Jahresband 1898

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 



URSULA VON SACHSEN-LAUENBURG.

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St., M. A.]

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In der frühgothischen Kirche der freundlichen kleinen Stadt Dannenberg a. d. Jeetzel befindet sich in einer Mauernische ein einsamer, großer Zinnsarg. Wer denselben einer genaueren Betrachtung unterzieht, findet darauf neben den sachsen-lauenburgischen und braunschweigischen Wappen folgende Inschrift:

v. G. G. Ursula geborene zu Sachsen, Engern u. Westphalen, Herzoginne zu Braunschweig und Lüneburg Wittebe, geboren zu Sachsen-Lauenburg im Jahre Christi 1553, vermehlet an Herzogen Heinrich den Jüngern zu Braunschweig und Luneburg und eine Mutter von vier Herren und drei Fräulein, ein Anfang der F. Braunschweig-Lüneburg’schen Linie Dannenbergischen Theils. Selig entschlaffen zu Scharrenbecke den 12. Oct. 1620.

Diese Prinzessin war eine Tochter Franz I. von Sachsen-Lauenburg. Gelegentlich einer Taufkollation auf dem Schloß zu Lauenburg anno 1569 lernte Herzog Heinrich d. J. von Braunschweig-Lüneburg, Sohn von Ernst dem Bekenner, diese Prinzessin kennen. Er hatte zwar, wie der sel. Gerichtsverwalter Sültemeyer 1) zu Dannenberg berichtt, nicht die Absicht eine Ehe einzugehen, „weil er ein Herr stiller Gemuthsart war“, aber die Prinzessin Ursula that es
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1) Sültemeyer, Gerichtsverwalter in Dannenberg, hat sich um vaterländische Geschichte verdient gemacht. Er ist u. a. der Verfasser mehrerer Artikel im vaterländischen Archiv für das Königreich Hannover, Band 2 und 3.

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ihm so an, daß er seinem Vorsatz untreu wurde, um die damals Sechzehnjährige warb, und sie noch im selben Jahre heimführte. Der Herzog hatte bis dahin seit zehn Jahren mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm zusammen die Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg in Celle regiert. Nun legte er die Zügel der Regierung ganz in die Hände seines Bruders und behielt sich laut eines Vertrages nur das Amt und die Stadt Dannenberg, wie das Kloster Scharnebeck vor.

Auf dem hübsch gelegenen und wohlbefestigten Schloß zu Dannenberg residirte das herzogliche Paar in Eintracht und Glück. Ihre Kinder waren:

1571 Julius Ernst, 1630.
1572 Franz, später Kanonikus in Köln. Er ertrank 1601 am Weihnachtsabend im Rhein, als er von Rastatt nach Straßburg ritt.
1573 Anne Sophia, jung verstorben.
1574 Heinrich, desgl.
1576 Sybille Elisabeth, heirathete 1600 den Grafen von Oldenburg.
1577 Sidonia, Stiftsdame in Lüchow, beerdigt in Dannenberg.
1579 August, der Stammvater des 1884 in successionsfähiger Weise erloschenen Geschlechtes der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg-Wolffenbüttel.

Näheres über das Leben und die Schicksale dieser fürstlichen Familie zu erforschen, ist mir leider nicht gelungen. v. Kobbe in seiner lauenburgischen Geschichte nennt die Herzogin eine ausgezeichnete Frau, welche wichtigen Einfluß auf die Geschichte Lauenburgs übte. In unserem Archiv für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg, Band 4 Heft 3, finden wir jene interessante Denkschrift vom Kanzler Dr. Hieronymus Schulze an den Herzog Franz II., anno 1583, welche mit Vorwissen der Herzogin Ursula geschrieben und laut Kobbe II, S. 328 mit ihrer Unterschrift versehen, an den Bruder gelangte, und u. a. zur Folge hatte, daß die Rechtspflege im Herzogthum verbessert,

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1585 eine Kirchenordnung erlassen und eine Hofgerichtsordnung verhießen wurde.

Die zahlreichen Streitigkeiten zwischen ihren Brüdern den Herzögen Franz II., Moritz und Friedrich, suchte sie des öfteren zu schlichten. (Herzog Moritz bereitete seiner Familie vielen Kummer. Erst vermählte er sich (siehe v. Kobbe Band II) mit einer Katharina von Spörken, dann verstieß er sie nach kurzer Zeit, weil er angeblich durch „Hexen- und Zauberkünste“ in die Schlingen einer in sehr üblem Rufe stehenden Gysele Tschammer geb. Sachsen fiel. Die Herzogin Ursula riet zu verschiedenen Malen „die Tschammer in den Sack zu stecken“, da auch sie von deren Hexenkünsten überzeugt war. – Es gelang jedoch nicht, ihn von dieser Frau, die so viel Unfrieden in die Familie brachte, zu befreien. Er starb 1612 nach längerem Siechthum im Hause der Frau Tschammer in Buxtehude.)

