Jahresband 1900

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

Zum Möhnsener Urnenfund.

[W. Dührsen.]

Im Jahrbuch pro 1894 (IV. 2, p. 118 ff.) berichteten wir über den wunderbaren Urnenfund zu Möhnsen. Indem wir auf diesen Bericht, in dem wir zum Schluß (p. 120) hervorhoben, daß der Urnenfund dadurch complicirt geworden, daß nachträglich ein Stück weißer Coralle, der Form und Größe eines einseitigen Dammhirschgeweihs entsprechend und dafür auch anfänglich angesehen, daselbst – auf der Urnenfundstätte – aufgefunden worden, verweisen, theilen wir mit, zunächst daß die fragl. Coralle einer der häufigsten Formen des Rothen Meers (Madrepora Haimei, Milne Eder) angehört, also von dort in unseren Norden gelangt ist, sodann daß der Urnenfund auf Anregung des Herrn Professors G. Schweinfurth die Berliner anthropologische Gesellschaft in ihrer Sitzung vom 21. October 1899 beschäftigt hat. In Anknüpfung an die Erörterung dieser Angelegenheit bringen aus den Acten des Königl. Museums für Völkerkunde die „Nachrichten über deutsche Alterthumsfunde“ 1899, Heft 6 (von der Generalverwaltung der Königl. Museen in Berlin gütigst mitgetheilt) eine Darstellung über die Entdeckung und Untersuchung jener Fundstelle, der wir Folgendes entnehmen:
 

RÖMISCHER FUND VON MÖHNSEN.

Durch eine Anzeige des Hrn. Reg.-Präsidenten in Schleswig vom 23. August 1893 wurde die General-Verwaltung der Königl. Museen benachrichtigt, „daß in der Gemeinde Möhnsen die Dorfbewohner bei Aufräumung eines

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seit Menschengedenken in diesem Sommer zum ersten Male ausgetrockneten Dorfteiches auf altes Eichenholz gestoßen seien, unter dem Urnen usw. aufgefunden wurden. Da die Bauern und deren Knechte zerbrechliche Gegenstände unter den Eichen nicht vermutheten, so wurde ein Theil der Urnen zerschlagen.“

Der von der General-Verwaltung der Königl. Museen zur Untersuchung der Fundstelle entsandte Dr. M. Weigel berichtet unter dem 7. September 1893, daß bereits etwa 8 Tage vor seiner Ankunft in Möhnsen fast die gesammten Funde an Thongefäßen, etwa 15-20 Stück, von der Dorfjugend muthwillig zerstört worden waren. „Nur eine wohlerhaltene Urne und mehrere Scherben, die Hr. Gemeindevorsteher EHLERS zufällig bei sich zu Hause hatte, sind erhalten geblieben und dann von mir mit nach Berlin genommen worden.“ – „Der Fundort der Alterthümer, der vor einiger Zeit vollständig ausgetrocknete Dorfteich, hatte sich in Folge mehrmaliger Regengüsse während der letzten Tage wieder theilweise mit Wasser angefüllt. Ich ließ trotzdem ziemlich einen ganzen Tag lang graben, um die ganz eigenartige Holz-Construction näher in Augenschein zu nehmen, die an der einen Stelle noch erhalten war, bis die Arbeiten, als die Leute etwa 1-1 ½ ‘ tief im Schlamm und Wasser standen, abgebrochen werden mußten. An drei etwas tiefer gelegenen Stellen des etwa 105 Schritt langen und 68 Schritt breiten Dorfteiches haben sich horizontale Holzlagen vorgefunden. Die eine ist schon vor langen Jahren in einem trockenen Sommer ausgegraben worden, wobei alles Holz herausgeholt wurde; die zweite Stelle hat man vor etwa 4 Wochen gefunden und ausgebeutet, indem man viele Wagen-Ladungen von Eichenholz, darunter ganz gewaltige Stämme, die nur von 4 Pferden weggezogen werden konnten, zu Tage förderte. Und unter diesen Stämmen, mehrere Fuß unter Wasser, Schlamm und Morast, haben, wie mir von verschiedenen Augenzeugen berichtet wurde, die Thongefäße ungefähr 15-20 an der Zahl, meist in zerbrochenem

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Zustande im weißen, mergelhaltigen Untergrunde gestanden.“

