Jahresband 1896

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


DIE LITTERARISCHE GESELLSCHAFT
in Ratzeburg
zu Anfang des XIX. Jahrhunderts.

Von Max Schmidt-Ratzeburg.

* * *

Aus der Zeit der tieffsten Erniedrigung Deutschland haben wir, was die kriegerischen Ereignisse in Lauenburg und Ratzeburg betrifft, mehrere bereits zum Abdruck gebrachte Arbeiten von Dietz, Zander, Bertheau und anderen.

Im Folgenden soll nun über dieselbe Zeit berichtet werden, aber nicht von den Drangsalen, die das schwer geprüfte land damals erlitt, sondern von den litterarischen Bestrebungen friedliebender Bürger, die zu Anfang dieses Jahrhunderts in der Stadt Ratzeburg lebten.

Vor vielen Städten gleicher Größe besitzt Ratzeburg seit langem den Vorzug, eine nicht unbedeutende Anzahl gebildeter Leute in sich zu vereinen; zu keiner anderen Zeit aber ist Ratzeburg in dieser Beziehung so begünstigt gewesen, wie zu Anfang unsers Jahrhunderts.

Versetzen wir uns in jene Zeit zurück, so finden wir hier eine große Anzahl von Beamten, da Ratzeburg Sitz der lauenburgischen Regierung, des Hofgerichts und verschiedener anderer Behörden war, denn das Land Hadeln und das Amt Neuhaus gehörten damals noch zum Herzogthum.

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Ebenso wohnten hier noch Familien und Anverwandte ehemaliger hannoverscher Offiziere, die hier vordem in Garnison gestanden hatten. Den größten Theil dieser Behörden hat Ratzeburg allerdings noch bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts behalten, was aber die Zahl der gebildeten Familien damals verstärkte, war der Zuwachs vom Domhof, wo sich die Domschule und bis zum Jahre 1814 Regierung und Gericht für das Fürstenthum Ratzeburg befanden. Wenn nun auch der Domhof in politischer Beziehung nicht zu Ratzeburg gehört, so hängt er dafür in sozialer Beziehung so eng mit der Stadt zusammen, daß wir ihn hier durchaus nicht unbeachtet lassen dürfen, umsomehr da er zur litterarischen Gesellschaft verschiedene Hauptmitglieder stellte.

Da sich nun unter den Angeführten viele akademisch gebildete und litterarisch thätige Männer befanden, die wieder für ander Gebildete ein derartiger Anziehungspunkt wurden, daß sie sich hier niederließen oder, durch die schon damals bewunderte Lage Ratzeburgs gleichfalls angezogen, sich hier länger aufhielten, so kam man auf den Gedanken eine Vereinigung zu gegenseitiger Mittheilung, Belehrung und wissenschaftlicher Unterhaltung zu schaffen und brachte diesen Gedanken unter dem Einfluß von Männern wie Dräseke, Dietz, Nauwerck und Reinhard zur Ausführung; es entstand die litterarische Gesellschaft.

„Vereinigungen dieser Art sind übrigens nichts Ungewöhnliches“ – sagt Dietz in einer Vorlesung am ersten Jahrestage der Stiftung der Gesellschaft – „Sie sind für Männer, welche Wissenschaft und wissenschaftliche Bildung wahrhaft schätzen, so natürlich, besonders in Zeiten, da der Deutsche fast nur seinen wissenschaftlichen Sinn übrig behalten hat, an dem er sich aufrichten, durch den er für und auf seine Nation wirken kann. Wenn jeder zu diesem Endzwecke sich mit denen vereinigt, die ihm am nächsten sind, wenn jeder, wie seine Lage es erlaubt, an seiner Bildung arbeitet, und in seinem Kreise, so klein er auch sei, zu wirken sucht, wie die Verhältnisse es gestatten, so handelt er pflichtmäßig,

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so handelt er deutsch, so verdient er keinen Hohn, auch wenn sein Streben unwirksam bliebe.“

Die litterarische Gesellschaft konstituirte sich am 30. Sept. 1807 und gab am 14. October ihre Statuten heraus unter dem Titel:

ZWECK UND VERFASSUNG DER LITTERARISCHEN
GESELLSCHAFT IN RATZEBURG.

I.

§ 1. Der alleinige Zweck der Gesellschaft, welche sich am 30. September 1807 vereinigt hat, ist litterarische Beschäftigung und Unterhaltung und gemeinnützliche wissenschaftliche Thätigkeit. Diesen Zweck sucht die Gesellschaft zu erreichen:

§ 2. (1.) In ihren Zusammenkünften: (A) durch Vorlesungen eigener poetischen und prosaischen Arbeiten der Mitglieder. (B) durch Mittheilungen interessanter Gegenstände aus dem ganzen Gebiete der Litteratur und Kunst, gelehrte Fragen, Zweifel, Wünsche etc. Nur die Politik ist von allen Verhandlungen ausgeschlossen.

