Provinz ein Subdelegierter, wozu für Lauenburg Gottschalk ernannt wurde. In diesem für ihn sehr drückenden und seine Gefühle verletzenden Verhältnisse, in welchem die höheren harten Befehle durch Ausschreiben extraordinärer Kriegssteuern und der gezwungenen Anleihe vollzogen werden mußten, konnte ihn nur das Bewußt sein aufrecht erhatten, daß er zu mildern suchte, wo es irgend möglich war, und er ertrug öfter Verweise der Gouvernementskommission, welche seinen Schilderungen von dem erschöpften Zustande seiner Provinz keinen Glauben beimessen wollte, mit ebenso viel Gelassenheit als die Verkennung mancher seiner Landsleute, die ohne alle Sach- und Lagekenntnis in dem Irrwahn standen, daß ihnen noch mehr Schonung angedeihen könnte. Aber zu seiner großen Beruhigung diente ihm, daß verständige und angesehene Männer keinen einzigen seiner Schritte tadelten und ihn durch freundschaftlichen Zuspruch aufzurichten suchten."

So schildert Gottschalk selbst in bescheidener Weise seine aufopfernde Tätigkeit für Lauenburg. Wir können

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diese aber nur dann würdigen, wenn wir die Lasten im einzelnen kennen lernen, die damals dem Herzogtum in Verbindung mit Hannover aufgebürdet wurden.

Während der ersten Okkupation der Franzosen hatten sich die Schulden der hannoverschen Stände um ungefähr fünf Millionen Taler vermehrt; teils waren dieses gemeinsame Schulden, teils Partikularschulden. Auf Lauenburg kamen als gemeinschaftliche Schulden 43 479, als Partikularschulden 57 635 Taler 1).

Noch drückender war die zweite Okkupation. Vom 1. Dezember 1806 an mußten von dem Lande wöchentlich 300 000 Franks Kriegssteuer bezahlt werden, außerdem mußten die vielen dort liegenden französischen Truppen beköstigt und erhalten werden. Auf die etwa fällige Besoldung der Staatsdiener durfte dieser Kriegssteuer wegen nur eine Abschlagszahlung geleistet werden und zwar nicht an alle Beamte, sondern nur an die, welche dessen dringend bedürftig waren. Dazu kam noch eine große französische Zwangsanleihe. In einem Schreiben des Intendanten Belleville wurde die feste Erwartung ausgesprochen, daß sich mit Freuden 500 bis 600 der wohlhabendsten Einwohner dazu bereit finden lassen würden, das Geld vorzustrecken. In jedem Monat sollten ein halbes Jahr hindurch 500 000 Franks an die Kammerkasse bezahlt werden.

Bis Ende Juli 1807 beliefen sich die französischen Forderungen auf 16 890 721 Franks. Als das Landesdeputationskollegium sich weigerte diese Summe einzuziehen, wurde es auf Napoleons Befehl aufgehoben, und fünf Mitglieder wurden gefangen gesetzt. Die an ihre Stelle tretenden Subdelegierten mußten die 2000 Höchstbesteuerten aufzählen, deren in Lauenburg 112 waren. Diese auszusuchen war eine schwere und peinliche Sache, und wir können die oben angeführten Klagen Gottschalks wohl verstehen. Vor allem war es schwer
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) S. zu diesem und dem folgenden Thimme a. a. O. I 102, 214, 230 ff.

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in Hinsicht auf die Exemten 1) und die der Jurisdiktion der Beamten nicht unterworfenen Personen. Der Intendant Belleville nahm aber keine Rücksicht darauf, und am 25. Dezember 1807 erfolgte als ein sehr unangenehmes Weihnachtsgeschenk das berüchtige Ausschreiben, es müßten auf jeden Fall 13 Millionen Franks aufgebracht werden, davon 10 Millionen durch eine Zwangsanleihe. Diese müßte in drei Terminen von 20 zu 20 Tagen entrichtet werden. Wenn nach Ablauf des ersten Termins das erste Drittel nicht bezahlt sei, so werde dem Säumigen ein aus wenigstens vier Soldaten und einem Unteroffizier bestehendes Exekutionskommando eingelegt werden. Jedem der Soldaten seien vom Hauswirte täglich ein Taler, dem Unteroffizier aber zwei Taler zu zahlen. Wenn diese Maßregel binnen zwanzig Tagen keinen Erfolg habe, dann solle der Eigentümer aus seinem Hause vertrieben und das Mobiliar, erforderlichenfalls auch die Immobilien, versteigert werden. Bei dem Minimalansatz von 1000 Franks blieb Belleville keineswegs stehen. In Lauenburg allein waren 20 Adlige mit 172000 Franks, also durchschnittlich mit 8 600 Fr. angesetzt. Im ganzen mußten hier ungefähr 110 Personen an der Anleihe teilnehmen. Naturgemäß konnte trotz aller Zwangsmaßregel bei den seit vier bis fünf Jahren getragenen Kriegslasten, bei der Suspension der Besoldungen, Pensionen und Zinsen und dem gänzlich mangelnden Kredit die erforderliche Summe nicht eingetrieben werden. Nicht einmal die zum zweiten Termin fälligen Gelder gingen ein, und so mußte einer ganzen Anzahl nachweisbar Zahlungsunfähiger die Bezahlung des zweiten Termins ganz oder teilweise erlassen werden. In der Stadt Hannover wurde übrigens bei zehn Personen militärische Exekution verhängt.

Um nun auf Gottschalk zurückzukommen, so sehen wir aus seinen Akten, daß er am 2. Oktober 1807 seine Wahl zum Subdelegierten dem Lauenburgischen Landratskollegium mitteilte. Am 15. Oktober danken ihm die
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1) D. h. die bisher von Steuern Befreiten.

