Jahresband 1892

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 



[Miscelle.]

EIN WANDGEMÄLDE DER NICOLAKIRCHE IN MÖLLN.

(N. N.)
 

Im V. Band Heft 2 unseres Jahrbuchs p. 56 ff. brachten wir eine Mittheilung über die bei’m Umbau der obigen Kirche aufgefundenen Fresken, unter welchen besonders Ein Bild die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Es ist dies der Glockenzieher, dessen Darstellung sich rechts vom Chor an der Ostwand der Kirche befindet. Der Verfasser jener Mittheilung, Herr Professor R. Haupt, ist der Meinung, daß der mittelalterliche Humor an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht worden sei, daß, als der Putz der Wand abgefallen, Jemand „mit großer Fixigkeit“ auf den holperigen Platz dicht neben die Stelle, wo die Glockentaue vom Dachreiter herabhingen, dem

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Glockenläuter zum Genuß oder zum Hohn einen treu fleißigen Bauern – wenn es nicht gar der Eulenspiegel selber sei – gemalt habe, der zugleich mit Hand und Fuß zwei Glocken mächtig in Bewegung setze und in der Rechten einen Gegenstand zum Munde halte, der wie eine Rohrflöte erscheine, aber auch ein Trinkgefäß sein könne, wodurch der Eindruck des unbegrenzten Pflichteifers um so mächtiger werde. Ob nun gleich der Künstler etwanigen Remonstrationen gegenüber hätte behaupten können, er habe ja nur dem heil. Guido von Anderlecht, dem Patron der Glöckner, seine Ehre und zugleich dem Eifer des Glockenläuters, daß er nicht erlahme, die Sporen geben wollen, das würde ihm weniger geholfen haben, als es ihm heute helfen werde, wo Manche in dem Bilde einen tief religiösen Gehalt zu finden vermocht *); die gute Absicht habe keine Stätte gefunden, die edle Leistung sei übergetüncht und mit einem anderen Bilde, dem des heil. Christopher, übermalt worden.

Zu dieser Darstellung ist zunächst zu bemerken, daß an der fraglichen Stelle sich niemals Glockentaue befunden haben können, da über derselben niemals Glocken vorhanden gewesen sind und niemals ein Dachreiter über dem Schiff der Kirche auf dem Dache derselben gestanden und nur der Thurm einen Dachreiter hat. Sodann aber ist die Haupt’sche Hypothese überhaupt unhaltbar, wie Dr. Hans Graeven in den Hannoverschen Geschichtsblättern nachgewiesen hat. Mit Genehmigung des Herrn Verfassers geben wir nachstehend seine als Sonder-Abdruck aus den Hannoverschen Geschichtsblättern unter dem Titel „Ein Wandgemälde der Nicolaikirche in Mölln,“ Hannover 1902, erschienene, uns gütigst mitgetheilte Abhandlung wieder.
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*) Unter das Bild sind bei der Auffrischung die Worte „Betet ohn’ Unterlaß“ gesetzt worden.

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Das Städtchen Mölln, das in weiteren Kreisen hauptsächlich dadurch bekannt ist, daß es dem schwänkereichen Till Eulenspiegel die letzte Ruhestätte geboten hat und den Grabstein desselben mit seinem Bildniß besitzt 1), liegt im Lauenburgischen, an der Eisenbahn, die von der Stadt Lauenburg nach Lübeck führt. Die Besprechung eines dortigen Kunstdenkmals erscheint in den Hannoverschen Geschichtsblättern, weil gerade ein kirchlicher Brauch der hiesigen Gegend die Erklärung des bislang falsch gedeuteten Möllner Bildes an die Hand giebt.

Im Jahre 1896 haben die Möllner begonnen, ihrer nach dem hl. Nikolaus benannten Hauptkirche, die im Laufe der Jahrhunderte durch Um- und Anbauten sehr entstellt war 2), eine regelmäßigere und schönere Gestalt zu geben 3). Der ursprüngliche um 1200 entstandene Bau war eine dreischiffige, dreijochige Basilika gewesen mit quadratischen Chor und halbrunder Apsis. 1471 war das südliche Seitenschiff durch ein breiteres und höheres ersetzt, das später noch bis zum Abschluß des Chores hin verlängert worden ist. Auf der Nordseite ward die sogenannte Jobstkapelle angehängt, die bei der jetzigen Restauration ganz beseitigt worden ist.

