Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


WACKERBARTH.

Eine biographische Skizze.

[W. Dührsen]
____________________
 

Mit August Joseph Ludwig Graf von Wackerbarth sind die lauenburgischen Wackerbarth auf Kogel und Sterley im Jahre 1850 ausgestorben. Der genannte letzte Repräsentant dieses alten, dem lauenburgischen Uradel angehörenden Geschlechts, das seiner Heimath etliche tüchtige Männer gegeben hat, verdient sowohl wegen des traurigen Schicksals, das ihn betroffen, als auch wegen seiner litterarischen Fruchtbarkeit der lauenburgischen Nachwelt in’s Gedächtniß gerufen zu werden. Er ward im Jahre 1770 zu Kutschendorf (Koschendorf) in der Niederlausitz am 7. März geboren und ist am 19. Mai 1850 auf seinem Weingut Wackerbarthsruh in Kötzschenbroda bei Dresden gestorben. Er nahm 1810 den Grafentitel seiner Vorfahren an *) und nannte sich
____________________

*) Den Grafentitel scheint man regierungsseitig in Ratzeburg nicht anerkannt zu haben. Wir finden aber in dem historisch-heraldischen Handbuch zum genealogischen Taschenbuch der gräfl. Häuser 1855 (Gotha) die Notiz, daß die Grafenwürde der Familie seit dem 15. Jahrh. eigenthümlich gewesen, indeß nicht alle ihre Glieder davon Gebrauch gemacht hätten, so daß allmählich der Freiherrntitel an seine Stelle getreten, bis der k. poln. und kursächs. Staatsminister Gen.-Feldmarsch. Aug. Chr. Frh. v. W. s. d. 26. Aug. 1708 vom Kaiser Joseph I. wieder in den Grafenstand erhoben worden. Allerdings weicht das l. c. beschriebene gräfl. W.’sche Wappen von dem der Lauenburger v. W. insofern ab, als Letztere nur den Mittelschild – Roth und Silber quadrirt – als Wappen führten.

1903/9 - (77)


1903/9 - 78

auch „Raugrav“; mit welcher Berechtigung, steht dahin. *)

Sein Schicksal war insofern ein trauriges, als seine Ehe unglücklich war, er seinen Sohn in jugendlichem Alter verlor und durch seine unausgesetzten Bemühungen, ein von seinen Vorfahren dem Herzog Franz I. von Lauenburg dargeliehenes Capital mit Zinsen zurückzuerlangen, so in Vermögensverfall gerieth, daß das Concursverfahren über ihn und sein Vermögen eröffnet werden mußte. Trotz jener Bemühungen, die viel Geld verschlangen und viele Reisen erforderten, fand er doch Zeit, Vieles zu schreiben und zu veröffentlichen, was heute wohl kaum noch dem Namen nach bekannt sein dürfte. Zu den vielen von ihm verfaßten und publicirten Schriften gehört auch eine 1820 geschriebene Autobiographie, die wir zunächst hier folgen lassen.


FLÜCHTIGE SCHILDERUNG DES GRAFEN VON WACKERBARTH.

Seinen Zeitgenossen einen ihrer Mitbürger schildern wollen, der als Geschichtschreiber, Kunstkenner, Abentheurer, Güterbesitzer, Reisender, Gelehrter und Filosof längst durch ganz Europa bekannt ist, - würde eine überflüssige Arbeit seyn, besonders da wir bald eine vollständige Lebensbeschreibung von ihm und viel über ihn zu erwarten haben: jedoch da alle Menschen nicht alles wissen können, so möchte selbst eine ganz flüchtige
____________________

*) „Raugrafen“ nannten sich im Mittelalter gewisse Geschlechter, (z. B. die Grafen von Dassel u. a. m.). In dem Beiwort Rau wollen Einige das Wort „Ruh“ finden und wäre dann solcher Raugrafen Pflicht gewesen, in den Zeiten des Faustrechts Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Nach Anderen aber ist der Titel solchen Landstrichen entlehnt, die ihrer Gebirge und Waldungen, kurz ihrer Unwirthlichkeit wegen zu den rauhesten in Deutschland gehörten und den Anlaß dazu gaben, daß die damit Belehnten sich Raugrafen nannten.

1903/9 - 78


1903/9 - 79

Uebersicht seiner Existenz manchen spähenden Menschenbeobochter nicht ganz unwillkommen seyn.

Aus einer der edelsten, ältesten und vornehmsten Familien Teutschlands, die ihren Hauptsitz auf dem Stammgute Kogel im Herzogthum Sachsen-Lauenburg – eine Stunde von Ratzeburg und Mölln, 6 Stunden von Lübeck, 7 Meilen von Hamburg und 6 kleine Meilen von Schwerin – seit undenklichen Zeiten hatte, in den mittlern Jahrhunderten viele Kriege mit den benachbarten Herzögen führte, große Ländereien in verschiedenen Gegenden unsers Vaterlandes besaß, mit den beiden Kaiserhöfen und dem königlich preußischen Hause anverwandt ist, und nur durch Wohlthun, Zuvorkommenheit und Großmuth bei jeder Gelegenheit sich vortheilhaft auszeichnete – stammt unser Wackerbarth ab. Er ward geboren zu Kuschendorf bei Kottbus in der Niederlausitz im Jahre 1770, am 7ten März, früh um 7 Uhr, und erhielt in der Taufe den Namen August Josef Ludwig von Wackerbarth. Seine braven Eltern, die noch zu Ende des Jahres 1819 eben daselbst lebten, gaben ihrem einzigen Sohne eine sorgfältige Erziehung, verbunden mit aller ländlichen Freiheit, und niemand wähnte damals in seiner frühesten Jugend, daß dies Kindlein einst so viel Aufsehen in der großen weiten Welt machen, so viel Glück haben würde, und so viel Unglück erfahren müßte.

In seinem zwölften Jahre geschah seine erste Ausflucht nach dem in der Oberlausitz gelegenen Städtchen Musske, wo er bei seinen mütterlichen Groß-Eltern wohnte, mehrere Privatlehrer hatte, und ein Jahr lang in die dasige öffentliche Schule ging. Nachher kam er 4 Jahre lang auf die Stadtschule bei der Sechsstadt Kamenz in der Oberlausitz, dann zwei Jahre auf die Hochschule zu Wittenberg, und eben so lange auf die berühmte Universität zu Göttingen. Ueberall waren seine Lehrer ungemein zufrieden mit ihm, überall erwarb er sich

1903/9 - 79


1903/9 - 80

Liebe, Achtung und Freundschaft, und überall gab er schon früh mancherlei Beweise seines aufstrebenden Geistes. Ehe er Göttingen verließ, hatte er schon ein halbes Dutzend allgemein geschätzter Historischen Werke drucken und öffentlich austheilen lassen, die damals gleichsam mit Heißhunger verschlungen wurden.