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Landschaftsräte von Schrader, von Kielmannsegge, von Buchwald und von Bülow dafür. Es heißt in ihrem Schreiben: „Diese Wahl kann bei den damaligen Zeitumständen nicht anders als angenehm sein, da die Anhänglichkeit Gottschalks an das Land genug bewährt ist, wie auch sein Bestreben, zur Erleichterung desselben beizutragen." Von den finanziellen Notständen der Beamten, wie ich sie eben angedeutet habe, zeugt eine im Konzept erhaltene Eingabe Gottschalks vom 27. Februar 1808, betreffend die Auszahlung seines Gehaltes, auch die gnädige Bewilligung einiger Faden Brennholz. Trotz seiner Tätigkeit in der Schreckenszeit, wo er mit Aufopferung seiner Gesundheit Tag und Nacht zum Besten der Stadt tätig gewesen, ist ihm keine andere Belohnung zuteil geworden als die, welche ihm sein Bewußtsein gewährt, und er macht auch keine äußeren Ansprüche. Indessen hat er auch nicht sein jährliches Salarium von hundert Talern, welches das hohe Landeskollegium seinem Vorgänger gewöhnlich aus der Ratzeburgischen Amtskasse hat auszahlen lassen, erhalten. Um so dringender bittet er darum, als wegen der Zeitumstände ihm kaum die Hälfte seiner ehemaligen Einkünfte geblieben ist. Die Accidenzien schlug sein Vorgänger auf sechzig Taler an. Sie sind aber so gering, daß er sie garnicht zu berechnen weiß. Die Geschäfte hingegen stehen zu seinen Einkünften im umgekehrten Verhältnis. Indessen wagt er mit einem Gesuche um Verbesserung seines Gehaltes in den jetzigen Zeiten nicht hervorzutreten. Nur um die Bewilligung einiger Faden Brennholz glaubt er ehrerbietigst bitten zu dürfen und schmeichelt sich mit der Hoffnung einer gnädigen Erhörung dieses Gesuches.

Am 4. Oktober 1809 wird von dem Regierungskollegium in Hannover das wiederholte Gesuch Gottschalks um Auszahlung seines Gehaltes der hochlöblichen Kommission des Gouvernements angelegentlichst empfohlen. Ob er es aber wirklich bekommen hat, ist aus den erhaltenen Papieren nicht zu ersetzen.

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Mit dem Jahre 1810 beginnt dann eilt neuer wichtiger Abschnitt in der Geschichte Lauenburgs, der auch für Gottschalk von der größten Bedeutung werden sollte. Am 14. Januar d. J. wurde von dem französischen Minister Champigny der Vertrag über die Vereinigung Hannovers mit Westfalen abgeschlossen, jedoch sollte ein noch näher zu bezeichnendes Gebiet von höchstens 15000 Einwohnern ausgenommen sein. Der König Jerome war natürlich anfangs sehr glücklich über diese Vergrößerung seines Landes und insbesondere auch seiner persönlichen Einkünfte, aber als er durch seinen nach Hannover geschickten Staatsrat Malchus von der Schulden- und Militärlast hörte, die seit 1803 auf dem Lande ruhte und die sich beiläufig nach der ersten Berechnung auf 60 Millionen Franks beiief, da trat in Kassel große Mißstimmung ein. Diese wurde noch verschärft, als der französische Gesandte in Kassel, Reinhard, der von Napoleon mit der Übergabe Hannovers an die Lauenburgische Regierung beauftragt war, mit der Mitteilung hervortrat, der Kaiser wolle das ganze Herzogtum Lauenburg von der Übergabe ausgeschlossen haben, denn diese Forderung ging weit über das hinaus, was er sich ursprünglich vorbehalten hatte. Lauenburg zählte nämlich nicht 15 000 Einwohner, sondern über 30 000.

Indessen hatte Napoleon im März des Jahres 1810 noch nicht die Absicht ganz Lauenburg dem Könige zu entziehen; dazu ist er erst gebracht durch den Domänendirektor d'Aubignosc, einen abgesagten Feind des westfälischen Gouvernements 1). Dieser begab sich auf die Nachricht, daß der Kaiser sich Lauenburg reserviert habe,
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1) In "Rist's Erinnerungen, herausgegeben von Poel" lesen wir II, 84 über d'Aubignosc: SAus der Erbschaft des Kurfürsten von Hannover war dem französischen Reiche auch das kleine überelbische Herzogtum Lauenburg zugefallen, das seit 1803 wie eine der fremden Domänen desselben verwaltet wurde. Dort befand sich als kaiserlicher Intentant seit 1806 Herr d'Aubignosc, ein freundlicher, wohlgesinnter und stattlicher, dabei gewandter und rühriger Mann, dem es doch an höherer Bildung, wie an tieferen Grundsätzen fehlen mochte. Beide ersetzte einigermaßen ein glückliches Naturell. Er wohnte auf dem alten Schlosse wie ein kleiner König, verwaltete das Land mit Billigkeit und

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schleunigst dorthin, requirierte von dem General Morand in Hamburg Militär und setzte in Lauenburg eine Regierungskommission ein, die aus dem Amtmann Hornbostel, dem Oberforstmeister von Düring, dem EIbzolldirektor Meher und dem französischen Domänenhauptagenten Laurent 2) bestand. Diese wurde angewiesen, alle Eingriffe der westfälischen Behörden energisch zurückzuweisen. In der Tat hatte Gottschalk schon von dem Generalgouverneur Lafalcette in Hannover eine Proklamation erhalten, in der Jerome seine neuen Untertanen in Lauenburg begrüßte. Erst Ende März beauftragte die Regierung in Hannover Gottschalk, die Obrigkeiten des Landes davon in Kenntnis zu setzen, daß bei der am 14. März erfolgten Übergabe Hannovers an Jerome Lauenburg provisorisch dem Kaiser reserviert und von der Besitznahme ausgeschlossen sei.

So wurde durch das schnelle, energische Handeln d'Aubignoscs ganz Lauenburg Jerome entzogen, und am 23. März publizierte er als kaiserlicher Kommissar und Generaldirektor der außerordentlichen Domänen, daß die Administration der liegenden Gründe, Renten und anderen Gefälle im Lauenburgischen vom 25. März 1810 an einer [sic!] speziellen Kommission übertragen werden sottte, die ihren Sitz in Lauenburg hatte. Die Mitglieder derselben sind schon oben genannt, doch trat an Stelle des durch sein Alter verhinderten Amtmanns Hornbostel der Landsyndikus und Subdelegierte Gottschalk. Übrigens hätte der Verlust Lauenburgs fast dazu geführt, daß Jerome sich weigerte ganz Hannover anzunehmen. Nur die Rücksicht auf die Erhöhung seiner Zivilliste und seine persönliche Eitelkeit sollen ihn dazu bewogen haben,
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nach dem Rate geprüfter Beamten, die er in allem gern hörte. Das gutmütige Volk, die schönen Waldungen, die unabhängige, abgerundete Existenz behagten ihm. - Übrigens hatte d'Aubignosc seinen Wohnsitz bis 1810 in Hannoner und dann in Hamburg. Dort war er Domänendirektor und hier Chef der Polizei.

2) Dieser war Gouvernementskommissar. S. Sander, Archiv III, 334 das Nähere über die ersten Anordnungen d'Aubignosc's. Der Amtmann Compe fehlt hier.

