Jahresband 1899

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

VOM KLOSTER MARIENWOLDE BEY LÜBECK. *)

[N. N.]
 

§ 69. Diesem Mariendalischen St. Birgitten-Kloster bei Reval leget man zwo in Teutschland erzeugte **) Töchter bey, nemlich das Kloster Marienwolde, und das Kloster Mariencron, da auch in Teutschland an verschiedenen Orten für eine Pflicht und Nothwendigkeit gehalten worden, die heilige Schwedische Birgitta zu verehren, und ihre Vorbitte zu suchen.

§ 70. Da einige Mönche des St. Birgittae-Klosters bey Reval nach Lübeck gekommen, welche hanseatische Stadt der Zeit nach Liefland viel Verkehr gehabt, so soll es Gelegenheit gegeben haben, daß mittelst Beyhülfe derer Ein-
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*) Aus „vorläufige kurzgefaßte Nachricht von einigen Klöstern der H. Schwedischen Birgitte außerhalb Schwedens besonders in Teutschland, mit Urk. und Kupferstichen von Carl Fried. Wilh. Frhr. v. Nettelbla. Frankfurt und Ulm 1764. Ueber das Kloster Marienwold findet man eine sehr werthvolle Abhandlung von Prof. Deecke in Lübeck im vaterländischen Archiv, Bd. I p. 341 ff.
**) Es ist solche in einer Urkunde, die bey dem Diario Wadstenensi befindlich, pag. 203 geschehen, und der weltberühmte Upsalische Erzbischof Benzelius hat in Notis ad Diariam pag. 234 es noch mehr bestärket.


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wohner in Lübeck und anderer, im Jahr 1413 wie die Historici angeben *), ohnweit der Stadt Möllen zu Petzecke das Kloster Marienwolde, zu Ehren der heiligen Schwedischen Birgittae, angeleget worden, von welchem bis anhero keine gedruckte Nachrichten **) anzutreffen sind.

§ 71. Ein Anstand bey der Jahreszahl, da dieses Kloster zu bauen angefangen worden, möchte sich ergeben aus einer Urkunde Herzogs Erici zu Sachsen vom Jahr 1416, in welcher gemeldet wird, daß das Kloster damalen zu bauen angefangen worden, und man es zu vollenden gedenke, mittelst Beyhülfe reicher Leute; und daß Ludecke Schack im Jahr 1413 die Simonis Judae nicht an das Kloster Marienwolde, sondern Mariendal in Liefland bey Reval, das Guth Below und halb Bredenfeld verkauffet, sonderlich aber, daß Otto v. Krumese erstlich 1414 in die Andreae den Hof und das Dorf Petzke an diese Süstern und Brödern verkauffet, und ihnen erlaubet, daselbst eine Stadt zu errichten, da sie und ihre Nachkomlinge den Dienst Gades, nach Ausweise ihrer Reguln, vollenbringen möchten.

§ 72. Indeßen findet sich doch, daß Wedege und Wolrath von Zule im Jahr 1413 die Galli 2 von ihrem
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*) Vid. Messenii Scandia illustrata Tom. 3 pag. 45 und Tom. 15 pag. 70. Conf. Regkmanni Lübeckische Chronic pag. 46 ad annum 1141, Kirchring u. Müller in Compend. Chronic. Lubecens. ad. h. a. pag. 62 u. a. m.
**) Der Archi-Diaconus zu Wismar, Dieter. Schroeder, führet in seinem päbstlichen Mecklenburg pag. 1855 an, daß er verschiedene Scriptores nachgeschlagen, aber von diesem Kloster keine Nachricht finden können. Der in Kloster-Sachen sehr erfahrene Joh. Martin Schamelius hat in seinem Entwurf eines Kloster-Lexici pag. 19 nicht einmahl den Nahmen angeführet. Da aber zwischen der Reichs-Stadt Lübeck und dem Herrn Herzogen zu Sachsen-Lauenburg, wegen dieses Klosters, bey dem Reichs-Cammer-Gericht ein Prozeß geführet worden (vid. v. Meiern gründliche Nachricht von dem an die Stadt Lübeck ao. 1359 verpfändeten Dominio & Advocatia der Herrschaft und Vogtey Möllen de anno 1740 pag.118 und im Anhang pag. 10 et passim) so müssen in solchen Acten vortrefliche Nachrichten anzutreffen seyn.

