Jahresband 1909

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Der Tod des Herzogs Julius Franz von Lauenburg. *)

Von C. JAHNEL.
 

Am 25. September 1689 hatte der Herzog JULIUS FRANZ 1) in seinem Schlosse REICHSTADT sieben Herren vom Adel aus der Nachbarschaft 2) zu einem ernsten Geschäft um sich versammelt; sie sollten mit Unterschrift und Siegel das Testament bekräftigen, das er an diesem Tage verfaßte. Zum Dank dafür hat er sie dann „bei den Kapuzinern traktiert und recht lustig gemacht". Dieses vergnügte Ende des Werkes läßt erkennen, daß den Herzog, der eben erst das 48. Lebensjahr 3) überschritten hatte, nicht trübe Todesgedanken veranlaßt hatten, „bei gesundem Leibe und Vernunft" zur Ab-
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*) Mit Genehmigung des Verfassers den Mitteilungen des nordböhm. Exk. Kl. XXVIII 4 entnommen.

1) Die folgende Darstellung beruht auf dem reichen Bestand an Akten, Briefen etc., die das Königl. Bayer. Geheime Hausarchiv in München in dem Faszikel: „LXII Sachsen-Lauenburgische Acta" in zahlreichen Konvoluten enthält; für diese Arbeit kommen hauptsächlich die Konvolute 1, 5 bis 8 in Betracht. E.-K, XXIV, 150.
2) Es waren die Grafen Hartwig Nikolaus und Karl Joachim v. BREDA, Erbsassen zu Spandau, ersterer Herr auf LÄMBERG, kaiserl. Rat, Kämmerer, Hoflehen- und Kammerrechtsbeisitzer i. K B., letzterer Herr auf LAUKOWETZ und KUROWODITZ; die Hauptleute des Leitmeritzer Kreises Graf Joh. Balthasar v. CLARI zum Sperbersbach, Herr auf SCHNEDOWITZ und ROSENDORF, kaiserl. Rat, Kämmerer, Hoflehen- und Kammerrechtsbeisitzer, und Georg Borziwoj AUDRICZKY v. Audricz, Herr auf RADAUN; Freiherr Aegidius v. JONGHEN, Herr auf ALTAICHA, röm. kais., wie auch kgl. Maj. zu Spanien über ein deutsches Regiment bestellter Oberst; der Hauptmann des Bunzlauer Kreises, Baron Franz Albrecht KROPATSCH "v. Krymlaw und Hohenstall", kaiserl. Rat; der Oberstallmeister Adam Ferd. v. "Rackhell" auf "Roßlau". Der letztere gehörte wohl der in der Lausitz und Schlesien beheimateten Familie v. Rackel oder Räckel an; seine sehr undeutliche Unterschrift ist vielleicht v. Röckel zu lesen. Er ist wohl identisch mit dem Träger desselben Vor- und Zunamens, der am 27. Dez. 1664 das böhm. Inkolat erhielt (Graf Meraviglia-Crivelli: Der böhm. Adel, p. 251).
3) Geboren am 16. Sept. 1641 in Prag. (Wo ich nicht eine andere Quelle angebe, sind die biographischen Daten dem verdienstvollen Werke: "Dr. Ch. Häutle: Genealogie des Stammhauses Wittelsbach "1870" entnommen).

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fassung seines Testaments zu schreiten. Nur hausväterliche Fürsorge bewog ihn dazu. Er plante „schon lange, alle Wochen, ja täglich" eine Reise in sein weit entlegenes Stammland, nach Niedersachsen, und wollte daher sein Hauswesen für alle Fälle ordnen und sichern.

Was ihn zu der Reise antrieb, spricht er in dem Testament offen aus; er war entschlossen „zur Erhaltung seines fürstlichen Stammes durch Schickung des Allerhöchsten ad secunda matrimonii vota zu schreiten und den Ehestand zu erwiedern" (=erneuern). 1)