Nun lebte er ungefähr ein Jahr in Dresden und Leipzig, ging hierauf nach England durchstrich die brittische Insel auf allen Seiten, fuhr nach Amerika, schiffte über nach Ostindien, kam wieder nach London, kehrte nach seinem Vaterlande zurück, hielt sich abwechselnd in Wien, Hamburg und Dresden, oder in den Umgegenden auf, machte mehrere Streifzüge ins Ausland, unter andern nach Italien und in die Türkei, und wohnte seit dem Jahre 1801 eigentlich ganz in Niedersachsen, größtenteils zu Hamburg, Lübeck und auf der kleinen, freundlichen, romantischen, aber mit juristischem Ungeziefer angefüllten Insel von Ratzeburg. Nicht wenige Liebesabentheuer bestand er hie und da.

Er hatte eine sehr wichtige Forderung, die sich über hundert Millionen Louisd’or belief, an das Herzogthum Sachsen-Lauenburg und Hannover, die bei dem Reichskammergerichte zu Wetzlar in allen Instanzen glücklich gewonnen, und längst bis zur Exekution förmlich ausgeklagt worden war. Er suchte sie geltend zu machen während der französischen Okkupazion, lebte deswegen oft und lange in Paris, hatte mehrere seltsame Auftritte mit dem ehemaligen Kaiser Napoleon, erhielt immer die schönsten Versprechungen, aber nie die Erfüllung von Thatsachen, befand sich seit dem September 1812 meistentheils wieder zu Hamburg, oder in der dasigen Gegend, und vegetirte seitdem daselbst als bloßer Privatggelehrter, keinen Antheil nehmend an den großen politischen Welthändeln, sich ausschließlich den Künsten und Wissenschaften weihend, oft mit allen Elementen kämpfend, in unaufhörlichen Prozessen verwickelt.

1903/9 - 80


1903/9 - 81

Mehrere ernsthaften historischen Werke werden die Früchte seiner einsamen Musse und Zurückgezogenheit bald öffentlich beurkunden.

Während er in Paris seine Reklamazion geltend zu machen suchte, vereinigte sich im Frühjahr 1811 eine Bande von Spitzbuben, die unter dem heuchlerischen Ehrentitel von Advocaten und Rechtsgelehrten, die friedlichen Bürger brandschatzen, schlossen ein Bündniß zusammen mit feilen oder erbitterten Regierungen, fielen in seiner Abwesenheit meuchlings über ihn her, versiegelten alle seine Haabseligkeiten, nahmen ihm unter mancherlei Vorwand ALLEs, auch durchaus ALLES ab, ja sogar seine Büchersammlung, seine Handschriften, Briefe und sonstigen schriftlichen Aufsätze, theilten sich freundlich in ihren Raub, ließen ihn gefühllos schmachten, verspotteten ihn, und gaben ihm weder zu leben, noch Rede, Antwort und Rechnung über ihr freches Betragen. Es wird schwer, sich einen richtigen Begriff zu machen von dieser kalten, wilden Grausamkeit.

Um den Frevel bis ans Unerhörteste und Beispielloseste zu treiben, erklärte ihn der Kammerkonsulent Sponagel zu Ratzeburg, nachdem er ihm alles abgenommen und alles in seinen Klauen behalten, sogar noch obendrein für verstandesverworren. Eine grössere Bosheit gegen einen unschuldigen, von ganz Europa geschätzten Gelehrten mit so ungeheuer frecher Stirn in unsern Tagen auszuüben – ist beinahe unmöglich zu glauben, und doch wahr. Wir leben wahrscheinlich in einen saubern Zeitalter!

KEINE, auch gar keine Regierung auf Erden hatte Ohren, den Unterdrückten und so hart Gemißhandelten zu hören, noch weniger den guten Willen, sich seiner anzunehmen, ihm zu helfen, oder ihm etwas für seine auf Wahrheit, Recht und Gesetz gegründete Forderung zu bewilligen und auszahlen zu lassen. Dieser Prozeß ist einer der allerwichtigsten, merkwürdigsten und gräu-

1903/9 - 81


1903/9 - 82

lichsten von ganz Teutschland: er wird daher zur Belehrung des Menschengeschlechts einst öffentlich bekannt gemacht werden, eben so, wie die Art und das Mittel, wodurch ein unrechtmässiger Weise so tief Gekränkter und bis aufs aller äusserste Verfolgter, trotz aller niederträchtigen, hämischen und elenden Kabalen, zu einem weit größeren Vermögen und Ansehen gelangte, als je vorher.

Er nahm im Jahre 1810 den Grafen-Titel seiner Vorfahren, die ihn seit 300 Jahren mit so viel Verdienst, Ruhm und Ehre geführt, wiederum öffentlich an: alle Kaiser, Könige und Fürsten von Europa erkannten ihn dafür an: blos einige seiner erbittertsten und unversöhnlichsten Feinde in Ratzeburg rümpften höhnend die Nase darüber, und gaben dadurch nur desto deutlicher ihre geifernde Bosheit, ihre erbärmliche Mißgunst und ihre verstockte Engherzigkeit zu erkennen.

Zu seinen seltsamen Abentheuern könnte man bestimmt auch seine höchst unglückliche Verheiratung im Jahr 1804 zählen mit der tugendsamen ehrenfesten Jungfrau, der zweiten Baroneß Friederike Sofie von Schwendendorff aus dem Hause Dölitz bei Leipzig, die damals zu den ersten Schönheiten von Sachsen gehörte. Er lebte nur eine sehr kurze Zeit mit ihr zu Ratzeburg: sie verband sich mit seinen Feinden, entwich von ihm aus Hamburg am 1sten Januar 1811, ward mehrere male aufgefordert, und kehrte, im Bewußtsein ihrer Verbrechen, nie wieder zurück.

