Jahresband 1901

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

Umbau der Stadtkirche zu Lauenburg.

[Dr. Günther.]
 

Die Baufälligkeit des hölzernen, mit Schindeln gedeckten Thurmhelmes, der Zustand der Orgel, welche gänzlich verbraucht war und die den feuerpolizeilichen Vorschriften widersprechende Anlage der Aufgäng zu den Emporen gaben der Kirchengemeinde Lauenburg die Veranlassung, auf einen vollständigen Umbau der Westseite der Kirche Bedacht zu nehmen. Es stellte sich nämlich sehr bald heraus, daß die drei erwähnten Uebelstände nur gemeinsam und zwar nur durch Beschaffung eines neuen Thurmes und einer neuen Orgel wie durch Wiederherstellung eines Einganges durch den Thurm zu heben waren. Die dazu erforderlichen Mittel sind theils durch Verwendung eines zu diesem Zwecke gesammelten Kapitales, theils durch eine Anleihe, theils auch durch eine Beihülfe des Kreises beschafft worden. Schließlich fand sich die Vertretung des Kreises auch bereit, der Kirchengemeinde ihr Besitzrecht an dem Chorbaue der Kirche abzutreten und der Gemeinde für die Uebernahme der Erhaltungspflicht des Chores und der Fürstengruft eine einmalige Zahlung von 6000 Mark zu bewilligen. Da aber die Königliche Regierung es ablehnte, die Leistungsunfähigkeit der Gemeinde anzuerkennen und ein Königliches Gnadengeschenk zu beantragen, mußten weitere Pläne, welche sich vorzugsweise auf den Umbau des Chores bezogen und die Herstellung

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einer Wölbung und spitzbogiger Fenster in diesem Theile der Kirche bezweckten, vorläufig zurückgestellt werden.

Zunächst sind bis jetzt der alte Thurm und die Orgel abgebrochen worden. Nach Entfernung der Orgel trat die ursprüngliche Thurmanlage deutlich zu Tage. Der Thurm enthielt ursprünglich in seinem Innern eine große Halle, die durch einen mit einem Rundbogen geschlossenen Eingang mit dem Schiffe der Kirche in Verbindung stand. Halle und Eingang nahmen die ganze Höhe des massiven Thurmtheiles ein. An der Nord- und der Südwand des Innern fanden sich je zwei rundbogige Nischen, über denen sich im Süden zwei den Nischen entsprechende hohe spitzbogige Fenster anschlossen, während auf der Nordseite neben einem breiteren Spitzbogenfenster in ziemlicher Höhe über dem Fußboden eine Thür den Zugang zu der zum Glockenstuhle führenden Treppe bildete. Diese Thür war deshalb so hoch angelegt, damit die anschließende Treppe an der in die Kirche führenden Bogenöffnung vorbeigeführt werden konnte, ohne vom Schiffe aus sichtbar zu werden. Der Widerspruch zwischen den Rundbogen der unteren Nischen und den Spitzbogen der oberen Fenster legte die Vermutung nahe, daß man hier Bauten verschiedener Zeit vor sich habe. Die Beschaffenheit des Mauerwerks hat aber keinen weiteren Anhalt für diese Annahme geboten. Die Thurmmauern sind nämlich von unten auf in gleicher Weise hergestellt worden. Die etwas über einen Meter starken Wände bestanden durchweg aus zwei Ziegelwänden, deren Zwischenraum mit großen und kleinen Findlingsblöcken und Kalk ausgefüllt war. Nur wo spätere Ausbesserungen notwendig geworden waren, griff das Ziegelmauerwerk tiefer in die Mauern hinein. Über dieser Halle erhob sich dann ein ganz aus Holz bestehender Aufbau gleichfalls mit quadratischem Grundriß, der die Glocken enthielt. Es hat sich keine Spur davon gefunden, daß die Halle gegen dieses Stock-

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werk durch eine Wölbung abgeschlossen gewesen wäre. Nur Reste eines über dem jetzt in die Kirche führenden Bogen gelegenen älteren Bogens sowie diese und jene Beobachtung an der Beschaffenheit der Mauern ließen darauf schließen, daß auch der Thurm im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen erfahren haben muß, die Entfernung einer solchen Wölbung hat aber sicher nicht zu diesen gehört. Abgeschlossen wurde der Thurm durch einen hölzernen Helm mit achteckigem Grundriß. Schließlich ergiebt die Beschaffenheit der jetzt ganz freigelegten Westwand der Kirche, daß der Thurm, wie allgemein üblich, ohne Verbindung mit der Kirche errichtet war. Auf die Zeit seiner Erbauung ist daraus selbstverständlich kein Schluß zu ziehen. Auch andere Anhaltepunkte, aus denen sich seine Entstehungszeit ergeben könnte, fehlen. Gegenwärtig ist der Thurm bis auf das Fundament niedergelegt, Urkunden haben sich aber nicht gefunden. Der Thurmknopf ist, wie die auf dem Gegengewichte der Wetterfahne befindliche Inschrift besagte, 1837 unter dem Kirchenjuraten L. Thun erneuert worden. In seinem Innern fand sich nur ein Stück Holz mit der Bleistiftnotiz, daß 1847, der mündlichen Ueberlieferung nach infolge eines Sturmes, der den Knopf herunterwarf, dieser von neuem aufgebracht worden sei. Doch hat sich auch andrerseits nichts ergeben, was die Annahme widerlegte, daß der Thurm ungefähr gleichzeitig mit der Kirche erbaut worden sei.

