Jahresband 1906

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


DAS HERZOGTUM LAUENBURG UND DIE
DEUTSCHE FRAGE IN DEN JAHREN 1848-1850.

(
Fortsetzung und Schluß.)

[Prof. Dr. Bertheau]
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Zur Erklärung dafür, daß der Amtmann Prehn im Januar des Jahres 1850 nach Berlin geschickt wurde, dient die Mitteilung, welche am 8. Januar der Präsident der Statthalterschaft, Graf von Kielmannsegge, der am 7. Januar d. J. wieder zusammentretenden Lauenburgschen Landesversammlung machte. 1) Bei seiner Anwesenheit in Berlin hjatte Kielmannsegge von dem Bevollmächtigten des Königs von Dänemark, Herrn von Pechlin, erfahren, eine offizielle Teilnahme Lauenburgs bei den Friedensverhandlungen sei schon aus dem Grunde unstatthaft, weil Holstein nicht zugelassen werde. Es sei indessen erwünscht, wenn jemand aus Lauenburg nach Berlin käme, um die erforderlichen Mitteilungen zu machen.

Kielmannsegge hatte dann mit Pechlin eine Unterredung und erhielt auch ein Schreiben von ihm, sowie auf dessen Beantwortung ein zweites, und beide werden der Landesversammlung mitgeteilt. Diese Schreiben zeigen uns den unter den damaligen Verhältnissen unvermeidlichen Konflikt zwischen der dänischen Regierung einerseits und der Statthalterschaft, sowie der Landesversammlung Lauenburgs anderseits bei den Friedens-
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1) S. Bericht über die Verhandlungen der Lauenburgischen Landesversammlung zu Ratzeburg.
2. Heft, Sitzung 15-35, S. 123ff.

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verhandlungen. Am 2. Januar riet Pechlin bei dem nahe bevorstehenden Zusammentreten der Landesversammlung ernstlich davon ab, eine ohne Zutun, noch Genehmigung des Königs und Herzogs von Lauenburg aufgerichtete Verfassung in Ausführung zu bringen und namentlich danach die bestehende Kirchen- und Schul-, auch Gerichtsverfassung umzugestalten. Pechlin macht darauf aufmerksam, „daß bereits der Königliche Bevollmächtigte bei der Bundeskommission in Frankfurt angewiesen sei, derselben als Zentralbehörde für Deutschland einen Antrag wegen des Herzogtums Lauenburg zu übergeben, der namentlich eine Sistierung des fraglichen Vorhabens „befaßt", im übrigen aber den Zweck habe, daß durch Vermittlung dieser obersten deutschen Behörde die provisorische Regierung im Herzogtum so geordnet werde, daß sie namens des rechtmäßigen Landesherrn von der gegenwärtigen Statthalterschaft, deren schwierige Stellung und darin bewiesenen verdienstlichen Bestrebungeu nicht verkannt werden, bis zum Friedensschlüsse fortgeführt werden könne."

Hierauf antwortete Kielmannsegge am 3. Januar von Berlin aus, eine solche Sistierung der organischen Gesetzgebung, die übrigens vom Könige selbst am 30. März 1848 in Aussicht gestellt sei, würde nicht nur im Lande selbst, sondern auch über dasselbe hinaus einen, „um nicht mehr zu sagen," höchst unerfreulichen Eindruck hervorbringen.

Er gibt Pechlin zur Erwägung anheim, ob bei der ganzen politischen Gestaltung der Zeit es nicht geeignet sein möchte, statt einer solchen Sistierung auf unbestimmte Zeit eine sofortige Prüfung der bereits, vorbehältlich der Rechte des König-Herzogs, in tatsächliche Wirksamkeit getretenen Verfassung herbeizuführen, woraus sich dann ergeben würde, daß namentlich der weiteren Entwicklung der oben bezeichneten Gesetze ihrer Tendenz nach kein gegründetes Hindernis entgegenstehe.

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Hierauf erwiderte Pechlin, eine solche Prüfung erscheine ihm nicht vornehmbar, einmal, weil die Regierung Lauenburgs dermalen im Namen des Königs nicht geführt werde, anderseits, weil die Behörde, zu deren Ressort, wenn sie noch bestände, dieselbe gehört haben würde, die Schleswig-Holstein-Lauenburgische Kanzlei, noch durch kein hierfür eintretendes Ministerium ersetzt worden sei. Der unerfreuliche Eindruck, den sein Schreiben gemacht sollte, dürfte wohl auf einem Mißverständnis beruhen. Ein solches wäre es, wenn daraus geschlossen werden sollte, daß bei der Verfassungsänderung den veränderten Sach- und Zeitverhältnissen von Sr. Majestät dem König nicht volle Rechnung getragen werden würde. Daß dieses vielmehr geschehen würde, könne schon nach dem höchsten Erlaß vom 30. März 1848 keinem Zweifel unterliegen. Daß der König alle verständigen dortigen Erwartungen nicht schon jetzt zu erfüllen vermöge, empfinde er so schmerzlich, wie die Verhältnisse, die ihn daran hinderten.

Die Landesversammlung ernannte einen Ausschuß zur Prüfung dieser Angelegenheit. Dieser entschied sich nach kurzer Beratung dafür, daß die Statthalterschaft sich mit der Bundeskommission in Frankfurt in Verbindung setzen sollte, und billigte die Sendung des Amtmanns Prehn nach Berlin. In einem Nachsatze zu dem ausführlichen Berichte des Ausschusses wurde von einigen Mitgliedern desselben der Antrag gestellt, „die Landesversammlung sollte dem Präsidium der Statthalterschaft anheimgeben, ob es nicht zweckentsprechend sein dürfte, auf dem Wege eines vertraulichen Schreibens die Vorfrage nach Kopenhagen gelangen zu lassen, ob eine an den König-Herzog gerichtete Vorstellung wegen Entsendung eines Königlichen Kommissars zu dem Zweck zur Herstellung eines geordneten Verhältnisses des Landes zu seinem Landesherrn eine Verständigung mit den verfassungsmäßigen Organen der bestehenden Landes-

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verwaltung zu erzielen, eine günstige Aufnahme finden würde." Dieser Schlußsatz wurde indessen von der Mehrheit der Landesversammlung abgelehnt.

Unter diesen Verhältnissen begab sich der Amtmann Prehn nach Berlin und kam am 11. Januar dort an. Am nächsten Tage suchte er um eine Audienz bei dem Minister von Schleinitz und dem Baron von Pechlin nach, mußte sich aber darauf beschränken, seine Karte abzugeben, dagegen hatte er mit Herrn von Usedom eine stundenlange Unterredung, deren wesentlicher Inhalt folgender war: Usedom sagte, Kielmannsegge hätte sich schon bei seiner Anwesenheit in Berlin mit Pechlin verständigt. Darauf erwiderte Prehn, eine Verständigung habe nicht stattgefunden; der Baron von Pechlin habe schriftlich erklärt, daß er von der Ausführung der in Beratung begriffenen organischen Gesetze entschieden abtäte, und dagegen die landesherrlichen Rechte entschieden verwahren müsse. Der dänische Gesandte, Herr v. Bülow, sei angewiesen, bei der Bundeskommission zu beantragen, daß sie die Beratung sistieren und es vermitteln möge, daß die Regierung des Herzogtums Lauenburg bis zum Friedensschluß durch die gegenwärtige Statthalterschaft namens des Landesherrn fortgeführt werde.

Auf diese Mitteilung habe der Graf Kielmannsegge Pechlin vorgestellt, daß es geeigneter sein möchte, statt einer Sistierung auf unbestimmte Zeit eine sofortige Prüfung der Verfassung herbeizuführen. Darauf habe aber der Baron von Pechlin im wesentlichen ablehnend geantwortet. Herr von Usedom sagte darauf, er habe eine Mitteilung Pechlins dahin verstanden, dieser holte sich mit dem Grafen Kielmannsegge dahin geeinigt, daß von der Bundeskommission eine Kommission zu erbitten sei, um der jetzigen Statthalterschaft die Regierung namens des Landesherrn zu übertragen. Er, Usedom, halte es für zweckmäßig, Prehn die Ansicht mitzuteilen, die er und die Königlich Preußische Regierung

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von der Lage der Dinge habe. Er glaube, dieses um so mehr tun zu müssen, als den dänischen Friedenskommissarien in keinem Punkte zu trauen sei; diese suchten nur Konzessionen zu erreichen, um darauf weitere Konzessionen als notwendige Folge des schon Erlangten zu erzwingen und sich so nach und nach in den Besitz dessen zu setzen, was sie doch billigerweise erst durch den Friedensschluß erreichen sollten; sie hatten davon noch in diesen Tagen Beispiele erfahren, die zu großer Vorsicht aufforderten. - Die Lage der Dinge sei die: Es sei ein Kriegszustand zwischen Preußen und Dänemark vorhanden, der bilde die Regel; es existiere augenblicklich ein Waffenstillstand, der sei aber ein Ausnahmezustand. Nun liege es zwar in der Natur der Sache, daß man bereit sein müsse, den WÜNSCHEN des Landesherrn, soweit der Kriegszustand es erlaube, nachzukommen, allein von BEFEHLEN könne überall nicht die Rede sein, indem die Ausübung der landesherrlichen Rechte eben durch den Krieg aufgehoben sei. Es existiere jetzt zwischen dem König von Dänemark und Deutschland keine andere Relation, als diejenige, welche zwischen ihm, von Usedom, als deutschem Unterhändler und dem dänischen Bevollmächtigten stattfinde, und die Vollmacht des letzteren beziehe sich lediglich auf den Friedensabschluß und könne nicht weiter gehen. Ihm scheine, man müsse diese Auffassung ganz streng durchführen, ja, er wolle Prehn raten, bei Unterredungen mit Pechlin ausdrücklich nur das Wort „Wünsche des Landesherrn" zu gebrauchen. Nach seiner Überzeugung würde die Bundeskommission die Sache auch nur aus diesem Gesichtspunkte betrachten, und er bezweifle es daher, daß sie sich dazu verstehen werde, durch einen Kommissar, wenn solcher durch den Kammerherrn von Bülow beantragt sei, eine Regierung namens des Landesherrn einzusetzen, darin würde die Einsetzung eines imperii liegen, die vor dem definitiven Frieden nicht zugestanden werden dürfe.

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Prehn knüpfte daran eine Frage. Ihm sei bekannt, daß die hohe Statthalterschaft beabsichtige, die Landesversammlung zu vertagen, sobald dieses dem Grundgesetze gemäß zulässig sei. Er sei auch beauftragt, dieses dem Herrn von Pechlin zu sagen; bei seiner (Usedoms) Auffassung der Sache werde ihm diese Mitteilung vielleicht nicht zweckmäßig erscheinen. Herr von Usedom erklärte darauf, er könne natürlich nicht der hohen Statthalterschaft einen Rat erteilen, indessen ließ er deutlich durchblicken, nach seiner Ansicht würde eine Beschränkung der Beratung auf das Notwendigste einer Vertagung auf unbestimmte Zeit vorziehen sein; er rate, Pechlin nichts von der Vertagung zu sagen, bis Prehn gesehen habe, wie er überhaupt sich äußern werde; Prehn hat dann beschlossen, diesen Rat zu befolgen, bis er weitere Instruktionen empfange. Im übrigen, so setzt Prehn noch hinzu, zeigte sich Herr von Usedom sehr wenig unterrichtet über die Lauenburgischen Verhältnisse und insbesondere über die Entstehung des Grundgesetzes, z. B. wußte er nicht, daß der dänische Kommissar von Plessen während des Malmöer Waffenstillstandes die Genehmigung zur Beratung eines Grundgesetzes gegeben habe. Es schien so, als ob er die Holsteinischen und Lauenburgischen Verhältnisse vermengte und verwechselte. Zu seiner Aufklärung führte Prehn aus, daß das Grundgesetz mit Genehmigung des Landesherrn vorbereitet, während des Krieges von der deutschen Zentralgewalt, jedoch mit ausdrücklichem Vorbehalt der Bestätigung durch den Landesherrn, in tatsächliche Wirksamkeit gesetzt sei, und sprach dann den Wunsch aus, es mochte dahin gewirkt werden, daß das Grundgesetz, dessen Revision vorbehältlich, zur Anerkennung gebracht werde. Herr von Usedom verhehlte indessen nicht, daß eine Anerkennung des Grundgesetzes, selbft die Revision vorbehalten, nicht erwartet werden könne, Zwar könne man vom Lauenburgischen Standpunkte aus behaupten, daß es auf

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gesetzlichem Wege entstanden sei, allein versetze man sich auf den Standpunkt des Königs von Dänemark, so müsse man wohl zugeben, daß dieser die Handlungen der Zentralgewalt als nicht für ihn verbindlich anzusehen gewillt sein könne. Indessen glaubte er nach den Umständen, die Prehn ihm mitgeteilt hätte, daß wohl „ein Schweben" des Grundgesetzes und eine Fortsetzung der bereits mit Genehmigung des Königlichen Kommissars begonnenen Beratungen über das Grundgesetz zu erreichen sei.