Wie die einzelnen Bautheile dankt auch die Innendekoration sehr verschiedenen Zeiten ihre Entstehung 4). Noch aus dem XIII. Jahrhundert stammt außer den ornamentalen Malereien im oberen Theil des Mittelschiffs eine große figürliche Darstellung die an der Nordwand des Mittelschiffs den Zwickel zwischen den beiden
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1) Der Grabstein ist jüngst abgebildet und besprochen in der Zeitschrift „Niedersachsen“ III 1897/98 S. 37.
2) Die ausführliche Geschichte des Bau’s in Richard Haupts Bau- und Kunstdenkmälern des Herzogtums Lauenburg ist mir nicht zugänglich.
3) S. den Bericht Richard Haupts im Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg V. Bd. II. Heft, Mölln 1897 S. 56 ff.
4) Abbildungen der wichtigsten Reste der Malereien an dem A. 3 genannten Orte.

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östlichen Bögen ausfüllt und sich über die Bögen hinzieht. In dem Zwickel ist rechts ein großer Löwenkopf gemalt, links ein von Hunden verfolgter flüchtiger Hirsch, das vielfach verwandte Symbol der von Sünden bedrängten Seele, das abeleitet ist aus den Worten des Psalms 42,3 „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“ 5). Oberhalb des Hirschen erhebt sich ein Berg, auf dessen Gipfel Christus dargestellt ist mit umgehängter Pilgertasche, wie er zwei zu seinen Seiten knieenden Pilgern die Hände zum Segen aufs Haupt legt. Weitere Pilger nahen von links her, zu äußerst links sieht man andere Personen, die noch mit den Nichtigkeiten dieser Welt beschäftigt sind, in einem Spiel begriffen zu sein scheinen.

In gleicher Höhe mit der Christusfigur, aber durch eine Säule von ihr getrennt und nach der rechten Seite gewandt steht ein nimbirter Bischof mit dem Krummstab in der Linken und mit segnend erhobener Rechten. In dieser Gestalt haben wir zweifelsohne den hl. Nikolaus zu erkennen, dem die Kirche geweiht war. Ihm zugekehrt sind die bittenden Hände und Blicke der Insassen eines Schiffes, das mit geschwelltem Segel rechtshin über die Wogen streicht und dessen Fahrt gefährlich zu werden droht, denn am Steuerruder sitzt eine durch die Narrenkappe als Thorheit charakterisirte Figur und der Kurs des Schiffes geht auf die Hölle zu. Sie ist ganz am rechten Ende des Gemäldes angedeutet durch einen unsern Schilderhäuschen ähnlichen Bau, vor dessen Thüröffnung ein großer Teufel steht, um die ihm zufallenden Seelen in Empfang zu nehmen. Der Erzengel
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5) Die frühchristliche Kunst, die das symbolische Bild des Hirschen sehr liebte, pflegte ihn ruhig trinkend darzustellen an einem Brunnen oder an einem der Paradiesesströme (S. Kraus, Geschichte der christlichen Kunst I 114); eine Karolingische Psalterillustration (Latin Psalter in the University Library of Utrecht, London 1876) zeigt den Hirsch fliehend vor zwei Hunden analog dem Möllner Wandgemälde.

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Michael ist gerade dabei, die guten und bösen Thaten eines Toten gegeneinander abzuwägen; an die Waagschale, die die Sündenlast enthält, hat sich ein kleines Teufelchen gehängt und ein zweites ist auf den Waagebalken geklettert, um diese Seite zum Sinken zu bringen, aber in dem vorliegenden Falle bleibt die Schale mit dem Guthaben unten. Daß die Abwägung über ihre Seele gleich ausfallen möge, wird der Inhalt des Gebetes sein, das die Fahrgäste des Schiffes an den heil. Nikolaus richten.

