Jahresband 1898

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


KUDDEWÖRDE.

Von Max SCHMIDT in Ratzeburg.

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Das an der Bille und damit an der holsteinischen Grenze gelegene lauenburgische Kirchdorf Kuddewörde 1) hat für den Geschichtsforscher eine gewisse Anziehungskraft, denn seine Steine reden die Sprache der Vergangenheit.

Daher ist auf Anregung unseres Geschichtsvereins, dessen Aufgabe es ist, die alte Landesgeschichte zu erforschen, richtig zu stellen und die Erhaltung der leider nur geringen Denkmäler unseres Kreises anzustreben, Kuddewörde zwecks Untersuchung der noch vorhandenen Ueberreste aufgesucht worden, und das nachfolgende Bild entstanden.

Es war am 22. September 1497, als der Herzog Johann IV. von Sachsen-Lauenburg in Kuddewörde ein Kloster für Augustinermönche, verbunden mit Heiligengeisthospital gründete. Wahrscheinlich wollte der an der Schwelle des Greisenalters stehende Fürst, der infolge seiner vielfachen Mißhelligkeiten mit der Geistlichkeit zweimal dem Kirchenbanne verfallen gewesen war, hierdurch ein Werk der Sühne errichten, um so mehr, da er zur Versorgung seiner Söhne, mehrere derselben der Kirche übergeben hatte. 2)
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1) Kuddewörde kommt in alten Urkunden als Kordeworde vor und ist somit als Kord’s- oder Konradshof zu erklären; denn worde bedeutet weder Warte noch Werder, sondern Hofstelle-worthe oder wurthe. Im Zehntregister heißt es Kuthenworden, wonach es in Hellwig, Heimatkunde 16, als Kathenstelle gedeutet wird.
2) Kobbe, Geschichte des Herzogth. Lauenburg II S. 210: der die Einrichtung des Klosters beschreibt.

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Der Herzog Magnus, der älteste Sohn und Nachfolger Johann’s scheint aber für den Fortbestand des Klosters kein Interesse gehabt zu haben, und da es, wie überliefert wird, 1) nicht mit liegenden Gründen ausgestattet worden war und auch keine Subsistenzmittel erhielt, so mußte es bereits beim Entstehen der Reformation und zwar im Jahre 1521 wieder eingehen, nachdem schon zwei Jahre zuvor der Prior nebst den dortigen Brüdern in den Bann geraten war. 2)

Ein vom Herzog Franz II. im Jahre 1613 angelegtes um 1780 abgebrochenes Armenhaus 3) befand sich beim Zollhause zu Grande und wie man annimmt auf der Stelle der Stiftung Johann’s IV. Ein jetzt noch bestehender Hospitalfonds, welcher von dem Prediger zu Kuddewörde und einem Hospitaljuraten verwaltet wird, geht auf die Anlage Franz II. zurück.

Die Überlieferung, das alte Kloster sei an der Kirche angebaut gewesen, hält Kobbe für unbegründet, während ich dieselbe nicht unbedingt verwerfen möchte.

Von der alten Burg in Kuddewörde ist an Gemäuer nichts mehr vorhanden; sie soll, wie Kobbe annimmt, unmittelbar am Ufer der Bille, nördlich von der Kirche auf sumpfigem Terrain, Hopfenhof genannt, gelegen haben. Dem Umfange nach zu urteilen, den man noch aus den Spuren der verschütteten Gräben erkennen will, müßte sie eine der bedeutenderen Burgen Lauenburgs gewesen sein, eins jener Nester, die in der älteren Geschichte des Landes von schlimmer Bedeutung waren, da sie durch die Raub- und Plünderungssucht ihrer Besitzer sehr oft Einfälle der beiden benachbarten Hansestädte hervorriefen und dadurch großes Elend über das Herzogthum brachten.

Die Burg von Kuddewörde wurde im Sommer 1420 bald nach der Einnahme Bergedorfs von den Truppen der
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1) Kobbe a. a. O. III S. 284.
2) Kobbe a. a. O. II S. 240.
3) Haupt, Kunstdenkmäler in Lauenburg S. 85.