§ 3. (2.) Außer den Zusammenkünften durch die Herausgabe eines periodischen Blattes gemeinnützlichen Inhalts.

II.

Die Verfassung der Gesellschaft, wie sie von den ersten Mitgliedern einstimmig angenommen worden, ist folgende:

§ 1. Die Gesellschaft wählt aus ihrer Mitte alle halbe Jahre zwei Direktoren und einen Sekretär.

§ 2. Die Direktoren theilen sich in die Geschäfte der Gesellschaft auf folgende Weise: (A) der erste oder vorsitzende Direktor bring alle gemeinschaftlichen Angelegenheiten der Gesellschaft zum Vortrage. In seiner Abwesenheit ersetzt ihn (B) der zweite Direktor. Dieser verwaltet zugleich die ökonomischen Geschäfte der Gesellschaft, er bewahrt ihre Kasse, und führt die Rechnungen, welche alle halbe Jahre, von beiden Direktoren unterzeichnet, den sämmtlichen Mitgliedern

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in der Versammlung vorgelegt und dan zu den Akten geliefert werden.

§ 3. Die Geschäfte des Sekretärs bestehen in Führung der Korrespondenz und der Protokolle in den Versammlungen. In seiner Abwesenheit kann ihn ein anderes ordentliches Mitglied ersetzen.

§ 4. Diese drei Beamten können nach Verlauf der Zeit, für welche sie ernannt wurden, immer von neuem gewählt werden.

§ 5. Zur Aufnahme in die Gesellschaft als ordentliches Mitglied wird erfordert: (A) daß der Candidat eine Abhandlung über einen beliebigen Gegenstand einreiche, welche von einem der Direktoren in der Versammlung vorgelesen wird. Alsdann wird (B) über die Aufnahme durch Ballottement entschieden. (C) Der neue Aufgenommene unterschreibt die Gesetze und bezahlt beim Eintritt einen Louidor in die Gesellschafts-Kasse.

§ 6. Man kann, nachdem man es drei Monate vorher der Direktion angezeigt hat, gänzlich aufhören die Gesellschaft zu besuchen, und tritt alsdann in die Klasse der außerordentlichen Mitglieder. Diese entrichten keinen Beitrag zur Kasse. Ihnen bleibt das Recht unbenommen, sich wieder zu ordentlichen Mitgliedern anzumelden.

§ 7. Solche ordentliche Mitglieder, welche Ratzeburg gänzlich verlassen, bilden die Klasse der auswärtigen Mitglieder. Ihre Rechte bleiben ihnen für den Fall, daß sie zurückkommen.

§ 8. Die Gesellschaft kann einheimische Ehrenmitglieder durch Ballotement ernennen.

§ 9. Die Gesellschaft kann auf eben die Art auswärtige Ehrenmitglieder wählen.

§ 10. Sowohl die einheimischen, als die auswärtigen Ehrenmitglieder sind von den angegebenen Bedingungen der Aufnahme gänzlich befreit. Es wird der Gesellschaft angenehm sein, wenn sie ihr Abhandlungen mittheilen.
 

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§ 11. Nur die ordentlichen Mitglieder, welche in der Sitzung gegenwärtig sind, haben das Stimmrecht.

§ 12. Zu einem gültigen Ballottement gehört: (A) daß es acht Tage vorher von der Direktion angekündigt wird. (B) daß drei Viertel der ordentlichen Mitglieder anwesend sind. (C) daß drei Viertel der Anwesenden für die Aufnahme eines neuen Mitglieds stimmen.

§ 13. Alle übrigen gesetzlichen Beschlüsse der Gesellschaft erfordern eine Mehrheit von wenigstens zwei Drittel der Stimmen der anwesenden ordentlichen Mitglieder.

§ 14. Jedes ordentliche Mitglied hat das Recht, Auswärtige, die nicht zur Gesellschaft gehören, als Gäste in die Versammlungen einzuführen.

§ 15. Kein Mitglied ist verbunden, überall, oder nach einer gewissen Folge, oder zu einer bestimmten Zeit Vorlesungen zu halten.

§ 16. Wer eine Vorlesung zu halten gedenkt, macht davon in der vorhergehenden Sitzung eine schriftliche Ankündigung mit Bemerkung des Gegenstandes und verpflichtet sich dadurch zur wirklichen Mittheilung. Im Falle der Verfasser gehindert würde, persönlich zu erscheinen, überträgt er diese Mittheilung einem anderen Mitgliede.

