Jahresband 1897

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


DIE BEMALUNG DER KIRCHE ZU MÖLLN.

Von R. Haupt, Schleswig.

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Wer irgend von Süden kommend den Weg zu der herrlichen Hauptstadt der Hansa genommen und dabei die Augen offen gehalten hat, der kennt die Möllner Nicolaikirche, an deren Fuß, zwischen den Zehen des ungeschlachten Thurmes, der gute Eulenspiegel ausruht, jenen Bau, an dem nichts Grades ist, und der wie eine schief aufgestülpte Kappe über dem sich um den Fuß des Kirchenhügels drängenden Städtchen sitzt. Von den Freunden absonderlicher Erscheinungen, oder auch nur landschaftlicher Eigenthümlichkeit und Mannigfaltigkeit, und von Denen, die den freundlichen Wohnort einer liebenswürdigen Bevölkerung in der angestammten Gestalt lieb hatten, wird es mit gemischtem Gefühl aufgenommen werden, wenn sie hören, daß man beschäftigt ist, der Kirche zu etwas mehr Regelmäßigkeit zu verhelfen – obwohl ihr krummes Rückgrat doch nicht einzurenken ist. Die in den Läufen der Zeiten gar zu armselig und schmucklos gewordene Jobstkapelle auf der Nordseite, die gegen das sich so rücksichtslos breitmachende Seitenschiff, gestutzt und verunglimpft wie sie war, nur mehr ein schwaches Gegengewicht bot, ist ganz verabschiedet; und demnächst, wenn sich das Seitenschiff, mit Querdächern versehen, vom Hauptschiffe besser abtrennt, wird das Ganze zweifelsohne hübscher aussehen, als es, wenigstens

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seit den letzten vierhundert Jahren, je ausgesehen hat, und es wird doch das windschiefe Gepräge nicht so weit abgestreift haben, daß es sich selbst ganz untreu geworden zu sein schiene.

Ich habe in einem auch hierlands nicht unbemerkt gebliebenen Aufsatze in der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung“ vor einem halben Jahre auseinandersetzt, daß sich die Kenntniß von unseren alten Bauwerken und unserer alten Kunst eine früher nicht erhoffte Erweiterung und Bereicherung durch Beobachtungen versprechen darf, für die man bei Herstellungsarbeiten im Inneren Gelegenheit hat, und daß man also dafür die Augen offen halten muß. Unsere Kenntniß von der Ausmalung der Kirchen, die zu ihen so gut gehört, wie zum Falter die Farbe – allerdings giebt es in der natur auch Weißlinge, sowie Sesien ohne jeglichen Farbenschmuck, und so auch in der Kirchenbaukunst – ist höchst lückenhaft, ja eben erst im Entstehen. Eine Herstellungsarbeit wie die, die an der Möllner Kirche von geübten, kenntnißreichen und sorgsamen Kräften geleitet und ausgeführt wird, schien wieder Gelegenheit geben zu können, sie zu vermehren. Und in der That, was da aufgedeckt worden ist, ist eine willkommene Bereicherung unseres Wissens nach mehreren Richtungen.

Die Kirche stammt, und das ist durch die jetzigen Arbeiten noch klarer geworden, aus mindestens drei Zeiten. Der Urbau im Uebergangsstil erscheint zwar einheitlich; aber die östliche Hälfte ist von Grund auf etwas jünger als die westliche. Das Ganze ist (oder vielmehr es war) ein mit Einschluß des Thurmunterbaues dreijochiger, dreischiffiger Basilikenbau des gebundenen Systems mit quadratischem Chore und halbrunder Apsis. Alles ist zweifelsohne in der Zeit um 1200 herum gebaut. Das südliche Seitenschiff ist 1471 abgetragen, und ein breiteres, ziemlich hohes gothisches dahin gebaut, das nachher nach Osten hin neben dem Chore her weiter verlängert worden ist, was in der Folge zu der haarsträubend häßlichen Gestaltung der Ostseite geführt hat, die sich seither bot, und die auch durch die jetzigen Arbeiten nicht gründlich kurirt werden kann.

