Jahresband 1906

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


AUS DER GESCHICHTE DES KIRCHSPIELS LASSAHN.

Von Pastor JÖNS, Lassahn.

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I. Die Gemeinde.

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. GRÜNDUNG DER GEMEINDE UND VERHÄLTNIS ZU NEUENKIRCHEN.
 

Ueber die Entstehung des Lassahner Kirchspiels ist nichts überliefert und nichts Sicheres zu ermitteln. In dem ältesten Kirchenbuch Von Neuenkirchen und Lassahn, das im September 1808 beim Brande des Pastorats zu Neuenkirchen zu Grunde ging, fand sich allerdings eine Beschreibung der Gründung der Kirche zu Lassahn, es ist aber wenig wahrscheinlich, daß sich hier SICHERE geschichtliche Nachrichten gefunden haben. Das Kirchenbuch war nämlich erst nach dem 30jährigen Kriege angelegt und gründete sich wohl kaum auf alte Urkunden; jedenfalls ist von solchen nichts bekannt. Vielleicht hätte man aber in dieser Erzählung des Kirchenbuches Anhaltspunkte gehabt, die auf die Veranlassung zur Gründung des Kirchspiels hätten schließen lassen.

Es ist Tatsache, daß das Kirchspiel Lassahn jahrhundertelang in enger Verbindung mit dem benachbarten mecklenburgischen Kirchspiel Neuenkirchen gestanden hat, dessen Kirchort Neuenkirchen von dem Dorfe Lassahn ca. 1/2 Stunde entfernt ist. Zur Zeit der ersten Erwähnung der Ortschaft Lassahn, im Zehntenregister des Bistums Ratzeburg vom Jahre 1230, scheint es noch kein Kirchspiel Lassahn gegeben zu haben; die Ortschaften, welche später das Kirchspiel Lassahn bilden, waren damals Teile des Kirchspiels Neuenkirchen.

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Allerdings wird in diesem Zehntenregister bei Lassahn eine ecclesia (Kirche) genannt und zu einer Kirche muß doch auch ein Kirchspiel gehören. Darum ist man früher wie z.. B. Arndt in seiner Schrift „Das Zehntenregister des Bistums Ratzeburg, Schönberg 1833" der Meinung gewesen, daß Lassahn 1230 bereits ein Kirchspiel und zwar ein Filial von Neuenkirchen gewesen sei. Aber demgegenüber ist folgendes zu bedenken: Zu der Dotationsurkunde des Ratzeburger Bistums, die Herzog Heinrich der Löwe 1158 ausgestellt hat, war festgesetzt worden, daß jede Pfarrkirche mit Zins und Zehnt von 4 Hufen begabt werden sollte. Bischof und Landesherr resp. Gutsherr sollten je zwei Hufen hergeben. Es lag nahe, diese Hufen im Kirchort anzuweisen, das ist jedoch, wie es sich aus dem Zehntenregister ergibt, nicht immer geschehen. So befand sich z. B. im Kirchspiel Carlow nur eine Pfarrhufe des Bischofs im Kirchort selbst, während die andere in Demern lag, ebenso war nur eine Pfarrhufe in Zarrentin selbst belegen, die zweite dagegen war in Valluhn angewiesen; auch bei Neuenkirchen steht nur eine Hufe beim Kirchdorfe selbst verzeichnet, während die zweite bei Lassahn aufgeführt ist. Nun hätte es allerdings bei Lassahn genau heißen müssen: ecclesia Nienkerken, wenn die Hufe als eine Neuenkircher Pfarrhufe, oder ecclesia in villa, wenn sie als eine Hufe der Kirche in Lassahn bezeichnet werden sollte, und an anderen Orten des Zehntenregisters finden sich in ähnlichen Fällen auch bestimmte Angaben z. B. bei Demern: ecclesia Carlowe oder in der Parochie Wittenburg bei Lesen: ecclesia Wittenburg, aber der Schreiber des Zehntenregisters ist, wie Prof. Dr. Hellwig-Ratzeburg in seiner ausführlichen und gelehrten Arbeit über das Zehntenregister, die im Jahrbuch des Mecklenburgischen Geschichtsvereins 1904 abgedruckt ist, u. a. nachweist, manchmal mit recht geringer Sorgfalt verfahren, und ein solcher Fall liegt auch hier vor.

