Jahresband 1896

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

Ein Kirchendiebstahl in Mölln.

[W. Dührsen]

Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts scheint die Möllner St. Nicolaikirche einen garnicht unerheblichen Silberschatz noch besessen zu haben. Wir wissen aus einer Mittheilung im 3. Heft des II. Bandes der Jahrbücher unseres Geschichtsvereins (p. 121 ff.), daß im Jahre 1543 der Rath der Stadt für gut und nützlich erkannt und beschlossen, die silbernen Bilder und Kleinodien der Kirche zu Gelde zu machen und auf Rente zu belegen, „angeseen dat dar sust nein prophit vnnd vordeel van gesche, dewile idt so sta, ock bedacht vele pericula, de dar mochten van entstahn vnnd sick begeven.“ Man fürchtete offenbar so kurz nach Einführung der Reformation Abgötterei, die mit den Kleinodien hätte getrieben werden können. So wurden denn nachstehende Bilder und Kleinodien in Lübeck verkauft und der Erlös – zusammen 3000 Mark in guten Joachimsthalern, den Thaler zu 31 Schill. lüb. – zu 120 Mark jährlicher Rente bei dem Rath zu Hamburg belegt. Es wurden verkauft und wahrscheinlich eingeschmolzen das „Mauritz bilde“, „gewogen 11 Mark lodig 11 Lot“, Nicolaus (Patron der Kirche), 12 Mark, Marienbild „16 Mark lodig 1 Lot“, Mattheusbild „13 Mark lodig 4 Lot“, noch ein Marienbild („6 Mark lodig“) ein Jacobus, ein Philippus, eine Catharina und ein Weihrauchfaß (wirigkfath). Unter diesen Bildern werden wir uns silberne Statuetten der Dargestellten vorzustellen haben, vielleicht künstlerisch vollendet schöne, deren Einschmelzung nicht genug beklagt werden kann. Dann 12 Jahre später hat wiederum ein „Ehrsamer Radt tho Molne vor guth angesen – dwil de Mißbrueck des sulvers jn Kercken affgelecht sy, dath mahn des sulvers so itzund nicht nutte ock nicht gebrucket tho gelde gemaket, up dath idt frucht brechte und belecht wurde.“ Darum wurde eine vergoldete Monstranz und ein vergoldetes Kreuz aus der Kirche genommen und der Erlös im Betrage von 650 Mark, zu denen der Rath noch 350 Mark legte, ebenfalls in Hamburg zinsbar bei dem dortigen Rath belegt. Ferner nahmen die Kirchjuraten noch etliche Spangen,

1896/07 - 02 - 113


1896/07 - 02 - 114

„Brotzen“ und Knöpfe aus der Kirche, um sie ebenfalls zu verkaufen, und das brachte einen Erlös von 630 Mark, wozu 370 Mark von einem „uthgeloseden Hovetstol“ gelegt wurden, welcher Betrag dann ebenfalls in Hamburg mit 1000 Mark zu 5 Proz. Rente jährlich belegt wurde. Auch diese Gegenstände mögen einen hohen kunsthistorischen Wert gehabt haben. Aber das kam in damaliger Zeit nicht in Betracht. Mit leichtem Herzen entledigte man sich dieser werthvollen Sachen, als wenn man Angst gehabt hätte, sie könnten die Reformation rückgängig machen. Daß sie einen enormen materiellen Werth gehabt haben, ersieht man aus dem erzielten Erlös.

Aber es war immer noch ein schöner Silberschatz der Kirche verblieben, wie wir aus Nachfolgendem entnehmen können. In der Nacht zum 31. Oktober 1742 ward in die Kirche eingebrochen und dort in der Sakristei ein großer Diebstahl verübt. Zeitungen, durch die man diesen hätte bekannt machen und zu Recherchen hätte auffordern können, gab es damals nur wenige und Annoncen (Steckbriefe etc.) kannte man noch nicht; so wurde denn in gedruckten s. g. fliegenden Blättern der Diebstahl bekannt gemacht und diese wurden in die Nachbarstädte versandt. Ob von den gestohlenen Sachen je etwas wieder erlangt worden, das schwere Verbrechen seine Sühne gefunden, davon ist nichts bekannt. Es ist wahrscheinlich. Die off. Bekanntmachung, wovon sich ein Abdruck in der Stadtbibliothek in Lübeck findet (2 Bl. in Folio), lautet so:

Als man vor nöthig erachtet, eine accurate Designation der Kirchen-Geräthe und andern Sachen, welche jüngsthin in der Nacht von dem 30. auf den 31. Oktober 1742 aus der Sacristey der Kirchen St. Nicolai zu Möllen von daselbst eingebrochenen Dieben gestohlen worden, zu entwerffen, so ist selbige in Gegenwarth und mit Zuziehung unten benahmter heute unten gesetzten Dato folgendermaßen verzeichnet worden, als:

1896/07 - 02 - 114


1896/07 - 02 - 115

I.  

