Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


AUS DER ÄLTESTEN GESCHICHTE
DER DÖRFER POGEEZ UND DISNACK.

Von Professor Dr. Hellwig,Ratzeburg.

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Auf dem Wege von Ratzeburg nach Lübeck, in der Luftlinie 7 km von ersterer Stadt entfernt, liegt das Dorf Pogeez, seinem Namen nach wendisch, tatsächlich aber ein deutsches Kolonistendorf, das im Jahre 1229 gegründet worden ist. Es verhält sich damit folgendermaßen: Am 19. August 1228 stellte der erste Herzog von Lauenburg, Albrecht I., in Ratzeburg eine Urkunde aus, durch welche er sein Dorf Pogots dem Johanniterorden schenkte. Er tat es auf dringendes Ansuchen des Hospitaliterbruders Meister Heinrich von Werben, wie denn damals vor und nach dem Kreuzzuge Friedrich II. sich die deutschen Fürsten beeilten, gerade diesem Orden Zuwendungen zu machen. Das Dorf sollte dem Orden gehören mit allen Rechten und Gerichten, Einkünften und Zubehörungen und mit den darin Wohnenden. Um die Einkünfte aus diesem neuen Besitz zu vergrößern, schritt Meister Heinrich von Werben sogleich dazu einen Teil der Flur mit deutschen Kolonisten zu besetzen. Der Unternehmer war ein gewisser Meinolf, dessen Geschlechtsname nicht genannt wird. Es ist aber jedenfalls derselbe Meinolf, der um diese Zeit, zusammen mit Bernhard Trimpe, den Zehnten von 2 Hufen in Schlagbrügge vom Ratzeburger Bischof zu Lehen trug. Nicht mit Unrecht vermutet man, daß Meinolf und Bernhard Brüder gewesen seien, sieht jedoch den Namen Trimpe fälschlich als Geschlechtsnamen an. Vielmehr war das ein Uebername, der nur dem einen der Brüder zukam und sich

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auch in dessen Nachkommenschaft nicht zum Geschlechtsnamen ausgewachsen hat. Trimpe, Trampe, Trempe, Trompe ist alles ein und dasselbe und bedeutet ein lärmendes Musikinstrument, sei es nun eine Trommel oder eine Trompete.

1302 besitzen nun die Gebrüder de Palude, deutsch von Broke oder Brake, in Schlagbrügge 2 Hufen, die sie samt ihrem größeren Besitz in Schlagsdorf damals gegen andere Besitzungen an das Stift abtraten. Es liegt also nahe, anzunehmen, daß der Meinolf, welcher 1230 mit Bernhard Trimpe Zehntbesitzer 2er Hufen in Schlagbrügge war, ein Brake gewesen ist, dann aber auch, daß der Meinolf, welcher die Kolonisierung von Pogeez übernahm, mit diesem Meinolf Brake identisch ist, weil 14 Jahre später allerdings ein Brake als Besitzer des Ortes Pogeez erscheint, der also doch wohl des ersten Kolonisators Sohn und Erbe war. Kurz, man hat allen Grund anzunehmen, daß der Gründer von Deutsch-Pogeez Meinolf BRAKE hieß. Da das Dorf erst 1229 gebaut sein wird und 1230 bei Aufstellung des Zehntenregisters der Diöcese noch keine große Ausdehnung gehabt haben kann, so ist es nicht zu verwundern, wenn sich der Kolonisator zunächst mit dem Zehnten von einer einzigen Hufe begnügen mußte; dagegen hat er die Hälfte des SLAVISCHEN Dorfes, das vorläufig bestehen blieb, erhalten oder sich angemaßt, worauf ein späterer Streit mit Herzog Albrecht I. hinzudeuten scheint. Dieser letztere sah sich am Ende des Jahres 1229 veranlaßt, den Besitz des Johanniterordens im Lauenburgischen durch Hingabe des Dorfes Disnack zu vergrößern. Dies Dorf ist zwar ebenfalls wendischen Ursprungs, war aber schon vor geraumer Zeit mit Deutschen besetzt und dem Zehntzuge unterworfen. Zehntbesitzer und zwar Besitzer des vollen halben Zehntens war damals Otto Albus, oder Otto Witt, oder Otto von Kogel, der im Lauenburgischen alteingesessen