„Die eine wohlerhaltene Urne hat eine Höhe von 21 cm, einen oberen Durchmesser von 11,2 und einen mittleren Durchmesser von 19 cm, ist aus graubraunem, ziemlich mürbem Thon regelmäßig, aber noch ohne Scheibe hergestellt, oben mit einem etwas ausladenden Rande und 2 kleinen Henkeln versehen und darunter mit etwas rohen unregelmäßigen Zickzackfurchen verziert.“

„Höchst interessant und eigentlich geradezu räthselhaft war die Holz-Construction, die ich an der dritten Stelle noch vollkommen intact vorfand und etwa 3-4’ tief bloßlegte. Oben in der schon etwas morastigen Oberfläche lagen in horizontaler Richtung zahlreiche starke Eichenstämme, ungefähr radial um einen vertical stehenden starken Pfahl angeordnet; der stärkste hatte etwa einen Durchmesser von 2’, die meisten übrigen einen solchen von etwas über einen Fuß; alle waren noch von der Rinde umgeben, die ganz weich war, und zum Theil noch mit Aesten versehen. Dazwischen überall größere und kleinere Holzstücke von 1-5’ Länge und schwarze Holzerde, d. h. eine dicke, halbmorastige Humus-Schicht mit verwitterten Holzresten und anderen Vegetabilien. Unter dieser obersten Schicht der starken Stämme lag eine zweite von etwa halb so starken Eichenstämmen in anderer Richtung, zum Theil wie kreisförmig um den senkrechten Mittelpfahl herum, und darunter eine dritte Schicht, 1½ -2’ stark, die vollständig aus kleinen Holzresten, kleinen Stangen und Buschwerk, das meist an seiner röthlichen Farbe als Erlenholz erkenntlich war, sowie aus Moos und Blattwerk bestand, dessen Faserwerk sich zum Theil, besonders bei den Eichenblättern, noch sehr gut erhalten hatte. In dieser Tiefe fand ich auch an einer Stelle eine größere Menge Holzkohle und dann verschiedene, etwa faustgroße Steine. Leider sammelte sich das Wasser mit der Zeit so an, daß die Arbeiten nicht fortgesetzt werden konnten.“

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„Wie mir der Orts-Vorsteher EHLERS und mehrere andere Dorfbewohner versicherten, war dieser von mir bloßgelegte Holzbau genau ebenso, wie an der anderen Stelle, wo man darunter die mehrfach erwähnten Thon-Gefäße gefunden hatte. Es kann also wohl kein Zweifel darüber obwalten, daß diese Anlagen künstlich und zwar Grab-Anlagen sind, obwohl die Leute sich allerdings nicht erinnern konnten, irgend welche Knochen-Reste in oder bei den Gefäßen gesehen zu haben. Aber in dem so feuchten Terrain können sie sehr wohl vollständig vergangen sein.“

„An eigentliche Pfahlbauten, d. h. an Wohnstätten auf dem Wasser, ist wohl nicht zu denken, da doch dann mehr verticale Balken vorhanden sein müßten und nicht gerade die stärksten Balken ganz oben über Gebüsch und Laubwerk liegen würden.“

„Eine ganz sichere Spur oder die Art der Bearbeitung habe ich bei dem morschen Zustand der äußeren Holzschichten nicht erkennen können; aber der Umstand, daß auch nicht ein einziger Stamm mit Wurzeln gefunden wurde und alle unten auf irgend eine Weise abgetrennt, also irgendwie gefällt worden waren, ist doch der beste Beweis, daß die Bäume nicht etwa von selbst umgefallen, sondern von Menschenhand hingelegt worden sind.“

„Da der Teich ziemlich hoch, höher als das Dorf liegt und nur durch Regenwasser, aber nicht durch Grundwasser gebildet wird, so könnte man vielleicht annehmen, daß er im Alterthum noch nicht vorhanden war, und daß wir hier vielleicht ursprüngliche Hügelgräber vor uns haben, die anstatt der sonst gewöhnlichen Steinsetzung eine Holz-Construction besaßen, welch letztere mit der Zeit in sich zusammengestürzt ist. Das würde ja nicht undenkbar, aber immerhin wenig wahrscheinlich sein, da derartige Gräber wenigstens bisher aus Deutschland nirgends bekannt sind. Wenn aber der Teich im Alterthum schon vorhanden war, so müssen die Urnen tief ins Wasser versenkt, und zu ihrem

