Jahresband 1902

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg



[Miscelle.]

ANGEKETTETE BÜCHER IN ENGLISCHEN KIRCHEN.

[W. Dührsen]

 

Man schreibt dem „H. C.“ aus London: Der alte Brauch des Ankettens von Büchern in Kirchen, Klöstern und Bibliotheken stammt aus dem 16. Jahrhundert und war noch zu Ende des 16. Jahrhunderts gang und gäbe. Sowie ein Buch einer Bücherei einverleibt wurde, wurde es mit einer Kette versehen, und obwohl dies längst nicht mehr üblich ist, so bestehen doch noch hier in England in Kirchen eine recht beträchtliche Anzahl von Büchersammlungen, die an Ketten gelegt sind. In Universitäten war ganz selbstständlich, daß sämmtliche Werke an Ketten lagen; noch vor 200 Jahren war die berühmte Bodleyanische Bibliothek von Oxford angekettet, und in den Journalen der Universität Cambridge findet sich noch die Rechnung des Schmiedes John Sheros für Anketten von 72 Büchern.

Die „Architectural History of the University of Cambridge“ enthält hierüber interessante Einzelheiten: Wie sorgfältig man mit den Büchern in alten Zeiten umging, geht daraus hervor, daß man Bücher stets in

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Truhen und Kästen in wohlverwahrten Räumen hielt, aber später, als Fürsten und Bischöfe begannen, die einzelnen Kirchen mit Büchern zu beschenken, etwa um die Mitte des 14. Jahrhunderts herum, wurde es nöthig, besondere Räume für Bücher einzurichten, und man begann dieselben an Ketten zu legen. – Warum man die Bücher ankettete, darüber ist viel gestritten worden: die einen behaupten, einfach um sie gegen Diebstahl zu schützen, während William Blades in seinem Werke „Books in Chains“ den Standtpunkt vertritt, die Ketten seien eingeführt worden, um die Bücher für allgemeinen Gebrauch zu sichern. Letztere Begründung ist im wesentlichen wohl nur eine sophistische Umschreibung der ersteren. Es bestehen hier in England noch eine ganz beträchtliche Anzahl solcher angeketteter Büchereien: Im Norden Englands ist die aus 48 in Eichenholz gebundenen Büchern bestehende „Gorton Library“ äußerst interessant; jedes der Werke trägt die Jahreszahl 1665. In der Grafschaft Shropshire besitzt die Schule von Chirbury eine angekettete Sammlung von 207 Büchern, von denen 110 bis auf den heutigen Tag die Eisenfesseln einer barbarischen Zeit tragen. Eine sehr alte angekettete Bibel findet man in der Kirche von Cumnor Place, und die Parochial-Kirche von Grantham besitzt eine berühmte Bücherei in Ketten, die fast 300 Bände zählt. Zu dem Münster von Wimborn in Dorset gehört eine ans 260 Bänden bestehende Kollektion, und die meisten Werke derselben tragen noch heute die alten Fesseln. Die unstreitig bedeutendste Büchersammlung in Ketten aber besitzt die uralte Kathedrale von Hereford, deren Bau im Jahre 1100 begonnen wurde. Der Besucher, der die zur Kathedrale gehörende Bücherei betritt, sieht sich im Geiste lebhafter denn irgend wo anders in alte Zeiten zurückversetzt, wenn er die sämmtlichen Werke dieser umfangreichsten Sammlung mit schweren Ketten an die Büchergestelle angeschmiedet findet. Diese großartige

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Sammlung von Hereford umfaßt zweitausend meist theologische Werke, darunter sehr seltene Manuscripte, und 26 Ausgaben der Bibel in verschiedenen Sprachen.

Wir bringen diese Mittheilung, weil früher auch in der s. g. Gärbekammer (Sacristei) der Kirche zu Mölln viele Bücher, die zum größten Theil aus der Bücherei des nahen Birgittenklosters Marienwold dahin gebracht worden, kurz bevor dies Kloster um die Mitte des 16. Jahrhunderts zerstört wurde, angekettet waren und in diesem Zustand sich wohl auch schon befunden haben, als sie noch die Bücherei des Klosters zierten. Diese Bücher tragen noch alle die Spuren der ehemaligen Ankettung.

W. D.

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