Jahresband 1900

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


LAUENBURG IM 19. JAHRHUNDERT.

Von C. Bohn, Forstsecretär in Ratzeburg.

____________________
 

Wohl in keinem Kreise der preußischen Monarchie möchte das Gefühl der Selbständigkeit natürlicher sein, als in unserem Lauenburg. Denn abgesehen davon, daß die alten Herzöge des Landes nach 1656 – namentlich Julius Heinrich und Julius Franz – sich meistens auf ihren böhmischen Schlössern Schlackenwerth und Reichstadt aufhielten, zeigt die Geschichte dieses Jahrhunderts, besonders in ihrer ersten Hälfte, einen ununterbrochenen Wechsel der Landes-Obrigkeit. man vergegenwärtige sich, daß 1800 in Lauenburg Hannover herrschte, 1801 Ratzeburg von den Dänen besetzt wurde, 1803 die Franzosen einrückten, 1805 die Russen, 1806 die Schweden und Preußen, darauf wieder die Franzosen zur Herrschaft kamen und daß Lauenburg 1810 dem französischen Kaiserreich einverleibt wurde; man erinnere sich ferner daran, daß 1813 die verbündeten Truppen Lauenburg besetzten, nochmals wieder die französische Herrschaft unter Mitwirkung der Dänen sich geltend machte, dann Hannover wieder die Regierung übernahm und Lauenburg darauf erst von Hannover an Preußen und dann wieder 1815 von Preußen an Dänemark abgetreten wurde, - und man wird sich nicht wundern, daß ein Ländchen, das den Centralpunkt seiner Regierung bald in Paris, bald in London, bald in Hannover, bald in Berlin, bald in Kopenhagen hat

1900/3 - (73)


1900/3 - 74

suchen müssen, gar lose mit diesem Centralpunkt zusammenhing und sich nur seiner provinziellen Selbständigkeit bewußt blieb, in der es sich behaglich fühlte.

Die Geschichte unseres Herzogthums ist also interessant genug, um sie an der Wende des Jahrhunderts noch ein Mal in kurzen Umrissen an unserem Geiste vorüberziehen zu lassen.

Das 19. Jahrhundert beginnt für Lauenburg mit der traurigen Zeit der französischen Besitznahme. Um uns über diese französische Besitzergreifung ein klares Bild zu verschaffen, ist es nothwendig auf Folgendes hinzuweisen.

Wie schon erwähnt, gehörte Lauenburg damals zu Hannover. Mit Hannover stand es unter dem Schutze England.

Ein Krieg zwischen England und Frankreich führte zu dem am 25. März 1802 zu Amiens abgeschlosenen Frieden, wo vereinbart wurde, daß England die Insel Malta innerhalb dreier Monate räumen und an den Johanniter-Orden zurückgeben, außerdem, daß sich auf der Insel weder ein Franzose noch ein Engländer aufhalten sollte. Allein das englische Volk glaubte nach der Vollziehung des Friedens in jenem Artikel das Werk einer großen Uebereilung zu erkennen, denn Malta war ein zu wichtiger Punkt für die Behauptung der Herrschaft im Mittelmeer. Diese laut gewordene Volksstimmung bot ein unzweideutiges Zeichen dar, daß der Friede von Amiens nicht von langer Dauer sein werde. Und in der That wurde die Insel nach Ablauf der festgesetzten Frist dem Orden nicht zurückgegeben. Reibungen und Mißverhältnisse konnten also zwischen den beiden Regierungen nicht ausbleiben. Da alle Conferenzen zur Ausgleichung derselben vergeblich waren, so reichte der englische Gesandte in Paris am 26. April 1803 sein Ultimatum ein, welches den zehnjährigen Besitz Maltas und die Abtretung der Insel Lampedusa, sowie die Entfernung der französischen Truppen aus Holland forderte. Das französische Ministerium gab keine offizielle Antwort. Am 18. Mai erfolgte die englische Kriegserklärung. Frankreich hatte zu dieser Zeit eine Heeresabtheilung

1900/3 - 74


1900/3 - 75

von 13-14 000 Mann zu Fuß und 2000 Reiter in Holland stehen, die sofort den Namen: „Armee von Hannover“ erhielt, womit ihre Bestimmung deutlich genug ausgesprochen war.

So war also der Krieg wieder ausgebrochen, unter dem auch unser Ländchen so hart leiden sollte. Dem ersten Consul – Bonaparte – bot sich Hannover als geeigneter Angriffspunkt dar. Die französischen Truppen, auf 20 000 Mann verstärkt, erhielten den Befehl in Holland ein Lager zu beziehen. Unumwunden hatte der französische Gesandte in London ausgesprochen, daß Bonaparte gesonnen sei, im Falle eines ausbrechenden Krieges das hannoversche Land zu annectiren.

Werfen wir nun einen Blick auf die inneren Verhältnisse des Kurfürstenthums Hannover. Dasselbe wurde zu jener Zeit im Namen des Königs Georg III. von einem Cabinetsministerium verwaltet, welches aus dem Grafen von Kielmannsegge als Präsidenten und 5 Ministern bestand. An der Spitze des Heeres stand der Feldmarschall Graf von Wallmoden. Das hannoversche Heer umfaßte zwar 12 Infanterie- und 11 Reiterregimenter, mochte aber, alle Waffengattungen zusammen gerechnet, höchstens 14-15 000 Mann zählen.

Der Bürger und Bauer blieb s. Zt. völlig gleichgültig gegen das Gemeinwesen. Sie freuten sich nur, bisher nicht vom Kriege berührt zu sein; ihn von ihren Grenzen abzuhalten, kam ihnen nicht in den Sinn. Daher wurden sie auch nicht von der dem Lande drohenden Gefahr durch die Behörden in Kenntniß gesetzt.

Am 8. April 1803 hatte der König von England bereits eine Note an den Grafen von Wallmoden erlassen, worin er den Feldmarschall auf die dem Kurlande drohende Gefahr in folge des Einrückens französischer Truppen in Holland aufmerksam machte. Es schien dem Feldmarschall daher angemessen, die Frühlings-Exercirzeit zu benutzen, um die Beurlaubten einzuberufen und die Veranstaltungen zu einem Uebungslager zu treffen, wodurch „ohne Aufsehen zu

1900/3 - 75


1900/3 - 76

erregen“ die Zusammenziehung der Regimenter bewirkt und wenigstens vermieden werde, daß die zerstreuten Garnisonen durch Ueberfall abgeschnitten würden.

Von dieser Königlichen Note setzte der Feldmarschall das Cabinetsministerium sofort in Kenntniß und verlangte Entscheidung hinsichtlich der Vertheidigungsmaßregeln. Das Ministerium erwiderte: „Man müsse zuvörderst alles, was Ombrage und Aufsehen erregen könne, vermeiden, um dadurch nicht etwas zu attiriren; zweitens müsse man solchergestalt, was möglich und diensam sei zu veranstalten, vorzubereiten suchen, um die Willensmeinung des Königs zu erfüllen. Sobald das Ministerium nähere Eröffnungen zu machen im Stande sei, werde es solche dem Feldmarschall zu erkennen geben.“

Der Feldmarschall schrieb daher am 27. April nach London und schilderte den keineswegs glänzenden, im Gegentheil kaum befriedigenden Zustand des hannoverschen Heeres. Zugleich trug er auf Verbesserung und Vermehrung der Vertheidigungsmittel an. Anstatt also rasch und kräftig zu handeln, unterhandelte man und verthat die kostbare Zeit mit „Noten“-Schreiben.

Indessen wurde die drohende Gefahr immer offenkundiger. Graf von Wallmoden forderte daher am 11. Mai eine Vermehrung der Truppen auf 25-28 000 Mann. Am 13. Mai erfolgte hierzu die Genehmigung des Staatsministeriums. Aber schon am Tage vorher hatte General Mortier über die französischen Truppen Heerschau gehalten; ein ungesäumtes Vorrücken stand jetzt zu erwarten. Wozu konnte also eine Aushebung noch dienen?

In Hannover wurde jedoch am 16. Mai ein Aufruf erlassen und an alle Landesbehörden versandt. Durch diesen Aufruf wurde zugleich der Befehl gegeben, ein Verzeichniß der wehrhaften Mannschaft des Landes sofort aufzunehmen und die dienstfähigen Leute feierlich zu verpflichten, „im eintretenden Nothfall zur Rettung und Vertheidigung des Vaterlandes sich unweigerlich zu stellen.“

1900/3 - 76


1900/3 - 77

Was hier für Hannover befohlen wurde, galt natürlich auch für Lauenburg. In einer speciellen Ordre wurde der lauenburgischen Regierung aufgegeben, vom Lande 596 Mann, aus der Stadt Lauenburg 18 Mann, aus Ratzeburg 10 Mann und aus Mölln 16 Mann, zusammen 640 Mann zu stellen. Hiervon waren 15 Mann für das Leibregiment zu Pferde in Lüneburg, 30 Mann für den Train der Artillerie in Hannover und 595 Mann für das 11. Infanterie-Regiment zu Ratzeburg bestimmt.

Es wurde nun die Frage aufgeworfen und besprochen, wie man in Ratzeburg die Rekruten unterbringen sollte, da der General v. Scheither erklärte, daß durchaus nicht alle in die Kasernen eingelegt werden könnten. Es sollten nämlich vorläufig in Ratzeburg außer 595 Lauenburgern auch noch 400 Bremer einquartirt werden; dabei konnten jedoch in der Kaserne nur noch 136 Mann und in der Stadt, nach Angabe des Stadtcommissärs Walter, nur 370 Mann Unterkunft finden. Uebrigens war die Besorgniß überflüssig; denn sobald die Proclamation vom 16. Mai im Lande bekannt geworden war, verließen die meisten dienstfähigen Leute ihre Heimath. Daher ging schon am 26. Mai ein Bericht vom Amte Neuhaus, das damals zum Herzogthum Lauenburg gehörte, ein, daß sämmtliche junge und dienstfähige Leute, 300 an der Zahl, ins Mecklenburgische übergetreten seien. Dasselbe meldete am 27. Mai das Amt Lauenburg an die Regierung und bat zugleich, da es ohne allen Beistand sei, worauf es sich stützen könne, um ein Militär-Commando, welches aber nach der Versicherung des Generals v. Scheither nicht gestellt werden konnte. Die Regierung verwies daher am 28. Mai das Amt Lauenburg nach Lüneburg. Das Amt stellte darauf anstatt 102 Mann nur – 18, von denen auch noch 5 ausgeschlossen wurden; am 1. Juni jedoch noch 49 Mann, darunter allerdings Leute von 40-60 Jahren.

Das Amt Steinhorst berichtete am 4. Juni, daß die Amtsunterthanen für Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit an ihren Landesherrn „besonders bei eintretenden Nothfällen“

1900/3 - 77


1900/3 - 78

gar keinen Sinn hätten. Von 798 dienstfähigen Leuten hatten sich dort gegen 300 nicht gestellt; von den übrigen wurden 104 Mann als diensttüchtig ausgehoben und von diesen sollten darauf die vom Amte Steinhorst zu stellenden 78 Mann ausgeloost werden. Allein am festgesetzten Loosungstage blieb der größte Theil der jungen Mannschaft aus, so daß nur 16 Mann genommen werden konnten. Jedoch brachte es der entschlossene Amtsschreiber Schneider mit Hülfe eines Militär-Commandos dahin, daß auch die fehlenden 62 Mann an das 11. Regiment abgeliefert werden konnten.

Das Amt Ratzeburg stellte am 2. Juni die auszuhebenden 102 Mann ohne Schwierigkeiten.

Am eigenthümlichsten wurde das Aushebungsgeschäft in der Stadt Mölln betrieben, die, wie schon gesagt, 16 Mann zu stellen hatte. Zuvörderst hielt der Möllner Magistrat um ein Commando von 12 Mann der Ratzeburger Garnison an, um mit Hülfe desselben die „entbehrlichsten Menschen“ auszuheben. Das Gesuch wurde abgeschlagen. Darauf führten am 29. Mai die zur Uebernahme und Einstellung der Rekruten commandirten Hauptleute von der Beck und von Berger bei der Regierung Beschwerde, daß die Stadt Mölln „Ausländer und Vagabonden“ eingeliefert habe, welche durchaus nicht beim Regiment angenommen werden könnten, zumal da diese Leute selbst ausgesagt hätten, daß sie mit Gewalt aufgegriffen seien. Die Militär-Commission sah sich daher genöthigt, gegen ein solches Verfahren einzuschreiten. Die Stadt Mölln erhielt also noch an demselben Tage einen scharfen Verweis von der Regierung, weil sie durchaus unbrauchbare Mannschaft gestellt habe, welche ihr zugleich auf ihre Kosten zurückgesendet würden. Der Rath hätte sofort bei 50 Thaler Strafe sämmtliche Bürger zusammen zu rufen und ihre dienstfähigen Söhne loosen zu lassen. Dabei wird noch besonders erwähnt, „daß in der Stadt Ratzeburg bereits eine allgemeine Ausloosung stattgefunden habe.“ Allein schon am 31. Mai zeigte Hauptmann von Berger der Regierung an, Mölln habe wiederum 6 Leute eingeliefert, von denen

1900/3 - 78


1900/3 - 79

der eine verstümmelt, die andern fünf beweibt und zugleich Ausländer seien, welche sich nebenbei über die Art ihrer Aushebung beschwert und ausgesagt hätten, daß ihnen Geld für ihre freiwillige Stellung geboten sei. Die Regierung ordnete nun unter demselben Dato an, daß der Magistrat bei 50 Thaler Strafe die sämmtlichen waffenfähigen Bürgersöhne, die ausgetretenen mit eingerechnet, loosen zu lassen habe; wenn indessen ein Sohn durchaus unentbehrlich für die Familie sein sollte, so könne der Vater an dessen Statt einen Stellvertreter, der jedoch aus Mölln gebürtig sein müsse, stellen, müsse aber für dessen Desertion haften. In Folge dessen berichtete der Magistrat, daß er 6 Bürgersöhne ausgehoben habe, von denen aber – 4 abwesend wären.

Da also die anbefohlene Aushebung einen so wenig entsprechenden Erfolg hatte, sah sich die Regierung genöthigt, um Verminderung der von Mölln aus stellenden Mannschaft zu bitten. Es liegt keine Antwort auf diese Petition vor.

Aber auch in Hannover selbst war das Resultat der Aushebung kein anderes als in Lauenburg. Zugleich überzeugte man sich in Hannover, daß die ausgehobene Mannschaft nicht mehr zum Dienst gegen den Feind formirt und einexercirt, ja nicht einmal bekleidet werden konnte. Dazu kam die Schwierigkeit der Herbeischaffungder Zug- und Remontepferde. Man erhielt nun freilich in den letzten Tagen des Mai eine Anzahl Pferde, welche aber weder bei der Artillerie noch bei der Cavallerie zu gebrauchen waren.

