Jahresband 1904

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


FRANZ ALBRECHT VON SACHSEN-LAUENBURG.

Ein Abenteurerleben aus dem dreißigjährigen Kriege.

Von Dr. Siegfried Fitte in BERLIN.

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Von dem „Pagen Gustav Adolfs“ weiß die geschichtliche Überlieferung nicht mehr als den Namen und die Tatsache, daß er auf dem Schlachtfelde von Lützen neben seinem königlichen Herrn gleichfalls eine tödliche Wunde empfing und ein paar Tage darauf in Naumburg a. S. starb. Noch heute ist dort in der Wenzelskirche sein Grabmal mit einer schönen Inschrift zu sehen. Aber diese dürftigen Fäden genügten Conrad Ferdinand Meyer, um daraus in seiner bekannten Novelle ein reiches und farbenprächtiges Gewebe herzustellen. Dieser August Leubelfing, den die kühne Phantasie des Dichters in eine übermütig lustige und zugleich schwärmerisch hingebende Auguste verwandelt hat, atmet in vollen Zügen die abenteuerliche Luft des dreißigjährigen Krieges. Ebenso ungeschichtlich, doch von packender Wahrheit ist das nächtliche Zwiegespräch zwischen Gustav Adolf und Wallenstein im Lager vor Nürnberg. Noch eine vierte Persönlichkeit der Geschichte, wenn es überhaupt gestattet ist, den bescheidenen Pagen als solche zu betrachten, ragt in die stark bewegte Handlung hinein: Neben dem Könige, der Verkörperung alles Edlen und Lichten, der „freche Sünder“ mit den rollenden Augen und dem dämonischen Lächeln, durch dessen verräterische Kugel der Held im Nebel des Schlachttages seinen Tod findet. Der sterbende Page erzählt es mit irren Worten dem entsetzt aufhorchenden Pfarrer von Meuchen. Für die

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Zwecke des Dichters ist dieser Ausgang, die ganze düstere Charakterschilderung des Lauenburgers unentbehrlich. Einer ernsthaften Kritik kann die furchtbare Anklage, die von Schriftstellern des 17. und 18. Jahrhunderts gegen den Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg erhoben wurde, nicht standhalten. Trotzdem trägt auch sein geschichtliches Bild, so weit es sich nach dem bisherigen Stande der Forschung entwerfen läßt, keineswegs klare und lautere Züge. Unter den vielen unerfreulichen Erscheinungen, die der Jammer des großen deutschen Krieges hervorbrachte, ist er eine der unerfreulichsten. Er besaß weder sittliche noch geistige Größe, auch an Schlachtenruhm ist sein wechselvolles Kriegerleben arm. Aber eine merkwürdige Fügung des Geschickes hat ihn in entscheidenden Augenblicken nicht nur dem großen Schwedenkönig, sondern auch dem gewaltigen Friedländer an die Seite gestellt. Er sah Gustav Adolf bei Lützen fallen, und in die Umtriebe Wallensteins war er so tief verwickelt, daß er nur mit knapper Not sich selber rettete, als das Verderben über jenen hereinbrach.

Auf Franz Albrecht mußte das glänzende Emporsteigen Wallensteins eine besondere Anziehungskraft ausüben. Auch er war darauf angewiesen, selber seines Glückes Schmied zu werden. Der Unterschied zwischen dem böhmischen Edelmann und dem jüngeren Sohn eines kleinen deutschen Fürstenhauses war an sich garnicht so groß. Herzog Franz II. hatte aus zwei Ehen neunzehn Kinder; von zwölf Söhnen überlebten ihn neun, die nicht alle zu Hause standesgemäß versorgt werden konnten. Als der Vater starb, sahen die Brüder von einer Erbteilung ab und überließen dem ältesten, August, die Alleinregierung des Ländchens; die anderen begnügten sich, abgesehen von dem nächstälteren, Franz Julius, der einen kleinen Güterbesitz erhielt, mit der bescheidenen Jahresrente von 2500 Thalern. Für die dürftigen Verhältnisse des herzoglichen Hofhaltes ist es

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sehr bezeichnend, daß sie sich ausdrücklich verpflichten mußten, bei gelegentlichen Besuchen höchstens ein Gefolge von zwölf Personen mitzubringen und auch nie länger als acht Tage zu bleiben. So waren sie gewissermaßen aus der Heimat ausgestoßen. Nur Joachim Sigismund blieb auf dem Witwensitz der Mutter wohnen und ist dort in noch jungen Jahren gestorben. Von den anderen Brüdern waren die meisten freilich schon vor dem Tode des Vaters in die Fremde gegangen, um ihr Glück zu suchen. Für den besitzlosen hohen und niederen Adel Deutschlands galt damals der Kriegsdienst als einzig angemessene Beschäftigung. Es war ein Handwerk, das seinen Mann ernährte, bei dem höhere Rücksichten, religiöse oder politische Bedenken wenig in Frage kamen. Protestanten in katholischen Diensten gehörten nicht zu den Seltenheiten, zumal da die führende Macht des Katholicismus seit Jahrhunderten auch die Kaiserkrone trug und deren verblichener Glanz den Kleinen im Reich immer noch etwas wie Scheu und Ehrfurcht einflößte. Die Lauenburgischen Prinzen hatten keine kaiserfeindlichen Überlieferungen zu pflegen wie die jungen Wettiner, die fast zu derselben Zeit in Thüringen heranwuchsen und kaum flügge geworden, fast sämtlich hinauszogen, um an dem Hause Habsburg das Andenken ihres Ahnherrn Johann Friedrich zu rächen. Der Geist eines Bernhard von Weimar war an dem Askanierhof an der unteren Elbe nicht lebendig. Franz I. hatte im Schmakaldischen Kriege für Karl V. Truppen geworben, Franz II. trotz seines strengen Luthertums sogar unter Alba in den Niederlanden gedient und später in Ungarn gegen die Türken gekämpft. So konnte auch seinen Söhnen der Gedanke, ihre Dienste den Habsburgern anzubieten, nicht fern liegen, und zuletzt haben sie fast alle, der eine früher, der andere später, den Anschluß an den Kaiserhof gefunden. Der einzige, der dauernd der evangelischen Sache und den schwedischen Waffen treu

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blieb, war der jüngste, Franz Heinrich. Franz Albrecht, der achte von den Brüdern, war am 31. Oktober 1598 geboren. Über seine Jugendzeit ist wenig bekannt. Nicht einmal sein Aufenthalt in Schweden, am Hofe des ihm weitläufig verwandten Gustav Adolf, steht sicher fest. Und doch bildet dieser Aufenthalt ein wichtiges, fast unentbehrliches Glied in der Kette, die seine Ankläger gegen ihn geschmiedet haben. Wie auch Schiller seinem Gewährsmann Mauvillon nacherzählt, hätte sich der Prinz einmal im Zimmer der Königin-Mutter eine Frechheit erlaubt und dafür von dem heißblütigen jungen König eine Ohrfeige bekommen. Der gutmütige Jüngling bereut freilich sofort, was er getan, bietet dem Beleidigten völlige Genugtuung an, und es wäre zum Duell gekommen, wenn nicht Oxenstierna das verhindert hätte. Höchstwahrscheinlich ist Franz Albrecht hier mit seinem älteren Bruder Julius Heinrich verwechselt worden, der sich tatsächlich einige Zeit in Schweden aufhielt, und wie aus einer Tagebuchmeldung vom Mai 1613 hervorgeht, mit dem König ein Duell hatte. Die Geschichte von der königlichen Ohrfeige hatte aber zu großen Reiz, als daß spätere Schriftsteller, die den jüngeren Lauenburger durchaus zum Mörder Gustav Adolf machen wollten, auf sie verzichten mochten: Ein großmütiger, rasch zu jeder Sühne bereiter König – welch’ leuchtender Gegensatz zu dem hinterlistigen Prinzen, der das Gefühl unversöhnlicher Feindschaft zwanzig Jahre mit sich herumträgt, bis endlich auf dem Felde von Lützen der Tag der Rache gekommen ist.

Wie der Jugendaufenthalt Franz Albrechts in Stockholm sich nicht bestimmt nachweisen läßt, so sind auch die Anfänge seiner kriegerischen Laufbahn in Dunkel gehüllt. Vielleich hat ihn sein um vier Jahre älterer Bruder Franz Karl, der schon in Italien unter Mansfeld gedient hatte und diesem Söldnerführer dann nach Böhmen gefolgt war, bewogen, sich dort ebenfalls

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an dem Kampfe gegen das Haus Habsburg zu beteiligen. Der bekannte Führer des Prager Aufstandes, Heinrich Matthias von Thurn, erzählt später einaml, daß der Herzog unter seiner Leibkompagnie geritten und hernach eine Hauptmannschaft bekommen habe. Lange aber blieb Franz Albrecht nicht im böhmischen Lager. Der Tod seines Vater (Juli 1619) rief ihn nach Hause zurück, und dann hören wir für einige Zeit nichts von ihm. Erst im Jahre 1621 wird er wieder erwähnt; aber aus dem böhmischen Hauptmann ist jetzt ein kaiserlicher Oberstleutnant geworden. Als solcher erhielt er die Führung eines Kürassierregiments, das sein Bruder Julius Heinrich geworben hatte. *) Dieser hat ihn vermutlich auch zu einem Parteiwechsel bestimmt. Julius Heinrich, der einst in Schweden sein Glück versucht hatte, stand jetzt bei Ferdinand II. in besonderer Gunst. Schon im Venetianischen Kriege, jenem Kriege, der Wallensteins Namen zuerst bekannt machte, hatte er für ihn gekämpft, auch beim Beginn der böhmischen Unruhen ein Infanterieregiment errichtet und empfahl sich überdies, da er zum Katholicismus übergetreten war, durch seinen frommen Eifer. So mochte es ihm nicht schwer sein, seinen Brüdern am Wiener Hofe die Wege zu ebnen. Aber nicht einer von diesen lauenburgischen Prinzen hat es zu einer hervorragenden Stellung gebracht. Neben den vielen glänzenden Gestalten, die uns aus Wallensteins Lager bekannt sind, nehmen sie sich trotz einzelner Beweise persönlicher Tapferkeit sehr bescheiden aus. Auch Franz Albrechts kriegerische Anfänge waren nicht von Erfolg begünstigt. Im Sommer 1622 wurde er mit seinem Regiment zu Tilly nach der Pfalz geschickt; ein Jahr später kämpfte er in Niedersachsen gegen Christian von Braunschweig, den ritterlichen Verteidiger der böhmischen Winterkönigin, und erlitt in der
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*) Siehe Archiv f. Lauenb. Geschichte etc. 1890 p. 8.

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Nähe von Göttingen eine empfindliche Niederlage. – Bis dahin war er immer nur Stellvertreter seines Bruders gewesen. Als jetzt aber Wallenstein, zum „Capo über alles kaiserliche Volk“ ernannt, seinen Werberuf durch die Lande ergehen ließ, nahm er selbständig ein Oberstenpatent für ein Reiterregiment an. *) Bei der Musterung, die in Eger stattfand, wurden die „überaus schönen Reiter“ besonders gelobt. Sie kämpften auch in der Schlacht an der Dessauer Elbbrücke rühmlich mit, während ihr Führer inzwischen mit neuen Werbungen in Süddeutschland beschäftigt war. Dagegen beteiligte er sich an der Verfolgung des besiegten Mansfeld nach Schlesien und Mähren und an dem Kampfe gegen Bethlen Gabor in Ungarn. Als das Heer in Schlesien die Winterquartiere bezog, wurden ihm selbst für die drei Regimenter, die er jetzt unter seinem Befehl vereinigte, die Fürstentümer Schweidnitz und Jauer zugewiesen. Das war sehr gegen die Wünsche des Kaisers, der diese Gebiete erst kurz vorher seinem Sohne abgetreten hatte und sie deshalb von der Last der Einquartierung verschont wissen wollte. Was aber vermochte eine Forderung oder Bitte des Kaisers gegenüber dem allmächtigen Willen seines Generals! Auch Franz Albrecht stand ganz unter dem Banne des Gewaltigen und äußerte sich höchst verächtlich über die kaiserliche Majestät. „Ich getröste mich, daß der General itzo soviel ist, als der Kaiser selbst“ schrieb er an seinen Oberstleutnant. Umsonst waren alle Beschwerden der Stände, alle Briefe aus Wien. Die Lauenburgischen Regimenter blieben im Lande, und der geborene Reichsfürst bereicherte sich auf Kosten der armen Untertanen ebenso rücksichtslos wie die anderen Offiziere. Als die Bunzlauer ihm die 200 Reichsthaler, die er wöchentlich für seine Tafel beanspruchte, nicht regelmäßig zahlten,
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*) Siehe Archiv 1890 p. 13.

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drohte er, eine Kompagnie in die Stadt zu legen, und die Stände erinnerte er einmal mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit an den „Kredit“, den er bei dem General genieße: „Der werde ihnen wohl seinetwegen andern burla (Scherz, Spaß) machen“. Bürgerlichen Obersten gegenüber brüstete sich Franz Albrecht bisweilen mit seiner hohen Abkunft; den böhmischen Emporkommling, der binnen wenigen Jahren Herzog und Reichsfürst geworden war, betrachtete der kleine, länderlose Prinz ganz als seinesgleichen und rechnete sich seine Freundschaft zur Ehre an. Die erbitterten Schweden nannten ihn später eine „Kreatur Wallensteins“, er galt als einflußreich, so daß die vertriebenen Herzöge von Mecklenburg seine Fürsprache erbaten. Aber jenes Gefühl kameradschaftlicher Zuneigung, das er Arnim entgegenbrachte, konnte Wallenstein für den Lauenburger nicht empfinden. Der geschmeidige Mann, der sich in alle Verhältnisse zu schicken wußte und diplomatische Gewandtheit besaß, war ihm wohl nur ein brauchbares Werkzeug.