Er zeichnete und mahlte in seiner Jugend viel, radirte in Dresden auch mehrere historischen Blätter, und der Aufsicht seines dasigen Freundes, des geschickten und berühmten Professors Schulz. An Kunstkenntniß, Scharfblick und Kunstgeschichte kamen ihm nachher wenige gleich; und sein Ruf war in dieser Hinsicht in Paris so groß, daß ihn die vorzüglichsten dasigen Kunsthändler

1903/9 - 82


1903/9 - 83

und Kunstliebhaber wirklich sehr oft beim Einkauf von Kunstsachen um seine Meinung befragten, und willig seinen Rath befolgten. Selbst der berühmte Denon, Directeur des Musée Napoleon, kam oft zu ihm, fragte ihn um seine Ansicht, und berathschlagte sich mit ihm über den zu verfertigenden Katalog der prachtvollen Kunstwerke der großen kaiserlichen Gemählde-Sammlung.

Seine schöne Kunstsammlung übertraf die meisten andern Privat-Sammlungen von ganz Europa: sie bestand aus sehr vielen Kupferstichen, Holzschnitten, alten Handzeichnungen, und einer vortrefflichen Sammlung antiker Urnen, Vasen, teutscher und indischer Waffen. Seine Gemähldesammlung, trotz aller schmerzlichen Verluste vieler ächten Originale der besten Meister des Alterthums, besteht noch jetzt aus etwa 4000 sehr guten Bildern, die sich aber in diesem Augenblick zerstreut befinden, indeß hoffentlich bald in einem geräumigen Saale aufgestellt werden, zur Freude und Bewunderung aller wahren Kunstverehrer.

Er ist oft gemahlt, gezeichnet, auch in Kupfer gestochen worden, zum Beispiel in Dresden von Rösler gezeichnet und von Uhlemann in punktirter Manier gearbeitet, in Hamburg von Frank gezeichnet und von Semmelrahn gestochen. So eben hat der berühmte Herr Professor Suhr in Hamburg eine schöne vollständige Zeichnung in Lebensgröße von ihm verfertigt, die auch bald von ebendemselben, auf Kupfer gebracht, öffentlich erscheinen wird. Der talentvolle Herr Martin aus München, jetzt in Hamburg, hat ihn neuerlichst ziemlich richtig gezeichnet und äußerst geschmackvoll in Steindruck abkonterfeiet.

Sein Körper ist groß, über 6 Fuß hoch, stark und sehr gut gewachsen, durch ewige Reisen und unzählige Strapazen abgehärtet. Er hat dunkelbraune Haare, himmelblaue Augen, ein volles Gesicht, eine gesunde

1903/9 - 83


1903/9 - 84

Farbe und eine sehr glückliche Bildung, die alle Menschen schon im Voraus für ihn einnimmt. Sein Geist ist unaufhörlich thätig, sein Verstand überall durchdringend, sein Karakter fest entschlossen, sein Betragen still und bescheiden, seine Denkungsart erhaben und groß: eben so nachgebend, sanft und kindlich, als einmal zum Zorn gereizt, wüthend, heftig und tobend. Keine Arbeit scheuend, fand er in den allerschwierigsten Beschäftigungen stets sein höchstes Vergnügen. Alle Armen, Unglückliche und Nothleidende trafen in ihm an einen treuen Freund, uneigennützigen Beschützer und großmüthigen Vater. Aechte Originalität, im schönsten Sinne des Wortes, karakterisirt ihn vielleicht mit jedem Pulsschlage. In allem Betracht noch eine wahre Ur-Natur.

Wie die berühmte Forderung des Grafen an das Herzogshaus von Lauenburg und demnächst an dessen Rechtsnachfolger, Hannover und Dänemark, entstanden, ergiebt sich aus der 1813 gedruckten „Reklamazion des Raugrav’s von Wackerbarth“, die wir hier wörtlich folgen lassen.

„Die Reklamazion des Raugrav’s von Wackerbarth ist gerecht und wahr: kein Mensch, der fünf gesunde Sinne hat, kann sie leugnen: das heilige Recht der Natur, das Recht aller zivilisirten Völker der Erde, das römische Recht, der Code Napoleon und alle andern Rechte der Welt bestätigen die Wahrheit derselben: alle Dekrete der teutschen Kaiser sind zu seinen Gunsten: das Reichskammergericht zu Speier und Wetzlar hat unaufhörlich zu seinem Vortheile entschieden, und mehrere wiederholte Befehle an die benachbarten Fürsten zur Beendigung und zur Exekuzion derselben gegeben: - Se. Majestät der Kaiser Alexander, der Einziggeliebte, bei seinem Aufenthalte zu Erfurt, und Se. Majestät der Kaiser Napoleon, haben im Jahre 1808 die Rechtmäßigkeit dieser Reklamazin gefühlt – haben die Gnade

1903/9 - 84


1903/9 - 85

gehabt, sie als wahr anzuerkennen, und den guten Willen geäußert, ihm eine Entschädigung zu geben, die der Forderung angemessen sein sollte.

Nach den mannigfaltigen Kriegen, die Deutschland im sechszehnten Jahrhunderte verwüstet haben, brauchte der Herzog Franz der ältere von Saxen-Lauenburg etc. etc. zu den nothwendigsten Bedürfnissen des Landes und zu seinen eigenen dringenden Ausgaben eine Summe baaren Geldes. Trotz aller Anstrengungen konnte er es nicht finden: alle Bemühungen waren verlohren: man traute dem Herzoge nicht. In dieser Verzweiflung wendete sich der Herzog an seine Vettern, die Vorfahren des Raugrav’s von Wackerbarth, die damals in der teutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, und die gränzenloses Vertrauen bei allen Nachbaren besaßen.

Der Herzog Franz der ältere von Saxen-Lauenburg etc. etc. machte im Jahre 1565 von einem Herrn von Perkenthien ein Anlehn von 5000 Mark Silber, und da er es nicht auf seinen Namen erhalten konnte, so bürgten für ihn feierlich seine Vettern, die Vorfahren des Raugrav’s von Wackerbarth. Der Darleiher forderte nach zehn Jahren sein Geld zurück, und da es der Schuldner nicht bezahlen konnte, mußten die gutherzigen Bürgen es im Jahre 1578 schlechterdings mit allen Zinsen und Kosten bezahlen, was zusammen die Summe von 11,500 Mark betrug – die damalige Mark zu drei Louisd’or gerechnet, macht nach unserm heutigen Gelde ungefähr 34,500 Louisd’or.