Vor nahezu acht Jahren war Julius Franz Witwer geworden, ohne daß ihm seine Gattin 2) einen männlichen Erben hinterlassen hatte; darum mahnten ihn seine Räte zur Wiederverheiratung. Er, dessen erste Gattin als die schönste Brünette im Reiche gefeiert worden war, solle nun als zweite Gemahlin die schönste Blondine in deutschen Landen heimführen, Katharina Barbara, die
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1) Daß der Herzog das Testament nur als ein wegen der Fährlichkeiten der Reise veranlaßtes, interimistisches ansah, erhellt aus dessen Bestimmungen: für den Fall, daß ihm von seiner zukünftigen Gattin ein ober mehrere Söhne geboren würden, widerruft er nämlich die Verfügungen über seinen Allodialbesitz und behält sich das Recht vor, nach Belieben seiner Gattin Geschenke zu machen.
2) Maria Hedwig Auguste war als älteste Tochter des Pfalzgrafen Christian August bei Rhein (Sulzbach) und der Gräfin Amalia Magdalena von Nassau-Siegen am 15. April 1650 geboren. Am 13. Juni 1665 war sie zu Sulzbach per procura mit dem Erzherzog Sigmund Franz v. Oesterreich vermählt worben, der aber bereits 12 Tage später vor vollzogenem Beilager in Innsbruck starb. Die jungfräuliche Witwe vermählte sich am 9. April 1668 in Sulzbach mit Julius Franz und starb am 23. November 1681 in SCHLACKENWERTH, wo sie begraben wurde. (Die Angabe bei P. v. Kobbe: Gesch. d. Hzgtums Lauenburg, 3, 91, sie sei in Hamburg gestorben, ist wohl unrichtig.) Sie hatte dem Herzog fünf Kinder geboren, von denen jedoch (J. W. Imhoff: Notitia Procerum 1693, 210) drei im zartesten Alter starben: eine Tochter kam 1669 tot zur Welt; Maria Anna Theresia, geb. 18. Sept. 1670, starb am 25. Dezember 1671; ein Sohn starb 28. Okober 1673 „an der Schwelle des Lebens" (vor der Taufe, sagen andere Genealogen; L. A. Cohn: Stammtafeln z. Gesch. der eur. Staaten, gibt obiges Datum als Geburts-, den 4. Nov. als Todestag an). Nur zwei Töchter überlebten die Mutter: Anna Maria FRANZISKA, geb. 13. Juni 1672, und Franziska Sibylla AUGUSTA, geb. 21. Januar 1675. Daß die durch den Druck hervorgehobenen Namen die Rufnamen der Prinzessinnen waren, ergibt sich daraus, daß sie mit diesen von ihrer Umgebung bezeichnet wurden und sie selbst bei Unterschriften stets diesen Namen ausschrieben, die anderen aber meist abkürzten.

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Tochter des Markgrafen Friedrich VI. von BADEN-DURLACH, 1) so riet man ihm u. a. Aber er zögerte lange, eine zweite Ehe einzugehen, die zweifellos nur eine durch die Rücksicht auf den Fortbestand des Hauses bedingte Konvenienz-Ehe gewesen wäre. Wir kennen den Grund dieses Zauderns; es war ein Liebesverhältnis zu einem zwar adeligen, aber ihm nicht ebenbürtigen Fräulein.

Wohl bald schon nach dem Tode der Herzogin war an den herzoglichen Hof zur Aufsicht über die der Mutter beraubten jugendlichen Prinzessinnen die Komtesse (Anna) POLYXENA WRSCHOWETZ (Werschowetz) oder Wrschowitz 2) - gewöhnlich „Fräule Gräfin" genannt - gekommen, die es verstand, sich eine sehr einflußreiche Stellung in der Familie zu erwerben. Die Prinzessinnen sagten von ihr, sie habe nach dem Tode der Mutter ihnen als getreue Hofmeisterin vorgestanden und des Vaters Hofoekonomika mit Fleiß und Vorsicht geführt. Das Vertrauen der beiden Mädchen hat die Komtesse in so hohem Maße gewonnen, daß man erklärte, sie habe sie „fasziniert", womit man ausdrücken wollte, die Prinzessinnen hätten ihr blindlings gefolgt. Zumal die ältere war ihr ganz ergeben, war, wie Spötter sagten, „werschowiziert".

Zu dem Herzog war die Komtesse auch in intimere Beziehungen getreten. Das behauptete nicht nur niedriger Klatsch; sondern zwei Männer, die dem Herzog
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1) v. Kobbe, a. a. O. 3, 91. Der Ratgeber soll Matthäus MERIAN in Frankfurt a. M. gewesen sein. Vielleicht war es Mathias Merian, in dessen Stammbuch sich Julius Franz i. J. 1652 einschrieb (Vaterl. Archiv f. d. H. Lauenburg 4, 136).
2) Ich vermute, daß die Komtesse der Familie des Jaroslaw Sekerka von Sedczitz angehörte, der 1665 das Grafendiplom mit dem Titel Wrschowetz erhalten hat. (C. v. Wurzbach: Biogr. Lexikon 58, unter der falschen Schreibung Wresowitz). Ihre Mutter lebte noch i. J. 1690. Ihr Bruder war kais. Kammerherr und lebte von seiner Gattin getrennt, was man ihm "sehr widrig aufnahm". Er war vielleicht der Graf Karl v. Wrschowetz auf Ledau, der dem Nachlaß des verstorbenen Herzogs 1500 fl. schuldete. Außerdem besaß die Komtesse zwei Schwestern, von denen die eine „Miedl" (wohl Koseform für Marie) genannt wurde. Alle Geschwister erfreuten sich großer Zuneigung der Prinzessinnen.

