Jahresband 1909

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

Einiges vom Zehntregister des Bistums Ratzeburg für Nichtgelehrte.

[Hg.]
 

Es ist in diesem Archiv schon viel von dem Zehntenregister des Bistums Ratzeburg die Rede gewesen, sodaß vorausgesetzt werden kann, daß jedermann weiß, daß es sich dabei um ein wichtiges Aktenstück aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts handelt.

Es darf wohl auch als allgemein bekannt angesehen werden, daß der ZEHNTE EINE ART KIRCHENSTEUER war, die in natura und zwar in der Erntezeit eingefordert wurde als 10. oder 20. Hocke von dem auf dem Felde abgemäheten Getreide.

Diese Kirchensteuer war gleich bei der Gründung des Bistums dem Bischof zugesprochen worden, und der erste und ursprünglich einzige Paragraph des betreffenden Gesetzes lautete: DIE GEISTLICHKEIT bezieht IM GANZEN GEBIET DES BISTUMS den 10. Teil aller auf den Feldern, WELCHE CHRISTEN GEHÖREN, eingeernteten Früchte.

Indessen, so heißt, wie die Speise gekocht war, wurde sie auch hier nicht gegessen, wenigstens fanden sich viele, die mit davon genießen wollten; kurz der Bischof mußte sich dazu verstehen, zu Gunsten anderer auf Teile des Zehnten zu verzichten.

Da waren zunächst die Fürsten des Landes, welche Ansprüche machten, und dann die Großgrundbesitzer und endlich die Städte, oder besser gesagt die Burgen und Festungen jener Zeit.

1909/4 - 01 - (95)


1909/4 - 01 - 96

Es erschien billig, daß diejenigen, welche dafür sorgten, daß der Bischof das Erträgnis seiner Steuer in Frieden genießen konnte, von der Zahlung derselben für ihre Personen ausgenommen wurden. Mit den Fürsten und Großgrundbesitzern wurden Verträge geschlossen, wonach die Kirche sich mit ihnen in den Zehnten zu gleichen Hälften teilte.

Anfangs sind nun die Einkünfte aus dieser Kirchensteuer gewiß nur schmal gewesen, in einem Lande, das zum größeren Teile noch von heidnischen Wenden bewohnt war. Deshalb wurden die Wenden genötigt dem Bischof auch ihrerseits eine kleine Abgabe zu geben. Wenn sie sich bequemten Christen zu werden, fiel diese Abgabe weg, und an ihre Stelle trat alsdann der Zehnte.

Da es aber im gleichen Interesse der Kirche und der Fürsten lag, die Umwandlung der Wendenfelder in zehntpflichtige Aecker zu beschleunigen, griff man zu dem Mittel der Kolonisation des Landes durch Deutsche und setzte eine Prämie auf die Einwanderung in Gestalt eines Zehntenteils für die Unternehmer der Kolonisation, die sogenannten Lokatoren.

Damals - im 12. Jahrhundert - war das Kolonisieren noch leichter als jetzt. Der Fürst war fast der einzige Grundeigentümer im Lande, und die wendischen Bauern standen zu ihm im Verhältnis von Zeitpächtern, die bei Kündigung ihrer Pacht nach Jahresfrist mit einer mageren Entschädigung für ihre Gärten und Häuser abziehen mußten. Den deutschen Einwanderern wurden die auf diese Weise freigewordenen Aecker in ERBPACHT gegeben gegen mäßigen Zins aber unter gleichzeitiger Auferlegung des Zehnten.

Ein solch neues deutsches Dorf wurde in der Regel in 12 Hufen gelegt, und Fürst und Bischof teilten sich mit denen, welche die 12 deutschen Bauernfamilien angeworben hatten in den Zehnten, sodaß also der Fürst den Zehnten von 2 Hufen an diesen Mann, den Lokator, der gewöhnlich dann auch die Bauermeisterei übernahm,

1909/4 - 01 - 96


1909/4 - 01 - 97

abtrat und ebenso der Bischof. Jeder der drei Zehntenempfänger hatte also im 12 Hufenkolonistendorf den Zehnten von je 4 Hufen zu beanspruchen, im 24 Hufendorf den von 8 Hufen und so weiter je nach der Größe des Dorfes und der Feldmark.