 Eine grosse silberne Gieß-Kanne, mit einem in etwas erhabenen Fuß, in der mitten von einer weiten Ründe, oben spitzig mit einen runden erhabenen Deckel und einer kraus formirten gekrümmten Röhre, von welcher das oberste silberne Blech vorlängst abgekommen, versehen, am Gewichte auf . . . 3 Pf.
 

II.   Ein grosser silberner verguldeter Kelch von unten bis oben von gleicher ründe und weite, mit einen runden glatten Fuß versehen, sambt einer grossen Paten von dem sel. Hrn. Melchior Hinrich Backhaus, Cantore zu Möllen zum Gedächtniß seiner sel. verstorbenen Ehe-Frau, Fr. Maria gebohrne Burmestern verehret und also mit dessen Nahmen bezeichnet. Es ist auch dabey ein kleiner silberner Löffel befindlich gewesen.
 
III.   Eine silberne Hostien-Schachtel, unten mit 4 verguldeten Knöpffen, vierecktigt, doch etwas länger als breit, von gleicher Höhe und Breite, mit einen silbernen Sticken zu gestecket, von sel. Herrn Hermann Dissmann und seiner Ehe-Frau Elsabe verehret, mit ihren beyderseits Nahmen und Wapen an der fordersten Seite gezeichnet und renoviret.
 
IV.   Ein kleiner verguldeter silberner Kelch, oben breit und unten nach dem Fuß, gespitzet, die Verguldung siehet gelblich aus, und auf dem Rund um mit einer krausen Leiste formirten Fuß, mit dem Creutz und Bilde des Gecreutzigten versehen, auch dabey eine silberne verguldete Paten, daran die neue Verguldung etwas röhtlich aussiehet.
 
V.   Ein verguldeter silberner Kelch, von unten zu oben gleich und formiret, am Fuß gelödet, und mit Mönchen Schrifft gezeichnet, siehet sambt der Paten von Alter dunkel roht aus, ist sonst bey der Communion der Delinquenten gebrauchet und daher der arme Sünder-Kelch genannt.

1896/07 - 02 - 115


1896/07 - 02 - 116

VI.   Das beste rohte sammetten Meßgewandt ohn allen Zieraht auf den Rücken mit rohten Bändern und gelblich unter Futter.
 
VII.   Ein inwendig silberner, auswärtig mit Gold gestickter, und so weit er von dem Rohr abgebrochen, mit einen sechs-kantigten silbernen Stiehl, und Zwo silbernen Glöckgens versehener Klingbeutel von dem sel. Herrn Clauß Burmester, verehret, 1638 mit einem Legato von 2 Marck 8 ß. an jährlicher Rente von 50 Marck zur Unterhaltung des Klingbeutels, welches alles auf dem silbernen Stiehl verzeichnet.
 
VIII.   Vier leinen weisse Lackens.
 
IX.   Ein schwartzen sammetten Boldte mit 2 silbernen Schilden, worauf das Becker Wapen befindlich.
 
X.   Ein silberner Becher oder so genandter Willkommen, dem hiesigen Becker-Ambt zugehörig, worauf unter andern die Nahmen gestanden, als Jochim Benne, Paul Burmester, Hinrich Jarchau, Hans Hilmers, mit der Jahrzahl 1661 und so viel man sich erinnern kan, so sind oben auf den Deckel die Buchstaben J. B. eingegraben. NB. an diesen Willkommen oder silbernen Becher, hangen 2 Ducaten, und sind daran 36 silberne Schilde befindlich, und so viel man sich erinnert, mit nachfolgenden Nahmen gezeichnet als: 1. Andreas Lentz, 2. Peter Lentz, 3. Hinrich Klatt, 4. Henning Burmester, 5. Jochim Burmester, 6. Johann Scheve, 7. Gerd Burmester, 8. Andreas Claussen, 9. Christoph Hinrich Hacke, 10. Peter Böttgers, 11. Augustinus Severus Burmester, 12. Ludewig Rode, 13. Jochim Hacke, 14. Hans Hinrich Burmester, 15. Jochim Peter Brügmann, 16. Hirnich Parin, 17. Berend Brauer, 18. Andreas Schreiber, 19. Jochim Niemann, 20. Johann Gottfried Burmester, 21. Marcus Niclaus Johann Niemann, 22. Nicolaus Ludolph Schwon, 23. Jochim Mattias Hiltener, 24. Andreas Nicolaus Hennings.

1896/07 - 02 - 116


1896/07 - 02 - 117

XI.   Noch ein schwartz sammetten Boldte mit 4 silbernen Quästen.
 
XII.   Noch ein Kinder Boldte von Schwartzen Lacken.
 
   

Actum in Curia Möllnensi, den 5. Novembr. 1742.
 

   

Gottfried Hinrich Bote Pastor m. m.
Hieronymus Friderich Boje, Diaconus mppria.
Anthon Scheve, Consul.
Jochim H. Höltich.
J. P. Jenckel.      B. Schumacher.
J. D. Voß.
 

   

WD.

____________________



 

 

 

 



*