Indessen begann der Kampf mit dem Feinde schon um dieselbe Zeit. Am 16. Mai nämlich erhielt der Anführer des französischen Heeres, welches bei Nimwegen stand, General Mortier, vom ersten Consul Bonaparte den Befehl zum Aufbruch mit den Worten: „Marschirt, schlagt die hannoversche Armee und nehmt ihr die Waffen.“

Bereits am 26. Mai brachen die Franzosen in die Grafschaft Bentheim ein. Der General Mortier erließ eine Proclamation an die Hannoveraner, in welcher er ermahnte, von der Gegenwehr abzustehen, die ihnen keinen Nutzen

1900/3 - 79


1900/3 - 80

bringen werde; sie würden nur das Opfer derselben sein. Er aber verspreche ihnen allgemeine Sicherheit und Schutz.

Den regierenden Herren in Hannover war es nicht in den Sinn gekommen, den Zustand und die Stärke des französischen Heeres in Holland recognosciren zu lassen. Sie wußten nicht das geringste von den feindlichen Truppen, ja sie überschätzten aus Unwissenheit ihre Stärke; auch waren sie ohne jegliche Nachricht, welche Straße Mortier ins hannoversche Land eingeschlagen habe. Geradezu an’s Unglaubliche grenzt folgende Mittheilung eines Geschichtsschreibers. Als nämlich der Feldmarschall eines Abends einen Courier von dem Commandanten in Bentheim mit der Nachricht vom Einbruche des Feindes erhalten hatte, forderte er die Minister zu einer schleunigen Sitzung auf; sie aber erwiderten, die Glocke habe bereits zehn geschlagen, die Versammlung könne erst am folgenden Tage stattfinden.

Mortier rückte am 30. Mai ins Osnabrückische ein. Man hatte also den Paß bei Lingen ganz unbeachtet gelassen, wo die hannoverschen Truppen auch ohne Verstärkung die Franzosen hätten aufhalten können.

Darauf entschloß sich der Feldmarschall Graf von Wallmoden, die Weser-Position defensiv zu behaupten. Er zog daher ein Corps von ungefähr 4000 Mann bei Nienburg zusammen und stellte es unter den Befehl des Herzogs von Cambridge. Am 1. Juni übernahm dieser das Commando mit dem festen Entschlusse, nicht bei der Defensive stehen zu bleiben. Er ließ daher seine Avantgarde unter dem General v. Hammerstein gegen Sulingen vorrücken, und dieser ging sofort mit 1500 Mann in die Ämter Diepholz und Lemförde vor. Die französischen Vortruppen standen bereits an der Hunte. Indessen hatte Hammerstein den Befehl erhalten, den Feind nicht zu reizen. Darauf ließ Mortier eine Abtheilung seines Corps eine Bewegung gegen Wildeshausen ausführen und zwang dadurch den hannoverschen General, weil er mit Umgehung bedroht wurde, sich in der Richtung auf Nienburg wieder zurückzuziehen. Mit Ungestüm waren

1900/3 - 80


1900/3 - 81

aber auch schon die leichten Truppen des Feindes bis gegen Sulingen vorgedrungen.

In Hannover waren indessen die hohen Regenten keineswegs der Meinung, daß man jenseits der Weser Feindseligkeiten beginnen sollte. Nur einige Schüsse, meinten sie in ihrer großen Weisheit, könnten außerordentliche Verlegenheiten bereiten.

Man war im Gegentheil bereit, mit dem französischen General in Unterhandlungen einzutreten, obgleich man nicht ein Mal wußte, wo derselbe zu finden sei.

Nach einem kleinem Scharmützel bei dem Dorfe Borstel kam es zu folgendem, für Hannover so schmachvollen Vergleich.

Das Kurfürstenthum Hannover sollte sogleich von den französischen Truppen besetzt werden; die hannoverschen Truppen sollten in Lauenburgische zurückgehen und sich verpflichten, während der Dauer des Krieges nicht gegen die französische Armee zu dienen. Alle Waffen und Munitions-Vorräthe mußten den Franzosen überliefert und die französische Reiterei auf Kosten Hannovers remontirt werden. Endlich sollte Hannover für den Sold, die Bekleidung und Verpflegung des französischen Heeres Sorge tragen. Alle Einkünfte des Landes aber verlangte die französische Regierung und bevollmächtigte den französischen General, in dem Kurlande solche Steuern zu erheben, wie er sie zur Befriedigung der Bedürfnisse seines Heeres für nöthig erachtete.

Schlimmeres als diese schmachvolle Convention konnte das Land selbst nach einem verzweifelten, blutigen Kampfe nicht treffen.

Die Sieger ohne Schlacht stürmten mit solcher Heftigkeit vor, daß sie schon am 4. Juni in die Hauptstadt Hannover, am 6. in Celle und am 9. in Lüneburg und Stade einrückten.

Der Feldmarschall Graf von Wallmoden befand sich am Tage der Sulinger Convention in Celle; er hatte alos keinen Antheil an der Verhandlung und ihrem Abschluß. Unbegreiflich bleibt es allerdings, daß er sich den Einfluß auf dieselben hatte entwinden lassen. Dagegen nahm der

1900/3 - 81


1900/3 - 82

Herzog von Cambridge auf der Stelle seinen Abschied und begab sich eiligst nach England.

Die hannoverschen Truppen traten alsbald den Marsch nach Lauenburg an. Unterwegs verließen unbefugterweise ganze Scharen ihre Fahnen. Am 10. Juni schlug Wallmoden sein Hauptquartier in der Stadt Lauenburg auf. Das Cabinetsministerium hatte vorsichtigerweise nichts besseres zu thun gewußt, als seinen Sitz von Hannover nach Ratzeburg zu verlegen.

Den Bestrebungen des Feldmarschalls, die Franzosen wieder mit Gewalt aus Hannover zu vertreiben, setzte das Cabinetsministerium die erdenklichsten Schwierigkeiten entgegen. Man ließ sogar Flugblätter vertheilen, worin die Soldaten zum Ungehorsam gegen ihren Führer aufgereizt wurden. Die Minister waren ganz damit einverstanden, wenn das Heer sich sofort auflöste – und bald sollte es denn auch dazu kommen.

Nach einem am 1. Juli zu Gülzow abgehaltenen Kriegsrath geschah Folgendes. Unter den zwischen Lauenburg und Glüsing lagernden drei hannoverschen Reiterregimentern kam ein annonymes Schreiben zum Vorschein, worin dieselben geradezu zur Meuterei aufgefordert wurden. Die Reiter versicherten, das Schreiben könne von keinem gemeinen Soldaten herrühren; ebenso unwahrscheinlich aber ist es, daß ein hannoverscher Krieger überhaupt der Verfasser war. Seinen Endzweck aber verfehlte die Schrift nicht: in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli brach ein Tumult aus, und zwar gerade zur Zeit, als ein feindlicher Parlamentär von dem Feldmarschall mit der Verwerfung gemachter Anträge abgefertigt war. Als nämlich jene Reiter zum Satteln Befehl erhielten, erscholl auf dem einen Flügel des Lagers der Ruf: „Es soll nicht gesattelt werden!“ Die Officiere suchten ihrem Befehle Gehorsam zu verschaffen und brachten es in der Dunkelheit auch zum Theil dahin, daß in ihrer Gegenwart wenigstens gesattelt wurde. Plötzlich aber hörte man von den Truppen die aufrührerischen Worte: Sie seien ver
-

1900/3 - 82


1900/3 - 83

rathen; man habe sie in jenen Winkel des Landes wie in eine Falle geführt; sie würden sich nicht eher schlagen, bis sie wüßten, für wen; wer den im Kampfe verkrüppelten Soldaten die Pension bezahlen werde, und dergleichen mehr. Um die Unzufriedenen zu beruhigen, erschien der Feldmarschall am Morgen des 4. Juli im Lager und hielt eine Ansprache an die Truppe, welche mit der Frage schloß: „Sagt nun, wollt ihr fechten oder nicht?“ Ein Reiter antwortete, davon sei hier gar nicht die Rede; sie würden jederzeit ihre Pflicht erfüllen, aber besser würde es gewesen sein, wenn der Feldmarschall sie nicht in einen Winkel eingesperrt, sondern an die Landesgrenze geführt hätte, wo der Kampf von größerem Nutzen gewesen wäre.

Nach diesen Scenen verlor Graf von Wallmoden jedes Vertrauen zu seinem Heer und jede Hoffnung auf eine erfolgreiche Bekämpfung des Feindes und es kam am 5. Juli zum Abschluß der sog. Elb-Convention, wodurch Folgendes bestimmt wurde:

Die hannoverschen Truppen legen die Waffen nieder, welche der französischen Armee überliefert werden. Das hannoversche Corps wird aufgelöst, die Leute kehren in ihre Heimath zurück. Die französischen Truppen werden sofort das lauenburgische Gebiet besetzen.

Bereits am 6. Juli betrat die französische 48. Halbbrigade unter dem Commando des Generals Drouet und des Obersten Arnaud das Lauenburger Land. Das hannoversche Heer war bald aufgelöst und die Franzosen richteten sich nun auch in unserem Herzogthum häuslich ein. Die lauenburgische Central-Kasse war vorher nach Schwerin gebracht, damit sie nicht dem Feinde in die Hände fiel.

Die französischen Commandeure ließen zwar die bestehenden lauenburgischen Verwaltungseinrichtungen unangetastet, doch mußte das Land die Kosten ihrer Armee decken.

Am 21. Juli 1803 rückten die ersten Franzosen in Ratzeburg ein. Ueber die Stärke der Besatzung finden sich in jenem Jahre keine bestimmten Angaben; wohl aber werden

1900/3 - 83


1900/3 - 84

am 14. Juni 1804: 6 Officiere, 17 Unterofficiere und 197 Gemeine von der 48. Halbbrigade angegeben; im Anfange des Jahres 1805: 6 Officiere, 15 Unterofficiere und 180 Mann. die Vorstadt war mit 30 Mann und 38 Pferden der französischen Artillerie belegt. Eine Rechnung des damaligen Rathskellerwirthes Glüer gibt Zeugnis davon, wie die französischen Officiere zu leben verstanden. Für die Beköstigung derselben vom 21. Juli bis 20. August 1805 belief sich die Rechnung auf 1485 Thaler 11 Schilling, die Ratzeburg natürlich bezahlen mußte. Die städtische Schuld aus jener Zeit ist bisher nicht getilgt, sie beträgt 33 220 Mk.

Hatten allein schon die französischen Bedrückungen und Quälereien die Gemüther der Lauenburger tief erschüttert, so wurde ihnen auch noch zugemuthet, das auferlegte Joch mit Freude und Jubel zu begrüßen.

Am 18. Mai 1804 war der bisherige erste Consul Bonaparte zum Kaiser der Franzosen erhoben worden. In Folge dieses Ereignisses theilte der Platzcommandant Dejardin am 27. Juni, nachdem er bereits ein Festmahl zur Verherrlichung des neuen Kaisers auf dem Rathskeller gegeben hatte, der lauenburgischen Regierung den Befehl des Generals Marisy mit, daß am nächsten Sonntage ein Tedeum – allenfalls in deutscher Sprache – gesungen werden sollte. Die Regierung sah sich daher gezwungen, dem Magistrat davon Anzeige zu machen und ihm aufzugeben, daß er, da die Stadtkirche nun ein Mal zu diesem Zwecke hergegeben werden müsse, die erforderlichen Maaßregeln treffen und insbesondere den Bürgern „um ihres eigenen Besten willen“ die größte Ruhe und Ordnung anempfehlen möge. Zugleich aber forderte die Regierung auch den Commandanten auf, an seine Truppen die zweckdienlichsten Befehle ergehen zu lassen, „damit nicht an heiliger Stätte Tumult und Brutalität vorkommen möchten.“

Allerdings ruhig, aber in der trübseligsten Stimmung verhielten sich die Bürger bei der ihnen fremden Feier, welche die Bedränger in ihrem Gotteshause veranstalteten. Man empfand diesen Act als schwere Demüthigung, aber man ahnte

1900/3 - 84


1900/3 - 85

nicht, daß Lauenburg nach wenigen Jahreu dem französischen Departement der Elbmündungen direct einverleibt werden sollte.

Nach der Errichtung des Kaiserreichs fingen die französischen Gewalthaber an, immer willkürlicher zu verfahren; man betrachtete und behandelte das Land nicht anders als eine französische Provinz. So wurden u. A. alle öffentlichen Gelage mit Musik, die landesüblichen großen Hochzeiten, die Pfingstheische und Bauernbiere „zur Vermeidung unnöthiger Ausgaben“ verboten.

Als Bonaparte 1805 sich anschickte, auch Italien unter Frankreichs Scepter zu stellen, schlossen Oesterreich, Rußland, England und Schweden ein Schutz- und Trutzbündniß. Es mußte dem neuen Kaiser also daran gelegen sein, Preußen, wenn auch nur durch eine Neutralitäts-Erklärung, für sich zu gewinnen. Er ließ König Friedrich Wilhelm III. den Vorschlag machen, die hannoverschen Lande bis zum endlichen Frieden mit England in Verwahrung zu nehmen. Der König ging hierauf ein.

Darauf wurde am 28. August 1805 der Befehl ertheilt, das französische Heer im Hannoverschen – ca. 21 500 Mann stark – an der südlichen Grenze des Landes zusammenzuziehen. Am 8. September verließen die letzten Franzosen das Lauenburger Gebiet, nachdem sie über 2 Jahre im Lande gehaust hatten.

Indessen blieb das Herzogthum Lauenburg nicht lange ohne militärische Besatzung. Am 5. October landete ein russischer Heerestheil, ungefähr 15 000 Mann stark, in Schwedisch-Pommern und setzte sich in Marsch nach dem Lauenburgischen. Bald darauf sammelte sich auch eine schwedische Heeresabtheilung von 10 000 Mann in Pommern, über welche der König Gustav Adolf am 2. November den Oberbefehl übernahm.

Die Russen betraten zuerst den Lauenburgischen Boden. Am 27. October 1805 besetzte der General Werderefsky mit ungefähr 5000 Mann und am 5. November der General Sedmorazky mit 9 Compagnien die Stadt Ratzeburg. Am

1900/3 - 85


1900/3 - 86

11. November rückte das russische Regiment Pulaw von Wittenburg her in die Stadt Mölln und Umgegend ein.

Am 9. November zeigte der Befehlshaber der schwedischen Avantgarde, Oberst von Cardell, von Strohkirchen bei Rehna aus der Regierung in Ratzeburg an, daß er am 10. November mit 1000 Mann und 300 Pferden ins Lauenburgische einrücken und die Dörfer Thurow, Mustin, Sterley und Kogel besetzen, am 11. nach Sahms, Pampau, Müssen marschiren und am 12. nach Hohenhorn, Fahrendorf und Kröppelshagen vorrücken werde.