Es kam bald zu den buntesten Verhältnissen inbezug auf diese Steuer. Da gab es heidnische Wendendörfer, die überhaupt keinen Zehnten entrichteten, da gab es christliche Wendendörfer, die je den halben Zehnten an den Fürsten oder Großgrundbesitzer und den halben an den Bischof bezahlten; da gab es deutsche Kolonistendörfer, die je den 3. Teil des Zehnten an den Bischof, den Fürsten und den Lokator bezahlten. Da aber der Bischof sich seit 1194 mit seinem Kapitel auseinandergesetzt hatte, und ihm den halben Zehnten in einer bestimmten Anzahl Ortschaften überließ, so gab es auch solche Dörfer, in denen neben dem Fürsten, dem Großgrundbesitzer oder dem Lokator das Kapitel als Zehntempfänger auftrat. Durch allerlei Transaktionen wurde dann die Sache noch viel bunter.

In Angelegenheiten von mein und dein muß man aber sorgfältig sein, und es kann nicht überraschen, wenn die Bischöfe, denen ja die Kirchensteuer eigentlich im ganzen Lande allein zukam, ein Buch anlegten, in dem all diese Zehntverhältnisse aufs genaueste angegeben sein SOLLTEN. Die Gunst des Zufalls hat es nun gewollt, daß uns dasjenige Zehntbuch erhalten geblieben ist, welches der Bischof Gottschalk im Jahre 1230 niederschreiben ließ. Leider ist es nicht ganz vollendet, aber da es das einzige ist, nicht nur im Bistum Ratzeburg, sondern IM GANZEN DEUTSCHEN LANDE, das auf uns gekommen ist, so hat es einen außerordentlichen wissenschaftlichen Wert, namentlich weil aus ihm die damalige Kirchenverfassung und die Kolonisationsverhältnisse mit großer Klarheit hervorgehen.

Freilich, dieses Buch war lange Zeit ein Buch mit 7 Siegeln, an deren Lösung viele treffliche Leute ver-

1909/4 - 01 - 97


1909/4 - 01 - 98

geblich gearbeitet haben. Erst kürzlich ist das gelungen, und dazu hat der lauenburgische Geschichtsverein wesentlich mitgewirkt. Wenn jetzt ein helleres Licht auf die Vorgänge in Norddeutschland im 12. und 13. Jahrhundert fällt, an dem die ganze deutsche Welt ein hohes Interesse hat, so dürfen wir uns daran ein gar nicht kleines Verdienst zuschreiben.

Wer den 2. Band unsres Archivs besitzt, findet im 1. Hefte desselben (1887) das Zehntenregister nach der Ausgabe des Ratzeburger Gymnasialdirektors Arndt vom Jahre 1833 abgedruckt. Es ist leider ja, wie es sich für ein wichtiges Aktenstück des 13. Jahrhunderts von selbst versteht, lateinisch geschrieben und deshalb für viele unsrer Vereinsgenossen unverständlich. Aus diesem Grunde wünschte der Vorsitzende des Vereins, Herr Amtsgeischtsrat Dührsen, daß es verdeutscht werde. Indessen dürfte es genügen, um die ganze Anlage kennen zu lernen, wenn nur eine Uebersetzungsprobe und im übrigen eine Inhaltsangabe gegeben wird.

Das Buch beginnt mit einer HISTORISCHEN EINLEITUNG, die aber beileibe nicht unbesehen hingenommen werden darf, denn der brave Mann, der sie schrieb, - wahrscheinlich ein Weltgeistlicher des Stifts Ratzeburg um 1230 - kannte die Geschichte des 12. Jahrhunderts nur aus den Urkunden seines Stifts und hat sich böse Verwechslungen zu Schulden kommen lassen. Er schreibt:

Im Jahre des Herrn 1154, als Papst Hadrian die römische Kirche leitete und der ruhmreiche römische Kaiser und Semperaugustus Friedrich der Rotbart glücklich regierte, wurde das Bistum Ratzeburg von Herzog Heinrich frommen Angedenkens, dem Sohne des Herzogs Heinrich *), welcher zuerst das Herzogtum Sachsen inne hatte, unter Zustimmung und treulicher Mitwirkung des großen Bremer Erzbischofs Hartwig fundiert.
____________________

*) Gemeint ist Herzog Heinrich der Stolze von Bayern und Sachsen 1138/39.