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Wäre nun bei der Lassahner Kirchenhufe zu lesen: ecclesia in villa (die Kirche im Dorfe selbst), so müßte man schließen, daß Lassahn damals ein eigenes Kirchspiel gewesen sei, aber es könnte dann nach dem Zehntenregister nur ein Filial von Neuenkirchen gewesen sein. Daß Lassahn aber 1230 kein Filial war, ergibt sich aus der Reihenfolge der aufgeführten Ortschaften in der Parrochie Neuenkirchen. Da im Zehntenregister stets die Kirchorte an erster Stelle genannt werden und dann die Außendörfer folgen, so müßte auch das Kirchspiel Lassahn sich zusammensetzen aus dem Kirchort und den darauf folgenden Ortschaften. Nach Lassahn werden aber mehrere Ortschaften aufgeführt, wie z. B. Boissow und das slavische Niendorf, die soviel man weiß, kirchlich nie zu Lassahn gehört haben und auch näher bei Neuenkirchen liegen. Ein Filial war Lassahn also 1230 nicht, und auch kein besonderes Kirchspiel. Es ließe sich allerdings die Behauptung aufstellen, Lassahn sei damals ein selbständiges Kirchspiel gewesen, und es sei vom Schreiber des Zehntenregisters die Parrochiebezeichnung am Rande weggelassen worden, wie es nach Prof. Hellwigs Darlegung in seiner oben erwähnten Arbeit bei Grönau geschehen ist; die drei fehlenden Kirchenhufen könnten ja für beide Gemeinden Neuenkirchen und Lassahn von weltlicher Seite angewiesen sein. Aber auf Grönau folgen in der Aufzählung der Ortschaften nur solche Dörfer, die später und noch jetzt zum Kirchspiel Grönau gehörten, während das, wie schon erwähnt, von Lassahn nicht gesagt werden kann.

So bleibt nur die Annahme übrig, daß es im Zehntenregister bei Lassahn vollständig heißen muß: ecclesia Nienkerken I. (Hufe). Die eine Pfarrhufe des Bischofs war also zu Lassahn angewiesen worden. In Lassahn gab es 1230 noch keine Kirche und darum auch kein Kirchspiel; die späteren Kirchspiele Neuenkirchen und Lassahn bildeten damals noch die eine große „Parrochia Nienkerken".

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Warum man eine Pfarrhufe in einem Außenorte des Kirchspiels angewiesen hat, läßt sich jetzt nicht mehr sagen. Eigenartig ist es, daß an verschiedenen Orten, wo außerhalb des Kirchdorfes Pfarrhufen sich befanden, späterhin Kapellen, Kirchen und Kirchspiele errichtet worden sind. In Valluhn ist z. B. eine Kapelle gebaut worden, während in Demern und Lassahn neue Kirchspiele entstanden sind. Vielleicht hat schon bei der Auslegung der Kirchenhufen in den betreffenden Orten der Plan bestanden, dort später kirchliche Neugründungen vorzunehmen, oder auch die Kirchenhufe im Außendorf ist mit Veranlassung geworden, eine neue kirchliche Bildung ins Leben zu rufen.

Wenn nun aber auch das Kirchspiel Lassahn 1230 noch nicht bestand, so muß doch die Gründung desselben bald darauf erfolgt sein, denn die Lassahner Kirche, welche doch das Vorhandensein eines Kirchspiels bedingt, ist nach einer privaten Mitteilung des Provinzialkonservators Prof. Dr. Haupt, des verdienstvollen Herausgebers von „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Herzogtum Lauenburg", in ihren ältesten Teilen (dem Chor) vor 1250 gebaut worden. Prof. Haupt setzt ihre Erbauung in die Jahre 1190-1250.

