Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


HERZOGLICH SACHSEN-LAUENBURGISCHE COMOEDIANTEN.

[Max Schmidt]
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In seiner Geschichte des Herzogtums Lauenburg gibt Kobbe einen kurzen Bericht über den Hofstaat des letzten askanischen Herzogs Julius Franz. *) Es gehören dazu ein Stallmeister, ein Kapellmeister, ein Küchenmeister, ein Hausmeister, Kammerdiener, ein Rentschreiber, ein Perlhefter, Trompeter, ein Pauker, ein Serpentist, ein Organist, ein Steinschneider nebst Gesellen, ein Kunstdrechsler, ein Hofsattler, ein Quadrober (Garderobier), ein Jäger, ein Sporer, ein Tafeldecker, ein Kellermeister, ein Reuthschmidt, Kutscher, Köche und Lakaien. In der Umgebung des Herzogs befand sich noch ein Alchymist, der mit dem Apotheker zu Schlakenwerth im Laboratorium Goldpulver bereitet haben soll, und auch auf dem Schlosse Neuhaus, dem gewöhnlichen Aufenthaltsorte des Herzogs, wenn er im Lauenburgischen war, **) arbeitete. Kobbe erwähnt aber nichts von den Schauspielern, die ebenfalls, wenngleich nicht beständig im Dienste des Herzogs waren.

Von diesen Leuten erfahren wir, daß ihnen der Herzog Kunstreisen erlaubte, auf welchen sie auch in Lüneburg wiederholentlich gastierten, wie aus den Akten
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*) Teil III S. 89.
**) Bereits Franz II. scheint einen Alchymisten besessen zu haben, denn er ließ Taler aus sogenannten alchymistischen Silber prägen. Siehe Schmidt, Lauenb. Münzen No. 25-28.

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des dortigen Stadtarchivs hervorgeht, welches folgende Bittgesuche dieser Comoedianten aufbewahrt. *)

Wohl Edele, Veste, Hoch- und Wohlwey-
ße, Hoch- und Wohlgelahrte
gebietende Herren.
 

Es beliebe denen selben großgünstig zu wissen, welcher gestald wir von Ihr: Hochfürstl. Durchl. zu Sachßen Lauenburgk, allwo wir unß voriezo würklich in Diensten aufhalten, gnädigste Erlaubnüß erhalten nachier Zell und Braun Schweig zu reißen, auch heute Montages den 14. hujus unßere reiße von hieraus biß dahin ferner fortsezen wollen. Nachdeme wir aber allhier von dem HE. Major und andern Cavalieren, 2 biß 3 Exemplarische Schau Spiele aufzuführen angelanget worden, Alß beschiehet an Einen WohlEdlen Magistrat allhier unßer unterdienstliches bitten, unß solches zu werkstelligen gnädig zu erlauben, und unß dadurch Dero hohe gewogenheit nicht allein bei unsern gnädigsten Fürsten und Herren, sondern auch sonsten bey iedermann höchlichen zu rühmen, anlaß geben, maßen wir uns dann derselben gewiß getrösten, verharrende
 


Eines WohlEdlen Magistrats
unterthänig
gehorsame
Die Hoch Fürstl. Sächß.
Lauenburgische Comoedianten
 

 
Unterthäniges memorial
Praes. 12 Julij 1680
Acta von Comoedianten etc.
 
Magistrats Archiv
in Lüneburg.

Dazu: Ao 1680, 13 Julij. Die Fürstl. Sachsen-Lauenburgischen Comoedianten suchen Vergönstigung 2 oder

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*) Siehe Gaedertz, Karl Theodor. Archivalische Nachrichten über die Theaterzustände in Hildesheim, Lübeck, Lüneburg im 16. und 17. Jahrhundert. Bremen 1888.

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3 Schauspiele allhie vorzustellen. Conclusum: Werden ihnen 3 Tage vergönnet, gegen erlegung täglich 1 Rthlr.

  Rathsprotokolle.

Zweites Bittgesuch:

 

Wohl Edele, Veste, Hoch- und Wohlweyße, Hoch- und Wohlgelahrte
gebietende Herren.
 

In tiefster unterthänigkeit bedanken wir unß gegen einen WohlEdlen Magistrat dieser Stadt wegen des gnädig ertheilten Consensus etzliche Exemplarische Schau Spiele aufzuführen, dieweiln wir aber dieße wenige Zeit über die Unkosten, so wir allbereit auffgewendet, nicht wieder eingenommen, Alß beschiehet an Denselben unßer unterthänigstes bitten, Sie wollten unß nur noch 3. bis 4 tage allhier zu agiren gnädigst erlauben. Wir versprechen alßdann unß darmit zu vergnügen, und der armuth Ihre gebühr schuldigst abzurichten, wie wir dann auch sonsten verharren

 

Eines WohlEdlen und Hochweyßen
Magitsrats
die Hoch Fürstl. Sächß. Lau-
enburgische Comoedianten.