§ 17. Jeder kann seine Abhandlungen selbst vorlesen oder sie durch einen andern vorlesen lassen.

§ 18. In dem Falle, daß keine Vorlesung angekündigt wäre, sorgt die Direktion für einen anderen Gegenstand zweckmäßiger Beschäftigung oder Unterhaltung.

§ 19. Die Gesellschaft feiert den 30. September als ihren Stiftungstag jedesmal durch eine außerordentliche Versammlung.

§ 20. Sie feiert ebenfalls den letzten Tag jeden Jahres durch eine Zusammenkunft, in welche jedes ordentliche Mitglied seine Familie und sonst Herren und Damen von seiner Bekanntschaft einführen kann.

§ 21. Die Gesellschaft bestimmt zu ihren Zusammenkünften besondere Zimmer in einem dazu eingerichteten Hause.

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§ 22. Sie versammelt sich jeden Mittwoch Abends um 5 Uhr. Bis 6 Uhr wird Thee servirt.

§ 23. Die Geschäfte und Vorlesungen nehmen um 6 Uhr ihren Anfang.

§ 24. Es hängt von jedem ab nachher an einem gemeinschaftlichen Abendessen theilzunehmen, welches besonders und gleich bezahlt wird.

§ 25. Für Zimmer, Heizung, Erleuchtung, Thee und andere gemeinschaftliche Bedürfnisse entrichtet jedes ordentliche Mitglied einen Beitrag zur Kasse, der halbjährlich bestimmt und vierteljährlich erhoben wird.

§ 26. Alle Veränderunen in der schon bestehenden Verfassung können nur durch drei Viertel der Stimmen der anwesenden ordentlichen Mitglieder bewirkt werden.
 

Ratzeburg, am 14. Oktober 1807.

Karl Reinhard, Zeitiger erster Direktor.
J. H. B. Dräseke, Zeitiger zweiter Direktor.
Ludwig Nauwerck, Zeitiger Sekretär.

Jedes Mitglied der litterarischen Gesellschaft erhielt folgendes Diplom:

Die Litterarische Gesellschaft in Ratzeburg hat in ihrer Sitzung am . . . . . . . in die Zahl ihrer . . . . . Mitglieder aufgenommen, und demselben darüber dieses Diplom anfertigen lassen. Urkundlich unter ihrem größerem Siegel und der eigenhändigen Unterschrift ihrer zeitigen Direktoren.

Geschehen zu Ratzeburg am . . . . .

In der ersten Zeit waren also Reinhard und Dräseke Direktoren und Nauwerck Sekretär, später scheinen auch Dietz, Schink, Sponagel und Gottschalck im Vorstande gewesen zu sein. Die Gesellschaft bestand anfangs aus 14 ordentlichen Mitgliedern und 4 einheimischen und 8 auswärtigen Ehrenmitgliedern, jedoch scheint sich diese Zahl bald vergrößert zu haben. Die Zusammenkünfte fanden bei dem Wirthe Glüer auf dem Rathskeller statt, zuweilen auch wohl bei

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einzelnen Mitgliedern. Die Namen derselben waren nicht mehr vollständig zu ermitteln. Von hiesigen habe ich in Erfahrung gebracht:

Pastor Dräseke, Rektor Dietz, Sekretär Nauwerck, Carl Reinhard, Dichter Schink, Kammerconsulent Sponagel, Landsyndikus Gottschalck, Auditeur Cumme *), Dr. Völckers, Medizinalrath Münch, Musikus Fiedler, Rußwurm.

Von auswärtigen: Pastor Schultze in Sahms, Simonis in Ruchow, Binder, Lübeck, Wilke, Grabow und König, Eutin.

Biographisches kann ich von folgenen mittheilen:

Der Begründer der litterar. Gesellschaft und Herausgeber der litterar. Blätter, also die Seele des Ganzen, war Carl Reinhard, geboren 1769 zu Helmstädt. Derselbe studirte dort und in Göttingen die Rechte, er war sodann Erzieher der Grafen von Wernigerode und Privatdozent in Göttingen. Im Jahre 1797 ward er dort Assessor der philosph. Fakultät. Ferner war er Magister der schönen Künste der Universität in Erlangen, Mitglied der litterar. Gesellschaft zu Halberstadt, des Pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg (unter dem Namen Lyndor), der Schlesw.-Holst.-Lauenb. patriotischen Gesellschaft zu Altona, der Berliner Gesellschaft f. deutsche Sprache und der Königl. Märkischen Gesellschaft f. Ökonomie zu Potsdam, Ehrenmitglied des weltlichen Stiftsritterordens St. Joachim, infolgedessen er sich später in Berlin VON Reinhard nennt. Er war auch kaiserlich gekrönter Poet, seine Gedichte sind aber lediglich Nachklänge deutscher und französischer Dichter. Im Jahre 1806 erhielt er den Titel eines herzogl. Sachsen-Gothaischen und Artlenburg. Hofraths. Seit dem Sommer 1806 lebte er in Ratzeburg und zwar im Dom-Kreuzgange bei seinem Schwager Rudolphi **), dem
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*) gestorben als Hofrath in Blumenthal, seine Wwe.
1873 in Ratzeburg.
**) Rudolphi war möglicherweise auch Mitglied der litterar. Gesellschaft, er starb 1836 oder 1837 als Pastor in Demern und war der Vater des Physikus Rudolphi.
 

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Subrektor der Domschule; von Nov. 1809 ab auf dem Domhof bei Nauwerck. Nach dem Eingehen der litterar. Gesellschaft zog Reinhard 1811 zuerst nach Hamburg, dann nach Altona. Seit dem Jahre 1824 lebte er in Berlin und Potsdam und starb am 24. Mai 1840 in Zossen *). Außer den Ratzeb. litterar. Blättern redigirte er auch von 1808-1811 das Ratzeburg. Intelligenzblatt, welches eine Zeit lang in Lauenburg gedruckt wurde. Es erschienen davon 3 volle Jahrgänge und 32 Nummern des vierten. Reinhard besorgte auch die Herausgabe von Gotfr. Bürgers sämmtlichen Werken; eine Sammlung seiner Gedichte erschien im Jahre 1819. Sein Sohn Carl von Reinhard (geb. am 5. März 1799 zu Göttingen) lebte bis 1820 in Altona und war dann preuß. Offizier. Derselbe gab im Jahre 1827 ein Handbuch der Terrainlehre heraus.

Der zweite Direktor war Johann Heinrich Bernhard Dräseke. Derselbe wurde am 18. Januar 1774 in Braunschweig geboren als Sohn eines Subalternbeamten, der eine zahlreiche Familie hatte und in bedrängten Verhältnissen lebte. Von 1792 bis 1794 bezog Dräseke die Universität Helmstädt, war dann kurze Zeit Hauslehrer bei dem Superintendenten Eggers in Ratzeburg und wurde dann in Mölln auf Veranlassung einer dort gehaltenen Gastpredigt schon am 20. Mai 1795 von dem Stadtmagistrat daselbst zum Diaconus erwählt und am 23. August des genannten Jahres – also noch ganz jung, im 22. Lebensjahre – als solcher eingeführt. Zu gleicher Zeit verheirathete er sich mit der ältesten Tochter des Predigers Rautenberg zu Rallstadt im Braunschweigischen, jedoch versetzte diese Verbindung Dräseke nachmals oft in die Nothwendigkeit, eine edle christliche Duldung zu bewähren. Doch segnete Gott diese Ehe mit 12 Kindern, von denen ihn sechs überlebten. Am 5. Febr. 1798 wurde Dräseke zum Hauptprediger in Mölln befördert und 1804 als Prediger auf den St. Georgsberg bei Ratze-
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*) Goedeke, Geschichte der deutschen Dichtung II. p. 1100 und Hamb. Schriftstellerlexikon. Anmerk. zu Nr. 3145.

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burg erufen, wo er 10 Jahre blieb. Im Oktober 1814 kam er als dritter Prediger an die Ansgarkirche nach Bremen. Später wurde er Generalsuperintendent der Provinz Sachsen zu Magdeburg mit dem Titel BISCHOF. Infolge kirchlicher Streitigkeiten verlangte und erhielt er 1843 seine Entlassung und zog nach Potsdam, wo er gelegentlich noch vor der Königl. Familie predigte; der König Friedrich Wilhelm III. hatte ihm dort eine am Fuß des Brauhausberges gelegene Villa geschenkt. Am 8. Dezember des Jahres 1849 starb er.