Es fragt sich nun, welche Gründe zur Teilung des Kirchspiels Neueukirchen und zur Errichtung einer besonderen Parrochie in Lassahn geführt haben. Es ist kaum anzunehmen, daß das Bedürfnis kleinere Parrochien zu schaffen, zu diesem Schritte Veranlassung gegeben hat, denn die gegenwärtige Einwohnerzahl der beiden Kirchspiele Neuenkirchen und Lassahn von 12-1300 Seelen wird auch damals kaum größer gewesen sein, und die Entfernungen der Außendörfer von Neueukirchen sind doch auch nicht so groß, daß die Notwendigkeit vorlag, eine besondere Kirche für die entlegenen Dörfer zu bauen. Da Bernstorff, das im Zehntenregister nicht genannt wird, wohl noch nicht existierte, und auch Hakendorf noch

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nicht vorhanden war, so haben nur Lassahn und Stintenburg (Kampenwerder) einen kürzeren Kirchweg erlangt. Wenn man aber bedenkt, daß Lassahn nur ca. 1/2 Stunde und Stintenburg ca. 3/4 Stunde von Neueukirchen entfernt ist, so liegt es auf der Hand, daß hier nicht der Grund zur Erbauung einer besonderen Kirche in Laffahn zu suchen ist.

Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es einzig und allein infolge politischer Veränderungen in der hiesigen Gegend zur Errichtung einer Kirche und eines Kirchspiels in so großer Nähe von Neuenkirchen gekommen ist. Wenn wir geographische Namen verwenden, die erst später sich bildeten, so läßt sich die betreffende politische Veränderung dahin beschreiben, daß die Landeshoheit über das Gebiet des späteren Kirchspiels Lassahn von Mecklenburg auf Lauenburg übergegangen war. In ganzer Klarheit zeigt sich diese Veränderung fast 100 Jahre später, wenn wir sehen, wie das Kirchspiel Lassahn, dessen Ortschaften im Zehntenregister vom Jahre 1230 als zur terra Wittenburg gehörig bezeichnet werden, 1320 resp. 1335 bei der Aufzeichnung der Einkünfte der Pfarren als Teil der terra Ratzeburg auftritt, während Neuenkirchen nach wie vor in der terra Wittenburg belegen ist. Für diese hier vertretene Ansicht von der Ursache der Gründung des Kirchspiels Lassahn spricht auch die Tatsache, daß die Grenze der beiden Kirchspiele Lassahn und Neuenkirchen stets zugleich die Grenze zwischen Lauenburg und Mecklenburg bildete. Das ganze Gebiet des Lassahner Kirchspiels, kein Teil desselben ausgenommen, aber auch nichts mehr, ist in der Folgezeit auch stets lauenburgisch geblieben. Zwar hat man von Seiten Mecklenburgs später Ansprüche auf Stintenburg, Lassahn und Techin gemacht, aber diese Ansprüche sind 1456 abgefunden worden 1); zwar wollte Mecklenburg auch
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1) Vergleiche "Jahrbuch des lauenburgischen Geschichtsvereins 1904." S. 64.