Praes. 17. Julij 1680.  


Drittes Bittgesuch:

 

Hoch- und Wohl Edele, Veste, Hoch- und Wohlgelährte,
Wohlweyße Großgünstig
gebietende Herren,
 

Vor die hohe Gnade, welche wir von einer hochgebietenden Obrigkeit allhier zum öfftern genossen, wissen wir nicht satsamen Dank abzustatten, werden diejenige an allen Orthen, wo wir nur hingelangen, höchlich rühmen, daß wir aber Dieselbige noch einmal beunruhigen, ist die Uhrsache, daß wir vor denjenigen Cavalieren, welche vor unß gnädig intercediret, nicht vor unhöffliche Leuthe

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möchten gehalten werden, auch eine absonderliche Action zur Dankbezeugung auffzuführen, auch weil unßere Wagen welche wir alß gestern bestellet noch nicht anherogekommen, und wir ohne diß mit großen Kosten noch heute müssen hier ligen, Bitten also in tieffster Demuth, Eine hochgebietende Obrigkeit, unß zu allen erwießenen Gnaden noch dieße darzuzusezen, gnädig zu erlauben, den heutigen Tag noch zu vergönstigen damit wir unßere Schuldigkeit bey unßern gnädigen Patronen möchten ablegen. Wir wollen alßdann Eure hochgebietende Obrigkeit in geringsten nicht weiter behelligen, Erwarten eine erfreuliche Resolution und Empfehlen Dieselbe göttlicher Obhut, unß aber in Dero hohe gunstgewogenheit, verharrende
   
  Einer Hochgebietenden Obrigkeit unterthänig gehorsame die sämbtl. Hochfürstl. Sächß.
Lauenburg. Comoedianten.
   
   

Praes. 18. Julij 1680

Acta von Comödianten etc. Magistrats-Archiv.
 
Im Ratsprotokoll kein Conclusum, wahrscheinlich mündlich erledigt, jedoch nachstehende Notiz:
 
Ao 1680, 20. Julij. Propon: Mündlich: daß vom Gericht beschwerlich angezeiget worden, daß den Comoedianten recognition, alß täglich 1 Rthlr. an die Armen verwiesen worden; da doch solche dem Gerichte zuständig sei. Conclusum: Soll die recognition dem Armenhause verbleiben.
 
Zum Dank für die Bewilligung dieser Vorstellungen fanden sich die Komödianten veranlaßt, den Magistrat zu einer Extra-Vorstellung gehorsamst einzuladen.
 
  Hoch undt WohlEdle vöste, Hoch- undt Wohlgelährte, Wohlweiße,
Großgönstig-Hochgebiettende Herrn,
 
  Damit wür unß des Lasters der Undankh-

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barkeit Entziehen, undt Einigermaßen die Gnade des unß alhier Ertheilten Consensus Erkennen, vor welchen wür gehorsambsten Dankh erstatten; Seindt wür gesonnen Einen WohlEdlen undt Hochweißen Magistrat allhiesiger Berühmten Statt Lünäburg zum Schuldigsten Wohlgefallen unserer aller orthen üblichen gewohnheit noch eine Teutsche Comoedie genandt die glückseelige Eyffersucht zue Praesentiren undt vorzustellen;
 
Auf daß aber Solches mit E: Hochadel: Gestr: undt Herrl. besserem gefallen undt gelegenheidt geschehen möchte, Als Invitiren hiermit Dieselbe wür in gehorsamer Deuotion auf den Morgenden Tag, So da ist der 22. Julij, auf unseren gewöhnlichen Schauplatz in der Schüttung, woselbsten nach Dero großgunstigen Anordnung undt beliebig außgesetzten Stunde, die Action den Anfang nehmen wird; Leben der Tröstl: Zuversicht Es werde Ein allhiesig.-WohlEdler undt Hochweißer Magistrat diese Dedication In Solchen Gnaden annehmen als in anderen Stätten Lübekh, Hamburg, Nurnberg etc: geschehen, Zue Dero beharrl. Hulden unß Schuldigst-gehorsambstes Fleißes Empfehlen. Verbleibende
 
 

Ew. Hochadel Gestr- undt Herrl. Schuldigst- Gehorsambste
Hoch Fürstl. Sächß.Lauenburgische
Comoedianten

   
   


Praes. 22. Julij 1680.

Nachdem auch diese Vorstellung sicher die Genehmigung des Magistrats gefunden haben dürfte, setzte die Gesellschaft ihre Reise fort, um erst nach zwei Jahren gelegentlich des Marktes in Lüneburg wieder aufzutreten worüber uns das folgende letzte Aktenstück Auskunft giebt.