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nahe gestanden hatten, haben von seinen Beziehungen zu der Komtesse als von einem ernst zu nehmenden Verhältnis gesprochen. Der Oberstburggraf Graf Adolf Wratislaw von STERNBERG eröffnete nach dem Tod des Herzogs dessen Schwiegervater „in gehorsamer Konfidenz", es sei durch Geistliche „penetriert" worden, daß der Herzog mittels einer mit eigenem Blute unterschriebenen Obligation nicht allein quoad utile, sondern sogar quoad matrimonium sich gegen die Komtesse verbindlich gemacht habe. Julius Franz hatte ihr also nicht nur materielle Sicherstellung, sondern sogar die Ehe versprochen. Der Pfalzgraf konnte hierauf „ganz im Vertrauen" erwidern, diese verbindliche Blutverschreibung sei eine offene, ihm schon längst mit sehr genauen Umständen zu SCHLACKENWERTH bekannt gemachte Sache. Von vielen werde sie für eine der vornehmsten Ursachen geschätzt, die den Herzog von der intendierten Vermählung mit der jetzigen Königin von Spanien abgehalten und verschuldet haben, daß er, als hernach die Heiratsalliance mit der Prinzessin von HOLSTEIN vollzogen werden sollte, wodurch der Komtesse alle Hoffnung, selbst Mutter seiner (des Pfalzgrafen) Enkelinnen zu werden, in den Brunnen gefallen sei, sein Leben habe so schnell und unvermutet einbüßen müssen. 1)
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1) Briefe aus Prag, 11. März und Sulzbach, 16. März 1690. - Der Pfalzgraf hielt sich mit den Prinzessinnen von Anfang Novbr. 1689 wochenlang in SCHLACKENWERTH auf. - Die Königin von Spanien, von der er spricht, ist Maria Anna, Tochter des Kurfürsten Philipp Wilhelm von der Pfalz, die am 28. August 1689 per procura, am 14. Mai 1690 in Person König Karl II., den letzten Habsburger auf dem Throne Spaniens, heiratete. - Ein Beweis der vertrauten Beziehungen des Herzogs zu der Komtesse ist es wohl auch, daß er ihr, wie sein Diener J. E. Senft am 1. Juli 1690 berichtete, die sonst geheim gehaltenen Rezepte zu einem Wunderbalsam, einer Granattinktur und zu Rubinglas mitgeteilt hat. Sie soll die Rezepte aber ihrem Bruder gegeben haben, der sie sehr „divulgierte". - Daß der Herzog alchemistische Neigungen hatte, ist bekannt; v. Rackel erwähnt in Briefen mehrfach einen "kleinen Doktor", der mit dem Apotheker in SCHLACKENWERTH  Goldpulver bereitete (v. Kobbe a. a. O., 3, 90). Vielleicht sollte letzteres zur Herstellung der (etwa 1680 von Joh. Kunkel zuerst erzeugten) Rubin ober Rotgläser dienen, die der Herzog anfertigen ließ, wie sich aus einem Brief eines mir nicht näher bekannten Johannes Carolus de Wald an den Pfalzgrafen Christian (aus Schlackenwerth vom 3. Jan. 1690) ergibt, worin der Briefsteller

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Aus diesen herben Worten hört man heraus, welch' schwere Verdächtigungen nach dem Tode des Herzogs gegen die Komtesse erhoben wurden; aber soviel Intriguen, Bosheit, ja Uebeltaten die Personen ihr nachsagten, deren auf die Verheiratung der Prinzessinnen gerichtete Pläne mit dem Widerstand der Komtesse zu kämpfen hatten, es hat doch niemand gewagt, den Verdacht offen auszusprechen, daß Polyxena unmittelbar den Tod des Herzogs veranlaßt und verschuldet habe. 1)

Julius Franz ist, nach den uns erhaltenen Berichten über seine Krankheit, eines natürlichen Todes gestorben. Vielleicht haben Aufregungen infolge der Auseinandersetzungen mit der Komtesse die Katastrophe, die in seiner körperlichen Verfassung begründet gewesen zu sein scheint, so rasch, schon am fünften Tage nach Abfassung des Testaments, herbeigeführt.

