Jahresband 1902

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg



[Miscelle.]

DER GANG DER GERMANISATION IN OSTHOLSTEIN.

[Prof. Dr. Hellwig]

 

Unter diesem Titel ist im Verlage von Lipsius und Tischer in Kiel 1894 eine kleine Broschüre von Dr. A. Gloy erschienen, welche den Gegenstand mit Sachkenntnis und in interessanter Darstellung behandelt. Im 4. Kapitel der 3. Abteilung wird auch die Germanisierung und Kolonisierung Lauenburgs behandelt, allerdings nicht so ausführlich, daß es uns irgendwie genügen könnte. Ich habe aber auch gegen die Grundansichten Verschiedenes einzuwenden, was naturgemäß die ganze Schrift trifft. Es giebt zwei Wege, auf denen man zur Erkenntnis der Zustände während der Kolonisationsperiode gelangt; der eine führt von der Gegenwart rückwärts und beschäftigt sich mit der Untersuchung der bäuerlichen Verhältnisse in ihrem geschichtlichen Werden, der andere führt durch die Urkunden und Nachrichten, welche sich geradezu auf jene Periode beziehen. Beide Wege müssen beschritten werden, wenn man zu sicheren Resultaten gelangen will. Gloy hat den ersteren vernachlässigt, und das macht die Schwäche seiner Schrift aus. Seine Vorgänger, vor allem Ernst, trifft derselbe Vorwurf. Doch nun zur Sache.

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Gloy sagt ganz recht, daß das Ratzeburger Zehntenregister aus den Jahren 1230-34 die Geschichte der Germanisierung Lauenburgs (und Mecklenburgs) geradezu enthalte; wenn er aber behauptet, daß, wer einige Sachkenntnis besitze und zwischen den Zeilen zu lesen verstehe, kaum noch einer besonderen Geschichte der Germanisation Lauenburgs bedürfe, so geht er darin viel zu weit. So klar ist die Sache denn doch nicht. Vielmehr sind die Angaben des Zehntenregisters einer Chiffreschrift zu vergleichen, zu der der Schlüssel noch nicht gefunden ist.

Vor allem muß ich mich gegen die jetzt ja beinahe allgemein gewordene Ansicht wenden, als ob die Wenden sich allmählich, wie Gloy sagt, „verflüchtet“ hätten. Die wendische Nation als solche ist in unseren Gegenden untergegangen, ihre Sprache, ihre Sitten, ihr Glaube sind ungewöhnlich schnell verschwunden, aber die Personen selbst, die Hunderte, Tausende, ja Millionen, die in Holstein, Lauenburg, Mecklenburg, Brandenburg und Pommern um die Mitte des 12. Jahrhunderts lebten, sind geblieben. Wo sollten sie denn hingekommen sein? Ausgewandert! antworten die Anhänger der Verflüchtigungstheorie. Aber wohin denn in aller Welt? Niemand weiß das anzugeben; nicht ein einziger Fall ist zu belegen. Oder hat sie der Gram um den Verlust ihrer Nationalität allmählich alle unter die Erde gebracht und ihre Nachkommenschaft zur Propagation unfähig gemacht; oder haben sie sich dem Genusse des Feuerwassers ergeben, wie die nordamerikanischen Wilden?

Mir ist die Verfechtung dieser Theorie einfach unfaßbar, und ihre Stützpunkte in Schriftstellerstellen und Urkunden sind gänzlich morsch. Wenn von Austreibung der Wenden aus ihren Dörfern die Rede ist, so ist das ein Rechtsbegriff, der als solcher den Gedanken an Anwendung von Gewalt, von Mord und Totschlag ausschließt. Gerade unser Lauenburg mit seinen vielen gleichnamigen
 

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Dörfern, die ehemals als deutsch und wendisch, später durch den Zusatz groß und klein unterschieden wurden, zeigt, wie diesog. Austreibung der Wenden zur Zeit der Kolonisation gehandhabt wurde. Gloy selbst führt ein Beispiel solcher Austreibung aus dem Jahre 1250, nämlich in Wendisch-Pogeez (Holstendorf) an. Ein noch besseres Beispiel bietet die Legung der Bauern im Dorfe Römnitz aus dem Jahre 1285, obwohl es sich dort der Mehrzahl nach nicht einmal um Wenden, sondern um Bauern mit wendischem Recht – Zeitpächter – handelt. Die Bauern erhalten vom Grundherrn die Aufkündigung ihrer Pacht und müssen 1 Jahr und 14 Wochen darauf ihre Stellen verlassen unter Vergütung für ihre Häuser, Gärten und Hofwehre.