Die Regierung erkannte, daß das Land einer so großen Einquartirungslast unterliegen würde. Darum wurden der Rittmeister von Hammerstein auf Kastorf und der Amtmann Brauns zum schwedischen commandirenden General gesandt, um ihm den Nothstand des Landes vorzutragen und zu erklären, daß es nicht im Stande sei, die Verpflegung der Truppen zu übernehmen, da es durch die lange französische Einquartirung schon erschöpft sei. Nach einer Conferenz in Stralsund mit dem General und dem König Gustav Adolf wurden dann die allerdings nicht hoch bemessenen Sätze festgestellt, für welche Lauenburg sich zur Verpflegung der schwedischen Truppen bequemen mußte.

Nach der Vereinbarung der Verpflegungsätze folgte dann das schwedische Hauptheer den Vortruppen nach, um die Stadt und das Amt Ratzeburg zu betreten.

Da man über die Absicht Preußens, das seine Truppen im Hannoverschen immer mehr ausbreitete, nicht im Klaren war, blieben die Schweden und Russen vorläufig im Lauenburgischen stehen.

Nach einer Vereinbarung zwischen Kaiser Alexander von Rußland und König Friedrich Wilhelm von Preußen, abgeschlossen zu Potsdem am 3. November 1805, verließen die Preußen gegen Ende November das hannoversche Land, während die Russen und Schweden am 10. und 12. bei Lauenburg und Artlenburg über die Elbe gingen.

Die dritte Coalition gegen Frankreich, welcher England,

1900/3 - 86


1900/3 - 87

Rußland, Oesterreich und Schweden angehörten, fand inzwischen durch den entscheidenden Sieg Napoleons über die österreich-russische Armee bei Austerlitz am 2. December 1805 ein schnelles Ende.

Am 11. Februar 1806 verlegte Gustav Adolf sein Hauptquartier von Lünneburg nach Ratzeburg, von wo er am 27. März mit dem Gros seines Heeres nach Pommern zurückging. Einen Theil seiner Truppen ließ er angeblich „zum Schutze des Landes“ hier zurück. Nunmehr erhob auch Preußen Ansprüche auf Lauenburg und bereits am 22. April rückten preußische Truppen von Zarrentin her gegen Ratzeburg vor. Die Schweden räumten das Feld nicht freiwillig, sondern stellten sich zwischen Gr.-Zecher und Seedorf den Preußen entgegen und eröffneten das Feuer, wobei sie den Lieutenant von Stülpnagel, vom Regiment Beeren, sowie einen Unterofficier und einen Schützen vom Regiment Tschammer verwundeten. Die Preußen erwiderten das Feuer nicht, sondern setzten ihren Marsch, den Feind zurückdrängend, nach Ratzeburg fort. Die Schweden nahmen noch einmal Stellung zwischen dem Piper- und Schallsee bei Neu-Kogel. Als ihnen jedoch ein Schützenzug der Preußen entgegengeschickt wurde und nach den ersten Schüssen ein schwedischer Husar gefallen war, zogen sich die Schweden ohne weiteren Widerstand über Kittlitz und Dutzow ins Mecklenburgische zurück.

Am Abend des 23. April 1806 rückte der Oberst von Beeren mit 1159 Mann und 226 Pferden in Ratzeburg ein und nahm förmlich für seinen König Besitz vom Herzogthum Lauenburg. Ein Theil der Truppen bezog alsbald die umliegenden Dörfer, da in der Stadt nur 214 Häuser belegt werden konnten. So blieb es bis zum 14. August 1806. An diesem Tage zog sich das Gros der Preußen ins Hannoversche zurück; der Rest folgte bald darauf. Dagegen besetzte nun wieder Schweden, in Folge Übereinkunft mit Preußen wegen Aufhebung der Blockade der preußischen Häfen, das Herzogthum. Schon am 27. August rückte der schwedische General Graf

1900/3 - 87


1900/3 - 88

von Löwenhjelm mit 222 Mann und ebensoviel Pferden in Ratzeburg ein.

Mittlerweile war es zwischen Rußland, Schweden und England zu einem neuen Bunde gegen den korsischen Eroberer gekommen, dem nunmehr neben Sachsen auch Preußen beitrat.

Als jedoch nach dem unglücklichen Ausgang der Schlacht bei Jena und Auerstädt die preußische Armee unter General Blücher sich auf Lübeck zurückzog, um hier eine Vertheidigungsstellung einzunehmen, vereinigten sich am 3. November auch die im Herzogthum zerstreut liegenden schwedischen Truppen in der Absicht, die nahe Hansestadt zu erreichen und sich von dort nach Schweden einzuschiffen.

Am 6. November hatte General Blücher Lübeck besetzt. Ihm folgte der Marschall Bernadotte über Schönberg, die Marschälle Soult und Murat über Ratzeburg. Aber noch vor dem Erscheinen der Franzosen traf hier am 5. November gegen Mittag der preußische Major Hövell mit dem 2. Bataillon des Regiments Braunschweig-Oels und 40 Husaren ein, um sich der vorhandenen Lebensmittel, Munition, Waffen und Schuhe zu bemächtigen. Am Nachmittage näherte sich die feindliche Vorhut der Stadt. Der preußische Major ließ daher einen Theil der langen Brücke (die später durch den sogn. „Königsdamm“ ersetzt wurde) abbrechen und stellte seine Schützen am Ufer des Sees auf. Das Tiralleurfeuer dauerte bis fünf Uhr Abends, als gemeldet wurde, der Feind umgehe über Schmilau die Stadt. Die Preußen zogen daher ab und erreichten Lübeck gegen Mitternacht.

Am Abend desselben Tages rückten die Franzosen in Ratzeburg ein. Diese wilden Schaaren hatten bereits im Mecklenburgischen ihre Marschrichtung durch Plünderung und Gewaltthätigkeit jeder Art bezeichnet und setzten im Lauenburgischen ihr ruchloses Treiben fort, und zwar nicht nur während des Marsches nach Lübeck, sondern womöglich in noch höherem Grade auf ihrem Rückmarsche von dort, nachdem

1900/3 - 88


1900/3 - 89

es ihnen gelungen, am 6. November Lübeck im Sturm zu nehmen und Blüchers Armee bei Ratekau zu schlagen.

Schwer lastete in den darauffolgenden Tagen das Kriegsunglück auch auf Ratzeburg. Die Truppendurchmärsche und Gefangenen-Transporte wollten schier kein Ende nehmen, so daß die Stadt beispielsweise vom 8.-10. November 11,400 Mann zu verpflegen hatte. In und bei Zecher und Seedorf lagen um dieselbe Zeit 8000 Mann, theils Fußvolk theils Reiterei.

Der französische Marschall Brune in Hamburg, damaliger Gouverneur der Hansestädte, proclamirte am 19. April 1807 die Errichtung eines Observations-Corps im Gebiete der Hansestädte, des Hannoverschen und Mecklenburgischen. Niemand zweifelte, daß dieses Heer gegen Schwedisch-Pommern, besonders gegen die Festung Stralsund, bestimmt sei. Diese Meinung bestätigte sich, sobald die Durchmärsche, zunächst holländischer Truppen, von Lüneburg her durch das Lauenburgische nach Mecklenburg begannen. Auch kam der marschall selbst am 28. April mit seinem Stabe nach Ratzeburg. Die Durchmärsche hielten mit kurzen Unterbrechungen bis Ende Juni an.

Mit diesem Armeecorps vereinigte sich auch das spanische des Marquis de la Romana. Die spanischen Truppen hatten in Toscana gestanden, waren dort am 22. April 1807 aufgebrochen und hatten ihren Weg zuletzt durch Hannover genommen. Am 8. Juli ging die Division Hermosilla bei Artlenburg über die Elbe und betrat Lauenburg.

Doch nicht genug damit, daß unser Herzogthum den Durchmarsch aller dieser Schaaren nach Pommern hin zu erdulden hatte, - das ganze Heer durchzog auch bei seiner Rückkehr wieder das Land, nachdem Stralsund am 20. August übergegangen war; ja ein Teil der Truppen bezog sogar im Lauenburgischen Orts-Quartiere. Leider blieben aber nicht die anspruchslosen und bescheidenen Spanier, von denen Ratzeburg die Regimenter Guadalaxara, Zamora und Catalonien, sowie das Reiterregiment Algarbien auf dem Durchmarsch

1900/3 - 89


1900/3 - 90

in seinen Mauern gehabt hatte, hier zurück, sondern Lauenburg erhielt Franzosen, welche im Vollgefühl der grande nation ihre Wirthe mit übertriebenen Forderungen quälten. Es liegen noch Rechnungen vor über die Kosten, welche die Tafel des Obersten des 23. Regiments chasseurs à cheval, Lambert, der Stadt Ratzeburg verursachte. Vom 26. November 1807 bis 4. Februar 1808 beliefen sich die Kosten dieser Tafel auf 1072 Thaler 8 Schilling. Vom 5. November 1808 bis 13. Januar 1809 hatte die Stadt den Obersten vom 24. Regiment, Brunet, zu verpflegen; seine Tafel kostete in diesem Zeitraum 1046 Thaler 28 Schilling, und vom 14. Januar bis 1. April 739 Thaler 26 Schilling, sowie für Wein 571 Thaler 4 Schilling. Dessenungeachtet ließ der Oberst durch seinen Adjutanten dem Magistrat seine Unzufriedenheit über die Dürftigkeit seiner Tafel ausdrücken.

Rechnet man zu diesen Lasten die fast ununterbrochene starke Einquartirung, welche die Einwohner Ratzeburgs zu verpflegen hatten und die nach den Listen von Mitte Juli 1803 bis dahin 1809 sich auf 296 578 Soldaten und 19 731 Officiere belief, berücksichtigt man ferner die große Theuerung aller lebensmittel während der Jahre 1807 und 1808, so wird man leicht beurtheilen können, wie die Bewohner Ratzeburgs in die traurigste Lage versetzt werden mußten.

Die Landeseinkünfte aus den Domänen und Forsten wurden im Sommer 1808 den französischen Generalen als Dotation zugewiesen. So bezog der Marschall Duroc aus den Ämtern Steinhorst und Ratzeburg 85 000 Franken, der Marschall Ney aus den Ämtern Lauenburg und Ratzeburg 83 000 Franken, der General Bisson aus dem Amte Neuhaus 30 000 Franken und der Ceremonienmeister Graf Segur aus dem Amte Schwarzenbek 20 000 Franken. Mithin gingen allein auf diese Weise dem Lande Lauenburg jährlich 218 000 Franken verloren.

Am 10. December 1810 ward Lauenburg mit anderen

1900/3 - 90


1900/3 - 91

Landestheilen dem französischen Kaiserreiche als Theil des Departements der Elbmündungen einverleibt.

Durch Befehl vom 2. März 1811 ordnete die französische Regierung die Aushebung von 3000 Seeleuten im Alter von 20 bis 50 Jahren aus dem Departement an. Diese Aushebung wurde für das Lauenburgische auf den 19. April zu Ratzeburg angesetzt. Gleichzeitig wurde bestimmt, besonders die Ratzeburger Böter zum Seedienst heranzuziehen. Die Böter, dadurch in Schrecken versetzt, wandten sich an die Regierung mit der Bitte, sich ihrer bei dem Unterpräfecten von Gruben in Lüneburg anzunehmen. Die Landesbehörde berichtete dahaer am 17. April, daß die Ratzeburger Böter bei ihren Fahrten auf den Ratzeburger Seen und der Wakenitz in platten, mit Stangen oder Rudern bewegten Fahrzeugen durchaus keine Kenntniß und Geschicklichkeit zum Seedienst besäßen, daß aber außerdem die meisten Böter wegen ihres vorgerückten Alters nicht mehr für die Marine tauglich wären. Die Sache scheint damit erledigt gewesen zu sein; jedenfalls ist nicht bekannt geworden, daß Ratzeburger Böter für die französische Marine ausgehoben worden sind.

Für das Landheer wurden natürlich alle dienstfähigen Leute des Herzogthums bis zu den ältesten Jahrgängen hinauf ausgehoben, die sich, als dem Departement der Elbmündungen angehörig, in Hamburg bei dem Rekrutirungs-Hauptmann zu gestellen hatten. Jede Ordre trug am Schluß die Bestimmung: „Sollte sich der Conscribirte weigern, dem gegenwärtigen Befehle ungesäumt nachzuleben, so wird er militärisch verfolgt und zugleich als Widerspenstiger erklärt und verurtheilt, durch die Gensdarmerie aufgesucht, arretirt und an das in Vließingen errichtete General-Dépôt der Réfractaires überliefert werden, um alldort zur Disposition Sr. Exc. des Ministers der Marine und der Kolonieen gehalten und sodann eingeschifft zu werden; überdieß wird derselbe der ihm und seinen Eltern gemeinschaftlich auferlegten Geldstrafe nicht entgehen können.“

Bis zum Jahre 1813 dauerte das französische Regiment.

1900/3 - 91


1900/3 - 92

Das Land wurde während dieser Zeit bis auf’s Blut von den Franzosen ausgesogen und hier wie überall im deutschen Reiche empfand man diese Schmach und Erniedrigung, regte sich der heiße Wunsch nach Befreiung von dem Joche der Fremdherrschaft.

Als bei Beginn der Befreiungskriege im Frühjahr 1813 der russische General Tettenborn von Hamburg aus auch an die Lauenburger einen Aufruf zu den Waffen erließ, fand dieser freudige Zustimmung, wie die Bildung eines freiwilligen Infanterie-Corps unter dem Major von Berger in Ratzeburg bald darauf zeigte. Doch die Armee der Verbündeten war der Heeresmacht der vereinigten Franzosen und Dänen nicht gewachsen und wurde aus ihren Stellungen vertrieben. In dieser Zeit kam es zu verschiedenen Gefechten und Scharmützeln bei Ratzeburg und Mölln zwischen dem Corps des Generals von Wallmoden und dem des französischen Generals Davoust. Die Franzosen hatten von August bis November ein befestigtes Lager östlich von Ratzeburg inne.

