Jahresband 1896

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


Die Lauenburger Fürstengruft
keine Krypta.

[Dr. Th. Hach]

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Im 22. Jahresbericht der Albinus-Schule zu Lauenburg a. E. (1895 Progr.-Nr. 294) hat Hr. Prof. Dr. C. GÜNTHER eine Untersuchung über „die Fürstengruft in der Lauenburger Stadtkirche“ veröffentlicht und damit eine länger umstrittene Frage von verschiedenen Seiten in dankenswerther Weise beleuchtet, ohne doch seinerseits zu einer eigenen festen Entscheidung gelangt zu sein. Alles hängt von dem Alter jener Gruft ab. Ist sie von Franz II. erbaut? Oder ist sie älter? Und, wenn letzteres der Fall ist, ist sie älter, gleichaltrig oder später als die jetzige Stadtkirche? Wenn auch von Prof. Günther die Ansicht bevorzugt wird, daß Herzog Franz II. die Fürstengruft nicht erbaut, sondern ein vorhandenes unterirdisches Gewölbe zur Anlage des Familienbegräbnisses nur benutzt habe, so bleiben doch immer die anderen Fragen, und auch das Räthsel ungelöst, wie die abwechende Stellung der Achse dieser Gruft, zu der Achse des Hauptschiffes der Kirche sich erklären lasse?

Um die Achsenverschiebung und UM DIE ANNAHME, DIE GRUFT SEI EINE EHEMALIGE KRYPTA, drehen sich wesentlich die Ausführungen Prof. Günther’s, dem man darin wird beistimmen müssen, daß „eine bestimmte Entscheidung“ über die schiefe Achsenlage des Gewölbes sich nicht wird geben

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lassen. Vielleicht aber läßt sich aus einer Prüfung der Kryptenfrage ein negativer Entscheid finden, der jener so sehr in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellten Achsenabweichung das Wunderliche nimmt, indem sie die angebliche Krypta als einen ehedem belanglosen Raum erscheinen läßt, auf dessen Achsenstellung wenig oder nicht ankam.

I.

Auf S. 9 der Günther’schen Schrift wird der Auffassung gefolgt, daß das Gewölbe unter dem Chor älter sei als die heute stehende Kirche und sich als die Krypta einer dem romanischen Stile angehörigen Kirche darstelle, welche schon früh, als eben die Stadt zu entstehen begann, von herzoglicher Seite zu bauen begonnen sei. Diese Kirche sei großartig mehrschiffig geplant gewesen, der Bau in’s Stocken gerathen, das Langhaus später einschiffig gebaut, „an das sich nun über der Krypta ein verhältniß umfangreicher Chorbau anschloß.“

Um über die Richtigkeit dieser Annahme ein Urtheil abgeben zu können, muß man sich in den Hauptzügen die Geschichte der Krypten als eines Bestandes der Kirchenbauten vergegenwärtigen. *)

Die Krypta der frühmittelalterlichen, besonder aber der romanischen Zeit stellt sich dar als eine Verbindung von katakombenähnlichen Anlagen unter den Kirchen mit der sg. „Confessio“, dem unter dem Hauptaltare der Kirche befindlichen Märtyrergrabe der altchristlichen Kirche. Seitdem unter Constantin d. Gr. der christliche Gottesdienst zur Staatsreligionsübung geworden war, wurden AUSZERHALB der Stadt ÜBER den dort belegenen, die Gebeine der verehrten Märtyrer enthaltenden Cömeterien Kirchen gebaut. Hier war also das Grab des Märtyrers das Vorhandene,
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*) Am ausführlichsten handeln hierüber DEHIO G. u. v. BEZOLD, die kirchliche Baukunst des Abendlandes. Stuttgart 1884 ff. Lief. 1. S. 180 ff.

