Jahresband 1898

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

Ist Ratzeburg stets eine offene Stadt gewesen?

[Dr. Hg.]
 

Auf dem ältesten Bilde von Ratzeburg aus dem Jahre 1588 sieht man wohl ein festes, mit Wällen umgebenes Schloß, aber die Stadt selbst ist, abgesehen von dem Brückenthor, völlig offen, nur durch den See geschützt. Die Frage, ob das von vornherein so gewesen ist, darf immerhin aufgeworfen werden, weil Ratzeburg ja dann unter den mittelalterlichen Städten ein Unikum gewesen wäre.

Es steht allerdings fest, daß von Stadtmauern Ratzeburgs an keiner Stelle unsrer Quellen die Rede ist, auch nicht gelegentlich der Belagerung des Schlosses 1291 und der Blockierung der Stadt 1409. Selbst als 1690 eine moderne Festung aus Ratzeburg entstehen sollte, handelte es sich nicht um Errichtung von Mauern, sondern blos um Deckung des östlichen und westlichen Zugangs durch Schanzen und Wälle. Da eine solche Deckung durch das Schloß einerseits und durch das Brückenthor andrerseits von vornherein seit Bestehen Ratzeburgs als vorhanden gewesen anzunehmen ist, so erscheinen Ringmauern sogar als von jeher überflüssig.

Aber gleichwohl giebt es Thatsachen und Umstände, welche das ursprüngliche Vorhandensein von Ringmauern wahrscheinlich machen: Wenn z. B. nach dem Domhofe zu Jahrhunderte lang eine scharfe Grenzlinie besteht, während der Raum zwischen Stadt und Dom, der sogenannte Palmberg, bis zum Jahre 1439 zwar nicht städtisches, aber doch herzogliches Eigentum war, wenn andrerseits zwischen Schloß, und Stadt ein Raum lag, „die Freiheit“ genannt, wo unter andern auch Leute wohnten, die ein bürgerliches Gewerbe trieben, ohne doch der Jurisdiktion der Stadt zu unterliegen,

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wenn also auch da eine haarscharfe Grenze die Häuser und Höfe der Bürger vom herzoglichen Grund und Boden schied, so läßt sich das doch kaum anders erklären, als dadurch, daß die Stadt ursprünglich mit Mauern umzogen war, die nach Norden und Westen zugleich die Grenze des Stadtgebietes bildeten und ihre Ausdehnung nach diesen beiden Seiten hin gehindert hatten.

Nun existiert ja ein Siegelbild der Stadt aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts. Die Urkunde, an der das Siegel hängt, stammt aus dem Jahre 1350 und wird noch in Lübeck aufbewahrt. Möglicherweise hat es noch ein älteres Siegel gegeben, aber man kann aus dem Umstande, daß alle späteren Siegel Nachahmungen dieses ersten bekannten sind, schließen, daß auch das älteste und allererste nicht wesentlich von diesem abgewichen sein wird. Das Siegelbild zeigt eine Ziegelsteinmauer mit offener Pforte, 6-eckigem hohen Thorturm. An die Mauer von außen angelehnt sind links und rechts je drei dicke Pfostenköpfe. Hinter der ersten Mauer sieht man eine zweite deutlich als Ringmauer durch Abschrägung nach innen gekennzeichnet, und hinter dieser wiederum, aber so, daß man sie ziemlich weit zurückliegend denken soll, stehen zwei viereckige Mauertürme.

Das ist nun nicht blos ein Wappen, daß ist geradezu ein Bild, in dem die charakteristischen Momente gerade der Stadt Ratzeburg zusammengefaßt sind.