Der Herzog von Saxen-Lauenburg, Franz der ältere, hat dagegen seinen Vettern die Hypothek auf das ganze Herzogthum Saxen-Lauenburg und seine übrigen Besitzungen gegeben, besonders ihnen aber die drei Güter Hollenbeck, Lehmrode und Brunsmarck feierlich abgetreten, solchergestalt, daß sie sogleich mit diesen drei Gütern gänzlich nach freier Willkühr schalten und walten
 

1903/9 - 85


1903/9 - 86

konnten. Diese ausgefertigte Verschreibungs-Urkunde sowol, als die Obligazion, beide vom Jahre 1565, findet sich im Original einmal in der Kanzlei der Regierung zu Ratzeburg und einmal im Archiv des Reichskammergerichts zu Wetzlar.

Das Hofgericht, oder die Regierung zu Ratzeburg, das Ober-Appellazionsgericht zu Zelle und die ganze Regierung zu Hannover haben diese Forderung noch im Jahre 1788 als rechtmäßig und wahr anerkannt. Dasselbe ist von diesen Regierungen in einem Berichte geschehen, den sich der Kaiser Napoleon von seinem Hauptquartier zu Berlin aus detaillirt von diesen Regierungen im Jahre 1806 und einigen nachher deswegen ernannten Commißionen über den Raugrav von Wackerbarth hat abstatten lassen. Es findet also hier keine Verjährung Statt.

Der Vater des Raugrav’s von Wackerbarth hat diesem letztern im Jahre 1804 alle seine Güter, alle Ansprüche und Rechte im Herzogthum Saxen-Lauenburg durch eine feierliche Urkunde abgetreten. Der Raugrav von Wackerbarth ist der Letzte seiner Familie, und also rechtmäßiger Eigenthümer dieser Forderung.

Vor ungefähr 4 Jahren hat der Kaiser Napoleon diese drei Dörfer, vielleicht durch einen Irrthum, an zwei seiner Marschälle geschenkt. Hollenbeck gehört seitdem dem Herzoge von Friaul-Duroc, und Lehmrode und Brunsmarck dem Herzoge von Elchingen-Ney. Der Raugrav von Wackerbarth hat auf der Stelle dagegen protestirt, und dem Kaiser sowol als den beiden Marschällen die Protestazionen zugeschickt. Trotz aller süßen Versprechungen ist alles bis jetzt beim Alten geblieben. Wer konnte das von einem weisen Gesetzgeber erwarten?

Die Vorfahren des Raugrav’s von Wackerbarth haben auf diese ganze Forderung nichts weiter erhalten,

1903/9 - 86


1903/9 - 87

als die Interessen zu 6 Prozent von den ersten zwei Jahren, und dann einmal von dem Kurfürsten von Hannover vor dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts als ein Accompte 6000 Thaler in Species, wodurch die Rechtmäßigkeit der Reklamazion nur noch um desto deutlicher anerkannt worden ist.


Die Kosten, die Verluste und Teufeleien dieses ungeheuren Prozesses, dieses ewigen Rekapitulierens und dieser unaufhörlichen Täuschungen gränzen an das Unglaubliche.

Der Raugrav von Wackerbarth hat alles angewandt und nichts unterlassen, was nur in seinen Kräften gewesen ist, um doch wenigstens einmal das langersehnte Ende dieser Reklamazionen vor sich zu erblicken, um alle erlittenen Unglücksfälle seiner Familie vergessen zu lassen, und um seines Namens und seines Standes würdig leben zu können. Er selbst hat mehr als 50,000 Louisd’or in baarem Gelde dabei aufgeopfert, blos in dem festen und guten Glauben, daß ihm baldmöglichst Gerechtigkeit wiederfahren müßte.

Nach allen Regeln der Arithmetik, nach den Grundsätzen der aufgeklärtesten Banquiers, nach allen Gebräuchen der Billigkeit aller gewerbetreibenden Menschen und nach allen möglichen, Geldgeschäfte berücksichtigenden Gesetzen ist es gewiß erlaubt, fünf Prozent jährlich vom Kapitale zu nehmen. Ob in der Verschreibung gleich vom Herzoge selbst 6 Prozent versprochen worden sind, so sei die Rechnung doch nur zu 5 Prozent angegeben.

Es ist sehr bekannt, daß sich jedes Kapital, zu 5 Prozent jährlich, in Zeit von zwanzig Jahren durch seine eigenen Zinsen verdoppelt. Nach dem griechischen, römischen, teutschen, englischen, russischen, preussischen, chinesischen und französischen Rechte, nach dem Art. 1154 des Code Napoleon selbst, und nach diesem Kalkul

1903/9 - 87


1903/9 - 88

zu 5 Prozent beträgt die Reklamazion des Raugrav’s von Wackerbarth, ohne die ungeheuren Unkosten und ohne die Nichtbenutzung seit so langer Zeit, die Summe von 100,979,000 Louisd’or.

Zur bessern augenscheinlichen Ueberzeugung sehe man hier die Berechnung selbst:

Diese unleugbare, auf das geringste gerechnete Forderung betrug

Im Jahre 1580 34,500   Louisd’or
Im Jahre 1600 69,000   Louisd’or
Im Jahre 1620 138,000   Louisd’or
Im Jahre 1640 276,000   Louisd’or
Im Jahre 1660 552,000   Louisd’or
Im Jahre 1680 1,104,000   Louisd’or
Im Jahre 1700 2,208,000   Louisd’or
Im Jahre 1720 4,416,000   Louisd’or
Im Jahre 1740 8,832,000   Louisd’or
Im Jahre 1760 17,664,000   Louisd’or
Im Jahre 1780 35,328,000   Louisd’or
Im Jahre 1800 70,656,000   Louisd’or
Im Jahre 1810 100,979,000   Louisd’or

Jeder denkende und vernünftige Mensch muß diese gerechte Forderung des Raugrav’s von Wackerbarth als wahr anerkennen: jeder aufgeklärte Jurist muß sie bestätigen: jeder große Held wird sie ihm bewilligen. Wo ist der edle Fürst, der sie ihm nicht gern genießen lassen sollte?“

Da diese Reklamation keinerlei Erfolg hatte, sah sich der unglückliche Graf gemüßigt, sich 1826 an den inzwischen selig entschlafenen Bundestag in Frankfurt a. M. mit der nachstehenden Eingabe zu wenden. Darnach betrug 1820 mit den aufgelaufenen Zinsen die Forderung die ungeheure Summe von 200,704,000 Louisd’or! Die Eingabe lautet wie folgt:

1903/9 - 88


1903/9 - 89

„An die  
Erlauchten Mitglieder des hohen Bundestages
  zu Frankfurt am Main.