Wohl-Edle-Hochweiße, Hochgebietende Herren.
 

Ev. Hohe Weißheit geruhen sich gnädig zu
erinnern, daß bey unßerer verwichen anckunfft hier in

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Lüneburgh, am verflossenen Markt Dieselbe bey ertheilung gnädiges Verlaubes, von unß wegen auffgeführter Comoedien den mark über täglich einen Rthlr: begehret, welches wir auch also acceptirt in meinung die statt solte unß wie vor 2 Jahren geschehen, unßere angewendete Kosten ersetzen, undt wieder einbringen. Wenn es sich aber umb ein ziemliges entzweyet inndem wie E. Hochweißh. selbsten wird ohnverborgen sein können, dermaßen großen vorlust gelitten, daß wir über 100 Rthlr: hier eingebüßet, und wir annoch im frischen gedächtniß haben, daß bey dahmaliger unßer anwesenheit vor 2 Jahren von unß nichts verlanget worden sondern nur einen hochgebietenden Magistrat zu unterthänigen Ehren eine Comödiam auffgeführet, und der armuth etwas geben; alß haben wir inn diesen Stücken unßere gehorsame schuldigkeit für diesesmahl auch abgeleget deß unzweiffentligen Vertrauens, E. hoh. Weißheit werde inn Betrachtung unßeres grossen und merckligen Verlusts unß mit obgedachter Forderung gnädig überheben, und es bey unseren gehorsamen ansuchen gnädig bewenden lassen, damit wir nicht genöthiget werden möchten unsere Kleider und benöthigte sachen allhier zu versetzen; Vor solche hohe gnade werden wir unß iederzeit schuldig zu unterthänigen Danck erkennen alß:
 

E: hohe Weißheit
unterthänig geflissene
Die sämbtligen Comöedianten.

Praes. 15. Julij 1682.

Auf dem Umschlag: Ans Niedergericht verwiesen, suppitantes es aufs billigste und verträglichste zu lassen, nur daß das Gericht eine recognition auch bekomme etwa zu 2 biß 3 Rthlr. ein vor all.
 
Acta von Comödianten etc. Magistrats-Archiv.

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DAZU: Ao 1682, 15. Juny.

Die Comoedianten beschweren Sich, das Sie alhie wenig gelöset, und wenn Sie dem Gericht das versprochene geben solten, ihre Kleider verkauffen müßten, hatten also sie damit zu verschonen gebeten. Conclusum: Anß Gericht, welches won ihnen nehmen wird, was es kriegen kan.
 

Rathsprotokolle.

Magistrats-Archiv.

Ob die Komödianten, die sich in dieser letzten Eingabe nicht mehr als „Hoch Fürstl. Sächs.-Lauenburgische“ bezeichnen, aus den Diensten des Herzogs getreten sind und ob sie auch im Lauenburgischen Vorstellungen gegeben haben, ließ sich nicht mehr ermitteln; man darf aber wohl annehmen, daß sie die kleineren Städte wegen der geringen Einnahmen nur dann berücksichtigt haben, wenn sie unmittelbar auf der Reise berührt wurden.

Auch aus braunschweigisch-hannoverscher Zeit finden wir kaum ein Zeichen schauspielerischer Tätigkeit in unserm Herzogtum.

Als im Jahre 1739 die Neubersche Schauspielergesellschaft in Hamburg infolge schlechter Theatereinnahmen ihren Zusammenhang verlor, trennte sich Joh. Fried. Schönemann, das tatkräftigste und praktischste Mitglied dieser Truppe von seiner Prinzipalin, errichtete eine eigene Gesellschaft, bei der sich u. A. die Sophie Charlotte Schröder, Ackermann und Ekhof befanden und eröffnete seine Schaubühne am 15. Januar 1740 in Lüneburg. Um seinen Schauspielern Zeit zu gewähren, sich an einander und an das Publikum zu gewöhnen, beschränkte er sich anfangs auf den Besuch kleinerer Städte und soll sich von Lüneburg zunächst nach Ratzeburg *) begeben haben.
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*) Siehe Meyer, F. L. W., in seinem Buche über Friedr. Ludwig Schröder, Hamburg 1819, I S. 9.

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Danach ging die Reise durch Mecklenburg, wo er in Rostock bereits im Sommer 1740 spielte *) und ein Publikum mit höheren Ansprüchen zu befriedigen suchte.

Ueber den Aufenthalt Schönemann’s in Ratzeburg hat sich aber leider nichts weiter ermitteln lassen.

M. SCHMIDT.



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*) Siehe Devrient, Hans. Johann Friedrich Schönemann und seine Schauspielergesellschaft. Ein Beitrag zur Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts. Hamburg 1895.
 




 


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