1909/4 - 01 - 98


1909/4 - 01 - 99

Derselbe vorgenannte Herzog Heinrich gab aber einem gewissen Edlen, dem Heinrich von Botwide, die Grafschaft Ratzeburg zu Lehen, durch welche dieser Heinrich zuerst den Titel eines Grafen erlangte.

Und mit dem Beirat des vorgenannten Hartwig von Bremen und zugleich dem des Herzogs Heinrich ward folgendes bestimmt: nämlich, daß in den Provinzen Ratzeburg, Wittenburg und Gadebusch dieser Graf Heinrich den halben Zehnten vom Bischof zu Lehen erhalte und daß die andere Hälfte dem Bischof zur Verfügung bleibe auch von den Allodien (= selbstbewirtschafteten Domänen) des Grafen und nicht minder von allen Neubruchländereien; und jeder, sowohl der Bischof als der Graf, sollen von ihrem Teile belehnen dürfen, WEN sie wollen und WIE sie wollen mit der Ausnahme, daß in jedem Dorfe, welches 12 Hufen oder mehr als 12 Hufen hat, der Bischof den Zehnten von zwei und der Graf den von zwei als „KOLONISATIONSPRÄMIE" hergeben sollen. Wenn aber weniger als 12 Hufen in einem solchen Dorfe sind, soll jeder von ihnen den Zehnten einer Hufe beisteuern.

Das wurde gleichsam als ein Recht festgesetzt und von allen angenommen.

Auf diese Einleitung, welche uns den wertvollen Zehntvertrag zwischen Graf Heinrich, Bischof Evermod und den ersten Lokatoren, der später die Bestätigung des Herzogs sowohl als des Erzbischofs fand, in dankenswerter Weise erhalten hat, folgt alsdann das Zehntenregister mit dieser Ueberschrift:

Folgendes sind die Vom Bischofsanteile gewährten bischöflichen Zehntlehen [in der Provinz Ratzeburg]. Darunter steht noch eine Vorbemerkung: Die Zahlen am Rande beziehen sich auf die Hufenzahl des betreffenden Dorfes. Dann kommt noch der Segenswunsch: Die Gnade des heiligen Geistes sei mit uns. Nun hebt das Register an und zwar so:

1909/4 - 01 - 99


1909/4 - 01 - 100

XXVIII   Im Dorfe Schlagsdorf hat der Priester den Zehnten von 2 Hufen. Den von 8 Hufen, der dem Bischof zustand, hat er dem Reimbold überlassen im Tausch für die Einkünfte, welche Reimbold im Dorfe Rehna hatte. Er (R) hat sie aber nicht als dauerndes Lehen bekommen, sondern nur auf Zeit, solange als es dem Bischof beliebt. Den Zehnten von 3 Hufen hat Johannes.   In der Pfarre Schlagsdorf.

Schon bei dieser ersten Eintragung übersieht man die ganze Anlage des Buches. Der Text in der Mitte enthält die Angabe der Zehntverhältnisse, der äußere Rand das Hufenverzeichnis, der innere Rand das Verzeichnis der Pfarren. Zur Erläuterung des Textes diene folgendes: Es handelt sich bloß um die Verteilung der Zehnten, die dem BISCHOF zustanden, also um die Hälfte aller Zehnten. Da aber am Rande 28 Hufen angegeben sind, während im Texte bloß von 13 die Rede ist, so ist eine Erklärung für diesen Umstand zu suchen, die indessen schon längst gefunden ist. (s. Jahrbuch für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde LXIX p. 320.) Der genannte Johannes dürfte Johann v. Molzan sein; der Zehnte von 3 Hufen ist als Lokatorenzehnt anzusehen. Danach ist Schlagsdorf zunächst als 18 Hufendorf kolonisiert worden. Dazu sind im Laufe der Zeit nicht weniger als 10 ehemalige Wendenhufen gekommen.