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das prius, zu dem als posterius das Kirchengebäude darüber trat. Zu dem cubiculum, in welchem in dem Cömeterium die Gebeine des betreffenden Heiligen ruhten, führten Stufen hinab. Die unberührte Grabstätte und das Kirchengebäude standen im engsten Zusammenhange, auch nach der Örtlichkeit.

Es begann aber auch bald die Sitte, Überreste eines Märtyrers nachträglich von der ursprünglichen Grabstätte fort in eine Kirche hineinzutragen; hier war das Kirchengebäude das prius, die den Märtyrerresten in demselben eingeräumte neue Grabstätte das posterius. Dies wurde der Anlaß zur Herrichtung eigener Gewölbe unter dem Hauptaltare der Kirche, und die Erweiterung der Confessio zu einem halb oder ganz unterirdischen kirchlichen Raume ist eben das, was wir unter dem Namen „Krypta“ zu verstehen haben.

Diese Krypten konnten erst aufkommen, seitdem man sich nicht mehr scheute, die Märtyrerleiber selbst, ganz oder getheilt, von ihrer ursprünglichen Grabstätte in den Katakomben zu entfernen. Bis in’s siebente Jahrhundert hinein pflegte solches nur ausnahmsweise zu geschehen. Man begnügte sich meistens mit sg. Berührungsreliqien, d. h. mit dem Leichnam des Märtyrers in Berührung gebrachten Gegenständen, die dann in das „sepulcrum“ des Altares, welches von dieser Art des Ersatzes des Märtyrergrabes seinen Namen führt, gelegt oder unterhalb des Altares eingemauert wurden.

Erst als im neunten Jahrhundert die Märtyrerleiber selbst als kirchlicher Exportartikel massenweise nach den nördlich der Alpen gelegenen Ländern geführt wurden und die Wunderkraft der Berührung der Gebeine oder ihrer Hülle einem Dogma gleich allgemein geglaubt ward, führte diese Anschauung dazu, die Unzugänglichkeit der mit dem Altar über ihr unzertrennlich verbundenen Confessio aufzugeben und die unter dem Altar befindliche Gruft mit dem Märtyrerleibe zugänglich zu machen, das Gruftgewölbe zum kirchlichen Raume mit eigenem Altare zu gestalten. EIGENER ALTAR UND

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EIGENER ALTARDIENST WARD ZUM WESENTLICHEN ERFORDERNISZ JEDER KRYPTA. Die Krypta selbst aber fand so allgemeine Verbreitung in den cisalpinischen Ländern, daß unter den größeren, namentlich bischöflichen und klösterlichen Kirchen Englands, Frankreichs und des südlichen und westlichen Deutschland vom 9. Jh. bis gegen Schluß der romanischen Periode, also bis gegen das Jahr 1200, fast keine größere Kirche ohne Krypta gebaut worden ist.

Von den baulichen Formen der Krypten, deren Dehio und Bezold die ringförmige oder altitalienische, die katakombenartige oder cisalpinische, und die aus beiden entwickelte Form der unterirdischen Hallenkirchen unterscheiden, ist hier nicht näher zu reden; nur sei erwähnt, daß das Kloster Prémontré, 12. Jh., das Mutterhaus des Prämonstratenserordens, die katakombenartige Form der Krypta aufweist und daß bei der durch das kreuzförmige Grundrißschema der romanischen Kirchen herbeigeführten gemischten Form, der unterirdischen Hallenkirche, eine wesentliche Höherlegung des Chores stattfindt; dabei weist die ältere Epoche nur EINEN breiten Treppenaufgang zum Chor und rechts und links je einen Kryptaeingang auf; die jüngere Epoche legt den Krypteneingang in die Mitte und erhält so ZWEI Treppen zum Chor hinauf. Diese Form hat sich in Deutschland noch bis Ende des 12. Jhs. fast allgemein üblich erhalten.

II.

Wie steht nun das Bisthum Ratzeburg, zu welchem ja Stadt und Land Lauenburg, also auch die Stadtkirche Lauenburgs, gehörte, zur Kryptenanlage?