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Vater Gottschalck anderswo gestiftete Vicarien nach Marienwolde verleget, welches auch Bischof Dethlevius zu Ratzeburg die Jacobi Apostoli 1413 bestätiget, und der Rath zu Lübeck hat in einer die Simonis et Judae 1413 an das Kloster Marienwolde ausgestelleten Quittung es der Zeit bereits ein neues Kloster benahmet; wie auch der Bischof Dethlevius zu Ratzeburg bereits 1416 die Natalie St. Birgittae dem Kloster Marienwolde untersaget, einige Schwestern *) nach Mariendal abzuschicken.

§ 73. Weilen aber diese Süstern und Bröder sich wahrscheinlich anfänglich zu Lübeck auf ihrem Birgitten-Hof werden aufgehalten, und daselbst sich Güter angekauffet haben; so kan es wohl seyn, daß sie bey Petzke oder in Petzke schon 1413 den Anfang gemachet, ein Kloster anzulegen, bis selbige endlich 1414 den Hof und das Dorf dieses Namens völlig erkauffet, anbey mehrere Kräfte bekommen ihr Kloster völlig auszubauen, welches schwerlich in einem Jahr wird haben können bewerkstelliget werden.

§ 74. Die mehreste Bemühung wegen der Erbauung dieses Klosters zu Petzke mag wohl Borchard Sanedel, ein Bruder aus dem Kloster Mariendal in Liefland bey Reval gehabt haben, wie die Urkunden bezeugen.

§ 75. Es ist dieses Kloster, wie die übrige der heiligen Schwedischen Birgittae, zum doppelten Gebrauche, sowohl für die Nonnen als Mönche angeleget worden, in dem Sprengel des Bischoffen **) zu Ratzeburg; Und Kayser Sigismundus hat es gewürdiget den 27. März 1415 zu Costnitz in nostri et Imperii Sacri protectionem et
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*) Die Urkunde hiervon findet man bey dem Diario Wadstenensi pag. 198.
**) Hievon giebet eine Urkunde des Bischofen Detlevi zu Ratzeburg vom Jahr 1416 eine Bestätigung, in welcher er diesem Kloster untersaget, keine Schwestern nach dem Kloster Mariendal bey Reval abzufertigen, bis er selbst darüber persönlich gesprochen habe, vid. Diarium Wadstenense p. 199, welches mit mehreren bestärket werden kann.

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Tutelam zu nehmen *), deßen Advocatia aber der freyen Reichs-Stadt Lübeck im Jahr 1419 soll übertragen worden seyn, welche vom Kayser Friederico 1471 zu Regensburg die Johannis, und Kaiser Ferdinando I 1559 die 21. Julii, wie auch vom Kayser Maximiliano II. 1570 die 16 Augusti bestätiget worden. Das Siegel dieses Klosters hat der ehemahlige weit berühmte v. Meiern **) abstechen lassen.

§ 76. Bei allem dem hat es doch das Kloster Wadstena in Schweden für die Mutter erkannt, daher Nonnen und Mönche erhalten, daher sich visitiren lassen, daher auch ihre Anordnung bekommen, ihre Streitigkeiten oder brigas ***), wie es in Urkunden benannt wird, untersuchen lassen, und sowohl dem General-Capitul zu Wadstena beygewohnet als auch aus Wadstena ihren Capitul-Tägen beywohnen lassen. ****)

