Jahresband 1902

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


DER HEINRICHSTEIN IN RATZEBURG.

[Prof. Dr. Hellwig]





Abbildung: Der Heinrichstein in Ratzeburg.
Abgedruckt im Jahresband auf einer unpaginierten
Seite zwischen dem Vortitel und der Titelseite
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Am 3. Februar dieses Jahres hielt der Unterzeichnete in Ratzeburg einen längeren Vortrag über den Heinrichsstein daselbst mit der ausgesprochenen Absicht, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, dieses altehrwürdige Denkmal vor weiterem Verfall zu schützen. Im folgenden sollen nun die hauptsächlichsten Resultate der angestellten Untersuchung wiedergegeben werden.

Der Stein, ein Granitblock mit roh geglätteter Vorderseite, ragt vom Pflaster der Straßenecke, an der er steht, jetzt noch 145 cm. in die Höhe. Seine größte Breite beträgt 104 cm., der größte Umfang 268 cm., seine durchschnittliche Dicke 80 cm. Er steckt wahrscheinlich noch ebenso tief in der Erde, als er darüber emporragt. In die Vorderseite ist ein Kreuz tief eingemeißelt, 20 cm. breit, 116 cm. hoch; der Querarm 76 cm. lang. Zu beiden Seiten des Kreuzstammes ist eine Inschrift in 11 Zeilen eingegraben, drei davon oberhalb des Querarmes, 8 darunter in rein antiken Majuskeln. Nur EIN Buchstabe trägt die Merkmale des Uebergangs von der antiken zur neugotischen Majuskel, ein andrer wenigstens Spuren davon. Die Schriftseite des Steins ist scharf nach Südwest gewendet, dahin, wo ehemals das Schloß auf der Schloßwiese stand, welches von Heinrich von Botwide erbaut sein soll. Die Inschrift lautet: TEMPORIBVS CONRADI REGIS ET HEINRICI DVCIS SAXONIE HEINRICVS COMES VENIT RACEBURGCH ET IBI XPIANITAEM PRIM’ FVNDAVIT. ANIMA EI’ REQVIESCAT Ī PACE AM.

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D. h.: Zur Zeit König Konrads (III) und des Herzogs Heinrich von Sachsen kam der Graf Heinrich nach Ratzeburg und war der erste, der dort durch Schenkungen an die Geistlichkeit die Begründung der christlichen Kirche möglich machte. Möge seine Seele in Frieden ruhen.

Der Graf Heinrich von Botwide kam nach Ratzeburg 1142, als Konrad III. deutscher König war und Heinrich der Löwe Herzog von Sachsen, aber noch nicht Herzog von Sachsen und Bayern. Die historische Nachricht des Steins ist also richtig. Der Schlußsatz der Inschrift beweist ferner, daß es sich um einen MEMORIENSTEIN handelt. Ebenso verhält es sich mit dem sogenannten langen Wittenburger Stein, der an der Weichbildsgrenze dieses Städtchens nach Waschow zu noch heute zu finden ist. Seine Inschrift lautet: θ Heinricus comes, orate p. eo; d. h.: „Gestorben ist Graf Heinrich, betet für ihn.“ Vermuthlich ist dies der letzte von vielen Memoriensteinen, die um 1170 zum Andenken an Graf Heinrich von Botwide gesetzt wurden.

Der Heinrichsstein in Ratzeburg steht an der Grenze des jetzigen Domgebiets, 50 cm. hinter der Stadtgrenze. Man hat deshalb geglaubt, in ihm einen Grenzstein sehen zu müssen, wie deren einer in der That von ganz ähnlicher Art, nur ohne Inschrift, noch heute in der kleinen Kreuzstraße in Ratzeburg, keine 30 m vom Heinrichsstein entfernt, zu sehen ist. Jedoch haben wir die Urkunde von 1439 noch *), in welcher die Setzung der Grenzsteine gelegentlich der Erwerbung des Palmberges durch das Stift erwähnt wird. Die Steine stehen, ganz wie der in der Schlosser Peters Garten noch heute, auf Stadtgebiet. Der Heinrichsstein steht auf Domgebiet und hätte, wenn er als Grenzstein damals benutzt worden wäre, unbedingt in der Urkunde erwähnt werden müssen. Ein Blick in die Urkunde macht das unzweifelhaft.
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*) v. Kobbe. Geschichte und Landesbeschreibung des Herzogthums Lauenburg T. 1. p. 171.