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seine Hand auf Bernstorff legen, das in einer Privat-Urkunde vom Jahre 1462 als in Mecklenburg belegen aufgeführt wird, aber 1505 war das Recht Lauenburgs auf Bernstorff allgemein anerkannt. 1) Zuerst also ist das Kirchspiel Neuenkirchen politisch in zwei fast gleiche Teile geteilt worden, und diese Teilung hat darauf die kirchliche Teilung im Gefolge gehabt. Wann die politische Veränderung stattgefunden hat, und wodurch sie bewirkt worden ist, ist nicht überliefert. Es ist vielleicht anzunehmen, daß, als der Bischof von Ratzeburg, dessen Sprengel vor allem lauenburgisches Gebiet umfaßte, Campenwerder 1230-35 vom Grafen Ganzel III. von Schwerin kaufte, gleichzeitig, wenn nicht schon früher, lauenburgische Adelige wie z. B. die von Carlow, welche 100 Jahre später nachweislich Lassahn besaßen, die anderen Ortschaften des Kirchspiels Lassahn, die damals noch nicht Pertinentien von Stintenburg waren, erwarben, und darauf und infolgedessen durch eine gütliche Vereinbarung zwischen Herzog Albert von Sachsen-Lauenburg und Graf Ganzel von Schwerin, etwa im Jahre 1236, das Gebiet des nachherigen Kirchspiels Lassahn unter lauenburgische Hoheit gekommen ist. Die nunmehr erfolgte Stiftung des Kirchspiels Lassahn wäre dann etwa in das Jahr 1240 zu setzen. Die kirchliche Trennung Lassahns von Neuenkirchen mag dadurch erleichtert worden sein, daß zu jener Zeit wahrscheinlich gar keine Kirche zu Neuenkirchen vorhanden war. Wie Prof. Dr. Haupt mir nämlich mitteilt, ist die Kirche zu Neuenkirchen etwas jünger als die zu Lassahn, sie stammt aus der Zeit um 1260. Es ist jetzt nicht mehr festzustellen, wie es gekommen ist, daß die Kirche des ursprünglichen Kirchortes jünger ist als die des abgetrennten Teils. Vielleicht ist die alte Kirche in Neuenkirchen durch Brand zerstört worden.
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a) Vergleiche "Jahrbuch des lauenburgischen Geschichtsvereins 1905." S. 38 ff.

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Ist die Annahme richtig, daß die politische Trennung zwischen Neuenkirchen und Lassahn Anlaß zur Gründung des besonderen Kirchspiels Lassahn geboten hat, so ist damit auch ein neuer Grund gegeben gegen die Meinung, daß Lassahn ursprünglich ein Filial von Neuenkirchen gewesen sei. Nachdem auf politischem Gebiet eine klare Trennung erfolgt war, ist sicherlich auch die kirchliche Trennung eine vollständige gewesen. So ist es wohl berechtigt, zu behaupten, daß Lassahn von Anfang an ein völlig selbständiges Kirchspiel gewesen ist. Um so mehr haben wir ein Recht zu dieser Behauptung, als Nachrichten aus den Jahren 1320 und 1335 es als eine Parrochie die von keiner anderen abhängig war, erkennen lassen. Im Jahre 1320 erließ Bischof Marquard von Ratzeburg einen Befehl an alle ihm unterstellten Geistlichen, den Wert ihrer Einkünfte und Benefizien anzugeben. 1) Auf Grund dieser Berichte wurde sodann nach Verordnung des Bischofs Volrad im Jahre 1335 ein Verzeichnis der Einkünfte aufgestellt, das uns erhalten ist. In diesem Verzeichnis erscheint das Kirchspiel Lassahn als gleichberechtigt unter anderen lauenburgischen Kirchspielen. Im Lande Ratzeburg werden nämlich folgende Pfarren in nachstehender Reihenfolge aufgeführt: Ratzeburg, St. Georgsberg, Behlendorf, Grönau, Krummesse, Berkenthin, Siebenbäumen, Sandesneben, Linau, Nusse, Mölln, Schmilau, Schlagsdorf, Mustin, Karlow, LASSAHN, Seedorf, Sterley, Gudow, Büchen und Breitenfelde. Erst später folgten im Lande Wittenburg u. a. Vellahn, Camin, Zarrentin, Neuenkirchen und Döbbersen. Erwähnt sei hier, daß das Einkommen der beiden Pfarren zu Lassahn und zu Neuenkirchen gleich groß war; es betrug 12 Mk. Lübsche Pfennige.

Auch aus dem 15. Jahrhundert haben wir ein Zeugnis dafür, daß Lassahn ein selbständiges Kirchspiel war. In der vorhin erwähnten Privaturkunde vom
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1) Masch: Geschichtedes Bistums Ratzeburg. S. 235 f.

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Jahre 1462 wird von dem „kerspele (Kirchspiel) Lassan" in derselben Weise geredet wie von dem „kerspele Sterlige" (Sterley)).