Nachdem Franz Albrecht noch an den Feldzügen in Schleswig-Holstein und Pommern teilgenommen hatte, stieß er im Sommer 1629 mit zwei Regimentern zu den Heerhaufen, die unter der Führung Colaltos und Aldringens nach Italien marschierten, um den von Frankreich begünstigten Herzog von Nevers aus Mantua zu vertreiben. Mit seinen neuen Vorgesetzten konnte er sich nicht recht vertragen. Es kam zu manchen Mißhelligkeiten. Einmal zog er sich von Aldringen eine scharfe Rüge zu. Sein reichsfürstlicher Stolz empörte sich dagegen. Er wolle sehen, soll er geäußert haben, ob der Kaiser auf den Sohn eines luxemburgischen Bauern – damit war Aldringen gemeint – mehr Rücksicht nehmen würde als auf ihn, den Prinzen aus altem Hause; wenn das geschähe, könne er ihm nicht länger dienen. So ist es nicht unmöglich, daß ihm schon damals

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der kaiserliche Kriegsdienst verleidet wurde, trotzdem er nach der Eroberung Mantuas *) vom Wiener Hofkriegsrat ein Dankschreiben erhalten hatte. Als er nach Beendigung des Mantuanischen Erbfolgekrieges (April 1631) nach Deutschland zurückkehrte, fand er die allgemeine Lage gründlich verändert. Gustav Adolf war in Pommern gelandet, und Wallenstein hatte dem Hasse seiner Gegner weichen müssen. Ein Teil seines Heeres war entlassen, der größere unter den Oberbefehl Tillys getreten. Auch die beiden Regimenter Franz Albrechts kämpften in der unglücklichen Schlacht bei Breitenfeld mit; er selbst scheint daran nicht teilgenommen zu haben. Gerade aus dieser Zeit liegen wieder keine Nachrichten über ihn vor. Anfangs Dezember aber bat er, wie aus den Akten des Hofkriegsrates zu ersehen ist, um seine Entlassung und erhielt sie zehn Tage darauf mit der gleichzeitigen Ernennung zum Oberstfeldwachtmeister. **) Also ein Abschied in vollen Ehren. Weshalb aber verließ er die Dienste des Kaisers? Wenn später davon die Rede war, soll er außer Aldringen auch den Kurfürsten Maximilian von Bayern als denjenigen bezeichnet haben, mit dem „er sich nicht hätte stehen können“. Näheres ist darüber nicht bekannt. Nur spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß dieser einflußreiche und bei dem Sturze Wallensteins an erster Stelle beteiligte Fürst einem besonderen Günstling des verhaßten Friedländers kein großes Wohlwollen entgegenbrachte. Einige Schriftsteller behaupten, Franz Albrecht sei entrüstet gewesen, weil der Kaiser das ihm einst überwiesene holsteinische Amt Hadersleben nach dem Frieden von Lübeck mit allen anderen Eroberungen dem

*) Bei der Eroberung der Stadt fiel das berühmte „Mantuanische“ Onyxgefäß in seine Hände, das später durch Erbschaft nach Braunschweig gelangte und noch heute im dortigen Museum zu sehen ist. Vergleiche Archiv 1890 p. 48.
**) Siehe Archiv 1900, p. 23.


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König von Dänemark zurückgegeben und ihm selbst keinen Ersatz dafür geleistet hätte. Aber auch das läßt sich nicht sicher nachweisen. Immerhin könnte er sich andern Offizieren gegenüber, die freigebig mit Gütern und Ehrenstellen belohnt worden waren, leicht zurückgesetzt gefühlt und deshalb wie ein enttäuschter Glücksritter seinem herrn den Dienst aufgekündigt haben. Ein völliger Bruch mit dem kaiserlichen Hofe war es noch nicht. Was er als Soldat nicht erreicht hatte, hoffte er als Diplomat zu gewinnen. Doch war es nicht eigentlich kaiserliche, sondern wallenstein’sche Politik, die er jetzt trieb.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland hatte er die Beziehungen zu seinem ehemaligen Generalissimus wieder aufgenommen. Spätestens im Laufe des Dezember (1631) muß er bei ihm gewesen sein. Damals hatte Wallenstein vor den anrückenden Sachsen Prag verlassen und sich auf seine entfernter liegenden Güter zurückgezogen. Unter dem Schutze der Sachsen erschien auch der alte Emigrantenführer Thurn in der böhmischen Hauptstadt und traf hier mit Franz Albrecht zusammen. Dieser kam eben von einem Besuche bei Wallenstein zurück und verstand die boshafte Laune des Gewaltigen gegen die Jesuiten und den allmächtigen Beichtvater Lamormain sehr ergötzlich zu schilder. Als er aber erzählte, daß er selbst aus kaiserlichen Diensten ausgeschieden sei, deuchte das mich sonst etwas leichtgläubigen Böhmen höchst wunderlich. Denn er wußte, welch’ „absonderliche Liebe und Vertrauen“ allezeit zwischen den beiden Herzogen gewesen war, und konnte sich darum nicht denken, daß der Lauenburger gerade in diesem Augenblick, wo Wallenstein zum zweiten Male das Generalat übernommen hatte, seine Sache von der des Freundes trennen sollte. Und er war, wie er an Gustav Adolf schrieb, fest davon überzeugt, daß die von jenem geplante Reise nach Desden „mit Friedensabsichten

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zusammenhänge“. – Thurn hatte richtig geraten. Franz Albrecht, der schon in früheren Zeiten von Wallenstein gern zu diplomatischen Sendungen benutzt worden war, fand sich auch jetzt bereit, seinem Herrn und Meister Botendienste zu leisten.

Der Friedländer hatte die Bitten des geängstigten Kaisers endlich erhört. Ein großes Zugeständnis war es schon, als er versprach, seinen Einfluß auf seinen früheren Feldmarschall Arnim, der damals die sächsischen Truppen befehligte, zu benutzen, um den Kurfürsten Johann Georg von dem Bündnis mit Schweden abzuziehen. Dieser Gedanke, einen Sonderfrieden mit Sachsen zustande zu bringen, blieb auch der leitende Gesichtspunkt seiner Politik, nachdem er, zuerst nur auf drei Monate, dann im April 1632 endgültig den Oberbefehl über das neuausgerüstete kaiserliche Heer übernommen hatte. Für die Verhandlungen mit Sachsen ist nun auch Franz Albrecht tätig gewesen. Anfang Januar traf er am Dresdener Hofe ein, von dem klugen schwedischen Residenten Laurentius Nicolai mit starkem Argwohn überwacht. Es fiel auf, daß er mit dem Kurfürsten stundenlange geheime Unterredungen hatte, daß dessen Stimmung verändert schien. Umsonst suchte Arnim dem Schweden seinen Verdacht auszureden; er beteuerte, daß der Herzog garnichts mehr mit dem Kaiser zu tun habe. Das aber war eine offenbare Unwahrheit oder wenigstens Sophisterei, da Wallenstein damals schon durchaus wieder im Einverständnis mit dem Kaiser handelte. Und daß der Lauenburger im Auftrage Wallensteins gekommen sei, wußte Arnim ganz genau aus einem Briefe seines Herrn. Den Schweden ist es nicht zu verargen, daß dieser Fürst, den sie als Werkzeug des Friedländers betrachteten, dazu bestimmt, zwischen ihnen und den Sachsen Mißtrauen zu säen, ihnen heftige Abneigung einflößte. Beinahe wäre es Franz Albrecht recht schlecht ergangen, als er ein paar

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Monate später, Anfang Mai, sich zu Besuch am Berliner Hofe aufhielt. Der schwedische Resident Joachim Transehe hatte sich schon mit dem ebenfalls schwedischen Kommandanten von Spandau ins Einvernehmen gesetzt, um den Herzog heimlich aufzuheben. Da trat ein eigentümlicher Umschwung ein: Der Freund Wallensteins verwandelte sich wie im Handumdrehen in einen Anhänger Schwedens. So wenigstens stellt es Joachim Transehe in seinem Bericht an Gustav Adolf dar. Eines Tages läßt ihn die Kurfürstin-Witwe von der Pfalz, die Mutter des Winterkönigs, die nach dem Zusammenbruch der Heidelberger Herrlichkeit bei ihrer Tochter in Berlin Unterkunft gefunden hatte, zu sich bitten. In ihrem Gemach trifft er den Lauenburger an. Ein lebhaftes Gespräch entspinnt sich über die Kriegführung des sächsischen Kurfürsten. Franz Albrecht behauptet, daß dieser sich eine Zeitlang viele Mühe gegeben, ihn für seine Dienste zu gewinnen und ihm sogar Arnims Stelle angeboten habe; er läßt dabei durchblicken, daß er selbst dem Kaiser keine „Affektion“ mehr entgegenbringe. Diese Wendung benutzt Transehe, um dem Herzog eindringlich zu Gemüte zu führen, wie schlecht der Kaiser, der andere Personen geringeren Standes und Verdienstes so hoch emporgehoben, seine Treue bisher gelohnt und ihm nicht einen Fuß breit Landes geschenkt hätte, wie unverkennbar das Streben des Hauses Österreich schon immer darauf gerichtet gewesen sei, alle alten Fürstenhäuser in Deutschland zu beseitigen. Weit ratsamer ware es, zu dem König von Schweden zu ziehen, der den kriegserfahrenen, noch jungen und entschlossenen Fürsten sicherlich mit offenen Armen aufnehmen würde. Die Überredungskunst des Diplomaten feiert einen glänzenden Triumph. Der Herzog ist sofort entschlossen seine Dienste Gustav Adolf anzubieten und erwirkt sich für seinen Vertrauten, einen früheren Rittmeister seines Regiments, einen Paß ins schwedische Lager. Ganz so

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rasch wird freilich diese Sinnesänderung nicht vor sich gegangen sein. Schon zwei Monate früher hatte er unter der Hand den schwedischen Residenten in Nürnberg wissen lassen, daß er beabsichtige, sich zum Könige zu begeben: denn er habe eingesehen, daß die Friedensverhandlungen, für die ihn der Kaiser gebraucht hätte, nur darauf hinzielten, Zeit zu gewinnen und die beiden evangelischen Kurfürsten ihrem großen Verbündeten zu entfremden. – Es ist unmöglich, diese Äußerungen auf ihren wahren Gehalt zu prüfen. Der Übertritt Franz Albrechts behält etwas Rätselhaftes und überrascht umso mehr, als gerade damals unter dem neuen Generalat Wallensteins sich ihm im kaiserlichen Heere gute Aussichten zu bieten schienen. Vielleicht haben andere Einflüsse auf den schwankenden, leichtbeweglichen Sinn des Herzogs eingewirkt. In dem Bericht Transehes tritt die Person der Kurfürstin von der Pfalz stark in den Vordergrund. Diese Oranierin, eine Tochter des großen Schweigers, war eine eifrige Vorkämpferin des Protestantismus und mag an der Bekehrung des Lauenburgers auch ihren Anteil gehabt haben.

Für Franz Albrecht war später, als er nach dem Untergang Wallensteins vor das kaiserliche Gericht gezogen wurde, diese kurze schwedische Episode sehr unbequem. Er suchte ihr eine möglichst harmlose Deutung zu geben, indem er erklärte, daß er von Gustav Adolf weiter nichts als einen Paß für eine Reise ins Ausland habe erlangen wollen, und da dieser seine persönliche Bewerbung gefordert, sei er notgedrungen zu ihm ins Lager gegangen, hätte dann dort bleiben müssen und auch bei Lützen nicht „mit Reputation wegziehen“ können. Im Allgemeinen bestätigt der gleichfalls verhörte Rittmeister Henning, derselbe, dem Traesche in Berlin den Paß ausgestellt hatte, die Angabe seines Herrn. Er fügt noch hinzu, daß der König sich über den Herzog sehr freundlich ausgesprochen habe: bis

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dahin hätte er keinen ärgeren Feind gehabt; wenn er aber jetzt als Freund zu ihm komme, würde er ihn gern bei sich sehen und ihm den Paß bewilligen. – Daß die Geschichte von dem Paß für Franz Albrecht nur ein Vorwand war, um seinen Aufenthalt bei den Schweden vor den kaiserlichen Anklägern zu rechtfertigen, versteht sich von selbst. Dennoch läßt sich die Tatsache nicht bestreiten, daß er keineswegs in aller Form in die Dienste des Königs eingetreten ist, sondern der Schlacht von Lützen nur als eine Art Freiwilliger beigewohnt hat. Erst kurz vorher, Ende Oktober, war er in Königshofen mit Gustav Adolf zusammengetroffen. Weshalb das erst so spät geschah, weshalb er ein halbes Jahr verstreichen ließ, ehe er seinen Vorsatz ausführte, erfahren wir nicht. Höchstwahrscheinlich aber fand sich dann nicht mehr die Zeit, ihm eine bestimmte Stellung im schwedischen Heere zuzuweisen.

Die Freundlichkeit, mit der Gustav Adolf dem Lauenburger entgegenkam, bedarf einer Erklärung. War es allein die Freude des frommen Christen über den Sünder, der Buße tut? Der Dichter, der freilich von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht, für den Franz Albrecht schon vor der Schlacht ein von Henkershand gebrandmarkter Frevler ist, stellt es in seiner Novelle so dar. Für den Retter des Protestantismus mag es wirklich eine Genugtuung gewesen sein, einen Prinzen aus altevangelischem Hause, der zehn Jahre lang den katholischen Habsburgern gedient hatte, für seine Sache gewonnen zu haben. Aber wer weiß, ob der Herzog ihm nicht auch deshalb willkommen war, weil er als früherer Vertrauter Wallensteins in dessen geheime Pläne eingeweiht schien? Nach dem Siege bei Breitenfeld hatte der König zwar die Verhandlungen mit dem Friedländer, die niemals über die ersten Anfänge hinaus gediehen waren, nicht weiter fortgesetzt. Als er sich aber bei Nürnberg „die Hörner blutig gestoßen hatte“,

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kam er wieder darauf zurück. Und jetzt war er es, der dem feindlichen Generalissimus die Hand entgegenstreckte und abgewiesen wurde. Trotzdem scheinen ihn diese Gedanken noch kurz vor seinem Tode beschäftigt zu haben. Noch acht oder neun Tage vorher hätte er sich, wie Franz Albrecht erzählt, mit ihm darüber unterhalten, ob es nicht ein Mittel gebe, Wallenstein dahin zu bringen, „wegen des beschehenen Torto“ – jener ersten Absetzung von Regensburg – „seine Revange zu suchen.“ Wenn auch die Aussagen des Lauenburgers nicht immer zuverlässig sind, so ist es doch nicht unmöglich, daß der gewandte Mann, der schon zwischen Wallenstein und den Sachsen den Vermittler gespielt hatte, auch von Gustav Adolf für eine ähnliche Rolle ausersehen war.

