Jahresband 1905

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


ANNA MARIA FRANZISCA, PRINZESSIN
VON SACHSEN-LAUENBURG.

[W. Dührsen]
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Der letzte lauenburgische Herzog askanischen Stammes, mit dem 1689 dieses alte Fürstenhaus ausstarb, Julius Franz von Sachsen, Engern und Westfalen, war mit der Tochter des Pfalzgrafen Christian August zu Sulzbach, Maria Hedwig Augusta vermählt (1668), welche zu Hamburg 1681 mit Hinterlassung zweier Töchter verstarb. Sie galt als die schönste Brünette des Reichs, während die Tochter des Markgrafen Friedrich von Baden, Catharina Barbara, auf die man nach dem Tode seiner Gemahlin die Aufmerksamkeit des Herzogs Julius Franz zum Behuf der Wiederverheiratung - wie wohl vergeblich - zu lenken bemüht war, als die schönste Blondine des Reichs bezeichnet wurde. Julius Franz blieb unvermählt nach dem Tode seiner Gemahlin und ihn überlebten seine beiden Töchter, da 3 andere Kinder - darunter ein Sohn - in frühester Jugend starben. Diese beiden Töchter waren Anna Maria Franziska, geb. 13. Juni 1672, und Franziska Sibylla Augusta, geb. 21. Januar 1675. *) Die erstere vermählte sich 29. Oktober 1690 mit dem Pfalzgrafen Philipp Wilhelm zu Neuburg, ward aber schon nach 2 1/2 Jahren Wittwe und am 2. Juli 1697 wieder vermählt mit Johann Gaston, nachherigem Großherzog von Toscana. Diese starb 1737, nachdem diese Ehe zuvor bereits gelöst worden. Sie starb am 15. Oktober 1741
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*) Ueber diese Prinzessin findet sich eine Skizze in Band III Heft 3 p. 65 ff des Archivs des Vereins f. d. Gesch. d. Herzogthums Lauenburg.

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zu Reichstadt in Böhmen, einer Herrschaft, die ihr aus den böhmischen Gütern ihres Vaters neben Buschtirad, Consonim, Minckwitz, Politz, Plößkowitz, Schwaden und Schwolino erblich zugefallen war. Aus ihrer ersten Ehe hatte sie eine Tochter Maria Anna Carolina. Diese vermählte sich mit dem Herzog Ferdinand Maria von Bayern und starb 1751 und ihre vorgenannten böhmischen Besitzungen fielen an ihren Sohn Clemens Franz, der kinderlos 1770 starb und diese Besitzungen dem Herzog Carl II. von Zweibrücken hinterließ. Der verkaufte sie an den Prinzen von Waldeck, nahm sie aber nach 6 Jahren zurück und vererbte sie 1795 auf seinen Bruder, den nachmaligen König Maximilian Joseph von Bayern. 1805 kamen in Folge des Reichsdeputationshauptschlusses diese Besitzungen an den damaligen Kurfürsten von Salzburg, und in Folge des Wiener Kongresses an den Kaiser von Öfterreich, der sie unter dem Namen des Herzogtums Reichstadt zur Ausstattung seines Enkels, des unglücklichen Sohnes Napoleons I., des ehem. Königs von Rom, bestimmte. — Die übrigen böhmischen Besitzungen der lauenburgischen Herzöge erhielt Prinzessin Franzisca Sibylla Augusta, die Gemahlin des berühmten Feldherren Markgrafen Ludwig von Baden, die 1733 zu Ettingen verstarb, nachdem bereits 1707 ihr tapferer Gemahl ihr im Tode vorangegangen.

Wie wir einem interessanten Aufsatz in den Mitteilungen des nordböhmischen Exc. Klubs (XXVII 4) des Herrn Professors Paudler „von der Reichstädter Großherzogin" entnehmen, war die von der lauenburgischen Prinzessin nach ihres ersten Gemahls Ableben mit Johann Gaston von Toscana eingegangene zweite Ehe eine keineswegs glückliche geworden. Die beiden Charaktere paßten offenbar garnicht zusammen. Die Neuvermählten nahmen alsbald nach der Hochzeit ihren Aufenthalt in Reichstadt, wo sich die junge Frau sehr wohl und glücklich fühlte, der flotte, an Zerstreuungen aller Art gewöhnte, lebenslustige

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Johann Gaston sich aber sträflich langweilte. Zudem entdeckte er bald, daß seine Gemahlin launisch, herrschsüchtig, jähzornig, starr und ränkevoll war und ihr erster Gemahl offenbar ähnliche Erfahrungen gemacht und Trost im Trunk gesucht und gefunden haben dürfte. Einen Winter hielt er es in Reichstadt aus, dann reiste er über Aachen nach Paris, von wo er jedoch auf Veranlaßen [sic!] seines Vaters, des Großherzogs Cosmo, wieder nach Reichstadt zurückkehrte, wo er es aber nicht lange aushielt, da die alten Zwistigkeiten sich alsbald wiederholten. Nun siedelte er allein mit seinem Florentiner Gefolge nach Prag über, wo er ein lustiges Leben führte, sich dem Trunk und dem Spiel und anderen Ausschweifungen ergab und in Schulden gerieth. Alle Versuche, unter den Gatten ein Zusammenleben herbeizuführen, mißlangen. Der Schwager ihres Mannes, Kurfürst von der Pfalz, versuchte vergeblich, die Prinzessin zu bestimmen, nach Florenz überzusiedeln, was auch den Wünschen des alten Großherzogs entspach, wie den[en] ihres Gemahls. Sie blieb in Reichstadt, auch dann noch, als Johann Gaston nach dem plötzlich erfolgten Tode seines Bruders, des Erbprinzen Ferdinand Ende Oktober 1713 zum Erbprinzen avancierte. Im Jahre 1723 starb sein Vater, Großherzog Cosmo und nun übernahm Johann Gaston die Regierung von Toscana. Wie behauptet wird, wäre die nunmehrige Großherzogin jetzt gerne nach Florenz gegangen, aber ihr Gemahl wollte nichts mehr von ihr wissen; er hatte verlernt, sie zu entbehren. Sie hat sich darein gefunden und auf ihren Besitzungen noch lange wohltätig gelebt und gewirkt, bis am 15. Oktober 1741 der Tod sie von dem Erdenleben erlöste. Ihr Gemahl starb bereits nach einem zügellosen Leben am 9. Juli 1737. Mit ihm und seiner Schwester, der Kurfürstin von der Pfalz, starb das einst so berühmte Haus der Medicäer aus.

W. D.

 

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