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und sehr einflußreichen Familie der Wackerbarte angehörig, die möglicher- und wahrscheinlicherweise bereits mit Heinrich von Botwide ins Land gekommen war. Außer in Disnack hatte er auch in Dargow, Thurow und Kogel Zehntbesitz, und im letzteren Orte lag vermutlich seine Burg. Zweifellos trat er 1229 seinen halben Zehnten in Disnack an die Johanniter ab. Dies ist schon deshalb vorauszusetzen, weil die Besitzungen der Johanniter nach einer Verleihung Papst Paschalis II., also etwa seit 1110, zehntfrei bleiben sollten, Das Zehntregister des Bistums scheint dies sogar anzudeuten, indem es diplomatischerweise anmerkt, Otto Albus habe in Disnack den Zehnten vVOM BISCHOF; was er aber damit gemacht hat, das will der Registerschreiber nicht sagen, weil er es einerseits nicht abzuleugnen wagt und andererseits als rechtsbeständig nicht anerkennen will. Die Bischöfe legten damals nämlich großen Wert darauf, daß in hren Sprengeln keine andre geistliche Gemeinschaft Zehntenbesitz habe, konnten es aber trotz aller Mißgunst oft nicht hindern, wie offenbar in unserm Falle auch. In Disnack waren nun die Nachkommen des Kolonisators aus dem 12. Jahrhundert noch im Besitz der Lehen, und Meister Heinrich von Werben fand es für angemessen, ihnen auch seitens des Ordens die Lehen wieder zu übertragen. Es waren die Gebrüder Bertram und Arnold von Wisceloe oder von Wischeln. Beide Herren scheinen indessen in Lübeck gelebt zu haben, und der eine von ihnen erscheint des öfteren in Lübecker Urkunden als Senator dieser Stadt. Die Disnacker Güter bewirtschaftete Bertram der Jüngere, Arnolds Sohn. Neben Disnack gehörte ihnen die andere Hälfte von Wendisch-Pogeez. Bertram der Jüngere starb im Jahre 1244. Dazwischen war auch der Vertreter des Johanniterordens für Sachsen, der Meister Heinrich von Werben, gestorben und an seine Stelle der Komthur Udo, ebenfalls in Werben, getreten. Da Bertram von Wischeln’s

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Söhne noch zu jung waren – wahrscheinlich waren es drei und hießen Wilhelm, Albrecht und Bertram – erteilte Komthur Udo das Lehen an einen gewissen Eberhard Brake, der in der Folge auch als Besitzer von Pogeez erscheint, also, wie bereits bemerkt, wahrscheinlich Meinolfs, des Gründers von Pogeez, Sohn war. Dieser selbe Mann verkaufte nun im Jahre 1250, also 6 Jahre später, beide Dörfer Pogeez und beide Dörfer Disnack für 700 Mark lübische Pfennige an das Kloster Reinfeld, und zwar tat er das für SICH, seine EHEFRAU UND SEINE STIEFKINDER. Vogt, Rat und Gemeinde der Stadt Lübeck urkunden über diesen Verkauf, und die Herren von Wesloe, Wilhelm, Albrecht und Bertram leisten Bürgschaft. Diese letztgenannten Herren sind nun entweder die Stiefkinder Eberhard Brakes selbst, wie bereits angenommen, oder es sind nahe Anverwandte. (Wiscenlo-Wesloe und Wiscolo-Wischeln dürfte ursprünglich dasselbe sein.) Dann aber war Eberhard Brakes Frau eine verwitwete von Wischelen. Sie hieß vermutlich Dietburg und ist dieselbe, welche zwischen 1244 und 1246 wider Willen Herzog Albrecht I. das Dorf Groß-Disnack gebaut hat. In einer Urkunde vom 19. Mai 1246 behauptet der Herzog dies. Er vergab der Sünderin nachträglich und bestimmte sorgfältig die Grenzen des neuen Dorfes. Sie sollen gehen bis an’s Wasser Gandesloes. Leider ist die interessante Urkunde selbst nicht mehr vorhanden, sondern bloß eine Inhaltsangabe in Westfalens Diplomatar im Geheimarchiv zu Kopenhagen. Diese Inhaltsangabe lautet folgendermaßen:

Hertig Albertes Bref, von wegen einer Wedewen, Dichtburgis genomet, de ein Dorp in dem Lande to Wenden, genomet Dussenick, ane sinen Willen hedde gebuwet, ut druckende wo wit de Schede und Ende sick schollen strecken sunderlinges wente int Water, genomet Gandesloeß. Geven to Ratzeborch in dat Jar 1246 XIV. Cal. Jun.