Dräseke war einer der größten Kanzelredner Deutschlands, ein Mann von imponirender Gestalt, sehr gewinnendem Wesen und gewaltiger Beredsamkeit; eigenthümlich war die Art seines Christenthums, das so weltförmig und doch für das Evangelium so begeistert war. Seine Predigten waren voll Feuer, zeigten einen seinen dramatischen Aufbau der Gedanken und eine kräftige poetische Form der Sprache. Sie waren reich an glücklichen Wendungen, treffenden und witzigen Ansprachen, originell, ohne Pedanterie, weil sie wahrhaft rednerische Kraft in freien, selbstgeschaffenen Formen zeigten. *)

Das deutsche Nationalgefühl war bei Dräseke stark ausgeprägt; am Unglück Preußens und der Erniedrigung Deutschlands hatte er in patriotischem Schmerze theilgenommen. Als 1806 die Franzosen nach Ratzeburg vordrangen, wurde eine Abtheilung Soldaten abgesandt, um den gewaltigen Prediger zu ergreifen. Zum Glück wurde Dräseke von der ihm drohenden Gefahr benachrichtigt und konnte entfliehen, sein Haus aber wurde geplündert und er selbst durfte erst nach dem Abzug der Feinde zurückkehren.

Das deutsche Volk und Vaterland wurde einer der vornehmsten Gegenstände, dem er das christliche Interesse zuwandte. Diesem Zwecke dienen die in Lübeck veröffentlichten Predigten, betitelt „Deutschland Wiedergeburt.“ Für die
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*) In Herzog und Plitt. Realencyclopädie Bd. III. S. 689 nennt ihn Tholuck das leuchtendste Meteor am Kirchenhimmel der neueren Zeit.

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litterar. Blätter hat Dräseke nur wenige und unbedeutende Beiträge (Charaden, Recension etc.) geliefert. Über Ideale und ihre Bedeutung für den Genuß des Lebens. Vorlesung am letzten Jahresabend 1807 in der Gesellschaft *).

Es existiren verschiedene Portraitbilder von ihm; eins brachte die Illustrirte Zeitung Nr. 97 am 10. Mai 1845 neben einer recht ausführlichen Lebensbeschreibung, welcher wir folgendes entnehmen:

„Um diese Lebenskizze Dräseke’s zu vervollständigen, entwerfen wir zunächst ein Bild seiner Persönlichkeit, allerdings so, wie es uns vor mehreren Jahren lebenskräftig entgegentrat. Eine edle, männliche Gestalt, würdevoll, und doch von sehr liebreicher Haltung und Ausdruck, ein Haupt, bedeckt von einem patriarchalischen schwarzen Sammetkäppchen, unter welchem weiße Haare ehrfurchtgebietend aber schlicht sich an die Schläfen legen, eine hohe Stirn, ein kleines aber geistreiches, blitzendes blaues Auge, ein Mund umspielt von einer feinen Klugheit, zarte frische Farben des Gesichts, eine herrliche volle Baritonstimme, der reinste deutsche Accent – dazu die ihn herrlich kleidende schwarze einfache Tracht mit dem eben so einfachen goldenen Bischofskreuz – Alles dies vereinigte sich, um Dräseke’s Erscheinung ein wahrhaft apostolisches, zugleich eindringliches und höchst wohlthuendes Gepräge zu verleihen. So erschien er uns an heiliger Stätte. Im Umgang mit Näherstehenden war er nach ihrem Zeugniß eben so theilnehmend und liebvoll, als geistreich und heiter; selbst sehr gastfrei, ein Freund sittigen Scherzes“.

Ein sehr rühriges Mitglied der litterar. Gesellschaft war Dr. JOHANN CHRISTIAN FRIEDR: DIETZ. Derselbe wurde 1755 in Wetzlar geboren. Sein Vater war Mecklenburger, der damals von einem Mitgliede des Reichskammer-
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*) Ein Verzeichniß seiner Schriften befindet sich in Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung Bd. III. Abth. 1. Seite 91.

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gerichts als Hauslehrer engagirt war. Dietz studirte Theologie und Philosophie und wurde im letzten Decennium des vorigen Jahrhunderts Subrektor in Güstrow, wo er einen eigenen Hausstand gründete. In Güstrow lebten und starben seine Eltern. Im Jahre 1804 wurde er an die Domschule in Ratzeburg als Rektor berufen. Seine Wohnung war in dem Hause, wo jetzt der Domorganist Ehlers wohnt. Dietz hatte sich einer zahlreichen Nachkommenschaft (13 Kinder) zu erfreuen. Von den Kindern lebten hier bis vor kurzem noch 2 hochbetagte, unverheirathet gebliebene Töchter im Predigerwitwenhause auf dem Domhof, die Fräulein Doris und Bertha Dietz, denen ich manche Nachrichten verdanke.

Zu Michaelis 1812 hatte Dietz die Pfarre in Ziethen bekommen, siedelte aber erst Ostern 1813 nach dort über, da er im Wintersemester noch an der Domschule zu unterrichten hatte. Er starb im November des Jahres 1833.

Seine schriftstellerische Thätigkeit war bedeutend. Er veröffentlichte verschiedene philosophische Werke *). Dietz war überhaupt mehr Philosoph als Theologe; durch alle seine Predigten zieht sich ein philosophischer Faden.