Prehn teilte der Statthalterschaft dann auch noch mit, der Herr von Pechlin habe auf ein Inslebentreten der vormaligen Ritter- und Landschaft behufs Beratung eines neuen Verfassungsgesetzes hingedeutet. Dagegen bemerkte Prehn, es werde schon physisch unmöglich sein, diesen Gedanken zu verwirklichen, da nach seiner vollen Überzeugung von den Mitgliedern der vormaligen Ritter- und Landschaft, die sämtlich dem neuen Grundgesetz zugestimmt hätten, nicht ein einziger einer derartigen Aufforderung Folge leisten würde.

Am 13. Januar wurde Prehn von dem Minister von Schleinitz empfangen und erfuhr von ihm, daß die Bundeskommission auf den Antrag des dänischen Friedenskommissars beschlossen habe, die hohe Statthalterschaft um Sistierung der weiteren Ausführung der Verfassung und der organischen Gesetze zu ersuchen, wogegen ein fernerer Antrag auf Beiordnung eines dänischen Kommissars zu der Statthalterschaft abgelehnt worden sei. Unter diesen Umständen war kein Grund dem Herrn von Pechlin zu verschweigen, daß die hohe Statthalterschaft bereits die Vertagung der Landesversammlung beschlossen habe.

Bei dieser Unterredung wurde Prehn „höflich und mit einer Art Wohlwollen" empfangen. Auch in ruhigem Tone unter Berufung auf seine Instruktion teilte ihm der dänische Gesandte mit, daß von einer Beteiligung

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Lauenburgs bei den Friedensverhandlungen nicht die Rede sein könne. So konnte sich Prehn nur bereit erklären, wenn es gelegentlich gewünscht würde, Aufklärungen über die Lauenburgischen Verhältnisse zu geben und nahm dann Notiz von einer Äußerung Pechlins, daß der dänische König es bedauere nicht in der Lage zu sein, für die Wohlfahrt des Landes wirken zu können, wogegen Prehn bemerkte, daß es der allgemeine Wunsch des Landes sei, baldigst die Verhältnisse zum Landesherrn reguliert zu sehen.

Das bisher aus dem Briefwechsel Mitgeteilte macht schon klar, daß es sich für die Statthalterschaft wesentlich darum handelte, die Erlaubnis zu erhalten, dem Grundgesetze gemäß die organische Gesetzgebung durch die Landesversammlung fortzusetzen und die Anerkennung des Grundgesetzes, vorbehalten eine Revision, zu erlangen. Die Person des dänischen Königs war im Lande durchaus nicht verhaßt, sobald er als Herzog regierte und nicht vor Beendigung des Krieges sich in die Verhältnisse des Herzogtums einmischte. Eine Unterstützung konnte die Statthalterschaft nur bei der Bundeszentralkommission und in Berlin bekommen. Das preußische Ministerium war aber viel einflußreicher als die immer mehr absterbende Bundeszentralgewalt in Frankfurt. Preußen hatte die Beiordnung eines dänischen Kommissars zu der Statthalterschaft verhindert, und so hoffte der Graf Kielmannsegge es durchzusetzen, daß der bei der Bundeszentralkommission schwebende Antrag auf eine teilweise Zurücknahme des Inhibitorii vom 7. Januar, namentlich hinsichtlich der Einführung der neuen Gerichtsverfassung und des Schulgesetzes, von Berlin aus unterstützt würde. Der Amtmann Prehn sollte in gang offiziöser Weise Herrn von Usedoms Mitwirkung in Anspruch nehmen, doch dieser riet Prehn, die Sache dem Herrn von Pechlin vorzustellen. Dieser Rat wurde befolgt. In einer Audienz setzte Prehn auseinander, daß die gewünschte

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provisorische Gerichtsverfassung möglichst wenig Abweichungen von dem Bestehenden enthalte. Das Ganze laufe darauf hinaus, daß die Patrimonialgerichte aufgehoben und dagegen ein neues Amtsgericht gebildet werden sollte. Das Schulgesetz beruhe auf Grundsätzen, die in anderen Ländern, z. B. in Preußen, längst Geltung gefunden hätten. Der Kirche werde die Einwirkung in seiner Weise entzogen, und darin sei das Gesetz namentlich von den Grundrechten abweichend. Bei der großen Mißstimmung, die bei der Landesversammlung unvermeidlich wäre, wenn diese dringend geforderten Gesetze inhibiert würden, liege es nur im Interesse des Landesherrn, dieses Verlangen zu befriedigen, zumal da seinen Rechten durchaus kein Abbruch getan würde.

Die Antwort Pechlins aber war durchaus ablehnend. Er halte die Trennung von Justiz und Verwaltung überall für unzweckmäßig und unglücklich, und die projektierte Veränderung des Gerichtswesens beruhe wenigstens auf dem Grundsatze dieser Trennung. Nach seiner Ansicht habe der Staat überall kein Recht, die Leitung der Schulen, die als Kirchenschulen anzusehen seien, an sich zu reißen. So könne er dem Erlaß dieser Gesetze nicht die Hand bieten. Im übrigen war er höflich und ruhig, wie Prehn noch besonders hervorhebt. Dieser ging dann sofort zu Usedom, traf ihn aber nicht und ist daher nicht imstande sich darüber zu äußern, ob irgend eine andere Einwirkung auf die Sache in Bertin zu erreichen ist. Indessen erklärte Usedom später, von Berlin aus sei in dieser Angelegenheit nichts zu erwarten, und mithin müsse diese Sache der eigenen Entscheidung der Statthalterschaft überlassen bleiben. In dem Schreiben, in dem Prehn dieses am 2. Februar der Statthalterschaft mitteilt, meldet er zugleich, es scheine ihm jetzt, nachdem er die Lage der Verhältnisse aufzufassen Gelegenheit gehabt habe, sehr wünschenswert, der hohen Statthalterschaft mündlich Bericht zu

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erstatten und sich in mehreren Beziehungen nähere Instruktion zu erbitten. Besonders ein Punkt scheint ihm von großer Bedeutung. Er hat nämlich Grund anzunehmen, daß bei der Friedensverhandlung die Forderung gestellt werden könnte, das Herzogtum Lauenburg sollte einen Teil der dänischen Staatsschuld übernehmen. Daß das Herzogtum das nicht will, versteht sich von selbst, und daß eine solche Forderung höchst unbillig ist, kann nicht wohl bezweifelt werden; allein diese beiden Umstände dürften bei der Friedensverhandlung von geringem Gewichte sein, wenn man nicht imstande wäre durch vollgültige Rechtsgründe die Forderung zurückzuweisen. Die vollständige Zusammenstellung aller in Betracht kommenden Rechtsgründe ist eine schwierige Sache, und ich besitze, so schreibt Prehn, weder die vollständigen Materialien, noch die publizistischen Kenntnisse, welche zu einer solchen Aufgabe erfordert werden.

Während des Aufenthaltes Prehns in Ratzeburg wurde die Statthalterschaft von der Bundeszentralkommission durch ein Schreiben vom 12. Februar benachrichtigt, daß sie bevollmächtigt würde, die Maßregeln, die zur zweckmäßigen Verwaltung des Landes und zur öffentlichen Sicherheit und Beruhigung desselben für unumgänglich notwendig gehalten würden, unter Wahrung der landesherrlichen Rechte in der Form provisorischer Verordnungen zu treffen. Anderseits war die Kommission der Ansicht, daß eine förmliche Promulgation von Gesetzen dem jetzigen provisorischen Zustande nicht angemessen und durch die Bedürfnisse des Landes nicht geboten sei. Diese gewundene und zweideutige Erklärung entspricht durchaus der Schwäche und Ohnmacht der Zentralkommission, die ja schon im Februar die Friedensverhandlungen mit Dänemark der preußischen Regierung übertragen hatte.

So lag denn in Berlin die Entscheidung über das Schicksal der neuen organischen Gesetze in Lauenburg,

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und am 23. Februar traf Prehn von neuem da ein. Nach zweimaligen vergeblichen Versuchen gelang es ihm endlich am dritten Tage Usedom zu sprechen. Er schreibt darüber: Die Hauptsache, die Verhandlung über den Frieden, ist noch nicht weiter gediehen. Aber über ein neues Provisorium für Schleswig Holstein scheint eine Verhandlung im Werke zu sein, wenigstens traf ich bei einem Besuche Herrn von Usedom mit dem Professor Samwer arbeitend, und die Herren von Harbau und der Baron von Heinze waren in Geschäften nach Berlin gekommen. Die Aufhebung des Inhibitoriums der Bundeszentralkommission ist schon seit acht Tagen allgemein bekannt, und ich bin von vielen Seiten darauf angeredet."

Am 28. Februar sandte Prehn eine genaue Abschrift des Separatprotokolls des Verwaltungsrates vom 16. Februar ein, weil die Statthalterschaft voraussichtlich durch den vom Senator Curtius aus Lübeck mitgeteilten Auszug noch nicht alle einzelnen Punkte erfahren hatte. Den Vorsitz in dieser Sitzung führte der preußische Bevollmächtigte, der Minister von Bodelschwingh; vertreten waren Baden, das Kurfürsten- und das Großherzogtum Hessen, Oldenburg, Braunschweig, die thüringischen Herzogtümer und Fürstentümer, Waldeck und die drei Hansastädte. Von Interesse für Lauenburg ist das Aktenstück, weil sich die preußische Regierung darin über die Stellung der Statthalterschaft zur Bundeskommission offiziell ausgesprochen hat und weil daraus hervorgeht, daß der Verwaltungsrat die Angelegenheiten des Herzogtums Lauenburg als zu seiner Kompetenz gehörig ansteht. Das Ganze ist im wesentlichen eine Bestätigung des von der Zentralkommission am 12. Februar beschlossenen Verbleibens der Mitglieder der Statthalterschaft in ihrem Amte mit der Ermächtigung, alle Maßregeln zu treffen, welche sie in Beziehung auf die Ausführung der Verfassung durch organische Ein-

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richtungen in bezug auf die Justiz- und Verwaltungsbehörden nach der inen bekannten Lage der Verhältnisse im Herzogtum für durchaus notwendig halten, allerdings mit Vorbehalt der künftigen landesherrlichen Prüfung und Genehmigung. Es ist der Statthalterschaft sogar zur Pflicht gemacht in ihrer Stellung zu verbleiben. Die Form der Beratung war die, daß der preußische Minister des Auswärtigen, von Schleinitz, den schriftlichen Antrag an den Verwaltungsrat einreichte, jenen Beschluß der Bundeskommission zu billigen. Mit Ausnahme des Strelitzschen Gesandten, der den Verwaltungsrat nicht für kompetent erklärte, über Angelegenheiten solcher Staaten, die dem Bündnis vom 26. Mai 1) nicht beigetreten seien, zu entscheiden, nahmen alle Abgeordneten den Antrag an.

Hiermit hängt dann zusammen, was Prehn am 2. März schreibt: Der Herr von Usedom zeigte mir heute einen sonderbaren Brief, den er von dem Baron von Pechlin erhalten, worin dieser, ohne einen bestimmten Antrag zu stellen, sich über die Behandlung der schleswig-holsteinischen und lauenburgischen Angelegenheiten durch die Bundeskommission und Preußen beklagt. Den Passus betreffend Lauenburg habe ich mir mit Herrn von Usedoms Erlaubnis sogleich notiert und glaube ich denselben der Hohen Statthalterschaft wörtlich berichten zu müssen. Er lautet: Nachdem wegen des Herzogtums Lauenburg die Ansprüche der rechtmäßigen Landesherrschaft auf Bewahrung des legalen Bandes von den Folgen einer unberechtigten radikalen Verfassung durch die Bundeskommission zuerst anerkannt und dann z. T. wieder aberkannt sind, ermesse ich wahrlich nicht, welchen heil-
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1) Es ist dieses das sog. Dreikönigsbündnis zwischen Preußen Hannover und Sachsen, eigentlich erst rechtsgültig am Morgen des 27. Mai. Preußen bekam die Oberleitung der Bundesangelegenheiten, setzte aber zur speziellen Geschäftsleitung einen gemeinsamen Verwaltungsrat ein.