Darüber kam der Tag von Lützen heran; die beiden größten Feldherrn ihrer Zeit standen sich zum zweiten Male gegenüber. In einer durch Gräben und Schanzen stark geschützten Stellung ertwartet Wallenstein den Angriff des stürmischen Gegners. Gegen den linken Flügel der Kaiserlichen führt Gustav Adolf persönlich seine Regimenter. Schon ist Pappenheim tödlich verwundet, da trifft auch den König das Verhängnis. Kurzsichtig, wie er ist, und durch den dichten Nebel, der sich plötzlich über die Ebene senkt, getäuscht, wagt er sich zu nahe an die feindliche Schlachtreihe heran und wird mit einem kleinen Gefolge abgeschnitten. Eine Kugel zerschmettert ihm den linken Arm, sein Pferd wird am Halse verwundet. Er bittet den Lauenburger, der sich bei ihm befindet, ihn aus dem Gedränge fortzuschaffen. Der Herzog versucht es und führt das Roß des Königs am Zügel, bis dieser einen neuen Schuß im Rücken erhält und seinem Begleiter in die Arme sinkt. Ein paar kaiserliche Reiter sprengen herbei, und nun läßt Franz Albrecht, selbst in Todesgefahr und leicht an der Wange verletzt, den hilflosen Körper fallen

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und rettet sich schleunigst vom Schlachtfeld geradeswegs nach Weißenfels. Der Sterbende bleibt am Boden liegen; seine Page Leubelfing, vielleicht noch unterstützt von einem Reitknecht, will ihm aufhelfen. Die Feinde schießen beide nieder und jagen auch noch dem Könige eine Kugel durch die Schläfe. Dann aber dringt die schwedische Reiterei von neuem vor, und um die inzwischen schon geplünderte Leiche entbrennt der letzte mörderische Kampf.

So etwa kann der Hergang gewesen sein. Es gibt ziemlich viele Berichte über die Schlacht von Lützen. Doch sie sind unzureichend und widersprechen in wichtigen Einzelheiten einander so sehr, daß ein völlig klares Bild sich nicht gewinnen läßt. Von Franz Albrecht selbst ist nur eine Bemerkung aus seinem Tagebuch erhalten: „Ihro Majestät der König in Schweden ist mir damals im Arm erschossen worden.“ Besonders wertvoll ist die Schlachtschilderung in den sogenannten Memoiren des Kardinals Richelieu. Sie beruht, wie durch die Untersuchungen Diemars neuerdings festgestellt worden ist, auf dem Bericht des französischen Kammerjunkers Truchseß, der an dem Unglückstage zu der Umgebung des Königs gehörte, seine Verwundung mit ansah, aber nicht mehr zu ihm dringen konnte. Truchseß’ Name kommt auch sonst in den Quellen vor; doch sind sich die Verfasser über seine Persönlichkeit nicht recht klar, einmal wird er sogar mit dem Pagen Leubelfing verwechselt. Auf ihn und den Lauenburger bezieht sich ohne Zweifel auch eine Stelle in der Flugschrift „Declaration der Victoria bei Lützen“; wo es heißt, daß sich „zwei Fremde, die nicht in Eid und Pflicht des Königs gewesen“, bei ihm befunden hätten; während die anderen Begleiter fielen, seien diese beiden unbeschädigt davon gekommen. Der Verfasser findet diesen Umstand verwunderlich, enthält sich aber sonst jedes Vorwurfes oder Verdachtes. Die Flugschrift ist

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im Jahre 1633 gedruckt, also eine verhältnismäßig späte Quelle. Die der Zeit nach frühesten Berichte, die übrigens nicht alle von Teilnehmern der Schlacht herstammen, nennen den Namen des Herzogs garnicht oder nur flüchtig als einen der wenigen Begleiter des Königs. Etwas ausführlicher ist erst ein Schreiben aus Berlin, das acht Tage nach der Schlacht abgefaßt ist. Hier hören wir schon von der Bitte des Verwundeten „Vetter, bringt mich bei Seite!“ mit dem ziemlich farblosen Zusatz: „Ihro Majestät waren aber in der Eile engagiert worden, daß die anderen Sie hätten müssen verlassen“. – Daß die Nachrichten über die Verwundung und die letzten Augenblicke des Königs so verworren und dürftig sind, ist sehr begreiflich. Die einzigen Augenzeugen – Truchseß kann doch nur in gewissem Sinne dazu gerechnet werden – waren Franz Albrecht und Leubelfing. Der Page starb fünf Tage nach der Schlacht, und was er selbst auf seinem Schmerzenslager erzählt haben soll, handelt im wesentlichen nur von dem Allerletzten, von seinem tapferen Ausharren bei dem sterbenden König, und höchstwahrscheinlich ist der Bericht, den er für seinen Vater niederschreiben ließ, später noch stark überarbeitet worden. Ein besserer Zeuge wäre Franz Albrecht, und da er, wie es heißt, nach erfochtenem Siege von Weißenfels noch in der Nacht auf das Schlachtfeld zurückeilte, wird er es auch wohl gewesen sein, der den trauernden Schweden die Einzelheiten über den Fall ihres Helden berichtete.

Mit welchen Empfindungen mögen Offiziere und Soldaten den Flüchtling wieder begrüßt, mit welchen Augen mögen sie seinen noch von dem Blute des Königs bespritzten Koller betrachtet haben! Und als sie dann von dem Pagen hörten, der auf den Tod verwundet, in dem nahen Naumburg lag, mußten sie unwillkürlich seine Standhaftig und Treue mit der ängstlichen Hast des Herzogs vergleichen, der nur an die

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eigene Rettung gedacht hatte. Schon früh soll auch der Versuch gemacht worden sein, dies Verhalten, das eines Kriegsmannes, geschweige denn eines Helden so wenig würdig war, zu erklären: er habe, so entschuldigten ihn die, die ihn besser zu kennen glaubten, nach dem Fall des Königs alles für verloren gehalten und sich schleunigst in Sicherheit gebracht, um den siegreichen Kaiserlichen, deren Dienst er erst kurz vorher verlassen hatte, nachher auf ihre Vorwürfe antworten zu können, daß er überhaupt garnicht bei der Schlacht zugegen gewesen sei. Eine wenig ehrenvolle Deutung, die überdies die geringe Meinung beweist, die selbst seine Freunde von dem Charakter des Herzogs hatten.

Franz Albrecht konnte sich im schwedischen Lager nicht mehr behaglich fühlen. Außerdem waren die Hoffnungen, die er auf die Gunst des Königs gesetzt hatte, vernichtet, und da er durch kein Vertragsverhältnis an Schweden gebunden war, betrachtete er es als sein gutes Recht, sein Glück anderswo zu versuchen. Schon drei Tage nach der Schlacht reiste er zum Kurfürsten von Sachsen, mit dem er ja, wie es scheint, schon früher über seinen Diensteintritt verhandelt hatte. Anfangs Dezember war er bereits sächsischer Feldmarschall, während Arnim zum Generalleutnant ernannt wurde. Dieser plötzliche Aufbruch, dem dann ebenso rasch der Übergang in’s sächsische Lager folgte, mußte bei den Schweden unliebsames Aufsehen erregen. Und was zuerst wohl nur wie ein leises Raunen durch die Reihen des Kriegsvolkes gegangen war, das erhob jetzt immer lauter und gebieterischer seine Stimme. Verachtung gegen den feigen Soldaten, der ihren sterbenden König im Stiche gelassen hatte, wird die erste Empfindung der Schweden gewesen sein. Dann regte sich das Mißtrauen gegen den Fremden, der vor noch nicht langer Zeit in kaiserlichen Diensten gestanden hatte und als Vertrauter Wallensteins bekannt war, und als Franz

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Albrecht nach wenigen Tagen schon, womöglich verscheucht durch die finsteren und unfreundlichen Gesichter, die er überall sah, das Heer verließ, verwandelte sich vor ihren durch Schmerz und Aufregung getrübten Blicken der Feigling in einen Verräter und bald – so rasch wächst ein Verdacht – in einen Meuchelmörder. Auch daß der Herzog bei den Sachsen Aufnahme und Anstellung fand, trug nicht grade dazu bei, diesen Verdacht zu entkräften. Jedermann wußte, wie widerwillig, nur durch die Not gezwungen, der Kurfürst Johann Georg sich einst Gustav Adolf angeschlossen hatte; noch war garnicht abzusehen, ob nach dem Tode des Königs der große evangelische Bund zusammenhalten, ob der bei aller Unbedeutendheit stolze und eigenwillige Herr in Dresden sich Oxenstierna unterordnen würde.

Der erste Niederschlag der dem Lauenburger feindlichen Stimmung im schwedischen Heere ist ein Bericht, den der Oberst Fletwood am 2. Dezember, vierziehn Tage nach der Schlacht, seinem Vater nach England schickte. Er hatte bei Lützen mitgekämpft, war aber nicht Augenzeuge beim Fall des Königs gewesen. Über den allgemeinen Verdacht, dessen Vorhandensein er bezeugt, drückt er sich ziemlich unklar und unbestimmt aus; desto unverhohlener tadelt er das Benehmen des Herzogs nach der Schlacht, daß er binnen drei Tagen das schwedische Heer verlassen, sich zum Kurfürsten von Sachsen begeben und überall unterwegs öffentlich den Tod des Helden verkündigt habe, was besonders dem gemeinen Volke gegenüber doch unschicklich gewesen wäre. – Aus dem Lager drang das unheimliche Gerücht rasch in die Kreise der schwedischen Diplomatie. Noch scheute man sich, einen Namen zu nennen; aber wer gemeint war, konnte nicht zweifelhaft sein, wenn Graf Solms schon im Dezember an einen hessischen Rat schrieb: „eine vornehme evangelische Person“ sei beim Untergang des Königs „Ursache oder Instrument“ gewesen,

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oder wenn der Hamburger Resident Adler Salvius erklärte: „ein gewisser Fürst soll im Einverständnis mit Kursachen und dem Kaiser den Helden getötet haben.“ Es war die Zeit des ersten furchbaren Schmerzes, der bangen Ungewißheit über die Zukunft, wo auch das Unerhörteste mit gläubigem Ohre aufgenommen wird. Bald kamen die Diplomaten wieder zur Besinnung. Kaum ein Jahr später bezeichnete Nicolai, als sein französischer Kollege in Dresden ihn danach fragte, die furchbarte Anklage ausdrücklich als falsch und aus Gehässigkeit gegen die Person des Herzogs erfunden. Oxenstierna, der Leiter der schwedischen Politik, wird den allgemeinen Verdacht kaum geteilt haben. Aber auch er war von leidenschaftlichem Haß gegen die „Kreatur Wallensteins“ erfüllt; und als er Anfang Februar in Berlin mit den kurbrandenburgischen Räten verhandelte, machte er dem Lauenburger besonders zum Vorwurf, „daß er Gustavi mortem Friedlando per litteras notificiert und geschrieben habe, wie er in seinen Armen gestorben sei.“ – Franz Albrecht hat tatsächlich acht Tage nach der Schlacht von Dresden aus einen gefangenen Diener Wallensteins an diesen mit einem artigen Briefe zurückgeschickt und sich darin auch zu sonstigen Diensten bereitwillig erboten. Diese freundschaftliche Anknüpfung mit dem Gegner von Lützen scheint den Schweden bekannt geworden zu sein und wurde von ihnen sehr übel gedeutet. Mit steigendem Mißtrauen gedachten sie jetzt der eigentümlichen Rolle, die der Herzog schon ein Jahr vorher bei seinem ersten Aufenthalt in Dresden gespielt hatte. So galt die Abneigung, die Oxenstierna und andere schwedische Staatsmänner gegen ihn empfanden, wohl weniger dem vermeintlichen Mörder Gustav Adolfs als dem Parteigänger Wallensteins, und das spätere Verhalten des Lauenburgers war nicht dazu angetan, dies ungünstige Urteil über ihn abzuschwächen.

Vielleicht erklärt es sich auch daraus, daß von

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oben her nichts geschah, um die öffentliche Meinung von ihrem Irrtum abzubringen. Heer und Volk der Schweden hielten hartnäckig an dem einmal entstandenen Verdacht fest, und je weiter das Ereignis dem Gedächtnis der Zeitgenossen entrückte, desto bunter und mannigfaltiger wob die Legende ihre Fäden. „Es war wohl kaum zu erwarten“, sagt Schiller, „daß der mächtige Hang der Menschen zum Außerordentlichen dem gewöhnlichen Lauf der Dinge den Ruhm lassen würde, das wichtige Leben eines Gustav Adolf geendigt zu haben.“ Als sieben Jahre darauf Bernhard von Weimar mitten in seiner Siegeslaufbahn plötzlich von einem hitzigen Fieber dahingerafft wurde, hieß es sofort, Richelieu oder seine Helfershelfer hätten ihm Gift gereicht. Denn Frankreich war es, das von dem Tode Bernhards in diesem Augenblick den meisten Vorteil hatte. Ebenso konnte die Ermordung Gustav Adolfs nur auf Anstiften des Kaisers geschehen sein, und wer anders war fähig, sich als Werkzeug zu einer so schwarzen Tat darzubieten als Franz Albrecht, der gesinnungslose Glücksritter und Freund Wallensteins, der plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund den kaiserlichen Dienst verlassen und bei dem arglosen König sich einzuschmeicheln gewußt hatte, der unmittelbar nach dem Tage von Lützen zu den Sachsen, den wankelmütigen Bundesgenossen, überging und noch später sogar an der Spitze eines kaiserlichen Heeres wieder offen gegen die Schweden kämpfte? – Aber die Charakterschwäche und politische Haltlosigkeit des Herzogs, seine Anhänglichkeit an Wallenstein genügten noch nicht, um dies abscheuliche Verbrechen eines evanglischen Fürsten an dem Retter des Evangeliums zu erklären. Es mußte auch irgend ein ganz persönlicher Grund mit im Spiele sein, und so wurde denn jene seltsame Ohrfeigengeschichte verbreitet, die offenbar auf einen Streit Gustav Adolfs mit dem älteren Lauenburger, Julius Heinrich, zurückzuführen ist. Die ältere

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Fassung der Sage scheint diesen wirklich im Auge gehabt zu haben. Ihre Spuren finden sich bei dem Italiener Ricci, der kurz nach dem Westfälischen Frieden eine Geschichte des eben beendeten Krieges veröffentlichte und darin der Vollständigkeit wegen auch die verschiedenen Gerüchte über den Tod des Schwedenkönigs anführt, die er freilich verächtlich genug als „aniles fabellas“ und „muliercularum deliramenta“ bezeichnet. Da heißt es denn, daß der ältere Lauenburger mit dem Könige wegen einer schönen Witwe, um deren Gunst beide warben, in Streit geriet, sich über den noch jugendlichen Liebhaber eine spöttische Bemerkung erlaubte und dafür von ihm eine Ohrfeige erhielt. Das Duell, zu dem Gustav Adolf bereit ist, wird durch das Eingreifen der Räte verhindert, der Prinz aber muß Schweden verlassen, und da es ihm selbst nachher nicht möglich ist, an die Person des Königs heranzukommen, überredet er den Bruder, an seiner Stelle die ihm zugefügte Beleidigung zu rächen. Diese Legende, so wunderlich sie auch sein mag, steht doch noch mit einem Fuß gewissermaßen auf geschichtlichem Boden. Später geriet die Tatsache, daß nicht Franz Albrecht, sondern sein Bruder mit Gustav Adolf einmal Händel gehabt hatte, in Vergessenheit. Der inneren Wahrscheinlichkeit entsprach es, den Mörder nicht blos als den Vollstrecker eines fremden Willens hinzustellen, und so wird ihm denn bald die selbstständige und führende Rolle in diesem blutigen Drama gekränkten Fürstenstolzes zugewiesen.