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am 11. März das Protokoll der Übergabe des Landes zu unterzeichnen. So trat ein provisorischer Zustand für Lauenburg ein, der in der Biographie Gottschalks mit folgenden Worten geschildert wird : „Als im Jahre 1810 Hannover dem Königreiche Westfalen einverleibt wurde, reservierte sich Napoleon das Herzogtum Lauenburg, erklärte es für eine extraordinäre Krondomäne und setzte zu Lauenburg eine Administrationskommission nieder, zu deren Mitgliedern der Oberforstmeister von Düring, der Zollinspektor Meyer, Landsyndikus Gottschalk und Amtmann Compe in Schwarzenbek ernannt wurden. Das Verhältnis dieser Kommissiort war noch drückender, als das vorhergehende der Gouvemementskommisston und der Subdelegierten, zumal es zu manchen unangenehmen Kollisionen mit der Ratzeburgischen Regierung Anlaß gab, die, weil sie zugleich Justizkollegium war, fortdauerte, jedoch nach den in Paris zugeschnittenen Plänen ihren Wirkungskreis beschränkt sehen mußte."

Übrigens erfahren wie aus den Papieren Gottschalks, daß sich gerade in dieser Zett die Mitglieder des Justizhofes in Ratzeburg zurückzogen. Gottschalk bewarb sich infolgedessen um die Stelle eines Assessors an diesem Gerichtshofe und erhielt sie auch. Indessen geht aus dem Schreiben, welches aus Hamburg, wahrscheinlich von d'Aubignosc, an die Mitglieder der Administrationskommission gerichtet ist, hervor, daß die Bestätigung beim französischen Minister nur dann beantragt werden kann, wenn die Vcrhältnisse dieselbcn bleiben. Dem Wunsche Gottschalks, seinen Wohnsitz in Ratzeburg zu nehmen, will sich d'Aubignosc nicht entgegenstellen, wenn es auch von Wichtigkeit wäre, daß alle Mitglieder der Administrationskommission ihren Sitz zusammen hätten.

Dieser provisorische Zustand mußte bald ein Ende nehmen; er mußte zur Einverleibung Lauenburgs in das französische Kaiserreich führen. Auch auf diese fernere Gestaltung der Dinge hatte d'Aubignosc Einfluß. In

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den „Erinnerungen aus den Jahren 1803 bis 1813" 1) lesen wir darüber folgendes: „d'Aubignosc fuhr fort mit der Regierung in Kassel wegen Abteilung der 15 000 Seelen für den Kaiser auf eine Art zu communicieren, welche die Sache immer weitläufiger machte und Veranlassung gab, daß ihm für seine Person vorteilhafte Anerbietungen gemacht wurden, die er gänzlich ablehnte, da er recht wohl begriff, daß Jrome nicht mehr als jeder französische höhere Staatsdiener war, im Gegenteil, dieser sich noch mehr dünkte zu sein oder werden zu können, als ein, nur durch die Gnade des Bruder Kaisers, neu geschaffener König."

„An den französischen Gesandten in Cassel, den Grafen Villemanzy und Staatsrat Réal im Cabinet des Kaisers, wurde hervorgehoben, wie Lauenburg in westfälischen Händen, in so naher Berührung mit Hamburg, Mecklenburg und der preußischen Grenze, den Contreband nur begünstigen müßte. Eine Saite, die in Napoleons Seele mächtig anklang."

„d'Aubignosc ließ bei keiner Gelegenheit unbemerkt, daß Lauenburg besser ganz unter des Kaisers Abministration zu bleiben hätte, und das Land Hadeln, ehemals integrierender Teil Lauenburgs, dazu zu schlagen wäre, um so auch zwischen Hamburg und Bremen den Contreband besser überwachen zu können. Sein Plan ging dahin, die Intendanz von Lauenburg zu bekommen, welches ihm sehr gelegen schien, um von da seinen Einfluß weiter auszudehnen. Diese Informationen aber gaben der Sache eine ganz unvorhergesehene Wendung und endeten mit der Einverleibung des größten Teiles der dem König von Westfalen eben gegebenen Provinzen und der Hansestädte mit dem großen Reiche."

Die Errichtung der drei hanseatischen Departements, so lesen wir in der Biographie Gottschalks weiter, führte eine neue Änderung in dessen persönlicher Lage herbei. Gottschalk hatte sich früher mehr aus bloßem wissenschaft-
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1) Von einem Zeitgenossen. Leipzig und Hannover 1843.

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lichen Interesse mit der französischen Jurisprudenz beschäftigt, und dies veranlaßte jetzt seinen Plan, sich mit der Advokatur zu beschäftigen und dadurch eine Unabhängigkeit und eine Einnahme zu suchen, wie sie ihm seine Anstellung im französischen Dienst gewähren konnte. Er zog nach Lübeck, ließ sich als Advokat bei dem kaiserlichen Gerichtshofe in Hamburg aufnehmen, und die Umstände begünstigten die Ausführung seines eben erwähnten Planes. Er plädierte die Sache der Madame Rosa 1) Schlötzer, welche eine litterarische Celebrität erhalten hat, und die Sachen mehrerer Gutsherrn, welche durch die zweifelhaften Bestimmungen des Kaiserlichen Dekrets über die Feudalverhältnisse mit ihren Gutsleuten in Streit gerieten, und fand so eine Advokatur, die sehr rühmlich und in Ansehung der Einnahmen besser war als alle seine vorherigen Verhältnisse. Ueber den Rechtsstreit des Gutsbesitzers von Hammerstein zu Castorf wider den Halbhufner G. Meyer daselbst wegen gutsherrlicher Gefälle ließ Gottschalk Bemerkungen drucken, Lübeck 1813, welche ein wichtiger Beitrag zu dem noch nicht aufgeklärten Meierrechte hiesigen Landes sind. 2)

Über die Bemühungen Gottschalks, sich eine neue Stelle zu verschaffen, erfahren wir aus seinen Briefen folgendes. Zunächst wandte er sich an d'Aubignosc mit der Bitte, ihm eine Stelle an dem Lübecker Tribunal zu verschaffen. Dieser aber schrieb ihm am 5. Januar 1811, Gottschalk habe seinen Einfluß überschätzt, er solle sich an „Monsieur Chevalier Faure" wenden, der in diesen Dingen zu entscheiden habe. Wie wir aus verschiedenen
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1) Soll wohl heißen: Dorothea Schlözer. Diese war verheiratet mit dem Lübecker Senator von Rodde, dessen Geschäft damals zusammenbrach. Ob sich darauf dieser Prozeß bezieht, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.