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Welche Gründe die Errichtung des Denkmals veranlaßten, sagt uns der Stein selbst. Heinrich v. Botwide war ein Mann von so hohen Verdiensten, daß ihm aus mehr als einem Grunde ein Denkstein gebührte. Von allen diesen Verdiensten betont der Stein nur eins ausdrücklich, nämlich daß er die Begründung der christlichen Kirche in seinem Lande durch freigebige Schenkungen an die Geistlichkeit möglich gemacht habe. Nun steht der Stein auf dem Grunde einer solchen Schenkung, auf dem Domhofe, d. ist auf dem doma, dem Herrenhofe des Bischofs von Ratzeburg, den Heinrich von Botwide, wie Helmold, ein gleichzeitiger Schriftsteller, bezeugt, dem Bischof Evermod zum Wohnen eingeräumt hatte. *) Wie es kam, daß später der rechtmäßige Besitz eines Theiles dieser Schenkung (des Palmberges) von Seiten des Herzogs Bernhard von Sachsen-Lauenburg angezweifelt werden konnte, so daß das Domkapitel ihn von neuem erwerben mußte, das zu erklären, dürfte hier zu weit führen.

Der Stein ist also gesetzt, um die Dankbarkeit der Kirche für solche Verdienste allen offenbar zu machen. Die Gedanken und Empfindungen jener Zeit ähnlichen Wohlthaten der Laien gegenüber spiegelt sehr schön der Bericht über die Gründung des Klosters Uetersen im Jahre 1235 wieder (Hasse, Schlesw.-Holst. Urk. u. Reg. I. 608.), den ich nachzulesen bitte. Daß aber thatsächlich ganz bedeutender Aufwand gemacht worden ist, um das Andenken an Graf Heinrich von Botwide zu feiern, lehrt uns die Dotationsurkunde des Stifts Ratzeburg (Mecklb. Urk. I. Nr. 65), denn danach schenkte Graf Bernhard I. von Ratzeburg pro memoria patris die Dörfer Börsow am Schallsee und Walksfelde bei Mölln der Kirche. Man denkt dabei freilich zunächst an Seelenmessen, an denen
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*) Helmold I, 77. deditque ci (Evermodo episcopo) comes Polaborum Heinricus insulam ad inhabitandum prope castrum.

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es ja auch nicht gefehlt haben wird. Jedoch sind die Einkünfte aus 2 Dörfern, die das Stift zu vollem Eigentum cum decima et censu erhielt, viel zu bedeutend, um sie als Aequivalent für ein paar Seelenmessen hinzugeben. Es sind daher wohl die Mittel zur Errichtung der Memoriensteine mit eingeschlossen. Gräfin Adelheid von Ratzeburg schenkte zum Beispiel im Jahre 1190 circa die Hoheitsrechte, welche sie in einem dieser Dörfer, in Walksfelde, noch hatte, zur Memorie für ihre Schwester Fredegunde. *) Diese in Geld umgerechnet, dürften gewiß noch nicht den 10. Theil von dem ausmachen, was Graf Bernhard geschenkt hatte, und gleichwohl ein fürstliches Geschenk und Aequivalent für die geforderten Seelenmessen gewesen sein.

Es ist klar, daß wenn der Heinrichsstein und, fügen wir hinzu, der lange Wittenburger Stein Memoriensteine sind, sie noch im Laufe des 12. Jahrhunderts, etwa um 1170 gesetzt sein müssen. Der Charakter der Schriftzüge auf dem Stein spricht nicht nur NICHT dagegen, sondern sehr laut und vernehmlich dafür, wie ich bei Gelegenheit meines Vortrages des längeren ausgeführt habe.

Das Hochinteressante am Stein ist aber neben seinem Zwecke die Ausführung der Steinmetzarbeit. Es herrscht da eine ganz sonderbare und auffällige Oekonomie in der Verteilung der einzelnen Buchstaben auf die nutzbare Fläche des Steins. Links ist die Schriftfläche in den ersten drei Zeilen und in der 10. Zeile nicht ausgenutzt, während die Buchstaben rechts meist bis an den äußersten Rand herangedrängt sind. Dazu kommt, daß die Worte dreimal in ungewöhnlicher Weise durch den Zeilenschluß zerrissen werden, daß die Zeilen links und rechts nicht vollkommen aneinander schließen und daß sie wenigstens rechts bis an den äußersten unteren
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*) Mecklbg. Urk. I. Nr. 160.

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Rand des Kreuzstammes gehen, (während oben noch für 1 bis 2 Zeilen Raum bleibt), so daß es für gewiß erscheint, daß zuerst die Buchstaben der linken Seite alle eingehauen wurden, ehe man zur ersten Zeile rechts überging. Das konnte aber nicht geschehen, wenn nicht ein vorbedachter Plan und Zeichnung vorlag. Auch mit den Abkürzungen wird scheinbar recht willkürlich verfahren. Für et z. B. wird keine Abkürzung angewandt, bei primus und eius ist us weggelassen, dagegen bei temporibus ist es geblieben, in ist in ī verkürzt, Christ in XP, amen in am, aber anima ist ausgeschrieben.