Kurze Uebersicht der Forderung des Grafen Wackerbarth an das Herzogthum Sachsen-Lauenburg, Hannover und Dänemark, und die Bitte um schleunige Bezahlung derselben.

Die Forderung oder Reklamazion des Grafen Wackerbarth ist gerecht und wahr und nicht verjährt, einzig auf die Gesetze aller Völker, auf die Grundverträge aller Nazionen gestützt.

Die Vorfahren des Grafen Wackerbarth – die beiden Brüder Claus und Joachim – mußten 1565 gutsagen für die Summe von 5000 Mark Silber für den Herzog Franz den älteren von Sachsen-Lauenburg usw., die er von einem Herrn von Perkenthien erborgt, und die zum Besten des Landes verwendet worden. Für diese Gefälligkeit wurden ihnen drei Dörfer: Hollenbeck, Lehmrode und Brunsmark, die an das ihnen schon gehörende Gut Kogel grenzen, erb- und eigentümlich verschrieben und geschenkt.

Da weder der Herzog, noch das Land, noch die Stände jene Summe berichtigen, so wurden die Bürgen 1578 mit Gewalt gezwungen, nicht nur jene 5000 Mk. Silber, sondern auch alle, bis dahin aufgelaufenen Zinsen und Kosten baar in klingender Münze zu bezahlen, was 11 500 Mark Silber, oder, nach den genauesten Rechnungen unserer besten Münzverständigen, 36 500 Louisd’or betrug.

Der Herzog von Lauenburg ließ blos die Zinsen der ersten beiden Jahre an seine Bürgen, die Wackerbarthe, auszahlen: an die Bezahlung des Kapitals selbst wurde eben so wenig gedacht, als jene drei Dörfer jemals ausgeliefert oder tradiert wurden.

1903/9 - 89


1903/9 - 90

Darüber entstand ein fürchterlicher Prozeß bei dem kaiserlichen Reichskammergericht zu Speier und nachher zu Wetzlar zwischen den Wackerbarthen und dem Herzoge von Sachsen-Lauenburg, der vom Kaiser unaufhörlich zur Bezahlung der sich täglich vergrößernden Schuld, und zur Ablieferung der drei verschriebenen Dörfer verurteilt wurde: allein dieser leistete keinen Gehorsam, die kaiserlichen Befehle blieben unbeachtet, und es ward nichts bezahlt. Die Sache ward endlich bis zur Exekution ausgeklagt, und dieselbe dem Herzog von Braunschweig und dem Könige von Schweden in der Eigenschaft des Herzogs von Oldenburg, als den beiden kreisausschreibenden Fürsten des niedersächsischen Kreises zur Ausführung übergeben.

Mittlerweile starb der letzte Herzog von Lauenburg, 1689. Jetzt entstand ein neuer Streit über die Erbschaft von Lauenburg usw. zwischen dem Kurfürsten von Sachsen, dem Kurfürsten von Hannover und dem Hause Anhalt: die Wackerbarthe protestirten dagegen. Hannover nahm das Herzogtum in Besitz, versprach, sich mit den Wackerbarthen gütlich abzufinden, gab auch wirklich an einen derselben 6000 Spezies als ein Accomte, und wollte das Uebrige nach und nach ferner abtragen. Der Prozeß in Wetzlar ging unterdessen seinen Gang fort: allein es ist seitdem auch nicht ein Kreutzer von Hannover an die Gläubiger abgetragen, oder auch nur einmal die drei Dörfer ausgeliefert worden.

So ungefähr standen die Sachen, als die Franzosen 1803 Hannover und Lauenburg mit ihren Heeren überströmten.

Da dem Graf Wackerbarth im Jahre 1804 das Gut Kogel mit allen Rechten und Ansprüchen an das Herzogtum Lauenburg zufiel, so wendete er sich an die damalige Landesregierung, bat um Berichtigung der Schuld-Forderung, um Auslieferung der unrechtmäßig zurückgehaltenen, durch den Holzniederschlag total

1903/9 - 90


1903/9 - 91

ruinirten drei Dörfer und um Vergütung der ausgelegten Prozeßkosten: allein, so unendliche Mühe er sich auch gegeben, so viele Unruhe er auch deswegen gehabt, und so gewiß wahr es auch ist, daß er mehr als eine halbe Million Thaler, oder eine ganze Million Gulden, dadurch verloren, so erreichte er damals von der französischen Regierung doch nichts weiter als bloße Versprechungen, die unerfüllt blieben.

Nachdem sich zu Wien, im Jahre 1814-1815, der Monarchen-Kongreß gebildet, und das Schicksal der Welt entschieden, überreichte der Graf Wackerbarth seine Ansprüche an Lauenburg und Hannover den Kaisern, Königen und sämtlichen Ministern Europens, und bat um eine endliche Beendigung seiner Reklamazion: allein außer einigen Untersuchungen, Nachfragen und freundlichen Vertröstungen ist, bei der schnellen Auflösung desselben, alles beim Alten geblieben.

Der König von Großbrittannien und Hannover ließ 1815 durch einen seiner beauftragten Amtleute alle wichtigen Papiere in 16 großen Kisten, auf der Regierungskanzlei des Herzogthums Sachsen-Lauenburg zu Ratzeburg, einpacken und nach seiner Residenz schaffen, worunter sich viele wichtigen Schriften über die Prozeß-Angelegenheit des Grafen Wackerbarth befanden.

Als im Jahre 1816 ein Theil des Herzogthums Sachsen-Lauenburg von Hannover an Preußen, von diesem gleich in derselben Stunde an den König von Dänemark abgetreten, und einige Jahre darauf von Hannover und Dänemark eine Liquidazions-Kommission zu Hamburg ernannt wurde, so verfehlte der Graf Wackerbarth nicht, sich an dieselbe in einer bündigen Vorstellung zu wenden, und um die Berichtigung seiner Forderung zu bitten: allein man hat seine heiligen und gerechten Ansprüche mit Stillschweigen beant-

1903/9 - 91


1903/9 - 92

wortet. *) Eben so wenig haben die Regierungen von Hannover, Kopenhagen und London für ihn gethan, ob er gleich weiß, daß über diesen Gegenstand viel unterhandelt worden.