Noch am 28. September abends um 10 Uhr - so hören wir - hatte er sich „auf seiner Residenz zu REICHSTADT" in guter Disposition zur Ruhe begeben. Aber am 29. früh zwischen 5 und 6 Uhr wurde er von einer starken Alteration so heftig angefallen, daß infolge zugleich auftretender schwerer „Herzbrechungen" und überaus großer Hitze sofort Kräfteverfall eintrat. Gegen Mitternacht ließ er seinen Beichtvater, einen Kapuziner, zu sich berufen, von dem er „die christlichen Rechte"
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sagt, er habe dem Herzog sonderliche und gewisse Arkana "besonders wegen des Rubinfloß und den schönsten Krystallen und anderer Gehaimbnussen" anvertrauen wollen, die viele Unkosten erspart hätten. - Im Schloß zu REICHSTADT gab es viele solcher Rubingläser. Als die Prinzessinnen im März 1690 dort weilten, nahmen sie der Teilung halber eine Schätzung der Gläser vor und taxierten das Lot davon auf 1 Taler. Die Prinzessin Augusta nahm eines an, dessen Wert auf 300 Dukaten angeschlagen wurde. Der Bischof von LEITMERITZ, dem die Prinzessinnen viel zu danken hatten, scheint die Gläser aber nicht allzuhoch geschätzt zu haben; denn als ihm die Mädchen ein solches Rotglas nebst 1 bis 2 Dutzend Servietten schenkten, hat er sich öffentlich darüber „mocquiert."

1) Im Herzogtum Lauenburg erregte der unerwartete Tod des Herzogs allerdings den Verdacht, letzterer sei vergiftet worden. Im Ratzeburger Stadtbuch vermerkte ein Schreiber, man habe von dem Tode „nicht ohne Argwohn beigebrachten Giftes" gehört. (Vaterl. Archiv, 4, 205).

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empfing. Schon wenige Stunden danach, am 30. morgens zwischen 1 und 2 Uhr, führte ein starker „Stick- und Schlagfluß" einen „sanften Tod" herbei. 1)

Mit Julius Frauz war der letzte männliche Sproß 2) der sachsen-lauenburgischen Linie des askanischen Hauses gestorben, das seit der Zeit Herzog Bernhards v. Askanien (1180) nur mit kurzer Unterbrechung (1203-1227) im Lehensbesitze von Lauenburg gewesen war. Von seinen Geschwistern lebte nur noch Maria Benigna Franziska, die i. J. 1651 den Fürsten Oktavius PICCOLOMINI geheiratet hatte und seit 1656 Witwe war. Die in Nachod residierende Dame befand sich in Vermögensverfall und kam mit ihren Nichten wegen Forderungen, die sie an den Nachlaß des Bruders stellte, in Prozeß. An ihr konnten die verwaisten Mädchen wohl keinen Halt finden. Einen näheren Verwandten mütterlicher Seite, der ihnen mit Rat zur Seite hätte stehen können, besaßen sie in dem Herzog Ferdinand August zu SAGAN, Fürsten v. LOBKOWITZ; 3) aber er weilte damals nicht in Raudnitz, sondern in Augsburg am kaiserlichen Hofe, der dort die Wahl des Kronprinzen Joseph zum römischen König, die am 24. Jänner 1690
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1) Ein anderer Bericht sagt kurz, der Herzog sei an einem „Cathar" gestorben. Auch der obige Bericht machte es, wie mir Herr Dr. A. MARIAN zu erklären die Freundlichkeit hatte, dem Arzte nicht möglich, die wahre Todesursache anzugeben; vielleicht war es ein Gehirnschlag, der ein Lungoedem zur Folge hatte, oder ein Herzkrampf, Verkalkung der Arterien, ein asthmatischer Anfall, es läßt sich nicht mehr bestimmen. - Durch obige Angaben ist das Datum des Todes, wie es das Reichsstädter Pfarrbuch (E.-K., XXIV, 150) und Häutle geben, bestätigt; alle anderen Angaben sind also irrig.
2) Und auch der ausgezeichneteste Fürst seines Hauses, sagt v. Kobbe (a. a. O. 3, 90) von ihm. Er habe in einem Geiste gewirkt, der wohltätig für das durch innere Unruhen und fremde Kriege zerrüttete Land (Lauenburg) sein mußte. Ein Zeitgenosse, Herzog Rudolf v. BRAUNSCHWEIG, habe von ihm geurteilt, er sei ein echter, biederer deutscher Fürst.
3) Der Herzog war der Sohn der Schwester ihres mütterlichen Großvaters C[h]ristian August, der durch ihr Festhalten an der augsburgischen Konfession bekannt gewordenen Auguste Sophie, die 1653 den Fürsten Wenzel Eusebius v. LOBKOWITZ geheiratet hatte und 1682 gestorben war. Er ist wohl mit Julius Franz eng befreundet gewesen; denn als er die Nachricht von dessen Tod erhielt, schrieb er an Christian August, er habe einen Freund verloren, „dergleichen wenige anzutreffen".