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In diesem Bau hat zu den verschiedensten Zeiten verschiedene Kunst der Malerei ihr Feld der Bethätigung gefunden, und da Mölln vom 14. Jahrhundert bis zum Ende des 17. lübisch war, auch wohl schon vorher die dortige Kunst ganz unter lübischem Einflusse gestanden hat, so wird die Kenntniß der Möllner Kirche, wie sie gerade jetzt ermöglicht ist und, wenn auch in dürftigen und entstellten Resten, vor Augen liegt, wesentlich als ein Beitrag zur LÜBISCHEN KUNSTKUNDE anzusehen und zu würdigen sein.

Leider läßt die Untersuchung zunächst gerade da, wo wir am meisten hofften unser Wissen zu bereichern, eine empfindliche Lücke. Die Störungen, die über die Kirche ergangen sind, haben die ANFÄNGLICHE AUSSCHMÜCKUNG des Urbaues entweder fast ganz zerstört, oder sie nie vollenden lassen.

Doch ist das gewiß, daß dieser zuerst im Oberbau (dem Lichtgadem) eine nachgeahmten Rohbau zeigte, in Backsteinfarbe mit weißen Backsteinfugen, und die Leibungen der Bogen weisen die überall in Bauten jener Zeit aufzufindenden, den Rand auf 2 Zoll Breite freilassenden Putzflächen auf, die für die Bemalung vorbereitet waren.

Die ZWEITE Dekoration, die nicht allzulange nach der Wiedervollendung der Basilika angebracht sein muß, also im Laufe des 13. Jahrhunderts, zeigte umgekehrt wie jene im westlichen Joche des Mittelschiffes beobachtete, Quaderfugen in rothbraunen Dopplinien auf dünnem weißem Anstricke. Sie deckte die Oberwände des Mittelschiffes, etwas unter den Fenstersohlen beginnend, bis an das Gewölbe hinauf, sie behandelt in gleicher Art, mit sorgsamem Bogenschnitt, auch die Fenster, bis an’s Glas hinan, desgleichen den ganzen Chorbogen. Es ist diejenige Verzierungsart, deren Spuren sich in unseren Kirchen, auch weit im Norden, vielfach finden, und die das einfachste Mittel zum Schmuck und zur Belebung der Wandflächen bildet. Die Quader maßen etwa 30 x 40-75 Zentimeter. Wie Gewölbe und Seitenschiffe

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geziert waren, ist nicht mehr zu ermitteln. Die Pfeiler und die stützenden Glieder an der Wand und die Bogenseiten zeigten den sauberen Rohbau. Im Osttheile kommen an ihm glasirte Steine vor, im westlichen sind die scharrirten auf’s Schönste zu beobachten.

Während so die Oberwand ruhig wirkte, zeigt der darunter befindliche Theil, über den Arkadenbogen und zwischen diesen, geputzte Flächen. Von der darauf befindlichen Bemalung ist an einer Stelle eine GROSZE DARSTELLUNG schön erhalten, die bestbewahrte und künstlerisch bedeutsamste von allen nachzuweisenden. Im Ostjoche des Schiffes sehen wir an der Nordwand eine Szene, bewegt und figurenreich, die von einer bemerkenswerthen Freiheit der Auffassung und Darstellung zeugt, gegenüber der Geübtheit und Gebundenheit der späteren Periode.

Auf einem Hügel steht unter einem Kleebogen, mit der Pilgertasche umhangen, freundlich blickend nach vorne gewandt, eine heilige Gestalt, in der man wohl den Erlöser selbst zu erkennen hat. Er bekrönt zwei rechts und links knieende Pilger; andere sind noch auf der Wanderschaft zu ihm und steigen hinan, aus der Welt, in der noch manche hinter ihnen mit den Beschäftigungen des täglichen Lebens befaßt erscheinen. Symmetrisch mit dem Herrn, von ihm getrennt durch eine, einen gleichen Boden tragende Säule, steht, aber in konventioneller Haltung segnend, die Gestalt des Kirchenheiligen St. Nicolaus mit Mitra und Pedum, die Segenshand erhoben, noch der anderen Seite hin gewandt, wo ein Schiff mit vollen Segeln fährt. Einige Männer darin blicken betend zu ihm hin; aber am Steuer sitzt, mit der Kappe auf dem Ohre, die Narrheit, und das Schiff fährt mit geblähtem Segel in seiner Richtung vom Felsen des Heiles weg. Wohin, das zeigt sich sogleich: da steht St. Michael, die Seelen wägend; fratzenhafte Teufel sind bemüht, die Elenden in das gähnende Höllenthor zu reißen. Jenseit desselben sitzt, unberührt von Allem, das seligste Paar: Maria wird vom Sohne bekrönt. – Den Zwickel zwischen den beiden Arkadenbogen, unter der Mitte