Die Geschichtschreibung war vorsichtiger und zurückhaltender als die öffentliche Meinung. Selbst Chemnitz, der seine Geschichte des großen Krieges unter den Augen Oxenstiernas schrieb und gewiß keinen Grund hatte, das Andenken des Lauenburgers zu schonen, will nicht selbst über ihn aburteilen, sondern es „Gottes geheimen Gerichten anheimstellen“. Andere Schriftsteller der Zeit erwähnen die Sache überhaupt nicht oder nur beiläufig.

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„Es sind ihrer viele, die sich’s garnicht ausreden lassen“, sagt Khevenhüller in seinen vielbenutzten Annalen Ferdinands II. Ein sehr gefährlicher Ankläger erstand dem Herzog erst fünfzig Jahre später in Samuel Pufendorf. Da er nicht bestimmt beweisen kann, daß Franz Albrecht der Mörder war, arbeitet er mit Wahrscheinlichkeitsgründen. Sein ganzes Vorleben, seine spätere zweideutige und den Schweden feindliche Politik, die Überzeugung, daß keiner zu der Tat geeigneter war, kurz alle die Dinge, die von Anfang an den Verdacht rege gemacht und allmählich immer mehr bestärkt hatten, stellt er noch einmal in wirkungsvoller Weise zusammen. Etwas Neues aber war es, daß ein der ganzen gebildeten Welt Europas bekannter Schriftsteller in einem Werke, das im Auftrage der schwedischen Regierung erschienen war, einen deutschen Fürsten eines so schimpflichen Verbrechens bezichtigte. Der Neffe Franz Albrechts, der damals regierende Herzog von Sachsen-Lauenburg, soll darüber sehr empört gewesen sein, und Pufendorf entschuldigte sich nachher damit, daß er nicht seine Meinung, sondern nur die allgemeine Ansicht der schwedischen Nation zum Ausdruck gebracht habe. Trotzdem unterläßt er es nicht, zur Ergänzung seiner Beweisstücke noch die berühmte Ohrfeigengeschichte anzuführen. – Das Urteil des großen schwedischen, später kurbrandenburgischen Hofhistoriographen übte auf die spätere Überlieferung einen starken Einfluß aus. Doch fehlte es ihm auch in der eigenen Zunft nicht an Widerspruch. Die Frage nach der Schuld Franz Albrechts beschäftigte noch im achtzehnten Jahrhundert lebhaft die Federn der Gelehrten. Erwähnt sei, daß auch ein Ahnherr Bismarck’s von mütterlicher Seite her, der Leipziger Professor J. Burckhardt Mencke, zur Verteidigung des Herzogs eine Dissertation verfaßte. Ganz feindselig verhielt sich dagegen der durch seine Mitarbeit an Mirabeaus „Monarchie Prusienne“ bekannt gewordene Braun-

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schweigische Oberstleutnant Jacob v. Mauvillon. Seine Biographie Gustav Adolfs ist eine geschickte, doch ziemlich flüchtige Jugendschrift und nur darum bemerkenswert, weil Schiller sie für den betreffenden Teil seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges stark benutzt hat. Dem Verdammungsurteil seines Gewährsmannes mag er sich freilich nicht anschließen, obwohl es auch ihn einige Selbstüberwindung kostete, sich der Unschuld des Herzogs anzunehmen. Zeitgenossen des Dichters wie Herchenhahn und Ignaz Schmidt halten es nicht einmal der Mühe wert, die Sache für ihre Darstellung zu berücksichtigen, und im neunzehnten Jahrhundert verstummen vollends die anklagenden Stimmen.

Franz Albrecht selbst konnte über den furchtbaren Verdacht, der auf ihm ruhte, nicht im Unklaren bleiben. Nach der Schlacht bei Lützen sprachen die finsteren Blicke der Soldaten deutlich genug, und im schlesischen Feldzuge hatte er deswegen mit höheren schwedischen Offizieren manche Unannehmlichkeiten. Sogar seine letzte Reise zu Bernhard von Weimar nach Regensburg suchte er – ziemlich ungeschickt – damit zu begründen, daß er den Schweden das Mißtrauen, das sie gegen ihn empfanden, gern hätte nehmen wollen. Ein andermal äußerte er sich mit großer Entrüstung über seine Ankläger und hoffte, sich noch vor seinem Tode an diesen „pendards“ rächen zu können. Offenbar war er keine zartempfindende Natur, die den Schmerz über eine Ungerechtigkeit scheu in sich verbirgt; vielleicht war er auch viel zu oberflächlich, um innerlich darunter zu leiden. Ein leichtfertiger, verwegener Ritter des Glückes: das ist der allgemeine Eindruck, den sein Wesen und seine Persönlichkeit hervorruft. Unbedenklich diente er bald dieser, bald jener Partei; höhere Rücksichten, etwa Begeisterung oder Liebe zum deutschen Vaterlande, wie sie einen Arnim in späteren Jahren ganz erfüllten, lagen ihm fern. Wenn er als Fünfzehnjähriger sich den Wahl-

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spruch wählte: „Mori satius est quam vitae ferre pudorem“, so ist das kaum ernst zu nehmen. Besser paßt auf ihn schon, was er zwölf Jahre später dem Markgrafen Ernst von Brandenburg ins Stammbuch schrieb: „Frisch gewagedt ist halb gewonnen“. *) Rasch zugreifend, ein Freund schneller Entschlüsse, oft aber auch unüberlegt und durch einen Mißerfolg leicht entmutigt, um im nächsten Augenblick wieder hoffnungsfroh und siegessicher zu sein, so hat er sich von jeher gezeigt. Auch in das Stammbuch der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der wie er so viele vornehme Herren seiner Zeit als Mitglied angehörte, trug er sich mit jenem Wahlspruch ein. Sein Gesellschaftsname war „der Weiße trotz den Rosen“, zum Sinnbilde hatte er die Narzisse. Das Reimgedicht, das wie üblich dem Neuaufgenommenen gewidmet wurde, schließt mit den Versen:

„Die weiße Farbe trotz den andern allen anbeut
„Wann sie bleibt unbefleckt: Der Tugend zu gefallen
„Soll jedes Edel Hertz sich halten weiß und rein,
„So muß fruchtbringend es notwendig nützlich seyn.

War das eine einfache Wortspielerei, oder klingt, wie Barthold, der Biograph der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, meint, ein leiser Tadel hindurch? Hielt es das vielgeschäftige und weltkundige Oberhaupt, Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, für nötig, den jungen Herzog noch ganz besonders an die „Förderung löblicher Sitte und Tugend“, die ja auch zu den Bestrebungen des Bundes gehörte, zu erinnern? Der rauhen Tugend war Franz Albrecht sicherlich abhold. „Viva la guerra et l’amor“ lautet die Umschrift einer von ihm geprägten Medaille. **) Venus, von Trophäen umgeben, führt mit der Rechten
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*) Siehe über F. Albrechts Wahlsprüche und Medaillen. Arch. f. Lauenb. Geschichte etc. 1885 p. 135.
**) Archiv I. c. 1884 p. 57.

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den Liebesgott, während sie mit der Linken ein flammendes Herz emporhält. Mars und Venus waren stets die bevorzugten Gottheiten des Lauenburgers. Man wußte, daß er sich mit dem „Frauenzimmer“ viel zu schaffen machte. Deshalb wollte ihm Wallenstein kurz vor der Entscheidung nicht selbst das Letzte und Höchste anvertrauen, weil er fürchtete, der unbedachte Mann könnte in zärtlicher Gesellschaft sich „etwas merken lassen“ oder in Briefen nach Prag und Wien Geheimnisse ausplaudern. Seinem Äußeren nach war Franz Albrecht wohl geeignet, den Damen zu gefallen. Auf jener Medaille sehen wir das Brustbild eines schönen Mannes mit edlen, regelmäßigen, vielleich nur etwas zu glatten und ausdruckslosen Zügen; nach der Mode der Zeit trägt er Schnurrbart und Knebelbart; das Haar fällt frei auf den breiten Spitzenkragen herab. – In seinen jüngeren Jahren hatte er durch einen Liebeshandel mit einer braunschweigischen Herzogin, einer Schwester Georg Wilhelms von Brandenburg, viel von sich reden gemacht. *) Als angehender Vierziger verlobte er sich mit einer mecklenburgischen Prinzessin. In seinen Briefen nennt er sie „Eintziges Herz, allerliebster Engel“, küßt ihr Hand, Mund und Füße und bekennt, daß er ihr leibeigen sei. Aber unmittelbar neben diesen inhaltsleeren Galanterien, die dem Alamodezeitalter geläufig sind, stehen ein paar sehr häßliche Roheiten über den Oheim seiner Braut, einen Herzog von Mecklenburg, der schon seit langer Zeit sein persönlicher Feind war. Er will dessen ältesten Sohn, der sich seinerseits mit dem Vater entzweit hatte, an sich ziehen, ihm „allerhand galantery, auch Geld geben, um seine Affektion zu bekommen“, damit er, falls der Teufel den Alten hole, desto besser die „Schelme“, d. h. die Schweriner Räte, die Franz Albrecht soviel
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*) Siehe darüber auch das „Diarium“ des Otto v. Estorf. Archiv für Lauenb. Geschichte etc. 1900 p. 28.

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Ärger bereitet hatten, bestrafen könne. Aus diesen Worten spricht ohne Zweifel ein Mann, dem Ehre und Gewissen leere Begriffe sind. Doch ist es nicht unmöglich, daß die ihm eigentümliche Vorliebe für derbe und ungezwungene Ausdrücke ihn auch hier zu nicht ganz so schlimmgemeinten Übertreibungen fortgerissen hat. Ranke spricht einmal von der scherzhaften Munterkeit in seinen Briefen. Unangenehm, doch vielleicht entschuldbar durch das schwülstige Wesen seiner Zeit, fällt die Beflissenheit auf, mit der er, dessen evangelische Gesinnung nicht die allerstärkste war, den Namen Gottes im Munde führt. In einem Brief an Bernhard von Weimar ruft er zweimal „die Gnade des Allerhöchsten“ an und „gebe Gott, wills Gott“ sagt er auch bei sehr wenig christlichen Wünschen, z. B. wenn er hofft, daß „den meineidigen Vögeln“ – den von Wallenstein abgefallenen Generalen – die Hälfte gebrochen würden.

So leichtfertig, jedes Ernstes und edleren Grundsatzes bar auch das ganze Wesen des Herzogs gewesen sein mag, in einer Beziehung zeigt er doch eine merkwürdige Beständigkeit. Von Wallenstein ist er, nachdem er einmal als junger Oberst für ihn ein Regiment geworben hatte, niemals wieder ganz losgekommen. Der Gewaltige scheint es ihm angetan zu haben, und alles, was Franz Albrecht besaß an Abenteurerlust und Ehrgeiz, von Freude an diplomatischen Geschäften und stets bereiter Dienstfertigkeit fand seinen Brennpunkt in den unruhigen, seltsam verschlungenen und in ihrer Weise doch großartigen Entwürfen Wallensteins.

Nach dem Tode Gustav Adolfs war der Ehrgeiz des Friedländers weniger als je auf kriegerische Taten gerichtet; der Staatsmann in ihm hatte den Feldherrn überwunden. Um jeden Preis wollte er, mag ihm nun der Kaiser die unbeschränkte Vollmacht für den Frieden gegeben haben oder nicht, die Entscheidung darüber einzig und allein in seiner Hand behalten. Sein

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Lieblingsplan blieb nach wie vor, die beiden evangelischen Kurfürsten auf seine Seite herüberzuziehen, um mit ihrer Hilfe den allgemeinen Frieden zustande zubringen. Und wenn der Wiener Hof auch in der Sache selbst mit ihm einverstanden war, so nahmen die Formen, in denen sich die Verhandlungen bewegten, doch allmählich einen sehr bedenklichen Charakter an, und von Beziehungen, die Wallenstein mit den böhmischen Emigranten und durch diese sogar mit den Schweden anknüpfte, erfuhr der Kaiser überhaupt nichts.