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samen Gebrauch ich von meiner Eigenschaft als Organ des Königs dort und hier bis weiter zu machen vermöchte." Am Schluß dieses Schreibens berichtet Prehn: „Der Herr von Usedom ist nach Erfurt gewählt (in das Unionsparlament), wird jedoch, wie er mir gesagt, nur zu Hauptabstimmungen hinüberreisen und sich jedenfalls in dem Friedensgeschäfte nicht stören lassen.“

Am 7. März teilt Prehn der Statthalterschaft mit, Usedom habe ihn aufgefordert, die Forderungen Lauenburgs beim Friedensschluß zu stipulieren. Indessen glaubt Prehn nicht, daß der Friede so nahe ist, wie Usedom sagt, sondern dieser hat sich, durch einige aus Schleswig-Holstein eingegangene Nachrichten sichtlich aufgeregt, etwas stärker ausgedrückt, als er zu einer anderen Zeit getan haben würde. Außerdem übersendet Prehn das preußische Friedensprojekt (Gegenprojekt gegen die dänischen Bedingungen) vom 19. Februar in Abschrift.

Da Prehn in diesem Schreiben um neue Instruktionen im Falle des Friedensabschlusses gebeten hat, so werden ihm diese unter dem 10. März von der Statthalterschaft erteilt. Wahrzunehmen sind: Erstens unbedingter Anschluß an das Bündnis vom 26. Mai 1849 oder an jeden auf dieser Grundlage sich bildenden deutschen Bundesstaat, damit jedoch in Verbindung zweitens sofortige Prüfung und Bestätigung des am 14. Mai 1849, vorbehaltlich der Rechte des Landesherrn, publizierten Grundgesetzes für Lauenburg, wobei namentlich noch die Artikel III und XI ins Auge zu fassen wären. Der erstere bestimmt, daß die deutschen Reichsgesetze und die von den verfassungsmäßigen Gewalten des deutschen Reiches ausgehenden Anordnungen für das Herzogtum Lauenburg verbindlich sind, während Artikel XI bestimmt, daß die Eltern verpflichtet sind, ihren Kindern und Pflegebefohlenen Volksschulunterricht zuteil werden zu lassen. Mitgesandt wird auch das Konzept des Schreibens vom 10. März 1849 an das Reichs-

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ministerium in Frankfurt, in dem die Statthalterschaft die wichtigsten Forderungen Lauenburgs für einen Frieden mit Dänemark angibt, infolge einer Aufforderung Stedmans, die ebenfalls beiliegt.

Auch wird Prehn angewiesen auf Grund des in seinen Händen befindlichen Gutachtens des Justizrats Walter, betreffend die Erbfolge in Lauenburg, auch diesen Gegenstand zur Sprache und womöglich zu einer, den Rechten des Landes entsprechenden Erledigung zu bringen. Wie Prehn am 11. März schreibt, will er nach Empfang des Schreibens der Statthalterschaft danach die Eingabe an den Herrn von Usedom entwerfen und, falls es erforderlich ist, einreichen. Indessen wird die Zeit ausreichen, um seinen Entwurf der Statthalterschaft zur Durchsicht einzusenden, denn die Verhandlungen ziehen sich nach dem Eingange beruhigender Nachrichten hin.
Beim Zurücksenden des Schreibens vom 10. März bemerkt Prehn der Statthalterschaft gegenüber, daß sich in jenem Schreiben der höchsten Landesbehörde an das Reichsministerium in Frankfurt vom 10. März 1849 auch die Staatsschuldenangelegenheit als wichtiger Punkt der Friedensverhandlungen angegeben findet. Indessen empfiehlt er diesen Punkt bei der Eingabe an Usedom zu übergehen, denn noch ist von dem Hinzuziehen Lauenburgs zur dänischen Staatsschuld nicht die Rede, doch muß man sich auf die rechtliche Begründung dieser Punkte rüsten. Denn der Grund in dem Schreiben der Statthalterschaft, daß Lauenburg immer sein eigenes Schuldenwesen gehabt und daß die Überschüsse nach Dänemark abgeführt sind, scheint Prehn doch manche Angriffspunkte darzubieten, und daher führt er bessere Gründe an.

Am 16. März legt Prehn den Entwurf der Eingabe an Herrn von Usedom der Statthalterschaft zur Genehmigung vor. In erster Linie wird hervorgehoben, daß Lauenburg immer ein eigenes deutsches Herzogtum

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gewesen und daß dieses von den drei letzten Landesherren aus dem dänischen Königshause ausdrücklich anerkannt worden ist. Auch als Christian VIII. den Plan faßte, die Herzogtümer Schleswig-Holstein mit dem Königreiche Dänemark zu einem Gesamtstaate zu bereinigen, hat er nicht geglaubt, diesen Plan auch auf das Herzogtum Lauenburg erstrecken zu dürfen. Und als Friedrich VII. die Vorbereitungen zu der Verwirklichung des von seinem Vater entworfenen Planes verfügte durch das Kanzleipatent vom 28. Januar 1848, wird von ihm Lauenburg nicht erwähnt, und nur für Dänemark und Schleswig-Holstein werden erfahrene Männer einberufen. Und Friedrich VII. hat am 5. April 1848 durch die Lauenburgische Regierung offen erklären lassen, daß er Lauenburg „als einem selbständigen deutschen Bundesstaate eine selbständige Verfassung geben und sich den Bestrebungen für die Errichtung eines kräftigen und volkstümlichen deutschen Parlamentes offen anschließen werde."

Das Recht Lauenburgs auf die Erhaltung dieser selbständigen Stellung kann demnach überall nicht bezweifelt werden. Es geben aber die dreisten Pläne der dänischen Presse und die sich wiederholenden Gerüchte von unter der Hand versuchten Unterhandlungen wegen eines modifizierten Gesamtstaates, zu welchem Lauenburg zuzuziehen beabsichtigt wird, zu der Befürchtung Anlaß, daß das dänische Ministerium sich nicht scheuen wird, das klare Recht Lauenburgs zu verletzen. Es ist daher der WUNSCH DES LANDES, daß seine unabhängige Stellung Dänemark gegenüber bei dem Abschluß des Friedens ausdrücklich gewahrt werde; und da der Anschluß Lauenburgs an das Bündnis vom 26. Mai 1849 (das sogen. Dreikönigsbündnis) oder eventuell an jeden auf dieser Grundlage sich bildenden deutschen Bundesstaat dafür die sicherste Garantie darbietet, so wünscht das Land, dass auch dieses ausdrücklich bei dem Friedens-

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schluß stipuliert werde. Im zweiten Abschnitt wird dann die Entstehung der Lauenburgischen Verfassung und insbesondere des Grundgesetzes dargestellt. von alters her hat das Herzogtum eine ständische Verfassung gehabt. Die Ritter- und Landschaft, welche bei dem Erlassen von Gesetzen eine beratende Stimme und außer anderen Rechten das wesentliche Recht der Steuerbewilligung besaß und bis in die neueste Zeit ausübte, bestand aus den Besitzern der adeligen Güter und Deputierten der Städte. Als das Jahr 1848 kam, erklärte die Ritter- und Landschaft selbst und unaufgefordert, daß es ratsam wäre eine „zeitgemäße provisorische Landesrepräsentation" einzuführen, und die Lauenburgische Regierung im Einverständnis mit Ritter- und Landschaft verordnete am 10. April 1848, daß letztere durch 6 städtische und 12 ländliche aus Wahlen der städtischen und ländlichen Grundbesitzer hervorgegangene Deputierte verstärkt und daß diese Vertretung in jeder Hinsicht an die Stelle der früheren Ritter- und Landschaft treten solle. Diese Verstärkung der Vertretung ist also von dem Landesherrn genehmigt, denn im April 1848 empfing die Regierung noch ihre Instruktionen aus Kopenhagen. Man hoffte dadurch den Drang nach einer gänzlichen Neugestaltung der Verfassung zu beschwichtigen, damit der Zeitpunkt abgewartet werden könne, wo eine Vereinbarung der neuen Verfassung mit dem Landesherrn möglich sein würde, wie dies in der Erklärung des Vice-Landmarschalls von Bülow in dem Landes-Convente vom 9. Juni 1848 mit klaren Worten gesagt ist.

Daß diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen, ist wahrlich nicht zu verwundern. Schon am 5. April 1848 hatte der Landesherr eine liberale Verfassung versprochen. In allen deutschen Landen wurden Grundgesetze mit ausgedehnten Volksfreiheiten verbreitet. So konnten sich die Einwohner Lauenburgs nicht bei der alten, nur in ihrer Zusammensetzung modifizierten,

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ständischen Verfassung beruhigen. Nachdem der Bundestag das Land in Administration genommen und einer Administrationskommission am 10. Juli 1848 die Regierung übertragen hatte, wurde im Landeskonvent vom 28. August 1848 beschlossen, daß die Administrationskommission ersucht werden solle, den Entwurf eines Lauenburgischen Staatsgrundgesetzes zur Beratung und Beschließung vorzulegen, und die Ausarbeitung dieses Entwurfes wurde einer Kommission übertragen.

Im folgenden weist dann Prehn auf die Ereignisse während des Malmöer Waffenstillstandes hin, die wir ebenfalls aus der früheren Darstellung schon kennen. Entsprechend dem Zweck seiner Eingabe hebt er hervor, daß am 15. November 1848 von dem Reichskommissar Stedmann und dem Kommissar des Königs von Dänemark, dem Baron von Plessen, eine höchste Landesbehörde zur Regierung des Herzogtums im Namen des Landesherrn eingesetzt wurde, daß aber diese Administrationskommission nach dem Wortlaute des offiziellen Protokolls die Bedingung für ihren Eintritt stellte: es solle ihnen gestattet sein vorbehaltlich der Allerhöchsten Bestätigung des König-Herzogs eine auf Grundlage ausgedehnten Wahlrechts beruhende Verfassung mit einer zu dem Ende zu bildenden Versammlung zu beraten und vorzubereiten, wie es ja auch durch den Königl. Erlaß vom 30. März, der von der Regierung am 5. April publiziert wäre, in Aussicht gestellt sei. Diese Bedingung aber wurde damals von dem dänischen Kommissar ausdrücklich genehmigt.

Nun war es die Absicht der höchsten Behörde „nach Analogie der Verheißung des Landesherrn" die zur Beratung des Grundgesetzes zu berufende Versammlung aus allgemeinen Wahlen hervorgehen zu lassen, aber in dem Landeskonvente vom 20. Februar 1849 wurde beschlossen, bei der höchsten Behörde zu beantragen, daß der schon bestehenden Ständeversammlung

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zehn neue nach dem vorgelegten Wahlgesetze zu wählende Deputierte hinzugefügt würden und daß dieser somit verstärkten Landesvertretung der Verfassungsentwurf zur Beratung vorgelegt werde. Dieser Antrag wurde von der höchsten Behörde genehmigt. So ist die alte Landesvertretung im April 1848 durch 18 und sodann im Februar 1849 durch 10 aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Deputierte verstärkt. Die Session, in der das Grundgesetz beraten wurde, begann am 19. April und endigte am 11. Mai 1849.
Als inzwischen der Krieg in Schleswig Holstein wieder ausgebrochen war, wurde von dem Reichskommissar von Wintzingerode die jetzt noch bestehende Statthalterschaft eingesetzt, und so war wiederum der Zeitpunkt, „wo es Lauenburg vergönnt sein könnte, das neue Grundgesetz mit dem Landesherrn zu vereinbaren", auf unbestimmte Zeit hinausgerückt.

Das Grundgesetz wurde dann einhellig zum Abschluß gebracht und an den Reichskommissar der dringliche Antrag gestellt, jenes Gesetz möge doch in den unsicheren Verhältnissen, welche die Zeitumstände in dem Zustande des Herzogtums und bei dessen Berührungen mit den neuen Einrichtungen der Nachbarstaaten ins Leben gerufen habe, alsbald in Kraft treten.

Dadurch fand sich der Reichskommissar in Gemäßheit seiner Instruktionen veranlaßt, die Statthalterschaft zu ersuchen: mit Vorbehalt der Rechte des König-Herzogs das Grundgesetz zur Nachachtung zu verkündigen und dasselbe mit einigen Vorbehalten in tatsächliche Wirksamkeit zu setzen. Unter dem 14. Mai 1849 wurde die Publikation vollzogen.

Dies ist die Geschichte der Entstehung des Lauenburgischen Grundgesetzes. Dieses ist also nicht einseitig von der Landesvertretung Lauenburgs, sondern von der den Landesherrn vertretenden Zentralgewalt Deutschlands in tatsächliche Wirksamkeit gesetzt, und dabei sind die

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Rechte des Landesherrn ausdrücklich vorbehalten worden. Es ist daher ein gerechter Wunsch des Landes: daß bei dem Abschluß des Friedens die Anerkennung des Grundgesetzes, dessen Revision und Bestätigung durch den Landesherrn vorbehalten, stipuliert werde.