2) Es handelte sich um die Anwendung des kaiserlichen Dekrets vom 2. 12. 1811 über die Beseitigung des Lehnwesens auf die gutsherrlichen Leistungen der Bauern. So wurden eine Menge Prozesse geführt zwischen Gutsherren und Gutsleuten über die Frage, ob die Pflichten der letzteren gegen die ersteren durch das gedachte kaiserliche Dekret aboliert oder bloß loskäuflich geworden sind. Die in der Lübecker Bibliothek befindlichen Schrift Gottschalks behandelt diese Frage.

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Entwürfen, die im Konzept erhalten sind, sehen, hat Gottschalk diesen Rat befolgt. Schon am 9. Januar 1811 wandte er sich an Faure und schildert seine Laufbahn als Landsyndikus, Provinzialdelegierter und Mitglied der kaiserlichen Administrativkommission. Er bittet um eine Anstellung als kaiserlicher „procureur" oder als Richter bei dem Tribunal, welches die Lauenburgischen Rechtsfälle behandeln wird, mit seinem Wohnsitze in Ratzeburg, in Lauenburg oder in Lübeck. Als Zeugen für seine loyale Gesinnung führt er d'Aubiguosc an. Dieser hat ihn auf Vorschlag der Kommission zum provisorischen Assessor des Hofgerichtes ernannt, und nun wünscht er demgemäß einen Platz in der neuen Organisation. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich mit dem Code Napoleon und französischer Korrespondenz. Am 31. August 1811 schrieb ihm der Substitut des kaiserlichen Prokurators Wichmann, da das Tribunal beschlossen habe, ihn provisorisch als avoué, d. h. Anwalt bei gedachtem Tribunal anzustellen, so lade er ihn ein, sich am nächsten Dienstag, den 3. September, morgens 11 Uhr, zur Beeidigung im Audienzsaal zu „sistieren". Trotz seines seines amtlichen Charakters ist dieses Schreiben deutsch abgefaßt. Gottschalk sah sich genötigt, seinen Wohnsitz nach Lübeck zu verlegen, Erst am 30. Dezember im Schloß der Tuilerien wurde die Kaiserliche Verordnung folgenden Inhalts erlassen: nous avons nommé et nommons Suppléant du juge de paix du Canton de Lübeck (No. 2) arrondissement du tribunal de première instance à Lubeck département des Boucbes de l'Elbe Mr. Jean Martin Chrétien Gottschalk, avocat en remplacement du Sr. Lendenberg non acceptant.

So hörte in Lauenburg die Interimsverwaltung d'Aubignoscs und der altbewährten lauenburgischen Beamten auf, denn die wichtigsten und bestbesoldeten Stellen, namentlich in der Justiz, fielen Franzosen anheim. Hierauf bezieht sich die Klage des Amtmanns Compe in Schwarzenbek an den Unterpräfekt v. Gruben: „Wer hätte ahnen können, daß Männer, die mehrere

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Jahre lang dem Staate gedient haben und eine gute Bestallung hatten, auch wohl gar bei den Oberen für sehr geschickte und besonders brauchbare Männer galten, daß solche Männer es jetzt für ein Glück halten müssen, wenn sie eine kleine Stelle wiedererhalten? Es werden garzuviele Familien unglücklich." Bei dieser Wendung im Leben Gottschalks möchte es wohl angebracht sein, das Unglück der Franzosenherrschaft für Lauenburg an einigen Bildern zu zeigen.

Auch hier werden ja manche Einrichtungen, die die Franzosen mitbrachten, mit Freude begrüßt sein, wie die Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens, die Schwurgerichte und die Aufhebung der letzten Reste des Lehnswesens, wenn auch die plötzliche Abschaffung des ländlichen Meiere[i]rechtes manche Streitigkeiten mit sich brachte. Aber was wollte das sagen gegen die furchtbaren Lasten, welche die Fremdherrschaft auferlegte? Zunächst mußte ja das Land noch schwer tragen an der in der französischen Okkupationszeit entstandenen Schuldenlast. Nicht einmal die Zinsen dieser Schulden konnten damals bezahlt werden, fielen doch gerade die Einnahmen, die unser Ländchen jetzt zu einem verhältnismäßig gut gestellten machen, damals weg, nämlich die Einnahmen aus den Domänen und Forsten. Die Pachtgelder der ersteren waren als Dotationen an französische Marschälle und hohe Beamte verliehen 1). So hatte der Palastmarschall Duroc die Erträge von Steinhorst, der Ceremonienmeister Segur die von Schwarzenbek und der berühmte Marschall Rey die von Lauenburg erhalten. Die Einnahmen aus den Waldungen hatten durch übermäßiges Abholzen und namentlich durch den Mangel an Absatzquellen für das Holz sehr abgenommen 2)
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1) Suroc erhielt aus den Ämtern Steinhorst und Ratzeburg 85 000 Franks; Rey aus den Ämtern Lauenburg und Ratzeburg 83000 Franks und der Graf Segur aus dem Amte Schwarzenbek 20 000 Franks. Mithin gingen jährlich aus dem Lauenburgischen 218 000 Franks ins Ausland. S. Zander, Archiv für Lauenburg III, 323.
2) Schon am 18. Februar 1807 berichtete der Oberforstmeister von Düring, es sei nur zu bekannt, wie sehr die Forsten in den ver-