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vereinigten Städte Hamburg und Lübeck erstürmt und dem Erdboden gleichgemacht.

Es weist nichts darauf hin, daß die Burg später wieder aufgebaut wurde, 1) vielmehr richteten die Herzöge dort ein Lehngut ein, welches Johann IV. einem Kord oder Konrad von der Lieth, allerdings nur auf Lebenszeit verlieh, das aber die Nachkommen bis zum Tode des letzten v. d. Lieth von der lauenburgischen Linie dieses Geschlechts zu behaupten wußten.

Herzog Franz II. schreibt 1587, er habe Kuddewörde zu einem Tafelgut gemacht, und der Kaiser habe dies bestätigt. 2)

Die Gebäude des alten Gutes wurden damals abgebrochen und die Materialien zur Erbauung des herzoglichen Vorwerks Rothenbeck benutzt. Dies Vorwerk wurde 1745 zu Gunsten der Dorfschaft Rothenbeck niedergelegt.

Der sogenannte Burgplatz wird jetzt größtenteils als Gartenland benutzt, welches abweichend von dem sonstigen Boden der Dorfschaft ausgezeichnet fruchtbar ist und bis auf ein geringes Stück zum Grundbesitz der Pfarre gehört.

Als vor etwa 30 Jahren ein bis dahin noch wüste gelegenes Stück des alten Burgplatzes cultiviert und zu dem Ende der Austrocknung des Terrains ein Graben gezogen werden sollte, stießen die Arbeiter in geringer Tiefe auf gewaltige Fundamente von Quadersteinen, weswegen die Arbeit aufgegeben werden mußte. 3)

Ich bemerke übrigens, daß ich mich in betreff der Lage der Burg nach Kobbe’s und Linsen’s Angabe gerichtet habe, daher will ich nicht unterlassen mein Bedenken hierüber zu äußern.

Der sogenannte Burgplatz, der durchschnittlich 56˝ m lang, 28 m breit und 1611 qm groß ist, liegt nur 95˝ m
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1) Linsen, Handbuch S. 316 berichtet von der Wiedererbauung.
2) Kobbe a. a. O. II S. 210 und III S. 284.
3) Vergl. Linsen, Handbuch S. 317.

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entfernt von der Kirche. Nach meiner Ueberzeugung ist es nicht gut denkbar, daß eine Raubburg und eine Kirche neben einander gelegen haben – die Kirche bestand doch schon vor der Zerstörung der Raubburg 1420. Die erwähnten Fundamente können vielmehr vom Kloster herrühren, von dem amn eher annehmen kann, daß es in der Nähe der Kirche gelegen habe. Eine gründliche Bodenuntersuchung des dazwischen liegenden Terrains würde wahrscheinlich Aufklärung bringen. 1)

Die wohl schon um 1230 vorhandene Kirche ist dem Apostel Andreas geweiht. Sie war früher bedeutend größer und auch höher, die Verkürzung wird wahrscheinlich infolge eines Brandes oder einer Zerstörung, aber schon vor 1640 stattgefunden haben. Beschreibungen derselben finden sich in Linsen’s Handbuch S. 620 und in Haupt, Kunstdenkmäler Lauenburgs S. 82; einies erwähnt auch Hach in seiner kirchlichen Kunstarchäologie des Kreises Herzogthum Lauenburg. 2)

Kehren wir zu dem Geschlecht von der Lieth zurück, so finden wir, daß ein Zweig desselben auf merkwürdige Weise nach Lauenburg und in den Besitz von Kuddewörde kam.