Im 16. Jahrhundert aber scheidet Lassahn aus der Reihe der selbständigen Kirchspiele aus. Nachdem es mehr denn 250 Jahre als besondere Parrochie bestanden hatte, tritt es, etwa um das Jahr 1500, in eine gewisse Abhängigkeit von Neuenkirchen. In einer Aufzeichnung vom Jahre 1534 heißt es: „Nyenkerke mit der Kapellen to Lassan." Es ist nicht bekannt, durch welche Umstände die Selbständigkeit Lassahns verloren ging. Sicherlich ist hierbei nicht ohne Bedeutung die Tatsache gewesen, daß seit 1434 Stintenburg, Techin und Lassahn sowie Neuenkirchen, also der größte Teil der beiden Kirchspiele und vor allem die Orte, worin die Kirchen liegen, die früher verschiedene Herren gehabt hatten, in einer Hand vereinigt waren. Sie bildeten zusammen ein Besitztum der Familie von Bülow. Hatte vor reichlich 2 1/2 Jahrhunderten die neue politische Grenze die Trennung der beiden Kirchen im Gefolge gehabt, so mag nunmehr die Verwischung dieser Grenze zu einer gewissen Wiedervereinigung geführt haben. Vielleicht war das Einkommen der beiden Pfarrstellen im Laufe der Zeit geringer geworden, sodaß die Inhaber Anlaß zu Klagen hatten, worauf dann der betreffende Herr v. Bülow eine Vereinigung der Pfarrstellen in die Wege leitete. Diese Vereinigung war aber keine völlige, sodaß beide Kirchspiele zu einem einzigen wären verschmolzen worden, sondern sie bestand nur in der Personalunion des Geistlichen, der zu Neuenkirchen seinen ständigen Wohnsitz hatte. Im übrigen blieben beide Kirchspiele vollständig getrennt: jede Parrochie hatte ihre besonderen Juraten, ihre besondere Vermögensverwaltung und stand unter dem Kirchenregiment des betreffenden Landes. Jeder Patron hatte das Recht, für seine Kirche den Geistlichen zu berufen, andererseits lag es jedem ob, das nötige Bauholz für seine Kirche

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zu liefern, wahrend jede Gemeinde für ihre Kirche die Fuhren und Handdienste zu leisten hatte. Das gemeinsame Pfarrhaus zu Neuenkirchen aber wurde von beiden Patronen und Gemeinden gemeinschaftlich erbaut und unterhalten. So standen beide Gemeinden selbständig nebeneinander, was sich auch darin zeigte, daß der sonntägliche Gottesdienst in den Kirchen alternierte und die Amtshandlungen von dem gemeinsamen Pastor für jede Gemeinde in ihrer Kirche vollzogen wurden. Diese Selbstständigkeit der Kirchspiele ist auch ein Zeugnis dafür, daß beide, also auch Lassahn, früher völlig selbständig gewesen sind.

Naturgemäß gab aber die Tatsache, daß Neuenkirchen der Sitz des gemeinsamen Pfarrers war, demselben ein gewisses Uebergewicht, und so läßt es sich erklären, daß verschiedentlich in den Akten Neuenkirchen als die Hauptkirche, und Lassahn als ein Filial derselben bezeichnet wird. Wie tief man Lassahn einschätzte, geht beispielsweise aus der oben angeführten ersten Erwähnung Lassahns nach dem Abschluß des Mittelalters hervor: „Nyenkerke mit der Kapellen to Lassan." In diesem Ausdruck, der sich in einer von mecklenburgischer Seite 1534 amtlich angeordneten Aufzeichnung der kirchlichen Güter und Hebungen findet, wird die Kirche zu Lassahn, die doch kaum kleiner ist als die zu Neuenkirchen, nur eine Kapelle genannt. Wie es gekommen ist, daß der gemeinsame Pastor seinen Wohnsitz in Neuenkirchen bekam und nicht in Lassahn, ist jetzt nicht mehr sicher zu ermitteln. An und für sich hätte der Pastor ebenso gut in Lassahn wohnen können, ja, wenn man nach der Zahl der Einwohner hätte gehen wollen, so hätte Lassahn den ersten Anspruch darauf gehabt. Vorübergehend ist auch später der Wohnsitz des Pastors in Lassahn gewesen: So sah sich Pastor Pfeiffer infolge der Schrecknisse des 30jährigen Krieges genötigt, Neuenkirchen zu verlassen und nach Lassahn zu ziehen, wo er ca. 1638-