Den Winter von 1632 auf 1633 über gedachte der Generalissimus den Krieg „durch Praktiken“ zu führen, in der Hoffnung, „allerhand dissensiones unter den Feinden zu erwecken“. doch mit seinen ersten Annäherungsversuchen – im Januar schickte er den Obersten Sparr nach Dresden, im April lud er Arnim zu einer Unterredung ein – hatte er bei den Sachsen wenig Glück. Trotz aller Eifersucht auf Schweden blieb der Kurfürst dem evangelischen Bündnis treu. Größeres Entgegenkommen fand Wallenstein bei seinem früheren Untergebenen, dem neuen sächsischen Feldmarschall. Auch Franz Albrecht dachte, kaum, daß er sein Amt angetreten hatte, mehr an Unterhandlung als an Krieg. Bei der längeren Abwesenheit Arnims, mußte er für die sächsischen Truppen, die in Schlesien standen, allein die Verantwortung tragen, und dieser Aufgabe fühlte er sich nicht gewachsen. Immer wieder klagte er in beweglichen Worten, daß der Kurfürst, der lässige und nur leiblichen Genüssen ergebene Johann Georg, den die Leipziger Studenten treffend den rex cerevisianus nannten, so wenig für sein Heer tue, weder für genügende Geldmittel noch für Verstärkung sorge. Dazu kam ein neuer Zwiespalt im evanglischen Lager. Oxenstierna hatte höchstwahrscheinlich als Antwort auf die Berufung des ihm verhaßten Franz Albrecht, den schwedischen Streitkräften, die in Schlesien mit den Sachsen zusammenwirken sollten,

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einen selbständigen Führer in dem alten Grafen Thurn ergeben. Dieser war seit längerer Zeit ein persönlicher Gegner Arnims und nicht geneigt, sich ihm zu fügen. So fehlte es der Heeresleitung hier durchaus an der nötigen Einheitlichkeit, und wenn es Wallenstein wirklich ernst mit dem Kriege meinte, mußte es ihm ein leichtes sein, die Gegner über den Haufen zu werfen. Franz Albrecht sah deshalb bald ein, daß sein neuer Dienst ihm keine glänzenden Aussichten bieten konnte. Schon nach zwei Monaten bereute er es, sich darauf eingelassen zu haben, ja, er behauptete jetzt, nur die Hoffnung, an einem guten Frieden mithelfen zu können, hätte ihn überhaupt dazu bestimmt. „Wollte Gott, der Krieg hätte ein Ende und ginge in ein ander Land, nach Frankreich oder Italien“, schrieb er wiederholt an den Feldmarschall Gallas, der ihm gegenüber während des Winters die kaiserlichen Truppen befehligte. Durch dessen Vermittelung trat er auch mit Wallenstein selbst, der noch im Friedländer Hause zu Prag Hof hielt, wieder in schriftlichen Verkehr; und wenn es sich dabei zunächst nur um den Austausch von Gefälligkeiten und kleinen Diensten handelte, so stand doch die Frage des Friedens immer im Hintergrunde. Da aber der Dresdener Hof sich ablehnend verhielt, verzweifelte Franz Albrecht daran, auf diesem Wege etwas zu erreichen. – Die Zustände im schlesischen Heere wurden immer unerträglicher, Arnim drohte seinen Abschied zu nehmen. Auf Bitten des Kurfürsten verhandelte der Lauenburger mit ihm und suchte ihn zum Bleiben zu bewegen. Aber auch ihm selbst war sein Feldmarschallamt längst verleidet; und in dieser unlustigen Stimmung hatte er bereits nach einer andern Seite hin Verbindungen angeknüpft, die zu der Treuherzigkeit und Biederkeit, mit der er sich in seinen Briefen zu geben pflegte, in grellem Gegensatz standen. Nichts Geringeres hatte er im Sinne als die ihm anvertrauten Truppen einem fremden Machthaber

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in die Hände zu spielen. Im Frühjahr 1633 ließ er durch den französischen Residenten du Hamel, mit dem er bei einem flüchtigen Besuch in Dresden zusammengekommen war, Ludwig XIII. seine Dienste anbieten; auch den größten Teil seiner Truppen hoffte er mit sich herüberziehen zu können. Die Pariser Regierung war keineswegs abgeneigt, auf den seltsamen Handel einzugehen. Ihr lag viel daran, die spanisch-kaiserliche Macht in Deutschland zu erschüttern und sich selbst unter den Fürsten eine starke Partei zu verschaffen; auf eine Pension mehr oder weniger kam es ihr dabei nicht an. Als bald darauf ihr außerordentlicher Bevollmächtigter Feuquiòres auf seiner Rundreise an den evangelischen Höfen auch nach Dresden gelangte, schienen sich noch glänzendere Aussichten zu bieten. Einer der einflußreichsten unter den böhmischen Mißvergnügten, Graf Wilhelm Kinsky, der als eine Art Kriegsgefangener in Sachsen lebte, aber beim Kurfürsten große Gunst genoß, trat damals mit Feuquières in vertrauliche Beziehungen. Es geschah ohne Wissen des Generalissimus, aus eigenem Antrieb des Böhmen, der als Schwager des bekannten Trzka auch Wallenstein nahe stand. Aber die Franzosen nahmen den Gedanken, den großen Feldherrn als Bundesgenossen in ihrem Kampfe gegen das Haus Habsburg zu gewinnen, mit freudiger Bereitwilligkeit auf und hofften, ihn durch das Anerbieten der Wenzelskrone zu locken. In diesem Zusammenhang erhielt nun auch die Sache Franz Albrechts eine größere Bedeutung. Wie vorher mit du Hamel, verhandelte er jetzt mit Feuquières und erklärte sich bereit, entweder mit seinen Truppen zu Wallenstein überzugehen oder wenn die Hoffnung auf dessen Abfall sich nicht erfüllen sollte, unmittelbar in den Dienst Frankreichs zu treten. Ob diese Pläne ernst gemeint waren, ist schwer zu sagen: Als gelehriger Schüler seines Meisters, dessen großartiger Zug und Ideenreichtum ihm freilich fehlten, liebte es

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der Lauenburger, mit den verschiedensten Möglichkeiten zu spielen, und als eine von diesen, als eine von vielen, galt ihm auch der Anschluß an die Franzosen. Aber diese Möglichkeit schwebte gleichsam in weiter Ferne und nahm nur dann bestimmtere Umrisse an, wenn andere Mittel und Wege versagen wollten.

Während Wallenstein die Eröffnungen Kinskys monatelang ohne Antwort ließ, war er anderen Anträgen gegenüber nicht so verschlossen. Und doch handelte es sich dabei um dasselbe Endziel, um die sehnsüchtigen Träume der böhmischen Emigranten, die ihren großen Landsmann gern für immer mit dem Kaiser verfeinden wollten, um mit seiner Hilfe in die ihnen verlorene Heimat zurückzukehren. Wie Kinsky eine Verbindung mit Frankreich betrieb, so bemühten sich Thurn und seine Gesinnungsgenossen aufs eifrigste, Wallenstein mit den Schweden auszusöhnen. Der alte Königsmacher hatte schon bei Lebzeiten Gustav Adolfs an einem ähnlichen Plane mitgearbeitet. Ende April wandte er sich wiederum aus freien Stücken an den kaiserlichen Generalissimus und forderte ihn auf, sich des böhmischen Thrones, der durch den Tod des Winterkönigs eben erledigt war, zu bemächtigen. Und Wallenstein, überdies gereizt durch verschiedene Mißhelligkeiten mit dem Wiener Hofe, war nicht loyal genug, um den Versucher kurz abzuweisen. Er bat, den schwedischen Generalmajor Bubna, der ebenfalls böhmischer Emigrant und Vertrauter Thurns war, für weitere Verhandlungen zu ihm zu schicken, und so kam es denn in einer Mainacht zu jener merkwürdigen Unterredung, in der der Rätselvolle zum ersten Male den Schleier, der über seinen Zukunftsplänen lag, ein wenig zu lüften schien. Zwar über die Frage der Königskrone ging er mit vorsichtiger Zurückhaltung hinweg; den Frieden aber wollte er ganz nach eigenem Ermessen auf der Grundlage religiöser Freiheit und Gleichheit herstellen und durch eine Ver-

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einigung seiner Truppen mit den schwedischen in Schlesien allen Widersachern abtrotzen. Wenn er hinzufügt, daß er für diesen Fall Thurn zu seinem Generalleutnant und den Herzog von Sachsen-Lauenburg zu seinem Feldmarschall machen wolle, so geht daraus deutlich hervor, daß er auch auf Franz Albrechts Teilnahme an dem großen und gefährlichen Werke rechnete. Vielleicht dachte er durch ihn das sächsische Heer auf seine Seite zu bringen, um so den Kurfürsten bedingungslos seinem Willen zu unterwerfen. – Ob der Lauenburger um diese Absichten Wallensteins wußte, läßt sich nicht nachweisen. Näheres ist über einen geheimen Verkehr zwischen den beiden gerade aus dieser Zeit nicht bekannt. Franz Albrechts Archiv, das über manche noch strittige Frage sicherlich wertvolle Aufschlüsse geben würde, hat sich bisher nicht gefunden, und außerdem vermied es Wallenstein, der im Gespräch sich so leicht von seinem „schiefrigen“ Temperament fortreißen ließ, stets ängstlich, etwas schriftlich von sich geben, was ihm nachher zur Last gelegt werden konnte. Es fällt aber auf, daß der Lauenburger mit den böhmischen Emigranten, die auf einen Abfall des kaiserlichen Generalissimus ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, in den engsten Beziehungen stand. Oxenstierna hatte sich arg verrechnet, als er den Grafen Thurn gewissermaßen als Gegengewicht gegen den übelbeleumdeten Herzog nach Schlesien schickte. Die beiden, die sich freilich von früher her kannten, vertrugen sich sehr gut miteinander. Wohl mit Recht vermutet einer der neueren Wallensteinforscher, daß der gemeinsame Wunsch, dem Friedländer die böhmische Krone zu verschaffen, sie zusammenführte.

Unabhängig von Thurn und Bubna hat damals noch ein anderer Emigrant versucht, die Schweden auf Kosten des Kaisers mit ihrem schlimmsten Feinde in Verbindung zu bringen. Er wird nicht mit Namen genannt; aber wahrscheinlich war es der Oberst Anton

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von Schlieff, der diesen überraschenden Antrag an den Dresdner Residenten Nicolai richtete. Als geeigneten Vermittler bezeichnete er den Herzog von Lauenburg: dieser stehe bei Wallenstein in hoher Achtung und meine es – eine Bemerkung, die dem mißtrauischen Schweden gegenüber nicht überflüssig schien – treu mit dem evangelischen Wesen. „Fasse er den Handel an, so sei es gemacht.“ Natürlich hoffe er für seine Dienste belohnt zu werden, von Wallenstein mit den Fürstentümern Schweidnitz, Glogau und Sagan, von den Evangelischen auf andere Weise. – Eine sehr merkwürdige Rolle war es doch, die hier Franz Albrecht zugedacht wurde: er, den viele Schweden noch immer einen Verräter oder gar einen Mörder schalten, sollte zwischen ihnen und dem Gegner von Lützen Frieden und Versöhnung stiften. Nicolai wagte daher in seinem Bericht an Oxenstierna garnicht den Herzog zu erwähnen, und da der Reichskanzler bald darauf Bubna’s Mitteilungen empfing, die so viel bestimmter und sicherer lauteten, war es nicht nötig, diese undeutliche Spur weiter zu verfolgen.

Auf die Verhandlungen mit den böhmischen Emigranten und den Franzosen hatte sich der Lauenburger hinter dem Rücken seines Dienstherrn eingelassen. Jetzt trat eine Wendung ein, die ihn von diesen heimlichen Seitenpfaden gleichsam auf den geraden Weg wieder zurückführte.

Wallenstein war Ende Mai endlich auf dem schlesischen Kriegsschauplatze erschienen. Aber statt zum vernichtenden Schlage gegen die Sachsen auszuholen, streckte er ihnen noch einmal die Freundeshand entgegen. Er bat Arnim um eine Unterredung, und als der Generalleutnant mit ihm in Heidersdorf zusammentraf, machte er ihm für den künftigen Frieden Zugeständnisse, die weit über das hinausgingen, was ein Ferdinand II. jemals aus freien Stücken bewilligt hätte: „Alles sollte im Heiligen Römischen Reich zum vorigen

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Stande, wie es vor diesem unglückseligen Krieg Anno 1618 gewesen, gebracht werden.“ Die katholische Reaktion wäre damit, besonders in Böhmen, um den Lohn ihrer Mühe betrogen worden. Und klang es nicht sehr bedenklich, wenn Wallenstein verlangte, daß beide Heere, das sächsische und das kaiserliche, sich vereinigen sollten, um ihre Waffen „ohne Respekt einiger Personen“ gegen diejenigen zu wenden, die sich unterfangen würden, „den Statum Imperii noch weiter zu turbieren und die Freiheit der Religion zu hemmen“. Das konnte auf die Schweden, es konnte aber auch ebenso gut auf den Kaiser gedeutet werden. Franz Albrecht, der sich nun mit einem Male wieder als sächsischer Feldmarschall fühlte, war in gehobener Stimmung, wünschte dringend, daß die beiden evangelischen Kurfürsten die Vorschläge des Generalissimus annähmen und äußerte einem Vertrauten gegenüber, auch er selbst hoffe, bei der Sache nichts zu verlieren. Während des Waffenstillstandes, der zuerst auf zwei Wochen abgeschlossen und dann noch um einige Tage verlängert wurde, ritt er in das Lager des Friedländers hinüber und freute sich der „über die Maßen großen Ehren“, die der Vielbewunderte ihm dort erwies. Bald kam die Enttäuschung. Die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg konnten zu Wallenstein und seinen Plänen kein rechtes Vertrauen fassen und gaben Arnim, der inzwischen zu ihnen gereist war, einen ziemlich nichtssagenden Bescheid. Der Waffenstillstand wurde aufgehoben; der kaiserliche Feldherr stellte für dessen Verlängerung ganz unangenehmbare Bedingungen, die das sächsische Heer ihm völlig preisgegeben hätten. – Fast zu derselben Zeit brach er auch die Verhandlung mit den Schweden ab. Oxenstierna hatte als Antwort auf Bubnas Anträge klar und rücksichtslos gefordert, Wallenstein solle sich sofort zum König von Böhmen machen und öffentlich von dem Kaiser abfallen. Zum ersten Male kam ihm zum Bewußtsein, wohin ihn seine

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Friedenspolitik zuletzt treiben mußte. Noch aber war er nicht so weit, daß er nicht mehr konnte, wie er wollte; noch konnte er zurück, wie’s ihm beliebte. Es ist sogar nicht unmöglich, daß sein ganzes zweideutiges Verhalten den Sachsen und Schweden gegenüber nur darauf hin zielte, die beiden Verbündeten, die sich ohnehin schon schlecht genug mit einander vertrugen, völlig zu trennen, um ihnen desto leichter seinen Willen aufzuzwingen.