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des Bildes, füllt eine rein symbolische Darstellung: ein Hirsch (der nach Erlösung strebende Mensch) fliegt, von Hunden (den Sünden) gepeinigt, dahin; den leeren Raum hinter ihm füllt ein Löwenantlitz 1).

Das Ganze ist bis auf einige Stellen so wohl erhalten, daß es selbst ohne genaue Herstellung der natürlich verblichenen Farben einen ebenso schönen wie edeln und werthvollen Schmuck der Kirche bildet.

Im anderen Joche, westlich davon, ist von einer entsprechenden Darstellung nur ein Stück vorhanden, in dem sich der frühgothische Stil bezeugt, das aber nicht erheblich jünger zu sein braucht denn jenes: anscheinend die Hälfte einer VERHERRLICHUNG MARIÄ mit danebenstehendem Bischof, jeder Theil unter gothischer Architektur.

Aus nicht viel verschiedener Zeit stammen endlich die in beiden Scheidbogen des Thurmes nach Norden und Süden hin gefundenen, übrigens ganz flüchtig behandelten Darstellungen: einerseits KRUZIFIX, Johannes und Maria zwischen zwei BISCHÖFEN, und anderseits einige Figuren, unter denen ST. SVIDBERT und die hl. BARBARA im Thurme erkennbar scheint.

Im 15. Jahrhundert, da die Verehrung immer neuer Heiliger, und die Errichtung immer neuer Altäre im Schwange war, regte sich das Bedürfniß, das was den Sinn erfüllte und was das Herz anzubeten und anzuschauen begehrte, auch den Augen dargestellt zu sehen; es verlangte so dringend nach Befriedigung, daß man auch die bereits bemalten Theile der Kirche nicht schonte, die ohnehin dem „Geschmacke“ (- für uns unbegreiflich, wenn wir nicht wüßten, daß auch wir, was uns unsere Väter schufen und liebten, verachten und verderben -) nicht mehr geschmackvoll erschienen. Bei aller Verschiedenheit des nun Darzustellenden, das gewiß nicht durch ein geistiges Band zu einer christlichen Einheit verbunden
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1) Vergl. Abbildung Tab. I. [nicht vorhanden]

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war, hat man dabei höchst merkwürdiger Weise, wie die Spuren zeigten, dekorative Einheitlichkeit der Erscheinung erstrebt und erzielt. Der verfügbare Raum in beiden Schiffjochen an der Nord-, Süd- und Westseite (hier an den sehr schweren massigen Pfeilern des Thurmes) wird waagerecht in zwei Theile zerlegt, und bot so für desto mehr der Einzel-Darstellungen Platz. Links neben dem Chorbogen, wo vielleicht der Antonius-Altar war, kam an die Wand die Gruppe von St. MARTINUS und St. ANTONIUS (freilich war letztere Gestalt nicht mehr genügend erkennbar); rechts vielleicht St. CHRISTOPH mit dem Kinde. Wo das oben beschriebene große Bild gefunden ist, zeigte sich, der oberen Reihe angehörend, eine große Szene, die größtentheils sehr gut erhalten blieb, weil später (1636) ein Bild darüber gehängt ward; leider deckte es sie nicht völlig, und es ist nicht klar, was der Gegenstand war. Man denkt am ersten an ABRAHAM, der dem Isaak den Todesstreich geben will; der Widder zeigt sich wie ein Männchenmachender Hase zwischen beiden. Auch von einem zweiten Bilde in gleicher Höhe ist ein Rest vorhanden; außerdem fand isch nur südlich neben dem Thurmbogen eines, und zwar recht gut erhalten: Zu einem auf einem Sessel sitzenden, mit dem Barett bedeckten Manne tritt eine Jungfrau, Sta. Dorothea, den Rosenzweig in der Hand, heran. Neben dem Manne stehen zwei Knaben, die Rosen oder Stine halten, und in ihm ist entweder der Rechtsgelehrte Theophilus dargestellt oder St. Ansver, jener Ratzeburgische Lokalheilige, der als Abt des St. Georgsklosters 1066 gesteinigt worden ist und auch zu Ziethen bei Ratzeburg und anderswo gefunden wird. (Nachweisungen in den Bau- und Kunstdenkmälern von Lauenburg.) –