Um einen richtigen Ueberblick der reinen Forderungen zu erlangen, ist es nothwendig, hier die Zinsen mit dem Kapitale anzuführen, das sich zu 5 Prozent – obgleich in der Original-Obligation des Herzogs Franz, vom Jahre 1565, jährlich 6 Prozente zu geben, verschrieben stehn – in 20, eigentlich aber schon innerhalb 14 Jahren verdoppelt.

Also war die Schuld des Herzogtums Sachsen-Lauenburg an die Wackerbarthe

Im Jahre 1580 36,500   Louisd’or
Im Jahre 1600 73,000   Louisd’or
Im Jahre 1620 146,000   Louisd’or
Im Jahre 1640 392,000   Louisd’or
Im Jahre 1660 784,000   Louisd’or
Im Jahre 1680 1,568,000   Louisd’or
Im Jahre 1700 3,136,000   Louisd’or
Im Jahre 1720 6,272,000   Louisd’or
Im Jahre 1740 12,544,000   Louisd’or
Im Jahre 1760 25,088,000   Louisd’or
Im Jahre 1780 50,176,000   Louisd’or
Im Jahre 1800 100,352,000   Louisd’or
Im Jahre 1820 200,704,000   Louisd’or

Man hat dagegen vorgebracht, daß dies eine Allodial- und keine Lehns-Schuld wäre: allein diese Einwendung ist ungegründet, nur scheinbar ein ganz fades, widersinniges Geschwätz, eine theatralische Ausflucht: denn was zum Vorteil des Lehns verwandt und geborgt worden, wird ja zum Lehn selbst und muß wieder zurück bezahlt werden: das, einem Dritten zu-
____________________

*) Da er dem hannöverschen Minister zu Hamburg deswegen stark anging, so antwortete ihm dieser endlich: „Ich habe den Auftrag, Ihnen überall nicht zu antworten.“ v. Duwe.

1903/9 - 92


1903/9 - 93

gehörige Geld kann, ohne hinreichende Ursache, durch erbärmliche, juristische Spitzfindigkeiten, nie das Eigentum eines Vierten werden. Oder hat der gutherzige Gläubiger auch schon in dem Augenblicke immer sein Vermögen verloren, wenn er dasselbe einem listigen Lehnsbesitzer anvertraut? Gott bewahre uns in Teutschland vor solchen bösartigen höllischen Grundsätzen!

Der Graf Wackerbarth bittet in aller Unterthänigkeit die Erlauchten Mitglieder der hohen teutschen Bundesversammlung und alle unparteiischen Männer, dahin zu wirken und zu verfügen, daß ihm seine rechtmäßige Forderung, mit Kosten und allen, von ihm dabei erlittenen Verlusten, oder ein angemessenes Abfindungsquantum, oder eine jährliche, anständige Rente von Hannover oder Großbrittannien und Dänemark so geschwind als nur möglich ausbezahlt und die drei, ihm so lange vorenthaltenen Dörfer ungesäumt tradirt werden, damit nicht länger über Europa seufze diese himmelschreiende Ungerechtigkeit.

 Wackerbarthsruhe, den 1. April 1826.
  gez.: Wackerbarth.“

Die Antwort lautete natürlich ablehnend:

„Sr. Hochgeboren,  

dem Herrn Grafen von Wackerbarth

in Wackerbarthsruhe bei Dresden.


Auszugs Protokolls der achtzehnten Sitzung der deutschen Bundesversammlung vom 28. Juni 1826.

§ - Die deutsche Bundesversammlung hat, auf die Forderung des Grafen von Wackerbarth an das Herzogthum Sachsen-Lanenburg, Hannover und Dänemark, beschlossen:

Dem Grafen Wackerbarth zu eröffnen, daß seinem, bei der hohen Bundesversammlung eingereichten Ge-

1903/9 - 93


1903/9 - 94

suche, wegen Mangel der Competenz, keine Folge gegeben werden könne.

Bundes-Präsidial-Kanzlei.

Freiherr von Handel
als Kanzlei-Director.“

Dem ablehnenden Bescheide fügte der Graf folgendes hinzu:

„Im Sommer 1829 hörte der Graf Wackerbarth mit Verwunderung, daß Se. Majestät der König von Dänemark sich alle Acten, die seinen Prozeß beträfen, zu Wetzlar ausliefern ließe. Er säumte nicht, gegen dieses Verfahren bei dem sehr thätigen und gewandten königl. preuß. Herrn Hofrath Dr. Dietz, als Vorsteher des teutschen Reichsarchivs zu Wetzlar, eine Protestazion und Appellazion einzulegen: allein dieser hielt sich nicht für berechtigt, über diese Sache zu entscheiden, sondern wendete sich an den hohen Bundestag zu Frankfurt am Main, der da in seiner Weisheit entschied, daß dem Graf Wackerbarth kein Gehör gegeben werden könne.

Solchergestalt sind alle Papiere, Acten und Dokumente der Familie Wackerbarth – über 20 große Folianten eines höchst wichtigen, teutschen, zweihundertjährigen Prozesses, mit allen Entscheidungen von Kaiser und Reich – nach Dänemark gewandert. Das heißt Gerechtigkeit in teutschen Gauen – im Jahre 1830!

Wackerbarth.“ *)

So scheint der unglückliche Graf, der sich fortwährend in Geldnöten befand, auf seine ursprünglich
____________________

*) Die Reichskammergerichtsakten sind s. Z. den betreffenden Regierungen ausgeliefert und werden, soweit sie Streitsachen aus den Herzogtümern betreffen, jetzt im Staatsarchiv zu Schleswig asservirt, dem sie vom königl. Appellationsgericht in Kiel übergeben worden sind. (cf. Jahrb. III 2 p 110 ff). Aber auffallend ist es, daß in dem l. c. mitgeteilten Verzeichnis dieser Akten sich ebenso wenig eine den fragl. Prozeß betreffende befindet, als bei den Jahrb. I 1 p 74 verzeichneten Reichshofratssachen. Wo mögen sich diese Akten befinden?

1903/9 - 94


1903/9 - 95

sicher ganz wohlbegründete Forderungen, die sich schon 1820 auf fast 300 Millionen Louisd’or belief, nicht einen Pfennig erhalten zu haben. Das Herzogshaus starb 1689 aus, die Rechtsnachfolger im Besitz des Herzogthums lehnten die Anerkennung des Anspruchs ab, weil es sich um keine Landesschuld handelte, da der ewig geldbedürftige Herzog Franz I. das Darlehen für sich verwendet hatte, und die Allodialerben des letzten Askaniers waren nicht in der Lage, derartige Schulden begleichen zu können. Sehr unbequem mag aber den Rechtsnachfolgern im Herzogthum Lauenburg, besonders dem dänemarkischen Hofe die Sache geworden sein und es ist daher keineswegs ausgeschlossen, daß, wie der Graf vermutet, man die Prozeßakten, die umfangreich genug gewesen sein werden, hat verschwinden lassen, um den unglücklichen Prozeß sich verbluten zu lassen.