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Außer den alten Schulden waren aber auch noch die laufenden Ausgaben für das Heer zu bezahlen, und die Mittel eines Landes für dieses flüssig zu machen, war immer das Hauptstreben Napoleons. Auf Ausgaben für Beamtenbesoldung, für Zwecke des Kultus und Unterrichts wurde wenig Rücksicht genommen, und die Ausgaben für wohltätige Zwecke wurden einfach gestrichen. Jahre lang haben die Beamten ihren [sic!] oft kärglichen Gehalt nicht bekommen können, wie uns das Beispiel Gottschalks gezeigt hat. Das Heer verschlang alles, und namentlich im Jahre 1811, wo zu dem großen Kriege gegen Rußland gerüstet wurde. Die neuen Untertanen wurden mit einem ganzen Bouquet von neuen Steuern und Abgaben beglückt 1). Zunächst war eine Grundsteuer zu bezahlen, die nicht nur sehr hoch, sondern auch höchst leichtsinnig verteilt war. Dazu kam dann die Personal- und Mobiliensteuer. Die erstere mußte von allen seit einem Jahre in der Gemeinde wohnenden Personen beiderlei Geschlechtes, die über einundzwanzig Jahre alt waren, bezahlt werden, mit Ausnahme der bei ihren Ehemännern wohnenden Frauen, der in Lohn und Kost stehenden Dienstboten, der über sechzig Jahre alten Personen und der völlig Armen. Die Steuereinheit bildete der dreitägige Arbeitslohn. Der Preis eines Arbeitstages war für die Hansestädte auf 1,50 Frank festgesetzt. Dazu kam noch die Mobiliarsteuer, die so viel Centimes betrug, als der Mietswert der Wohnungen auf Franks eingeschätzt war, und ferner eine hohe Tür- und Fenstersteuer. Diese Steuern waren sämtlich Repartitionssteuern,
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gangenen Jahren gelitten hätten. Ganze Distrikte seien ganz abgetrieben. Von schwerwiegendem Einflusse sei auch die Verschlechterung der Absatzverhältnisse. Früher zu den Zeiten der ersten Okkupation hätten die lauenburgischen Forstbehörden fast alles Holz nach Lübeck verkauft, ja die lauenburgischen Ämter seien die einzigen gewesen, die den Bedarf des Lübecker Holzhandels gedeckt hätten. Jetzt aber liege seit den unglücklichen Verhältnissen, die Lübeck im November 1806 betroffen hätten, Handel und Verkehr darnieder, und das Holz finde keinen Absatz. - Besser war es bis 1811 auf keinen Fall geworden, eher schlimmer.
2) Das Folgende ist entnommen aus Thimme a. a. O. II, 640 ff.

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d. h. es wurde eine bestimmte Summe festgesetzt, die repartiert wurde. Im zweiten Halbjahr 1811 war z. B. für das Elbdepartement eine Summe von 229 050 Fr. festgesetzt, die aufgebracht werden mußte als Personal- und Mobiliarsteuer, ferner 114 525 Fr. als Türen- und Fenstersteuer.

Für die Gewerbetreibenden kam dazu die Patentsteuer, die in sieben Klassen bezahlt wurde; die erste Klasse erlegte je nach der Art des Gewerbes jährlich 40-300 Fr., die letzte 3-20 Fr. Dazu kamen noch sehr drückende indirekte Steuern, die sog. droits réunis, die auf alle möglichen Gegenstände gelegt waren, wie Wein, Branntwein, Essig, Bier, Tabak, Salz, Fuhrwerke, Spielkarten, Gold- und Silberarbeiten usw. Für den Verkauf des Weines im Großen mußte z. B. der zwanzigste Teil des Verkaufspreises als Abgabe entrichtet werden. Dazu kamen noch sehr hohe Stempelgebühren und die gewaltigen französischen Eingangs- und Ausgangszölle. Für die einkommenden Waren mußten 15 Prozent vom Werte bezahlt werden, und außerdem wurden noch von jedem Frank des Zolles 10 Cts. als außerordentliche Kriegssteuer erhoben. Der Handel mit Frankreich war anfangs freigegeben, wurde aber gegen dieses Land, wie auch gegen Holland bald durch sehr hohe Zollschranken gehindert.

Das waren die allgemeinen Lasten, die eine damals durchaus nicht steuerkräftige Bevölkerung trafen, denn das ganze Erwerbsleben lag vollständig zu Boden. Durch die rücksichtslose Gewaltherrschaft Napoleons wurden sogar einzelne Berufsarten ganz und gar vernichtet. Wir haben es in unseren Tagen erlebt, daß infolge eines Streiks im Seemannsgewerbe kurze Zeit hindurch in Hamburg Handel und Verkehr daniederlagen, und erfahren, welche Folgen das für viele Existenzen hatte; nun denke man sich aber eine Jahre lang den Handel Vernichtende Maßregel wie die Kontinentalsperre! Über dreihundert Hamburgische Seeschiffe lagen damals abgetakelt im Hamburger Hafen, und die Assekuranz-

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kompagnien der Stadt erlitten in den nächsten drei Jahren nach der Besetzung durch die Franzosen einen Verlust von zwanzig Millionen Franks. Nun muß man sich denken, wie viele Gewerbe, die mit dem Seemannsgewerbe und dem Handel eng zusammenhängen, ebenfalls vernichtet wurden. In Hamburg konnten sich von den 428 Zuckersiedereien nur einige wenige erhalten, die Kattundruckereien hatten sämtlich aufgehört 1).

Ferner wurden wie mit einem Schlage, die kleinen Tabaksspinnereien durch die Regie des Tabaks vernichtet. Trotz aller Klagen und Bemühungen der Präfekten, die ihren Städten gerne eine blühende Industrie erhalten wollten, wurde in den drei Departements nur eine staatliche Tabaksfabrik in Bremen zugelassen. Hierdurch wurden hunderte von Arbeitern brotlos und ebenfalls eine Reihe von Händlern, denn die Fabrikate wurden nur an wenige bestimmte Personen gegen eine festgesetzte Prämie zum Verkauf überlassen. Die Kontrebande mit Tabak wurde auf das schwerste bestraft, nämlich nach Beschaffenheit der Umstände mit Ketten und selbst mit dem Tode. Führer der Vereinigungen von Schleichhändlern erhalten als Strafe zehnjährige Zwangsarbeit und Brandmarkung 2).

Naturgemäß waren auch die notwendigsten Lebensbedürfnisse sehr verteuert. Da der Kaffee und Zucker per Pfund mit 1 3/4 Talern bezahlt werden mußte, so waren sie für den Mittelstand fast unerschwinglich und zum Ersatz für den Kaffee griff man zu gerösteten Eicheln, Schwarzbrot und Roggen. Die Hausfrauen siedeten keine Früchte mehr ein, statt des Tabaks wurde Erdlattig geraucht und Wein wurde aus Johannisbeeren gekeltert.

Allerdings versuchte die französische Regierung die bisher von England eingeführten Kolonialwaren möglichst entbehrlich zu machen. Als Ersatz für den west-
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1) S. Perthes, Leben I, 210.
2) Nach einer in der Lübecker Stadtbibliothek erhaltenen Verordnung.