Wer den Lübecker Dom kennt, dem ist das Bild auf dessen Südseite, mit dem Kruzifix zwischen dem Geweih des Hirsches, nicht fremd. Zu Mölln malte man in die Thurmhalle ein ähnliches. Trat man durch die Westthür ein, so erblickte man sogleich zur Linken St. MICHAEL, der mit dem Drachen kämpft, und weiter einen Geistlichen, vor dem

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die Mitra am Boden liegt, und der im Walde einherschreitet, das Kruzifix am lebenden Baume vor sich. Es ist der HEILIGE BRUNO, Stifter des Kartäuser-Ordens (also auch des Ahrensböker Klosters); und dies ist die erste in der Provinz bekannte Darstellung des Heiligen. In Lübeck ist er bekannter; man kann das zugehörige Kruzifix sogar auf einer thönernen Platte der Renaissance-Zeit an einem Hause in der Glockengießergasse sehen. Zu Mölln ist unter dem Heiligen in einem Fries ein Löwe dargestellt, der wohl nur ornamental wirken soll. Das Bild gegenüber ist nicht aufgedeckt.

Bei diesen Arbeiten heben sich die Gestalten von einem dunkel gefärbten Grunde ab, während sie bei den älteren farbig auf dem weißen Putze standen. Leider ist bis auf die Szene im Thurm und einen sonstigen kleinen Rest jetzt dies alles zerstört; es ist theils der Nachsuchung nach den darunter befindlichen älteren Arbeiten, theils den Bauarbeiten zum Opfer gefallen. Indessen ist es sorgsam aufgenommen und so dem Studium bewahrt.

Als man 1471 den Südtheil der Kirche durch das neue SPÄTGOTHISCHE Schiff verdrängte, erhielt dieses natürlich auch seine Auszierung, und von ihr ist wenigstens das, was an dem Gewölbe war, großentheils gefunden. Es sind groß und frei gezeichnete geschwungene verschlungene Ranken, mit Knollen besetzt, braunroth mit grünen Schatten. Sie zieren die Kappen um die Schlußsteine herum und über den Bodenscheiteln; andere begleiten die Rippen. Diese waren ebenfalls, wie auch die Krag- und Schlußsteine, farbig verziert. Es scheint aber, als habe man sich darauf beschränkt, und die Wände, statt sie ebenfalls systematisch auszuzieren, für die Anbringung von Figürlichem leer gelassen. Wenigstens fand sich auf ihnen – sie sind nur theilweise untersucht – eine Gruppe St. ANNA selbdritt, und auch Spuren einer weiteren Darstellung angemalt. Es bot sich dazu Raum an den Wänden und an den breiten Flächen der nach innen gezogenen Strebepfeiler 1). Es ist möglich, daß die Aus-
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1) Gegenwärtig werden Strebepfeiler auch außen angebracht.

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[Tab. II.]