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1650 ein ärmliches Unterkommen fand. Wenige Jahrzehnte nachher (von 1667 an) besaß Pastor Böttcher in Lassahn ein Haus, in dem er auch zeitweise gewohnt zu haben scheint.

Daß Neuenkirchen zum Wohnort des Pastors gewählt wurde, mag vielleicht veranlaßt worden sein durch die Erinnerung an jene Zeiten, da Neuenkirchen der einzige Kirchort in beiden jetzigen Kirchspielen war, also vor 1240; vielleicht war auch das Neuenkirchener Pastorat zu jener Zeit in besserem Zustande als das Lassahner, vielleicht aber haben - und das hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich —, die Patronatsverhältnisse den Ausschlag für Neuenkirchen gegeben. Das Patronat über bie Lassahner Kirche hatten, seitdem Lassahn eine Pertinenz von Stintenburg, geworden war, (seit 1400) aller Wahrscheinlichkeit nach die Besitzer von Stintenburg, also um 1500 die Herren von Bülow. Zu jener Zeit wohnte aber kein Angehöriger der Familie dauernd auf Stintenburg, und darum mag man wenig Wert darauf gelegt haben, wie es sonst wohl geschehen wäre, den Pastor möglichst nahe bei Stintenburg, also in Lassahn, zu haben. Das Patronat über die Kirche zu Neuenkirchen aber lag in jener Zeit in der Hand des Landesherrn, und es ist wohl denkbar, daß derselbe bei den Wiedervereinigungsverhandlungen, um sich einen möglichst großen Einfluß auf die beiden Kirchspiele zu sichern, darauf bestanden hat, daß der Pastor von NEUENKIRCHEN aus die Gemeinden leite.

Diese Gemeinschaft beider Kirchspiele mit einem Pastor hat beinahe 200 Jahre bestanden. Es ist das fast ein Wunder zu nennen, wenn man bedenkt, daß verschiedene Umstände und Verhältnisse vorlagen, die leicht zu einer Trennung Veranlassung geben konnten: Die Kirchspiele lagen in verschiedenen Ländern, und standen unter verschiedenen Kirchenregimentern, Vor allem aber, jede Kirche hatte ihren besonderen Patron. Wie

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leicht konnten da Reibungen entstehen, die dann das Band zwischen beiden Kirchspielen zerrissen.

Die Patronatsfrage hat allezeit eine große Rolle gespielt; sie ist es auch gewesen, die schließlich wieder (1783) die Trennung der beiden Kirchspiele veranlaßt hat. Das Patronat über Neuenkirchen war bereits ca. 1560 nicht mehr beim Landeherrn, sondern an die Besitzer des Gutes Drönnewitz, wozu auch Neuenkirchen gehörte, übergegangen. Solange nun, wie es in den ersten 100 Jahren der Fall war, Drönnewitz und Stintenburg und damit auch das Patronat über beide Kirchen in einer Hand waren, hatte es keine Schwierigkeit, die beiden Kirchspiele unter einem Pastor zusammenzuhalten. Es wurde aber anders, als Stintenburg und Drönnewitz verschiedene Besitzer erhielten. Das trat um 1600 ein.