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indischen Zucker wurde damals der Anbau der Runkelrübe zur Zuckerfabrikation nicht nur empfohlen, sondern im Napoleonischen Geiste streng erzwungen. So findet sich in der Lübecker Bibliothek das Formular eines Anschreibens an Herren Zuckerfabrikant ... mit folgendem Inhalt: Mein Herr. S. M. haben eine gewisse Anzahl Licenzen zur Anlegung von Fabriken von Runkelrübenzucker bewilligt, welche vorzugsweise auch an Zuckersieder verteilt werden sollen. Es müssen von 1812 bis 1813 10 000 Kilogramm roher Zucker verfertigt werden. Es folgt dann eine Anweisung zum Bau von Runkelrüben. Nach einer anderen Verfügung müssen 1000 Hektar in dem Departement der Niederelbe damit bepflanzt werden, und zwei vom Maire ernannte Mitglieder des Gemeinderates sollen beaufsichtigen, daß man die Pflanzen fleißig behackt, reinigt und, wo es notwendig ist, junge Pflanzen versetzt.

Bei den damaligen Verhältnissen, wo es an Unternehmungslust und Geldmitteln fehlte, konnte die neue Industrie nicht aufkommen. Auch Versuche der Regierung, Handel und Verkehr durch Anlage von Straßen zu heben, blieben in den Anfängen stecken. So fordert der Unterpräfekt von Lübeck alle Steinsetzer und Maurer, die pflastern können und an dem Steinpflaster auf der Landstraße von Hamburg nach Paris zu arbeiten wünschen, auf, sich in Harburg zu melden. Der Preis der Pflasterarbeit beträgt für den Quadratmeter 5 Mark 8 Schilling. Jeden Sonntag soll bezahlt werden. Wir wissen aber aus den amtlichen Berichten des Präfekten des Oberemsdepartements, durch welches die Straße führte, daß die Bezahlung für die Arbeit sehr im Rückstande blieb. Ebenso kam der geplante und nach Napoleonischer Manier mit hochtönenden Phrasen angekündigte Kanal zwischen der Seine und Ostsee nicht über die ersten Vorarbeiten hinaus 1). Das letzte Glied bis zur Ostsee bildete unser Stecknitzkanal, und deshalb interessiert uns
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1) S. über das Folgende die Zeitschrift des Vereins für Lübecksche Geschichte VII, 290 ff.

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diese Frage. Schon im Jahre 1809 wurde in Hamburg über einen etwaigen Eintritt der Hansestädte in den Rheinbund verhandelt, dabei wurde von Lübeck bei den französischen Gesandten Reinhard und Bourienne allerlei Wünschenswertes vorgebracht, darunter auch die Stecknitzverbesserung. Als nun im Jahre 1810 sich das Gerücht verbreitete, es sei im Werke auch die nördlichen Landstriche des Kurfürstentums Hannover mit dem Königreiche Westfalen zu vereinigen, da schickte der Lübecker Senat eine Denkschrift an den damals in Paris weilenden Senator Overbeck, damit dieser im passenden Augenblick sie der französischen Regierung unterbreite. Eine Kontinental-Schiffahrt ohne Benutzung der Nordsee bis zur Ostsee mußte aber Frankreich sehr lockend erscheinen, und wenn das vom Syndikus Curtius entworfene Memoire schon diesen Plan rühmte, so hob das Begleitschreiben Overbecks mit kühner Phantasie hervor, daß unter Napoleons des Großen Auspizien und zum Erstaunen Europas künftig zwischen Lübeck und Cette am Mittelländischen Meere und sogar zwischen Petersburg und der Wolga einerseits und dem Mittelländischen Meere anderseits ein großer Kanal entstehen würde. Die französische Regierung und besonders auch d'Aubignosc interessierten sich sehr für einen Stecknitzkanal, auf dem auch mäßige Schiffe zu 50 Lasten fahren sollten. Im Frühjahr 1813 aber waren erst die Vorarbeiten beendigt, und bald darauf wurde alles durch den Zusammenbruch der Macht Napoleons vereitelt. Ob der Kanal damals großen Wert gehabt hätte, ist doch sehr fraglich, da die Franzosen die Ostsee nicht beherrschten und alle Versuche Napoleons Schiffe zu bauen, was er auch in Hamburg und Lübeck unternahm, keinen rechten Erfolg hatten. Vor allem fehlte es ihm an Seeleuten, wenn er diese auch überall auszuheben versuchte.

Damit aber komme ich auf den letzten großen Übelstand der Franzosenherrschaft, der neben dem Druck der Steuern und dem Daniederliegen alles Handels und

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Gewerbes, wie der Amtmann Compe sagt, garzuviele Familien unglücklich machte, das ist die Konskription. Man braucht nur die langen Listen derer zu lesen, die sich der Aushebung entzogen. Sie wollten nicht in fernen Ländern, namentlich in Spanien, eines elenden Todes für eine fremde Sache sterben. Stellvertretung war anfangs allerdings gestattet, aber ein Stellvertreter mußte unter 30 Jahre alt sein, anderthalb Zoll größer als der Konskribierte sein und kostete 2 bis 3000 Mark. Später war es auch nicht mehr erlaubt, einen Stellvertreter zu kaufen. So kann man sagen: soviel Konskribierte, soviel Widerspenstige. In das Departement der Oberems mußte 1812 ein Halbbrigade von 3000 Mann einrücken, um die Konskription mit Waffengewalt durchzusetzen und die Flüchtigen aufzugreifen. Wurden sie gefaßt, so hatten sie die schwersten Strafen zu erleiden; wenn das nicht gelang, so hatten die Angehörigen darunter zu leiden. Ganz besonderen Wert legte Napoleon auf die Konskription von Seeleuten in den eben erworbenen drei Departements. So gab er am 18. März 1811 den Befehl zur Aushebung von 3000 Seeleuten, deren Dienstpflicht sogar bis zum vollendeten fünfzigsten Lebensjahre dauern sollte. Beim Mangel an wirklich seetüchtigen Matrosen wurden arme Fischermeister und deren Gesellen eingestellt, ja auf die Ratzeburger Böter wurde damals zurückgegriffen. Von den Gemusterten wurden aus Lübeck fünfzig, worunter viele Familienväter, nach Antwerpen abgeführt und späterhin auf Kriegsschiffe in verschiedenen französischen Häfen verteilt.

Leider habe ich dieses kleine Bild der Zustände unter der französischen Herrschaft nicht durch Familienbriefe aus der damaligen Zeit, die gewiß einen besonderen Wert haben würden, vervollständigen können. Nur einige wenige Berichte des Ratzeburger Magistrats aus etwas früherer Zeit haben zu Gebote gestanden 1). Der Grund zur Verarmung Ratzeburgs war schon Ende des
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1) Thimme a. a. O. I, 396.