Richtig ist die Annahme verschiedener Kolonisationsperioden – die aber in den verschiedenen Landesteilen keineswegs zeitlich zusammentreffen -, von denen die eine für die Kolonisten günstiger war als die andere. Denn zur Zeit, als Heinrich von Botwide (Badewide) Polabingen als sächsische Lehnsgrafschaft empfing, handelte es sich darum, einen Kern sächsischer Ansiedler ins Land zu bekommen, der in derselben sozialen Lage war, wie der freie Bauer im übrigen Sachsenlande. Nur mit solchen ließ sich das Land germanisieren. Es mußte ihnen persönliche Freiheit, Erbpacht ihrer Güter und die Rechtspflege nach heimischem Brauche zugesprochen werden. Die Zehntpflicht gegen die Kirche lag ihnen als Christen ob.

Eine wunderbare Behauptung ist es nun, daß dieses deutsche Bauernrecht den Wenden niemals und zu keinem Teile zugesprochen worden wäre, außer in einem Falle, wo zärtlicher Gattensinn der romantischen Grille einer Frau nachgab. (M U. No. 266.) Nun, wie denn, wenn die Wenden in ihren Wendendörfern sich zum Christentum bekehrten, wird dann der Bischof ihre Zehnten zurückgewiesen haben, die doch, der allgemeinen Annahme

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nach, ausgiebiger waren als der Bischofszins, zu dem die heidnischen Wenden verpflichtet waren. Oder haben etwa die christlichen Priester jener Zeit ihre Pflicht so sehr versäumt, daß sie gar nicht darnach trachteten, die Wenden zu bekehren, in einer Zeit, wo man eben erst einen Kreuzzug (1147) zu diesem Zwecke unternommen hatte, wo die Innigkeit des Glaubens überhaupt so stark war, daß selbst die Frauen (1101) und Kinder (1212) auszogen, die Ungläubigen zu bekämpfen? Wer irgendwo den Geist begriffen hat, der jene Zeit beherrschte, muß zugeben, daß es das äußerste Streben der Geistlichen gewesen sein wird, das Heidentum in ihrem Sprengel so schnell und so gründlich als möglich zu beseitigen und sich einen guten Platz im Himmel zu sichern – durch Bekehrung der Wenden.

Daß nun die Wenden in ihrer Majorität schon sehr bald zum Christentum übertraten, lehrt die Geschichte von der Wahl des Schweriner Bischofs Brunward um 1192. Nicht die Deutschen, sondern die Wenden wählen diesen Bischof gegen das Schweriner Kapitel, das einen andern vorschlug, und setzten ihr Stück durch. (M. U. No. 158.) Allerdings sind es Wenden von Adel. Wo aber Fürst und Adel Christen sind, da wird wohl auch das Volk in seiner Masse, das wirtschaftlich von jenen ganz abhängig war, sich bekehrt haben. Daß trotzdem ganze Landsteckeu, wie der Dartsing, der Klützer Wald und andere, lange Zeit die Nationalität und den Glauben der Bevölkerung wahrten, hängt mit ihrer topographischen Beschaffenheit zusammen.

Warum hätte man nun aber den christlich gewordenen Wenden, die damit ihre eigenen Sitten und Gebäuche aufgegeben und sich den Sitten und Gebräuchen der Sachsen angeglichen hatten, die deren Wirtschaftsart gelernt und ihre Ackergeräthe angenommen hatten, warum hätte man denen den Aufenthalt im Lande und das deutsche Recht versagen sollen?