§ 77. Außer dem Dorfe Petzke, wo es zuerst erbauet worden, und denen aus Lübeck und Hamburg dahin gehörigen Gefällen, hat es die Dörfer Below, halb Bredenfeld, das Guth Falckhagen, Goldensee, Bargrade u. s. w. gehabt, (welches mit einem Codice Diplomat. bestärket werden kann, daher man nur einige Urkunden im Anhange beygefüget); anbey auch Mittel gefunden, die obere und niedere Gerichtsbarkeit, nebst der Befreyung von der Lehenwaare, und fast allen herzoglichen Juribus über solche Güter, zu
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*) Die Urkunde findet man bey dem angeführten Diario p. 198 beygedrucket.
**) In obgedachter Deduction, die Pfandschaft Möllen betreffend sub Rubro: Gründliche Nachricht etc. Tabula VII.
***) Dieses Wort erkläret Duisburg in Chron. Prussia pag. 445 umständlicher, Du Freome in Glossario Tom. 1 pag. 1360 edit. Paris, Spellmann in Glossar. Archialog pag. 87 Samuel Johnson in Dictionary of the Engl. Lang. sub v. Brag, Vol. 1. In einem anderen Verstande aber erkläret es Wachter in Glossar. Germ. pag. 213.
****) Hievon findet man im Diario Wadstenensi den Beweis p. III wo die Worte also lauten: Ad. annum 1456 circa festum Paschae habuit Confessor literas citator. ad celebrandum Capitulum generale totius Ordinis quas emiserat Confessor Monasterii Marienwolde circa Lübeck etc.

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erhalten, daß es also ein reiches und ansehnliches Kloster gewesen ist.

§ 78. Das Gut to der Below und das halve Dorp to Bredenfeld, mit allen Ehren to behörige hat Ludecke Schacke die Simonis Judae 1413 nach Anlage Nr. 2 an das Kloster Mariendal bey Reval verkaufet, wozu auch Herzog Erich eod. den Willebrief sub Nr. 3 ertheilet, so auch nachhero mittelst Marquardi Schacken Cession und Willebrief vom Jahr 1420 die Martini Episcopi bestärket worden. Das ganze Dorp to Petzke ist im Jahr 1414 die Andreae Apostoli, vermöge Beylage sub Nr. 4 an diese Birgitten-Geistliche verkauffet worden vom Ottone von Crumeße, wozu Herzog Erich zu Sachsen 1422 die Fabiani Sebast. den Willebrief sub Nr. 5 ertheilet, und in Gefolg der Beylage sub Nr. 6 hat Herzog Erich erstlich im Jahr 1416 seinen Consens zur Fundation des Marienwolder Klosters ertheilet, und selbiges, gegen offerirte Bedingungen, in Herzoglichen Schutz genommen. Im Jahre 1418 die Martini hat Bromold Warendorp, Bürger zu Lübeck, an das Kloster Marienwolde verkauft, laut Anlage sub Nr. 7 das Guth Berckrode, welchen Kauf die Herzoge Erich Berend und Otto mit ihrem Willebrief vom Jahr 1424 die Philippi et Jacobi bestätiget sub Nr. 8. Die beiden Dörffer Warstorpe und Frymerstorpe haben Berendt Wybrecht und Helmodt Pleße an gedachtes Kloster 1456 octava trium Regum verkauffet, wozu Herzog Berend zu Sachsen 1456 die Antonii den Willebrief ertheilet; kurz es ist ein sehr bemitteltes Kloster gewesen, welches viel Einkommens gehabt.

§ 79. In solchem Wohlstande hat es sich erhalten bis ins Jahr 1534. Da durch das Betragen des, in denen Geschichten sehr berüchtigten, Lübeckischen neuen Bürgermeisters Wollenweber 1) die Stadt Lübeck mit denen Her-
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*) Von denen Händeln dieses unruhigen eingeschlichenen neuen Bürgermeisters, wie auch dessen Lebens-Umstände und Lebens-Ende, geben mehrere Nachricht Olavus Celsius in seinen Geschichten, Gustavi I. P. 2 p. 98 seqq., Sievers in denen merkwürdigsten Stücken

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zogen von Holstein in eine beschwerliche Fehde verwickelt und dieses ansehnliche Kloster gänzlich zerstöhret *) worden.

§ 80. Wegen dieser Fehde wurden die Marienwolder Ordens-Personen genöthiget, sich nach Lübeck zu begeben, woselbst sie einen Birgitten-Hof hatten, um daselbst ihre Wohnung und Sicherheit zu suchen.