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schmückung mit Bildern zunächst erst der Folgezeit überlassen ward. Ins Schiff hat die Rankendekoration, von derselben Art, die um 1470 überhaupt weiterhin üblich war, die ich auch 1896 in der Düppeler Kirche gefunden habe, und die man in mereren Beispielen in MAGNUS-PETERSENS trefflichem Werke über die Kalkmalereien in den dänischen Kirchen antrifft, nicht weiter übergegriffen, als daß man die Wandungen des Chorbogens damit, mit eingemischten Weihekreuzen, überzog, und hier die Quaderung überdeckte, die auch unbefriedigend gewesen sein muß, weil sie rein dekorativ erschien und nicht um die Kanten herum fortgeführt war. Denn an der Anblickseite des Chorbogens, gegen das Schiff hin, stand ja jenes Bild, das St. Martin zeigte, angemalt, und südlich kam, jenem entsprechend, der hl. Christoph mit dem Christuskinde auf der Schulter, zu stehen 1). Hier haben die Nachforschungen ein einigermaßen merkwürdiges, wenn auch recht verwickeltes Ergebniß geliefert. Der jetzige Christophorus, vom dem Theile noch vorhanden sind, ist zweifelsohne etwa gleichzeitig mit der hl. Anna gemalt; wir möchten ihm um 1500 datiren, und die unbestimmt auftretende Andeutung, auch ihn hätten grün-rothe Ranken überzogen, dahingestellt sein lassen. Das jedoch scheint gewiß, daß auch vorher, mit Martin gleichzeitig, vor 1471 ein Christoph hier angemalt war; es ist eine Spur davon zu finden. Interessant nun ist die Stelle dadurch, daß der HUMOR, den wir den mittelalterlichen nenne, den wir aber hier nicht verstehen, wenn wir nicht daran gedenken, daß und wie auch heut so gar mancher gute Malersmann, wenn ihn auch die Sorgen zwängen, die Ader der Heiterkeit nicht versiegen läßt, und daß er sich das trockene Brot nur um so eher mit dem Salze eines harmlosen oder auch stacheligen Scherzes würzt, - daß dieser Humor auch hie sein Plätzchen gefunden hat. Im Untertheile der Wand war der Putz auf eine Fläche von etwa 2 Quadratmetern abgefallen. Da malte nun Jemand mit großer Fixigkeit auf den holperigen
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1) Vergl. Abbildung Tab. II.

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Platz, dicht neben die Stelle, wo die Glockentaue vom Dachreiter herabhingen, dem GLOCKENZIEHER zum Genuß oder zum Hohne, einen treufleißigen Bauern hin, - wenn es nicht gar der EULENSPIEGEL selber 1) ist – der zugleich mit Hand und mit Fuß zwo Glocken mächtig in Bewegung setzt, und in der Rechten einen Gegenstand zum Munde hält, der wie eine Rohrflöte erscheint, (vielleicht aber auch ein Trinkgefäß ist), wodurch der Eindruck des unbegrenzten Pflichteifers um so mächtiger wird 2). Eine daneben kauernde Figur macht sich mit Gefäßen zu schaffen, hat offenbar das bessere oder bequemere Theil erwählt, sticht ihm den Gecken und pflegt sich.

Ob nun gleich der Künstler dieses Werkes – wenn es überhaupt von einiger Menschen Augen erschaut worden ist, - behaupten konnte und dann auch wohl behauptet hat, er habe ja nur dem hl. Guido von Anderlecht, dem Glöcknerpatron, seine Ehre, und zugleich dem Eifer des Glockenmannes, daß er nicht erlahme, die Sporen geben wollen, - das half ihm weniger, als es ihm heute helfen würde, wo Manche in dem Bilde einen tief religiösen Gehalt zu finden vermochten, - die gute Absicht fand keine gute Stätte, die edle Leistung ward schleunigst mit Mauerspeis überworfen und der heilige Christoph in neuer Auflage darauf gemalt. Es ist den Bemühungen des fleißigen A. Olbers, der die Nachforschungen ausgeführt hat, vorbehalten gewesen, das Bildchen auf eine Weile in seinen freilich höchst schwachen Resten dem Auge darzubieten. Sehr witzig erscheint es ja nicht; aber welches Scherzbild kann überhaupt wirken, wenn man die Beziehung nicht kennt?
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1) Und in der That, Eulenspiegel ist auch, wie das Volksbuch erzählt, zu Budenstedt ein Meßner geworden, weil der Meßner selbiges Orts kürzlich gestorben. Was für Eulenspiegeleien er da verübt hat, steht freilich im Volksbuche nicht zu lesen. Vermuthlich hat er da nun alles doppelt betrieben, da ihn sein Pfaffe vorher nicht hatte gebrauchen können, weil er alles halb that.
2) Vergl. Abbildung Tab. III.

