Jahresband 1896

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


GEDENKSTEINE UND KREUZE
in der
Umgebung Ratzeburgs.

Von Max Schmidt-Ratzeburg.

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Das Mittelalter hat uns in der Umgebung Ratzeburg mehrere Gedenksteine und Kreuze hinterlassen, von denen einige bereits wiederholt Gegenstand der Besprechung geworden sind, während andere erst in den letzten Jahren eine genauere Besichtigung erfahren haben.

Es kommen hier folgende Kreuze und Steine in Betracht.

Das sogenannte Ansveruskreuz bei Einhaus.

Der zwischen der Stadt Ratzeburg und dem Domgebiet stehende Grenzstein zu Ehren des Grafen Heinrich von Badewide.

Der Gedenkstein des Heinrich Pommert bei Herrnburg.

Der Gedenkstein des Marquard Börtzow bei Sülsdorf.

Das Gedenkkreuz des Hermann Karlow in Schönberg.

Das Kreuz in der Roeckstraße in Lübeck.

Der Gedenkstein bei Wittenburg.

Der Bergedorfer Denkstein.

Reich ist die Literatur über Ansverus und sein angebliches Denkmal bei Ratzeburg, auch das Archiv des lauenb. Geschichtsvereins hat sich wiederholt damit beschäftigt, so daß eine vollständige Beschreibung des Kreuzes hier ausgeschlossen erscheint. Nachdem von mir im Jahre 1887 Zweifel über die Zusammengehörigkeit des Kreuzes mit dem h. Ansverus

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ausgesprochen waren, erscheint gleich darauf in der Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holstein-Lauenbg. Geschichte Bd. XVII. S. 325 u. f. ein diesen Gegenstand völlig erschöpfender Artikel von Dr. Th. Hach, der, unter der Aufzählung der gesammten Ansverus-Litteratur, auf das evidenteste nachweist, daß dieses Kreuz mit dem h. Ansverus in gar keiner Verbindung steht, sondern wahrscheinlich auf einen Geistlichen Bezug nimmt, der am Standorte, etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts erschlagen wurde oder auf eine plötzliche Weise zu Tode kam.

Hinzugefügt mag hier werden, daß man im späteren Mittelalter den Namen Ansverus auch als Vornahmen kannte. Hat nun der hier Gestorbene diesen Vornamen geführt, so wäre die Verwechselung mit dem h. Ansverus leicht erklärlich. Richtig zu stellen ist noch, daß das am Kreuze befindliche Spruchband in der Inschrift nicht, wie Hach liest, die ungewöhnliche Fassung ICNRI sondern einfach INVRI enthält.

In dem etwas undeutlichen Gegenstande, der sich vor dem knieenden Geistlichen in dessen Armhöhe befindet, ist höchstwahrscheinlich dessen Wappen zu erblicken.

Der an der westlichen Grenze des Domgebiets und der Stadt Ratzeburg befindliche Stein, der nach der Inschrift dem Andenken des Grafen Heinrich von Badewide gewidmet ist, hat schon wiederholt Erwähnung und Beschreibung gefunden. Zuerst in: Bruin, civitates orbis terrarum, Coloniae 1572-1618. In diesem Werke wird der Stein ausdrücklich als Grenzstein bezeichnet und hinzugefügt, daß mehrere solcher Grenzsteine neben diesem damals vorhanden waren. Jetzt ist nur noch einer von diesen, die wahrscheinlich alle schriftlos waren, etwa 20 Schritt östlich von dem Heinrich-Stein vorhanden.

Beschreibungen des Steines und seiner Inschrift bringen das Mecklenburgische Urkundenbuch unter Nr. 86. Ferner Masch Geschichte des Bisthums Ratzeburg S. 32. Rickmann, die Domkirche zu Ratzeburg S. 4. Schmidt Beschreibung und Chronik der Stadt Ratzeburg S. 14.

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Da das Domcapitel den Palmberg im Jahre 1439 von den lauenb. Herzögen Bernhard und Magnus erwarb, dürfte der Stein zu damaliger Zeit seine Aufstellung gefunden haben.