In welch’ frivoler und ruchloser Weise der Feind bis zum letzten Augenblicke im hiesigen Lande hauste, davon giebt ein vom Amte zu Ratzeburg erst im Jahre 1814 aufgenommenes Protocoll über die sog. standrechtliche Erschießung dreier Bewohner des Dorfes Mustin Kenntniß. Das Protocoll lautet: „Erschienen auf Erfordern die nachgebliebenen Witwen der im verflossenen Herbste zu Mustin auf Befehl des französischen Marschall Davoust todtgeschossenen drei Männer als namentlich: Catharine Margarethe Lehmann, geb. Isernhagen, Catharine Dorothea Zemplin, geb. Kuhn und Catharine Maria Zemplin, geb. Gehlfuß, sämtlich aus Mustin, und erklärten auf Befragen:

„Es sei zwischen 14 Tage und 3 Wochen nach Michaelis 1813 gewesen, als ein französischer Soldat in dem Dorfe Mustin, da er plündern wollen, von einigen Knechten mit Schlägen fort und in das dänische Lager gejagt sei, allwo dieser sich bis den folgenden Tag aufgehalten hätte

1900/3 - 92


1900/3 - 93

Als am Abend des Tages, wo dieses vorgefallen wäre, man den gedachten Militär vermißt hätte, sei ein Kommando von mehreren hundert Mann Infanterie mit 5 bis 6 Offiziers etwa um 6 Uhr ins Dorf gekommen und habe mit noch 11 andern aufgegriffenen Männern auch den Arbeitsmann Heinrich Adolph Debus, 42 Jahre alt, als er gerade vom Holzhauen zurückgekommen sei, mit fort und in ein nahes Gehölz geschleppt. Morgens 3 Uhr seien diese Leute außer Debus zurückgekommen und mit ihnen die Feinde. Diese wären vor das Lehmannsche Haus gekommen, hätten Fenster und Thüren gewaltsam aufgeschlagen: seien herein gestürzt und hätten den Kätner Johann Joachim Lehmann, 37 Jahre alt, und den in demselben Hause wohnenden Arbeitsmann Hans Heinrich Zemplin, 30 Jahre alt, ohne Untersuchung fortgenommen, zusammengebunden und mit sich fortgeschleppt.

„In dem gedachten, etwa 10 Minuten vom Dorfe entfernten Holze wären diese ihre der Comparentinnen Ehemänner zusammen an Bäume gefesselt und durch Kugelschüsse und Bajonettstiche getödtet, ohne irgend vorher die Veranlassung zu hören.

„Zemplin sei ungeachtet er sieben Schüsse und vier Stichwunden erhalten hätte, nicht gleich tot gewesen, sondern habe, als das Kommando nach dieser grausamen Handlung sich entfernt gehabt, seine Fesseln zerbissen und es kriechend möglich gemacht, in ein hervorstehendes Haus von Mustin zu gelangen, allwo er einige Stunden später verschieden sei. Dieser habe ausgesagt, eine ganze Abteilung Franzosen habe auf die Schlachtopfer zugleich losgeschossen und demnächst jeder einzelne Soldat noch den Halbtodten Stiche versetzt.“ –

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig am 13. Oktober 1813 konnten die Lauenburger, als der letzte Rest der noch im Herzogtum verbliebenen französischen Truppen sich auf Hamburg zurückgezogen hatte, nach langer Zeit schwerer Bedrückung und tiefster Qual wieder frei aufathmen.

Bei dem Rückzuge der Franzosen von Mustin über

1900/3 - 93


1900/3 - 94

Ratzeburg nach Hamburg am 12./13. November 1813 steckten diese die lange Brücke in Brand, um den nachsetzenden Hanseaten die Verfolgung zu erschweren. Sofort nach dem Abzug der Franzosen wurde jedoch das Feuer gelöscht und die Brücke wieder repariert, so daß sie schon am folgenden Tage von dem nachrückenden Gros der hanseatischen Legion benutzt werden konnte.

Mächtig regte sich in dieser Zeit auch die Freiheitsliebe bei den Lauenburgern, die sich ihres Deutschthums bewußt waren. So erließ der „Königl. Churfürstliche Stadt-Commissarius, Bürgermeister und Rath“ unterm 24. November 1813 einen „Aufruf an die guten Bürger der Stadt Ratzeburg“, worin es heißt:

„Die Rettungs-Glocke hat geschlagen, aber wir müssen ihr Gehör geben und nicht den schimpflichen Vorwurf verdienen, daß wir unthätig nur auf fremde Hülfe hoffen,

„Die Gefahr ist vorüber, wenn alle vereint wollen, daß sie vorüber sein soll; aber sie schwebt fürchterlich drohend über unserm Haupte, wenn es an dem festen, unerschütterlichen Willen fehlt, alles zu opfern um alles zu retten, denn nie könnte die gereizte Rache verzeihen und daher müssen wir sie zu lähmen suchen. Jünglinge! Ihr, die ihr bestimmt waret für fremde Zwecke zu bluten und die Sklaven-Ketten noch fester schmieden zu helfen, die Eure Nation entehren, Euch gebührt es vor allen, freiwillig zu den Waffen für die gute Sache zu eilen.

„Schmach über diejenigen, die sich hinter Entschuldidungen verstecken könnten, wo die höchste Ehre und der Dank des Vaterlandes zu verdienen ist; denn ein jeder, der seine Kräfte und sein Blut dem Vaterlande entziehet, ist ein Mitschuldiger aller der Greuel, welche die gereizte Rache über uns bringen würde, wenn wir uns gemächlicher Unthätigkeit überließen.

„Jünglinge! Vertheidigt den väterlichen Herd, das Leben Eurer Eltern, die Ehre Eurer Schwestern und Eurer künftigen Bräute.

1900/3 - 94


1900/3 - 95

„Mütter! Wenn Ihr nicht sehen wollt, daß Eure Wohnungen eingeäschert und Eure Töchter geschändet werden, so ermahnet Eure Söhne, die man Euch doch für die fremde Sache genommen hätte, jetzt für die eigene Sache zu kämpfen.

„Familien-Väter! Auch Ihr müßt bereit sein, jeden Augenblick auf den ersten Wink unter die Waffen zu treten!

„Es entschuldiget nicht, Weib und Kind zu haben; denn Weib und Kind sollen verteidiget werden.

„Die Aufforderung unserer verehrten Regierung sagt uns, was für jetzt und zunächst zu thun sei.

„Jeder weiß, wo er sich zu melden hat, um bewaffnet zu werden.

„Eilt also dahin, Jünglinge! Verliert keinen der köstlichen Augenblicke, folgt dem Beispiele der Edlen, die Euch schon vorangingen.

„Je schneller Ihr Euch stellet, desto größer ist die Ehre und jeder muß streben in seinem Eifer der erste zu sein“

„Auch Geldbeiträge sind für den Augenblick, und damit keine Zeit ungenutzt verloren werde, unerläßlich nothwendig. Laßt uns ungesäumt der Aufforderung unserer verehrten Regierung folgen und unsere Beiträge mit denen der übrigen Lauenburger vereinigen.

„Einigkeit, Vertrauen auf Gott, auf uns selbst und auf die gute Sache, und wir werden bald ein frohes Friedensfest feiern.“

Die Lauenburger fühlten sich als Deutsche, das Nationalgefühl war mächtig in ihnen erwacht und es war sicher nicht ihre Schuld, wenn das Herzogthum auch fernerhin der Fremdherrschaft überlassen blieb.

Am 18. December 1813 wurde die alte lauenburgische Verfassung von Hannover wieder hergestellt.

Auf dem Wiener Kongreß im Mai 1815 wurde Lauenburg von Hannover tauschweise an Preußen abgetreten, das es jedoch sofort gegen Eintausch von Schwedisch-Pommern und Rügen dem Könige von Dänemark überließ. Das Amt

1900/3 - 95


1900/3 - 96

Neuhaus wurde bei dieser Gelegenheit vom Herzogthum abgetrennt; es blieb kurze Zeit in preußischem Besitz und gelangte dann im Austausch gegen andere Besitzungen an das Königreich Hannover zurück.

Durch Patent vom 27. Juli 1816 zeigte der König Friedrich VI. von Dänemark den Lauenburgern seinen Regierungsantritt an und gelobte „für sich und seine Erben zum dänischen Throne, daß er die sämmtlichen Eingesessenen des Herzogthums Lauenburg, weß Standes sie seien, bei ihren wohlerworbenen und hergebrachten Rechten und Freiheiten lassen und schützen wolle.“

Während seiner Regierung ward nichts an den bestehenden Landeseinrichtungen geändert und die Verwaltung ging ihren ruhigen Gang.

Unter dem neuen Landesherrn wurde am 2. Februar 1820 die Landmilitär-Ordnung für das Herzogthum Lauenburg erlassen. Dienstpflichtig waren nur die Landbewohner, geborene Städter dagegen nicht. Durch Aushebung von 480 Mann wurde das Linienbataillon des holsteinischen Jägercorps gebildet, welches zum Teil Ratzeburg als Garnison erhielt. Einem Jeden, der zu irgend einer Art des Dienstes als Landsoldat ausgehoben war, stand es indessen frei, sich von der persönlichen Dienstleistung durch Stellung eines tauglichen, im Lande geborenen Stellvertreters zu befreien.

Durch Erklärung in der deutschen Bundes-Versammlung zu Frankfurt a. M. am 5. Juli 1818 trat Friedrich VI. auch für Lauenburg dem deutschen Bunde bei und sorgte auch sonst für die Wohlfahrt seines neu erworbenen Landes. Während seiner Regierung wurden die Befestigungen der Stadt Ratzeburg abgetragen, woran noch heute der Name »Demolierung« erinnert.

König Friedrich VI. starb am 3. December 1839. Ihm folgte sein Vetter Christian VIII. in der Regierung, der gleichfalls eine landesväterliche Fürsorge für das Herzogthum bekundete. Unter ihm wurden mehrere Chausseen

1900/3 - 96


1900/3 - 97

im Lande gebaut, denn bisher kannte man nur sog. Heer- und Frachtstraßen, die aber nicht besser waren, als unsere heutigen Landwege. Die das Herzogthum durchschneidenden Eisenbahnen wurden Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre dem Verkehr übergeben. Diesem Könige verdankt das Land auch die Errichtung der lauenburgischen Gelehrtenschule. – In der Organisation der Verwaltung änderte auch er nichts. Die schleswig-holstein-lauenburgische Kanzlei in Kopenhagen war die oberste Behörde des Landes. Regierung, Consistorium und Hofgericht blieben im Herzogthum und wurden von deutschen Beamten verwaltet. Die Einkünfte des Landes, soweit sie nicht Landeszwecken dienten, wurden nach Kopenhagen abgeführt.

Christian VIII. starb am 20. Januar 1848; ihm folgte sein Sohn Friedrich VII. – Um diese Zeit begannen die großen Wirren in Europa, die unser deutsches Vaterland vorübergehend in seinen Grundfesten erschütterten und auch das Herzogthum Lauenburg in Mitleidenschaft zogen.

Das »tolle Jahr« nennen es die Gegner der damaligen stürmischen Bewegung, den »Völkerfrühling« die andern, die im März 1848 das »Morgenrot der deutschen Einheit und Freiheit« anbrechen sahen. Alle aber erkannten in den Stürmen jener Tage die unverwüstliche und trotz aller Thorheiten und Schwächen der Zeit doch fromme Jugendkraft und Lenzeblüthe ihres Volkes. Es war eine Zeit voll von hohem Idealismus, aber auch noch mannigfach unreif, was nur zu begründet ist in der damaligen politischen Unmündigkeit und dem Mangel an Erfahrung in öffentlichen Dingen. Mögen aber die Ansichten auch getheilt sein, soviel scheint festzustehen, daß die Bewegung von 1818 die Saat ausgestreut hat zu der großen deutschen Ernte, die 1866 begann und 1870/71 vollendet werden konnte.

Die Wünsche und Ziele des deutschen Volkes wurden zu jener Zeit von dem Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. wie folgt festgestellt: Errichtung des erblichen deutschen Kaiserthums im Hause der Hohenzollern und

1900/3 - 97


1900/3 - 98

einer kräftigen Reichscentralgewalt; ganz Deutschland geeinigt in festen Formen eines wirklichen Bundesstaates; ein im ganzen nicht übertriebenes Maaß von Freiheits- oder „Grundrechten“ jedes deutschen Reichsbürgers; Erhaltung der staatlichen Selbständigkeit und Regierungsrechte der Bundesglieder; Vertretung derselben in einem Staatenhause (dem heutigen Bundesrath), des Volkes in einem Volkshause (dem heutigen Reichstag); Ausschluß des nicht deutschen Österreich.

König Friedrich VII. versuchte dadurch die Gemüther zu beruhigen, daß er die für Dänemark mit Schleswig-Holstein erlassene Gesammt-Staats-Verfassung am 5. Februar 1848 auch in Lauenburg bekannt machen ließ, trotzdem sie bisher für dieses Herzogthum keine Geltung hatte. Doch die Lauenburger waren hiermit nicht zufrieden; sie wollten als deutsche Bürger mehr wie das, sie wollten vor allen Dingen des fremden dänischen Joches entledigt sein. Dieser Gedanke findet in allen Petitionen, die damals aus Stadt und Land zahlreich an die lauenburgische Regierung eingereicht wurden, beredten Ausdruck.

Es wird gewiß interessiren, den Wortlaut der Bittschrift der Ratzeburger Bürgerschaft kennen zu lernen. Die Petition lautet:

„Hochpreisliche Vertreter des Herzogthums Lauenburg! Die Unterzeichneten wenden sich an Sie als das gesetzlich Organ dieses deutschen Landes, um in Ihnen die Vertreter von Wünschen zu finden, von denen jedes deutsche Herz erfüllt ist. Wünsche, nicht erst erzugt von der Zeit des Tages, nein längst genährt in kleinen wie in großen Kreisen, Wünsche, oft zwar zurückgedrängt, jedoch unabweislicher geworden durch die ernste Zeit.

„Wir brauchen Ihnen, erleuchtete Vertreter, die innere Lage des deutschen Vaterlandes, seine schimpfliche Schwäche nach außen nicht erst zu schildern, wir brauchen Ihnen nicht zu entwickeln, welches die Heilmittel und warum es die nothwendigen sind. Es ist dies von tausend Zungen längst gesagt,

1900/3 - 98


1900/3 - 99

es ist lebendig in Ihrer Brust wie in der Brust jeden deutschen Mannes.

„Deutschland als fest verbundene Einheit, dahin zielende Institution, das ist der Wahlspruch derer, die am Vaterlande nicht verzweifeln. Dieses Ziel als nothwendiges und unabweisliches leuchtet dem deutschen Volke vor, ist ihm unverrückbar. Denn wohl erkennt es die Noth der Zeit.