Eine Sammlung seiner Predigten erschien im Jahre 1795 in Rostock, eine zweite 1814. Dieser letzteren ist als Anhang beigegeben: Ein Scherflein zur Geschichte des Jahres 1813, worin er die Drangsale der Ziethener Pastorenfamilie schildert. Für die litterar. Blätter hat Dietz’ Feder manchen Artikel geliefert.

Ludwig Gottlieb Carl Nauwerck wurde – wahrscheinlich als Sohn des Superintendenten Nauwerck am Dom – um 1770 zu Ratzeburg geboren. Er war Kammersekretär und Registrator bei der Herzogl. Mecklenb. Regierung auf dem Domhof. Er wohnte in dem jetzt Spohlert gehörenden Hause. Als die Regierung im Jahre 1814 verlegt wurde, kam Nauwerck mit derselben nach Neustrelitz und wurde dort 1815 Rath. Er starb am Ende der dreißiger Jahre.
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*) z. B. die Philosophie und der Philosoph. Lpzg. 1802. – Vorles. z. 1 Jahrestage der litterar. Gesellschaft.

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Verschiedene Gedichte von ihm brachten die litterar. Blätter. Ein größeres episches Gedicht „Psyche“ *) erschien im Jahre 1811 in Neustrelitz. Dasselbe fand schon vor seinem Erscheinen sehr günstige Beurtheilung in den Ratzeburg. litterar. Blättern vom 17. November 1810.

Ein eifriger Mitarbeiter an den litterar. Blättern ist auch der Dichter Johs. Friedr. Schink. Derselbe wurde am 29. April 1755 zu Magdeburg geboren und besuchte dort die Schule des Klosters unserer lieben Frau. Schon damals ermunterte und beförderte der Pastor J. S. Patzke sein poetisches Talent. Im Jahre 1773 bezog er die Universität Halle, um Theologie zu studiren, jedoch beschäftigte er sich schon damals mit poetischen Versuchen und widmete sich, seitdem er als Candidat des Predigtamts in Berlin lebte, immermehr der Dichtkunst. Im Jahre 1779 fand er bei der Nouseuil’schen Schauspielergesellschaft eine Anstellung als Theaterdichter. 1780 ging er nach Wien, später nach Graz in Steiermark, bis er im Jahre 1789 als Dramaturg von Fr. Ludw. Schröder nach Hamburg berufen ward. Nachdem hielt er sich bis 1797 in Rellingen in Holstein und von da bis 1806 in Ratzeburg auf. Von hier ging er nach Luisenburg bei Kellinghusen zum Grafen Hans v. Rantzau, kehrte aber im Sommer des Jahres 1808 nach Ratzeburg zurück und trat in die Redaktion der litterar. Blätter ein. Er wohnte auf dem Domhof bei Nauwerck. Ratzeburg scheint er gleich nach dem Eingehen der litterar. Blätter verlassen zu haben. Im Jahre 1814 oder 1815 war er in Berlin, wo ihn Fürst Hardenberg Hoffnung auf eine Anstellung beim Nationaltheater gemacht hatte, was sich jedoch zerschlug. Durch die Gräfin Elise v. d. Recke wurde er der verwitweten Herzogin Dorothea von Curland bekannt, die ihm ein Jahrgehalt aussetzte und ihn dadurch von drückenden Sorgen befreite. Als die Herzogin im Jahre 1832 gestorben war, berief ihn ihre Tochter, die Herzogin von Sagan, zu sich
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*) Dies Gedicht findet sich in Goedeke, Geschichte der deutschen Dichtung Bd. III. Theil 2 erwähnt.

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und ernannte ihn zu ihrem Bibliothekar zu Sagan. Hier lebte er in glücklichen Verhältnissen bis zu seinem in hohem Alter am 10. Februar 1835 erfolgten Tode. Schink war sehr produktiv. Das Lexikon der Hamb. Schriftsteller giebt 90 größere Arbeiten, bestehend in Dramen etc. sowie eine Menge der in verschiedenen Journalen veröffentlichten Gedichte und Aufsätze an.

