Jahresband 1904

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

Zum Gedächtnis des letzten amtlichen
Lauenburgischen Erblandmarschalls.

[Pastor Arndt.]

Der am 28. Dezember 1898 ganz plötzlich in Folge eines Gehirnschlages aus dem Leben geschiedene Erblandmarschall Friedrich Gottlieb von Bülow hat es wohl verdient, daß ihm auch im „Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogtums Lauenburg“ ein Denkmal gesetzt wird. Hat er doch diesen Verein mit gegründet und allezeit sich warm für ihn interessiert! Und das nicht allein: während der für Lauenburg so wichtigen Ereignisse der 60er und 70er Jahre des verflossenen Jahrhunderts hat er, vermöge seiner Stellung als „Erblandmarschall“, das heißt als geborener Vorsitzender der „Lauenburgischen Ritter- und Landschaft“ eine so bedeutsame Rolle gespielt, daß man ihn wohl den geschichtlichen Persönlichkeiten Lauenburgs zuzählen kann.

Er war geboren in Gudow am 9. Oktober 1831 als Sohn des Landmarschalls, Landrats, Kammerherrn, Danebrog- und Johanniter-Ritters, Konsistorial-Assessors Adolph Gottlieb von Bülow und seiner Gemahlin Sophie Dorothea Wilhelmine Amalie geborener Gräfin von Jagow. Als er 10 Jahre alt war, verlor er den Vater, und im Alter von 16 Jahren auch die Mutter. Das mag wohl auch mit ein Grund gewesen sein, warum er später seinen eigenen 5 Kindern ein so liebevoller, fast zärtlich zu nennender Vater war. Als am 20. Dezember 1857 die 3 Brüder Detlev, Fritz und Otto nach den Hausgesetzen des Fideikommisses Gudow loosten, fiel der Besitz ihm, dem mittleren, zu. Seinen Geschwistern und deren Kindern hat er stets die Türe zum Vaterhause weit offen gehalten, und darin war mit ihm eines Sinnes seine Gemahlin Amélie Friederike Julie Auguste geb. von Oertzen aus dem Hause Lübbersdorf in Meckl.-Strelitz, mit der er sich verehelichte am

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29. Dezember 1859. Das Fest der silbernen Hochzeit, das die beiden im Jahre 1884 feierten, zu dem äußerst zahlreich die Verwandten und Freunde von nah und fern sich einstellten, an dem auch die Bevölkerung der Umgegend sich lebhaft und fröhlich beteiligte, legte Zeugnis ab von der Liebe und Verehrung, die sie sich erworben hatten. Das kam wieder zum Ausdruck, als die Leiche der in Baden-Baden am 30. Mai 1893 gestorbenen Frau Erblandmarschall von Bülow zu nächtlicher Stunde eingeholt wurde, und als sie beerdigt wurde; und wieder, als er selbst die Augen geschlossen hatte. Sein jüngster Sohn, dem wiederum durch das Loos das Gut Gudow zugefallen ist, hat außer diesem schönen Besitz ein reiches, von den Eltern erworbenes Kapital von Liebe und Anhänglichkeit der Bevölkerung zu seinem Hause geerbt.

Der Erblandmarschall Friedrich Gottlieb von Bülow war äußerlich und innerlich ein vornehmer Mann, ein Adeliger nicht nur von Geburt, sondern auch von Gesinnung. Für Humor und Scherz war er sehr zugänglich, aber schwerlich wird jemand je ein unfeines Wort aus seinem Munde gehört haben. – Er liebte sehr sein engeres Vaterland Lauenburg, und ebenso war er ein entschiedener Christ und ein treuer Sohn der lutherischen Kirche. Um an letzteres anzuknüpfen: bis zu seinem Tode stand auf seinem Schreibtisch eine kleine Luther-Figur; als es sich drum handelte, nach Aufhebung des lauenburgischen Konsistoriums die Synodal-Ordnung einzuführen, da hat er redlich das Seine getan, um der lutherischen Landeskirche Lauenburgs ihre Sonderstellung auch im Bekenntnis zu wahren.

Gewissenhaftigkeit und Pflicht-Treue zeichneten ihn in hohem Grade aus. Wie viele tausend Male mag er wohl von Gudow nach Ratzeburg gefahren sein, um dort seiner Ämter zu warten! Und wenn es sich da um Großes handelte, so war er auch im Kleinen gewissen-

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haft und pflichttreu. Es war nur ein kleines Amt, dasjenige eines Kirchen-Ältesten. Aber wie manches Blatt der Protokollbücher der Kirche zu Gudow zeigt seine Protokoll-führende Handschrift! – Weil er so gewissenhaft und pflichttreu war, drum übertrug ihm das öffentliche Vertrauen neben den Ämtern, die ihm von Rechtswegen zukamen, noch manches andre Amt. Im Jahre 1869 wählte Lauenburg ihn zu seinem Abgeordneten zur ersten Legislatur-Periode des Reichstages des Norddeutschen Bundes. Später, als es mit seinem Vorsitz in der Ritter- und landschaft, weil mit letzterer selbst, vorbei war, verschmähte er es nicht, seinem Lande als Kreis-Deputierter zu dienen. Der Kreis-Synode hat er angehört, auch dem Kreis-Synodal-Ausschuß.

Wie seine Gewissenhaftigkeit und Einsicht ihn zur Verwaltung so mancher Ämter tüchtig machte, so machte sie ihm doch auch manches schwer. Wenn er zuweilen den Eindruck der Unentschlossenheit machte, so kam das von seiner Gewissenhaftigkeit her, die ihn reiflich zu prüfen zwang. „Ich will mir’s überlegen“, das war ein oft von ihm zu hörendes Wort. Er war kein Freund davon, bewährtes Altes umzustürzen, nur um für unerprobtes Neues Platz zu machen. In einer stürmisch vorwärtsdrängenden Zeit erachtete er es für seine Pflicht, zu bremsen. Das Dichter-Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, war in ihm zu Fleisch und Blut geworden, besonders wo es sich handelte um die Rechte und Sitten und Gebräuche, um den Bestand seines lieben Lauenburg. Als unser Land aufgehört hatte, der dänischen Krone anzugehören, da war er berufen in erster Stelle, die Verhandlungen mit der preußischen Regierung wegen der Inkorporation zu führen. Es ist ihm schwer geworden, daß seine von seinen Vorfahren ererbte amtliche Stellung von den Fluten der Zeit weggeschwemmt wurde. Aber er hat nicht für sich und sein Haus ge-

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sorgt, weil er nach seiner Gewissenhaftigkeit und Pflicht-Treue nur an Lauenburg dachte. Vielleich hätte er für sich und sein Haus damals einige Vorteile erlangen können, wenn er gewollt hätte. Aber er hat nicht einmal dafür gesorgt, daß der Titel „Erblandmarschall“ bei seinem Hause verblieb. Derselbe wird jetzt nicht mehr ererbt, sondern nur noch verliehen und zwar nach vorherigem Ersuchen.

Durch die Verleihung hoher Orden hat auch die preußische Regierung die Verdienste dieses Mannes anerkannt; er besaß den Roten Adler-Orden II. Klasse mit dem Stern, den Kronen-Orden II. Klasse mit dem Stern und das Ehrenritterkreuz des Johanniterordens. Seit dem Jahre 1885 war er auch durch Königliches Vertrauen Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit.

Daß Lauenburg ihm ein dankbares Gedächtnis bewahre, das ist es ihm schuldig.

P. ARNDT-Gudow.

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