Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


INGEBORG, GEMAHLIN DES HERZOGS
JOHANN I. VON SACHSEN-LAUENBURG.

[W. Dührsen]

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Ueber die Abstammung der Herzogin Ingeborg, Gemahlin des Herzogs Johann I von Sachsen-Lauenburg und Mutter sowohl des Herzogs Johann II, Stifters der bis 1401 blühenden Linie Mölln-Bergedorf, als auch des Herzogs Erich I, Stammvaters der 1689 erloschenen Linie Sachsen-Lauenburg (Sachsen, Engern u. Westfalen), herrschten schon im 18. Jahrhundert Zweifel, die ihren Ausdruck in den nachfolgenden Berichten gefunden haben, welche den umfangreichen Materialien zur Geschichte des Herzogthums Lauenburg von Manecke entnommen sind. Prinzessin Ingeborg war, wie nun wohl feststeht, eine Enkelin Birger Jarl’s und eine Tochter des Herzogs Erich von Smaland, der, ein Bruder der Könige Waldemar und Magnus Ladulas, am 16. Sept. 1276 starb (Kobbe, Gesch. von Lauenburg II p. 12). Sie hatte außer den beiden genannten Söhnen noch einen Sohn, Albrecht III, geboren, der 1308 starb, sowie 4 Töchter, von denen eine an Herzog Waldemar von Schleswig, eine andere (Helena) an Graf Adolf von Holstein und Schauenburg, eine dritte an Graf Helmold von Schwerin vermählt und die vierte Priörin des von ihrem Vater gestifteten Jungfrauenkloster Plötzke war und als solche 1319 starb (Kobbe I. c.). Was nun die nachstehend mitgeteilten Berichte anbelangt, so scheint die Königliche Regierung zu Hannover um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus uns unbekannten Gründen der Frage nach der Königlichen Abstammung der Herzogin Ingeborg näher getreten zu sein und zu dem Zweck mit dem königlich schwedischen Antiquitätsarchivsecretär Helin sich

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sin’s Einvernehmen gesetzt zu haben. Dieser hat dann in der fragl. Angelegenheit einen Bericht erstattet, welchen die Regierung in Hannover dem bekannten Historiker Geh. Rath Gruber mitgetheilt hat (1746), aus dessen Besitz der Bericht in die Manecke’sche Materialiensammlung übergangen sein wird. Wir lassen zunächst diesen Bericht folgen.

„Des Königl. Schwedischen Antiquitets Archiv Secretarii abgegebener Bericht von abstammung der Printzeßin Ingeborg.

Auf gnädigem Befehl, Krafft welches ich aus des Königl. Schwedischen Reichs Antiquitets Archivi Handlungen, der Königl. Bibliotheque in Hannover einen untherricht zu geben habe, von der Ingeborg Johannis Imi Hertzogs von Lauwenburg Sächsischer Linie, gemahlin, habe ich mitt allem fleiße, sowohl in den zum Königl. Antiquitets Archivo gehörigen Acten, als in den, bey der Königl. Bibliotheque und anderswo gefundenen Genealogien sorgfältig nachgesucht, umb mich hiervon zulängl. zu informieren, habe aber aus allen diesen nur folgende nachrichten einziehen Können.

Die anleitung zu diesem, von Chur-Hannöwerscher seite geschehenem begehren scheint wohl die uneinigkeit der ausländischen Genealogisten zu seyn, als welche hierinnen nicht über einstimmen, indem einige von ihnen setzen, Ingeborg eine Schwedische Printzeßin sey Johannis Imi, andere aber Helena aus dem Holsteinischen Hause sey dieses Hertzogs gemahlin gewesen.

auf beden seiten scheinen die zulängl. Attestata zu mangeln, welche doch zu bestärckung einer Genealogische Tabelle, zumahl in diesen aufmärcksamen zeiten, billig erfodert werden; wodnrch dan geschehen, daß die neüere Genealogisten als Imhoff und Hübner in ihren Genealogischen Tabellen beder dieser Prntzinnen erwehnung thun ohne sich gewiß über diese oder jehne auszulaßen.

Imhoff führet zwar an, daß die obgenandte Ingeborg

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eine tochter des Königes Erici in Schweden geweßen, Er sagt aber nicht, welches Erici an der Zahl. Nun findet sich wohl, daß König Erik Knutjson und sein Sohn König Erich Läspe meistentheils zu einer Zeit mit einander gelebet, auch daß der Erste dry töchter nachgelaßen, allein so wurden diese alle drey zu beybehaltung Einheimischer Einigkeit und Ruhe im Reiche verheyrathet, nemlich

1o Helena mit Gr. Knut Folkunge. 2o Merreta mit Gr. Nils Sixtensson und 3tio Ingeborg mit Gr. Birger Jarl zu Viälbo, dieser letztere nun hinterlies weder männl. noch weibl. Erben, so daß nach seinem tode seiner Schwester Sohn Waldemar zum König von Schweden erwehlet wurde.