Hören wir nun noch, was die deutsche Adelszeitung in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts über den Grafen schreibt:

„Aug. Jos. Ludw. Graf v. Wackerbarth, geboren am 7ten März 1770 zu Kuschendorf bei Kottbus in der Niederlausitz.

Das Geschlecht des Grafen von Wackerbarth, dessen Stammgut, Kogel, in dem Herzogthum Sachsen-Lauenburg liegt, gehört zu den urältesten Deutschlands. Schon Kaiser Karl der Große ernannte einen Wackerbarth zum Bischofe von Lyon, und im Jahre 1261 waren zwei Wackerbarthe Domherren in Ratzeburg.

Der Sprößling dieses alten Geschlechtes, den wir hier unsern Lesern vorführen, ist als Geschichtsschreiber, Kunstkenner und Gelehrter bekannt; besonders merkwürdig aber ist sein, an den buntesten Schicksalen, an dem Wechsel von Glück und Unglück reiches Leben und wenn wir eine kurze Schilderung von den manichfachen Schicksalen des Mannes geben, den man sich durch das beigefügte Bild vergegenwärtigen kann, so wird dies,

1903/9 - 95


1903/9 - 96

wie wir uns zu schmeicheln wagen, den Lesern der Adelszeitung keine unwillkommene Gabe sein.

Die seltenen Anlagen, welche die Natur dem Knaben verliehen, wurden durch eine sorgfältige Erziehung unterstützt, und noch ehe er die Universität Göttingen verließ, (früher hatte er zwei Jahre in Wittenberg studiert,) gab er mehrere historische Werke heraus, die große Annerkennung fanden, und in jener Zeit eifrig gelesen wurden. Wir nennen davon besonders

„Parallelle [sic!] zwischen König Ludwig XIV.
und Kaiser Aurongzeb.“

Als er die Universität verlassen hatte, lebte er von 1794 bis 1795 abwechselnd in Dresden, Wien und Leipzig. Allein den Jüngling trieb es hinaus, die Welt zu sehen, und so machte er seinen ersteren größeren Ausflug nach London. Von hier aus durchstrich er die Brittische Insel nach allen Richtungen; allein diese KLEINEN Reisen genügten dem glühenden jungen Manne nicht. Er sehnte sich nach Abenteuern, nach Gefahren, und durch die hinlänglichen Mittel unterstützt, seiner Reiselust zu genügen, ergriff er eine sich ihm darbietende Gelegenheit, und segelte hinüber nach Amerika. Doch nicht lange gefiel es ihm in diesem Lande, das der Schwärmerei ungleich mehr Stoff zum Lobe aus der Ferne bietet, als in der Nähe zu befriedigen vermag, und unser Wackerbarth segelte weiter, nach Ostindien.

Nach Jahren erst kehrte er nach London zurück, indeß hielt er sich hier nicht lange auf, sondern die Sehnsucht zog ihn nach dem Vaterlande, das auf jedes fühlende, empfängliche Herz stets einen so eigenthümlichen Zauber ausübt. Wechselweise hielt sich unser Wackerbarth in Wien, Hamburg und Dresden auf, bis er sich nach einigen KLEINEN Abstechern nach Italien und in die Türkei, im Jahre 1801 in Nieder-Sachsen fixirte, und bald in Hamburg, bald in Lübeck, bald endlich auf der Insel Ratzeburg lebte.

1903/9 - 96


1903/9 - 97

Ein erwähnenswerther Umstand ist eine bedeutende Forderung, welche Wackerbarth -, der im Jahre 1810 den Grafentitel, welchen seine Familie seit einiger Zeit hatte ruhen lassen, wieder annahm – an das Herzogthum Sachsen-Lauenburg zu machen hatte. Sie rührte davon her, daß zwei seiner Vorfahren im Jahre 1565 dem damaligen Landesherrn die Summe von 15 000 Mark Silber zu 6 Procent Zinsen vorgeschossen hatten. Dadurch, daß weder Kapital noch Zinsen gezahlt wurden, war die Summe mit der Zeit bis auf hundert Millionen Louisd’or angewachsen (im Jahe 1840 würde sie 400 000 000 Louisd’or betragen) und nachdem die Forderung bei dem Reichskammergericht zu Wetzlar ausgeklagt und der Proceß durch alle Instanzen gewonnen, auch bereits Execution angeordnet war, trat die Französische Occupation ein und alle Hoffnungen auf diese gewaltige Summe schienen dadurch vernichtet zu sein. Indeß suchte Graf Wackerbarth seine Ansprüche auch gegen Frankreich geltend zu machen, und hielt sich zu diesem Zwecke öfters in Paris auf. Bei dem Kaiser Napoleon hatte er in dieser Angelegenheit mehrere Audienzen; auch fehlte es nicht an Versprechungen, wohl aber an deren Erfüllung.

Während er in Paris im Jahre 1811 diese Sache verfolgte, verlor er durch einen Proceß, den man einen Justizmord zu nennen versucht werden könnte, seine ganze Habe, seine Bibliothek, seine Handschriften und Kunstschätze; doch ist hier weder Raum noch Ort dazu, das Wie dieses merkwürdigen Umstandes genauer auseinanderzusetzen. Nur so viel sei erwähnt, daß man sich dazu des Vorwandes der Geistenzerrüttung bediente, obgleich mannigfache geistige Leistungen gerade das Gegentheil hätten beweisen sollen.

Doch das Schicksal, welches ihn so hart verfolgte, und ihm namentlich die häusliche Zufriedenheit versagte, indem er in einer sehr unglücklichen Ehe lebte,

1903/9 - 97


1903/9 - 98

und seine Gattin, nachdem sie sich mit seinen Feinden gegen ihn verbunden hatte, ihn sogar heimlich verließ, - das Schicksal, sagen wir, wendete ihm auf der einen Seiter wieder zu, was es ihm auf der andern entrissen hatte, und setzte ihn in den Besitz eines Vermögens, welches ihm die Aussicht auf ein sorgenfreies Alter gewährte.