Nun folgen die übrigen Dörfer der Schlagsdorfer Pfarre, als Mechow, Schlagbrügge, Molzan usw. Hierauf folgt die Karlower Pfarre mit ihren Dörfern, dann Mustin, Seedorf, Gudow, Breitenfelde, Nusse, Berkenthin, Krumesse, Grönau, St. Georgsberg, Schmilau, Büchen und Mölln. Man sieht, daß 1230 schon alle Kirchen

1909/4 - 01 - 100


1909/4 - 01 - 101

in der Provinz Ratzeburg vorhanden sind, die es jetzt gibt, und auch die jetzigen Dörfer sind fast vollzählig angegeben.

Mit Pezeke (ehemals in der Gegend des jetzigen Marienwohlde gelegen) schließt die Pfarre Mölln als letzte den ersten Teil des Zehntenregisters.

Dann kommt eine neue Ueberschrift, welche lautet: Folgende sind die vom Bischof in der Provinz Wittenburg gewährten Zehntlehen.

Dort wird als erste Pfarre Zarrentin und als erstes Dorf darin ebenfalls Zarrentin genannt. Auch hier findet man, daß ein beträchtlicher Teil der heutigen Pfarren und fast alle heute in Wittenburg und Umgegend begehenden Dörfer aufgezählt werden. Nicht viel anders steht es mit der dritten Provinz der ehemaligen Grafschaft Ratzeburg, mit Gadebusch. Dort treffen wir die Pfarren Rehna (gewaltig groß), Pokrent, Roggendorf und Salitz, denen die Dörfer fast in derselben Zahl und mit denselben Namen (natürlich in älterer Form) wie jetzt zugeteilt sind.

Damit sind die Länder, auf welche sich der Zehntvertrag zwischen Bischof Evermod und dem ersten Grafen von Ratzeburg bezog, erschöpft. Aber das Stift Ratzeburg hatte um 1160 eine starke Erweiterung erfahren und erstreckte sich auf folgende Gegenden, die im Zehntenregister mit ihren Pfarren und Dörfern treulich aufgezählt werden: Dassow, Bresen (Gegend um Grewsmühlen) Klützer Wald, Jabel, Weningen, Dirtzink (später lauenburgisches Amt Neuhaus an der Elbe), Sadelbande (die Aemter Lauenburg und Schwarzenbek) und Boizenburg. Von den Vierlanden, die um 1160 ebenfalls zum Stift Ratzeburg kamen, und vom Lande Boitin (die Gegend um Herrenburg, Schönberg und Selmsdorf) schweigt das Zehntenregister aus einem noch nicht völlig aufgeklärten Grunde. Auch sonst finden sich Lücken bezüglich einzelner Dörfer, die erweislich um 1230 existiert haben, und ganzer Pfarren mit allen ihren Dörfern, die

1909/4 - 01 - 101


1909/4 - 01 - 102

aus Versehen oder Unkenntnis vom Schreiber des Buches unberücksichtigt gelassen sind.

Auf Grund dieses stattlichen Materials läßt sich eine fast vollständige Ortskunde des Bistums Ratzeburg um 1230 entwerfen und eine Karte zeichnen. Letztere kann dann weiter benutzt werden, um die Ausbreitung des Deutschtums um 1230 innerhalb der gegebenen Grenzen anschaulich zu machen, ebenfalls auf Grund der Angaben des Zehntregisters über die Kolonistendörfer. Da würden wir Gegenden finden, wie Weningen und Jabel und den Dirtzink, wo dicke Schraffen die völlige Herrschaft des Wendentums anzeigten, und andere, wie den Klützer Wald, wo erst durch einzelne hellere Streifen und Punkte die beginnende Einwanderung der Deutschen sich bemerkbar machte.

Doch ist im Zehntregister nicht alles so klipp und klar, wie es hiernach scheinen könnte, sondern es muß Zeile um Zeile noch immer von neuem geprüft werden. Da steht manchmal eine kurze Bemerkung von anderer Hand als der des Schreibers, die im 13., 14., 15., ja 16. Jahrhundert hinzugekommen ist; freilich im ganzen nur wenig, da hebt mal eine Bemerkung die andere auf, und es gilt zu überlegen, wie das zugeht. Es werden da Rätsel aufgegeben, die nur mit Anstrengung des Scharfsinns oder nach schwerer Schürfarbeit gelöst werden können. Kurz das Zehntregister ist noch immer ein Gegenstand der Forschung und wird es auch für die nächste Zeit noch bleiben.
 

Hg.

 


____________________

 



 

 

 

 



*