Mushard 3) und, wahrscheinlich Kobbe nach ihm, geben darüber Brichte. 4) Die von Elme, ein altes bremisches Geschlecht, Dienstleute des Stiftes Bremen, stammten von den Herren von Bederkesa und besaßen die Burg Elme bei Bederkesa nahe der Geeste. Diese Burg war stark befestigt, von zwei tiefen Gräben umgeben und durch ihre Lage im Moor schwer zugänglich. Dies Geschlecht starb mit Johann von Elme, der mit einer v. d. Lieth verheiratet war, 1485 aus. 5)

Nun besaß damals Kord oder Konrad von der Lieth, der, wie Kobbe angiebt, eine Erbtochter Sophie von Elme
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1) Hellwig a. a. O bemerkt: Das Schloß Kuddewörde stand, wo ehemals das Vorwerk Rothenbek war.
2) In Zeitschr. d. Gesellsch. f. Schleswig-Holstein-Lauenb. Geschichte Bd. XVI.
3) monumenta nobilitatis etc. in ducatibus Bremensi et Verdensi S. 223.
4) a. a. O. III S. 283.
5) Nach Mushard a. a. O.

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zur Frau hatte, die eine Hälfte des Schlosses von Elme, welches der Rath von Bremen, der die Lehnsherrlichkeit über Elme in Anspruch nahm, als erledigtes Lehen einziehen wollte. während Kord v. d. Lieth den Herzog Johann IV. als seinen Lehnshern anerkannte und ihm Elme einräumte, weil die Herzöge von Niedersachsen die Lehnsherrlichkeit über Elme bis 1321 behauptet (nachher aber wohl vernächlässigt ?) hatten. Es kam darüber, wie Mushard berichtet, zwischen der Stadt Bremen und dem Herzog zu einer sehr heftigen 7 Jahre dauernden Fehde, in derem Verlaufe die Burg Elme von den Bremern mit Hülfe der Wursaten belagert wurde. Die Beschießung erfolgte besonders nachdrücklich durch die beiden großen Steinbüchsen oder Mauerbrecher namens Schnellecke und Basiliske, so daß die Besatzung am dreizehnten Tage sich ergeben mußte. Elme mit seinen Ländereien wurde nun von Bremen in Besitz genommen und zu Bederkesa gelegt. Als Entschädigung aber für den Verlust wurden dem Kord v. d. Lieth vom Herzog Johann der Hof Kuddewörde und Tremsbüttel, allerdings nur auf Lebenszeit eingeräumt.

Mushard berichtet übrigens noch, daß wegen der Wegnahme der Burg Elme solche Weitläufigkeiten entstanden, daß sich Bremen später veranlaßt sah, die Güter den Herren v. d. Lieht wieder abzutreten; jedoch dürfte zu diesen Besitzern nicht der nach Lauenburg übersiedelte Zweig dieses Geschlechts zu verstehen sein.

Als im Jahre 1499 die Herzöge Johann und Magnus die Wursaten wieder unterwerfen wollten, kamen diesen die Städte Bremen und Hamburg zu Hülfe und die Herzöge mußten mit ihren Truppen, der sogenannten großen Garde, unverrichteter Sache wieder abziehen. 1)

Sein Sohn Tönjes oder Antonius kam jetzt in eine schwierige Lage; er sollte nämlich Kuddewörde dem Herzog
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1) Wahrscheinlich zur Besoldung der großen Garde ließ damals Herzog Johann in Otterndorf Münzen schlagen, die ersten, die man von den Herzögen von Sachsen-Lauenburg kennt.

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Magnus wieder zurückgeben und das nahm er sich so zu Herzen, daß er in unheilbare Schwermut verfiel. Der Sohn dieses Tönjes, Jürgen oder Georg verstand es aber, sich im Besitze von Kuddewörde zu behaupten, trotzdem er im Jahre 1550 durch ein Lehnsgericht, bestehend aus Gebhard v. Wittorf, Christof v. Wrisberg, Andreas v. Barby, Vicke v. Bülow, Hans Wackerbart, Heinrich v. Dalldorf und Christof und Joachim Schack des Lehnbesitzes verlustig erklärt wurde. Wie Kobbe erzählt, ward diese Angelegenheit lange nach seinem Tode – erst 1617 mit seinen Erben geregelt, während er nach Mushard durch ein Urtheil des kaiserlichen Kammergerichts nicht im Besitze von Kuddewörde gestört werden konnte.