Auch zur Beantwortung dieser Frage müssen wir etwas weiter ausholen. Wir sahen eben, daß das Mutterhaus des Prämonstatenserordens, Koster Prémontré, die cisalpinische katakomenartige Form der Krypta in seiner Klosterkirche aufwies. Man möchte annehmen, hierin seien auch die Töchterklöster dem Mutterhause gefolgt. Das ist nicht der Fall. Bekanntlich war Norbert, der Stifter jenes Ordens,

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ein Verwandter Kaiser Heinrichs IV. und von diesem 1126 zum Erzbischof von Magdeburg ernannt. Aus seiner Zeit ist ein Krypta-Neubau in Magdeburg selbst nicht bekannt. Denn die Marienkirche in Magdeburg ist im wesentlichen 1129 neugebaut; doch enthält sie ältere Bestandteile, darunter die Kryptenanlage aus der Zeit von 1064-1100; die jetzige FORM der dreischiffigen Krypta aber entstammt erst einem Umbaue vom Schluße des 12. Jhs. Nun stand aber dem Marienkloster in Magdeburg, dessen Klosterkirche diese Marienkirche war, seit 1139 Evermodus als Probst vor, ein Schüler Norberts, mit diesem aus Prémontré nach Magdeburg gekommen und von ihm zum Probste gesetzt, derselbe welcher 1154 von Heinrich dem Löwen zum ersten Bischofe des neugegründeten Bisthums Ratzeburg berufen ward.

Ein Mitschüler Evermodus bei Norbert war Anselmus; er ward 1129 zum Bischofe von Havelberg befördert. Als 1144 dem Magdeburger Marienkloster ein Teil des zum Havelberger Sprengel gehörigen Dorfes Jerichow bei Tangermünde geschenkt war zum Zwecke der Gründung eines Prämonstratenserklosters, ging nach Umtausch von Ländereinen der Bau durch und für die aus dem Magdeburger Marienkloster entsandten Brüder alsbald vor sich. Die 1147-52 gebaute Klosterkirche zu Jerichow, das Muster der spätromanischen Ziegelbauten für das norddeutsche Tiefland, hat unter dem mit Apsis versehenen Chore keine katakombenartige, sondern eine zweischiffige Krypta, die kaum vier Fuß tief in der Erde liegt und bis 10 Fuß in die Kirche aufsteigt, also dem gemischten Schema gefolgt ist.

Probst in Jerichow war Isfried, welcher 1180 als Nachfolger Evermods den Bischofsstuhl von Ratzeburg einnahm und bis 1204 innehatte.

So waren denn im Bisthum Ratzeburg, dessen Capitel aus Prämonstratensern nach Augustiner-Regel bestand, die beiden ersten Bischöfe in der ellerengsten Beziehung zum Ordensstifter Norbert, zum Prämonstratenserkloster. Unser Lieben Frauen in Magdeburg und zu Jerichow. Und doch

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blieben diese Thatsachen ohne Einfluß auf die Gestalt der Ratzeburger Bischofskirche. Hat doch schon der anerkannte Kunstgelehrte, der ehemalige preußische Generalkonservator Ferd. v. Quast den Ratzeburger Dom als eine mit den für den Ziegelbau nothwendigen Abänderungen versehene „fast wörtliche Copie“ des Braunschweiger Domes (1173 gegründet, 1227 vollendet) also frühestens aus dem Anfange des 13. Jhs., erklärt. *) Gerade die Abweichungen aber sind für uns von großer Bedeutung. Der Braunschweiger Dom hat eine dreischiffige Krypta. DER DOM ZU RATZEBURG, wie der mit dem Braunschweiger Dom gleichzeitig gebaute Dom zu Lübeck, HAT NIEMALS EINE KRYPTA BESESSEN, **) sondern schon mit der für Bischofs- und Klosterkirchen herkömmlichen Sitte gebrochen.