„Erleuchtete Vertreter! Bedarf es bei Ihnen der weiteren Worte, um ihre Wirksamkeit hervorzurufen! Bedarf es eines Berufens auf geschichtliche Erfahrung, auf das was klar zu Tage liegt, und auch uns schlichten Männern unverrückbar ist, auf die Gefahr nach außen! – Wir glauben es nicht. Wir vertrauen, Sie werden erfüllen die Bitte:

in geeigneten Wegen dahin zu streben, daß dem erlauchten deutschen Bunde als Lebensbedingung des deutschen Volkes, als sein nothwendiges Ziel dargelegt werde ein einheitliches Nationalband, gegeben in einer Gesammtvertretung des deutschen Volkes neben dem Fürstentage des Bundes mit geeigneter Berechtigung über alles das, was dem großen Ganzen frommt; in einer allgemeinen Bürgerwehr neben dem stehenden Heere und als seine breite Stütze; in einer vorzüglichen Vereidigung deutscher Bürger, deutscher Staatsdiener und Wehrmänner für die Bundesbehörde, für die Interessen des großen Ganzen.

„Und wenn es vergönnt sein mag, zu dem großen Ganzen das Kleine zu gesellen, da das Große getragen wird von den tausend kleinen Lebensdern im deutschen Volk, so richten wir an Sie, erleuchtete Vertreter, die weitere Bitte:

„Sie wollen im geeigneten Wege dahin streben und wirken, daß der Vertretung dieses Landes eine breitere und wirksamere Grundlage werde durch breitere Vertretung der Bürger in den Städten, hervorgehend aus ihrer freien, nicht auf Standesgenossen zu beschränkenden Wahl; daß die gesammten Finanzen dieses Landes, sei es an Steuern, sei es an Domanialaufkünften getrennt werden von denen der übrigen unter der dänemarkischen Herzoglich-Königlichen

1900/3 - 99


1900/3 - 100

Krone vereinigten Staatstheile vorbehältlich des zu ermittelnden Antheils, welcher Lauenburg obliegt zu den unabweislich gemeinsamen Ausgaben.

„In letzterer Hinsicht wird es nicht erforderlich sein uns zu berufen auf die Wahrheit, daß nicht nur die directen Steuern, sondern auch alle anderen Landesaufkünfte Staatsgut dieses Landes sind, daß das Land in Beziehung auf dieses Staatsgut nicht rechtlos ist, und also die Verwendung desselben keine beliebige sein darf, daß aber die sogenannten Landesüberschüsse bisher dem Lande in einer Weise entzogen wurden, welche in großem Mißverhältnisse zu dem steht, was dem Lande als Zuschuß zu wirklich gemeinsamen Ausgaben nur obliegen kann.

„Wir vertrauen, hochgeehrte Vertreter dieses Landes, daß Sie die Gewichtigkeit der Zeitverhältnisse, das dringende Bedüfniß des gesammten Vaterlandes, daß Sie die Erfordernisse unseres engeren Vaterlandes nicht verkennen, und sich ihre Vertretung mit derjenigen Vaterlandsliebe und Freisinnigkeit aneignen werden, welche Sie bisher bewährt haben.“

Unterschrieben ist diese Petition von 138 Ratzeburger Bürgern, die den verschiedensten Gesellschafts- und Erwerbskreisen angehörten.

Die Bürgerschaft der Stadt Mölln giebt ihren Gesinnungen in jener Zeit Ausdruck in einer an die Ständeversammlung des Herzogthums Lauenburg gerichteten Bittschrift, die in ihrem ersten Theil lautet: „Endlich ist der Augenblick gekommen, der unser Vaterland aus der unerträglichsten Lage befreien soll, in welcher es leider nur zu lange geschmachtet hat! Die höchste Autorität Deutschland bietet uns die Hand, um uns der schmachvollen Abhängigkeit von dem Feinde Deutschlands zu entreißen und uns eine den Wünschen des Landes entsprechende Verwaltung zu gewähren. Mit der gespanntesten Erwartung sieht jeder Vaterlandsfreund dem Resultate des jetzt versammelten Landtages entgegen, dessen Stimme ein entscheidendes Gewicht bei der Ordnung unserer Verhältnisse haben wird.“ –

1900/3 - 100


1900/3 - 101

Nachdem am 10. März 1848 die Aufhebung der Censur angeordnet worden und damit die Preßfreiheit in ihre Rechte getreten war, folgte schon am 22. März eine Verfügung der Königlichen Regierung, durch welche man die Bildung politischer Vereine und die Veranstaltung von Volksversammlungen gestattete.

„In einer Zeit allgemeiner Gährung, wie die jetzige ist“ – so heißt es in einem Rescript der Königlichen Regierung an die Magistrate der drei Städte Ratzeburg, Mölln und Lauenburg vom 25. März – „gebietet die Vorsicht, das oft durch unvorherzusehende Ereignisse bedrohte Eigenthum und die Sicherheit der Landeseinwohner auch durch ungewöhnliche, in ruhigen Zeiten nicht nöthige Mittel sicher zu stellen.“

„Wir wollen Euch daher hiermit ermächtigt haben, unverzüglich die gesammte Bürgerschaft sich bewaffnen und unter Eurer, des Magistrats, Leitung zu einer Sicherheits-Behörde bilden zu lassen, welche nöthigenfalls sofort zur Sicherung bedrohter Persönlichkeiten oder gefährdeten Eigenthums einschreiten könnte.“

Weiter wird dann dem Magistrat die nähere Einrichtung und Organisirung dieses Bürgercorps überlassen und hinzugefügt, „daß der Stamm füglich die Schützengilde der Stadt abgeben könnte.“

Das Landrathscollegium der Ritter- und Landschaft ließ am 26. März ein Flugblatt, unterzeichnet von den Herren F. F. von Bülow, A. D. von Schrader und E. von Schrader, unter die Landesbewohner vertheilen, dem folgende Sätze entnommen sind: „Die großen Begebenheiten der Zeit, die sich drängenden Ereignisse rings um uns her, die Reformen in ganz Deutschland bei seiner Wiedergeburt haben auch in unserem speziellen Vaterlande Lauenburg Anforderungen hervorgerufen, welche theils das Heil von ganz Deutschland, theils die Vertretung der verschiedenen Interessen in der hiesigen Landesrepräsentation betreffen. Wir Landräthe sehen uns in Veranlassung einer an die Ritter- und Landschaft in

1900/3 - 101


1900/3 - 102

obigem Betreffe eingegangenen Adresse und um weiteren Anforderungen zu begegnen, veranlaßt, hiermit vor unseren Mitbürgern öffentlich zu erklären: wie wir erkennen, daß die jetzige Landesrepräsentation nicht mehr dem Geiste der Zeit entspricht und deshalb bei unseren Mitständen die laut gewordenen Wünsche der Landeseinwohner nach besten Kräften vertreten werden. Wir erklären ferner, daß wir sofort nach dem Bekanntwerden des Resultates der ausgeschriebenen Berathungs-Versammlung in Frankfurt a. M., welcher auch Mitglieder der Ritter- und Landschaft sich anschließen, eine Versammlung veranlassen werden, zu welcher nicht allein die Mitglieder der Ritter- und Landschaft, sondern auch die von den Städten, sowie dem übrigen Lande erwählten Repräsentanten, welche sich bei dem Vorstande der Ritter- und Landschaft melden, eingeladen werden sollen, um gemeinschaftlich zu berathen, was dem Lande noth thut. Wir sind bereit, alle im übrigen Deutschland als heilsam erkannten Reformen und Maßregeln zu beantragen und werden es stets kräftig befürworten, daß Lauenburg am großen deutschen Vaterlande festhalte und mit ihm stehe und falle.“ –

Am 27. März 1848 fand in Ratzeburg die erste Volksversammlung statt, die nicht nur von der dortigen Bürgerschaft, sondern auch von Einwohnern aus dem ganzen Lande stark besucht war. Hier wurde nach vielen aufgeregten Debatten beschlossen, mit Rücksicht auf die außerordentliche Lage der Dinge die Königliche Landesregierung zu ersuchen, sie wolle erklären:

1) Unser Herzog ist zur Zeit unfrei und nicht in der Lage, die Regierungsgewalt unabhängig von ungehörigen Einflüssen auszuüben. Die Regierung erachtet sich für verpflichtet, im Namen des Landesherren und der allseitigen Interessen das Regiment fortzuführen, erklärt sich jedoch provisorisch für selbstständig und wird alle diejenigen Maßnahmen eintreten lassen und ergreifen, welche im Interesse des Deutschen Herzogthums Lauenburg unter den gegenwärtigen

1900/3 - 102


1900/3 - 103

politischen Verhältnissen sich als nothwendig und unausbleiblich darstellen.

2) Die Mittel des Landes jeglicher Art, namentlich auch dessen Geldmittel, sollen nicht zu Zwecken verwandt werden, welche den Interessen unseres, als dem deutschen Vaterlande angehörigen Herzogthums widerstreiten.

3) Die Regierung wahrt die bundesverfassungsmäßige Verwendung des zu einer deutschen Bundesbrigade mit dem holsteinischen vereinigten lauenburgischen Contingents.

4) Die Regierung setzt sich in Verbindung mit einem Ausschusse, welcher aus zwei von der Ritter- und Landschaft zu designirenden Mitgliedern und einigen anderen Männern, welche das Vertrauen des landes haben, besteht, und wirkt mit demselben gemeinschaftlich in allen Fragen, welche die nationalen Interessen des Landes angehen. Als solche sind von der Versammlung bestimmt: 1) Advocat Rohrdantz aus Mölln, 2) Justizrath Höchstädt zu Ratzeburg, 3) Landschaftssecretär Hornbostel zu Ratzeburg.

Diese Beschlüsse wurden im Auftrage der Versammlung und namens derselben unterschrieben von Bärens, Borchers, Dünhaupt, C. Hornbostel, Schwarke. Ihren Beitritt zu diesen Beschlüssen erklärten unterschriftlich der Landmarschall von Bülow für sich und in Vollmacht der Landräthe, der Baron von Brusselle und der Gutsbesitzer Metzener als in der Versammlung anwesende Ständemitglieder. Sodann wurden die gedachten Beschlüsse durch Abgeordnete der Landesregierung überreicht, die hierauf sowohl die schriftliche wie mündliche Erklärung abgab, daß sie der Wahl der von der Versammlung ernannten und noch zu ernennenden Mitglieder des Ausschusses zustimme.

Die Regierung ließ nun kein Mittel unversucht, um die aufgeregte Bevölkerung in gesetzmäßigen Bahnen zu erhalten. Schon am 10. April erfolgte regierungseitig eine Ausschreibung für die von den Städten und den Landgemeinden zur Ergänzung der Landesvertretung vorzunehmenden Wahlen. Dieselbe bestand damals aus dem Vice-Landmarschall,

1900/3 - 103


1900/3 - 104

Kammerherrn von Bülow auf Müssen (der Landmarschall von Bülow auf Gudow war verstorben, sein Nachfolger noch minderjährig), dem Landrath von Schrader auf Bliestorf, dem Landrath von Schrader auf Rondeshagen, dem Grafen von Kielmannsegge auf Gülzow, dem Regierungsrath von der Decken auf Klein-Berkenthin, dem Gutsbesitzer von Witzendorff auf Zecher, dem Baron von Brusselle auf Basthorst, dem Gutsbesitzer Berckemeyer auf Thurow, dem Gutsbesitzer Walcke-Schuldt auf Goldensee, dem Gutsbesitzer Metzener auf Niendorf a. St., dem Hauptmann Carr auf Tüschenbek und dem Gutsbesitzer Wentorp auf Schenkenberg.

Neu gewählt in die Landesvertretung wurden jetzt Bürgermeister Jürgens, Landschaftssecretär Hornbostel, Kirchenjurath Osenbrüg und Achtmann Dölle als Deputirte der Stadt Ratzeburg; Senator Meyer, Senator Basedow, Kaufmann Schlüter und Advocat Büttner als Deputirte der Stadt Lauenburg; Senator von der Lippe, Senator Michelsen, Achtmann Michelsen und Seilermeister Aßmann als Deputirte der Stadt Mölln; ferner Bauervogt Ehlers in Kühsen, Hufner Schmaljohann in Breitenfelde, Bauervogt Meyer in Kulpin, Hufner Frost in Sterley, Controlleur Schmidt in Büchen, Bauervogt Stamer in Schönberg, Kassirer Speckhahn in Büchen und Zollverwalter Berling daselbst als Deputirte der Landgemeinden.

Damit hatten Bürger- und Bauernstand Sitz und Stimme im lauenburgischen Landtage erreicht.

Die erste Versammlung der nunmehr von 12 auf 34 Mitglieder verstärkten Landesvertretung wurde zu Ratzeburg am 9. Juni 1848 abgehalten. In derselben berichtete der Vorsitzende, Vice-Landmarschall von Bülow, über die bisherige Wirksamkeit des am 27. März zu Ratzeburg erwählten Landesausschusses, welcher bestimmt war, mit der hiesigen Königlichen Regierung in allen nationalen oder eigentlichen Landes-Angelegenheit zu verhandeln. Um diesen nicht formell legitimirten Ausschuß in ordnungsmäßiger Weise

1900/3 - 104


1900/3 - 105

einzusetzen, sei es nothwendig geworden, nachdem die Ritter- und Landschaft die Bestätigung ihrer Delegirten bereits nachgeholt, die bisherigen 3 Männer des Vertrauens, von denen der Justizrath Höchstädt nach Frankfurt entsendet worden, entweder zu bestätigen oder neue zu wählen.

Bevor sich die Landesversammlung über diese Alternative verständigte, gab die eigenartige Stellung des Herzogthums zu seinem dänischen Landesherrn und dessen Regierung, die schon zu vielen inneren Unordnungen Veranlassung gegeben hatte, Gelegenheit zu einer lebhaften Aussprache. Der Landesherr, der König von Dänemark, stand mit dem deutschen Bunde in offenem Kriege. Das Lauenburger Land sollte während der Dauer des Krieges unabhängig von der dänischen Staatsregierung bleiben und in die Lage versetzt werden, als deutsches Herzogthum seine Pflichten gegen sein deutsches Vaterland zu erfüllen, auf der andern Seite aber auch von seinen Rechten Gebrauch machen.

Der Vorsitzende wies die Versammlung darauf hin, daß Seitens des Landesausschusses bei der deutschen Bundesversammlung in dieser Beziehung schon einleitende Schritte gethan seien. Hierauf wurde beschlossen, ungesäumt eine Deputation nach Frankfurt zu entsenden, um bei der Bundesversammlung den Schutz des deutschen Bundes dahin zu verlangen, daß Seitens desselben ein Commissar ernannt werde, der eine provisorische selbstständige Regierung im Herzogthum Lauenburg zu constituiren habe, welche anzuweisen sei, alle nationalen Rechte und Pflichten zu beachten, damit die Ehre des Lauenburger Landes gewahrt, seine Sicherheit befördert und völlige Anarchie vermieden werde, widrigenfalls die Landesvertretung zu Mitteln übergehen müsse, welche sie gegenwärtig noch vermeiden zu können glaube. Die Wahl fiel auf den Grafen von Kielmansegge auf Gülzow, den Gutsbesitzer Berckemeyer auf Thurow und den Senator Meyer aus Lauenburg.