Sollte der Friede auf der jetzt vorliegenden Basis der Selbständigkeit Schleswigs allein abgeschlossen werden, mithin eine Anerkennung des Schleswig-Holsteinischen Grundgesetzes nicht erfolgen können und sollte dieser Umstand die Erreichung des vorhin ausgesprochenen Wunsches unmöglich machen, so ist der eventuelle Wunsch des Landes: daß die Bestimmungen hinsichtlich der Regierungsform, des Staatshaushalts und des Heerwefens, welche für das Herzogtum Holstein bei dem Frieden ausbedungen werden, in analoger Weise für das Herzogtum Lauenburg stipuliert werden.

Im dritten Abschnitt kommt Prehn dann auf die Erbfolgefrage zu sprechen. Als Christian VIII. in dem offenen Briefe vom 8. Juli 1846 ausgesprochen hatte, daß die Erbfolge des dänischen Königsgesetzes in dem der Krone Dänemark durch Verträge erworbenen Herzogtum Lauenburg gelte, haben Ritter- und Landschaft sich stützend auf die bei der Übertragung des Landes an die Krone Dänemark von seiten der abtretenden Kronen Hannover und Preußen ausbedungene und bis auf die neueste Zeit erfolgte Bestätigung der Landesversassung in einer an den König-Herzog eingereichten Adresse vom 28. Dezember 1846 das dem Herzogtum Lauenburg zuständige uralte Erbfolgerecht verwahrt.

In einer Eingabe an den Erzherzog-Reichsverweser vom 20. Februar 1849 hat die Landesvertretung Lauenburgs darauf angetragen, daß bei dem Friedensschlüsse das Lauenburgische Landesrecht, die männliche Erbfolge nach Erstgeburt, zur Anerkennung gebracht werde. Es ist auch jetzt noch der Wunsch des Landes, daß dieser

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Gegenstand zu einer den Rechten entsprechenden Erledigung gebracht werde.

Am Schluß erbietet sich Prehn die auf seine Eingabe bezüglichen Dokumente und Verordnungen zur Einsicht vorzulegen. Am 16. März übersendet er zur Prüfung seine Anträge an die Hohe Statthalterschaft und macht noch einige Bemerkungen dazu, um die Fassung der drei Hauptabschnitte zu begründen. Bei dem dritten Abschnitt „über die Erbfolge" hat Prehn auf das Gutachten des Herrn Justizrat Walter als Anlage Bezug genommen, stellt jedoch zu Hohem Ermessen, ob es nicht zweckmäßig sein dürfte, die Überschrift ,,Rechtsdeduktion über die Lauenburgische Erbfolgefrage" zu wählen, und ob es nicht der Klugheit gemäß sein möchte, durch eine Modifikation des Abschnittes III des Gutachtens sich auf die allgemeine Behauptung zu beschränken, daß im Herzogtum Lauenburg die männliche Erfolge nach dem Rechte der Erstgeburt gelte, ohne sich auf eine Bezeichnung der erbberechtigten Agnaten einzulassen.

Am 26. März schreibt Prehn, er habe bei einem Besuche, den er an demselben Tage Herrn von Usedom gemacht hätte, das Gespräch auf die von diesem geforderte Eingabe inbetreff der Wünsche Lauenburgs gebracht und mitgeteilt, daß er mit der Arbeit fertig sei. Usedom habe dann geäußert, es sei dem Anscheine nach keine Aussicht auf einen baldigen Abschluß des Friedens, aber nach einigem Nachdenken habe er dennoch den Wunsch ausgesprochen, die Eingabe schon jetzt zu erhalten. Infolgedessen hat Prehn das der hohen Statthalterschaft bekannte Schreiben an Usedom abgehen lassen. Dieser teilte dann noch Prehn mit, die dänischen Unterhändler blieben bei ihren anfänglichen Forderungen, mit einem Worte, sie wollten Schleswigs Einverleibung unter dem Scheine einer Selbständigkeit erreichen. Nach Usedoms Ansicht würde der Krieg zwischen den Herzogtümern

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allein und Dänemark ausbrechen, und auf Prehns Erwiderung, daß die Herzogtümer den Krieg nicht anfangen würden, und ob es denn seine Ansicht sei, daß Dänemark die Feindseligkeiten eröffnen würde, entgegnete er ausweichend und schien überhaupt nicht geneigt, diese Richtung des Gespräches weiter zu verfolgen.

Am 4. April bezeugte Usedom mündlich den Empfang der Eingabe vom 26. März und äußerte dabei, es würde wohl noch einige Zeit dauern, ehe die Lauenburgischen Verhältnisse in Erwägung kommen könnten. Auf die von Prehn hingeworfene Bemerkung, daß nach den Nachrichten aus Kopenhagen der definitive Friedensschluß in den Ostertagen erwartet worden sei, erwiderte er, die Gerüchte von einem bald zu erwartenden Frieden seien ganz grundlos. Übrigens äußerte sich Usedom nicht über den Inhalt der Eingabe, und Prehn spricht die Vermutung aus, diese sei vorläufig zu den Akten genommen.

Nach den kurzen Briefen Prehns vom 6. und 9. April gediehen die Unterhandlungen wegen der abweichenden Ansichten über Schleswig nicht weiter, und dadurch wurde bei der Statthalterschaft die Besorgnis wachgerufen, im Falle eines Friedens, durch welchen das endgültige Verhältnis Schleswig-Holsteins zu Dänemark noch nicht reguliert werde, könnten in jenem Lande die Feindseligkeiten von neuem ausbrechen. In diesem Falle aber lag der Statthalterschaft daran, das Herzogtum Lauenburg durch eine „desfallige Stipulation" im Friedensinstrumente davor zu bewahren, daß es in eine ähnliche Verwilderung gerate wie die, in der es sich bereits im Frühjahr und Sommer des Jahres 1848 befunden hatte. Das Schreiben der Statthalterschaft an Prehn vom 15. April, das im Konzept vorliegt, schließt mit den Worten: „In welcher Weise Sie dahin zu wirken imstande sein möchten, muß übrigens Ihrem eigenen besten Ermessen einstweilen überlassen bleiben.

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Es wird indessen weiterer Mitteilung baldtunlichst entgegengesehen, wenn die Umstände anderweitige bestimmte Schritte dieserhalb zu ergreifen tunlich und erforderlich erscheinen lassen sollten." Prehn begab sich infolgedessen sofort zum Kriegsminister, um über die Kriegsgerüchte Auskunft zu erhalten, suchte aber vergeblich um eine Audienz nach, da kein Audienztag war, indessen will er den Besuch wiederholen und am 18. April zu der ihm angegebenen Zeit von neuem hingehen. Auch sendet er eine Abschrift der etwas weitläufigen dänischen Replik in der Friedenssache ein. Am 17. April wurde er von Usedom nicht angenommen, weil dieser mit den Unterhändlern zu einer Konferenz zusammenkommen sollte. Wie Prehn von dem Baron von Lilienkron berichtet wurde, hat Usedom in dieser Konferenz erklärt, daß man sich auf der bisherigen Basis nicht einigen würde, und daher hat er den dänischen Unterhändlern Vorschläge gemacht über einen sogenannten einhaltlosen oder Separatfrieden.

Der letzte Brief Prehns ist am 30. April geschrieben, und die Randbemerkung am Schluß: p. s. Soeben ist der Graf Kielmannsegge angekommen, giebt uns den Grund für das Aufhören jener Briefe, Prehn berichtet, die dänischen Unterhändler hätten mit dem aus Erfurt zurückgekehrten Herrn von Usedom eine Konferenz gehabt und den von Preußen vorgeschlagenen sogenannten einhaltlosen oder Separatfrieden abgelehnt. Siehaben dabei erklärt, sie nähmen an, man könne sich auf der bisherigen Basis wohl einigen. Hätte Usedom daran gezweifelt, so liege das nur daran, daß er ihre letzten Anträge mißverstanden habe. Prehn hätte erwartet, die Dänen würden die preußischen Vorschläge mit Eifer angenommen haben. Von dem Erfolge der Sendung Schleswig-Holsteinischer Abgeordneter nach Kopenhagen weiß man amtlich nur so viel, daß diese nach ihrer Erklärung, sie kämen nicht als Abgeordnete der Schleswig-

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Holsteinischen Statthalterschaft, die Zusage bekommen hätten, einzeln bei dem Könige Audienz zu erhalten. Im übrigen herrschte bei der Bevölkerung in Kopenhagen eine feindselige und von Nationalhaß durchdrungene Stimmung.

Was der Graf Kielmannsegge in Berlin wollte, ist leicht zu vermuten. Bei dem bevorstehenden Frieden suchte er noch im letzten Augenblick für Lauenburg zu retten, was die Statthalterschaft in den vorhergehenden Verhandlungen zu retten bemüht gewesen war, nämlich die Aufrechterhaltung des Grundgesetzes und die finanzielle Selbständigkeit des Herzogtums. Schon aber war Preußen nicht mehr Herr seiner Entschlüsse. Durch das Drängen und Drohen Rußlands bewogen schloß es am 2. Juli den definitiven Frieden mit Dänemark ab. Unter Vorbehalt alter Rechte stellte es im Namen des deutschen Bundes die Feindseligkeiten ein und überließ dem Könige von Dänemark, unter Mitteilung seiner Verfassngspläne die Hülfe des Bundes zur Wiederherstellung seiner landesherrlichen Autorität in Holstein anzurufen. Am 6. Juli wurde der Frieden vom Könige von Preußen genehmigt und allen deutschen Regierungen zur Ratifikation übersandt.

Bekanntlich setzten die beiden Herzogtümer allein den Krieg gegen Dänemark fort, und infolgedessen kam Lauenburg von neuem in Gefahr, in diese kriegerischen Ereignisse hineingezogen zu werden, und die deshalb mit Preußen und der Statthalterschaft der Herzogtümer gepflogenen Verhandlungen sind in den Aktenstücken enthalten, die der folgenden Darstellung zu Grunde liegen. Am 15. Juli schrieb die Statthalterschaft an den preußischen Minister des Auswärtigen, von Schleinitz, sie habe aus den von der Statthalterschaft der Herzogtümer Schleswig Holstein „neuerlich" erlassenen Proklamationen und Bekanntmachungen ersehen, daß am 2. Juli in Berlin von der Krone Preußen für sich und

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im Namen sämtlicher deutscher Regierungen und bei Krone Dänemark ein Frieden abgeschlossen und der Friedenstraktat den hohen deutschen Regierungen zur Ratifikation vorgelegt sei. Eine offizielle Nachricht darüber sei allerdings noch nicht an die Statthalterschaft gelangt; soviel aber verlaute, enthalte der Traktat über Lauenburg keine besonderen Bestimmungen, und folglich werde im Falle der Ratifikation des Friedens das Mandat der von der provisorischen Zentralgewalt Deutschlands bis zum Abschluß eines Friedens mit Dänemark eingesetzten Statthalterschaft erloschen sein, und infolgedessen müsse der Landesherr die volle unmittelbare Ausübung der Regierungsgewalt über Lauenburg wieder erhalten. Nun sei es zwar den Unterzeichneten nur erwünscht, baldmöglichst einer Stellung enthoben zu werden, die von allen der Verhältnisse Kundigen als eine schwierige und höchst undankbare längst anerkannt sei, aber so lange ihr Mandat noch bestände, hielten sie es für ihre Pflicht, im Einverständnis mit dem Lande die Rechte zu schützen, die die Wohlfahrt des Landes bedingten, und daher gestatteten sie sich in diesem Sinne der Preußischen Regierung folgendes zur Erwägung zu stellen und den Beistand derselben in Anspruch zu nehmen, so lange es noch Zeit sei: Es sei bekannt, daß die Schleswig-Holsteiner für das Recht ihres Landes aufs neue einen Krieg beginnen würden, dessen Ausgang und Ende nicht vorausbestimmt werden könnten. Wenn nun Lauenburg infolge des Friedensschlusses wieder an den König von Dänemark kommen wurde, so drohe die Gefahr, daß seine pekuniären und militärischen Mittel von einem fremden Staate benutzt wurden, um den Rechten eines deutschen Bundeslandes feindlich entgegenzutreten und die Kraft dazu zu verstärken. Das Land würde also in dieselbe Lage geraten, in welcher es sich im Jahre 1848 befunden habe, bevor es der deutsche Bund in seinen Schutz genommen hätte. Die Folgen

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hiervon bedürften nicht einer weitläufigen Auseinandersetzung. Das unglückliche Land werde während der Dauer eines solchen Krieges der Schauplatz der gehässigsten Intriguen, der Rechtlosigkeit und der Willkür werden, und es würde sich niemand finden, der die Regierung unter solchen Umständen übernehmen werde. Dänische Bevollmächtigte würden sich voraussichtlich nicht halten können, ja, sie würden das Land sogar in die Gefahr bringen, von den Herzogtümern Schleswig-Holstein feindlich behandelt zu werden, um ihm die Mittel zu entziehen, die Kräfte des Feindes zu verstärken. Deutsche Staaten könnten nicht gehalten sein, Rechte, die sie anerkannt hätten und zu schützen verpflichtet wären, zu bekämpfen. Die Rechte der Herzogtümer Schleswig-Holstein, für welche diese jetzt den Kampf zu erneuern im Begriff ständen, seien aber anerkannt durch den Bundesbeschluß vom 17. September 1846 und hätten aufs neue ihre Anerkennung gefunden durch den Friedensschluß vom 2. Juli dieses Jahres. Die Statthalterschaft könne nicht annehmen, daß die hohen deutschen Regierungen das Recht und die Interessen eines deutschen Bundeslandes ohne weiteres preisgeben würden. So wird die preußische Regierung darum ersucht, Maßregeln zum Schutze des Landes zu treffen, um die Ehre dieses zu wahren und Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. -

Mit diesem Schreiben wurde der Justizrat Hochstädt nach Berlin geschickt, um persönlich die Angelegenheiten zu vertreten und amtliche Kunde über den Frieden einzuziehen. Gleichzeitig wurden die Mitglieder des permanenten Ausschusses 1), Amtmann von Levetzow auf Steinhorst, Senator Meyer in Lauenburg und Kassierer
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1) Dieser permanente Ausschuss sollte während der Vertagung der Landesversammlung die laufenden Angelegenheiten erledigen. Gewählt waren diese drei Herren in der Landesversammlung am 13. Oktober 1849.

