Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


EIN FÜRSTLICHER LANDSITZ
IN BILLWÄRDER AN DER BILLE
im 17. und 18. Jahrhundert
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Von Robert Körner in HAMM.
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Vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts war das Hamburger Billufer fast bis nach Bergedorf hinauf eine bevorzugte Gegend, in der Hamburger Patrizier „zur Sommerlust“ wohnten. Garten prangte an Garten, Landhaus an Landhaus. Wer in den Sommermonaten an einem Sonnabendnachmittag dieses Weges kam, war gewiß erstaunt über die Zahl der Karossen und leichten Jagdwagen, die nach Schluß der Börse die reichen Hamburger und deren Familien auf ihre idyllischen Landsitze führten, wo sie meistens bis zum Montagmorgen zu verweilen pflegten, um procul negotiis der schönen Natur und heiterer Geselligkeit zu huldigen. Die Beliebtheit des Billufers als Sommersitz der Hamburgischen Aristokratie, sowie die idyllische Lage dieser Gegend mag dazu beigetragen haben, daß auch auswärtige Standespersonen sich hier seßhaft machten. Im 16. und 17. Jahrhundert war es keine Seltenheit, daß Fürsten und Mitglieder des hohen Adels sowohl innerhalb der Ringmauern der damaligen „Kayserlich freien Reichsstadt“, als auch auf dem hamburgischen Gebiete dauernd ihren Wohnsitz nahmen. Unter den auswärtigen Standespersonen, die in dem Dorfe Billwärder an der Bille als Privatleute sich niederließen, nahmen zwei Fürstinnen sächsischen Stammes, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts hier ihren Wohnsitz hatten, den vornehmesten

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Rang ein. Dem derzeitig bestehenden Hamburgischen Recht zufolge konnte in den Grundbüchern an Fremde Grundbesitz als Eigentum allerdings nicht zugeschrieben werden. Man half sich in solchen Fällen mit der üblichen Praxis der Zuschreibung zu Gunsten eines Hamburger Bürgers „zu treuen Händen“.

Die Fürstinnen, die unter jenen Modalitäten in Billwärder Grundbesitz besessen haben, waren die Töchter des am 26. November 1658 verstorbenen Herzogs Franz Heinrich von Sachsen-Lauenburg auf Franzhagen, Erdmuth Sophie, geboren am 5. Juni 1644, und Elenora Charlotte *), geboren am 8. August 1646. Erstere war die Gemahlin des am 14. Mai 1670 ohne Leibeserben verstorbenen Herzogs Gustav Rudolf von Mecklenburg-Schwerin, die wahrscheinlich den im Jahre 1682 erworbenen Billwärder Landsitz zum Witwensitz ausersehen hatte. Im Hamburgischen Land-Hypothekenbuch ist das auf dem heutigen Terrain des Landmannes H. Doose – Billwärder an der Bille Nr. 117 – belegen gewesene Grundstück dem Hamburgischen Bürger Conrad Vegesack 1682 „zu treuen Händen“ zugeschrieben worden. Die Fürstin hat sich jedoch ihres schön gelegenen Besitztums nicht allzu lange zu erfreuen gehabt, denn im Jahre 1689 am 22. August ist sie zu Billwärder verstorben. Ihre Leiche wurde zu Franzhagen an der Seite ihres, ihr 19 Jahre im Tode vorangegangenen Gemahls bestattet.

Ueber plebejische Nachbarschaft wird sich die Fürstin in Billwärder kaum zu beklagen gehabt haben. Ihr westlicher Nachbar war der 1689 – im gleichen Jahre mit seiner Nachbarin – verstorbene Hamburgische Ratsherr Hans Lemm und Dr. Hartwig Haller, später Hamburger Senator, Schwiegersohn des Vorigen. Im Osten grenzte das Gehöft des Amman Andersen, nach
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*) Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte II 1, 134, II 3, 127, III 1, 97 100.

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dessen Tode dem späteren Hamburger Bürgermeister Dr. John Andersen gehörig, an den fürstlichen Besitz.

Das Pfarrarchiv von Billwärder a. d. Bille besitzt eine Anzahl interessanter Erinnerungen an die „durchlauchtige Fürstin Erdmuth Sophie, verwittwete Herzogin zu Mecklenburg, geborene Herzogin zu Sachsen, Engern und Westphalen.“

In dem Kirchenhauptbuch befindet sich u. A. eine Abschrift des durch ihren Hofmeister mit dem ältesten Landherrn Cordt Vegesack und den Kirchenjuraten „der Kirche St. Nicolai an der Billen“ abgeschlossenen Vertrags über Errichtung eines eigenen „Kirchengestültes“.