Bereits am 15. Juni trafen die Gewählten in Frankfurt ein und schon am darauffolgenden Tage standen dort

1900/3 - 105


1900/3 - 106

die Angelegenheiten des Herzogthums Lauenburg zur Verhandlung.

In Erwägung der zwischen Sr. Majestät dem Könige von Dänemark und dem deutschen Bunde eingetretenen Feindseligkeiten, der vom Könige als Herzog von Lauenburg verweigerten Erfüllung seiner Bundespflicht, der dadurch herbeigeführten, vom Könige aber nicht angenommenen Abdankung der lauenburgischen Regierung, woraus eine Verwirrung der Landesverhältnisse drohte, genehmigte der Bundestag die von der Deputation in Übereinstimmung mit dem Beschlusse der Stände-Versammlung vom 9. Juli gestellten Anträge. Der Bundestagsgesandte Badens, Geheimer Rath Dr. Welcker, wurde beauftragt, unbeschadet der Rechte Sr. Majestät des Königs von Dänemark das Herzogtum Lauenburg bis zum Friedensschluß in Verwaltung zu nehmen.

Der Reichscommissar traf am 10. Juli in Ratzeburg ein und ernannte den Grafen von Kielmannsegge, den Landsyndicus Walter und den Justizrath Höchstädt – (für letzteren war inzwischen der Dr. jur. Rießer aus Hamburg zum Bevollmächtigten für Lauenburg beim Bundestage bestellt) – zu Mitgliedern der „höchsten Landesadministration“.

Doch das Regiment dieser Behörde war nicht von langer Dauer. Als nämlich am 26. August in dem Kriege gegen Dänemark ein Waffenstillstand zu Malmö vereinbart wurde, erschien bald darauf im Auftrage des Reichsverwesers der Reichscommissar Stedmann, hob die bisherige Landes-Verwaltung auf und setzte am 15. November eine „höchste Landes-Behörde“ ein, die im Namen Sr. Majestät des Königs von Dänemark zu regieren habe. Zu Mitgliedern dieser Behörde wurden dieselben Herren ernannt, welche die bisherige Landes-Administration gebildet hatten. Aber auch diese Behörde bestand nur einige Monate. Nachdem im Frühjahr 1849 der Malmöer Waffenstillstand gekündigt war und der Krieg mit Deutschland wieder begonnen hatte, kam der Freiherr von Winzingerode nach Ratzeburg, hob die höchste Landes-Behörde auf und setzte durch Bekanntmachung vom 30. April

1900/3 - 106


1900/3 - 107

1849 im Auftrag des Reichsverwesers eine Statthalterschaft ein, welche das Herzogthum Lauenburg im Namen der Centralgewalt Deutschlands bis zu einem Frieden mit Dänemark nach Maßgabe der bestehenden Gesetze regieren solle. Auch diese Statthalterschaft bestand aus denselben Männern, die den früheren provisorischen Verwaltungen angehört hatten.

Am 28. März 1849 fand in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. die Kaiserwahl statt. Sie fiel bekanntlich auf König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Der Präsident Simson (der spätere Reichsgerichtspräsident) verkündete das Wahlergebniß mit bewegter Stimme; er schloß mit dem Wunsche: „Möge der Genius Deutschlands walten über dieser Stunde!“ und brachte ein dreimaliges Hoch auf den deutschen Kaiser aus. Die Versammlung nahm diesen Ruf begeistert auf, der nach ihrer Auffassung das Ende der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit“ bedeutete.

Wie bekannt, lehnte der König von Preußen die ihm angebotene Kaiserkrone ab, indem er der Deputation erklärte, er sei „vor dem König der Könige“ mit seinem Gewissen zu Rathe gegangen und könne die ihm dargebotene Krone erst annehmen, wenn die anderen Fürsten dieser Würde sowohl zugestimmt, als auch unter sich und mit ihm selbst sich darübber verständigt hätten, ob die Reichsverfassung in ihrer dermaligen Gestalt dem Einzelnen wie dem Ganzen frommen, ob die ihm als Reichsoberhaupt zugedachten Rechte ihn in den Stand setzen würden, mit starker Hand die Geschichte Deutschlands zu leiten und die Hoffnungen seiner Völker zu erfüllen.

Die Einigung Deutschlands, die Erfüllung des heißesten Wunsches „einen deutschen Kaiser zu besitzen, zu lieben, zu ehren“, sie blieben einer späteren Zeit vorbehalten. –

Nachdem am 2. Juli 1850 Preußen mit Dänemark Frieden geschlossen hatte, ward zu Anfang 1851 die Verbindung Lauenburgs mit Dänemark wieder hergestellt. Durch Königl. Patent vom 8. Januar wurde die Leitung der Verwaltung des Herzogthums dem landesherrlichen Commissar Grafen von Reventlow-Criminil übertragen, der unterm

1900/3 - 107


1900/3 - 108

16. desselben Monats die bisherige Statthalterschaft ihrer Functionen enthob und die Landesvertretung auflöste, die am 14. November 1850 ihre letzte Versammlung abgehalten hatte. Im März erfolgte dann die ausdrückliche Aufhebung der Verfassung von 1849.

Doch auch der militärischen Vorgänge in Lauenburg während jener Zeit muß gedacht werden. Im Januar-Monat des Jahres 1848 befand sich in Ratzeburg eine Abtheilung des sog. Kieler Jäger-Bataillons unter dem Commando des Leutnants Frost. Die Mannschaft, geborene Lauenburger aber lehnte sich während der schleswig-holsteinischen Erhebung gegen den dänischen Officier auf und zog unter Führung ihres bisherigen Feldwebels Leo nach Kiel, um an dem Kampfe gegen Dänemark theilzunehmen. Als aber die neutrale Stellung des Herzogthums bekannt wurde, beabsichtigten die Truppen nach Lauenburg zurückzukehren. Das wurde ihnen jedoch durch den preußischen Oberbefehlshaber General von Wrangel untersagt, der sie nach Rendsburg schickte, woselbst sie an den Befestigungsarbeiten theilnehmen mußten. Erst im September wurde das lauenburgische Militär nach Ratzeburg zurückgeführt. Man bildete nun ein lauenburgisches Jäger-Bataillon, das bis 1852 bestand; dann erhielt es den Namen „14. leichtes Bataillon der dänischen Armee“ und blieb als solches in seiner Garnison Ratzeburg bis 1864. –

Nach dieser Ergänzung kehren wir zu der wieder eingesetzten dänischen Verwaltung des Herzogthums zurück. Dieselbe war unausgesetzt bemüht, die inneren Verhältnisse des Landes in einer den Bedürfnissen der Bevölkerung und den Anforderungen der neueren Zeit entsprechenden Weise neu zu ordnen. Nach dem Willen des Königs wurden durch Bekanntmachung vom 14. Juni 1851 sechs achtbare lauenburgische Männer berufen, die in Ratzeburg zusammentreten und hier einen Entwurf einer zeitgemäßen Verfassung des Landes, namentlich hinsichtlich der Neubildung einer angemessenen Landesvertretung ausarbeiten sollten. Die alsbald aufgenommenen Verhandlungen und Berathungen zogen sich

1900/3 - 108


1900/3 - 109

hin bis Ende des Jahres 1853. Am 20. December s. J. erließ Friedrich VII. ein Königliches Patent über die innere Verfassung des Herzogthums Lauenburg, durch welches das Recht dieses Landes auf eine ständische Vertretung ausdrücklich anerkannt und zugleich bestimmt wurde, daß diese aus dem Erblandmarschall, zwei auf Lebenszeit ernannten Landräthen, die mit dem Landmarschall unter dessen Vorsitz das Landraths-Collegium bildeten, und aus fünfzehn periodisch zu wählenden Abgeordneten bestehen sollte. Damit waren die Wünsche der Lauenburger zu großen Theile erfüllt.

Am 20. Juni 1851 wurde die Justiz von der Verwaltung getrennt und darauf für das Herzogthum ein Hofgericht mit dem Sitze in Ratzeburg neu gebildet. – Durch Gesetz vom 31. Juli 1853, das sich auf das zwischen den Großmächten am 8. Mai 1852 zu London über die Untheilbarkeit Dänemarks getroffene Abkommen stütze, wurde der Prinz Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg zum Thronfolger in der dänischen Monarchie bestimmt für den Fall, daß der regierende König Friedrich VII. ohne männliche Nachkommen sterben sollte. – Unterm 26. Juli 1854 erfolgte die Bekanntmachung eines Verfassungsgesetzes für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der dänischen Monarchie, sowie die Ernennung der Mitglieder des Reichsrathes, zu welchem auch der Landrath von Schrader auf Bliestorf gehörte.

Am 1. November 1854 kam Friedrich VII. mit seiner Gemahlin und großem Gefolge nach Ratzeburg, um hier bis zum 5. d. M. Aufenthalt zu nehmen. Eine förmliche Huldigung der Ritter- und Landschaft fand nicht statt. Der neu durch den Ratzeburger See aufgeschüttete Damm, der die Verbindung zwischen Stadt und Vorstadt herstellt, erhielt in jenen Tagen mit Erlaubniß des Königs die Benennung „Königsdamm“. –

Glaubten die Lauenburger nach jahrelangen, fortwährenden Veränderungen in der Regierungsgewalt und der Landesvertretung, die unmöglich der Förderung von landwirthschaft, Handel und Industrie dienlich sein konnte, nun

1900/3 - 109


1900/3 - 110

einer politisch ruhigeren Zeit entgegen zu gehen, so wurden sie darin stark enttäuscht, als der König mit Zustimmung des Reichsrathes am 2. October 1855 unter Aufhebung des vorbezeichneten Gesetzes vom 26. Juli 1854 eine neue Verfassung zur Regelung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten der dänischen Monarchie erließ, die hier am 5. October 1855 bekannt gegeben wurde. In den §§ 50 und 53 dieser neuen Verfassung fand die Ritter- und Landschaft die Rechte des Herzogthums Lauenburg verletzende Bestimmungen. Der Wortlaut dieser Paragraphen ist folgender: „Die Veräußerung einer Domäne kann nur in Folge eines Gesetzes geschehen.“ – „Der Betrag, womit die gemeinschaftlichen Ausgaben der Monarchie die gemeinschaftlichen Einnahmen übersteigen möchten, wird von den gesonderten Einnahmen der einzelnen Landestheile gedeckt, und zwar solchergestalt, daß von dem Königreiche 60% von dem Herzogthum Schleswig 17% und von dem Herzogthum Holstein 23% hierzu beigetragen werden, wogegen es rücksichtlich der finanziellen Stellung des Herzogthums Lauenburg bei dem bisher geltenden verbleibt, bis anderweitig durch Gesetz darüber bestimmt wird.“

Die Landesvertretung legte hiergegen bei der Regierung Verwahrung ein, auf welche indessen eine Antwort nicht erfolgte. Man wendete sich daher im Juli 1856 mit einer Adresse an den König, die durch eine Deputation nach Kopenhagen überbracht wurde. Friedrich VII. antwortete am 21. Januar 1857 zwar wohlwollend, aber ablehnend.

Die Ritter- und Landschaft beschloß darauf am 20. Februar s. J. eine Beschwerde gegen die neue Verfassung an den deutschen Bundestag, der zu Frankfurt tagte, zu richten und um dessen mächtige Vermittelung zu bitten. Praktische Bedeutung erhielt dieser Protest dadurch, daß der dänische Reichstag in Kopenhagen inzwischen den Verkauf der Domäne Hollenbek beschloß und somit sich Rechte anheischig machte, die verfassungsmäßig nur der Ritter- und Landschaft zustanden.

1900/3 - 110


1900/3 - 111

Der deutsche Bundestag entschied zu Gunsten Lauenburgs und ersuchte die dänische Regierung, den vorgebrachten Beschwerden abzuhelfen. Am 6. November 1858 wurde nunmehr durch den König das Verfassungsgesetz vom 2. October 1855 für Lauenburg aufgehoben.

Bemerkt sei hier noch, daß die dänische Regierung für Lauenburg am 12. Juni 1852 das Singen des bekannten Liedes „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ verbot, ferner am 28. Juni 1855 den Verkauf des Taschen-Liederbuches für „Deutschlands singlustiges Volk“ und am 8. Januar 1856 die Verbreitung des 35.-39. Bandes der „Geschichte der deutschen Höfe, von Dr. Ed. Vehse“ bei Strafe untersagte.

Die nächsten Jahre verliefen ruhig und ungestört. Erst im Jahre 1864 begann der politische Himmel sich zu bewölken. Die Maßnahmen, welche die dänische Regierung zu Kopenhagen, stark beeinflußt durch den dort tagenden Reichstag, ergriff, wurden von den deutschen Mächten als Verletzungen und Beeinträchtigungen früher geschlossener Verträge betrachtet. Es war nämlich bei Abschließung des Londoner Vertrages vom 8. Mai 1852 der Deutsche Bund nicht zugezogen und dieser nahm sich jetzt der verletzten Rechte der Holsteiner und Schleswiger an.

Nach mehrfachen Verhandlungen beantragte der Ausschuß für holstein-lauenburgische Angelegenheiten auf dem deutschen Bundestage, weil Dänemark die bundesmäßigen Verpflichtungen bezüglich des Verfassungs-Verhältnisses von Holstein und Lauenburg nicht erfüllt habe, nunmehr eine Bundes-Execution zu verfügen und mit deren Vollziehung die Regierungen von Preußen, Oesterreich, Sachsen und Hannover zu beauftragen. Die beiden letztgenannten Regierungen sollten jede einen Civil-Commissar ernennen, die mit der Verwaltung der beiden Herzogthümer zu beauftrgen seien, zu deren wirksamer Unterstützung jede Regierung ein Truppencorps von 6000 Mann stellen sollte. Oesterreich und Preußen wurden ersucht, Reserve zur allenfalls nöthigen

1900/3 - 111


1900/3 - 112

Unterstützung bereit zu halten. Diese Anträge wurden in der Sitzung des Bundestages am 1. September fast einstimmig genehmigt.