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Speckhahn in Büchen, zum 16. Juli zu einer Beratung ins Gouvernementsgebäude bestellt. Der Vorsitzende der Statthalterschaft machte hier Mitteilung von dem nach Berlin gesandten Schreiben und forderte die Mitglieder des Ausschusses zu einer Äußerung darüber auf, ob sie hiernach noch fernere Maßregeln unter vorstehenden Verhältnissen in Vorschlag zu bringen hätten. Die Mitglieder des Ausschusses erklärten sich im allgemeinen mit den Ansichten der Statthalterschaft über das Verhältnis zu Schleswig Holstein einverstanden, behielten sich aber die Mitteilung ihrer Ansichten im einzelnen für den nächsten Tag vor, da sie unvorbereitet wären.

Am 17. Juli erfolgte dann durch ein Schreiben des Herrn von Levetzow die Erklärung, daß der Ausschuß sich in jeder Beziehung einverstanden erkläre und für jetzt glaube, den Erfolg der Sendung des Herrn Justiz rat Hochstädt abwarten zu müssen. An demselben Tage schrieb dieser über das Ergebnis seiner Audienz bei Herrn von Schleinitz. Der Minister entschuldigte sich zunächst, daß der Abschluß des Friedens im Drange der Geschäfte der Statthalterschaft nicht mitgeteilt sei, es solle aber eine offizielle Benachrichtigung nachgeholt werden. Übrigens sei Lauenburgs und seiner Verhältnisse beim Friedenstraktat garnicht gedacht. Er könne aber nicht annehmen, daß, solange der Streit mit Holstein noch daure, von dänischer Seite Versuche gemacht würden, sich des Regimentes in Lauenburg wieder zu bemächtigen. Als aber Höchstädt erklärte, dieses könne von seiten der Dänen wohl geschehen, um sich der finanziellen Hülfsquellen des Landes zu bemächtigen, da entgegnete Schleinitz, daß dieses füglich geschehen könne und bei der nicht unbeträchtlichen Summe von circa 200 000 Thalern von den Dänen wohl zu erwarten stehe. Darauf entwickelte Höchstädt die Gründe, aus denen es wünschenswert sei, daß Dänemark auch nicht einmal den Versuch mache, sich des Regiments vor abgeschlossenem Frieden

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mit Holstein zu bemächtigen. Schleinitz konnte die Triftigkeit dieser Gründe nicht verkennen, sicherte aber zu, daß er seine Vermittlung eintreten lassen wolle, damit die Verhältnisse in Lauenburg unverändert blieben und vor abgeschlossenem Frieden mit Holstein kein Regiment von dänischer Seite ausgeübt werde. Auf der andern Seite müsse er aber dagegen ausbedingen, daß von Lauenburgischer Seite den kriegführenden Herzogtümern keine Unterstützung zuteil werde. Da glaubte Höchstädt keinen Anstand nehmen zu müssen zu erklären, daß Lauenburg in seiner neutralen Stellung verharren werde.

In demselben Sinne schrieb Schleinitz am 22. Juli an die Statthalterschaft. Diese könne ohne weitere Besorgnisse ruhig die Entwicklung der Ereignisse und die Entscheidungen des Deutschen Bundes abwarten; sofern nur im Lande selbst die Ruhe erhalten bleibe, sei kein Grund zu einer Befürchtung, als könne das Land Lauenburg zu einer Teilnahme am Kriege veranlaßt werden. Zugleich übersendet Schleinitz der Statthalterschaft eine Abschrift des Friedenstraktats, sowie des inzwischen ratifizierten und ausgeführten Protokolls zwischen Preußen und Dänemark, und der Denkschrift, mit welcher der Traktat den deutschen Regierungen zur Approbation vorgelegt ist.

Für diese Mitteilungen dankt die Statthalterschaft am 26. Juli und bittet noch einmal um die kräftige Vermittlung der preußischen Regierung, daß bis zur Herstellung des Friedens zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein Lauenburg in seiner bisherigen Lage verbleiben möge. Ein jeder Versuch der dänischen Regierung, vor dem gedachten Zeitpunkt die Regierung wieder zu übernehmen, würde bei den im Lauenburgischen für die Sache der Herzogtümer herrschenden Sympathieen nicht nur die bis dahin im Lande so glücklich erhaltene Ruhe und Ordnung gefährden, sondern auch von seiten

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der Holsteinischen Regierung unfehlbar Maßregeln hervorrufen, welche die Interessen des mit Holstein in vielfacher Beziehung, so namentlich durch Zoll- und Post-Verträge, durch die Gemeinsamkeit des höchsten Justizhofes, der Strafanstalten und anderer Staatsinstitute eng verbundenen Herzogtums Lauenburg verletzen würde.

Auch die Schleswig-Holsteinische Statthalterschaft äußerte in einem Schreiben vom 23. Juli die Besorgnis, es könnte eine Veränderung eintreten, welche das Herzogtum Lauenburg in die Lage brächte, daß ein dänisches Ministerium die Hülfsmittel des Landes Lauenburg dazu verwenden möchte, die Herzogtümer zu unterwerfen. In dem ausführlichen Schreiben wird zunächst die Hoffnung ausgesprochen, daß der Friedensvertrag nicht die allseitige Ratifikation deutscher Staaten erlangen und damit zu einem Bundesvertrage erhoben werden würde. Insbesondere die Festsetzungen des Artikels IV erregten mehrfach Anstoß, wie dieses aus der Eigenschaft des Herzogtums Holstein als deutschen Bundeslandes vollkommen begreiflich würde. 1) Mittlerweile sind die Herzogtümer bekanntlich verpflichtet gewesen, dem Kampfe mit Dänemark entgegenzugehen, um dem Herzogtum Schleswig sein Recht und seine Verbindung mit Holstein zu erhalten. Die Armeen stehen sich schon schlagfertig gegenüber. Die Friedensanerbietungen Dänemarks entbehren jeder Garantie ihrer Erfüllung und stehen mit den gleichzeitigen Handlungen
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1) Der hier angeführte Artikel IV lautet: Nach dem Abschluß des vorliegenden Vertrages wird der König von Dänemark, Herzog von Holstein, die Intervention des deutschen Bundes reklamieren können, um die Ausübung seiner legitimen Autorität in Holstein einzurichten, indem er zu gleicher Zeit seine Absichten über die Beruhigung des Landes mitteilt. Wenn der Bund auf diese Reklamation hin nicht urteilte intervenieren zu müssen, oder seine Intervention wirkungslos bliebe, dann würde es dem Könige von Dänemark freistehen, seine militärischen Maßregeln auf Holstein auszudehnen und zu diesem Zwecke seine Streitkräfte zu verwenden.

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der Dänen im Widerspruch. Und nun werden die Gewalttaten, die von diesen begangen waren, aufgezählt, wie das Fortschleppen treuer Beamten aus Schleswig, sowie auch die Bedrohung Holsteins mit einer Blockade. Mithin müssen die erwähnten Erlasse aus Kopenhagen in den Herzogtümern wirkungslos bleiben, und wenn solche auch an die Lauenburger gerichtet Werden, so wird die Statthalterschaft gewarnt, dadurch irgendwie ihre Politik in dem oben erwähnten Sinne umstimmen zu lassen.

Schließlich bittet die Schleswig-Holsteinische Statthalterschaft um eine Erwiderung, die ihrem Vertrauen entspricht. Diese erfolgte am 26. Juli 1850 und liegt im Konzept vor. Die Lauenburgische Statthalterschaft erklärt, das ihr anvertraute Amt nur in die Hände derjenigen deutschen Gesamtbehörde oder des an deren Stelle getretenen deutschen Gesamtorgans, von denen dasselbe ihr übertragen ist, wiederum niederzulegen, es sei denn etwa, daß sie sich genötigt sähe, höherer Gewalt zu weichen. Im übrigen wird trotz der Teilnahme für die Herzogtümer die bisherige „mehr unbeteiligte" Haltung in der Schleswig-Holsteinischen Angelegenheit auch in Zukunft gewahrt werden.

Inzwischen war der blutige Kampf zwischen den Dänen und den Schleswig Holsteinern entbrannt, und der dadurch auch in Lauenburg hervorgerufenen Aufregung entsprang das Gesuch des permanenten Ausschusses vom 1. August 1850, sofort die Landesversammlung zu berufen. „Denn obwohl alle bisherigen Maßnahmen der Statthalterschaft volle Billigung finden, so können durch den Gang der Begebenheiten doch noch fernere Maßregeln bedingt werden, für welche der Ausschuß eine weitere Verantwortung nicht übernehmen darf und über welche die Entscheidung auch von der hohen Statthalterschaft zunächst in die Hände der Lancesversammlung zu legen sein dürfte." Inbezug hierauf

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schreibt am 1. August Senator Meyer an den Statthalter, den Grafen Kielmannsegge, daß er Herrn v. Levetzow eine Zusammenkunft des permanenten Ausschusses in Büchen vorgeschlagen hat da es ihm wünschenswert scheine, daß sie sich über die mancherlei Eventualitäten klar werden, um womöglich zu verhindern, daß sie durch die Ereignisse überrumpelt werden. Sollte die Landesversammlung zusammentreten, so wird ihre Aufgabe eine rein passive sein, so lange die Begebenheiten nicht zum Handeln drängen.

Der Graf Kielmannsegge antwortet darauf am 2. August, er würde das Schreiben des Gesamtausschusses in Ratzeburg zum Vortrag bringen. Im übrigen kann er nur die Ansicht teilen, die ihm der Senator Meyer am 31. Juli auch ausgesprochen hat, nämlich daß nichts übrig bleibt als die weitere Entwicklung der politischen Konjunkturen gang ruhig zu erwarten. Niemals würde er zu Maßregeln die Hand bieten, durch welche ein anderes Verhältnis herbeigeführt und eingeleitet werden könnte. Er weiß auch garnicht, wohin man sich augen-blicklich wenden soll, nachdem preußischerseits die bestimmteste Vermittlung zugesagt ist, daß im zeitigen Stande Lauenburgs nichts geändert werden soll bis zur erfolgten Ratifikation des Friedens sämtlicher deutscher Regierungen mit der Krone Dänemark, natürlich für den Fall, daß Lauenburg selbst seine bisherige Haltung beibehalten werde. Von einem Anknüpfen direkter Verhandlungen in Kopenhagen kann für jetzt an sich wohl schon keine Rede sein. So erfolgte denn auch in diesem Sinne die Antwort an den permanenten Ausschuß am 3. August. Durch abschriftliche Anlagen werden die mit Herrn von Schleinitz gewechselten Briefe mitgeteilt und die Politik des Landes im gegenwärtigen Augenblick als eine durchaus zum ruhigen Abwarten genötigte hingestellt. Daher muß die Statthalterschaft Bedenken tragen, auf die vom permanenten Ausschuß

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beantragte sofortige Zusammenberufung der Lauenburgischen Landesversammlung näher einzugehen, wobei sie sich für den Fall des Eintretens wichtiger Ereignisse die Anknüpfung fernerer Verhandlungen mit dem permanenten Ausschüsse vorbehält.