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erfolgte, vorbereitete. Die jungen Waisen waren daher in den ersten Tagen nach dem Tode des Vaters ganz auf den Beistand der Komtesse und der Beamten angewiesen. An der Spiße [sic!] der letzteren stand neben Oberstallmeister v. RACKEL der Hofrat v. STEINHOFF. 1) Diese beiden meldeten noch am 30. September dem Pfalzgrafen den Tod seines Schwiegersohns, und am folgenden Tage unterfertigten die Prinzessinnen einen mit Tinte schwarz umrandeten, von anderer Hand geschriebenen Brief an den Großvater, der außer steifen, ihren Schmerz schildernden Redensarten, die mitgeteilten Angaben über die Krankheit des Verstorbenen enthält. In diesen Briefen wurde - es erscheint auffallend, da es den Großvater interessieren mußte - nicht mitgeteilt, daß Julius Franz ein Testament hinterlassen habe, in dem die Töchter zu Universalerbinnen des Allodialvermögens im Deutschen Reich 2) und in Böhmen nebst den Schuldforderungen an Lauenburg eingesetzt wurden und das das „Ersuchen" an KAISER LEOPOLD enthielt, er möge, obwohl die Prinzessinnen gemäß der erneuer-
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1) Johann Wilhelm v. STEINHOFF wußte sich später das Vertrauen des Pfalzgrafen Christian zu erwerben, so daß dieser ihm am 2. Jan. 1690 für die Zeit, während der er im Dienst der Prinzessinnen tätig sein und nur für ihn (den Pfalzgrafen) korrespondieren werde, eine Partikularrekompense von 100 Rthlrn. zusagte Er fiel später bei der Prinzessin Franziska in Ungnade, wohl, weil er ihr bei der Erbteilung nicht in allem willig war, und fürchtete damals seine Stellung zu verlieren; sie nahm ihn später doch in ihren Dienst und bewilligte ihm sogar eine Zulage von 100 Tlrn. und einem Faß Wein. (Nachricht hiervon in einem Briefe vom 16. Juni 1690.) Die Verwaltung der herzoglichen Güter bei REICHSTADT scheint beim Tode des Herzogs Friedrich v. REICHENFELSZ geführt zu haben, denn er bat in einem Schreiben vom 18. Nov. 1689 den Pfalzgrafen, er möge ihn bei den Prinzessinnen schützen, damit er wie bei Lebenszeit des Herzogs allein in REICHSTADT zu wirtschaften und Oberhauptmann KRIMMER nicht einzugreifen habe; er habe die Herrschaft Zeit seines Hierseins um ein Ziemliches erhöhet. KRIMMER, der die Güter bei SCHLACKENWERTH verwaltet zu haben scheint, dürfte später doch auch für REICHSTADT maßgebend geworden sein, denn STEINHOFF nannte ihn am 26. April 1690 „den me inconsulto reformierten Reichstädter Hauptmann".
2) Der Herzog rechnete dazu auch das Land Hadeln, was aber beim Kaiser keine Zustimmung fand; letzterer ordnete vielmehr am 5. Okt. 1689 an, daß Hadeln ebenso wie Lauenburg zu sequestrieren sei.

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ten kgl. Landesordnung N. 16, ihre „vogtbaren" 1) Jahre erreicht hätten, und es also unnötig sei, sie mit Vormündern zu versehen, doch „die Oberkuratel" über sie übernehmen. Ich will, so ordnete Julius Franz an, daß meine fürstlichen Prinzessinnen und lieben Töchter ohne der röm. kais. Maj. allergnädigstes Vorwissen und Einwilligung ihren Stand nicht verändern und sonsten, was von größerer Konsideration und Wichtigkeit sein möchte, nicht vornehmen sollen, inmaßen ich der tröstlichen Zuversicht lebe, daß die röm. kais. Maj., zu dero allergetreuesten Diensten ich mein Gut und Blut zu öfteren aufgeopfert, auch noch dato und stündlich aufzuopfem bereit und willig bin, 2) über meine lieben Töchter allergnädigst Protektion und Schutz zu halten, auch dieses letzten Willens und Testaments Exekutor zu sein, geruhen werde, worumben ich denn dieselbe nochmalen alleruntertänigst imploriere.