Zwar will Hr. Prof. Günther die Berufung darauf, daß sich „in keiner neuen Kirche dieser Periode noch Krypten vorfinden“, nicht gelten lassen. Er beruft sich zunächst darauf, daß Haupt zugebe, „es sei in dem Streite des Romanismus mit dem neuen Stile auch in unserer Gegend öfter der erstere Sieger geblieben“. Beispiele sind nicht angeführt, jedenfalls kann dieses aber nur auf die Einzelformen, nicht auf die Bauanlage, wenigstens nicht auf die Krypta Anwendung finden. Zu Gunsten der Krypteneigenschaft des Lauenburger Gewölbes führt dann Prof. Günther noch weitere Gründe ins Gefecht, nämlich daß „sogar sehr umfangreiche Kryptenanlagen
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*) HAUPT UND WEYSZER sehen freilich (S. 11 ihres Buches) für den Ratzeburger Dom „das Jahr 1172 ganz unverwerflich als Zeit, wo der Bau im besten Betriebe und 1178 als Jahr, in dem er, zum mindesten teilweis, im vollendeten Zustande war“, an. Für das Jahr 1178 scheint nur Evermod’s Tod und sein erst nach 1291 gelegter sog. „Grabstein“, der nichts darüber enthält, daß Evermod gleich nach seinem Tode im jetzigen Dom begraben sei, die Quelle zu sein. Für das Jahr 1172 wird Heinrichs des Löwen Bauzuschuß von 100 Mk. jährlich nach Arnold v. Lübeck I. II c. 13 angeführt. Der Bau des Lübecker Domes, der denselben Zuschuß erhielt, begann 1173, wie Arnold angiebt, vom Beginn des Ratzeburger Domes sagt er nichts.

**) Rickmann. Die Domkirche zu Ratzeburg. 1881. S. 54.

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anlagen noch in bedeutend jüngeren Kirchen nachweisbar“ seien. Er beruft sich hierbei auf die  euzkirche in Breslau und auf die übrigen bei Müller und Mothes, Archäologisches Wörterbuch 1877 S. 604 angeführten Beispiele, aber sehr mit Unglück. Denn die Kreuzkirche in Breslau hat gar keine Krypta, sondern ist der obere Teil einer Doppelkirche, deren unterer Teil die Bartholomäus-Kirche bildet, von der außer Müller und Mothes noch niemand behauptet hat, daß sie „eine Krypta“ sei. (Vgl. LOTZ. Kunsttopographie Deutschlands I, 116; H. OTTE, Handbuch d. kirchl. Kunstarchäologie, 5. Aufl. II, 444).

Ueberhaupt ist der Artikel „Krypta“ bei Müller und Mothes ein höchst unglücklicher und ihre Beispiele aus der Gothik treffen nicht zu; denn von der Münchener Frauenkirche, die 1271 zur Pfarrkirche erhoben war und beim Bau des jetzigen 1494 geweihten Domes Abbruch erlitt, ist nirgends gesagt, daß damals die Krypta NEU ANGELEGT sei, sie ist nur als schon vorhanden, BEIBEHALTEN bezw. erneuert worden. Die Wenzelskirche in Naumburg ward NACH EINEM BRANDE 1473 in spätgotischem Stile aufgebaut; auch hier kann die Anlage der Krypta älter sein. Bei der Peter-Paulskirche in Görlitz, hat die dreischiffige „spätgotische“ Krypta (1417 begonnen, 1432 geweiht) eine sehr complicirte Anlage mit spätromanischen rundbogigen Fenstern, bei spitzbogigen Rippengewölben; offenbar liegt also auch hier nur der Fortbau einer weit älteren Anlage vor, nicht aber die Neuanlage einer Krypta in nachromanischer Zeit. Schließlich führen Müller und Mothes noch die 1475 gotisch umgebaute Kirche auf dem Nonnenberg in Salzburg in’s Feld. Diese Kirche ist im Jahre 600 gegründet, 1000 vollendet, brannte 1423 ab und ward der Wiederaufbau um 1464 begonnen, „mit Benutzung romanischer Reste“; auch hier ist die Krypta keine neue Anlage, sondern man hat das Vorhandene beibehalten und umbebaut. *)
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*) W. LOTZ a. a. O. II, 430 und G. JAKOB, die Kunst im Dienst der Kirche. 3. Aufl. Landshut 1880 S. 70 Anm. 2.