Ehe der Ausschuß diesen Bescheid bekommen hatte, trat er ebenfalls am 3. August in Büchen zusammen. 1) Bei dieser Zusammenkunft waren Senator Meyer und der Amtmann von Levetzow gegen eine sofortige Berufung der Landesversammlung, während Kassierer Speckhahn dringend eine solche befürwortete. Schließlich einigte sich der Ausschuß zu folgenden drei Beschlüssen:

1. Nach Eingang eines Erwiderungsschreibens der Statthalterschaft tritt, falls dieses nicht eine Berufung der Landesversammlung enthält, der permanente Ausschuß sofort gusammen.

2. Kann derselbe sich alsdann über den Entschluß der Einberufung der Landesversammlung nicht einigen, so werden zu der Beratung die Herren von Witzendorff, Senator Dahm und Advokat Rohrdantz zugezogen und wird alsdann der Beschluß, dem die Majorität des Ausschusses beigetreten ist, zur Ausführung gebracht.

3. Wenn ein Erwiderungsschreiben der Statthalterschaft nicht bis zum 7. August eingeht, so wird sofort ein Schreiben des Ausschusses expediert mit der Erklärung, daß der Ausschuß sich in der Notwendigkeit befinde, zur Einberufung der Landesversammlung innerhalb acht Tagen zu schreiten, wenn nicht die hohe Statthalterschaft inzwischen die geschehene Berufung bis zu einem näher zu bestimmenden Tage angezeigt haben würde.

Als dann das Erwiderungsschreiben der Statthalterschaft vom 3. August eingelaufen war, trat unter Zuziehung des Senators Dahm und des Advokaten
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1) S. Bericht über die Verhandlungen der Lauenburgischen Landesversammlung, 2. Diät, Sitzung 1-13. Anlage 66f.

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Rohrdantz der Ausschuß am 12. August von neuem zusammen, und Meyer, Dahm und von Levetzow votierten gegen die Einberufung der Landesvertretung, während Speckhahn und Rohrdantz dafür waren. Die Motive dieser Abstimmung wurden schriftlich zu Protokoll eingereicht.

Am 1. November trat dann die Landesversammlung zur zweiten Diät zusammen und wurde von dem Präsidenten von Kielmannsegge mit einer Ansprache eröffnet, in der er auf die unglücklichen verworrenen Verhältnisse in Deutschland und auf den noch fortdauernden Kampf zwischen Schleswig Holstein und Dänemark hinwies. „Die Aussicht auf ein engeres Gesamtband für ganz Deutschland ist viel mehr in den Hintergrund getreten als näher gerückt, und die Verhältnisse in Schleswig-Holstein sind so, daß man nicht ohne das tiefste Mitgefühl, ohne den bittersten Unmut, daß es dahin hat kommen müssen, an den dortigen Zustand denken kann. Um so mehr dürfen sich die Bewohner von Lauenburg glücklich schätzen, daß sie innerhalb ihrer Grenzen von den vielen Störungen, die sich anderwärts kundgeben, bewahrt geblieben sind, daß sie den Wohlstand des Landes nicht beeinträchtigt sehen und die weitere Entwicklung der politischen Gestaltung Deutschlands in der Beziehung ruhig erwarten können. Indessen ist doch nicht zu verkennen, daß auch Lauenburg von dem dauernden schwankenden Zustande Deutschlands unangenehm berührt ist, denn die Erlasse der Bundeszentralkommission vom 7. Januar und vom 12. Februar 1) haben in Verbindung mit dem dauernden Kriegszustand in Schleswig-Holstein die definitive organische Neugestaltung über alle Erwartung hinaus verzögert. Die Landesversammlung wird ersucht, die schwierige Lage, in welche hierdurch die Statthalterschaft
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1) Diese geboten bekanntlich der organischen Gesetzgebung in Lauenburg Einhalt.

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versetzt ist, nicht zu verkennen und nicht Anforderungen zu machen und Anträge zu stellen, denen zu genügen sie sich zu ihrem Bedauern außerstande sieht. Die Finanzlage ist durchaus günstig, denn nach Bestreitung der Landesausgaben ergiebt sich für das Jahr 1851 ein Überschuß von ca. 90000 Thalern." Als Gesetze werden vorgelegt: Der Entwurf zu einem provisorischen Gesetz hinsichtlich der Erbfolge und Abfindung bei den bäuerlichen Grundbesitzern nach erfolgter Aufhebung des Meiereirechtes durch das Staatsgrundgesetz vom 14. Mai 1849. Denn dieses Gesetz ist bei aller Berücksichtigung des bekannten Beschlusses der Bundeszentralkommission vom 12. Februar zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit bedingt zu erachten, da sich in Ermangelung einer desfalligen festen Norm bei den verschiedenen Behörden bereits eine ganz verschiedene Praxis in betreff der bäuerlichen Erbfolge zu bilden begonnen hat, wodurch der Rechtszustand und die bisherige glückliche Lage des Standes der Grundbesitzer in den einteilten Landesbezirken gefährdet wird. Ferner wird vorgelegt eine Verordnung in betreff der Hökereigerechtigkeit auf dem Lande, die ebenfalls unhaltbare Zustände beseitigen soll. dagegen können die wichtigen Gesetze über Umgestaltung des Gerichtswesens und der Verwaltung und über Reorganisation des Schulwesens nicht vorgelegt werden, weil erst durch eine Verständigung mit dem Landesherrn eine Garantie für die demnächstige Anerkennung und den Fortbestand der neu zu schaffenden Zustände erwirkt werden muß. Es ist aber ohne allen Erfolg gewesen, eine Verständigung mit dem Bevollmächtigten des Landesherrn vor Herstellung des Friedens zwischen Deutschland und Dänemark herbeizuführen. Vielmehr haben die Beschlüsse der Bundeszentralkommission bald darauf die Grenzen bezeichnet, innerhalb deren sich die Statthalterschaft bewegen kann, ohne befürchten zu müssen, statt Nützliches zu schaffen, dem Lande nur Weiterungen zu verursachen.

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Am 12. November richtete die Landesversammlung eine Eingabe an die Statthalterschaft, in der sie in Hinsicht auf die dringende politische Lage folgende Erklärung kundgab:

1) Die Landesversammlung hegt den Wunsch, daß es dem Landesherrn möge vergönnt sein, baldigst seine Rechte wieder selbst auszuüben, und ist bereit, zu diesem Ziele für die Wohlfahrt des Landes im Verein mit der hohen Statthalterschaft hinzuwirken.

2) Doch kann sie Heil und Segen in der Herstellung der Beziehungen zum Landesherrn nur dann erblicken, wenn denselben Bestand durch rechtzeitige Herstellung des Friedens zwischen dem Königreiche Dänemark und den Herzogtümern Schleswig Holstein gesichert ist.

3) Bis dahin erklärt sie die Fortdauer der gegenwärtigen Landesverwaltung für die durch das Intereffe des Landesherrn sowohl als des Landes unabweislich gebotene und vertraut, daß diese Wahrheit auch von dem Landesherrn werde erkannt werden.

4) Sie erteilt der hohen Statthalterschaft die Zustimmung zu allen Schritten, welche geeignet sind, die vorzeitige Einsetzung einer landesherrlichen Regierung abzuwenden und hegt die Erwartung, daß die hohe Statthalterschaft, wenn durch einen Abgeordneten die Herstellung der landesherrlichen Gewalt versucht werben sollte, in ihrer Stellung fest verharren und nur nach stattgehabter gemeinschaftlicher Beschlußnahme mit der Landesversammlung verfahren werde.

Hierauf antwortete das Präsidium der Statthalterschaft namens derselben am 13. November, daß sie sich zwar im allgemeinen mit den unter 1 bis 3 entwickelten Ansichten einverstanden erkläre, dagegen sieht sie sich aber außerstande, eine Zusicherung über das unter 4 in betreff des Verhaltens der Statthalterschaft Verlangte unbedingt zu erteilen. Sie muß es sich vielmehr vor-

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behalten, dies nach pflichtmäßigem Ermessen sowohl dem Lande als dem Landesherrn gegenüber einzuhalten.

Wir sehen in der Erklärung der Landesversammlung den letzten Versuch, die nationalen und liberalen Errungenschaffen der Jahre 1848 bis 1850 gegen die drohende dänische Reaktion zu schützen. Am 14. November wurde die Versammlung vertagt. In dem Abschiede, den der Rat der Statthalterschaft erteilte, wird als Grund angegeben, daß keine weiteren Vorlagen da wären. Auch spricht die Statthalterschaft ihr Bedauern aus, daß es durch die Verhältnisse nicht möglich gewesen ist, die Tätigkeit der Versammlung für weiter gehende Zwecke zu beanspruchen. „Die Verhältnisse sind einmal mächtiger als unsere Wünsche und Hoffnungen. Diese Verhältnisse unseres deutschen Vaterlandes sind augenblicklich verwirrt und dunkel, mögen sie sich bald zum Heile des Landes, bald zum Guten gestalten! Wir aber wollen nach besten Kräften, soweit es nur irgend möglich ist, fortwandeln auf der Bahn des Fortschritts."

In ihrer letzten Sitzung hatte die Landesversammlung der Statthalterschaft noch davon Mitteilung gemacht, daß sie in ihrer siebenten Sitzung, Sonnabend den 9. Mai, beschlossen habe, die Statthalterschaft zu ersuchen, unverzüglich eine geeignete Persönlichkeit nach Berlin senden zu wollen, um die etwaige Hersendung eines dänischen Kommissars abzuwenden. Wenn die Statthalterschaft diesen und anderen Vorstellungen gegenüber ruhige Zurückhaltung bewahrte, so war das durchaus kein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr ein Ergebnis der ruhigen Überlegung, daß bei dem Verlaufe des Krieges in Schleswig- Holstein an eine Erfüllung der Wünsche der Landesversammlung nicht zu denken war. Auch war die Statthalterschaft keineswegs ganz untätig gewesen, sondern hatte sich am 26. Oktober 1850 noch einmal an das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Berlin gewandt. In diesem Schreiben wies

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sie darauf hin, daß sie schon am 15. Juli um Vermittelung dahin ersucht habe, keine Änderung in der politischen Stellung Lauenburgs eintreten zu lassen, ehe der Frieden zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein hergestellt sei. Darauf hätte das Ministerium am 22. Juli beruhigende Zusicherungen erteilt. Wenn sich die Statthalterschaft nun wiederum vertrauensvoll an das Ministerium wende, so glaube sie eine Entschuldigung in folgender Tatsache zu finden: Nachdem der Friede vom 2. Juli von allen deutschen Regierungen ratifiziert sei, werde nicht ohne einen Anschein von Glaubwürdigkeit durch die öffentlichen Blätter die Nachricht mitgeteilt, daß in nächster Zukunft durch einen königlich dänischen Kommissar die Regierung des Herzogtums Lauenburg wieder übernommen werden solle. Daher erneuert die Statthalterschaft die Bitte, die preußische Regierung möge dahin vermitteln, daß bis zum endgültigen Friedensschlüsse zwischen Dänemark und den Herzogtümern die Lage Lauenburgs nicht alteriert werden möge.

Erst als Anfang Januar des Jahres 1851 gemäß der Verabredung in Olmütz (Anfang Dezember 1850) ein österreichischer und ein preußischer Kommissar von deutschen Exekutionstruppen unterstützt Holstein und Lauenburg den Danen auslieferten, erschien ein dänischer Kommissar in Lauenburg in der Person des Grafen von Reventlow-Criminil. Diesem war laut königlichem Patent vom 8. Januar 1851 1) die früher den unmittelbaren Kollegien in Kopenhagen obliegende Leitung der Verwaltung des Herzogtums Lauenburg einstweilen übertragen, mit dem Befehle, ungesäumt die unmittelbaren Beziehungen des Herzogtums zum Könige und die Verwaltung, sowie den regelmäßigen Geschäftsgang wiederherzustellen. So wurde durch eine Verordnung vom 16. Januar die Statthalterschaft ihrer Funktionen enthoben und ebenso der Tätigkeit der Landesversammlung, sowie
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1) Lauenburgische Verordnungensammlung, 4. Band.