Seit 1822 lebt nun Graf Wackerbarth größtenteils auf seinem reizenden Landsitze WACKERBARTHSRUHE, in der Nähe von Dresden, unfern der Chaussee von Leipzig nach Sachsens Residenz gelegen. Hier führt er die Existenz eines Einsiedlers, wir möchten beinahe sagen, eines Sonderlings, von aller Welt, beinahe von allem Umgange abgesondert, nur den Grazien, den Musen und der schönen Natur huldigend, fortwährend jedoch mit literarischen Arbeiten beschäftigt.

In den Jahre 1831 bis 1834 verließ er jedoch diesen freundlichen Landsitz, und hielt sich in England auf, theils in London selbst, theils in den Provinzen, und schrieb während dieser zeit Albions Urgeschichte, ein Werk, dessen Schwierigkeit bisher selbst jeden Britten zurückgeschreckt hatte.

Die Jahre 1835 und 1836 brachte Graf Wackerbartb wieder in Wien zu, und benutzte hier die Quellen der großen Kaiserlichen Bibliothek zu seiner „Geschichte des teutschen tausendjährigen Kaiserreiches“, mit der er sich bisher mit allem Eifer beschäftigt, und die er so eben glücklich vollendet hat.

Unter den größeren, früher von ihm erschienenen Werken erwähnen wir „Parallele zwischen Karl dem Großen und Peter dem Großen“, - „Geschichte der Türken“, - „Geschichte der Großen Teutonen“, - „Geschichte der großen Schinesischen Revolution im 17. Jahrhundert“, - „Walhalla“ u. s. w. Mit der Schinesischen Geschichte, woran er jetzt arbeitet, wird er seine literarische Laufbahn beschließen, und dann seine

1903/9 - 98


1903/9 - 99

historischen Schriften gedruckt der Welt zum Andenken mittheilen.

Trotz seines hohen Alters von 70 Jahren, ist Graf Wackerbarth noch jetzt an Geist und Körper gleich rüstig und thätig, und besitzt eine Ausdauer, Kraft und Gesundheit, welche mancher ungleich jüngere Mann ihm beneiden könnte.

Nur wenige Menschen dürften mehr gesehen, erlebt und erfahren haben, als Graf Wackerbarth, der einen seltenen Schatz von Kenntnissen gesammelt hat, namentlich aber ein gründlicher Kunstkenner ist.

Seinen einzigen Sohn verlor Graf Wackerbarth im Jahre 1839 durch einen plötzlichen Tod in Folge einer Erkältung und so steht der Greis jetzt allein in der Welt, der Letzte seines Stammes, und sein alter, in Deutschland so viele Jahrhunderte hindurch mit Ruhm und Ehre genannter Name würde auch mit ihm erlöschen, hätte nicht die Wittwe seines LETZTEN Seitenverwandten *) zwei Neffen adoptirt und ihnen den Namen ihres verstorbenen Gatten verliehen.“
____________________

*) Ludwig Karl Wilhelm v. Wackerbarth auf Groß-Briesen und Guhrow bei Kottbus, verm. mit Helene, geb. v. Bomsdorff, adoptirte 1810 den Neffen seiner Frau Adolph Leberecht von Bomsdorff, geb. 11. Dezember 1781, welcher unter dem Namen „Wackerbarth, gen. von Bomsdorff“ lt. Diplom d. d. Dresden, 12. Dezember 1811 als Freiherr bestätigt wurde.

____________________

Uebrigens hinterließ der Graf auch noch einen natürlichen Sohn, Teut von Wackerbarth, geb. 1816 und legitimirt mit dem Rechte, sich Freiherr v. Wackerbarth nennen zu dürfen, per rescriptum Principis. Derselbe hat Medizin und Naturwissenschaften studirt, ein bewegtes Leben geführt und viele Reisen gemacht. Von seiner Tante, der einzigsten Schwester seines Vaters, Komtesse Wilhelmine, vermählt mit Ferd. Leopold Frhr. v. Boeltzig zu Koschendorf, ererbte er das Rittergut Koschendorf. Er besaß auch die von ihm ausgebaute Heimburg a. Rhein und war vor 16 Jahren noch am Leben. Seine Ehe war beerbt. Nach seinen Mittheilungen sollen noch in England Angehörige des alten Geschlechts existiren, deren Voreltern im 18. Jahrhundert von Hannover aus dahin emigrirt sind. Von diesen ist im Laufe des vorigen Jahrhunderts einer nach Schweden übergesiedelt, der als Professor der Astronomie in Upsala in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch lebte.

1903/9 - 99


1903/9 - 100

Zum Schluß theilen wir noch nach dem Verzeichniß der sämmtlichen Schriften des Grafen v. Wackerbarth in Meusel’s Gelehrtem Teutschland die nachstehende Liste mit:

Parallele zwischen Karl dem Großen und Peter dem Großen. Göttingen 1792, gr. 8.

Parallele zwischen den beiden Kaisern Leopold II. und Albrecht II. Leipzig 1793, 8.

Vergleichung zwischen Hakem u. Nero. Göttingen 1793, 8.

Vorlesungen über schriftlichen und mündlichen Vortrag u. s. w. Berlin 1793, 8.

Rheinreise. Leipzig 1794, 8.

Schilderung des Kaisers Aurengzeb. Leipzig 1793, 8.

Morgenblicke in der Leipziger Allée. 1793, 8.

Vergleichung des berühmten Malers und Ritters Anton Rafael Mengs mit Sir Josua Reinolds. London 1794, 4.

Die drei Königinnen. Leipzig 1795, 4.

Die Eroberung von Sibirien. Wien 1794, 4.

Denkmal der Gräfin Lina von Oertzen. Leipzig, 4.

Die Britten in Irland. Leipzig 1795, gr. 8.

Die Tscherkassier. Dresden 1797, 4.

Zuruf an den sich zu Wien bildenden Kongreß, im September 1814, Folio.

Der erste Feldzug der osmanischen Türken auf europäischem Boden. Hamburg 1819, Folio.

Merkwürdige Geschichte des weltberühmten Gog und Magog. Hamburg 1820, gr. 8.

Die früheste Geschichte der Türken bis zur Vernichtung des byzantinischen Kaiserthums im Jahr 1453. Folio

Die Geschichte der großen Teutonen. Folio.

Geschichte der letzten großen Revolution in Schina im Jahre 1644 in Folio, und

Geschichte der großen Kumpanie in Folio.


* * *                     WD.



 

 

 

 



*