Eine besondere Erwähnung verdient auch Georg Christian Sponagel, geb. am 12. August des Jahres 1763 zu Lüneburg. Er studirte die Rechte und war zunächst Advokat, als welcher er sich im Jahre 1794 verheirathete. Im Jahre 1801 wurde er Kammerkonsulent in Ratzeburg, sodann Land- und Lehnsfiskal und Lauenb. und Mecklenb.-Strelitz. Regierungsprokurator. 1823 wurde er zum Justizrath ernannt; er starb am 26. Februar 1830 auf seinem Gute Rondeshagen. Das jetzige Posthaus in Ratzeburg bewohnte er als sein Eigenthum. Seine Enkelin, Frau Justizrath Hochstädt in Ratzeburg, besitzt ein Pastellgemälde, welches ihn in jüngeren Jahren vorstellt. Seine Feder lieferte komische, manchmal das Derbe streifende Arbeiten, z. B. „Meine 4 tägigen Leiden im Bade zu Pyrmont, in Briefen an einen Freund. Eine Brunnenlektüre in 4 Portionen zu lesen, wenn der Arzt den Mittagsschlaf untersagt hat“, (Hannover 1809 8° 2. Aufl. 1814. 3. Aufl. Pyrmont 1842) wovon ein Bruchstück in den litterar. Blättern enthalten ist. Ferner: „Des Vetters Feldzug in die Seebäder von Doberan“ (Hannover 1826 8° mit 1 K. Nachtrag 1827), worin besonders das Gedicht „der Amtsauditor“ amüsant. In den Ratzeb. Blättern hat er Manches veröffentlicht, so z. B. „Betrachtungen über das Ratzeburger Jungferngeläut.“ Verschiedene größere Aufsätze lieferte er für die seit 1818 in Ratzeburg erscheinenden privilegirten Lauenb. Anzeigen.

Die mit Gk oder –k unterzeichneten Beiträge rühren von Joh. Martin Christian Gottschalk her. Geboren am 15. November 1772 zu Bösenrode in Sachsen war G. seit 1806 Landsyndikus und Stadtkommissar in Ratzeburg, seit

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1816 Etatsrath und Ritter vom Danebrog. Im Jahre 1821 wurde er Königl. Dän. Regierungsrath und Etatsrath im Herzogthum Lauenburg.

Mehrere anonyme Aufsätze sind auch in den Lauenb. Anzeigen enthalten. Im Jahre 1810 war er im Direktorat der litterar. Gesellschaft und starb im Jahre 1839. Das Haus in der Herrenstraße, worin sich jetzt die Kgl. Kreiskasse befindet, diente ihm zur Wohnung.

Von dem Musikus Fiedler kann ich nur berichten, daß er einige musikalische Aufsätze geschrieben hat. Sein Wohnhaus war in der Herrenstraße Nr. 10, welches 1893 nach einem Brande einem Neubau weichen mußte.

Dr. Völckers schrieb einen Artikel, Erinnerung bei der jetzt epidemisch herrschenden häutigen Bräune, Angina membranacea, Croup, gemeinhin Kropfhusten genannt. Dieser Herr war der Vater des jetzt auf dem Domhof wohnenden Landphysikus Völckers. Er kam aus dem Hannöverschen und wohnte hier im jetzt Banseschen Hause vom Jahre 1805 bis März 1810, worauf er nach Eutin zog und dort im hohen Alter von 96 Jahren starb; er gehörte auch der dortigen litt. Gesellschaft als Mitglied an.

Von Andreas Wilke – wahrscheinlich später in Grabow – finden sich verschiedene Gedichte und Idyllen. Derselbe gab im Jahre 1809 eine Sammlung von Erzählungen für Kinder heraus. Über sin Leben habe ich nichts erfahren können. Er scheint identisch mit dem am 18. Januar 1844 als Kreisphysikus zu Wittstock verstorbenen A. Wilke, der ein Bändchen mit Gedichten, scherzhaften Erzählungen und Idyllen herausgab.

Dies sind die bedeutendsten Mitarbeiter; von auswärtigen haben noch Pastor Joh. Heinrich Schultze in Sahms *),
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*) geb. 14. Dezbr. 1768 zu Salzwedel, gestorben als Pastor in Gülzow 14. Novbr. 1847; über seine schriftstellerische Thätigkeit f. Burmester, Kirchengeschichte S. 188.

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Simonis in Ruchow, Senator Dr. Nicol. Binder in Lübeck und Schuldirektor König in Eutin *) verschiedene Aufsätze geliefert.

Die von der Gesellschaft herausgegebenen Ratzeburger litterarischen Blätter erschienen seit dem 1. Januar 1808, wöchentlich einmal und zwar Sonnabend; sie brachten, wie angekündigt, zur Belehrung und Unterhaltung und in bunter Reihe kleinere Aufsätze aus dem Gebiet der Litteratur und kUnst, der Philosophie des Lebens, der Naturkunde, der Gesundheitskunde, der land- und Hauswirthschaft, der Geschichte, besonders der vaterländischen, kurze Biographien und Reisebeschreibungen, ferner gemeinnützliche Vorschläge, wissenschaftliche Anfragen, endlich kleinere Romane und Erzählungen, Gedichte, Charaden und Räthsel etc., einmal auch ein Musikstück.