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des permanenten Ausschusses ein Ende gemacht. Sämtliche Beamte, Offiziere und sonstigen Angestellten wurden der Verpflichtungen, die sie gegen die abgetretene oberste Landesbehörde eingegangen waren, entbunden und zugleich mit allen Angehörigen und Einwohnern des Herzogtums Lauenburg angewiesen, den Anordnungen der im Namen des Landesherrn fungierenden Regierung willige Folge zu leisten. Am 6. März wurde das Grundgesetz, für dessen Bestehen so heiß gekämpft worden war, durch eine kurze Verordnung aufgehoben, unter Hinweis auf das Allerhöchste Patent vom 8. Januar betreffend die Wiederherstellung der landesherrlichen Autorität im Herzogtum Lauenburg. Demnach wird namentlich auch die im Grundgesetze ausgesprochene Aufhebung der Beschränkung des freien Eigentums an Bauernstellen durch Meiereirecht, Erbenzinsrecht u. dgl. nach dem Wegfall des Grundgesetzes als beseitigt, und sowohl in dieser Beziehung als auch hinsichtlich der infolge des Grundgesetzes eingetretenen Aufhebung der Bannrechte, insbesondere des Mühlenzwangsrechts nebst den Diensten wird bis zu ihrer beabsichtigten Auflösung der frühere Rechtszustand als bis weiter wiederhergestellt erklärt. Was übrigens die seit dem Jahre 1848 erlassenen speziellen Verordnungen wegen der allgemeinen Wehrpflicht, Aufhebung des Schutz- und Dienstgeldes, des Münzgesetzes und der danach regulierten Taxen und Tarife, sowie des Jagdgesetzes anbetrifft, so wird darüber nach erfolgter Allerhöchster Entscheidung baldigst eine weitere Verfügung erfolgen. Diese Verfügung wurde am 22. März erlassen und bestimmte, daß die drei zuerst genannten speziellen Verordnungen bis weiter in Kraft bleiben sollten. Indessen wurden die Verordnungen über das Jagdrecht, die von der früheren Landesversammlung beschlossen und am 18. Oktober 1849 in Kraft gesetzt waren, am 11. August 1851 wieder aufgehoben und vorläufig der frühere Rechtszustand wieder hergestellt.

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Ferner wurde am 29. Oktober bekannt gemacht, daß in Gemäßheit des am 23. August d. J. gefaßten Beschlusses der deutschen Bundesversammlung das Gesetz vom 27. Dezember 1848 betreffend die Grundrechte des deutschen Volkes wiederum für aufgehoben erklärt werden sollte. Nicht ganz so schnell und durchgreifend verfuhr die Regierung mit der ständischen Vertretung des Landes. Wir erinnern uns, daß im Jahre 1848 „eine zeitgemäße Landesrepräsentation" verlangt wurde und daß durch eine provisorische Verfügung der Regierung vom 10. April 1848 die Ritter- und Landschaft durch sechs städtische und zwölf ländliche aus Wahlen der Bürger und ländlichen Grundbesitzer hervorgegangene Deputierte verstärkt war und daß dann 1849 provisorisch noch zehn neue, nach dem vorgelegten Wahlgesetz zu wählende Deputierte hinzugefügt wurden. Nach diesem Wahlgesetze vom 8. März 1849 waren die Wahldistrikte so eingeteilt, daß die drei Städte mit ländlichen Ortschaften verbunden waren, um jeden Anschein einer nach den modernen Anschauungen veralteten ständischen Vertretung zu beseitigen. So waren die 3037 Einwohner Ratzeburgs mit 683 Bewohnern benachbarter ländlicher Distrikte und die 2663 Möllner mit 1980 Dorfbewohnern vereint. Nach dem Grundgesetze vom 14. Mai 1849 war die Zusammensetzung der Landesversammlung die, daß zwölf Abgeordnete von den sog. allgemeinen Wahldistrikten neu gewählt wurden und da die Zahl der am 10. April 1848 festgesetzten sechs städtischen und zwölf ländlichen Abgeordneten um die Hälfte verringert war, sechs von den „besonderen" ländlichen und drei von den Städten schon von früher her in der Landesversammlung waren. Die Gesamtzahl der Abgeordneten betrug mithin einundzwanzig. In bezug auf diese Vertretung verfuhr, wie schon gesagt, die Regierung vorsichtiger. Das Wahlgesetz wurde allerdings durch Verfügung vom 6. März mit dem Grundgesetz zusammen

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aufgehoben, aber die neue Zusammensetzung der Landesvertretung wurde einer genauen Prüfung und Beratung unterworfen. Am 14. Juni 1850 machte die Königliche Regierung bekannt, daß sechs „achtbare" Lauenburgische Männer in der Stadt Ratzeburg „fördersamst" zusammentreten sollten, um hinsichtlich der künftigen inneren zeitgemäßen Verfassung des Landes, namentlich einer den wahren Bedürfnissen des Landes angemessenen Landesvertretung, selbständige Vorschläge, denen indessen die alte bestehende Landesverfassung als Grundlage und Ausgangspunkt zu dienen hat, zu beraten und zu entwerfen. Über die Resultate der Verhandlungen der achtbaren Lauenburgischen Männer wollen Se. Majestät nach vorgängiger Allerhöchster Prüfung und Bestimmung eine Kommunikation mit der vor dem Jahre 1848 bestandenen Ritter- und Landschaft eintreten lassen. Jene achtbaren Männer waren: der Graf Kielmannsegge, der Amtmann Susemihl, der Gutsbesitzer von Witzendorff, ferner der Justizrat Walter, der Senator Dahm und der Gutsbesitzer Berkemeyer. Unter diesen aber bildeten sich zwei Ansichten aus, eine freiere, die den Anforderungen jener Zeit gerecht zu werden suchte, und eine an den alten Zuständen vor 1848 festhaltende. Beide liegen im Manuskript aufgezeichnet vor.

Nach Susemihls Ansicht, der seine politischen Grundsätze schon bei Beginn der Verhandlungen in einer Denkschrift vom 15. August niedergelegt hatte, hat die neue politische Wissenschaft, insbesondere der Konstitutionalismus bisher nichts erreicht, und „die dürren Privilegien", welche die Verfassungsurkunden aufstellen, werden stets an dem lebenden Organismus scheitern. Insbesondere die Kirche und die mit ihr verwachsenen Volksschulen stehen im wesentlichen außerhalb des Staatsgebietes und menschlicher Gesetzgebung.

Entschieden tritt das Gutachten der Minorität gegen die Aufhebung des gutsherrlichen Verbandes und die
 

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Ablösbarkeit der Reallasten des bäuerlichen Eigentums ein. Der Grundsatz der geschlossenen Hofe in sächsischen Landen ist Grundbedingung des Wohlstandes des Bauernstandes, und der Grundsatz, daß Lasten und Steuern auf dem Gesamtbestande des Hofes ruhen, schützt die: Bauern mehr, als daß es sie drücken könnte. Die Geldmacht ist keine Glück bringende, und sowie das Land teilbar und käuflich wird, ist der Bauernstand gebrochen.

Die Verfassungsvorschläge Susemihls, denen Witzendorff beitrat, laufen darauf hinaus, daß in jedem der vier Ämter die sämtlichen Bauernvögte zusammentreten und aus ihrer Mitte oder, wenn sie wollen, aus der Mitte der Vollhufner zwei Männer mit dem Namen Amtsgevollmächtigte wählen. Diese hat das Amt in allen allgemeinen Amts- und besonders Kommunalangelegenheiten zu Rate zu nehmen, und sie dürfen Kommuneangelegenheiten in Vortrag bringen. Ebenso und zu gleichen Befugnissen bei den adligen Gerichten wählen die Bauernvögte aus den zum ersten, zweiten dritten und vierten Fuhrdistrikte gehörigen Dörfern für jeden Distrikt einen Bauernvogt oder, wenn sie wollen, einen Vollhufner, die den Namen ,,Gutsdistrikts-Gevollmächtigte" führen. Die Wahl geschieht bei beiden Gevollmächtigten auf sechs Jahre.

Diesen erwählten Amts- und Gutsdistrikts-Gevollmächtigten wird die Befugnis und Ausübung der Landstandschaft in der Weise übertragen, daß die je zwei Amtsgevollmächtigten und zwei Gutsdistrikts-Gevollmächtigten, nämlich die beiden Gevollmächtigten des ersten und zweiten Distrikts und die zwei Gevollmächtigten des dritten und vierten Distrikts, auf dem Landtage als Landesdeputierte, ihrer zwölf also zusammen, auftreten. Die je zwei haben aber nur eine Stimme, und zwar benennen sie auf dem Landtage denjenigen, der von ihnen beiden das Wort führen und die Stimme abgeben soll.

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Die Ritter- und Landschaft wird so um sechs Stimmen aus dem Bauernstande verstärkt. Der Vorschlag aber, daß diese sechs Landesdeputierte aus dem „pflichtigen Stande" eintreten, geschieht auf die Voraussetzung, daß die jetzt bestehende Korporation der Ritter- und Landschaft auf alte bisherigen Steuerprivilegien und Exemtionen für die Zukunft Verzicht leisten und den Grundsatz anerkennen werbe, daß künftig alle Grundbesitzer ohne Unterschied des Standes, auch beiläufig alle Landes-Untertanen überhaupt nach gleichmäßigen Grundsätzen zur Tragung der allgemeinen Staatslasten verbunden sein sollen.

Die übrigen vier achtbaren Männer haben ihre Ansichten niedergelegt in einer größeren, ebenfalls vorliegenden Schrift: Grundzüge einer Verfassung des Herzogtums Lauenburg. Bezeichnend ist in dieser der Zusatz zu § 2: Bestimmungen über das Verhältnis des Herzogtums zum deutschen Bunde, sowie seine Stellung zu den übrigen Teilen der Monarchie werden nach der Vorschrift des Commissarii übergangen. Aus dem eingehenden Verfassungsentwurf kann ich hier nur einige Punkte hervorheben. § 18 lautet: Alle Bannrechte, alle Fronen, Zehnten, Zinsen, Dienste oder sonstige Reallasten, die auf Grundstücken ruhen, welche in einem Meier-Erbenzins-Erbpacht- oder ähnlichen gutsherrlichen Verbände stehen, sind ablösbar, und die Ablösbarkeit und die Grundsätze über die dafür zu leistende Entschädigung sollen durch ein Gesetz baldigst geregelt werden. Ferner ist hervorzuheben die Bestimmung: Die den Gemeinden oder Privaten zustehende Gerichtsherrlichkeit soll aufgehoben werden, nur soll dem Gerichtsherrn die Ausübung der niederen Polizei bleiben. Sodann wird eingeschärft die Freiheit der Presse, unter Beobachtung der gegen ihren Mißbrauch zu erlassenden Gesetze, endlich das freie Vereins- und Versammlungsrecht unter Beobachtung der Gesetze.

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Besonders aber sind von Interesse die Vorschläge darüber, wie die Bevölkerung in einer Landesversammlung vertreten sein soll. Die sog. Ständeversammlung soll bestehen aus einem vom Landesherrn zu ernennenden Mitgliede, aus sechs von den Besitzern der Rittergüter zu erwählenden Abgeordneten, aus sechs von den Besitzern der bäuerlichen und anderen ländlichen Grundstocke zu wählenden Abgeordneten, aus je zwei Abgeordneten der drei Städte Ratzeburg, Mölln und Lauenburg und endlich aus zwei von der Geistlichkeit des Landes zu erwählenden Abgeordneten, also im ganzen aus einundzwanzig Mitgliedern. Wahlberechtigt unter den bäuerlichen und ländlichen Grundbesitzern sind nur die, welche mindestens einen Grundbesitz von zwölf Morgen haben, und in den Städten diejenigen, welche ein städtisches Grundstock zum Werte von mindestens 600 Thalern eigentümlich besitzen oder die keinen Grundbesitz habenden Bürger, welche ein Handwerk oder Gewerbe treiben und jährlich mindestens vier Thaler öffentliche oder Kommunalsteuer zahlen. Über das bei den Wahlen zu beobachtende Verfahren wird ein besonderes Wahlgesetz in Aussicht gestellt. Die Mitglieder der Ständeversammluug sind Vertreter des ganzen Landes, und die Versammlung tritt im November jedes Jahres regelmäßig zusammen, vom Landesherrn berufen. Doch kann dieser auch außerordentliche Diäten anordnen. Auflösen und Vertagen der Versammlung zu jeder Zeit steht dem Landesherrn frei.

Anderseits hat die Ständeversammlung das Recht in Beziehung auf alle Landesangelegenheiten, insbesondere auf etwaige Mängel oder Mißbräuche in der Verwaltung oder der Rechtspflege ihre Wünsche, Vorstellungen und Beschwerden dem Landesherrn 1) oder der Landesregierung
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1) Es ist wohl zu beachten, daß hier und an anderen Stellen anstatt „Landesherrn" ursprünglich "Herzog" gestanden hat, natürlich im Hinblick auf die verlangte Personalunion.