Der Kaiser hörte mit Wohlgefallen, daß sein Generalissimus jetzt wieder kräftig die Waffen gebrauchen wolle. Die Freude war nicht von langer Dauer. Vergeblich wartete man in Wien auf Siegesnachrichten. Nachdem ein Handstreich auf die Festung Schweidnitz mißglückt war, blieb Wallenstein untätig in seinem Feldlager. Alle seine Widersacher, an der Spitze der Kurfürst Maximilian von Bayern und der Beichtvater Lamormain, regten sich von neuem. Auch mit den Spaniern hatte er es gründlich verdorben, da er ihren Plan, im Elsaß unter dem Herzog von Feria ein starkes Heer aufzustellen, mit Leidenschaft bekämpfte. Er wollte diese Todfeinde des Protestantismus, die ihm das Ziel seines Ehrgeizes, den allgemeinen Reichsfrieden, zu stören drohten, die durch ihren Gegensatz zu Frankreich Deutschland leicht in neue, schwere Kämpfe verwickeln konnten, nicht auf dem Boden des Reiches dulden. Außerdem verletzte es sein Selbstgefühl, war es gegen das ihm bei der Übernahme des zweiten Generalats verbürgte Recht, daß irgend ein unabhängiger Heerführer neben ihm im Reiche befehligen sollte. Nach einigem Schwanken ging der Kaiser auf die Wünsche des naheverwandten Madrider Hofes ein und sandte den Hofkriegsrat Schlick ab, um Wallensteins Zustimmung dafür zu gewinnen, sich nebenbei auch im Feldlager einmal umzusehen, Pläne und Absichten des Generalissimus zu erforschen. Der wurde durch Wiener Freunde recht-

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zeitig davon benachrichtigt; schon drangen auch Gerüchte zu ihm, als ob eine neue Absetzung gegen ihn im Werke sei. Und alle diese ungünstigen Eindrücke sind es dann wohl gewesen, die ihn bestimmten, sich wieder den Sachsen zu nähern. Eine Anfrage Trzkas bei Franz Albrecht bildete die Vorbereitung zu einer neuen Zusammenkunft, die Wallenstein am 16. August nahe bei Schweidnitz mit Arnim hatte. Diesmal führte er gegen den Kaiser und die Liga eine überaus feindselige Sprache. Wenn er bisher mit seinen evangelischen Gegnern immer einzeln verhandelt hatte, so schien er jetzt geneigt, mit Sachsen und Schweden zugleich sich zu verständigen: Arnim sollte selbst zu Oxenstierna reisen, um sich mit ihm ins Einvernehmen zu setzen. Während noch über einen neuen Waffenstillstand für den schlesischen Kriegsschauplatz beraten wurde, traf Schlick im Heerlager ein. Die Verhandlungen mit den Sachsen brauchten ihm nicht verheimlicht zu werden. Es war ja von jeher der Wunsch des Kaisers gewesen, den Kurfürsten auf seine Seite herüberzuziehen. Aber natürlich erfuhr er nichts von den ungeheuerlichen Plänen des Generalissimus gegen das Haus Habsburg, von der beabsichtigten Verbindung mit Schweden. Er wünschte sogar durchzusetzen, daß die schwedischen Truppen in Schlesien von dem Waffenstillstand ausgeschlossen würden. Doch umsonst waren seine Überredungskünste. Auch von dem sächsischen Feldmarschall, an den er sich mit besonderem Eifer gewandt hatte, weil er ihm wohl keine große Standhaftigkeit zutraute, erhielt er eine unerwartet schroffe Absage: „Gott müsse strafen, wenn man ein solches Schelmstück an den Schweden erweisen wollte, deren König sein Blut vergossen habe, um dem römischen Reiche zu helfen.“ Diese „schöne und ansehnliche“ Antwort ist freilich nur in einem Briefe des Grafen Thurn zu lesen, der Franz Albrechts guter Freund war. Aber für unwahr braucht man sie darum

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nicht zu halten. Der Lauenburger versprach sich von der Erhebung Wallensteins große Dinge und war gerade damals den Schweden eher freundlich als feindlich gesinnt. Wahrscheinlich bereitete es ihm auch eine Art Genugtuung, diese gute Gesinnung, die alle böswilligen Gerüchte über ihn zu widerlegen schien, einmal öffentlich zu bekunden.

Wie heftig war daher die Entrüstung, als Wallenstein den großen Schritt, den man von ihm erwartete, doch wieder nicht tat, als Thurns triumphierende Worte: „es ist geschlossen, den Kaiser nach Spania zu jagen“ sich so kläglich ins Gegenteil verkehrten. Nach einem Monat bangen Harrens trat ein völliger Umschwung ein, ein Umschwung, für den heute noch eine ausreichende Erklärung fehlt. Es ist möglich, daß ihm, der sich immer als Reichsfürst, als Beschützer der Unverletzlichkeit des Reiches fühlte, der Gedanke an die Bundesgenossenschaft mit den Schweden zuletzt doch Widerwillen einflößte; weder sie noch die Franzosen und Spanier sollten auf deutschem Boden etwas zu sagen haben. Vielleicht war auch sein Aberglaube mit im Spiele: für den Monat November soll ihm ein großer Sieg prophezeit worden sein, vielleicht glaubte er auch noch nicht die Zeit gekommen, wo er sich zum Äußersten entschließen müßte. Noch konnte er die Tat denken, noch brauchte er sie nicht zu vollbringen.

Als Arnim von seiner Reise zu Oxenstierna zurückkehrte, empfing ihn Wallenstein – es war im Schweidnitzer Lager am 25. September – ziemlich kühl. Auf seine früheren Reden schien er sich garnicht mehr besinnen zu können. Mit entschiedenen Worten verlangte er eine Vereinigung des sächsischen und kaiserlichen Heeres, um mit beiden in’s „Reich“ zu ziehen. Gegen wen, war deutlich zu erkennen, wenn er auch die Schweden nicht ausdrücktlich nannte. Angesichts dieser Unbeständigkeit verlor Arnim alles Vertrauen, wollte

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nicht selbst weiter verhandeln, sondern schickte seinen Feldmarschall ins feindliche Lager. Dem gegenüber erklärte nun Wallenstein unumwunden: man müsse die Schweden aus dem Reiche „herausschmeißen“, dann könne man an den Frieden denken. Umsonst erinnerte ihn Franz Albrecht an die erst vor ein paar Wochen gegebenen Versprechungen. Es kam bei einer zweiten Unterredung zwischen den beiden Herzögen zu einem heftigen Wortwechsel. Der Askanier warf dem Emporkömmling vor, daß es einem Kavalier und vielmehr einem Fürsten zieme, sein Wort zu halten. „Mit Schelten und Schmähen“ schied er von ihm. Und dieser Zorn war echt. Nicht die tief innerliche Empörung des frommen und moralisch empfindenden Arnim, der fest davon überzeugt war, daß Betrug gemeiniglich keinem mehr als dem eignen Herrn schade, und daß es einmal noch ein Stachel in Wallensteins Gewissen sein werde, sondern der erbitterte Ärger des kleinen, aber betriebsamen Unternehmers, der um ein gutes Geschäft betrogen worden ist.

Franz Albrecht verließ unmittelbar nach seiner letzten Zusammenkunft mit dem Generalissimus das sächsische Lager und reiste nach Berlin, wie es hieß, um dort seine Kostbarkeiten unterzubringen und dann in französische Dienste zu treten. Dieser Plan, den er – so äußerte er selbst zu einem Vertrauten – der „Wallenstein’schen Sachen“ wegen aufgegeben hatte, begann ihn wieder zu beschäftigen. Doch nur ganz vorübergehend. Als der große Zauberer einen neuen Lockruf ertönen ließ, war er sofort bereit, ihm zu folgen. – Wallenstein hoffte diesmal, seinen Forderungen durch den Schrecken seiner Waffen Nachdruck zu verleihen. Nachdem er Arnim durch einen Einfall seines Unterfeldherrn Gallas zum Rückzuge nach Sachsen genötigt und dann durch geschickte Bewegungen dort festgehalten hatte, wandte er sich plötzlich mit ganzer Wucht gegen

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die in Schlesien zurückgebliebenen schwedischen Heerhaufen und brachte dem nachlässigen und schon etwas altersschwachen Thurn am 11. Oktober bei Steinau an der Oder eine vernichtende Niederlage bei. Binnen wenigen Tagen war das ganze Land wieder in seinen Händen. Sogar Frankfurt a. d. O. und Landsberg a. d. W. mußten sich ergeben; die Kroaten streiften durch die Mark bis nach Pommern. Jetzt schien der Augenblick gekommen, um die Sachsen zur Unterwerfung zu nötigen. Schon vor seinem Siege hatte er an Franz Albrecht einen Paßbrief geschickt und ihn um eine Unterredung gebeten. Auch der Kaiser wußte darum; doch war ihm die Sache so dargestellt worden, als ob der Generalissimus nur dem unablässigen Bitten des Lauenburgers nachgegeben habe. Bei der Zusammenkunft, die am 22. oder 23. Oktober in der Nähe Gubens stattfand, hielt sich Wallenstein aber keineswegs in den Grenzen, die ihm der Kaiser gesteckt hatte. auch jetzt noch blieb er dabei, daß die religiösen und politischen Verhältnisse Deutschlands so wiederhergestellt werden müßten, wie sie 1618 oder 1612 gewesen seien, während Ferdinand II. das Restitutionsedikt allenfalls zurücknehmen, doch unter keinen Umständen seinen böhmischen Untertanen Religionsfreiheit gewähren wollte. Franz Albrecht war ins kaiserliche Lager mit der Überzeugung gereist, daß der Friede unbedingt notwendig sei, da das schwache sächsische Heer der Übermacht des Gegners nicht widerstehen könne. „Ihr Herren müßt anders Krieg führen, sonst kommt Ihr von Land und Leuten!“ soll er in Dresden gesagt haben. Als er dann aber Wallensteins Forderung hörte, die beiden Kurfürsten sollten ihr Heer vertrauensvoll unter seinen Oberbefehl stellen und mit ihm gemeinsam den geplanten Reichsfrieden durchsetzen, wurde er doch wieder bedenklich. „Mit dem Frieden halte ich es vor nichts“, schrieb er an Arnim. Auch Johann Georg und Georg Wilhelm waren nicht geneigt,

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sich dem Friedländer, dessen Wankelmut und Unzuverlässigkeit sie genügend kennen gelernt hatten, auf Gnade und Ungnade zu ergeben und zugleich die Bundestreue gegen die Schweden – denn auf diese hatte er es doch zunächst abgesehen – so schmählich zu verletzen. Deshalb ließen sie sich auf mündliche Verhandlungen garnicht mehr ein und beauftragten Franz Albrecht, von Dresden aus einen höflichen Absagebrief an Wallenstein zu schicken.

Kaum war diese Antwort bei ihm eingetroffen, als den Sieger von Steinau, der sich schon wieder als unbestrittener Herr ganz Norddeutschlands bis zur Ostseeküste hin fühlte, eine andere Botschaft ereilte, die seinen stolzen Plänen für immer ein Ende machte. Am 14. November hatte Bernhard von Weimar mit stürmender Hand Regensburg genommen, das starke Donaubollwerk, das Einfallstor in die österreichischen Erblande. Zu spät war Wallenstein, der den süddeutschen Kriegsschauplatz damals in verhängnisvoller Weise vernachlässigt hatte, zum Entsatz herbeigeeilt. Wohl versprach er dem Kaiser „Tag und Nacht zu eilen, den von Weimar zurückzuweisen.“ Aber nach einigen Gewaltmärschen kehrte er wieder um und schlug Anfang Dezember in Böhmen sein Winterlager auf. Wenn er auch triftige militärische Gründe dafür anführte – hauptsächlich scheute er sich, das Heer den Gefahren eines Winterfeldzuges über das schneebedeckte Gebirge auszusetzen – so wollte man in Wien nichts davon hören. Derselbe Ferdinand, der bisher immer nur mit bescheidenen Bitten und Vorstellungen sich in die Kriegsleitung eingemischt hatte, begann jetzt zu tadeln, zu fordern und zu befehlen. Die unbedingte militärische Vollmacht, die er einst, in einem Augenblick höchster Not, seinem Generalissimus eingeräumt hatte, schien er ihm wieder bestreiten zu wollen. Schon wagte er es – einem Wallenstein gegenüber ist der Ausdruck gestattet – ganz gegen die Kapitulation über den Kopf des obersten

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Befehlshabers einem Unterfeldherrn Weisungen zu erteilen. Aber Wallenstein gab keines von seinen Rechten preis. Die Forderung des Kaisers, noch im Winter einen Angriff auf Regensburg zu machen, legte er am 16. Dezember einem Kriegsrat seiner Obersten vor, die sich natürlich einstimmig auf seine Seite stellten. Maximilian bezeichnete das als den Anfang der Meuterei, und alle Ankläger des Friedländers, die nach dem Siege von Steinau eine Zeitlang geschwiegen hatten, waren wieder in Bewegung. Doch dem gefürchteten Mann offen und ehrlich seine Macht zu entreißen und ihn zum Rücktritt zu nötigen, dazu hatte der Zögling der Jesuiten weder den Mut noch die Kraft: Im Geheimen seine Stellung zu untergraben, die vornehmsten Generale ihm abwendig zu machen und mit deren Hilfe ihm endlich das ganze Heer zu entfremden, darin sah dieser hilflose Habsburger die einzige Rettung.

Kein Unschuldiger war es, mit dem ein so hinterlistiges Spiel getrieben wurde. Es war selbst ein Meister aller Listen und Ränke, der mit Worten und Gedanken die Treue gegen seinen kaiserlichen Herrn schon mehr als einmal verletzt hatte, der gestützt auf das Heer, seine Schöpfung und das Werkzeug seiner Macht, diese Macht allen Widersachern zum Trotz behaupten wollte. Ebenso hielt er auch unverbrüchlich an dem Plane fest, das große Friedenswerk, das ihm seit der Schlacht bei Lützen wichtiger geworden war als alle kriegerischen Erfolge, entweder mit oder gegen den Willen des Kaisers durchzuführen. Deshalb knüpfte er, gerade als der Gegensatz zu dem Wiener Hofe sich immer mehr verschärfte, die zerrissenen diplomatischen Fäden wieder an. Am meisten war ihm nach wie vorher an dem Einverständnis mit Sachsen und Brandenburg gelegen. Diesmal benutzte er seine böhmischen Landsleute, die fast ohne Ausnahme erbitterte Gegner des Hauses Habsburg waren, als Vermittler. Trzka mußte seinen noch immer

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in Dresden lebenden Schwager Kinsky einladen, nach Böhmen zu reisen. In einem zweiten Briefe Trzkas war auch ein Paß für Franz Albrecht enthalten. Noch lieber würde der Herzog von Friedland sehen, wenn Arnim, der Generalleutnant des kurfürstlichen Heeres, sofort selbst käme; aber auch der Feldmarschall sollte ihm als Vorbote willkommen sein.