Hätte Christian August von dieser testamentarischen Bitte seines Schwiegersohnes gewußt, so wäre ihm manche Mühe, Sorge und - wie es scheint - auch eine
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1) Die vogtbaren Jahre erreichten Prinzessinnen mit zurückgelegtem 15. Jahre. Franziska stand beim Tode des Vaters schon im 18. Lebensjahre; Augusta fehlten nicht ganz 5 Monate zu 15 Jahren. Es war daher auch die Rede davon, daß Franziska die "Tutel" über die Schwester übernehmen sollte; ehe das aber erfolgte, war Augusta schon volljährig.
2) Der Herzog hatte sich als "Cadet" schon in jungen Jahren dem Kriegsdienst gewidmet. Bereits in der Schlacht bei St. Gotthard am 1. Aug. 1664 erwarb er sich „bedeutenden Kriegsruhm" (v. Kobbe 3, 91. Montecuccolis Relation über die Schlacht nennt ihn jedoch nicht). Im kaiserlichen Dienst erhielt er am 17. März 1676 das Patent als General über die Kavallerie, am 6. März 1682 das Obersten-Patent auf ein neu zu errichtendes Kürassier-Regiment (jetzt Drag-Regiment Nr. 9). 1683 nahm er als Kommandant des rechten Flügels an dem Feldzug gegen die Türken in Ungarn (Arch. f. öst. Gesch. 4, 283, 293) und an den Kämpfen vor Wien teil und wurde, ersichtlich dafür, am 22. September 1683 zum Feldmarschall ernannt (Vaterl. Archiv, 6, 38, 42). Im Dienste des Reiches hat er sich als General-Leutnant im Juli 1676 an den Kämpfen der Reichsarmee bei Philippsburg beteiligt und darauf nach Erkrankung des Reichsfeldmarschalls Markgraf Friedrich v. Baden-Durchlach das Kommando der Reichstruppen übernommen. (Oesterr. mil. Zeitschr. 1844, 3, 156). Noch 1681 wird er Reichs-General-Leutnant genannt (v. Kobbe, a. a. O. 3, 91; E. K. XVI, 145). Im Testament nennt er sich noch: der röm. kais. M. General-Feldmarschall und über ein Regiment Kürassiere bestellter Obrister.

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ihn recht unlieb treffende Enttäuschung erspart geblieben. Mit rührender, unermüdlicher Hingabe suchte der 67 Jahre alte Herr die Interessen seiner Enkelinnen 1) zu wahren, und es hätte ihm - seine Briefe lassen es erkennen -: große Befriedigung gewährt, wenn seine großväterliche Autorität noch durch die eines Vormundes gesteigert worden wäre. Kaum hatte er die Nachricht vom Tode des Schwiegersohnes erhalten, so richtete er schon (am 4. Oktober) ein Schreiben an den Kaiser, in dem er bat, ihm die Vormundschaft über die Enkelinnen zu konfirmieren. Am kaiserlichen Hof in Augsburg wußte man aber schon am 8. Oktober von der Bitte des Herzogs an [den] Kaiser. Ersichtlich weil noch keine amtliche Bestätigung dieser Meldung vorlag, beantwortete der Kaiser am 13. Oktober die Bitte des Pfalzgrafen ausweichend und versicherte nur, er werde es sich jederzeit mit gnädigster Sorgfalt angelegen sein lassen, für die Prinzessinnen zu sorgen. Selbst nachdem die am 18. Oktober von den Statthaltern von Prag abgesandte landtäfliche Abschrift des herzoglichen Testaments in Augsburg eingetroffen war, verging noch einige Zeit, ehe der Kaiser offiziell seinen Entschluß kund tat, das Oberkuratorium über die Prinzessinnen zu übernehmen. Das erfolgte am 9. November durch die Ausfertigung einer Reihe von Schreiben und Befehlen. Dem Pfalzgrafen sandte der Kaiser einen Auszug aus dem Testament; seine Versicherung, daß er dem Ersuchen des Herzogs willfahren werde, war eine klare, die Bitte des Pfalzgrafen ablehnende Antwort. Die böhmischen Statthalter erhielten den Auftrag, in Stellvertretung des Kaisers die Oberkuratel über die Administration der Güter zu führen; den Prinzessinnen sollten sie in dieser Beziehung Rat und Hülfe gewähren.
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1) Er war eifrigst besorgt, ihnen das Allodioalvermögen ungeschmälert zu erhalten, ja sogar die Reichslehen, die er als feudum oblatum ansah, das die weibliche Erbfolge zulasse. Schon die Sicherung des beweglichen Vermögens war nicht einfach. Die Vermögensstücke, Kostbarkeiten etc. waren zerstreut in Reichstadt, Schlackenwerth, Wolfenbüttel und im Herzogtume, wo auch noch 15000 Rtlr. Zollgeld unerhoben lagen.