Jene große Bogenöffnung, welche die Thurmhalle mit dem Kirchenschiffe verband, ist später durch den Einbau der Orgel verschlossen worden, indem man quer durch die Halle eine weitere Balkendecke zog und nur darunter einen niedrigen Eingang in die Kirche übrig ließ, der später fast ganz durch vorgestellte Kirchenstühle gesperrt wurde.

Bei dem Abbruche der Orgel fand sich in einem Hohlraume derselben ein Promemoria betiteltes Schrift-

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stück, welches der bekannte Lokalhistoriker Walcke bei Gelegenheit der im Jahre 1849 vorgenommenen Reparatur der Orgel verfaßt hatte. Dasselbe umfaßt fünf Folioseiten, von denen die ersten drei eine Schreiberhand, die letzten beiden Walckes eigene bekannte Handschrift aufweisen. Die Thatsache, daß eine ganze Seite, welche die technische Beschreibung des Orgelwerkes enthält, von dem Orgelbauergehülfen Keß durchstrichen werden konnte, weil das „gar kein Sinn“ hatte, und daß doch dieses Aktenstück in der Orgel niedergelegt werden konnte, beweist zur Genüge, daß wir es hier mit einer amtlichen Kundgebung nicht zu thun haben. Schon was Walcke im Eingange seines Elaborates über die Erbauung des Lauenburger Schlosses unter Karl dem Großen, seine Benennung nach einem Wendenfürsten Delvundetz fabelt, beweist, wie wenig man auf seine historischen Angaben geben darf. Zuverlässig mag jedoch seine Mitteilung sein, daß sich 1849 unter dem Deckel einer zugelötheten Pfeife folgende „Inschrift“ gefunden habe: Anno 1625 ist diese Orgel gebawet vom Meister Henning Krögern, Jochim Lemcke und Johann Bahde O. G. b. Gesellen. Anno 1649 ist diese Orgel renovieret vom Meister Johann Bahde und Gesellen Johann Krögern.“ Worauf sich Haupts Angabe stützt: „Orgel 1625, erweitert 1650“ ist aus seinem Werke nicht ersichtlich. Wahrscheinlich ist es freilich, daß ein erst 25 Jahre altes Werk nicht schon wieder reparaturbedürftig war, daß es sich also 1649 oder 1650 eher um eine Erweiterung als um eine „Renovierung“ gehandelt hat. Aus dem 19. Jahrhundert giebt dann Walcke allerhand Einzelheiten über Umgestaltungen im Inneren der Kirche, die eine sichere Aufbewahrung seiner Aufzeichnungen wünschenswert machen, aber kein allgemeineres Interesse in Anspruch nehmen können.

Seit der eingehenden Reparatur der Orgel im Jahre 1649 ist dann mehrfach an ihr gebessert und

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gebaut worden, bis dann, wie erwähnt, sich die vollständige Baufälligkeit des Werkes ergab. Bei dem Abbruche ist der Prospekt vollständig erhalten worden. Er soll bei der neuen von Markussen in Apenrade zu erbauenden Orgel wieder verwendet werden. Zu einer Wiederherstellung der ursprünglichen Bemalung werden wohl leider die Mittel fehlen. Im Innern der Kirche sind Veränderungen noch nicht vorgenommen, Ergebnisse für eine Geschichte des Baues also auch noch nicht gewonnen worden. Beschränkt sich, wie jetzt beabsichtigt, die Thätigkeit des Architekten auf die Umgestaltung des Westendes der Emporen, so sind solche auch nicht zu erwarten.

Der neu zu erbauende Thurm soll den alten an Höhe bedeutend übertreffen und 55 Meter erreichen. Entworfen ist er von dem Architekten Pieper in Hamburg. Noch haben indessen die Baupläne die höhere Genehmigung nicht gefunden, und deswegen kann hier über Einzelheiten noch nicht berichtet werden.

Dr. GÜNTHER.




 

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