Der Lauenburger hielt sich damals im Lager von Fürstenwalde auf. Von dem Wiederannäherungsversuch Wallensteins wurde er sofort – wie es scheint, durch den Generalfeldzeugmeister v. Schwalbach, einen Vertrauten Kinskys – unterrichtet. Mit Vergnügen hörte er, daß der kaiserliche Generalissimus „zum Frieden inkliniert“ sei, und riet, um Gotteswillen den Frieden, möge er auch noch so schlecht sein, nicht auszuschlagen. Er selbst wollte jedoch mit den Verhandlungen nichts mehr zu tun haben: denn bei den Feinden werde er deswegen für einen Verräter gehalten, er wolle vielmehr nach Frankreich und Italien reisen und sich allda nach seiner Gelegenheit aufhalten. – Diese Weigerung war nicht ernst gemeint. Als er auf Befehl des Kurfürsten sich nach Dresden begeben hatte und dort durch seinen Freund Schlieff, der inzwischen bei Wallenstein gewesen war, näheres über dessen Pläne hörte, zeigte er sich mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit sofort bereit, an dem großen Werke teilzunehmen. Reichsfürstliche Treue und Ergebenheit gegen seinen kaiserlichen Herrn empfand dieser Prinz aus einem der ältesten deutschen Fürstengeschlechter ebenso wenig wie der böhmische Emporkömmling. Ohne Gewissensbedenken, ja, sogar mit einer Art von höhnischem Triumph verkündete er, daß Wallenstein sich an dem Kaiser rächen wolle, daß der Kaiser und der Kurfürst von Baiern „weg sollten“. Am 14. Januar 1634 reiste er von Dresden nach Pilsen ab. Unterwegs erhielt er in Schlackenwerda, einer böhmischen Besitzung seines Bruders Julius Heinrich, eine Abschrift des ersten

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Pilsener Reverses und schickte sie sofort dem Kurfürsten zu. Julius Heinrich, immer noch Oberster in kaiserlichen Diensten, hatte selbst an dem berühmten Bankett Ilows teilgenommen und seinem vornehmen Stande gemäß den Revers als erster unterschrieben. In Schlackenwerda verlebten die beiden Brüder einen vergnügten Abend und tranken so oft auf des Kurfürsten Wohl, daß Franz Albrecht es noch am nächsten Tage im Kopfe verspürte. An Arnim aber schrieb er mit fröhlicher Zuversicht: „Die Sachen stehen gut, es mangelt nur Ew. Excellenz, daß Die ihm Anleitung geben, wie man dem Faß den Boden vollends einstoßen kann; er ist jetzt so drin, als er kommen kann“. – Zwei Tage später traf er in Pilsen ein und wurde sofort von Wallenstein empfangen. Aus dessen Äußerungen entnahm er, daß der Gewaltige, zum Frieden entschlossen sei, „der Kaiser wolle oder wolle nicht“. Alles weitere behielt er einer mündlichen Besprechung mit Arnim vor, den ernoch einmal auf das dringendste zu sich bitte ließ. Ohne längeren Aufenthalt kehrte Franz Albrecht nach Dresden zurück, um den Generalleutnant zu holen. Aber dieser, durch seine früheren Erfahrungen mit dem hinterhaltigen Friedländer gewitzigt, riet auch jetzt zur Vorsicht. Statt nach Pilsen reiste er nach Berlin, um erst noch die Meinung des Kurfürsten von Brandenburg zu hören. Inzwischen wurden Schlieff und der Lauenburger nach einander abgeschickt, um das Zögern Arnims zu entschuldigen. Die Zeit verstrich. In jedem Brief mahnte Franz Albrecht zur Eile. Auch Wallenstein wurde ungeduldig und erkundigte sich täglich, ob denn Arnim noch nicht käme. Mit ihm, dem alten Kriegsgefährten, wollte er die letzten Einzelheiten des großen Planes besprechen. Den Lauenburger, dessen guten Willen er anerkennen mußte, hielt er nicht für verschwiegen genug, um ihm „allerhand secreta“ anzuvertrauen.

Aber während er durch den Pilsener Revers die

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Obersten des Heeres völlig an sich gekettet zu haben glaubte, wurde ihm die Macht, auf die er sich stützte, allmählich und ihm selber unbewußt aus den Händen gewunden. Die Nachricht von den Vorgängen in Pilsen hatte den der Sache nach schon lange gefaßten Beschluß in Wien endlich zur Reife gebracht. Am 24. Januar wurde Wallenstein durch ein kaiserliches Patent, das fürs erste noch geheim gehalten wurde, seines Oberbefehls für abgesetzt erklärt und Gallas einstweilen mit der Führung des Heeres betraut. Zwischen Piccolomini, Aldringen und Gallas bildete sich das engste Einvernehmen. Die geheimen Botschaften gingen hin- und herüber. Schon hatte Aldringen durch Vermittelung des spanischen Gesandten Onate „die Resolution des Kaisers“ erhalten, „sich Wallensteins zu versichern durch Gefangennahme oder durch Tod“. Auch auf Franz Albrecht und Arnim hatten es die Bundesgenossen abgesehen: Der eine war ja schon in Pilsen, der andere wurde täglich dort erwartet, und beide galten als die wichtigsten Helfershelfer des großen Verräters, als Mitschuldige an der Verschwörung, die man für um so furchtbarer hielt, als man noch gar keinen bestimmten Beweis für sie in den Händen hatte. Aber der Kaiser wies den Vorschlag Aldringens, der den sächsischen Generalleutnant mit seinem Feldmarschall am liebsten „in Stücke gehauen“ hätte, zurück. Ferdinand II. war kein Freund von gewaltsamen Maßregeln, außer, wenn sie unbedingt notwendig schienen. Dagegen gab er an Heuchelei dem Italiener Piccolomini nichts nach. Wie er noch immer, freilich nur aus hilfloser Angst, um sich nicht zu früh zu verraten, schriftlich mit dem längst abgesetzten Generalissimus verkehrte, so nahm auch Piccolomini mit eherner Stirne die vertraulichen Freundschaftsbezeugungen des verblendeten, vielleicht durch seine astrologischen Spielereien getäuschten Friedländers entgegen. Der erste Versuch, sich seiner durch einen Handstreich zu

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bemächtigen, mißglückte, da Wallenstein kurz vorher die Garnison mit anderen zuverlässigen Truppen besetzt hatte. Unmittelbar darauf verließ Piccolomini Pilsen, um im Auftrage des noch immer arglosen Generals sich der Stellungen in Vorderösterreich zu versichern. Als aber der Oberst Diodati ohne Befehl Wallensteins ihm auf dem Fuße nachfolgte und sein Regiment aus der Umgebung von Pilsen fortführte, gingen dem Unglücklichen endlich die Augen auf. Jetzt erkannte er, daß der Abfall im Heere schon begonnen hatte. Aber worum es sich in Wirklichkeit handelte, wußte er noch immer nicht. Noch hatte er keine Ahnung von dem Absetzungsdekret des Kaisers oder gar von der Resolution, die ihn mit Gefangenschaft oder Tod bedrohte. In dieser Unklarheit über Ferdinands Absichten, vielleicht auch, um sich noch den Weg zu einer Verständigung mit dem Wiener Hofe offen zu halten, ließ er sich am 20. Februar von den in Pilsen versammelten höheren Offizieren einen zweiten Revers unterschreiben, der gegen die falsche Auslegung, als ob der erste Pilsener Schluß gegen den Kaiser oder die Religion gerichtet sei, protestierte, und mit diesem Reverse schickte er sogar einen seiner Obersten nach Wien, um dort seine gute Gesinnung in aller Form zu bezeugen.

Ein treuer Diener seines Herrn war Wallenstein trotzdem in diesem Augenblick nicht mehr. Gerade jetzt tat er Schritte, um den Gedanken, mit dem er schon so lange gespielt hatte, zur Tat werden zu lassen. Er fühlte, daß er um seine Selbsterhaltung kämpfen müsse. Deshalb rief er nicht bloß die Hilfe der Sachsen an, sondern wandte sich auch an die ihm bisher so verhaßten Schweden. Gern war Franz Albrecht bereit, die nötigen Botendienste zu leisten. Der wartete noch immer in Pilsen sehnsüchtig auf Arnims Ankunft, sonst aber guter Dinge und fest davon überzeugt, „daß die bewußten Sachen annoch in gar guten terminis seien“. Auch

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Diodatis Abzug, die offenbare Treulosigkeit Gallas’, Aldringens und Piccolominis entmutigte ihn nicht. Denn „die anderen wollten ja beim Herzog leben und sterben“. Aber um den Kampf mit den Abtrünnigen aufzunehmen, bedarf er sächsischer Hilfe: während Wallenstein selbst das Heer um Prag zusammenzieht, soll Arnim mit einigen tausend Pferden an der böhmischen Grenze sich bereit halten, um ihm im Falle der Not beizustehen, und ebenso sollen auch die sächsischen Garnisonen in Schlesien sich mit dem seinem Generalissimus treuergebenen Schaffgotsch in Verbindung setzen. „Es muß jetzt biegen oder brechen“, mit diesen Worten schildert der Lauenburger sehr anschaulich die Lage. „Es ist ein gemachtes Esses für uns, aber bei Gott, wir müssen den Herzog nicht lassen.“ Zum Schluß versichert er noch einmal, daß jener bei den Friedensverhandlungen jetzt alles tun werde, was Arnim begehre. – Obgleich Franz Albrecht nur als Gesandter des Kurfürsten von Sachsen in Pilsen weilte, ließ er sich von Wallenstein doch eigenmächtig noch einen besonderen Auftrag geben: er sollte zu Bernhard von Weimar, dem Feldherrn der Krone Schweden, nach Regensburg eilen und ihn ebenfalls bitten, „an den Grenzen etwas aufzuwarten, wenn’s von Nöten sein würde“. Wohlgemut machte er sich am 19. Februar in aller Frühe auf den Weg, gefällig, diensteifrig wie immer, aber auch wohl stolz darauf, daß er bei einem so großen Unternehmen in entscheidender Weise mitwirken könne. Zwei Tage später traf er in Regensburg ein, konnte jedoch Bernhard, der gerade abwesend war, erst am nächsten Tage sprechen. die beiden Herzoge kannten sich von früher her und hatten miteinander im Briefwechsel gestanden. Der Lauenburger, wie es scheint, ein guter Rechner, der die auf seinen Kriegsfahrten erworbene Beute zusammenzuhalten wußte, hatte dem Standesgenossen zur Zeit der Lützener Schlacht tausend Dukaten

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geborgt und suchte später sogar mit dieser Geldforderung die verhängnisvolle Regensburger Reise zu rechtfertigen, indem er hinzufügte, daß er damals die geliehene Summe zurückerhalten habe. Weniger Erfolg hatte er mit seinem eigentlichen Auftrage. Der Held von Regensburg konnte den jähen Abbruch der Schweidnitzer Verhandlungen und den Tag von Steinau nicht vergessen und glaubte nicht an die Ehrlichkeit des Friedländers. Umsonst ließ Franz Albrecht durch seinen Sekretär eine Abschrift des Pilsener Reverses bringen. Bernhard überflog nur vier oder fünf Zeilen und warf ihn dann fort. Als sein Gast mit immer lebhafteren Vorstellungen auf ihn eindrang, meinte er spöttisch: „Bruder, Du bist gewiß von dem Friedländer verzaubert worden, daß Du diesem Manne, hole ihn der Teufel, trauen magst“. Was er dann von Wallensteins feindseligen Absichten gegen den Kaiser hörte, ließ er, wie er an Oxenstierna schrieb, „in seinem Wert oder Unwert“; aber er wollte „keinen Hund satteln lassen oder vertrauen“. Franz Albrecht blieb vier Tage in Regensburg. Inzwischen traf ein Schreiben Ilows bei ihm ein, das böse Nachrichten enthielt: Wallenstein konnte seinen Plan, die Truppen bei Prag zusammenzuziehen, nicht mehr ausführen. Gallas hatte nach allen Seiten hin den Befehl erlassen, weder dem ehemaligen Generalissimus noch Trzka und Ilow fernerhin zu gehorchen. Die Tore der Hauptstadt wurden demjenigen, den soviele böhmische Emigranten schon als ihren künftigen König betrachtet hatten, verschlossen. Deshalb wollte Wallenstein, der den Abfall des ganzes Heeres noch immer für unmöglich hielt, der von dem neuen verschärften Absetzungsdekret des Kaisers noch nichts wußte, jetzt die treugebliebenen Regimenter näher nach der bayrischen Grenze zu bei Laun vereinigen. Die Obersten entbot er nach Eger. Dorthin brach er selbst am Morgen des 22. Februar auf. Auch Bernhard von

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Weimar wurde gebeten, in aller Eile Kavallerie und Dragoner gegen Eger vorgehen zu lassen; für das sächsische Heer sollte Franz Albrecht in seiner Eigenschaft als Feldmarschall dasselbe anordnen, und ebenso wurde Arnim statt wie früher nach Pilsen jetzt nach Eger eingeladen. – Aus dem Briefe Ilows sprach noch viel Zuversicht. Auch der Lauenburger ließ sich durch die schlimme Botschaft die gute Laune nicht verderben. „Wir wollen, wills Gott, den meineidigen Vögeln“ – so hatte Ilow die abgefallenen Generale genannt – „stattlich die Hälse brechen“, schrieb er nach Eger zurück; ohne zu ahnen, daß dieser Brief seine Bestimmung nicht mehr erreichen sollte. An demselben 25. Februar, an dem er von Regensburg die Rückreise antrat, wurde in Eger das gräßliche Blutbad vollzogen.