Jürgen v. d. Lieth starb den 21. April 1585, und Kobbe setzt hinzu: wie eine Sage, die ihn auch zum Falschmünzer macht, will, durch Selbstmord.

Daß hier etwas Wahres zu Grunde liegt, ergiebt sich aus den folgenden Aufzeichnungen, die gelegentlich der Nachforschungen über das lauenburgische Münzwesen im Königlichen Staatsarchiv in Schleswig von mir gemacht wurden.

Im Jahre 1584 kam dem Herzog Franz II. zu Ohren, daß in seinem Fürstentum falsche Münzen von drei Gesellen angefertigt worden seien, und da nun einer dieser Falschmünzer, namens Daniel Koch auf lübischem Gebiete ergriffen und dort, wahrscheinlich in Mölln in Gewahrsam gehalten wurde, so zog der Herzog deswegen bei dem Rat in Lübeck Erkundigungen ein. Man berichtete ihm darauf, daß Koch im Verhör gestanden habe, mit Anderen falsche Münzen, nämlich Pistoletten und Thaler, bei Jürgen v. d. Lieth in Kuddewörde und, als das von ihnen benutzte Haus abgebrannt sei, weiter in Billwärder in einem Hause beim Teiche, dicht bei Hermann Möller’s Haus angefertigt zu haben. Die fertigen Stücke wären theils nach Hannover zum Juden Fürbiß, theils nach Nordheim zum Juden Abraham gebracht und von dort durch andere Juden weiter verhandelt worden.

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Nachgemacht hätten sie die Münzstempel von Braunschweig-Grubenhagen und der Städte Deventer, Campen, Zwolle und Lübeck.

Als Mitschuldige giebt Koch folgende an:

1) Hans Könemann, früher Münzmeister zu Stadtberge, darauf in Speyer gefänglich eingezogen, dann in Hamburg sich aufhaltend in der Herberge zum Engel, das dritte Haus vom Schaarthor, und zuletzt dort im Hause von Christof Schlegel wohnhaft. Dieser Könemann habe eine ganze Lade voller Stempel gehabt.
2) Barthold Süseniß,
3) Klaus Vohrmann,
4) Klein Hermann, Krämergeselle bei Franz Wallich,
5) Johann Lampe,
6) Johann von Kroge,
7) Dirick Eickhoff aus Bremen,
8) Heinrich Schütte und
9) Merz Meyer’s Junge.

Diese hätten erst in Hamburg, dann in Kuddewörde, wo außerdem noch Merten Lauenburg dabei gewesen sei, und zuletzt in Billwärder beim Käthner Vicke gemünzt. In Kuddewörde habe Jürgen v. d. Lieth täglich zugesehen. In Billwärder hätten sich mit der Herstellung der Falsifikate Klaus Vohrmann, Barthold Süseniß, der Jude Jobst und Daniel Koch beschäftigt. Auch sei einer namens Engelbrecht nach dem Harz gereist, um dort eine Besprechung mit einem Junker Wolff, dessen Zunamen er nicht angeben könne, zu halten. Ferner seien noch dabei gewesen ein Alchymist, sowie ein Jude namens Jacob. Einen Münzergesellen, Hans Eickhoff, hätten sie aus Hamburg verschrieben, derselbe sei auch gekommen aber gleich wieder abgereist, nachdem er ihre Absichten erkannt habe.

Aus den weiteren Akten geht hervor, daß Daniel Koch von den Lübeckern an den Grafen Adolf von Holstein-Schauenburg ausgeliefert und von dem Grafen in Pinneberg

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gefangen gehalten wurde, und daß Herzog Franz II. den Grafen wiederholt um Auslieferung des Verbrechers ersucht hat; aber es ist nicht ersichtlich, ob der Fälscher in Pinneberg oder Lauenburg seine Bestrafung erhalten hat.