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Schutze die gewaltigen Holzmassen aufgeschichtet sein.“ – „Einer von den beiden Fällen ist aber eigentlich nur denkbar.“

„Auf jeden Fall muß von nun an in besonders trockenen Sommern auf derartige Fundstellen genauer geachtet werden, und es ist eigentlich auch leicht erklärlich, daß bisher derartige Funde, die vielleicht noch in größerer Menge im Schooße der Erde verborgen liegen, fast vollständig unbekannt geblieben sind, weil sie bedeutend tiefer und an viel unzugänglicheren Stellen liegen, als die gewöhnlichen Hügelgräber und Urnenfelder.“

So weit der WEIGEL’sche Bericht. Ueber das eingangs erwähnte Korallen-Stück ist darin nichts gesagt. Dagegen findet sich in einer Mittheilung des Landrathes des Kreises Lauenburg vom 16. September 1893 die Bemerkung, daß der Gemeinde-Vorsteher ihm angezeigt habe, bei der nachträglichen Einebnung des von Dr. WEIGEL gegrabenen Loches sei ein versteinertes Geweih gefunden worden. Dies ist nach einem Schreiben des Vereins für Geschichte des Herzogthums Lauenburg zu Mölln vom 25. September 1883 das in Frage stehende Korallenstück, welches in den Besitz des genannten Vereins übergegangen ist. Es ist also ersichtlich, daß ein beweisbarer Zusammenhang zwischen diesem Fundstücke und dem früheren nicht besteht.

Was die zeitliche Stellung der in Möhnsen gefundenen Thongefäße betrifft, so unterliegt die seiner Zeit von Hrn. Geh.-Rath Dr. VOSZ gegebene Bestimmung als „römisch“ keinem Bedenken. Das Königl. Museum besitzt neben anderen Vergleichs-Stücken von Fohrde, Kr. West-Havelland, einen Urnenfund von Milow, Kr. West-Priegnitz, dem eine römische Bronze-Armbrustfibel des 1. bis 2. Jahrh. n. Chr. angehört. Die Keramik der Möhnsener Funde, wie desjenigen von Milow ist durch die eigenthümliche Henkelform und das aus schrägen Strichgruppen bestehende Ornament charakterisirt. An dem Gefäße von Möhnsen ist übrigens in alter Zeit wahrscheinlich die Reparatur eines Risses vorgenommen

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worden, indem derselbe mit einer harzartigen Masse bedeckt wurde, auf der sich noch ein Abdruck von einem Gewebe befindet.

Soweit der von Herrn K. Brunner erstattete Bericht, dem gegenüber wir allerdings unsere Auffassung vom Zusammenhang des Corallenfundes mit dem Urnenfund durchaus aufrecht erhalten müssen. Der Gemeindevorsteher, Herr Ehlers, der bei Auffindung der Coralle anwesend gewesen, bestätigt uns, daß dieselbe ganz tief unter der letzten Schicht Eichen in einer Tiefe von mindestens 2 Metern in hart gewordener Modde gefunden worden und an ihren Fundort nicht dadurch hat gelangen können, daß man sie in neuerer Zeit hineingeworfen; sie hätte die durch Modde verbundenen Eichenschichten nicht durchdringen können; außerdem seien unmittelbar neben ihr sehr viele kleine Urnenscherben gefunden worden. Es bleibt also das Räthsel bestehen, daß bei den Möhnsener Urnen eine aus dem Rothen Meer stammende weiße Coralle gefunden worden ist, die gleichzeitig mit jenen, vielleicht als eine der in ihnen enthaltenen Asche mitgegebene werthvolle, weil seltene Ehrengabe beigesetzt worden ist. Warum sollte auch nicht wie das Elfenbein ein größeres Corallenstück aus dem fernen Süden in uralter Zeit in unseren Norden gelangt sein? Der Umstand, daß bisher im Norden derartige Beigaben in Hünengräbern noch nicht gefunden worden, spricht doch wirklich nicht dagegen; und dann ist auch ein so rätselhaftes Hünengrab wie das Möhnsener in unserem Norden überhaupt noch nicht dagewesen oder aufgedeckt worden. Trägt man nicht Bedenken, den Urnenfund als römischen Fund zu bezeichnen, so liegt keine Veranlassung vor, nicht anzunehmen, daß die Coralle via Rom in unseren Norden gelangt sei.

WD.

 

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