Der Gedenkstein bei Herrnburg im Fürstenthum Ratzeburg ist bereits in diesem Archiv Band III. Heft 3 abgebildet worden und hat ebendort Seite 128 eine Beschreibung von Dr. Hellwig gefunden, die auf den bis zum Jahre 1892 gemachten Untersuchungen beruht. Damals aber war es noch nicht geglückt, eine Lücke in der Inschrift, die sich zu Ende der dritten und zu Anfang der vierten Reihe fand, zu ergänzen. Ich habe später wiederholt den Stein aufgesucht und ihn bei verschiedenem Tageslicht betrachtet, konnte aber lange die Lücke nicht ausfüllen, weil ich von dem zu Anfang derselben stehenden bisher „criminis“ gelesenen Worte nicht abkommen konnte, bis ich bei besonders günstigem Lichte entdeckte, daß das Wort nicht criminis sondern Reminis und die Folge cere obiter relictorum suique sourum zu lesen ist, danach lautet also die ganze Inschrift ausgeschrieben:

anno domini 1466 die XVII Augus-
ti obiit hic Hinrik Pomert dum
peregre vadit. Reminiscere ob-
iter relictorum suique suorum. Huic di-
cavit hoc filius decanus hambur-
gensis. Memores estote suarum
precor animarum.

(Im Jahre des Herrn 1466 am 17. August starb hier Hinrik Pomert während einer Reise. Vorübergehende gedenkt seiner und seiner Hinterbliebenen. Ihm errichtete dies der Sohn, Dekan in Hamburg. Seid eingedenk, bitte, ihrer Seelen.)

In den zu Füßen des Crucifixus Knieenden haben wir links den Vater, der eine kleine Tasche umhängen hat, rechts den Sohn in einer Dekanstracht zu erkennen. Das Wappen, welches eine von einem Schwerte durchstochene heraldische Doppellilie zeigt, ist mir sonst nicht begegnet.

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Der Stein bei Sülsdorf.

Nördlich vom Dorfe Sülsdorf im Fürstenthum Ratzeburg und zwar wenig jenseits der Chaussee, die von Schlutup nach Dassow führt, steht ein Stein, der meines Wissens noch keine genaue Beschreibung gefunden hat. Er ragt 2,33 m. über dem Erdboden empor und ist 56 cm. breit. In seinem oberen Viertel zeigt er die Form eines Hufeisenbogens.

Auch hier ist die Darstellung ähnlich der auf dem Einhauser Kreuz, aber entschieden von besserer Arbeit. Auffallend groß sind die Nägel, welche den Gekreuzigten am Holze festhalten. Links zu seinen Füßen kniet eine barhäuptige männliche Figur, welche das Antlitz aufwärts dem Erlöser zukehrt; am breiten Gurte trägt sie eine Geldtasche, ihren zum Gebet erhobenen Händen entsteigt ein Spruchband mit misere mei deus. Das Kreuz zeigt oben das Spruchband mit * I * N * R * I *; es steht auf einer felsartigen Erhöhung, unter der sich die Inschrift, in erhabenen gothischen Minuskeln, in ihrer ersten Reihe bogig, in den vier weiteren Reihen horizontal laufend zeigt.
 

orate. deum p
mrquardo. bor.
tzowen. qui. o
ano. dni. m. ccc.
xcvııı. ipo. die cle
 

__

 

me.

 


Orate deum pro marquardo bortzowen, obiit anno domini mcccxcvııı ipso die clementis. (Bittet Gott für Marquard Börtzow, der im Jahre 1398 am Tage des heiligen Clemens (23. Novbr.) starb.)

Das Steinkreuz in Schönberg im Fürstenthum Ratzeburg ist erst im Jahre 1895 entziffert worden und zwar durch den dortigen Pastor Krüger, der durch ein einfaches aber sinnreiches Verfahren einen sehr getreuen Abklatsch der Inschrift enthielt, und darauf auch Sorge trug, daß das Kreuz, welches mitten durchgebrochen war, wieder zusammengefügt

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und reparirt wurde, um sodann einen würdigen Platz vor der Kirche zu finden.

Masch in seiner Geschichte des Bisthums Ratzeburg (S. 329 Anm.) schreibt die Errichtung dieses Gedenksteines der Kalandbrüderschaft in Schönberg zu, wahrscheinlich weil er in der Inschrift, die er als verwittert und nur in einzelnen Buchstaben noch erkennbar schildert, das Wort Kaland zu lesen glaubte.

Der Stein lag bisher draußen auf der Feldmark; man wußte nicht recht mehr wo, erst Nachfragen aus Ratzeburg erweckten das Interesse dafür, so daß man ihn Dank der Thätigkeit des Herrn Dr. Latendorf schließlich fand und in die Stadt brachte.

