Jahresband 1905

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

Lauenburgische Wallfahrtsorte.

[W. Dührsen.]
 

Unter den manchen Wallfahrtsorten, deren sich in der Vorzeit das lauenburgische Land zu rühmen hatte, verdient Büchen unbedingt vorangestellt zu werden. Dort war ein wunderthätiges Marienbild (Maria ad fagum, fagus-Buche), zu welchem aus dem ganzen Lande und aus den Nachbarländern eifrig, selbst noch nach Einführung der Reformation gewallfahrtet wurde. Nach dem in der Kirche noch vorhandenen und jetzt als Kirchenblock oder Armenbüchse benutzten, vor einigen Jahren leider mit Oelfarbe überstrichenen und daher ganz verhunzten Schrein zu urtheilen, ist das wunderthätige Bild eine Figur von etwa 1 1/2 Fuß Größe gewesen, entsprechend dem Muttergottesbilde in der Kirche des Piaristenklosters zu Schlackenwerth bei Karlsbad. Nach der Tradition soll eine fromme katholische Gemahlin eines der letzten lauenburgischen Herzöge, die in Schlackenwerth zu residieren pflegten, wenn sie sich auf ihren böhmischen Besitzungen aufhielten, das Büchener Muttergottesbild, zu welchem zum großen Kummer der protestantischen Seelsorger lange nach Einführung der Reformation, wie angedeutet, noch immer gewallfahrtet wurde, von Büchen fortgenommen und nach Böhmen gebracht haben, damit es dort seine heilsame Thätigkeit fortsetze. So ist es in die Kirche des von Julius Heinrich gestifteten Piaristenklosters gekommen, Wo es als „Maria-Treu" über dem Hauptaltar steht. Dahin nehmen, wie Weymann in seinem „Führer durch das böhmische Erzgebirge" versichert, die Gläubigen aus der ganzen Umgegend ihre Zuflucht. Jene Herzogin aber wird die Gemahlin von Julius Heinrich gewesen sein:

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Anna Magdalena, Wilhelm Poppolyn von Lobkowitz' Tochter und Ww. des Grafen Zbinkoni von Colovrat.

In Schlackenwert wird freilich behauptet, dies Muttergottesbild habe die Herzogin dem Kloster Ebstorf in Hannover (jetzt weltliches adl. Fräuleinstift) entnommen, aber Ebstorf ist niemals lauenburgisch gewesen und das immer noch anhaltende Wallfahrten nach Büchen, mochte Veranlassung genug geben zu verschweigen, wohin die wundertätige Figur gerathen sei. — So ist von all' dieser Herrlichkeit in Büchen nichts übrig geblieben als der nun so verstümmelte Schrein — und die Marktgerechtigkeit, die sich so oft als eine Folge der Wallfahrten darstellt. Denn da die regelmäßigen Wallfahrten zu bestimmten Zeiten des Jahres stattfanden, wie noch heut zu Tage in katholischen Ländern, so war es ganz natürlich, daß dazu, um die Wallfahrer mit Speise und Trank, Andenken an den Wallfahrtsort etc. etc. zu versehen, sich zahlreiche Händler mit Waaren einfanden. Je nach dem Bedürfniß entwickelte sich das weiter und so entstanden in kleinen Dörfern wie Büchen, Basthorst, Kl. Zecher etc. etc. die sich einer das Wallfahrten veranlassenden Anziehungskraft erfreuten, die Jahrmärkte, deren Büchen zwei hat: am Dienstag nach Judica und am Dienstag nach dem 2. Sonntag nach Michaelis.

Büchen hatte aber noch mehr Attractionen: eine wundertätige Hostie und das heilige Blut. Bei der ersten Kirchenvisitation im Jahre 1564 verboten die Visitatoren auf's Strengste alle Abgötterei und die Hostie ward „aus dem Wege gethan", aber das Wallfahrten hörte nicht auf, und ebensowenig das Opfern, so daß die Büchener Kirche allmählich sehr reich geworden war; sie besaß einen bedeutenden Vorrath von goldenen und silbernen Geräthen und reichlich Geld auf Zinsen. Bei späteren Visitationen wurde eindringlich verboten, an den 4 hohen Festen das Marienbild auf den Altar zu setzen, Opfer anzunehmen und den „Bedefahrern" die Kirche

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zu öffnen oder die Kapelle. Ja, es wurde befohlen, die Clause auf dem Kirchhof abzubrechen und den Stein zum Kirchenbau zu verwenden (Burmester p. 143). Hiernach muß angenommen werden, daß die Wundertätige Maria ad fagum eine eigene Behausung (Clause) auf dem Kirchhof gehabt hat, in welcher der Schrein stand. Dieser war, wie noch jetzt ersichtlich, gegen unbefugte Öffnung stark versichert und unter dem Bilde befand sich die wohlverwahrte Opferkasse. Von den zahlreichen Gold- und Silbergeräten wurde 131 1/2 Lot zu verkaufen angeordnet; der Erlös sollte belegt werden.

So hat der Wallfahrtsort Büchen denn eine glanzvolle Vergangenheit hinter sich; jetzt ist der „Aberglaube" vorüber, aber wenn wir Haupt (Bau- und Kunstdenkmäler im Herzogtum Lauenburg) Glauben schenken wollen, so hat es „den Anschein, als ob trotzdem noch einiger Nachglanz alter frommer Sitte sogar heute nicht erloschen sei; zahlreiche kleine Andenken, an verborgenen Stellen verstohlen angebracht, haben es bezeugt."

Von anderen Wallfahrtsorten seien noch erwähnt: GÜLTZOW, wo das sogenannte Nothfeuer verehrt worden sein soll. Was es damit für eine Vewandtniß habe, war nicht zu ermitteln, weshalb Mittheilungen darüber sehr erwünscht sein würden. Ebenso verhält es sich mit der „Johanniskrone", die in STERLEY verehrt worden und mit BASTHORST, wo ein heiliger „Leichnamsbrunnen" zur Verehrung gedient haben soll. Auch hier werden jährlich 2 Jahrmärkte (8 Tage nach Michaelis und in der 2. Woche vor Pfingsten) abgehalten, die wahrscheinlich denselben Ursprung haben wie der Büchener Jahrmarkt. Das Gleiche gilt von der ehemals für wundertätig angesehenen Heilquelle zu MARIENSTÄDT oder KL. ZECHER, wo alljährlich im September ein Krammarkt abgehalten wird. Möglicherweise ist der Name Marienstädt mit dieser Heilquelle in Zusammenhang zu bringen. Eine Heilquelle befand sich auch im

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adl. Gute NIENDORF a. St.: Der Gesundbrunnen, westlich vom Gute abseits gelegen und jetzt ein zur Wassergewinnung nicht mehr geeignetes, sumpfiges Terrain. Auch hierüber wäre weitere Auskunft sehr erwünscht.

W. D.

 

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