Jahresband 1899

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

Lübeck’s Handelsstraßen am Ende des Mittelalters.

[Dr. Bruns]

 

Als Nachtrag zu den in Band V Heft 2 p. 1 ff. publicirten Notizen über das Wegewesen, insbesondere die alten Landstraßen im Herzogthum Lauenburg theilen wir aus der von Herrn Dr. Bruns in den hansischen Geschichtsblättern gegebenen Uebersicht über die Handelsstraßen Lübeck’s am Ende des Mittelalters noch das Folgende mit:

Unter den von Lübeck aus durch das Mühlenthor südwärts führenden Straßen sowie überhaupt für den lübeckischen Handel war die wichtigste die Lüneburger Straße.

Diese Straße berührte, die lübeckische Landwehr 7 km von der Stadt beim Crumesser Baum passirend, zunächst das Kirchdorf Crumesse. Hier wurde im Jahre 1342 oder kurz zuvor ein Wagenzug beraubt und dabei Lübecker Bürgern und Gästen für 500 Mk. Gut genommen. Im Jahre 1602 reisten braunschweigische Gesandte von Lüneburg nach Lübeck über Schnakenbek, Mölln und Crumesse (Krummennesse), 1603 über Artlenburg, Mölln und Crumesse. Die nächste Durchgangsstation war das Kirchdorf Gr. Berkenthin, wo sei dem Jahre 1240 ein vorübergehend eingerichteter Handelsweg nach Hamburg sich abzweigte. Weiter am östlichen Stecknitzufer entlang ziehend, gelangte der Kaufmann nach Hollenbeck. Bei diesem Dorfe (to dem Holenbeke) ließ im Jahre 1458 der Lübecker Rath Wegearbeiten mit einem Aufwande von 226 Mk. 9 Schill. 4 Pfg. ausführen. Dann wandte sich die Straße südöstlich auf Behlendorf, wo im

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15. Jahrhundert die durchpassirenden Wagen einen Wegezoll zu entrichten hatten, und nahm fortan die südliche Hauptrichtung wieder auf.

Bei der Stadt Mölln wurde die Stecknitzniederung überschritten. Die dortige Zollstätte wird schon im Jahre 1225 erwähnt. Als 1359 die Herzöge von Lauenburg die Stadt und Vogtei an Lübeck verpfändeten, gab der Vertrag als ihren Beweggrund die Sicherung des Landes und der königlichen Heerstraße an. Seitdem machten die Möllner Zolleinkünfte einen namhaften Posten in den lübeckischen Einnahmen aus.

Südwestlich von Mölln *) führte die Straße über die Dörfer Altmölln und Breitenfelde, wo im Jahre 1371 ein Straßenraub verübt wurde, und weiter über die Dörfer Woltersdorf, Hornbek, Roseburg, Siebeneichen und Pötrau. Die drei letzteren Ortschaften bezeichnet die Lübische Chronik im Jahre 1457 als Stationen der Lübeck-Lüneburger Handelsstraße. „In desseme yare na paschen – berichtet sie – do de koplude wolden in den market to Luneborch myt ereme gude, hadden sik to hope geworpen vele stratenrovere . . . . Desse quemen vro morghen up de herstrate uppe desse syd Poterow unde schindeden alle, de to Roseborch de nacht geweset hadden, unde reden vort na Roseborch unde vynghen allent wat em bejeghende. Ok schindeden se dre waghene by den Soveneken myt kostelme gude unde houweden up de vate . . . . Hirvan nemen se mede, wat se voren konden up den perden; unde wad se nicht voren konden, dat worpen se up de eerden, unde reden vortan wente vor Mollen unde nemen by weghelank, wat se konden.“

Weitere Wegelagereien wurden im Jahre 1466 zu Roseburg
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*) Neben dieser Hauptstraße über Mölln kommt, wie Herr Dr. Bruns mittheilt, als Koncurrenzweg zur Lübeck-Oldesloe-Hamburger Straße noch eine solche über Gr.-Berkenthin, Linau, Trittau, Grande und Witzhave und schließlich ein als Handelsstraße allerdings nicht nachweisbarer Verkehrsweg über Grönauerbaum, Gr.-Grönau, Sarau, Pogeetz, Fredeburg, Schmilau, Zarrentin-Wittenburg vor.