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Gleichzeitig ließ der Kaiser durch den böhmischen Oberstkanzler Grafen Franz Ulrich KINSKY an die Herzogin Maria Anna zu SAGAN ein Dekret richten, durch welches er sie, auf ihre berühmte Tugend und Sorgfältigkeit reflektierend, wegen des Vertrauens und der Verwandtschaft, die sie mit den Prinzessinnen verbanden, damit beauftragte, die letzteren bis zu ihrer Standesveränderung, d. i. Verheiratung zu erziehen; sie solle ihnen mit wohlanständigen Ratschlägen an die Hand gehen und bedacht sein, daß die Mädchen weder in ihrer Standesveränderung, noch in anderen wichtigen Sachen etwas ohne des Kaisers Vorwissen vornehmen. Die Herzogin und ihr Gatte hatten sich ersichtlich schon vorher zur Uebernahme der heiklen Aufgabe bereit erklärt, denn ebenfalls am 9. Nov. richtete der Kaiser auf Wunsch des herzoglichen Paares an den Bischof von LEITMERITZ, Grafen Jaroslav von STERNBERG, den Vetter des Oberstburggrafen, das Ersuchen, er solle sich zu den Prinzessinnen begeben und dazu helfen, daß alles, was er (der Kaiser) ihnen durch die Herzogin und den Grafen Joh. Reichard v. WALMERODE (der zu dem Behufe am selben Tage eine Instruktion erhielt) kommunizieren lassen werde, desto füglicher in die Wege geleitet werde. Es ist Mitte Dezember geworden, ehe der Graf v. WALMERODE und der Bischof bei den Prinzessinnen eintrafen 1) und diese sich auf ihren Vortrag „sehr wohl" erklärten.

Damals waren die Prinzessinnen nicht mehr in REICHSTADT, sondern in SCHLACKENWERTH. Nachdem nämlich der Pfalzgraf am 2. Oktober die Meldung vom Tode seines Schwiegersohns erhalten hatte, hatte er sofort seinen Geheimsekretär Franz Ludwig BRENTZER 2) nach REICHSTADT abgesandt. Dieser kam am 7. dort
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1) Der Graf, der am 10. Dez. von Prag abgereist war, war am 13. noch nicht, am 17. aber schon bei den Prinzessinnen angelangt. Es ergiebt sich das aus den Briefen des Appellationsrats Freiherrn Heinrich Julius von BLUM in Prag, der den Pfalzgrafen in ständiger Korrespondenz über die Vorgänge in Prag, Wien etc. unterrichtete.
2) Dessen Instruktion datiert vom 3. Oktober.

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an und wurde von den Prinzessinnen in einem ganz schwarz verfinsterten Audienzzimmer empfangen. Die Schwestern, zu deren Seiten die Komtesse WRSCHOWETZ 1) und ein anderes Fräulein standen, nahmen aus seinen Händen das Beileidschreiben des Pfalzgrafen entgegen und dankten diesem noch am selben Tage in eigenhändigen Briefchen 2) mit der Bitte, der Großvater möchte doch zu ihnen kommen. Diese Bitte kam dem Wunsche des Pfalzgrafen entgegen; freudig sagte er zu und ließ durch seinen Hofjunker (Kavalier) Marquard Leopold SCHÜTZ von Pfeilstatt, 3) der am 13. in REICHSTADT ankam, melden, daß er die Enkelinnen in SCHLACKENWERTH besuchen werde. Dahin mußten nämlich die Prinzessinnen sich demnächst begeben, da ihr Vater im Testament bestimmt hatte, sein Leichnam solle ohne Verzögerung und „übriges" Gepränge, jedoch seinem fürstlichen Stande gemäß bei seinen Eltern und seiner Gemahlin in der dazu vor der Residenzstadt SCHLACKENWERTH erbauten Kapelle beigesetzt werden. 4)
Den Leichnam des Herzogs fand BRENTZER schon am 7. „im Sarge verwahrt"; der Tote war wohl in den Kapuzinerhabit gehüllt, den er sich auf seinem Sterbelager als Totenkleid gewünscht und zu dem man das Tuch aus dem Raudnitzer Kapuzinerkloster geholt hatte. „Je ehender, je besser" sollte mit einer kleinen Begleitung die Ueberführung nach SCHLACKENWERTH
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1) Diese ließ der Pfalzgraf, der also wußte, welche Rolle sie spielte, besonders grüßen, was sie sehr "konsolierte".
2) Die Briefe dcr Prinzessinnen sind mit recht ungelenker Schrift in deutscher Sprache geschrieben. Am Hofe ihres Vaters war es ersichtlich ganz deutsch zugegangen; es heißt auch, daß der Vater den Töchter "allzeit die Franzosen und Italiener mißraten" habe.
3) Dieser hatte bereits am 8. Oktober eine Instruktion zur Reise nach Böhmen erhalten; er sollte dem Amtmanne und Rentschreiber in SCHLACKENWERTH, sowie dem Hofrat und Oberstallmeister in REICHSTADT versiegelte Befehle übergeben, der Versiegelung der Schriften, Sekretarien und Preziosen beiwohnen und die Sachen mit versiegeln.
4) Die Kapelle war von Herzog Julius Heinrich erbaut, der in seinem Testameute (Prag, 20. April 1660) bestimmte, er wolle in der „bereits zu bauen angefangenen Kapelle" beerdigt werden. (Landtafel, 3, olivenfarb. Kaufquart. vom 8. Feb. 1666, Lit. G. 15).