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vorzubringen. Ein weiteres Eingreifen in die Verwaltung steht derselben aber nicht zu. In finanzieller Hinsicht soll das Land selbständig sein. Die Ständeversammlung wird von den Verträgen, welche der Landesherr mit anderen Mächten in Beziehung auf das Herzogtum abschließt, in Kenntnis gesetzt, sobald die Verhältnisse dieses erlauben. Erfordert die Ausführung der Verträge die Bewilligung von Geldmitteln aus der Landeskasse oder sollen dieselben eine Abänderung bestehender Landesgesetze hervorbringen, so bedarf es hierzu der verfassungsmäßigen Mitwirkung der Stände.

Das unbewegliche Staatsvermögen soll nach § 101 in seinem wesentlichen Bestände erhalten bleiben. Ohne Einwilligung der Ständeversammlung kann dasselbe weder durch Veräußerung vermindert, noch mit Schulden oder sonst mit einer bleibenden Last beschwert werden. Alle daraus fließenden Einnahmen sollen in einer einzigen Generalkasse vereinigt, und aus dieser sollen alle Landesausgaben bestritten werden. Jedes Jahr soll ein Voranschlag der Staatseinnahmen und der Ausgaben zur Prüfung der Ständeversammlung vorgelegt werden, und soweit die Einkünfte des Staatsgutes, der Regalien und der sonstigen Landeseinnahmen nicht ausreichen, um die von der Ständeversammlung bewilligten ausgaben zu decken, soll der Staatsbedarf dann durch Steuern gedeckt werden. Diese werden regelmäßig nur auf drei Jahre bewilligt und durch ein Steuergesetz ausgeschrieben. Ausgaben, welche auf bestimmten Bunde- oder landesgesetzlichen oder auf privatrechtlichen Verpflichtungen beruhen, darf die Ständeversammlung nicht verweigern. Dieser Entwurf ist datiert vom 21. Oktober 1851.

In dem Entwurfe des Begleitschreibens, der ebenfalls vorliegt, und zwar mit manchen Streichungen und Veränderungen im Texte, wird in aller Bescheidenheit hervorgehoben, daß diese Verfassung einmal dem Geiste

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der Zeit entsprechend eine freie, in manchen Punkten von den Grundsätzen, auf denen die alte Verfassung beruhe, abweichende wäre und zweitens, daß sie der selbständigen staatlichen Stellung des Herzogtums entsprechend die ´GESONDERTE Verwaltung seiner inneren Verhältnisse als rechtmäßig betone. Auch wird darauf hingewiesen, daß das Königreich Dänemark ebenfalls inzwischen eine Verfassung erhalten habe und daß dasselbe für Schleswig-Holstein zu erwarten wäre. „Wir haben", heißt es am Schluß, „die Verfassungsfrage nicht auf die Bahn gebracht; wir sind zur Abgebung unseres Gutachtens aufgefordert, und wenn wir bei dieser Gelegenheit die offene und freimütige Sprache geredet, Welche Ew. Majestät von loyalen und treu gehorsamen Untertanen in unserer Lage zu erwarten berechtigt sind, so dürfen wir gewiß auch nicht befürchten, Anstoß durch unsere Äußerungen zu erregen."

Durch eine Verfügung vom 7. Februar 1852 wurde die vor dem Jahre 1848 bestandene Ritter-und Landschaft berufen, „damit sie den angeschlossenen, nach vorgängig vernommenem Gutachten achtbarer Lauenburgischer Männer aufgestellten und mittelst Ministerialreskriptes vom 4. Februar 1852 der Regierung zugegangenen Entwurf eines Allerhöchsten Patents bei treffend die Ordnung und Feststellung der inneren Verfassung des Herzogtums Lauenburg namentlich in Hinsicht der Landesvertretung einer Beratung unterzöge und demnächst eine baldgefällige Äußerung über den Entwurf an die Regierung abgäbe. Bei dieser einzuleitenden Kommunikation mit Ritter- und Landschaft ist es der Wille Sr. Majestät, daß entsprechend der Allerhöchsten Bekanntmachung vom 28. Februar 1852, daß eine gemeinschaftliche Verfassung für die dänische Gesamtmonarchie eingeführt werden solle, die zur Ausführung dieser Absicht in betreff des Herzogtums Lauenburg erforderlichen Maßregeln vorbehalten werden sollen."

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In dem ziemlich kurzen Entwurfe ist vorgeschlagen, die ständische Vertretung Lauenburgs, wie sie bis zum Jahre 1848 unter dem Namen der Lauenburgischen Ritter- und Landschaft bestanden hat, unter demselben Namen wieder in Wirksamkeit treten zu lassen, sie aber hinsichtlich ihrer Zusammensetzung einer Reform zu unterziehen. Danach soll sie bestehen aus fünfzehn Mitgliedern, und zwar aus drei von den sämtlichen Besitzern der bisher landtagsfähigen Güter im Herzogtum Lauenburg zu wählenden Gutsbesitzern, aus sechs Abgeordneten der Lauenburgischen Städte und sechs der kleineren Landbesitzer. Daneben aber bildet das aus dem Erblandmarschall und drei dem Stande der landtagsfähigen Gutsbesitzer angehörenden Landräten gebildete Landrats-Kollegium den permanenten Ausschuß der Lauenburgischen Landschaft; die Mitglieder desselben haben die schriftlichen Ausfertigungen des Landtags zu besorgen, sowie sonstige landschaftliche Urkunden durch ihre Namensunterschriften zu vollziehen. Ein Regierungskommissar nimmt an den Verhandlungen teil ohne das Recht der Abstimmung, aber berechtigt, das Wort zu nehmen, so oft er es für angemessen findet. Die Berufung erfolgt durch den Landmarschall, entweder auf Veranlassung einer Aufforderung der Regierung oder infolge eines Beschlusses des Landmarschalls und der Landräte. Im letzteren Falle ist eine Anzeige bei der Regierung erforderlich. In dem Begleitschreiben wird die Ritter- und Landschaft aufgefordert, sich darüber zu äußern, inwiefern auch der Stand der Geistlichkeit zu der ständischen Vertretung hinzuziehen sein möchte, sowie gleichfalls darüber, ob dem nach dem Patententwurfe wiederherzustellenden Landratskollegium behufs Wahrnehmung der demselben zuzuweisenden Obliegenheiten einige den anderen Ständen angehörende, für die Dauer der jedesmaligen Wahlperiode zu wählende Mitglieder der Landesversammlung beizuordnen sein möchten. von allen den Forderungen jener vier Männer in bezug

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auf Preßfreiheit, Aufhebung der Gerichtsherrlichkeit, freies Vereins- und Versammlungsrecht, eigene Verwaltung des Landesvermögens ist in dem Entwurfe nichts ausdrücklich bewilligt, nur werden Verhandlungen darüber mit Ritter- und Landschaft in Aussicht gestellt, wie verschiedene spezielle innere Angelegenheiten näher entwickelt und festgestellt werden sollen, so z. B. eine etwaige Umgestaltung der jetzigen Amtsgerichte, des Steuerwesens usw.

Während dieser Entwurf mir nur handschriftlich vorgelegen hat, ist im offiziellen Wochenblatt veröffentlich[t] das landesherrliche Patent vom 20. Dezember 1853 betreffend die innere Verfassung des Herzogtums Lauenburg, namentlich in Hinsicht auf die Landes-vertretung. Dieses Patent bricht noch mehr mit dem, was Ende der vierziger Jahre erstrebt und in Aussicht gestellt war. Allerdings heißt es im § 2, daß die ständische Vertretung einer Reform unterzogen werden soll, aber im wesentlichen werden doch die alten Verhältnisse wieder hergestellt. Die ständische Vertretung soll bestehen aus dem Erblandmarschall, zwei lebenslänglichen Landräten, welche mit dem Landmarschall unter dessen Vorsitz das Landrat-Kollegium bilden, und aus fünfzehn gewählten Abgeordneten, und zwar je fünf der drei Stände, während nach dem Entwurfe das Verhältnis so war, daß drei größeren Grundbesitzern sechs Abgeordnete der Städte und sechs der kleineren Landbesitzer gegenüberstanden. Die Städte wählen je einen Abgeordneten aus den Mitgliedern des Magistrats und einen aus den wählbaren Bürgern der Stadt, und zwar kommt die Zahl fünf dadurch heraus, daß für jede Wahlperiode das Wahlrecht einer Stadt in betreff der Wahl eines Bürgers nach bestimmtem Turnus ruht. Die fünf Abgeordneten des Standes der bäuerlichen Grundbesitzer sollen in der Weise gewählt werden, daß die bestehenden vier sogenannten Fuhr-

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distrikte und vormaligen Sessionsdistrikte, welche je ein Amt mit den dazu gerechneten Rittergütern besaßen, die Wahldistrikte ausmachen und in den solchergestalt gebildeten Wahldistrikten Lauenburg, Schwarzenbeck und Steinhorst je ein Abgeordneter, im Wahldistrikte Ratzeburg aber zwei Abgeordnete unter Leitung der betreffenden Ämter gewählt werden. Bedingung des Wahlrechts und der Wählbarkeit in diesem Stande ist bäuerlicher Grundbesitz in dem betreffenden Amts- oder Gutsdistrikte zur Größe von mindestens zwölf Morgen Kalenberger Maße. Die Landtage müssen nicht zu einem bestimmten jährlichen Termine zusammentreten, sondern werden so oft zusammenberufen, als es den Umständen nach erforderlich erscheint. Die wohlhergebrachten Rechte des Landes, sowie der einzelnen Landstände, wie solche namentlich im Landesrecesse vom 15. September 1702 beschrieben sind, werden bestätigt, und zwar namentlich eine besondere Regierung, ein besonderes Hofgericht und Konsistorium. Auch hier wird die nähere Entwicklung und Feststellung von verschiedenen speziellen inneren Angelegenheiten separaten Verhandlungen mit der Ritter- und Landschaft vorbehalten.

Das Votum der vier Männer, die zum Teil der Statthalterschaft angehört hatten, der Entwurf einer Verfassung vom 7. Februar 1852 und die endgültige Regelung der inneren Verfassung vom 20. Dezember 1853, die wir soeben betrachtet haben, zeigen uns deutlich, wie mit dem Grundgesetze allmählich alles genommen wurde, was 1848 und 1849 zeitweise erreicht worden war. Dies zeigt besonders deutlich die Zusammensetzung der damaligen Landesversammlung, Verglichen mit der wiederhergestellten Ritter- und Landschaft, wie wir sie soeben betrachtet haben.

Wir kommen nun zu dem letzten, was in jener Eingabe an die Friedenskonferenz zu Berlin verlangt war, nämlich zu der Forderung einer selbständigen

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Stellung Lauenburgs zu Dänemark und einer Prüfung der Erbfolgefrage. Wie oben dargestellt ist, war im Grundgesetze die reine Personalunion mit Dänemark verlangt, und in bezug auf die Erbfolge hatte am 20. Februar 1849 die Statthalterschaft in einer Eingabe an den Erzherzogs-Reichsverweser darauf angetragen, bei dem Friedensschlusse sollte das Lauenburgische Landesrecht, die männliche Erbfolge nach Erstgeburt, zur Anerkennung gebracht werben. 1) Alle Ansprüche dieser Art wurden zurückgewiesen durch das am 31. Juli 1853 veröffentlichte Thronfolgegesetz für die dänische Gesamtmonarchie, in welchem im Interesse der Integrität der Gesamtherrschaft in allen unter dem Szepter des Königs Friedrichs VII. vereinigten Ländern, also auch in Lauenburg, nach dem Aussterben des Oldenburgischen Mannesstammes mit dem Könige das Haus Sonderburg-Glücksburg als allein erbfolgeberechtigt anerkannt wurde. Bekanntlich war dieses Gesetz eine Ausführung des schon im Londoner Protokoll am 8. Mai 1852 mit Zustimmung der Großmächte abgeschlossenen Traktats.

So war fast alles, was in den Jahren 1848 bis 1850 erstrebt und erreicht war, vereitelt und aufgehoben. Das Herzogtum Lauenburg bildete nun einen der dänischen Gesamtmonarchie fest angegliederten Landesteil wie Holstein, und das einzige Band mit Deutschland war, daß es wie dieses dem deutschen Bunde angehörte. Die Zeit für die Lösung der deutschen Frage im nationalen Sinne war noch nicht gekommen; Reden und Majoritätsbeschlüsse hatten sich in unserem Ländchen wie im ganzen deutschen Vaterlande als unfruchtbar und unwirksam erwiesen für eine nationale Einigung. Es war der Ära Bismarck vorbehalten, mit Blut und Eisen diese Frage zu lösen.
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1) S. auch die kleine Schrift: Aktenstücke zur lauenburgischen Erbfolgefrage aus den Jahren 1840, 47 und 49, Hamburg 1864.

 


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