Demnach muß Ursula also auch nach ihrer Verheiratung in treuem Zusammenhalt mit ihrem nicht sehr glücklichen Elternhaus verblieben sein. Ihr Vater, wie schon erwähnt, Franz I., ist jener Fürst der, nach Kobbe, in bewegter Zeit ein bewegtes Leben führte, seinem Zeitalter in keiner Weise voraus, indessen nicht ohne Gutmütigkeit war. Er starb zu Buxtehude anno 1581, wohin er gereist war um seinen Sohn Heinrich, den Erzbischof von Bremen, in einer wichtigen Unterredung zu treffen. Mehrere Jahre hatte er mit seiner Gemahlin Sybilla (Tochter des Herzogs Heinrich des Frommen und Schwester des berühmten Kurfürsten Moritz) in halber Trennung und Unfrieden gelebt. Es fand jedoch kurz vor seinem Tode eine Aussöhnung mit ihr, wie mit seinen Söhnen Franz, Moritz und Friedrich statt. Beide Eheleute liegen zu Ratzeburg im Dom beerdigt.

In seinem 65. Jahre starb anno 1598 der Ehegatte der Ursula, Herzog Heinrich, und ließ seine Gemahlin mit 5 Kindern zurück.

Die Herzogin-Witwe, welcher der Tod schon so manches liebe Familienmitglied genommen, zog sich nach Scharnebeck

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zurück, wo sie bis 1620 lebte. Sie wurde zu Dannenberg im Chor der dortigen Kirche beigesetzt, neben ihrem Gemahl und ihren Kindern. Auch der älteste Sohn, Herzog Julius Ernst fand dort 1636 seine letzte Ruhestätte.

Aber mit den irdischen Körpern dieser fürstlichen Familie ist bös umgegangen worden.

Als im Jahre 1812 der Chor der Johanneskirche einzufallen drohte, wurde er eingerissen, und mit ihm auch das an den Chor stoßende herzogliche Gewölbe. (Es war 1655 das steinerne Gewölbe durch ein hölzernes ersetzt.) Es enthielt 9 Metall-Särge, große und kleine.

Auf Anordnung der „königl.-westphälischen Präfektur des Allerdepartements!“ ward mit Zustimmung des Ministers des Innern, Grafen von Wolfradt, der aller Pietät Hohn sprechende Beschluß gefaßt und ausgeführt, die Metallsärge zu verkaufen. – Sie wurden im Beisein es Cantons- und Stadtmaires Koch, Baukonduktuers Ulrich und des derzeitigen Cantonsnotarier’s Sültemeyer, welcher das uns aufbewahrte Protokoll führte, geöffnet. – In dem Sarg der Ursula fand man Ueberreste eines Holzsarges, auf mit Beifus gestopften Kissen einen Schädel, Knochen, Ueberbleibsel einer dunkelbraunen Seidendamastrobe (Contusche), Vorderteil eines grünseidenen geschnürten „Kaselettes“, zugebundene Zeugschuhe, ein Halsband von Perlen, ein kleines in Gold gefaßtes Medaillon, einen schlichten goldnen Ring, einen ebensolchen mit Diamantrosette. – Diese und einige in andern Särgen gefundene Schmucksachen wanderten nach Hannover in’s Welfen-Museum, die Knochen etc., auch einen rostzerfressenen Degen Julius Ernst’s packte man unerhörter Weise in den allerdings ziemlich geräumigen Sarg der Stammmutter Ursula (des Stammvaters Sarg war sehr defekt), verlöthete ihn spärlich und verkaufte das auf diese schmähliche Weise gewonnene Metal. - - Es ergab an Eisen ein Gewicht von 601 Pfund, an Zinn 3041 Pfund; der Erlös kam der Kirche und Kirchengemeinde zu gute. –

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Das Schloß war uralt, und ehemals von den Grafen v. Dannenberg bewohnt. Der erste Graf von D. wird 1150 erwähnt. 1709 wurde es dem Amtmann als Wohnung überwiesen und in den folgenden Jahren durch die jetzige kahle und geschmacklose Amtswohnung (Fachwerk) ersetzt. – Von den Zeiten der Ursula könnte nur noch der alte Waldemarthurm, 1) welcher auf dem Schloßberg hoch und trotzig emporragt und weit in's blühende Land schaut, als einziger Ueberrest von dem „festen“ Schloß erzählen. Aber der ist stumm und verschwiegen, - ebenso verschwiegen wie der große Zinnsarg in der stillen, dämmerigen Kirche.

M. A. St.

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1) Hier saß Waldemar II. von Dänemark gefangen von 1223-1225.

ANMERKUNG. v. Kobbe zitiert in seinem Werke als Geschichtsquelle, Band II pag. 308: „Gödikens gedr. Ehrengedächtnis der Ursula, geb. zu Sachsen, Engern und Westphalen, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg, 1620“. Es ist mir leider trotz mannigfacher Bemühungen bisher nicht gelungen, dieser Leichenpredigt habhaft zu werden.

 


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