Das Unternehmen war gut und ernstlich gemeint, aber die Kraft der Produktion hielt nicht aus; man hatte jedenfalls nicht die genügende Anzahl von Mitarbeitern, um diejenigen, die schließlich alles beschaffen sollten, verloren umsomehr die Lust zum Fortarbeiten, je mehr man im Publikum über das Bltt zu mäkeln hatte. Die Redakteure legten ihr Amt nieder, und am 19. Dez. 1810 brachte das Blatt in der letzen Nummer eine von dem Dichter Schink verfaßte, tragikomische „Stand- und Abschiedsrede.“ Das Blatt und mit ihm die litterarische Gesellschaft waren eingegangen. Es ist übrigens anzunehmen, daß die traurige Zeit, die Einverleibung Lauenburgs in das französische Reich, kurz die mehr und mehr schwindende Hoffnung auf baldige Erlösung vom fremden Joche die Mitglieder entmuthigte und sie außerdem wohl zur Einschränktung ihrer Ausgaben gezwungen haben wird.
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*) Die mit E-n K-g unterzeichneten Artikel stammen aus der Feder des Schuldirektors König in Eutin. Geboren 4. August 1766 zu Celle kam er als Prinzenerzieher nach Eutin und leitete dann die dortige Gelehrten- und Bürgerschule. Im Jahre 1834 wurde er Hofrath und starb hochbetagt 16. September 1849. Er gehörte wahrscheinlich der litterar. Gesellschaft in Ratzeburg an. In Gemeinschaft mit Leibarzt Hellwag, Schloßer’s Schwiegersohn Nicolovius und dem Arzt Jacobi hatte er bereits 1804 in Eutin eine litterar. Gesellschaft gegründet, die bis 1819 bestand.

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Hofrath Reinhard und Dichter Schink waren die ersten, welche Ratzeburg nach dem Eingehen der Gesellschaft verließen, 1813 folgten Dietz und 1814 Dräseke und Nauwerck. Die Protokolle, Siegel und das Mitgliederverzeichniß der Gesellschaft sind nicht mehr vorhanden, wohl aber existirt noch 1 Expl. der Statuten und das Schema des Aufnahme-Diploms (beide habe ich der Friese’schen Sammlung in Lauenburg überlassen). Von den litterarischen Blättern kommen dagegen noch verschiedene Exemplare vor.

Das erhöhte litterarische Interesse in Ratzeburg scheint übrigens den Impuls zu einer weiteren Einrichtung gegeben zu haben; im Januar 1809 entstand nämlich die Ratzeburger Lesegesellschaft. Es wird nicht berichtet, wie groß die Zahl ihrer Mitglieder gewesen ist und ob sie mit der litterarischen Gesellschaft in enger Verbindung gestanden und die überdauert hat; jedenfalls aber war diese Einrichtung für eine kleine Stadt und unter damaligen Verhältnissen großartig zu nennen, denn nach der Ankündigung im Fürstl. Ratzeb. Intelligenzblatt (welches beim Hofbuchdrucker Glaeser auf dem Domhof erschien) zirkulirten im Jahre 1809 folgende Zeitschriften:
 

1. Minerva v. Archenholz heraus.
2. Berlinische Monatsschrift v. Biester.
3. Allgemeiner Anzeiger d. Deutschen.
4. Der Freimüthige.
5. Journal des Luxus und der Moden v. Bertuch.
6. Politisches Journal.
7. (Hallische) Allgem. Litteratur-Zeitung.
8. Ergänzungsblätter zur (Hallischen) etc. Zeitung.
9. Jenaische Allgem. Litteratur-Zeitung.
10. Neue Leipziger Litteratur-Zeitung.
11. London und Paris.
12. Morgenblatt für gebildete Stände.
13. Die Zeiten, herausg. v. Voß.
14. Neuer Deutscher Merkur, herausg. v. Wieland.
15. Zeitung f. d. elegante Welt.

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16. Bibliothek der redenden und bildenden Künste.
17. Miscellen f. d. neueste Weltkunde.
18. Jason.
19. Heidelbergische Jahrbücher d. Litteratur u. Kunst.
20. Selene, herausg. v. Rochlitz.
21. Die Biene, herausg. v. Kotzebue.
22. Erhebungen, herausg. v. Herrmann.
23. Europäische Annalen.
24. Nordische Miscellen.
25. Museum d. Alterthumswissenschaft, herausg. v. Wolff und Buttmann.
26. Allgem. Modenzeitung.
27. Friedens-Präliminarien.


 


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