Unther den Samlungen der im Königl. Archive verwahrten Geschlecht-Register und Stam-Taffelen, habe ich nichts finden noch überkommen Können, wo diese Ingeborg Hertzog Johannis Imi von Sachsen-Lauwenburg gemahlin sey angemercket worden, außer in des verstorbenen Cantzley-Raths Peringskölds Stam-Baum von dem Folkungi’schen geschlechte, da Sie eingeführet ist als eine tochter des Hertzogs Erici in Smaland, eines Sohnes des Hertzoges Birger Jarl zu Viälbo, wie solches aus beygehendem Extract dieser Genealogischen Tabell deutlich zu ersehen ist. – Zu bestärkung dieser meinung aber wird kein anderer Beweiß angeführet, als nur ein Hertzoges Erici Donations Brieff von anno 1275 an die Dom-Kirche zu Upsala über den Hof Saby, worauß jedoch nicht erhellet, ob besagter Hertzog verheyrathet geweßen, oder nicht, viel weniger, daß Er Erben hinterlaßen, weil auch dazu nicht bekandt ist, aus was vor einem geschlechte die gemahlin dieses Hertzogs Erici geweßen seyn solle, so ist Sie in vorgemelte Stam-Taffel als eine Anonyma eingeführet worden.

In den Historien, worin dieses Hertzogs Erici gedacht wird, ist gleichfals nichts von seiner verheyrathung

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oder Erben zu finden: wolte man noch dieses beyfügen, daß sein ältester Bruder König Waldemar nicht vor dem jahr 1263 heyrathete, zu welcher Zeit Er dennoch so jung war, daß der Vater eine gute Zeit nach der Vermählung die Vormundschaft geführet; ingleichen daß König Magnus Ladulas, welcher eben auch sein älterer Bruder geweßen, vor dem jahre 1277 sich nicht vermehlet, so scheint unvorgreiflich, diese meinung Keinen festern und stärckeren grund noch Beweiß als die vorhergehende mit sich zu führen.

J. HELIN.“


"AUSZUG
von
Der Stam-Taffel über die Königl. Folkungi’sche Linie.
 

Hertzog Birger Jarl II. zu Viälbo Schwedischer Vorsteher 1250, gestorben 1266. Seine gemahlinnen Imo Ingeborg, König Erik Knutjsons und Königin Rusijja in Schweden tochter, verheyrathet 1230, gestorben 1266. 2do Mechtild graf Adolphs von Holstein Tochter.

[Hieraus gehen hervor die folgenden 4:]

Waldemar I.   Magnus   Benedictus   Erik,
der Schweden und gothen
König 1250,
1251, abge-
setzet 1275, verheyrathet mit Sophia, König
Erici von
Dennemarck
Tochter 1263.
 
  genant Ladulas der Schweden u. gothen König
gekrönt 1275.
Seine gemahlin
Hedvig, graf
Gerdts von Hollstein tochter, ver-
heyrathet 1277.
  Hertzog in Finland, Bischoff
zu Linköping.






 
  Hertzog von Smaland schenckte Jaby Hoff der Dom Kirchen zu Upsala 1275.
gemahlin ?




[Hieraus geht hervor:
siehe unten: Ingeborg]
            Ingeborg, *)
Hertzog Johannis Imi zu Sachsen-Lauenburg gemahlin. Wittwe 1285. Sachsen-Lau-
wenburgische Fürstl.
Stamm-Mutter.“


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*) Alia est Ingeburga, de qua, an fuerit Henrici Leonis filia et Waldemaris II. regis Daniae uxor, disputatur Origg. Guelf. Tom. III p. 171 sq.

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Diesem Bericht folgt nun eine Mitteilung, denselben Gegenstand betreffend, die die Regierung in Hannover einige Monate später, wie angenommen werden darf, dem Geh. Rat Gruber hat zugehen lassen. Wir lassen sie hier im Wortlaut folgen:

„Dem Königl. Schwedischen Antiquitäts-Archiv-Secretario, Herrn Helin, Wird für die in Aufsuchung dienlicher Nachrichten, die erste Hertzogin zu Sachsen-Lauenburg Ingeburgis betreffend, obwohl vergebens, angewandte Mühe der verbundenste Dank abgestattet.