Rechts von dem Häuschen, das die Hölle bezeichnet, sieht man noch eine Krönung der Maria durch Christus, die von derselben Hand wie die vorhergehenden Scenen gemalt ist. Etwas jünger muß die Malerei sein, deren Rest über dem westlichen Bogen der Nordwand aufgedeckt wurde, eine Madonna mit dem Kinde zu ihrer Seite ein Bischof, beide unter gothischen Baldachinen. Diesem Werke gleichzeitig ist die Darstellung einer Kreuzigung und etlicher Heiliger auf dem Boden, der das Untergeschoß des Thurms mit dem Schiff der Kirche verbindet.

Die bisher aufgezählten Malereien sind alle farbig auf weißem Putz ausgeführt, im XV. Jahrhundert hat man die älteren Fresken des Mittelschiffs mit einer dunkel gefärbten Schicht bedeckt, von der sich zahlreiche Einzelfiguren von Heiligen abheben. Die Heiligenverehrung hatte mehr und mehr zugenommen und man wünschte, möglichst viele der Personen, zu denen man betete, im Bilde vor sich zu sehen. Von der Schicht mit den Heiligen sind Spuren nicht nur an der Nordwand erhalten geblieben, sondern auch an der Südwand und an den Pfeilern des Bogens, der vom Schiff zum Chore führt. Auf dem linken Pfeiler wurden St. Martinus und St. Antonius gemalt, ihnen gegenüber der große Christophel mit dem Jesuskinde auf seinen Schultern. An der letzten Stelle nun hatte

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der Putz nicht gut gehaftet und ein großes Stück der Figur war bald abgefallen, so daß nach 1471 als das neue südliche Seitenschiff gebaut war und dekorirt wurde, der Maler auch jene Fläche am Pfeiler des Chorbogens mit frischem Putz bekleiden und eine neue Christophfigur darauf setzen mußte. Zuvor aber war die vom Putz entblößte Stelle dazu benutzt worden, um mit flüchtigen Zügen das Bild anzubringen, das die Figur (vergl. Tab. III in Band V Heft 2) wiedergiebt.

Man sieht darauf den Glöckner in eifriger Thätigkeit unter dem Glockenstuhl, an dem zwei Glocken hängen. Die eine setzt der Mann dadurch in Bewegung, daß er ihr Seil mit der linken Hand anzieht, das Seil der anderen aber hat er offenbar am rechten Fuße befestigt, damit er die rechte Hand zu anderem Zweck gebrauchen kann. Mit ihr führt er einen großen hölzernen Becher zum Munde. Neben ihm steht eine etwas kleinere Figur, die in der gesenkten Linken einen undeutlichen Gegenstand hält und die Rechte erhebt; sie hat wohl dem Glöckner den Becher gereicht und will ihn wieder in Empfang nehmen, wenn er geleert ist oder wenn der Trinker absetzt.

Das Bildchen hat mancherlei Deutung erfahren. Man hat die Hauptfigur für den hl. Guido von Anderlecht gehalten, der eine Zeitlang in Laeken als Kirchendiener angestellt war und nach seiner Heiligsprechung der Schutzpatron der Küster und Glöckner geworden ist. 7) Eine Stütze dieser Deutung des Möllner Bildes wurde darin gesehen, daß es in unmittelbarer Nähe des Platzes ist, wo der Glöckner seines Amtes walten mußte, denn zwei Glocken der Nikolaikirche befinden sich im Dachreiter über der Vierung und ihre Seile hängen neben dem Pfeiler des Chorbogens herab. Indessen es läßt sich kein Bildwerk nachweisen, in dem der hl. Guido
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6) Hinweis: Anmerkung 6 fehlt (Zählungsfehler)
7)
Vgl. H. Detzel, Christliche Ikonographie II, Freiburg i. B. 1896, S. 339.

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von Anderlecht, der als Pilger oder armer Bauersmann in niederländischer Tracht dargestellt zu werden pflegt, in seiner Eigenschaft als Glöckner auftritt, und der Möllner Figur fehlt das unentbehrliche Charakteristikum der Heiligen, der Nimbus.