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Jahres 1806 gelegt worden, denn im November allein hatte das Amt Ratzeburg, wie schon oben erwähnt, 50 000 Mann Einquartierung zu tragen, und wie diese hausten, davon geben einige Privatbriefe Zeugnis, die ich früher in einem Aufsatze über die Franzosenzeit in diesem Archiv mitgeteilt habe. Die Folgen zeigen sich später in der traurigsten Weise. Bei der auch im Frieden nicht aufhörenden Einquartierungslast meldet der Magistrat im Jahre 1808, die Bürgerschaft sei durch die fortwährenden Kriegslasten, unter denen die Einquartierung die erste Stelle einnehme, so heruntergekommen, daß von 218 Häusern nur die Hälfte belegt werden könne. Und von der Verarmung der Handwerker und Kaufleute laufen bei der Regierung in Hannover ergreifende Berichte ein. In Ratzeburg wie anderswo werden besonders die Tischler, Zimmerleute und Maurer als die bezeichnet, welche am meisten unter der Krisis zu leiden haben. Wer wollte auch in der damaligen Zeit bauen? In Handels- wie in Handwerkerkreisen fanden zahlreiche Konkurse statt.

Unter diesen Verhältnissen war auch die allgemeine Sicherheit bedroht. Die Vergehen gegen das Eigentum nahmen so zu, daß hier wie in anderen Städten freiwillige Bürgerwehren sich bildeten, die des Nachts in den Straßen vigilierten. Hier und da sammelten sich sogar bewaffnete Räuberbanden, welche die Einbrüche im Großen betrieben und sogar die Landstraßen unsicher machten.

Für Lauenburg war es ein Unglück, daß es durch d'Aubignoscs Bemühungen von Hannover getrennt wurde, denn in dem Königreich Westfalen, zu dem doch noch ein großer Teil Hannovers gehörte, waren noch deutsche Beamte in ihren Stellungen geblieben, und diese suchten nach ihren Kräften größerem Unheil vorzubeugen. Auch für Lauenburg wäre es ein großer Segen gewesen, wenn Männer wie Gottschalk, Compe und Düring ihre alte Stellung und damit ihren Einfluß behauptet hätten. Man hat wohl gesagt: In Westfalen

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war die Fremdherrschaft schwer, in den hanseatischen Departements aber unerträglich. Lediglich infolge des ruhigen Temperaments und des gesetzlichen Sinnes der Niedersachsen kam es nicht zu offenen Gewalttaten gegen einzelne Franzosen; als aber 1813 die ersten Russen kamen, da loderten die Flammen des Aufstandes empor, noch ehe die französische Heeresmacht vertrieben war. Wir folgen von nun an wieder den Aufzeichnungen Gottschalks.

Der unglückliche Feldzug der Franzosen nach Rußland hatte im März 1813 die russischen Truppen in unsere Gegend geführt, und unter ihrem Schutze hatte sich der Senat in Lübeck wieder eingesetzt und die Regierung in Ratzeburg wiederhergestellt. Diese forderte am 20. März alle Staatsdiener auf, in ihre vorigen Verhältnisse zurückzukehren und schon am 21. d. MtS. befand sich Gottschalk auf seinem alten Posten.

Als die Regierung die Einwohner zu den Waffen rief, hielt Gottschalk es für seine Pflicht, nach seinen Kräften und Verhältnissen diese Absicht unterstützen zu helfen. Er erließ in der Stadt Ratzeburg einen Aufruf, der in Mölln und Lauenburg nachgedruckt und verbreitet wurde und allgemeinen Anklang fand. Daher mußte er, als die Franzosen nach dem ersten Waffenstillstande Hamburg und die hiesige Gegend zum zweiten Male besetzten, vor ihrer Verfolgung sich zu entziehen suchen, und er verließ am 24. August 1813 Ratzeburg mit schwerem, kummervollem, jedoch von Hoffnung und Trost nicht entblößtem Herzen. In einer Entfernung von 1 1/2 Meilen von Ratzeburg fand er in dem Stifte Ratzeburg einen dem Anscheine nach sicheren und ruhigen Aufenthaltsort, wo er so lange zu bleiben gedachte, bis die seiner Überzeugung noch [sic!] unvermeidliche Änderung der Dinge eintreten würde, und dann sofort auf seinen Posten zurückkehren zu können. In dem Augenblick aber, wo die Nachrichten von den ersten günstigen Ereignissen für die Alliirten die Hoffnung einer baldigen Erlösung belebten, traf ihn persönlich ein sehr harter Schlag, wodurch er in große

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Lebensgefahr kam. Die Franzosen waren nämlich von Ratzeburg aus in das Stift Ratzeburg, welches bis dahin von den russischen Vorposten gedeckt war, ganz unerwartet vorgedrungen. In der Nähe seines Aufenthaltortes fiel in der Nacht vom 17.-18. September ein Vorpostengefecht vor, in welchem die Russen zurückgedrängt wurden. Von dem Gewehrfeuer vor seinem Asyl aufgeweckt, wurde er von den einbrechenden Franzosen aus dem Bette gerissen und mit mehreren in der Gegend aufgehobenen Landleuten fortgeschleppt. Man raubte ihm seine Kleider unter den Händen weg, indem er sie anziehen wollte, ließ ihm keine Zeit seine Füße zu bekleiden und zog ihn mit entblößtem Haupte und im Nachtzeuge mit seinen Unglücksgefährten durch den tiefsten Schmutz 1 1/2 Meilen weit fort nach bem Dorfe Ziethen, wo sie zu anderen Gefangenen in der Kirche eingesperrt wurden. Hier blieben die Gefangenen jedoch nicht lange, sondern wurden noch an demselben Tage in das Hauptquartier nach Ratzeburg gebracht, um vor den Prinzen Eckmühl gestellt zu werden. Da Eckmühl gerade in einer günstigen Stimmung zurückgekehrt war von einem Gefechte und ein Frauenzimmer sich für Gottschalk bei einem der höchsten Stabsoffiziere verwendete, so erhielt er, ohne vor Eckmühl gestellt zu werden, einen Paß auf Lübeck, wo er von einem Freunde aufgenommen und verborgen gehalten wurde.