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Wie ist die Sache z. B. in Lütau gegangen. In Sadelbande bezog der Bischof nicht die 10te, auch nicht die 20te Garbe, wie sonst in den übrigen Teilen der Ratzeburger Diöcese, sondern, wie das Z. R. sagt, „nach alter, sehr schlechter Gewohnheit“ nur 4 Scheffel von der Hufe, also wahrscheinlich nicht viel mehr als er von den heidnischen Wenden als Bischofszins erhielt – drei Maß vom Haken. In Lütau hatte nun Graf Reinhold von Dithmarschen vom Bischof den Zehnten zu Lehen erhalten, nachdem er bereits zwischen 1158-64 die Aecker des Dorfes, dadurch, daß er die bisherige Zeitpacht in Erbpacht verwandelte, zehntpflichtig gemacht hatte. Es war dies die einfachste Art, wie der Graf seine Einkünfte aus Lütau vermehren konnte, ohne irgend welches Risiko und irgendwelche Einrichtungskosten, die bei der Kolonisation durch Deutsche entstanden sein würden, schon dadurch, daß ein Freischulzengut zu begründen war und Fronen und sonstige Abgaben außer dem Zins nicht gefordert werden durften. In dieser dem Herzogtum Sachsen schon so lange unterthänigen Gegend war eine solche Maßregel eben angängig, während sie sich in der Grafschaft Ratzeburg damals noch verbot.

Diese zehntpflichtigen Wendendörfer unterschieden sich zunächst sowohl von den deutschen Kolonistendörfern wie von denen heidnischer Wenden, von jenen durch die Sprache und die zu leistenden Frondienste, von diesen durch das günstigere Verhältnis zum Grundherrn.

Wo wir aber im Z. R. ein Dorf angeführt finden, das noch ausdrücklich wendisch genannt wird und doch bereits vermessen ist, müssen wir annehmen, daß mit ihm ebenso oder ähnlich verfahren worden ist, wie mit Lütau. Einige nämlich, besonders ritterschaftliche Dörfer, haben das Zeitpachtsverhältnis behalten bis in die neueste Zeit. Ihre Christianisierung stammt aus einer Zeit, wo es nicht mehr für nötig angesehen wurde, einen Preis auf die Angliederung zu setzen. Wie Gloy richtig bemerkt,

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gab es in der Grafschaft Ratzeburg bereits um 1230 nur noch 3 Dörfer, die im Z. R. durch die Beifügung „Es sind Wenden“ als solche mit heidnischer Bevölkerung gekennzeichnet werden. Es waren Wendisch-Pogeez, Kl.-Berkenthien und Schiphorst. Wendisch-Pogeez hielt sich, wie schon erwähnt, bis 1250.

Die Wenden haben sich also, im Lauenburgischen wenigstens, meiner festen Ueberzeugung nach so wenig verflüchtigt, daß vielmehr ihre Anwesenheit und ihre Rechtslage in der Folgezeit den größten Einfluß auf die Entwickelung der bäuerlichen Verhältnisse gehabt hat. Während der Raubritterzeit verschwinden die Kolonistendörfer mit ihren Freiheiten und ihren adlichen Bauermeistern und es bleiben nur zwei Arten von Dörfern übrig, nämlich solche mit Erbpächtern und solche mit Zeitpächtern, deren Lasten und Leistungen im Uebrigen gleich waren. Die Willkür der Herren benachtieligte die Unterhanen unter dem Vorgeben, daß allgemeine Bauernpflicht sei, was doch nur Pflicht der Bauern nach wendischem Rechte war. Eine Ahnung des beobachteten Verfahrens gewinnt man aus M U. No. 228.

Unter solchen Umständen müssen wir Lauenburger die Bemühungen unserer Freunde, unser reines germanisches Blut nachzuweisen, ablehnen. Wenn aber im 12. und 13. Jahrhundert eine Blutmischung stattgefunden hat, so ist sie sicherlich innerhalb der weiteren Jahrhunderte in immer wiederholter Kreuzung so stark geworden, daß in der That die letzte Spur von Wendentum aus uns verschwunden ist und die lange Gewöhnung an deutsches Wesen uns zu wirklichen Deutschen gemacht hat.

Dr. Hellwig

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