Nebenbei ist leicht zu bemerken, daß die wenigen Zeilen von Daktylen und Anapästen wimmeln, und es ist eine Kleinigkeit vier daktylische Hexameter daraus herzustellen. Es liegt daher die Vermutung nahe, daß die Worte absichtlich in Prosa umgesetzt sind, nachdem man sie dem Epitaph Heinrichs von Botwide entnommen hat. In meinem Vortrag habe ich die Sitte der metrischen Grabschriften für damalige Zeit und hiesige Gegend nachgewiesen und das Epitaphium für Heinrichs Enkel Volrad aus Arnold von Lübeck mitgeteilt. *)

Alle Sonderbarkeiten der Inschrift erklären sich nun, wenn man sein Augenmerk auf die Spitzenbuchstaben der linken Seite der Inschrift richtet und die von oben nach unten hintereinanderweg liest. Da ergiebt sich folgendes Akrostichon: TVRNON. RIP. A. E. d. i. Turnon[is] Rip[ensis] a[rtificium] e[st] oder a[rte] e[xstitit]. d. h.: Es ist das Werk des Turno aus Ripen oder: Turno aus Ripen hat’s gemacht. Im Vortrag hielt ich für nötig nachzuweisen, daß Akrosticha den Menschen damaliger Zeit nicht nur bekannt, sondern GELÄUFIG waren. Um einen Turno in Ripen zu finden, bedurfte
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*) Arnold V, 7. (v. Kobbe I p 20928 übersetzt falsch.)

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es der Durchsicht des Chronicon Ripense. *) Es fanden sich dort drei Männer mit Namen Turo und ein Turson, zwei davon aus dem 12. Jahrhundert, einer ein Bischof von Ripen, einer ein Propst eines nahe bei Ripen gelegenen Klosters. Die Namensform ist für das mittelalterliche Jütland eigentümlich, wenigstens reichten meine Hilfsmittel nicht aus, um sie im übrigen Dänemark für das Mittelalter nachzuweisen. Dagegen ist Turo und Turnoald im Althochdeutschen zu finden. **) Beide Namensformen gehen auf das schon ins Urgermanische eingedrungene lateinische Lehnwort turris, ***) der Turm, zurück und bedeuten etwa: der über einen Turm Gebietende. Uebrigens lebt der Name noch jetzt, wie ich aus der Form Thurnmann, die ich im Hamburger Adreßbuch von 1869 fand, nachweisen konnte. Wie ein Ripener Steinmetz sich um jene Zeit nach Ratzeburg verirren konnte, war mehr als leicht nachzuweisen in einer Gegend wie die unsere, wo im 12. Jahrhundert die freien deutschen Bauhütten noch keinen Boden gefaßt hatten, sondern die Ausübung kirchlicher Baukunst vermutlich noch in den Händen der Geistlichkeit lag. Jener Turno mag ein Ripener Konverse gewesen sein, dessen heimische Konventualen mit dem Ratzeburger Kloster im Verhältnis der fraternitas gestanden haben mögen. Nach der Regel des heiligen Augustin lebten die Ripener Mönche nachweislich auch. - ****) Beschäftigung fand dieser Steinmetz beim gleichzeitigen Bau des Doms, an dessen (JETZIGER) Hauptpforte die Spuren von Steinmetzarbeit nachgewiesen worden sind.
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*) Chronicon ecclesiae Ripensis bei Langebek. Script. rer. Danic. VII. p. 186 ff.
**) Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, I. P. N. p. 1206.
***) Schade, Altdeutsches Wörterbuch, Halle 1866, unter turi p. 617.
****) Masch, Geschichte des Bistums Ratzeburg p. 41 u. Langebek o. a. O. p. 188.

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Es kommt nun als Stütze für dieses erste Akrostichon ein zweites in den Endbuchstaben der linken Colonne der Inschrift hinzu. Daß hier der Zufall gewaltet haben könnte, erscheint ausgeschlossen. Es wäre allzuviel von Zufall verlangt. Dies zweite Akrostichon lautet: POSVE. SVA. VANI., aufgelöst Posue[re] sua vani[tate] d. h.: sie setzten es (das Denkmal) in ihrer Eitelkeit (in ihrem eitlen weltlichen Sinne). Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, das Citat, das hier offenbar vorliegt, aufzufinden. Ich vermute, daß es in Bernhard v. Clairveaus Schriften zu finden ist, die damals einen ganz gewaltigen Einfluß auf die gebildete Welt ausübten.

HELLWIG.


 


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