Die Folgen der erlittenen Mißhandlung, der Erkältung und Gemütsanstrengung warfen Gottschalk auf ein zehnwöchentliches Krankenlager. Seine Genesung wurde durch die Besorgnis einer weiteren Verfolgung und durch alle die Drangsale, welche die Einwohner Lübecks in jener Zeit in ihrem Belagerungszustandc zu erdulden hatten, erschwert und verzögert, so daß die erfreuliche Nachricht der Kapitulation vom 5. Dezember 1813 noch gefährlich auf seinen geschwächten Gesundheitszustand wirkte und einen Rückfall befürchten ließ. Aber er konnte doch schon am 11. Dezember auf seinen Posten nach Ratze-

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burg zurückkehren, Wenn auch die Folgen jener Krankheit noch sehr fühlbar nachwirkten.

Bei seiner Rückkehr in die vorigen Verhältnisse als Landsyndikus und Stadtkommissarius zu Ratzeburg erweiterte sich sein Geschäftskreis noch mehr, indem ihm außer den schon früher verwalteten Justiaraten von fünf adligen Gütern auch die von fünfzehn anderen übertragen wurden.

Die Vereinigung der Provinzial-Landschaften in eine allgemeine hannoversche Ständeversammlung, zu welcher von der Lauenburgischen Ritterschaft zwei und von den Städten ein Deputierter abgeordnet werden mußten, gab die Veranlassung, daß Gottschalk am 6. Dezember 1814 nach Hannover reiste und teilnahm an den Verhandlungen der Stände. Sein heller und praktischer Blick, sowie seine Umsicht und Gewandtheit in den Geschäften wurden sehr bald erkannt und gewürdigt. Er wurde zum Mitgliede zweier verschiebener Kommissionen ernannt, von denen die eine über die Verbindlichkeit des Königreichs zur Anerkenntnis der während der französischen Okkupation kontrahirten gemeinschaftlichen und privativen landschaftlichen Schulden und die andere über die Art und Weise, wie die gesamten hannoverschen Landesschulben dem Wunsche des Prinzen-Regenten gemäß in ein Ganzes vereinigt und die dadurch für Provinzen und einzelne Individuen entstehenden Nachteile vermieden werden könnten, zu berichten hatte. In beiden Kommissionen wurde er zum Protokollführer erwählt und ihm zugleich aufgetragen, den Bericht an das Plenum der Versammlung zu redigiren. Außer diesen Kommissionsarbeiten nahm er auch mit dem lebhaftesten Interesse an den Geschäften des Pleni Anteil. Seine Tendenz im reden Schreiben war stets dahin gerichtet, daß die aus den verschiedenen Ständen des Adels, der Geistlichkeit und der Städte zusammengesetzte Versammlung mit Beiseitesetzung alles partikulären Standes- und provinziellen Interesses nur das Gesamtwohl des Ganzen vor Augen behalten, unter Rücksicht auf bestehende Verhält-

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nisse eine gleichmäßige, die zahlreiche Klasse der Armen schonende Verteilung der Staatslasten und ein stets ununterbrochenes Einverständnis mit der Regierung sich zum Ziele setzen möge.

Gottschalks Teilnahme an diesen Arbeiten wurde durch die politische Veränderung, welche das Herzogtum Lauenburg betraf und welche ihn in diese Provinz, der er durch nähere Verhältnisse angehörte, zurückrief, unterbrochen.

Obwohl ihn die Veränderung des Schicksals seiner Provinz bitter schmerzte, da ja sie auch wegen ihrer Anhänglichkeit an ihren Herrn und wegen der von ihr erduldeten schweren Kriegs-Drangsale die gerechtesten Ansprüche hatte, daß die Wunden, welche ihr eben jene Anhänglichkeit geschlagen hatte, wieder geheilt werden möchten, so wurde doch sein verletztes Gemüt bald wieder besänftigt, indem er in dem Ereignisse, das sein Land betraf, den höheren und weisen Willen der Vorsehung verehrte; und von Verehrung für die hohe Persönlichkeit des neuen Beherrschers von Lauenburg durchdrungen, folgte er gewiß ebenso sehr seinem Gefühle, wie seiner Pflicht gegen das Land, dem er diente, wenn er eine Dankadresse für die Bestätigung der Lauenburgischen Verfassung entwarf und in Vorschlag brachte und zur Absendung einer Deputation nach Kopenhagen riet, um dem Könige die Devotion der Landstände zu bezeugen. Zu dieser Deputation wurde Gottschalk selbst mitgewählt, und des Königs Majestät ernannte ihn zum Etatsrate und beschenkte ihn mit dem Ritterkreuze des Danebrogordens. Gottschalks ausgezeichnete Tüchtigkeit, seine umfassende Gesetzkenntnis und sein erleuchteter Patriotismus konnte der dänischen Regierung nicht lange unbekannt bleiben, und sie berief ihn im Jahre 1821 als zweiten Rat in die Landesregierung des Herzogtums Lauenburg. Bei seinem Austritte aus seinen bisherigen Verhältnissen als Landsyndikus und Stadtkommissar brachte ihm die Ritter- und Landschaft als Beweis ihrer Anerkennung

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seiner großen Verdienste um des Landes Wohl das Ehrengeschenk einer wertvollen goldenen Dose.

Auch bei dem Übergange in die neuen Verhältnisse unter dänischer Herrschaft blieben Schwierigkeiten finanzieller Art nicht aus. So ist in Gottschalks Papieren das Konzept einer Eingabe an die königliche Hohe Kammer zu Hannover vom 26. September 1815 erhalten, in der Gottschalk untertänigst um gnädige Auszahlung seiner rückständigen Gage wenigstens für die Periode bittet, in der andere Beamte solche erhalten haben.

Anderseits fehlt es auch nicht an Ausdrücken des Vertrauens einem so bewährten Beamten gegenüber. Am 2. Dezember richteten Bürgermeister und Rat von Ratzeburg an Herrn Landsyndikus Gottschalk ein gehorsamstes Pro Memoria. „Sie fürchten bei der jetzigen zweifelhaften Lage, ob sie unter Hannover bleiben werden, ihren Stadtkommissar zu verlieren, indem es für diesen ein leichtes sein würde, in Hannover eine andere Stelle uu erhalten, und bitten ihn sie nicht zu verlassen, namentlich wenn eine andere Landesherrschaft stattfinden sollte." Wir wissen aus den obigen Aufzeichnungen, daß Gottschalk in Lauenburg blieb und sich sogar gerne und willig in die dänische Herrschaft fügte. Wir wissen auch, daß es ihm an Anerkennungen und Auszeichnungen von seiten der neuen Regierung nicht fehlte; doch dieser letzte große Abschnitt seines Lebens gehört nicht mehr in den Rahmen dieses kleinen Aufsatzes hinein, der im Anschluß an Gottschalks Leben ein Bild von der Franzosenzeit geben sollte.

 


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