Ein Dreibund – Piccolomini, Gallas und Aldringen – hatte dem Gewaltigen das Heer abtrünnig gemacht, drei andere Männer, Butler, Gordon und Leßley, taten sich zusammen, um das hochlöbliche Haus Österreich von seinem Feinde zu befreien. Sie taten es aus eigenem Entschluß, ohne Kenntnis von der geheimen Weisung des Kaisers. Die Antwort auf eine Anfrage Butlers traf erst nach der Mordnacht ein. Der Irländer, der sich nicht mit Unrecht rühmte, „das Direktorium bei der Friedländerischen Execution“ gehabt zu haben, hoffte auch die beiden gefährlichsten Bundesgenossen des getöteten Rebellen unschädlich zu machen. Man versuchte Arnim, der sich endlich auf den Weg nach Eger begeben und schon bis Zwickau gekommen war, durch einen gefälschten Brief in eine Falle zu locken. Noch rechtzeitig erfuhr er, was sich inzwischen ereignet hatte. Besser glückte es mit Franz Albrecht. Butler schickte zwei Tage nach einander Streifscharen aus, um die Straßen nach der bayerischen Grenze zu bewachen, und gab ihnen, da der Lauenburger in jenem aufgefangenen Briefe an Ilow darum gebeten hatte, einen Trompeter in den

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Wallenstein’schen Farben mit. Die Gefangennahme spielt sich fast ab wie ein heiteres Zwischenspiel in einer Tragödie. Sorglos sah Franz Albrecht – es war am 28. Februar, bei Tirschenreuth, dreiviertel Meilen von Eger entfernt – den Leutnant Moser mit seinen fünfzig Dragonern auf sich zu kommen. Er zweifelte nicht, daß sein guter Freund, der Friedländer, ihn erwartete und ihm dies Ehrengeleit entgegengeschickt habe. Der Leutnant läßt ihn bei seinem Glauben, kehrt mit ihm um, und beide unterhalten sich unterwegs sehr angelegentlich über die bevorstehenden Dinge, wobei der Herzog in seiner großsprecherischen und unvorsichtigen Art aus seiner Feindschaft gegen den Kaiser gar kein Hehl macht. Endlich, als sie in die Nähe der Stadt gekommen sind, reißt der liebenswürdige Begleiter die Heuchlermaske ab. „Wie wäre es Ew. fürstl. Gnaden, wenn der Butler Ew. fürstl. Gnaden zum Kaiser schickte?“ fragt er plötzlich den verdutzten Lauenburger. Der denkt zuerst an einen lustigen Scherz und fängt an zu lachen, bis der Leutnant ihm mit gewichtigen Worten verkündet, daß er sein Gefangener sei und daß Friedland samt seinem Anhang schon den gebührenden Lohn empfangen habe. An Gegenwehr ist nicht zu denken. Franz Albrecht soll noch einen Versuch gemacht haben, den Offizier zu bestechen, muß sich aber schließlich in sein Schicksal ergeben und ihm nach Eger zu Butler folgen. Ein Page des Herzogs entfloh und brachte die Kunde zu Bernhard von Weimar nach Regensburg. Dort war inzwischen noch ein Schreiben Ilows eingetroffen, das der treue Gefährte Wallensteins schon auf dem Todeswege nach Eger abgefaßt hatte, und daraufhin hatte Bernhard seine Truppen zusammengezogen, um, wenn der Abfall des kaiserlichen Generalissimus zur Tatsache würde, die Zwietracht im feindlichen Heere zu seinem Vorteil auszunutzen, wenn es sich aber wieder um einen neuen Betrug handelte, für alle Fälle gerüstet zu sein.

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Jetzt, auf die Nachricht von der Bluttat in Eger, setzte er sich schleunigst in Bewegung, entschlossen, den Gefangenen zu befreien und gleichzeitig – und das war ihm wohl die Hauptsache – „in diesem trüben Wasser zu fischen“. Aber Gallas traf so umsichtige Maßregeln, daß Bernhard, überdies von den Sachsen nicht unterstützt, keinen Einfall nach Böhmen wagte. Franz Albrecht blieb gefangen. Mit der Leiche dessen, der für ihn im Leben immer das Vorbild eines von Erfolg gekrönten Glücksritters gewesen war, wurde er zunächst nach Mies geschafft, dann nach Pilsen zu Gallas geführt und endlich von diesem nach Wien geschickt. Alles Protestieren gegen einen so gewaltsamen Bruch des Völkerrechts half nichts. Denn wenn er auch im Auftrage des Kurfürsten von Sachsen sogar mit Wissen des Kaisers nach Pilsen gekommen war, so hatte er doch durch seine Regensburger Reise seine Befugnis als Friedensunterhändler höchst willkürlich überschritten. Nicht ganz mit Unrecht konnte ihn Gallas den „steten Botschafter und Unterhändler des vorgefallenen Conspirationswesens“ nennen. Man hoffte, daß von ihm „der rechte Grad und alle Particularitäten der boshaften Praktiken an das Tageslicht gebracht werden würden“. Ein bestimmter, handgreiflicher Beweis für Wallensteins Schuld fehlte ja immer noch; die „Exekution“ war erfolgt, ehe der Prozeß gegen den großen Verräter begonnen hatte.

Während die nach der Mordtat von Eger verhafteten Offiziere – ihrer sieben an der Zahl, unter ihnen auch sein Bruder Julius Heinrich – in Regensburg vor ein Kriegsgericht gestellt wurden, wurde Franz Albrecht selbst in seinem Gefängnis zu Wiener Neustadt am 26. April 1634 einem scharfen Verhör unterzogen. Die kaiserlichen Richter legten ihm nicht weniger als dreiundsiebzig Fragen vor, und im großen und ganzen hat er sie ziemlich der Wahrheit gemäß beantwortet.

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Er leugnet nicht einmal, daß Wallenstein über die Abhängigkeit des Kaisers von den Jesuiten und Spaniern gescholten und erklärt habe, er wolle einen rechtschaffenen Frieden auf der Grundlage der religiösen und politischen Verhältnisse von 1618 zustande bringen, ja, sogar die Waffen ergreifen gegen diejenigen, die diesen Frieden nicht annehmen würden. Von weiteren Plänen des Generalissimus, von einer Verjagung des Kaisers, von den Absichten auf die böhmische Krone, will er dagegen nichts wissen, er betont, daß jener ihn für leichtsinnig und plauderlustig gehalten und ihn darum nicht in alle seine Geheimnisse eingeweiht habe. Sich selbst sucht er natürlich nach Möglichkeit herauszureden, verwickelt sich aber, besonders, wo es sich um die Regensburger Reise handelt, vielfach in Widersprüche. – Das Verhör endete keineswegs mit seiner Freilassung. Er blieb auch weiterhin in strenger Haft und schilderte dem Kurfürsten von Sachsen in beweglichen Worten, wie man ihm nicht einmal Tinte und Feder gönne, um dem Kaiser seine Not und Unschuld zu klagen, nur einen Pagen habe er bei sich, seine einzige Hoffnung setze er auf Gott. Umsonst verwandte sich der kaiserliche Kämmerer Franz Julius von Sachsen-Lauenburg für seine beiden Brüder. Noch auf seinem Totenbette – er starb im Herbst 1634 – soll er sie der Gnade seines Herrn empfohlen haben. Aber erst ein Jahr später wurden die beiden Herzoge aus der Gefangenschaft entlassen, und bald – inzwischen war freilich Kaiser Ferdinand II. gestorben – kamen sie am Wiener Hofe wieder zu Ehren. Wenn jedoch gesagt worden ist, daß Franz Albrecht sich diese Gunst durch seinen Übertritt zur katholischen Kirche erkauft habe, so liegt kein Beweis dafür vor. Höchstwahrscheinlich wird er hier mit seinem Bruder Julius Heinrich, der ja schon längst katholisch war, verwechselt, vielleicht auch mit Franz Karl, der ehemals in schwedischen, dann in kurbrandenburgischen Diensten, gerade um diese

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Zeit zum Kaiser überging und sich ebenfalls zum Katholicismus bekehrte.

Während die beiden Brüder, der eine als Oberst, der andere als Oberst-Feldwachtmeister im kaiserlichen Heere Anstellung fanden, schien Franz Albrecht des Kriegslebens überdrüssig zu sein und sich zur Ruhe setzen zu wollen. Er kaufte das im Herzogtum Lauenburg gelegene Gut Stintenburg und richtete sich dort seinen Wohnsitz ein. Bald darauf vermählte er sich mit der mecklenburgischen Prinzessin Christine, der er als Bräutigam sehr zärtliche Briefe geschrieben hat. Die Ansprüche seiner Schwiegermutter, die mit ihrem Schwager, dem Herzog von der Schweriner Linie, um die Vormundschaft für ihren unmündigen Sohn in einen langwierigen Rechtsstreit geraten war, nahm er mit großer Hartnäckigkeit wahr und zeigte sich dabei als ein erbitterter und ränkesüchtiger Gegner. Aber auch eine gute Seite seines Charakters offenbart er in jenen Jahren. Gefällig und hilfsbereit war er ja immer gewesen. Doch eine so aufopfernde Freundschaft, wie er sie damals seinem alten Generalleutnant Arnim bewies, hätte man ihm wohl kaum zugetraut. Dieser war im Jahre 1637 von den Schweden, die ihn schon lange mit dem bittersten Hasse verfolgt hatten, auf seinem märkischen Gute Boitzenburg wider alles Völkerrecht überfallen und gefangen nach Stockholm abgeführt worden. Weder sein Landesherr, Georg Wilhelm, noch sein ehemaliger Dienstherr, der Kurfürst von Sachsen, bekümmerten sich viel um sein Schicksal, obwohl er an beide noch alte Schuldforderungen hatte. Franz Albrecht war der einzige, der für ihn eintrat, überall hin Verbindungen anknüpfte und sogar aus eigenen Mitteln den Unterhalt des Gefangenen bestritt. Arnim emtkam endlich auf abenteuerliche Weise aus seinem Gefängnis. Seine Abneigung gegen die Schweden, in denen er schon längst nicht mehr die Retter des Evangeliums, sondern

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nur noch die Peiniger und Vergewaltiger des geliebten Vaterlandes sah, hatte sich inzwischen in glühenden Haß umgewandelt. An den Plan, sie aus Deutschland zu vertreiben, setzte er die letzten Kräfte seines Lebens. In Franz Albrecht fand er dafür einen unermüdlich tätigen Bundesgenossen.

Noch eimal regte sich in dem Lauenburger der kriegerische Ehrgeiz. Auf seinen Rat beschloß Kaiser Ferdinand III., den er auf dem Regensburger Reichstage von 1640/41 persönlich aufgesucht hatte, ein neues Heer in Schlesien aufzustellen und dessen Oberbefehl dem alterprobten Arnim zu übertragen. Feldmarschall wurde Franz Albrecht, sodaß damit zwischen beiden dasselbe Verhältnis wiederhergestellt wurde, wie einst vor neuen Jahren in sächsischen Diensten. Aber Arnim war es nicht mehr vergönnt, sich an den Schweden für die ihm zugefügte Unbill zu rächen. Er starb, ehe er sein Amt antreten konnte, und nun rückte der Feldmarschall zum Oberbefehlshaber auf. Zum ersten Male in seiner langen kriegerischen Laufbahn hatte er ein selbständisches Kommando. Anfangs führte er es nicht ohne Glück, bis ihm in Torstenson ein Feldherr aus Gustav Adolfs Schule gegenüber trat, dem er nicht gewachsen war. Dazu litt er empfindlich an Geldmangel, auch die versprochenen Verstärkungen blieben aus, und so finden sich in seinen Schreiben an den Kaiser und an eine hohe Wiener Persönlichkeit dieselben Klagen wieder, die einst dem sächsischen Feldmarschall den schlesischen Feldzug verleidet hatten. Nur der Ton ist gedämpfter, weniger derb und leichtfertig; doch erklärt sich das wohl aus der höfischen Rücksicht, die er auf die Empfänger seiner Briefe zu nehmen hatte. Mit dem Namen Gottes und mit biblischen Vergleichen geht er auch jetzt noch sehr freigebig um: Er will „das Pfund, das ihm Gott gegeben, zum Dienste des Kaisers, auch mit Daransetzung seines Lebens treulich anwenden“. Mit Gottes Hilfe

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will er tun, was menschenmöglich ist, keine Mühe, Sorge und Fleiß sich erwinden lassen. Angenehm berührt das Mitleid, das er mit den armen, von den schlechtverpflegten Soldaten übel behandelten Einwohnern empfindet. Für Heuchelei braucht dieses Gefühl nicht gerade gehalten zu werden. Denn schon in früheren Zeiten hatte er solche „unchristlichen Prozeduren und Insolentien“ eifrig abzustellen versucht und in Vertretung Arnims verschiedene Mandate dagegen erlassen. An einer gewissen Gutmütigkeit, wie sie ja oft mit Leichtsinn verbunden ist, scheint es ihm nicht gefehlt zu haben. – Rasch brach das Unglück herein. Bei Schweidnitz, dort, wo er einst vergeblich mit Wallenstein über den Frieden verhandelt hatte, wurde er von Torstenson am 31. Mai 1641 mit überlegener Macht angegriffen und nach kurzem Kampf völlig besiegt. Er selbst fiel schwer verwundet in die Gefangenschaft der Feinde und erlag zehn Tage später seinen Wunden.

Für die Schweden mochte es ein ungeheurer Triumph sein, den Mann in ihre Gewalt bekommen zu haben, von dem die öffentliche Meinung noch immer behauptete, daß er einst ihrem Heldenkönige ein verräterisches Ende bereitet hatte. Selbst Oxenstierna, der von diesem Argwohn, wenn er ihn überhaupt jemals gehegt hat, gewiß längst zurückgekommen war, konnte ein Gefühl der Schadenfeude nicht unterdrücken und schrieb auf die erste Kunde von dem glücklichen Fang an seinen Sohn nach Deutschland: „Nimm ihn in guten Gewahrsam.“

Franz Albrecht war noch nicht fünfundvierzig Jahre alt, als sein verfehltes Leben zu Ende ging. Unter glücklicheren Bedingungen, in der strengen Zucht eines nach großen Gesichtspunkten geleiteten Staates, hätte dieser unselbständige, aber nicht schlecht veranlagte Geist sich vielleicht erfolgreich betätigen können. Aber in ein Zeitalter hineingestoßen, in dem alle staatlichen

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Begriffe sich aufzulösen schienen und auch alle sittlichen Begriffe wankten, fand er nirgends einen festen Halt und ließ sich von den wilden Gegensätzen, die der dreißigjährige Krieg entfesselte, hin und her treiben.

Fünfzig Jahre nach Franz Albrechts Tode erlosch auch der lauenburgische Zweig der Askanier, der noch am Anfang des Jahrhunderts so üppig geblüht hatte. Im Gegensatz zu ihren Vettern vom Hause Anhalt, aus dem so mancher wackere Kriegsheld und tüchtige Landesfürst hervorgegangen ist, haben diese Lauenburger nicht einen klangvollen Namen aufzuweisen. Der einzige, den die allgemeine Überlieferung kennt, würde in dem bunden Schwarm der Abenteurer des dreißigjährigen Krieges völlig verschwinden, wenn nicht ein böser, freilich unberechtigter Verdacht sich an seine Person geheftet hätte und wenn ihm nicht zugleich in dem Wallensteindrama eine nicht unbedeutende Rolle zugefallen wäre.


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