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an einem von Frankfurt a. M. nach Lübeck bestimmten Waarenzuge und im Jahre 1457 bei Siebeneichen „auf der heiligen römisch-kaiserlichen freien Straße“ verübt. Daß über Pötrau bereits vor der deutschen Besiedelung Lauenburgs der Verkehr ging, scheint dadurch erwiesen zu sein, daß Heinrich der Löwe hier auf seinem ersten Zuge ins Wendenland Nachtlager hielt. Im Jahre 1613 schließlich wurde einem nach Braunschweig reisenden Lübecker auf der rechten Heeresstraße in Pötrau sein Pferd nach dem Grundruhrrecht genommen, weil es auf der dortigen von Alters in undenklichen Jahren hero bestehenden Steinaubrücke eingebrochen war. Weiterhin lag das Kirchdorf Lütau am Wege. Im Jahre 1474 nämlich sagten ein Bürger aus Wiedenbrück und ein braunschweigischer Fuhrmann eidlich aus, daß eine auf der Fahrt zwischen Lütau und Pötrau (twischen Lutouw und Peterou) durch einen Sturz vom Wagen verunglückte Frau nicht unter die Räder gerathen sei. Die letzte Station vor der Elbe war das Dorf Schnakenbek. Hier fand 1460 eine Zusammenkunft der Bevollmächtigten Lübecks und Lüneburgs statt und wurden im Jahre 1476 Lübecker auf der Heimkehr vom Lüneburger Markte überfallen.

Bei dem am südlichen Elbufer gelegenen Kirchdorfe Artlenburg vermittelte von jeher eine Fähre den Handelsverkehr. Als nach dem Sturze Heinrich des Löwen Herzog Bernhard von Sachsen die dortige Fähre weiter elbaufwärts nach dem von ihm errichteten Schlosse Lauenburg verlegte, erkannte Kaiser Friedrich I. die ihm vorgebrachten Klagen der Lübecker, daß sie bei Lauenburg „wegen des längeren und schwierigeren Weges beim uebersetzen die größte Schwierigkeit hätten“, für berechtigt an und entschied, „sie sollten bei Artlenburg übersetzen wie früher.“ Im 15. Jahrhundert wird die Artlenburger Fähre öfters erwähnt.

Weiter südwärts passirte die Straße beim Dorfe Lüdershausen die Neetze ebenfalls mittelst einer Fähre. Im Jahre 1352 wurde die dortige Burg mit dem Fährpram

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und der Fähre, 1379 mit dem Zolle und der Fähre verpfändet. Im Jahre 1403 verpflichtete sich ein Knappe, dem die dortige Voigtei von den Städten Lübeck, Hamburg, Lüneburg und Hannover als damaligen Pfandinhabern übertragen wurde, vom Kaufmann keinen ungewöhnlichen Fährschatz zu nehmen; 1474 wird abermals der Fährschatz auf der Neetze zu Lüdershausen erwähnt. Etwa 1407 wollten die Herzöge von Lüneburg Lübeckische Gesandte von Mölln über Lüdershausen nach Lüneburg und auf demselben Wege zurückgeleiten. Durch das Kirchdorf Brietlingen, wo etwa im vorletzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts Kaufleute beraubt wurden, zog sich sodann die Straße auf Lüneburg, unmittelbar östlich dieser Stadt die Ilmenau überschreitend. In Lüneburg verzweigte sich die Straße nach Köln, Frankfurt a. M., Nürnberg und Magdeburg.

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