Als im Jahre 1610 eine Neubesetzung der Pfarrstelle stattfand, hatte sich Vicco von Bülow, der Stinten-burg und Drönnewitz gemeinschaftlich mit mehreren Gliedern einer anderen Linie seiner Familie besaß, noch gütlich mit seinen Miteigentümern auf Pastor Pfeiffer geeinigt, aber dann kam es 1619 und 1620 zu einem ersten Versuch, Lassahn und Neuenkirchen wieder zu trennen. Durch Vertrag vom 29. April 1619 war das Gebiet des Kirchspiels Lassahn der Witwe Viccos von Bülow († 1616), Clara geb. von der Asseburg, zugefallen, während Drönnewitz und Neuenkirchen an einen anderen Zweig der Familie von Bülow kamen. In diesem Vertrag war es noch besonders ausgesprochen, daß jede der beiden Kirchen als eine Mutterkirche ansehen sei. Da die Witwe von Bülow auf Stintenburg bereits mehrere Jahre lang in schweren Zerwürfnissen mit dem damaligen Pastor Pfeiffer gelebt hatte, gedachte sie von ihm los zu kommen, indem sie für ihre Patronatskirche Lassahn einen eigenen Pfarrer berief. Wäre dieser Plan zur Ausführung gekommen, so hätte das die völlige Trennung beider Kirchspiele bedeutet, doch kam es nicht so weit.

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Clara v. Bülow teilte unterm 5. Juli 1619 dem Pastor Pfeiffer mit, daß sie zu Michaelis d. J. einen eigenen Pastor für Lassahn berufen wolle, und er sich deshalb um die Pfarrländereien zu Lassahn nicht mehr zu bekümmern brauche. Zugleich untersagte sie den Eingesessenen des Lassahner Kirchspiels, dem Pastor zu Neuenkirchen die ordnungsmäßigen Hand- und Spanndienste zu leisten und das Deputatkorn zu liefern. Aber so rasch wie die Lassahner Kirchenpatronin es sich gedacht, entwickelte sich die Angelegenheit nicht; das Jahr 1620 kam heran, und noch war nichts Entscheidendes geschehen. Wohl hatte sich die Witwe v. Bülow an den lauenburgischen Superintendenten gewandt, aber von demselben war noch nichts verfügt worden; auch Pastor Pfeiffer, der an das Konsistorium in Ratzeburg geschrieben hatte, war noch ohne Antwort. Da nahm der Pastor seine Zuflucht zu seiner mecklenburgischen Obrigkeit. Er schrieb unterm 22. Februar 1620 an den Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, teilte den Plan Claras v. Bülow mit und bat um Verhinderung desselben, besonders aber um Verwendung beim Herzog von Lauenburg, damit der lauenburgische Superintendent nicht den Plan seiner Gegnerin gutheiße. Der Herzog entsprach dieser Bitte: er untersagte unterm 26. Februar der Witwe v. Bülow, an der Abtrennung Lassahns von Neuenkirchen zu arbeiten und sandte gleichzeitig ein Interventionsschreiben an Herzog Augustus von Lauenburg. Aeußerungen der lauenburgischen Behörden in dieser Sache sind nicht bekannt. Jedenfalls ist es damals zu einer Trennung der Gemeinden nicht gekommen.

Aufs neue tauchte um die Mitte des 17. Jahrhunderts der Plan auf, die Verbindung beider Kirchspiele zu lösen. Diesmal ging die Anregung zur Trennung von Drönnewitz aus und zwar von dem Sohne der Clara von Bülow, Curt v. Bülow. Dieser lebte, ebenso wie seine Eltern, fast ununterbrochen mit Pastor Pfeiffer,