Andere Interpreten sollen in dem Bilde einen tief religiösen Gehalt gefunden haben, aber welcher Art dieser Gehalt ist, wird in dem mir zugänglichen Publikationen nicht mitgeteilt. Schließlich ist auch vermutet worden, der Dargestellte sei der Möllner Nationalheld, Till Eulenspiegel, denn in dem Volksbuch, das seine Thaten verzeichnet, 8) werde auch erzählt, daß er einmal in Budenstedt den Meßnerposten erhalten habe. Wir hören jedoch von keinem Streiche aus dieser Meßnerzeit, auf den sich das Möllner Gemälde beziehen könnte, und nichts charakterisiert darin den Mann als Eulenspiegel.

Das richtige Verständniß der in dem Bilde vorgeführten Situation danke ich einer Mitteilung des mir befreundeten Pfarrers in Hotteln bei Sarstedt. In diesem Dorfe herrscht wie in manchen andern Orten unserer Gegend die Sitte, daß die Toten „beläutet“ werden. Das Beläuten ist zu unterscheiden von dem Grabgeläut, das den Sarg auf seinem Wege von dem Wohnhause zum Kirchhof geleitet, jenes Beläuten findet allemal am nächsten Morgen nach einem Todesfall statt und dauert eine Stunde lang, von 10-11 Uhr. Für eine Kinderleiche wird mit einer, für einen Erwachsenen mit beiden Glocken geläutet, und damit die Glocken zu Ehren des Verstorbenen recht kräftig geschwungen werden und recht laut erklingen, wird dem Glöckner eine Stärkung auf den Thurm gebracht. Anderswo z. B. in Haimar, Kreis Burgdorf, besorgen Leute von dem Hofe, auf dem der Sterbefall vorgekommen ist, das
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8) In der von Marbach herausgegebenen Sammlung der Volksbücher Nr. 12, Leipzig 1834, S. 14.

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Beläuten, und sie bedürfen keiner Anfeuerung, aber hier muß dem Kirchendiener zum „Kuhlengraben“ Speise und Trank aus dem Trauerhause gesandt werden. Das darf ebenso wenig vergessen werden wie jene Naturalienlieferung in Hotteln. Man hat zwar versucht dieselbe abzuschaffen und die Gebühren für das Beläuten sind deshalb erhöht worden. Trotzdem ist die alte Gewohnheit, die zu feste Wurzeln geschlagen hat, geblieben, nach wie vor erhält der Glöckner seine zwei Butterbröte mit Mettwurst nebst dem gehörigen Quantum Schnaps oder Bier, und der Junge, der beim Läuten hilft, wird ebenfalls mit einem Mettwurstbutterbrot bedacht.

Mit dem Brauche in Hotteln, den Kundigere wahrscheinlich noch an anderen Plätzen nachzuweisen vermögen, hat das Möllner Bild eine auffallende Uebereinstimmung. Auch hier wird mit zwei Glocken geläutet und dem Glöckner wird während der Arbeit ein Trunk gereicht, und wohl auch Speise, die man in der linken Hand der Nebenfigur voraussetzen darf. Da der Glöckner allein und ohne Hülfe eines Jungen den Dienst versieht und doch während desselben die dargebotenen Gaben genießen will, hat er die gute Erfindung gemacht, das eine Glockenseil an seinen Fuß zu binden. Die Komik dieser Situation ist vermutlich die Veranlassung gewesen, daß ein humorvoller Maler, der gerade in der Nikolaikirche beschäftigt war, den ingeniösen Glöckner neben der Stätte seiner Thätigkeit auf einer freien Mauerfläche verewigt hat. Das launige Bild ist allerdings nicht lange sichtbar geblieben, bald nach seiner Entstehung mußte die Fläche wieder verputzt werden, um eine nue Figur des Christophel aufzunehmen, aber nach Jahrhunderten hat die Restauration das Gemälde wieder ans Licht gezogen, das uns nun Zeugnis dafür ablegt, daß einst in dem Lauenburgischen Städtchen derselbe Brauch Gültigkeit gehabt hat, der in dem Hildesheimischen Dorfe noch heute lebt.

 

 



 

 

 

 



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