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Aber selbst wenn eine oder die andere Krypta der genannten Kirchen in ihrer Neuanlage ein späteres Datum aufweisen könnte als der Ratzeburger Dom, so hätte solches für unsre niedersächsische Gegend gar keine Beweiskraft. Der mit der Kolonisation der nordelbischen, unserer niederdeutschen Tiefebene eingedrungene, veränderte frische thatkräftige Geist hatte an den niederen und dämmerigen Krypten keinen Gefallen; sie stimmten in der That nicht mehr zu der neuen Richtung, und daraus erklärt sich, daß auch Ratzeburg und Lübeck keine Krypta in ihren gewlatigen Kirchen mehr aufweisen. War dieses aber bei den Kathedralen nicht einmal der Fall, wie viel weniger bei kleineren Kirchen, die nicht einmal Stiftskirchen waren. Ja es läßt sich fast behaupten: es ist im ganzen rechtselbischen Gebiete der norddeutschen Tiefebene für den romanischen und Übergangsstil nur eine einzige nach 1180 ANGELEGTE Krypta nachweisbar und zwar im fernen Schleswien bei der 1203-1213 gebauten Cisterziensernonnenkirche Trebnitz bei Breslau, ein Ausnahmebeispiel, welches für unsere Gegend aller beweislichen Kraft entbehrt.

III.

Diese Thatsache festzuhalten ist wichtig; denn sie läßt die von Prof. Günther über die Entstehung der Lauenburgischen Fürstengruft gegebene Annahme als unhaltbar erscheinen. Prof. Günther meint, Bernhard von Anhalt, als Nachfolger Heinrichs des Löwen in Lauenburg, habe diesem nacheifernd die Lauenburg und die dabei entstehende Stadt zum Mittelpunkt des neuen Herzogthums bestimmt. Dabei habe es ihm nahe gelegen, hier eine gleich bedeutende Kirche anzulegen, wie der Dom in Ratzeburg, und in ihr eine Krypta, wie im Braunschweiger Dom, Ratzeburgs Vorbild, eine solche vorhanden war. Dieser Bernhard’schen Anlage gehöre wahrscheinlich die Fürstengruft der Stadtkirche an.

Eins wie das andere ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Angenommen selbst, daß Bernhard von Askanien mit seinen bescheidenen Mitteln Luft gehabt habe, den kleinen

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Gernegroß zu spielen und dem mächtigen und reichen Heinrich dem Löwen nachzueifern, worüber uns nichts überliefert ist, so fehlt doch jede Spur, daß unter seiner Herrschaft außer der zur Sicherung seines Landes notwendigen lauenburgischen Waldburg, die 1182 gegründet, 1184ad solum“ zerstört, dann wieder aufgebaut, bei der Belagerung durch Waldemar 1201 als ungemein fest durch Lage und Kunst bezeichnet wird, irgend eine größere Ansiedelung an der Stelle der jetzigen Stadt sich gebildet habe, deren Mittelpunkt eine so bedeutende Kirchenanlage wie Prof. Günther sie voraussetzt, habe bilden können. Weder Isfrieds Grenzvertrag 1194, noch das Zehntenregister 1230 kennen hier eine Ortschaft oder eine kirchliche Anlage, während das Zehntregister doch SÄMTLICHE dicht um Lauenburg gelegene Dörfer der Parochie Lütowe kennt. Stutzig machen muß es doch auch, daß 1246 erst die Ansiedelung Lauenburg genannt wird, von einer Kirche aber gar keine Rede ist. Und doch mußte eine Auseinandersetzung mit der Kirchspielskirche in Lütau stattgefunden haben, ehe eine Stadtkirche entstehen konnte.