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seinem früheren Lehrer, in Streit. Er wäre Pastor Pfeiffer gern losgewesen und gedachte das so zu erreichen, daß er dem Besitzer von Stintenburg, das er 1639 an Herzog Franz Albrecht von Lauenburg verkauft hatte, die Lassahner Pfarre mit Pastor Pfeiffer überließ, während über Neuenkirchen anders verfügt wurde. Die Zeitumstände waren seinem Plane günstig, da Pastor Pfeiffer, durch die Kriegsstürme aus Neuenkirchen vertrieben, seit einigen Jahren in Lassahn wohnte und sich um Neuenkirchen wenig kümmern konnte; auch hatte der Herzog von Mecklenburg als er Curt v. Bülow 1639 sein Gut Drönnewitz, das mehrere Jahre eingezogen gewesen, zurückgab, demselben gestattet, einen eigenen Pastor in Neuenkirchen zu haben oder auch Neuenkirchen mit einer benachbarten mecklenburgischen Pfarre zu vereinigen. Auf dieses Zugeständnis berief sich nunmehr Curt von Bülow in einem Schreiben an den Herzog Adolf Friedrich vom 17. Juli 1640, worin er sich auch über die Vernachlässigung Neuenkirchens seitens Pastor Pfeiffer beklagte, und verlangte, daß die Neuenkirchener Pfarre als unbesetzt angesehen werden sollte. Seine Gedanken gingen dann weiter auf eine Vereinigung Neuenkirchens mit Döbbersen. Unterm 9. August 1640 verteidigte sich Pastor Pfeiffer in einem ausführlichen Schreiben an Herzog Adolf Friedrich gegen die von Curt v. Bülow wider ihn erhobenen Beschuldigungen und bat hinsichtlich der beiden Kirchspiele um Belassung des bisherigen Zustandes. Er erinnert daran, daß 1620 ausgesprochen worden sei, beide Pfarren sollten zusammenbleiben, und sagt, daß die Kriegsgräuel ihn bewogen hätten, nach Lassahn zu flüchten, und daß die Kirche zu Neuenkirchen durch den Krieg so mitgenommen sei, daß man keine Gottesdienste darin halten könne. Was der Herzog darauf verfügt hat ist nicht bekannt, weil keine weitere Akten vorhanden sind. Sicher ist, daß, obschon Pastor Pfeiffer bis an seinen Tod (1650) in Lassahn geblieben

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ist, die Vereinigung der beiden Kirchspiele nicht aufgehoben worden ist.

Besonderen Anlaß zu Reibungen zwischen den beiden Patronatsinhabern boten naturgemäß die Pfarrbesetzungen. Doch haben sich bei der Neubesetzung der vereinigten Pfarrstelle 1651, 1674, 1679 und 1718 keine Schwierigkeiten gezeigt, obschon Stintenburg und Drönnewitz zeitweilig in verschiedenen Händen waren. Während 1674 der lauenburgische Generalsuperintendent D. Albert Elers Lassahn eine „filia" von Neuenkirchen nennt, dachte sein Sohn und zweiter Nachfolger als Generalsuperintendent Johannes Elers 1718 hierüber ganz anders. Nach der Einführung Pastor Brauns 1718 berichtete er dem Konsistorium in Ratzeburg, er habe bei der neulichen Abnahme der Lassahner Kirchenrechnungen wahrgenommen, daß die Angelegenheiten beider Kirchen öfters mit einander vermengt würden und zwar der Lassahner Kirche zum Schaden „auch endlich dieseS, daß sie (die Lassahner Gemeinde) sogar nur vor ein Filial von Neuenkirchen angesehen werden möchte". Darauf wies das Konsistorium unterm 14. Oktober 1718 den Pastor Braun an, dafür zu sorgen, daß solche „Vermengung" nicht geschehe. Auch ordnete der Superintendent im selbigen Jahre an, daß für die Lassahner Gemeinde ein besonderes Kirchenbuch geführt werden solle. Doch scheint gerade die Verwaltung Pastor Brauns hier nicht ganz einwandfrei gewesen zu sein, denn 1742 fand sich das Konsistorium bewogen, ihn an die erwähnte Verfügung vom 14. Oktober 1718 zu erinnern. Erwähnt sei hier, daß im Jahre 1708 die damalige Herrin Stintenburgs, die Großvogtin von Hammerstein, bei Verhandlungen über das Einkommen der Lassahner Pfarre dem Ratzeburger Konsistorium erklärte, Lassahn sei kein Filial und darum würde sie es auch nicht zugeben, daß die Lassahner Pfarr-Hand- und Spanndienste nach Neuenkirchen hin leisteten.


(Schluß folgt.)

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