Vergleicht man hiermit das älteste Siegelbild der Stadt Lauenburg, das gleichzeitig und gleichartig ist und eine Mauer mit Mauerturm und GESCHLOSSENEM Thor aufweist – zwischen beiden Türmen das herzogliche Wappen -, so kommt man leicht auf den Gedanken, daß die Offenheit bezw. Geschlossenheit der Thore etwas bedeuten soll, und das ist ja selbstverständlich auch der Fall, nur kann es nicht die OFFENE Stadt im Gegensatz zur UMMAUERTEN darstellen sollen, denn dann würde es im Widerspruch zu sich selber stehen, da die Offenheit durch das Mauerbild eben wieder verneint würde. Vielmehr wird es der Gegensatz von

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Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit sein, der hier gemeint ist und der ja auf beide Anlagen sehr gut zutreffen würde. Wie gesagt, ist aber das Bild auf dem Siegel viel zu sehr charakterisiert und spezialisiert, um eine bloße Allegorie zu sein.

Die Pfosten vor der Mauer – andre wollen darin vielmehr die Darstellung von Erdhaufen sehen, welche die Ratzeburg jenseit des Sees umgebenden Hügel andeuten sollen – die Pfosten an der Mauer also sind die Köpfe der in den See eingerammten Pfähle, welche noch jetzt Ratzeburg rings wie „eine Perlenschnur“ umgeben, 1) die offene Pforte, bei welcher die Thorflügel nach außen schlagen, 2) ist offenbar das Brückenthor, der offene, einzige Zugang zu Ratzeburg, denn der Lüneburger Damm war durch das Schloß versperrt.

Es giebt nur eine Stelle in unsern Quellen, wo eine Stadtwarte erwähnt wird. Was kann darunter anders verstanden sein als ein Mauerturm? In der Urkunde von 1439 wegen Verkaufs des Palmbergs an das Stift Ratzeburg heißt es in der Beschreibung der Grenze gegen die Stadt: . . . . und Johan Steyns thun geit up an dat Osten na den Kerkwege (sogenannte Pfaffenstraße, jetzt Domstraße), de kumbt von der brüggenstrate dahrsylvest by den Kerkwege steit ein schedelstein, und wiset dwer aver den weg NA DER STADTWARTE . . . .

Diese Stadtwarte, die 1439 noch existiert, 1588 aber nicht mehr vorhanden ist, dürfte der letzte Rest der ehemaligen Befestigung Ratzeburgs nach der Domseite hin gewesen sein.
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1) Das Bild von 1588 zeigt rings um die Stadtinsel die bekannten Pfähle; zum Ueberfluß sind sie auch in der Ratzeburger Polizeiordnung von 1582 erwähnt. Seitdem stehen sie ohne Erneuerung 300 Jahre und es ist durchaus nicht zu bezweifeln, daß sie schon vorher eben so lange gestanden haben können, da das Wasser sie imprägniert. Wird heutzutage einmal ein solcher Pfahl entfernt, so zeigt er sich vollkommen wohl erhalten und sein Holz ist zu jeder Verwendung tauglich.

2) Das Ratzeburger Stadtsiegel von 1504 zeigt bereits einen Lanzknecht in der offenen Pforte stehend; spätere Wappenzeichnungen bringen noch ein Fallgatter an.

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Andererseits konnte die Mauer hier noch nicht allzu lange gänzlich beseitigt sein, da erst Herzog Bernhard (1436-63) einigen Ratzeburger Bürgern die Erlaubnis zur Ansiedlung auf dem Domhofe gegeben hatte.

Ob ein kriegerisches Ereignis, von dem uns zufällig nichts berichtet ist, Veranlassung wurde die Mauern Ratzeburgs zu schleifen, ob bei ihrem allmähligen natürlichen Verfall die Saumseligkeit der Bürger, ihre Unvermögenheit oder gar der Befehl des Herzogs, der in der ummauerten Stadt eine Gefahr für seine Herrschaft sah, ihren Wiederaufbau verhinderte, vermag niemand zu sagen. Es ist aber falsch einfach zu sagen: Weil wir nichts Bestimmtes von einer Ummauerung Ratzeburgs wissen, darum hat es auch keine gegeben.

Dr. Hg.


 

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