Von Klaus Vohrmann wird gemeldet, daß er in Hamburg gefangen gehalten wurde und dort unter der Tortur Bekenntnisse abgelegt habe, die durch seine Frau bestätigt wurden.

Franz II. hat diese Angelegenheit mit dem ihm eigenen Eifer weiter verfolgt, ohne daß es ihm indessen gelungen zu sein scheint, einen der Fälscher oder Helfer in seine Gewalt zu bekommen.

Groß ist natürlich sein Verdacht auf Jürgen v. d. Lieth, und er läßt ihn und seine Frau durch ein Schreiben vom 18. September 1584 zum 30. September nach Schwarzenbek citieren. Wer aber nicht kam war der Ritter, der sich anfangs zu entschuldigen sucht und nichts von der auf einer Schäferei im Betriebe gewesenen Falschmünzerei wissen will, dann aber, als die Vorladungen des Herzogs drohender werden, es vorzieht, aus Kuddewörde zu verschwinden und sich irgendwo verborgen zu halten, wodurch er sich natürlich nur noch verdächtiger macht.

Hiermit schließen die Akten, die überhaupt lückenhaft zu sein scheinen. Wir aber können wohl annehmen, daß Jürgen v. d. Lieth, der den Falschmünzern Unterschlupf gewährte und dabei seine Rechnung gefunden hat, einer schweren Bestrafung für die geleistete Beihülfe entgegensehen mußte, und, als er keinen Weg des Entrinnens mehr offen sah, freiwillig seinem Leben ein Ende gesetzt hat.

Seine im Jahre 1599 gestorbene Ehefrau ließ ihm und ihrem Sohne in der Kirche zu Kuddewörde an der nördlichen Seite des Altars unmittelbar an der Wand einen Stein setzen, der, von dem neuen Gestühl ganz bedeckt, die fast lebensgroßen Gestalten des Ritters und seiner Frau zeigt. Die Inschrift lautet: UNSERE BENE WERDEN

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GRÖNEN WIE DAT GRASS, DE LIFF WERDT MIT TRENEN GESEET SO SCHÜLLEN SE MIT FRÖDEN WASSEN. 1)

Linsen’s Handbuch 2) berichtet folgendes: An der Nordseite des Altars liegt ein alter Grabstein, unter dem die Gebeine des Ritters v. d. Lieth und seines Sohnes ruhen. Er ist in voller Waffenrüstung, unbedeckten Hauptes mit dem Helm zu seinen Füßen dargestellt. Ihm zur Seite befindet sich das Bild seiner Ehefrau Margaretha von Wenkstern, die jedoch hier nicht begraben liegt, sondern ihrem im Tode vorangegangenen Gatten und Sohne diesen Denkstein setzen ließ. Die jetzt fast ganz verlöschte Inschrift hat v. Kobbe in seiner Geschichte Lauenburgs vor gänzlicher Vergessenheit bewahrt.

Kobbe hat leider die Inschrift nur teilweise wiedergegeben, was ebenso zu bedauern ist, wie daß man bei der Renovation der Kirche und des Gestühles, letzteres über den Stein gelegt und ihn damit fast ganz verdeckt hat. Man hätte ihn herausnehmen und an die Wand aufstellen sollen wie das ja vielfach geschieht. Denn der Stein ist in seinem Bildschmucke noch gut erhalten, wie sich erkennen ließ. Die Umschrift war vollständig verdeckt, dagegen zeigte sich, daß der Helm nicht zu Füßen des Ritters steht, sondern unten zwischen Mann und Frau und daß sich zwischen beiden in Schulterhöhe ein sie verbindendes Band mit der deutlichen Jahreszahl 1588 befindet. Es ist anzunehmen, daß sich diese auf den Tod des Sohnes bezieht, und daß damals der Grabstein gelegt wurde.

Hach 3) erwähnt die Beschreibung des Steines bei Kobbe und Linsen und setzt hinzu:

„Gegenwärtig scheint dieser Grabstein nicht mehr vorhanden zu sein. Zwar liegt hinter dem Altar eine große
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1) Nach Kobbe a. a. O. III 284 und Haupt a. a. O. S. 84.
2) S. 622.
3) Kunstarchäologie a. a. O. S. 151.