§ 81. Die um diese Zeit zunehmende Religions-Reformation gestattete ihnen auch hier nicht viele Zufriedenheit, da selbige sich diesem Schicksal der Reformation unterwerffen mußten.

§ 82. Ein Unglück betraf dieses Kloster nach dem anderen, und ob es gleich mit ansehnlichen Gütern versehen, war es jedoch nicht vermögend, den gänzlichen Untergang abzuwenden, bey aller deshalb verwendeten Bemühung.

§ 83. Ihr Unstern erschiene im Jahr 1558, da Herzog Franz, der ältere, zu Sachsen-Lauenburg ihnen durch seine Abgeordnete den Antrag thun ließ: Daß, falls sie ihre Güter abtreten wolten, sie sodann lebenslang wohl versorget werden solten.

§ 84. Ihre mehreste mit baarem Gelde erkaufte Güter waren im Sachsen-Lauenburgischen Territorio gelegen,
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von der Historie Gustavi I. Cap. 5 § 10 pag. 51 not. 6 edit. Holmens de ao 1754 in 4to. Er. Joeranson in Historia Gustavi I. P. 2 pag 3 et passim, Danckwerth in seiner Landes-Beschreibung von Schleswig und Holstein pag. 220 u. 221, Battholum. Saestrow in Chron. MSCt. Pomer. P. 1 Lib. 3, Cap. 17 u. a. m.
*) Diese Verstöhrung soll zu Ende Augusti im Jahr 1534 geschehen seyn, wie Huitfeld in Historia Dania Regis Christiani III im Bogen G. edit. I ma de 1595 in 4to bemerket hat. Herm. Bonnitus in seinem Chronico Lubecensi führet an: „Am achtigenden Dage Augusti d. a. hebben sick de Holstener vor Möllen gelegt, owers nichtes beschaffet, unde hebben Er Lager im Kloster Marienwolde gehabt, und ist das Kloster abgebracken.“ Hingegen Mich. Beuterus in seiner Chronic. ad h. a. meldet: Darnach zogen die Holstener für Möllen, schlugen ihr Lager neben dem Kloster Marienwold, und als sie etwa 3 Wochen lang die Zeit vergeblich zugebracht, plünderten sie das Kloster etc.
 

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welches, nebst mehrern Ursachen, wohl die Veranlassung zu diesem Antrag mag gethan haben.

§ 85. Die Süsteren und Brödern thaten dagegen alle möglichen Vorstellungen, implorirten die Advocatiam der Reichs-Stadt Lübeck den 18. Sept. 1558, sie cedirten sogar die völlige Administration der Stadt Lübeck, sie sucheten Hülfe bey dem Craißausschreibenden Herrn Fürsten, und die Anna Beckers Abbtißin und Convent samt Bichtiger und gemeine Brüder des Klosters, nebst der Stadt Lübeck, wandten sich so wohl an Kayserl. Majestät als das Reichs-Cammer-Gericht, Mandata de non offendendo zu erhalten, wie die hier beygedruckten Urkunden bezeugen; allein die Abbtißin mit Süstern und Brüderen wurden aus dem Besitz gesetzet, der nach erkanntem Mandato fortgesetzete Prozeß aber soll noch in Camera Imperiali unabgethan vorhanden seyn, wie aus einer Deduction *) des seel. berühmten v. Meiern abnehme.

§ 86. Indessen wird der St. Birgitten-Hof in der freyen Kayserlichen Reichsstadt Lübeck bis diesen Tag, in der Wagemanns- oder Wahnstraße **), noch erhalten, doch dergestalt, daß auf besagtem Hof, unter der Direction zweer Herren des Raths, und Aufsicht einer sogenannten Schäfferin, verschiedene unverheyrathete und verwittwete Frauens-Persohnen, gegen ein gewisses Eintritts-Geld, daselbst freye Wohnung, Holz und Kohlen, auch etwas an Gelde, jährlich zu genießen haben.


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*) Nimirum in Sachen Möllen betreffend. Vid. supra.
**) Vid. des berühmten Pastoris Jacobi von Mellen gründliche Nachricht von der Kayserl. freyen Reichs-Stadt Lübeck Cap. 28 pag. 232.
 

 

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