In dieser Zeit trat plötzlich und unerwartet der Tod des regierenden Königs von Dänemark Friedrich VII. ein, der nach zweitägiger Krankheit am 15. November 1863 zu Glücksburg, wo er sich aufhielt, verschied. Schon am anderen Tage wurde der früher bestimmte Prinz Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg als Nachfolger ausgerufen. Seinen Regierungsantritt verkündete er in einem offenen Briefe unter dem Namen Christian IX. Am 17. November wurde zu Ratzeburg das hier garnisonierende 14. Infanterie-Bataillon in Eid und Pflicht für den neuen König genommen; am 22. d. Mts. traf der Befehl ein, durch Einberufung der Reserve die Stärke des Bataillons von 600 auf 800 Mann zu erhöhen. Unterm 2. December mußten einige Compagnieen Mölln besetzen; am 11. d. Mts. wurden alle Holsteiner, 400 Mann, aus dem Bataillon ausgeschieden und nach Holstein beordert; am 25. December wurde das ganze 14. Bataillon aufgelöst und die Mannschaften entlassen. Die Officiere, Unterofficiere und Musiker wurden nach Segeberg und Plön geschickt.

Indessen wurde am 7. December in Frankfurt die Vollziehung der früher beschlossenen Bundesexecution verwirklicht. Sachsen und Hannover ernannten den Geh. Rath von Könneritz und Geh. Regierungsrath Nieper zu Bundes-Commissarien, die auch für Lauenburg unter 23./24. December den Anfang ihrer Verwaltung bekannt machten und Gehorsam verlangten. Die Executionstruppen, 6000 Sachsen und 6000 Hannoveraner, begaben sich nach Holstein; Lauenburg blieb ohne Besatzung.

Inzwischen machten die zur Befreiung Schleswig-Holsteins getroffenen Maßnahmen schnelle Fortschritte. Am 5. Januar 1864 erschien in Ratzeburg ein preußischer Hauptmann und nahm die Pulver- und Montierungs-Vorräthe, die zum 14. dänischen Bataillon gehörten, unter

1900/3 - 112


1900/3 - 113

Siegel und Verschluß. Die beiden Großmächte Preußen und Oesterreich gingen gegen Dänemark vor. Ihre Truppen zogen, ohne Lauenburg zu berühren, durch Holstein nach Schleswig und eröffneten den Krieg, der vorläufig das Herzogthum Lauenburg nicht weiter belastete.

Um die Selbstständigkeit Lauenburgs als eines eigenen deutschen Herzogthums und die verfassungsmäßigen Rechte des Landes zu wahren, wurde in den Sitzungen der Ritter- und Landschaft vom 15., 16. und 24. Juni 1864 beschlossen, darauf hinzielende Petitionen einzureichen: 1) an die deutsche Bundes-Versammlung; - 2) an den Gesandten des deutschen Bundes zur Londoner Conferenz; - 3) an Se. Majestät den König von Preußen und Se. Majestät den König von Hannover, mit Rücksicht auf die Zusicherungen, welche diese Mächte im Jahre 1816 bei Gelegenheit der Abtretung Lauenburgs an die Krone Dänemark für die feste Geltung der Landes-Verfassung gefordert und erlangt hatten.

Am 1. August 1864 kam es zum Friedensschluß zwischen Preußen-Oesterreich einerseits und Dänemark andererseits. Dänemark mußte die drei deutschen Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg seinen Gegnern überlassen.

Am 9. August traf in Ratzeburg ein königl. hannoversches Bataillon 3. Jäger (Harzjäger genannt) ein. Der Stab und 450 Mann blieben hier, die übrigen gingen nach Mölln. Diese Besatzung erregte einiges Aufsehen, ward aber nur als eine Verlegung der Bundes-Executionstruppen dargestellt.

Am 21. October 1864 ward der für das Herzothum Lauenburg so denkwürdige Landtag gehalten, in welchem der Antrg des Grafen Bernstorff-Gyldensteen wegen Anschlusses des Landes an das Königreich Preußen zur Abstimmung kam; die Stellung Lauenburgs als eines deutschen Herzogthums und Erhaltung der Verfassung war hierbei Grundbedingung. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben und kam bald darauf im Jahre 1865 zur Ausführung.

1900/3 - 113


1900/3 - 114

Nachdem die Landesverwaltung des Herzogthums Lauenburg vom Deutschen Bunde auf die königl. preußischen und kaiserl. österreichischen Commissarien als oberste Landesbehörde übergegangen war, verließ am 1. December morgens um 7 Uhr das hannoversche Jäger-Bataillon seine Garnisonen Ratzeburg und Mölln; hier wie dort sah man die Jäger mit Bedauern scheiden, die ein freundliches Angedenken bei der Bürgerschaft hinterließen. Mittags 1 Uhr traf das Füsilier-Bataillon des 6. ostpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 43 ein, um in Ratzeburg längere Zeit in Garnison zu verbleiben.

Durch die Convention vom 14. August 1865 ging das Herzogthum Lauenburg in den Besitz der Krone Preußens über und der König Wilhelm I. fügte seinem Titel den eines Herzogs von Lauenburg hinzu.

Die feierliche Erbhuldigung fand darauf vor Sr. Majestät am 26. September in Gegenwart des Kronprinzen, des Ministerpräsidenten von Bismarck und anderer hoher Würdenträger in der St. Petri-Kirche zu Ratzeburg statt. Um 12 1/4 Uhr traten Se. Majestät der König, begleitet von Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen, in die Kirche und nahmen auf dem alten Altar gegenüber errichteten Throne Platz. Hierauf begann vor versammelter Gemeinde der feierliche Gottesdienst, bei welchem der Superintendent Brömel die Predigt hielt. Nach derselben erhob sich der Minister für Lauenburg, Graf von Bismark, und erbat von Sr. Majestät die Genehmigung, daß der Act der Erbhuldigung nunmehr stattfinden dürfe. Darauf forderte Graf Bismarck die Mitglieder der Ritter- und Landschaft auf, zur Ableistung des Huldigungs-Eides an den Thron Sr. Majestät des Königs heranzutreten und verlas im Allerhöchsten Auftrage die Bestimmungen der Unterthänigkeitspflicht. Alsdann erfolgte die Ableistung des Eides, zuerst durch den Erblandmarschall von Bülow auf Gudow, dann durch die übrigen Mitglieder der Ritter- und Landschaft. Der Gesang

1900/3 - 114


1900/3 - 115

eines Chorals und das von dem Superintendenten gesprochene Gebet beschloß die feierliche Handlung.

Damit war für Lauenburg der längst gehegte und oft ausgesprochene Wunsch, als deutsches Herzogthum einem deutschen Fürstenhause anzugehören, erfüllt.

Die aus Lauenburg gebürtigen 30 Unterofficiere und Musiker, welche bei Auflösung des 14. Linienbataillons als geworbene Kapitulanten im Dienste Dänemarks verbleiben und dann 1864 gegen die verbündeten Preußen und Österreicher kämpfen mußten, kehrten im März 1865 nach Ratzeburg zurück. Sie waren als Deutsche aus der dänischen Armee entfernt worden. – Obgleich alle Unterofficiere im Grunde ihres Herzens hiermit ganz einverstanden waren, so hatte die Sache doch insofern etwas sehr Unangenehmes für die Leute, als von Dänemark ihre Entlassung ohne jede Pension, ohne Aussicht auf Anstellung im Civildienste, die das Ziel ihrer militärischen Laufbahn gewesen war, erfolgte.

Als es bekannt wurde, daß Lauenburg dem Königreich Preußen würde angegliedert werden, wendeten sich die Unterofficiere mit einer Petition an den damaligen Gouverneur des Herzogthums, Grafen von Kielmannsegge auf Gülzow, darum bittend in die preußische Armee eingestellt zu werden. Der Gouverneur berichtete hierüber an Se. Majestät König Wilhelm I., der am Tage nach der Erbhuldigung der lauenburgischen Stände die Annahme dieser Leute für den inneren Garnisondienst genehmigte, und zugleich in Anerkennung für die, im Hinblick auf den geleisteten dänischen Fahneneid, bewiesene Soldatentreue anordnete, daß diese Unterofficiere auch dann ihre volle Besoldung erhalten sollten, wenn sie späterhin dienstunfähig würden. Damit war die vielen Lesern noch bekannte sog. „Veteranensection“ gebildt; sie erhielt die Uniform der preußischen Landwehr. Die Heranziehung ihrer Mannschaft zum Garnisondienst blieb beschränkt auf die Kriegsjahre 1866 und 1870/71; sie stand unter dem Befehl des Ratzeburger Bataillons-Commandos. Als jedoch 1876 das lauenburgische Jäger-Bataillon Nr. 9 von Ratzeburg verlegt

1900/3 - 115


1900/3 - 116

wurde, erfolgte die Zutheilung zum Bezirks-Commando Lübeck. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß die alten Veteranen-Unterofficiere gern und oft ihrem Danke gegen Se. Majestät König Wilhelm für den Beweis seiner großen Gnade Ausdruck geben. –

Im Januar 1866 verließ das Füsilier-Bataillon des ostpreußischen Regiments Nr. 43 die Stadt Ratzeburg und zog in seine Heimath; statt dessen kam im März eine Schwadron des magdeburgischen Dragoner-Regiments, die aber schon im Juni wieder fortging, um an dem Kriege gegen Österreich theilzunehmen.

Das während dieses Feldzuges neu gebildete Jäger-Bataillon erhielt die Benennung „Lauenburgisches Jäger-Bataillon Nr. 9“ und Ratzeburg als Garnisonstadt angewiesen, wo es am 20. September einrückte, von den Spitzen der Behörden wie auch von der Bürgerschaft lebhaft begrüßt und auf das freundlichste empfangen.

Wenden wir uns nun zur Verwaltung, so ist zunächst hinzuweisen auf § 9 der Gasteiner Convention vom 14. August 1865, in welchem die vom Preußen an Oesterreich für die Aufgabe der im Wiener Friedensvertrage 1864 erworbenen Rechte auf das Herzogthum Lauenburg zu zahlende Entschädigung auf zwei Millionen und fünfhunderttausend dänsiche Thaler festgesetzt wurde. Diese Summe mußte Lauenburg dem preußischen Staat erstatten. Zum Ersatze dieses Betrages, sowie zur Deckung der nach den Auseinandersetzungen mit der dänischen Regierung aus der Pensionirung der rüher gemeinschaftlichen Beamten auf das Herzogthum fallenden Abfindungs-Quote wurde eine lauenburgische Domanial-Anleihe von 1 700 000 Thalern (nach dem 14-Thalerfuß) aufgenommen. Diese durch Gesetz vom 8. December 1866 genehmigte Anleihe wird gegenwärtig mit jährlich 84 000 Mk. verzinst und amortisirt; sie wird bei diesem Modus im Jahre 1934 völlig getilgt sein. Die Höhe der Domanialschuld beträgt gegenwärtig 1 524 058 Mk. 28 Pf.

Wenn das nun auch zunächst als eine schwere Belastung

1900/3 - 116


1900/3 - 117

des Landes angesehen werden kann, so darf andererseits nicht unberücksichtigt bleiben, daß Se. Majestät König Wilhelm I. die Rechte des Landes an seinem Domanialbesitz, zu welchem die gesammten nicht im Gemeinde- oder Privatbesitz stehenden großen Forsten, Domänen und Gewässer gehören, unangetastet ließ. – Das Lauenburger Land blieb demnach auch fernerhin mit seinem König-Herzog gemeinsamer Eigenthümer des umfangreichen Domänen-Complexes.

Durch den Receß vom 19. Juni 1871 erfolgte indeß eine Auftheilung des gemeinschaftlichen Besitzes in der Weise, daß Se. Majestät der König und Herzog den gesammten Grundbesitz im Amte Schwarzenbek, dessen größten Theil der Sachsenwald bildete, zum freien und unbeschränkten Eigenthum erhielt und an Lauenburg alle übrigen landesherrlichen Domänen, Forsten, Moore und Gewässer überwiesen wurden mit der Bestimmung, daß dieser Grundbesitz auch nach der Einverleibung des Herzogthums Lauenburg in den preußischen Staat Landeseigenthum bleiben und mit seinem Ertrage zur Befriedigung der Bedürfnisse des Herzogthums dienen solle. Wenn nun auch Se. Majestät der König und Herzog für seinen Besitz, den er, wie bekannt, bald darauf dem Fürsten von Bismarck schenkte, einen verhältnißmäßigen Antheil der vorbezeichneten Domanialschuld nicht übernahm, so mag das auf den ersten Blick als ein Vortheil erscheinen. Wir werden aber gleich sehen, daß das nicht der Fall ist. Der Grundbesitz im Amte Schwarzenbek, den Se. Majestät erhielt, hat nämlich einen Flächeninhalt von nur 6379 ha, während die dem Lande verbleibenen Domänen, Forsten u. s. w. zusammen eine Größe von ca. 15 000 ha haben. Se. Majestät hatte also nur ca. 2/7, das Herzogthum dagegen 5/7 des Domanialbesitzes erhalten.

Durch Gesetz vom 7. December 1872 erfolgte sodann die Übertragung der Verwaltung des Domanial-Vermögens auf den Landescommunalverband. Zur Wahrnehmung der Rechte desselben wurde das Landschafts-Collegium gebildet, an dessen Spitze der Erblandmarschall stand. - - - -

1900/3 - 117


1900/3 - 118

Bevor wir den Gang der politischen Entwickelung des Landes weiter verfolgen, müssen wir einen Blick werfen auf die glorreichen Kriegsjahre 1870/71. Der Grund und die Veranlassung des Krieges sind ja hinreichend bekannt: wir glauben daher, daß es dem Zwecke dieses Berichtes mehr entspricht, wenn wir kurz die bedeutungsvollsten Momente dieser ruhmreichen Zeit und das, was im Zusammenhange damit in Lauenburg geschah, hervorheben. –

Ratzeburg war damals wie heute Garnison des lauenburgischen Jäger-Bataillons Nr. 9.

Am 16. Juli 1870, 9 Uhr vormittags traf beim Bataillon telegraphisch der Befehl zur Mobilmachung ein, welcher hier wie bei der ganzen Bevölkerung des Landes außerordentliche Begeisterung hervorrief. Lauenburgs Söhne traten als Kriegsfreiwillige zahlreich beim Bataillon ein, um das Vaterland gegen die übermüthigen Franzosen zu vertheidigen.