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erfolgen, doch verzögerte sie sich wegen „Einrichtung des Sarges" bis über den 18. hinaus und hat wohl erst gegen Ende des Monats stattgefunden, etwa zur Zeit, als die Prinzessinnen, begleitet von der Komtesse, nach SCHLACKENWERTH reisten. Am 30. Oktober Nachmittag 3 Uhr kamen sie „glücklich und gesund" dort an und konnten wohl schon am 3. November den Großvater, der mit großem Gefolge kam 1) in ihrem Schlosse begrüßen. Um die Beisetzung des Toten feierlich zu gestalten, wurde ein gewisser Joh. Jakob REINFELS mit der Anfertigung eines Castrum doloris beauftragt. 2) Aber es währte noch lange, ehe die Trauerfeier stattfand; fast möchte man glauben, man habe, nachdem die in Schlackenwerth Versammelten wieder auseinander gegangen waren, des Toten ob der Aufregungen, die die folgenden Monate brachten, ob der Wahl unter den an die Prinzessinnen herantretenden Freiern, der Verheiratung der jüngeren, der Streitigkeiten zwischen den Schwestern über die Erbteilung vergessen. Am 2. Mai 1690 schrieb der Rektor der Piaristenschule zu SCHLACKENWERTH, P. Klemens, daß zwar das Castrum doloris in ihrer Kirche vollkommentlich aufgerichtet stehe; man höre aber noch nichts Gewisses, wann der actus exequiarum geschehen solle. Es hat noch über vier Monate gedauert, ehe die Beisetzung erfolgte. SCHLACKENWERTH war inzwischen der Prinzessin Augusta, nunmehr schon Markgräfin von BADEN, zugefallen. Diese kam, begleitet von der alten Markgräfin von BADEN, 3), ihrer Tante, und dem Bi-
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1) Am 3. Nov. schrieb der Pfalzgraf nur noch eine Meile von SCHLACKENWERTH entfernt einen Brief.
2) Er war vom Oberstlandhofmeister Grafen Joh. Franz v. WRBNA (Würben) hiezu empfohlen, der am 15. Dezember dem Pfalzgrafen für die Berücksichtigung der Empfehlung dankte.
3) Es war das Maria Franziska, geb. Gräfin FÜRSTENBERG HEILIGENBERG, die Witwe des Markgrafen Leopold Wilhelm v. BADEN, kais. Feldmarschalls ( 1. März 1671), der durch seine erste Ehe mit Gräfin Silvia Katharina, geborene Gräfin Caretto v. MILESIMO, verwitwete Gräfin von CZERNIN, in den Besitz von LOBOSITZ gekommen war.

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schof von LEITMERITZ, von LOBOSITZ dort am 28. Juli an. Prinzessin Franziska, um deren Gunst in jener Zeit Pfalzgraf Philipp Wilhelm von PFALZ-NEUBURG, ihr nachmaliger Gatte, persönlich warb, gedachte erst am 24. August von RAUDNITZ dahin abzureisen. Gleichzeitig rüstete der Pfalzgraf Christian zur Fahrt von Sulzbach nach SCHLACKENWERTH, um an den Exequien und dem dies depositionis teilzunehmen.
Da er am 1. September schon dort war, dürften in diesen Tagen die sterblichen Ueberreste des letzten Lauenburger Herzogs vom askanischen Stamme endlich zur sogenannten ewigen Ruhe bestattet worden sein.

 


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