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[Tab. III.]

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[Tab. IV.]

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Die jüngste mittelalterliche Leistung, durch die man die Kirche verschönerte, - man kann noch eine ganze Anzahl Geräte, die von 1471 bis zur Reformation hin geschaffen sind, hier nachweisen – ist die Auffstellung der Erztaufe 1509 und der großen CHORKREUZGRUPPE 1504 oder 1507. Letztere ist wirklich prachtvoll. Es lag der Zeit der beginnenden Renaissance, wo sich der Mensch seiner Menschlichkeit erinnerte, näher als der früheren, das ERSTE ELTERNPAAR zur Darstellung heranzuziehen, und so finden wir es denn auch mehrfach in jener Zeit auf Altären und neben Kreuzgruppen dargestellt. Zu Mölln war im Chorbogen nicht Platz genug; so malte man die beiden in die Leibung, umgeben von schönem grünen Rankengeschlinge mit phantasiereichen spätgothischen Blumen 1).

So hat denn die Kirche in reichem Schmucke gestanden. Die Reformation brach herein. Am Gestühl zunächst, dann auch sonst an der Ausstattung, ward geändert, Bühnen gebaut und anderes geschaffen, altes zerstört, oder abgeschaftt. Die eine der beiden Orgeln, die Altäre verwanden. Die Heiligen hörten auf verstanden zu werden, ihre Legenden bekannt zu sein; an die Stelle der Verehrung der alten Gottesmänner schob sich unvermerkt, da man doch nicht ausschließlich Gott dienen kann, die Hochachtung des eigenen Ichs und dessen, was ihm nahe stand, was ihm nützte und brauchbar war. Die eigene Familie und ihre Beziehungen in den verschiedensten Richtungen, und die sie am meisten angehenden Stellen der Bibel wurden hervorgehoben und vor Augen gestellt. Die todten Körper steckte man in den Boden des Gotteshauses selbst, oder setzte die Särge in besonderen Anbauten, einfacher noch in Theilen des Gotteshauses selbst hin, die man dazu verbaute. Für Geld war ja auch jetzt vieles, ja nun erst recht vieles zu erlangen. So ward damals auch die noch dem Anfangsbau angehörige alte Sakristei am
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1) Vergl. Abbildung Tab. IV.

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Chore nördlich theilweise verdorben, und soll deshalb jetzt ganz abgerissen werden. An die Wände hängte man Denkmäler und Bilder, die den Inhalt der heiligen Schrift in neuer Weise vor Augen brachten. Das Aussehen ward bald bunter und ungleichartiger als je. Im Jahre 1636 hängte man ein sehr großes Bild gerade auf jenes, das die Opferung Isaaks bedeuten soll, und gleichzeitig – im Südschiffe ist die Zahl 1638 dafür beweisend – ward zum ersten Male das Ganze der Kirche einer großen NEUDEKORATION theilhaftig. Die Bemalung des Südschiffes ließen die Erben eines Verstorbenen zu dessen Ehren ausführen. Diese BAROCKDEKORATION ist bedeutend, in ihrer Weise großartig, reich und geschmackvoll. Sie grenzt die Flächen und Glieder ab und zeichnet sie mit schönen Ornamenten aus, fügt allegorische und biblische Gestalten, auch Wappen u. a. m. hinein. Im Südschiffe wurden die Apostel, in Kartuschen gefaßt, auf die 12 Kappen gemalt, und das Glaubensbekenntniß, von dem die einzelnen Theile nach altkirchlicher Art den einzelnen Aposteln eignen, ist als Fries den Bogen entlang geführt.