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Das erwähnte Wasser Gandesloes ist jedenfalls der Bach, welcher etwa 2 Kilometer lang in nordsüdlicher Richtung hinter Groß-Disnack fließt und sich in Bartelsbusch in einen Tümpel ergießt. In dem Namen des Bachs – unverstümmelt Gandesloesa – steckt der alte Name des Bartelsbuschs, nämlich Gandeslo, und dieser wiederum bedeutet Gande’s Wald, denn es ist Wald (wie in Oldeslo, früher – Todeslo); und Gande ist derselbe Männername, der in Gandersheim (früher Gandesheim) steckt. Gando heißt z. B. der Sohn des berühmten Vandalenfürsten Geiserich. Die weibliche Form dafür ist Genza.

In demselben Jahre 1246 mischt sich der Herzog auch in Eberhard Brakes Angelegenheiten, wohl infolge von dessen Verheiratung mit Dietburg, und erlangt die Abtretung von halb Wendisch-Pogeez. Auch hierüber haben wir in dem genannten Diplomatar eine Inhaltsangabe des betreffenden Briefes Albrechts. Sie lautet:

Hertogen Albrechtes Bref von Sassen, darinnen he bekennt, dat he van wegene des Dorpes Pogetze mit Everde Brake heft geseten in swaren Krige den he doch heft avergeven, also dat de erscreven Evert ein (ihm) van derwegene heft genßlicken overgeven de helffte des Dorpes, welk ein hues-her (Komthur des Hauses Werben?) genzliken enen gegeven, alse denn de helffte eme schall genßlicken tobehoren, unde hebben eme dit Dorp Pogetz großlicke over gegeven to besittende. Geven int Jar 1246. 3. Cal. Jun.

Reichlich unverständlich ist diese Inhaltsangabe. Fest steht, daß Eberhard Brake Wendisch-Pogeez später wieder ganz besaß, denn bald darauf hat er, wie bereits angedeutet, das Dorf zusammen mit Disnack und Deutsch-Pogeez an das Reinfelder Kloster verkauft. Das Original dieser Urkunde ist im Staatsarchiv in Hannover noch vorhanden. Auch der Johanniterorden verkaufte 2 Jahre später seine Herrenrechte an den 4 Dörfern

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gegen 100 Mk. Pfennige und 3 Wispel Hafer Jahreszins an dieses Kloster. Zehn Jahre später wußte sich das Kloster auch den Zehnten in den Dörfern von Bischof Ulrich von Ratzeburg zu verschaffen. Auch darüber ist ein Zeugnis von Probst Volquin von Ratzeburg aus dem Jahre 1262 vorhanden. Merkwürdigerweise wird darin behauptet, daß der Herzog Albrecht von Sachsen dem Kloster die Dörfer vor langer Zeit verkauft hätte, wie die darüber ausgestellten Briefe bezeugten. In der Tat muß die Ablösung der landesherrlichen und Vogteirechte schon damals stattgefunden haben. Das hinderte aber nicht, daß Abt und Convent von Reinfeld an Albrechts Erben im Jahre 1295 nochmals 500 Mark für ihre Einwilligung zahlen mußten. Ganz klar läßt sich in diese Verhältnisse nicht mehr hineinsehen. Das Kloster Reinfeld hat alsdann die 4 Dörfer bis zum Jahre 1482 besessen. Durch Kauf fielen sie dann an Herzog Johann IV. von Lauenburg zurück.

Im Jahre 1250 war übrigens im Kaufvertrage ausgemacht, daß die Wenden aus Wendisch-Pogeez binnen Jahresfrist vertrieben werden sollten; und es ist nicht zu bezweifeln, daß dies geschehen ist. 1251 also wurde das Dorf kolonisiert und trägt seitdem den Namen Holstendorf, ein Beweis, daß die damaligen Kolonisten Holsteiner waren.