Sie übernahm danach, an einem Platz, im „Norden hinter dem Altar“ auf ihre Kosten ein Gestült zu bauen und zu unterhalten, und verpflichtete sich, bei Antritt desselben der Kirche ein ansehnltches Gratial und jährlich ein Gewisses, „welches die Juraten in Ihrer Durchlauchtigkeit Diskretion stellen“, an Gelde auszuzahlen.

Nach ihrem Tode sollte das Gestült der Kirche zur freien Verfügung zufallen.

Unter der Abschrift des Vertrages befindet sich die Bemerkung, daß, ehe das Gestüllt völlig fertiggestellt, „es dem höchsten Gott beliebet“, die Fürstin „durch einen zwar unverhofften und schleunigen, doch hochseligen Tod abzufordern.“

Als Rechtsnachfolgerin des Billwärder Besitzes, sowie der Herrschaft Franzhagen bei Büchen, der Güter Witzese und Schulendorf und sonstiger Besitztümer schloß ihre Schwester, die Herzogin Eleonora Charlotte, am 2. April 1691 mit den Billwärder Kirchenjuraten einen Vertrag, daß sie das Kirchengestült, welches die Herzogin Erdmuth Sophie habe erbauen lassen, „und obbesagter Kirche eigentümlich zu hinterlassen intentioniret gewesen sei“, Zeit ihre Lebens behalten, dafür aber der Kirche jährlich 4 Thaler auszahlen lassen solle, und daß nach dem Tode der Herzogin die Kirche das Gestült nach

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Belieben verkaufen und verhäuern dürfe, jedoch unter dem Vorbehalt des Näherrechts (jus protimiseos) für die Erben, da das Gestült „von fürstlichen Persohnen zu dero eigenem Gebrauch anfangs gewidmet und mit derem Wapen gezieret“.

Der Umstand, daß die an die Kirche zu zahlende Vergütung für den fürstlichen Kirchenstuhl dieses Mal nicht in die „Diskretion“ der Fürstin gestellt wurde, gibt zu denken.

Nach den Grundbüchern ist der fürstliche Landsitz nach dem Tode der ersten Besitzerin noch zweimal Hamburgischen Bürgern „zu treuen Händen“ übertragen. Am 8. November 1702 wurde das Grundstück an Jacob Clamer, und am 10. Oktober 1713 an Jacob Schmidt umgeschrieben mit der Clausel, „daß das Gehöfte nicht umzuschreiben noch zu beschweren, ohne der Frau Herzogin von Franzhagen Vorwissen.“

Ueber die Persönlichkeit der Herzogin Eleonora Charlotte gibt uns P. v. Kobbe in seiner „Geschichte und Landes-Beschreibung des Herzogtums Lauenburg“ einige Anhaltspunkte.

Eleonore Charlotte hatt sich am 1. November 1676 mit Christian Adolph, dem letzten Herzog von (Schleswig Holstein) Sonderburg vermählt. Letzterer (geboren am 3. Juni 1641) befand sich in keineswegs glänzenden Vermögensverhältnissen, denn er hatte im Jahre 1667 seine mit Schulden überlastete Herrschaft Sonderburg an König Friedrich III. von Dänemark im Konkurs zwangsweise abtreten müssen. Als heimatloser „fahrender“ Ritter zog der letzte Herzog von Sonderburg aus seiner Stammburg am schönen Alsensund, nahm bei fremden Landesfürsten Kriegsdienste oder lebte als unstäter Gast an deutschen und fremden Fürstenhöfen, bis er nach neunjährigem Wanderleben nach seiner im