Diese Bemalung, von der seither fast nichts mehr zu sehen war, die jetzt aber dem kundigen Auge ziemlich deutlich vorliegt, verdient es auch für die Bedürfnisse der Gegenwart sehr, studirt zu werden. Sie ist allerdings nicht zu retten. Schon als man um 1770 die jetzige Orgel baute, deren Bau auf grobem Holzgerüste die Kirche unheilbar verschändet, und um deren willen die jetzige Herstellung ein halbes Werk bleibt, hat man nicht nur, um dem Zeitgeschmack zu huldigen, auch ein Rococoportal im Süden angelegt, sondern auch die Bemalung an den Stellen, wo sie verdorben war, oder man es sonst für nöthig hielt, aufgebessert und auch wohl geändert. Ueber und hinter die neue Orgel war ein Teppich gemalt, in Art eines Fürstenmantels. Von da mag die Verbesserung eines Apostels stammen, über dem jetzt „S. A MBROSIVS“ steht; über einen anderen ward „S. IVDAS“ geschrieben, und unsere Zeit, die vom Thaddäus nichts mehr weiß, ja

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überhaupt eigentlich nur noch Petrus und den Ischarioten als Apostel kennt, sieht in ihm den Verräther, und lacht über die eigene Einfalt. Hier ist freilich das Mißverständniß schon hundert Jahre alt.

Alles, mit Ausnahme eines Bildes über der Taufe, die Taufe Jesu darstellend, (das zu zerstören erst JETZT die rechte Zeit gekommen scheint) und einiger Bilder im Osttheile, zuzupinseln, war unserem Jahrhundert (1841) vorbehalten. Und so haben wir die Kirche gekannt und geschätzt, einen vielfach wunderlichen, aber anmuthenden Raum voll Sehens- und Beachtungswürigkeiten in allen Ecken, mit zahllosen Schränken und Schränkchen in Pfeilern und Wänden, mit Leuchtern und Bildern, und auch von der Decke baumelten halb zertrümmerte hochachtbare Gegenstände herab. Das kommt ja nun alles demnächst in Ordnung: was schief war, wird gerader, und bei der Umgestaltungsarbeit, von der wir wünschen und hoffen, daß sie eine gute Frucht tragen möge, zeigen sich hier und da die Jahresringe, die sich im Laufe der Zeit einer um den anderen gelegt haben, und wir gewinnen die Gelegenheit, nicht nur diese selbst zu beobachten, sondern auch die Geschichte der Kirche genauer zu erkennen. Gar manches freilich hat müssen zu Grunde gehen, anderes ist unter der Tünche geblieben und wartet, bis sich die Mittel an Geld und Kräften finden auch hier nachzuforschen, wie es die Wissenschaft verlangt. Vielleicht muß der ganze, noch nicht in Angriff genommene Osttheil so einer Zukunft vorbehalten werden, die das rechte Verständniß und die rechten Mittel für solche Aufgaben haben wird, und der man sie durchaus nicht um einer Wißbegier willen entziehen darf, die, wenn sie zu einer aus der Aufdeckung sich ergebenden Zerstörung statt zur Erhaltung führt, müssiger Neugier gleich zu achten ist. Vor solcherlei Entdeckungen kann überhaupt nicht eindringlich genug gewarnt werden, auf dem vorgeschichtlichen Forschungsgebiet vor allem, aber auch auf dem historischen. Ohne Sachkunde bei der Arbeit, und ohne die Möglichkeit genauester Aufnahmen des Gefundenen in den

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einzelnen Stadien der Thätigkeit sollte derartiges nicht unternommen werden. Sonst zerstört man statt zu schaffen: das einmal Aufgedeckte ist, wenn es nicht auch hergestellt werden kann, dem Untergange sicher geweiht. Zu Mölln ist mit möglichster Umsicht vorgegangen, um Ungünstiges fern zu halten; doch das Meiste ist auch nur aufgetaucht, um sofort zu verschwinden, und steht jetzt nur auf dem Papier. Was aber heut dort zu sehen und zu beobachten ist, das jetzt eben noch zu lernen und zu studiren ist Kennern und Liebhabern Gelegenheit geboten.
 


 


 


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