Am 27. Juli rückten die Jäger zu schwerem Kampfe aus, von einer zahlreichen Bürgerschaft zum Bahnhof geleitet, die ihnen hier ein Lebewohl zurief. Ruhmreichen Antheil hat dann das Bataillon an vielen Schlachten und Gefechten gegen den Erbfeind Deutschlands genommen. - - - - - - - - - - - -

Nachdem Paris am 28. Januar 1871 kapitulirt hatte, fand im Herzogthum Lauenburg eine allgemeine Feier statt, um der Freude über die großen Siege der deutschen Armee, über die großen Erfolge der deutschen Politik begeisterten Ausdruck zu geben. - - - - - - -

Die Ritter- und Landschaft beschloß am 31. März s. J. eine Dank-Adresse, die Sr. Majestät dem Kaiser und König am 18. April durch eine Deputation in Berlin überreicht wurde. Wir geben den Wortlaut hier auszugsweise wieder:

„Allerdurchlauchtigster, großmächtigster Kaiser, allergnädigster König, Herzog und Herr! Ew. Majestät nahen sich in Ehrfurcht die Stände des Herzogthums Lauenburg mit der allerunterthänigsten Bitte, den freudigen Gefühlen Ausdruck geben zu dürfen, welche, wie

1900/3 - 118


1900/3 - 119

alle Unterthanen, Ew. Majestät die Bewohner des von ihnen vertretenen kleinen Landes bewegen, nachdem der gewaltige Kampf des deutschen Volkes seinen sehnlichst herbeigewünschten Abschluß gefunden und in Folge dessen Ew. Majestät aus Feindesland in Allerhöchst Ihre Hauptstadt unlängst heimgekehrt sind.

Auch wir haben theilgenommen an dem Aufschwung, welcher alle deutschen Stammesgenossen ergriff, als, von Frankreichs Fürst und Volk in frevelhafter Weise herausgefordert, Ew. Majestät im vorigen Jahre an der Spitze der vereinigten deutschen Kriegsmacht auszogen, um, in fester Zuversicht auf Gott, zur Errettung des Vaterlandes den Kampf zu bestehen. Wir haben eingestimmt in den Jubel, der rings um uns erscholl, als die frohe Kunde der glorreichen Kämpfe der deutschen Armeen aus dem Feindeslande, stets sich mehrend, zu uns herübertönte, und endlich die Stärke des Feindes völlig niedergeworfen am Boden lag.

Und, als unter dem Getümmel der Waffen die Einigung Deutschlands vollzogen, das deutsche Reich wieder erstanden war, als im Heereslager vor Frankreichs Hauptstadt Ew. Majestät, Preußens mächtiger Heldenkönig, auch unser geliebter Landesherr, auf den einmüthigen Wunsch der deutschen Fürsten und freien Städte, den Bitten des norddeutschen Reichstages und deutscher Landesvertretungen huldreichst entsprechend, die Kaiserwürde anzunehmen geruht haben, sind auch die Bewohner unseres Ländchens von der Begeisterung ergriffen, welche in ganz Deutschland die Verwirklichung eines langen Traumes, die Erfüllung der durch die Waffengemeinschaft erregten Hoffnung erweckt haben.

Aber unsere Freude und unser Jubel sind gedämpft durch die Trauer um die zahlreichen schweren Opfer, unter denen so große Erfolge errungen wurden. Mit tiefer Wehmuth haben wir der vielen Brüder zu gedenken, deren Blut und Leben in dem furchtbaren Kampfe dahingegeben werden mußte, um dessen Preis zu gewinnen und unser innigstes Mitgefühl hat den Schmerz der überall in nah und fern um ihre Lieben weinenden Angehörigen der Todten, die sich für das Vaterland geopfert, begleitet.

Der göttlichen Vorsehung, der weisen und festen Führung Ew. Majestät, der Tapferkeit und Ausdauer unserer Krieger danken wir die glückliche Beendigung des schweren Kampfes, die Ew. Majestät gestattet hat, nach langer Abwesenheit in die Mitte Ihrer freudig bewegten Unterthanen zurückzukehren.

Der allmächtige Gott verleihe Ew. Majestät viele Jahre, die wohl verdienten Früchte des schwer erkämpften Friedens inmitten Ihrer dankbaren Unterthanen zu genießen und lange Zeit zu sein ein Mehrer des deutschen Reichs, nach Ew. Majestät erhabener Verheißung,

1900/3 - 119


1900/3 - 120

dan den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung!

Der deutschen Nation aber möge ihres Kaisers frommer, demüthiger Sinn, der alle großen Erfolge auf Gottes Gnade und Beistand zurückgeführt wissen will, ein Vorbild sein für alle Zeiten und sie bewahren vor Überhebung in den Tagen der Macht und des Glücks!“ - - - - - - - - - - - - - -

Nach diesem Rückblick auf das große, ja das größte Werk des Jahrhunderts wenden wir uns wieder der Verwaltung des Landes zu.

Zu Anfang des Jahres 1872 wurde die heute noch gültige Städteordnung im Herzogthum Lauenburg eingeführt. Ferner wurde unterm 14. August 1872 das Gesetz über die Umwandlung des Meier-, Erbzins- und Erbpacht-Verhältnisses in Eigenthum und die Ablösung der daraus herrührenden Leistungen erlassen. Durch die Ausführung dieses Gesetzes wurde der lauenburgische Hufner freier, unumschränkter Besitzer seiner Landstelle, während er bisher in gewissem Grade von dem Landesherren, bezw. in den adeligen Districten von dem Gutsherrn abhängig gewesen war.

Das Jahr 1876 brachte uns am 23. Juni das Gesetz, durch welches das Herzogthum Lauenburg der preußischen Monarchie incorporirt wurde. Seit dieser Zeit bildet das Herzogthum einen besonderen landräthlichen Kreis der Provinz Schleswig-Holstein unter der Bezeichnung „Kreis Herzogthum Lauenburg“. An dem provinzialständischen Verbande nimmt das Herzogthum nicht theil. Der lauenburgische Landes-Communal-Verband bildet vielmehr einen besonderen kreisständigen Verband mit den Rechten einer Corporation und wird gegenwärtig vertreten durch den Kreisausschuß.

Das Ministerium für Lauenburg, ebenso die lauenburgische Regierung und das lauenburgische Consistorium wurden 1876 aufgehoben.

Die Ritter- und Landschaft, deren geschäftsführendes Organ das Landschafts-Collegium war, blieb noch bis 1882

1900/3 - 120


1900/3 - 121

bestehen. Alsdann erfolgte durch königliche Verfügung vom 24. August 1882 die Einführung der preußischen Kreisordnung vom 13. Dezember 1872/19. März 1881 zum 1. October desselben Jahres. Bedeutungsvoll für die Geschichte Lauenburgs ist dieser Zeitpunkt insofern, als nun nicht mehr der Erblandmarschall, wie es seit dem Jahre 1702 ununterbrochen der Fall gewesen war, sondern der Königliche Landrath des Kreises den Vorsitz in der Landesvertretung zu führen hatte.

Dann kam das schmerzbewegte Drei-Kaiser-Jahr 1888. Am Morgen des 9. März verschied Deutschlands Heldenkaiser Wilhelm I. Die tiefernste Stimmung, welche sich beim Eintreffen der Trauerkunde unserer Landesbevölkerung bemächtgte, zeigte sich in ihrer ganzen Schwere, als am Beisetzungstage, dem 15. März, in Ratzeburg eine öffentliche Gedächtnisfeier für den entschlafenen Monarchen stattfand. –

Kaum hatte sich die Gruft über der sterblichen Hülle unseres hochseligen Kaisers Wilhelm I. geschlossen, als auch sein großer Sohn, der schwergeprüfte Kaiser Friedrich III., am 15. Juni seinem trauernden Volke durch den unerbittlichen Tod entrissen wurde. – In schwerer, in politisch bewegter Zeit übernahm Kaiser Wilhelm II. das Erbe seiner Väter. –

Mit dem 1. October 1889 wurden das Gesetz vom 1. August 1883 über die allgemeine Landesverwaltung und das Gesetz vom 1. August 1883 über die Zuständigkeit der Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbehörden in Lauenburg eingeführt. Das hatte die Aufhebung der Königlichen Landvogteien und der gutsherrlichen Polizeiverwaltungen im Gefolge. An Stelle derselben wurden 23 Amtsbezirke gebildet. Die Organe der Amtsverwaltung sind der Amtsvorsteher und der Amtsausschuß. Damit war das Prinzip der Selbstverwaltung auch im Kreise Herzogthum Lauenburg durchgeführt.

Am 26. September 1890, fünfundzwanzig Jahre

1900/3 - 121


1900/3 - 122

nachdem die lauenburgischen Stände dem König Wilhelm I. gehuldigt, fand in Ratzeburg die feierliche Enthüllung des Denkmals statt, welches nach der Widmungs-Inschrift des „dankbare Lauenburg dem Einiger Deutschlands, Kaiser Wilhelm I. dem Siegreichen“ errichtete.

Als Se. Durchlaucht, Fürst von Bismarck mit dem Titel eines Herzogs von Lauenburg 1890 von Berlin nach Friedrichsruh übersiedelte, wurde er bald darauf, zum Mitgliede des lauenburgischen Kreistages erwählt. Am 30. December 1891 nahm der Altreichskanzler an einer Sitzung des Kreistages theil. Bei der Begrüßung des Fürsten erinnerte der Vorsitzende daran, daß die Kreisvertretung in den letzten Jahrzehnten sich mehrfach an Se. Durchlaucht mit der Bitte um dessen einflußreiche Fürsprache zu Gunsten von Kreisangelegenheiten gewendet habe und daß die Kreisvertretung wiederholt in der Lage gewesen sei, Dankadressen wegen Erfüllung ihrer Bitten an den Fürsten zu votiren. – Der ungünstige Gesundheitszustand gestattete dem Fürsten in den folgenden Jahren nicht, an den Berathungen des lauenburgischen Kreistages persönlich theilzunehmen.

Der erste Kanzler des deutschen Reiches, Fürst von Bismarck, Herzog von Lauenburg, starb am 30. Juni 1898 zu Friedrichsruh, wo er auch im dortigen Mausoleum beigesetzt wurde. Mit ehernen Lettern ist sein Name eingetragen in der Geschichte Lauenburgs; unauslöschlich bleibt die Dankbarkeit und Verehrung für ihn in den Herzen der Landesbewohner. –

Bevor wir unsere Jahrhundert-Uebersicht schließen, lassen wir nachstehend noch einige statistische und sonstige Mittheilungn über Kreisverhältnisse folgen.

Die Größe des Kreises Herzogthum Lauenburg beträgt 118 242 ha 1 ar 56 qm mit einem Grundsteuer-Reinertrage von 746 087 49/100 Thalern.

Nach den amtlichen Zählungen ist die Bevölkerungszahl von 31,996 im Jahre 1810 auf 50,831 im Jahre 1895 gestiegen.

1900/3 - 122


1900/3 - 123

Zum Kreise gehören die Städte Lauenburg, Mölln und Ratzeburg, 135 Landgemeinden und 41 selbstständige Gutsbezirke. Die ländlichen Ortschaften des Kreises sind in 23 Amts- und 29 Standesamtsbezirke eingetheilt.

Im Kreise befinden sich 29 evangelisch-lutherische Kirchen und 7 Capellen. – An Schulen hat der Kreis in den Städten: ein kreisständisches Gymnasium und ein Königl. Seminar in Ratzeburg, eine Realschule in Lauenburg und eine Mittelschule in Mölln, ferner 3 höhere Töchterschulen, 3 Volks- resp. Bürgerschulen für Knaben und Mädchen, 3 gewerbliche Fortbildungsschulen und eine Schiffer-Fachschule (in Lauenburg). – An Landschulen sind vorhanden 102 mit 126 Classen, 122 Lehrern und 2 Lehrerinnen.

Die Aushebung zum Militär hatte im Kreise beim Oberersatzgeschäft im Jahre 1899 folgendes Resultat: 1) ausgeschlossen 1, 2) als dauernd untauglich ausgemustert 41, 3) dem Landsturm überwiesen 144, 4) der Ersatz-Reserve überwiesen 96, 5) zum Dienst im Heer für brauchbar ausgehoben 214; als Einjährig-Freiwillige sind 6, als Zwei- bezw. Dreijährig-Freiwillige 96 eingetreten.

Das Veranlagungssoll der directen Staatssteuern im Kreise beträgt für das Etatsjahr 1899: 1) Grundsteuer 119 762,58 Mk., 2) Gebäudesteuer 52 478,10 Mk., 3) Gewerbesteuer 18 456,00 Mk., 4) Betriebssteuer 5400 Mk., 5) Einkommensteuer 169 512,00 Mk., 6) Ergänzungssteuer 53 849 Mk.

Die Finanzlage des Landes-Communal-Verbandes kann als eine günstige bezeichnet werden, denn die großen Ausgaben, welche für das Etatsjahr 1899 nach dem Voranschlage 849 00 Mk. betragen, werden gedeckt durch die Einnahmen aus dem Domanial-Besitz des Landes. Während in fast allen anderen Kreisen der Monarchie Kreissteuern, und außer diesen zum Theil noch Provinzialsteuern erhoben werden, sind die Bewohner des Kreises Herzogthum Lauenburg mit Ausnahme von zwei Jahren bisher von derartigen Abgaben

1900/3 - 123


1900/3 - 124

befreit gewesen, trotzdem der lauenburgische Landes-Communal-Verband zum Bau des Elb-Trave-Kanals eine Beihülfe von 600 000 Mk. hergegeben hat. Ferner hat Lauenburg dieses Unternehmen durch unentgeltliche Hergabe des Baugrundes unterstützt.

Die Kreisforsten lieferten im Etatsjahr 1898 einschließlich der Nebennutzungen einen Ertrag von 358 852 Mk. 32 Pf., die Domänen einen solchen von 172 216 Mk. 13 Pf. –

Seit Aufhebung der Herzogl. Regierung wurde unser Kreis durch folgende Königl. Landräthe vertreten: Reg.-Assessor Jungbluth von 1873-74, Graf von Bernstorff von 1874-81, von Bennigsen-Foerder von 1881-82, Kammerherr von Dolega-Kozierowski von 1882-97 und Graf Finck von Finckenstein von 1897 bis Mitte d. J. 1900, seit 1. Juli 1900 Assessor v. Bülow comm. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Wenn wir am Schlusse unserer Ausführungen von dem Höhepunkt der Jahreszahl 1900 herab noch ein Mal einen Rückblick halten auf die Geschehnisse des verflossenen Säkulums, so erkennen wir in ihm das „deutsche“ Jahrhundert auch für unser Herzogthum, das nach einer ihm aufgedrungenen langjährigen Fremdherrschaft endlich in den Schooß seines deutschen Mutterlandes hat zurückkehren können.

Möge unser Lauenburg nie wieder den Nothstand eines Völkerkrieges, nie wieder die Schrecken einer fremden Gewaltherrschaft zu ertragen haben, sondern möge es unter dem Schutze des mächtigen deutschen Reiches und seines erhabenen Herrscherhauses das neue, das 20. Jahrhundert als ein „Jahrhundert des Friedens“ durchleben können.

Das walte Gott!
 


* * *



 

 

 

 



*