Man würde selbige nicht verursacht haben, wenn man nicht geglaubt hätte, man würde in Schweden sich diese Gelegenheit zur Vollständigmachung der alten Königl. Genealogien haben lieb seyn lassen.

Bloß diese Absicht zu befördern, nimt man sich die Freyheit, in nachfolgenden einige Spuhren anzuweisen, auf welchen man in Schweden eher als hier vielleicht auf die Entdeckung der Königl. geburt obgedachter Ingeburgis kann geführet werden.

Daß der Ingeburgis in den alten Geschlecht-Registern und Chroniquen nirgend gedacht ist, hat man nicht Ursach zu bewundern, weil die Alten insgemein die Princessinnen auszulassen pflegen, wenn durch sie die Krone nicht auf eine andere Familie gekommen ist.

Der Zeit-Rechnung nach muß Ingeburgis entweder Birger Jarls, oder dessen Sohnes, Erici, Hertzogs von Schmaland, Tochter gewesen seyn.

Dieses Erici Existenz beweiset nicht nur die ihm 1275 geschehene, und von dem sel. Peringskiöld angeführte Schenkung an die Kirche zu Upsala, sondern auch die sogenante historia gentis Danorum beym

Lindenbrog. Scriptor. Septentrion. p. 275.
allwo es heißet:
anno 1276 Ericus DUX Sueciae obiit.

In der Universitäts-Bibliotheque zu Helmstädt befindet sich ein alter Codex von Pergament, der des

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Alberti Stadensis Chronicon enthält, und den man eine Zeit lang hier in Händen gehabt hat. Auf die in demselben ledig gewesenen Blätter hat eine Hand aus dem 14. Jahrhundert die Geschichten derselben Zeit per modum annalium eingeschrieben, welche annales vor etwa 30 Jahren unter dem Titul Continuatio Alberti Stadensis zu Coppenhagen in den Druck gekommen sind. Wenn dieser Continuator nun ad annum 1302 also schreibt:

Anno 1302 obiit reverenda domina INGEBURGIS, mater Alberti, Johannis et Erici ducum Saxoniae, FILIA REGIS SUECORUM;

so hat man damit einen ziemlichen Beweiß, daß Ingeburgis dieses Erici Tochter gewesen sey, und hindert nicht, daß er Rex genannt wird, weil in den alten Zeiten auch die Königl. Töchter durchgehendes Reginae genennet werden.

Der Beweiß bestehet darinnen, 1) daß Birger Jarls Söhne, die Könige in Schweden worden sind, viel zu jung gewesen, als daß Ingeburgis von einem von ihnen hätte können gezeugt gewesen seyn.
2) daß Ingeburgis einen von ihren Söhnen, ohne Zweifel nach dem Nahmen ihres Vaters Ericum benennet hat: welcher Nahme bis dahin in Teutschland unbekannt gewesen.

Auf den Einwurff, daß Ericus als Birger Jarls jüngster Sohn, noch weniger als die beiden älteren Alters halber habe der Ingeburgis Vater seyn können, möchte vielleicht zur Antwort dienen,

1) daß man vergebens supponire, daß Ericus der jüngste unter den 3 Brüdern gewesen sey.

2) daß, weil er nicht König worden, Birger Jarl ihn mit einer andern Gemahlin gezeuget haben müsse, ehe er die Cron-Erbin geheyrathet hat.

Solte sich finden, daß Birger Jarl vor seiner Vermählung mit der Cron-Erbin eine Gemahlin gehabt habe; so würde Ericus und Ingeburgis eher für aus

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solcher Ehe geborene Geschwister, als für Vater und Tochter zu halten seyn, und Ingeburgis ihrem Bruder zu Ehren einem ihrer Söhne den Nahmen Ericus gegeben haben. Und auf solche Art wäre Birger Jarl selbst der Ingeburgis Vater.

Man gibt dieses alles weiterer Ueberlegung und Nachforschung anheim, und leget nur noch den Abdruck des Insiegels hier bey, welches Ingeburgis in ihrem Wittwen-Stand gebrauchet, da sie über ihre Kinder die Vormundschaft geführet hat. Vielleicht mag ihr Wapen zu einer neuen Entdeckung Anlaß geben.“

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Näheres scheint, fügt Manecke hinzu, man finden zu können über Ingeburgis in des Philipp Bogislas Chemnitius Beschreibung des schwedisch-Teutschen Krieges, Theil 3, wovon auf Veranlassung Gruber’s auf Staatskosten eine Abschrift genommen worden ist.

(Obiges ist von des Geheimten Justizraths Joh. Daniel Gruber Hand.)

 


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