Dies Denkmal ist wie die in Einhaus, Herrnburg und Sülsdorf befindlichen aus schwedischen Kalkstein, seine Höhe über der Erde beträgt 2,30 m und 90 cm tief steht es in der Erde.

Die Darstellung zeigt auch hier die knieende, betende Gestalt vor dem Gekreuzigten, hier aber liegt sie rechts vom Beschauer; an der Kleidung derselben erkennt man einen Krieger.

Das den Händen entsteigende Spruchband zeigt in vertieften gothischen Minuskeln: Misere mei deus.

Auf der andern Seite des Kreuzes läuft eine fünfzeilige Inschrift in erhabenen gothischen Minuskeln:

Int. iar. m. cccx . . .
do. wart. hir. slagen
herme. karlouw(e?)
dit. kruce. sete. hir
sin. sone. vikke
karlouwe.

Üeber dieser Inschrift befindet sich im oberen Kreuzesarm das Wappen der Karlow’s, der stehende Bär, heraldisch rechts gewandt, mit aufgerichtetem Kopf und erhobener rechter Vordertatze; er trägt ein Halsband mit Kette.

Die Familie Carlow oder Karlow hat ihre Besitzungen im Fürstenthum Ratzeburg und im Lauenburgischen gehabt;

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1346 besaß sie Lassahn am Schallsee, 1499 bewohnte ein Vicko Karlowe das Gut Tüschenbek. Der älteste des Namens, der in den Urkunden vorkommt, ist David de Karlowe im J. 1274. Lüb. Urk. B. I. p. 326 Nr. 350; es wird derselbe sein, der als Kastellan von Ratzeburg erwähnt wird. (Schlesw.-Holst. Urkb. I. S. 511 XXXII.)

    Man kennt folgende Siegel der Familie *)
1.   Ludolfus de Carlowe, v. J. 1313, Urk. im Ratzeb. Archiv in Neustrelitz.
     
2-5.   Haynecke van Carlowe, Knappe. Urkunde v. J. 1346. Lüb. Urk. B. II. S. 794 Nr. 854. Die Knappen Vicko, Hermann, Arndt und Heinecke, genannt von Carlow, urkunden über die nach Eroberung ihres Schlosses Lassahn durch den Herzog Erich dem Jüngeren von Sachsen und die Stadt Lübeck von ihnen eingegangenen Verpflichtungen. An dieser Urkunde befinden sich auch die Siegel von Vicke, Hermann und Arnd van Carlowe.
     
6.   Vicke Karlouwe to Razeborch, Knape, als Zeuge unter der Urkunde vom 13. Novbr. 1458. Bernahrd Herzog von Sachsen (Lauenburg) und sein Sohn Johann verschreiben dem lüb. Bürger Ludecken Beren 102 M. jährl. Rente aus dem Dorfe und Gut Klempouwe in dem Kerspel to Parkentin, und aus dem Dorfe lutteke Sarouwe in dem Kerspel to Gronouwe.
     
7.   Vicke Karlowe to Tuschenbeke. Urkunde v. J. 1499 bei Bülow Nr. 15.

Der in der Kreuzinschrift genannte Hermann Karlow verkaufte am 20. Juni 1397 Hof und Dorf Karlow, Clokstorp, Kulrade und Dependorf an den Bischof Detlef von Parkenthin; zu Anfang des 15. Jahrhunderts erwarb er von letzterem Röggelin für 1000 Mk. **)
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*) Siehe: Siegel des Mittelalters aus den Archiven der Stadt Lübeck S. 50 abgeb. Taf. V. Nr. 63. 64.

**) Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg S. 309 u. 323.

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Bei den Streitigkeiten zwischen Lauenburg und Lübeck, die kurz vor 1410 begannen, wurde das Gut Röggelin bös mitgenommen, wie wir aus dem Klageartikel des Herzogs Erich V. von Sachsen-Lauenburg gegen die Stadt Lübeck vom 3. August 1418 ersehen. *)

In dieser Klage wird Hermann Karlow als verstorben bezeichnet und für seine Söhne Hans und Vikke eine Entschädigung verlangt.