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Jahre 1676 erfolgten Vermählung auf der seiner Schwiegermutter gehörigen Besitzung Franzhagen bei Büchen „den Wissenschaften lebend“ seinen Wohnsitz aufschlug. Nach dieser Herrschaft heißt die dieser Ehe entsprossene Nachkommenschaft die holsteinisch-sonderburgische Linie Franhagen. Christian Adolph starb am 2. Januar 1702. Es scheint, daß dieser Fürst nur selten oder gar nicht den Billwärder Landsitz seiner Gemahlin besucht hat. Wenigstens ist weder im Kirchenarchiv, noch in sonstigen Schriften die Rede davon. Dieser Ehe sind zwei Söhne entsprossen, an denen die Mutter, die sich nach dem Tode ihres Gemahls viel in Billwärder aufgehalten hat, wenig Freude erlebte. Der ältere Sohn, Leopold Christian (geb. 1678), war eine wilde, zügellose Natur. Kaum 24jährig, stürzte er sich in einen anstößigen Lebenswandel, den er mit einer fünfzigjährigen, ehemaligen Hofdame seiner Mutter, der Wittwe Anna Dorothea Schack, geb. v. Lützow, unterhielt. Dieses Verhältniß, das viel Anstoß und Verdruß erregte, gab er schließlich auf, um es mit einem womöglich noch skandalöseren zu vertauschen. Er nahm später dänische Kriegsdienste und starb früh an den Folgen eines zügellosen Wandels zu Hamburg im Jahre 1707.

Ihr jüngerer Sohn, Ludwig Carl, war ebenfalls der holden Weiblichkeit mehr als zweckmäßig gewogen. Als 24jähriger Prinz unterhielt er ein Liebesverhältnis mit der früheren Hofdame seiner Mutter, der mehr als 30jährigen Barbara Dorothea v. Winterfeld aus Mecklenburg, die den Jüngling derartig für sich einzunehmen wußte, daß er mit ihr sich trauen ließ. Als die alte Fürstin von den zarten Beziehungen ihres Jüngsten erfuhr, richtete sie am 8. August 1706 an den Landesherrn des „Fräulein“, den ihr verwandten Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg ein Schreiben, in welchem sie „als eine hochbetrübte, von aller Welt verlassene

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und mit vielem Unglück überhäufte Fürstin“ gegen das „treulose“ Fräulein, das sich mit ihrem Sohn in Mecklenburg aufhalte, um Hülfe bat, damit eine Trauung, die „zum Ruin des Prinzen gereichen würde“, verhindert werde. Wohl war der Fürst sofort bereit, dem Wunsch der alten Herzogin zu willfahren, aber alle unternommenen Schritte kamen zu spät. Die Ehe war bereits am 20. Dezember 1705 vollzogen. Obgleich dieser Schritt des Sohnes ein schwerer Schlag für die alte Herzogin bedeutete, scheint sie sich doch bald in das Unabänderliche gefunden zu haben, da das junge Paar anscheinend in Billwärder bei der Mutter gewohnt hat. Wenigstens macht das die (laut Kirchenbuch) am 2. September 1706 zu Billwärder durch den Pastor Röding vollzogene Taufe des der Ehe entsprossenen Töchterchens wahrscheinlich. Das Kind erhielt die Namen Eleonore Charlotte Christine. Die fürstliche Verwandschaft hielt sich, wahrscheinlich der nicht ebenbürtigen Eheschließung oder anderer Umstände wegen, der Taufhandlung fern. Im Widerspruch mit dem Datum der vollzogenen Taufe am 2. September 1706 befindet sich das in den Voigtel-Cohn’schen Stammtafeln zu Geschichte der deutschen Staaten und der Niederlande (Tafel 107) angegebene Datum der Geburt – 15. November 1706.

Die Gründe, die dieses Geburtsdatum entstehen ließen, sind sehr durchsichtiger Natur. Das Kind ist bereits am 9. Februar 1708, sein Vater am 11. Oktober desselben Jahres verstorben, nachdem letzterem kurz vor seinem Tode, am 16. September, ein Stammhalter Christian Adolph geboren wurde. Die Herzogin Eleonora Charlotte hat den letzten Sprossen ihres alten ruhmvollen Geschlechts nicht mehr ins Grab sinken sehen. Sie verschied, 65 Jahre alt, am 9. Februar 1709. Mit dem am 2. April 1709 erfolgten Tode Christian Adolphs starb die Linie Franzhagen des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg

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aus. Das Kirchenbuch zu Billwärder gibt über den Tod fürstlich-Franzhagen’scher Familienmitglieder keine Auskunft, wahrscheinlich weil die Beisetzung nicht in Billwärder, sondern im Familienbegräbniß zu Franzhagen stattgefunden hat.

Die Wittwe des Herzogs Ludwig Carl, Barbara Dorothea, die den Nachlaß der alten Herzogin erbte, hat den Billwärder Landsitz bis zum Jahre 1721 besessen. Im Jahre 1739 ist sie zu Hamburg verstorben.
 


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