Nach dem Verkauf hat sich Eberhard Brake wahrscheinlich nach Schlagbrügge zurückgezogen und seine 700 Mark angewendet, um im benachbarten Dorfe Schlagsdorf allmahlich 11½ Hufen zu erwerben, die seine Nachkommen, die Gebrüder Siegfried, Arnold und Nikolaus de Palude 1302 gegen Besitzungen in den Vierlanden vertauschten. Nicht weit davon wird ihr ursprünglicher Stammsitz, das heutige Dorf Braak, vormals Brake – 10 Kilometer westlich von Trittau – bei Rahlstedt gelegen haben.


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Nun ist aber kurz vor 1256 auch das Dorf Wesloe bei Lübeck gegründet worden, denn eine Urkunde aus diesem Jahre bezeichnet es als kürzlich erst entstanden. Man kann daher vermuten, daß Eberhard Brakes Stiefkinder sich hier ein neues Asyl gegründet haben und das entstehende Dorf nach ihrem Namen benannten.

Die Brake’s und die Wischelen (Wiscoloen), aus dem Stande der Bauermeister hervorgegangen, sind als Edelleute anzusehen, das zeigt sich schon darin, daß einzelne Mitglieder der Familie in Lüeck Patrizier werden und daß Eberhard Brake mit dem Landesfürsten eine schwere Fehde bestehen kann, in der er nicht völlig den Kürzeren zieht. Es ist nicht durchaus nötig, daß diese Familien in den von ihnen kolonisierten Dörfern wohnen, doch ergeben die Umstände fast mit Gewißheit, daß es bei den von Wischelen und Brake so gewesen ist. Ebenso darf man annehmen, daß sie nach dem Verkauf an’s Kloster Reinfeld die Höfe und Wohnungen in Disnack und Pogeez aufgegeben haben. Das Kloster konnte also auf diese freiwerdenden Hufen Bauern ansetzen oder sie selbst durch Klostermeier bewirtschaften. Wie damals verfahren worden ist, ergibt sich aus dem Beispiel von Holstendorf. Wenn dort Bauern angesetzt wurden, so wird das wohl überall geschehen sein. Ist auch die Geschichte der Dörfer während des Reinfelder Besitzes von 1250-1482 in Dunkel gehüllt, so läßt sich doch aus den Flurnamen, welche eine große Lebenskraft haben, allerlei schließen. So kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß in Klein Disnack keine eigene Wirtschaft des Klosters bestand, weil die Koppeln des ehemaligen Bauervogts unter andern die Namen „Auf der Hausstätte“ und „Der wüste Hof“ führen. Die Hausstätte dürfte die Stätte des ehemaligen Herrenhauses sein, und der wüste Hof ist der Wirtschaftshof. Dazu kommen noch andere merkwürdige Flurnamen in Groß Disnack, als „Obere Kirchbreite“ und „Klosterberg“,

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welche bereits in diesem Hefte (s. S. 4) ihre Besprechung gefunden haben. Wenn die Sage berichtet, daß in Pogeez ein Kirchhof und eine Kapelle gewesen sind, so dürfte das seine Richtigkeit haben. Der Kirchhof wird da gelegen haben, wo das Flurbuch von 1791 einen Flurnamen „Auf der legen Stätte am See“ angibt, die Kapelle natürlich ebenda. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Reinfelder Mönche für die Eingesessenen ihrer Enklave einen besonderen Gottesdienst einrichteten.

Das Reinfelder Kloster – errichtet 1189 – hat es übrigens verstanden, im Laufe des 13. Jahrhunderts in Holstein, Lauenburg und Mecklenburg Besitzungen von höchst bedeutendem Umfange zu erwerben, so daß es an Reichtum die umliegenden Stifter Ratzeburg, Schwerin und Lübeck bei weitem übertraf. Derselbe Abt, Siegfried, inclitus abbas de Reynevelt, wie er in einer Urkunde genannt wird, welcher unsre 4 Dörfer erwarb, erhielt vom Papste den Auftrag, über die Unabhängigkeit Lübecks zu wachen und über diejenigen, die es in Lehnsabhängigkeit zu bringen versuchten, event. den Bann auszusprechen, eine Maßregel, die sich direkt gegen Herzog Albrecht von Sachsen gerichtet haben muß. Ihre neuen Güter durch Conversen unter Aufsicht der eigenen Mönche bewirtschaften zu lassen, waren die Cistercienser von Reinfeld um 1250 wohl nicht mehr imstande und auch nicht willens. Sie waren bereits zu hoch gestiegen, zu reich und zu vornehm dazu.

 


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