Jahresband 1898

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

„SCHOSZ“.

[W. Dührsen]

Die unter diesem Namen in der Stadt Mölln sehr oft, und wahrscheinlich auch in vielen anderen norddeutschen Städten vorkommende Grundabgabe ist sehr alt. Die causa debendi ist wie bei den älteren städtischen Grundabgaben überhaupt in der Regel nicht zu ermitteln, und bei’m Schoß auch ein Prinzip so recht nicht zu erkennen. Wo sie nicht rein persönlicher Natur ist, wie z. B. für den sog. Wandschnitt, eine Art Recognition für den Handel mit Ellen- und sog. kurzen Waren, der früher dem Schneideramt kompetirt hat, wird sie in der Regel, was die Stadt Mölln anbelangt, für abgetretenes Stadteigenthum und Anlegung von Pforten, wo solche früher nicht bestanden haben, auferlegt worden seien. Von jedem Bürger wird bei der Schoßhebung ein sog. „Bürgerdütten“ gehoben, eine rein persönliche Abgabe.

Den Ursprung des Wortes „Schoß“ (plattdeutsch Schot) anbelangend, so ist es zweifellos abzuleiten von schießen, wie noch jetzt einschießen mit einzahlen gleichbedeutend ist, Schoß ist demnach das wurfweise (schießen=werfen) eingezahte Geld. Herr Staatsarchivar Dr. Wehrmannin Lübeck teilt uns über den Schoß das Folgende mit.

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„Schoß ist in allen, wenigstens in allen norddeutschen Städten eine Abgabe, die jeder Bürger ohne Weiteres von seinem Vermögen zu bezahlen verpflichtet war und die keiner beseonderen Bewilligung bedurfte. Aber sie wurde nur von dem Vermögen bezahlt; wer also kein Vermögen besaß, zahlte nicht. Auch schätzte Jeder sich selbst und eine Controle dadurch, daß der Einzelne unter Umständen eine eidliche Versicherung richtiger Selbstschätzung hinzufügen mußte, ist erst später eingeführt. Auch kam man erst nach und nach dahin, die Fähigkeit und Gelegenheit, durch Handel oder andere Arbeit Geld zu verdienen, in den Begriff des Vermögens aufzunehmen und folglich den Erwerb zu besteuern. – Zeitbestimmungen, selbst allgemeine sind äußerst schwierig, genaue unmöglich. Das Recht, Schoß zu fordern, muß als ein der städtischen Obrigkeit ursprünglich und nothwendig zustehendes angesehen werden. Die Einnahme war unentbehrlich für die Verwaltung der Stadt, die wohl niemals selbst hinlängliches Eigenthum besaß. Daß auch der Rath von Mölln Schoß erhob, wird für den Historiker – was der Jurist dazu sagen mag, wage ich nicht zu entscheiden – hinlänglich aus der im Lübeckischen Urkundenbuch Band 3, Nummer 324 abgedruckten Urkunde hervorgehen. Der Rath von Lübeck verpflichtet sich darin, aus der Stadt und ihrem Gebiet jährlich nicht mehr als 940 Mark zu erheben. Darunter sind quadraginta marcarum redditus, quas consules in Molne exponent annuatim. Eine andere Einnahme als aus dem Schoß der Bürger hatte der Rath von Mölln nicht, die übrigen Einkünfte gehörten der Herrschaft und waren mit der Verpfändung auf den Rath von Lübeck übergegangen. Die 40 Mark werden immer besonders in dessen Rechnungen aufgeführt. Uebrigens verursachte der Besitz Möllns 1) im Allgemeinen großere Kosten, als die Einnahmen deckten.
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1) Mölln befand sich bekanntlich von 1359-1683 im Pfandbesitz der freien Reichs- und Hansestadt Lübeck. Es war von den Herzögen Albrecht und Erich mit der Vogtei und Herrschaft für 9737 ˝ Mark auf Wiederkauf an Lübeck verkauft werden.

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Den Betrag des Schoßes zu bestimmen, stand im Prinzip bei dem Rathe, aber dieser mußte sich hüten, das Herkommen zu verletzen, das immer als Gesetz angesehen wurde. So kann man sagen, der Betrag des Schoßes war in Lübeck zwei pro mille. In einzelnen dringenden Fällen durfte der Rath es wagen, ihn bis auf fünf pro mille zu steigern, ohne Unzufriedenheit zu erreigen. In Verbindung mit dem Schoß stand der sog. Vorschoß, 1) d. h. eine von allen Zahlern gleichmäßig zu entrichtende kleine Summe. Sie diente, den Ertrag zu erhöhen. In der Regel waren es 4 Schilling, bisweilen steigerte der Rath sie auf 8 Schilling, selbst auf eine Mark.“

Noch einer anderen Grundabgabe ist hier, was die Stadt Mölln betrifft, zu gedenken. Aus nicht ermittelten Gründen haftete auf den vor der in den 50er Jahren erfolgten Verkoppelung der Feldmark Mölln vorhandenen vielen kleinen Parzellen Ackerland, aber nicht durchstehend auf jeder Parzelle, sog. Zehnt- oder Pfandgeld von sehr verschiedener Größe. Diese Verschiedenheit in der Quantität kann weder in Relation zum Areal, noch zur Bodenqualität gedacht, muß vielmehr als irgend eine historisch begründete Willkürlichkeit aufgefaßt werden. Die Abgabe wird unter diesem Namen nicht mehr, sondern wo sie noch besteht als Schoß erhoben. Noch jetzt wird Schoß unter dem Namen Canon auferlegt, wenn städtisches Eigenthum an Private abgetrten wird. In diesem Fall ist diese Abgabe ablösbar, mit dem 20-25fachen Betrag.

W. D.

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1) Wahrscheinlich den oben erwähnten „Bürgerdütten“ in Mölln entsprechend.
 

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