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steinerne Platte, von deren in römischen Kapitalbuchstaben gehaltener Inschrift nur noch die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen deutlich sind; zwar ist auf diesem Steine ein von einem Stechhelm mit Decken und Helmzier bekröntes Doppelwappen in Relief gehauen; das andere Schild hat die Form einer Tartsche und ist ganz abgeschliffen, das hintere Wappen ist noch ziemlich erkennbar und zeigt ein an einem Baumstaum senkrecht hinauflaufendes, zu groß gerathenes vierbeiniges Thier mit geringeltem Schwanz. Ob dieses Wappen mit der Familie v. d. Lieth Zusammenhang hat, konnte ich nicht konstatieren; von ausgehauenen Figuren eines Ritters in voller Waffenrüstung habe ich so wenig Spuren auf diesem Steine entdecken können wie von seiner Frau.“

In der Inschrift tritt die Jahreszahl 1683 deutlich hervor, daß von Dr. Hach am Frauenwappen gesehene Thier ist ein Eichhörnchen und der ganz freiliegende Stein scheint für einen dortigen Pastor gesetzt worden zu sein.

Ein dritter Stein liegt an der Südseite des Altars ist aber wieder größtenteils vom Gestühl bedeckt und zeigt ein Wappen mit einem laufenden Pferde; auf dem Helme befindet sich ein wachsendes Pferd und unter dem Wappen die Inschrift : „Sey getreu bis in den Tod so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Die Randschrift ist wegen des Gestühles nicht zu erkennen. Auch dieser Stein dürfte das Grab eines Pastoren decken.

Ueber das alte Rittergrab geht nach Linsen in Kuddewörde folgende Sage um:

Vor vielen Jahren kamen mit einbrechender Nacht zwei Männer, die in Kleidung und Haltung das unverkennbare Gepräge der höheren Stände trugen, zu dem Küster und bewogen ihn durch das Anerbieten einer bedeutenden Belohnung, ihnen die Kirche zu öffnen und sie zugleich zu begleiten und bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Dieses aber bestand in nichts anderem, als das

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Grab des alten Georg v. d. Lieth zu öffnen. Nachdem die drei mit vereinter Kraft die gewaltige Steinplatte abgehoben hatten, zeigte sich in der Tiefe ein Zinnsarg, der die Gebeine des alten Ritters umschloß. Diesen hoben die Fremden heraus, legten den Stein wieder auf das leere Grab, und, nachdem sie den Küster reichlich belohnt hatten, trugen sie den Sarg aus der Kirche, setzten ihn auf einen vor dem Kirchhofe in Bereitschaft gehaltenen Wagen und waren bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Bei Gelegenheit der Reparatur der Kirchenfenster wurde das alte Grab geöffnet, man fand aber nur wenige Überreste eines Eichensarges und die Unterkiefer eines, nach den mangelhaften Zähnen zu urtheilen, bejahrten Mannes.

Die v. d. Lieth gehören zu den ältesten Familien des Erzbisthums Bremen.

Um 1180 erscheint Hartwicus v. d. Lieth, welcher als Notar Heirich des Löwen, nachher als Thesaurarius des Bremischen Domstifts auftritt und am 29. Januar 1184 als Hartwich II. zum Erzbischof gewählt wurde.

Ein Zweig des Geschlechts erhielt unterm 22. November 1698 eine kurbrandenburgische Adelsanerkennung, und mehrere desselben sind Offiziere in der preußischen Armee gewesen.

In Siebmacher’s Wappenbuch, Band III 2. Abth. S. 242, befindet sich eine Beschreibung des auf Tafel 292 abgebildeten Wappens. Dieses zeigt einen naturfarbenen Kranich, der im rechten Fuß einen Stein hält, einen gekrönten Helm und offenen Flug.

 

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