Da nun in der Kreuzinschrift hinter der Jahreszahl MCCCC. ein X schwach sichtbar ist und die weggebrochene Stelle noch für 2 Ziffern Raum zeigt, so wird man sein Todesjahr wohl auf 1412 bestimmen können. **)

Das Gedenkkreuz in Lübeck vor dem Burgthor steht in der Roeckstraße, kurz vor der Abzweigung der Arnimstraße, des alten Wismarer Weges. In Melle, Nachrichten von der Stadt Lübeck S. 546, ferner in Lüb. Blättern 1869 S. 267 und in dem Buche über das Lüb. Staatsgebiet unter den Berichtigungen auf der letzten Seite wird es erwähnt. Es zeigt dieselbe Form wie das sogenannte Ansveruskreuz, ist aber kleiner, etwa mannshoch. Eine Errichtung geschah auf testamentarische Anordnung des Johann von der Heyde im J. 1436:

Jtem so will ik, dat man skal setten en Cruce van X Marken uppe de Wegeschydinge als eme gheyt to der Wilsnacke, dar sich de Wysmarsche Wech anhevet.

Wilsnack war damals ein besuchter Wallfahrtsort wegen des dort gezeigten Heiligen Blutes.

Die Inschrift, in erhabenen gothischen Minuskeln, lautet:

biddt got vor
den ghewer
des weges na
der wilsnakke.


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*) Lüb. Urk. B. Bd. VI. XXXIX. S. 56.
**) Wie ich nachträglich erfahre, hat das Kreuz zu Schönberg inzwischen bereits eine Beschreibung durch Herrn Pastor Krüger dort gefunden, s. Quartalbericht des Vereins für mecklenb. Geschichte etc. LXI. 1.

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Ein anderes Kreuz auf lüb. Gebiet liegt bei Padelügge, am Wege der von Lübeck dorthin führt; es liegt in der Erde und muß erst gehoben werden; jedoch sollen die Mittel zur Aufstellung fehlen.

Unweit Behlendorf, an der Landstraße soll sich noch 1840 ein Kreuz befunden haben mit dem Bildnis eines vor einem Cruzifix knieenden Geistlichen mit der Inschrift: Anno 15C is erslagen Mester Gert Wegener; dies Kreuz soll später zum Bau einer Brücke Verwendung gefunden haben. *)

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Erwähnt zu werden verdient ferner noch der zwischen Zarrentin und Wittenburg auf freiem Felde (bei Waschow) ruhende Stein, der sog. lange Stein, ein Denkmal für den wahrscheinlich dort um’s Jahr 1166 im Kampf gefallenen oder sonst um’s Leben gekommenen Grafen Heinrich von Ratzeburg. Es findet sich auf diesem Stein ein eingehauenes Kreuz mit der Umschrift: Henricus comes o(biit) orate pro eo.

Zum Schlusse muß auch noch des bergedorfer Denksteins hier Erwähnung geschehen. Georg Staunau in seiner schätzenswerthen Geschichte der Stadt Bergedorf (Hamburg 1894) theilt zum Jahre 1420, als Stadt und Schloß Bergedorf von den Hamburgern und Lübeckern in den Julitagen unter den Bürgermeistern Joh. Pleskow und Heinr. Hoyer belagert und gestürmt wurde, mit, daß ein sichtbares Denkmal aus jener Zeit, das älteste wohl in Bergedorf, das den Tag der Einnahme angebe und eines Todten erwähne, noch vorhanden: der alte aufrecht stehende Leichenstein bei der Kirche, gegenüber dem jetzigen Gasthof „Stadt Hamburg“. Dieser Stein trägt folgende Inschrift: „In dem jare unsers Herren MCCCCXX in sunte Margareten **) avende da

*) Hach, das lüb. Landgebiet in seiner kunstarchäologischen Bedeutung. Lübeck 1883.
**) 13. Juli.

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ward Diderik Schreyge hir dot schaten. God si eme gnedlich. Amen.“ Zwischen der Inschrift ist der gekreuzigte Heiland eingemeißelt. Nach Staunau ist D. Schreye ein höherer hamburgischer Offizier gewesen und hat einer angesehenen hamburger Familie angehört, die ihm wohl das Denkmal hat errichten lassen; ein Markwart Schreye war 1355 Rathsherr in Hamburg. Das Schwert des D. Schreye soll noch in der Bergedorfer Kirche sich befinden, sein Speer und sein Schild sind aber in der Franzosenzeit, als die Kirche als Lazareth diente, abhanden gekommen.
 


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