Nirgends findet sich der geringste Anhaltspunkt, daß der Anhaltiner einen mehrschiffigen Bau einer Kirche beabsichtigt habe. Alles ist nur Vermuthung, aufgebaut auf der irrigen Annahme, die Fürstengruft sei eine Krypta gewesen.

Irrig aber ist solche Annahme auch noch aus manchen anderen Gründen, von denen folgende die augenfälligsten sind. Keine Krypta, selbst die ganz unterirdisch angelegte nicht, entbehrte einer Lichtzuführung, sei es direct von der Seite, wenn auch nur der Ostseite, oder doch wenigstens durch eine Öffnung im Fußboden des über der Krypta liegenden Kirchenraumes. Weder diese noch jene Lichtzuführung ist bei der lauenburgischen Gruft vorhanden gewesen. Nirgends sind Spuren der Vermauerung solcher Öffnungen zu entdecken gewesen, nicht einmal in der Decke des überwölbten Raumes. Über diese sagt Prof. Günther (S. 4 seiner Schrift): Die Gruft sei „mit einfachem Kreuzgewölbe gedeckt“ und S. 8 heißt es: „Dem Übergangsstile gehört

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auch die bauliche Ausführung des Gewölbes an. Es besteht aus einem einfachen Gratgewölbe ohne die in der Gotik später auftretenden Gurte und gleicht vollständig den Deckenwölbungen im Ratzeburger Dom, in dem Chor der Georgsberger Kirche, im Nebenschiffe der Möllner Kirche“.

Hier liegt abermals ein Irrthum vor. Freilich hat die Deckenbildung der Fürstengruft keine „Gurten“ (- soll wohl „Rippen“ heißen? -); aber es ist auch kein „einfaches Gratgewölbe“ und ist von den Gewölben der genannten Kirchen sehr verschieden. Die Fürstengruft ist bekanntlich ein fast quadratischer Raum von etwa 2,20 m Scheitelhöhe. In der Mitte der Nord-, Ost- und Südwand steigt eine etwa 40 cm breite, flache Pfeilervorlage auf bis etwa zur halben Deckenhöhe. Inmitten der Westwand befindet sich der im Bogen überdeckte Eingang. Daß auf den Wandvorsprüngen jemals ein Gewölbe aufgesetzt habe, davon ist jetzt keine Spur zu finden; sie haben keine Gewölbefunction. Jetzt gehen freilich von den Ecken der Vorsprünge an der Nord- und Südwand, - nicht aber an der Ostwand – Gewölbegrate aus, aber nicht in einer Weise, daß die Vorsprünge nicht ohne Schaden für die Wölbung fehlen könnten; die Vorsprünge sind für die Ansätze dieser Gewölbe nicht erbaut. Dieser Gewölbe, sage ich. Denn der Raum ist nicht „mit EINEM einfachen Gratgewölbe ohne Gurte“ überspannt, sondern die Decke wird aus zwei von Nord nach Süd gespannten parallelen Grat-Gewölben über rechteckigem Grundrisse gebildet, deren äußere Grate in den Winkeln des Raumes sich ohne Träger todtlaufen, während die inneren, wie gesagt, bei der Nord- und Südwandvorlage ansetzen. Ein Trennungsgrat zwischen beiden Gewölben fehlt. Auch laufen die Grate jedes Gewölbes nicht, wie bei Kreuzgewölben in der Mitte zusammen, sondern lassen einen nicht unerheblichen Spiegelraum in der Mitte frei. Diese Art der Deckenbildung steht aber mit den Gewölben der romanischen Periode oder des Übergangsstiles nicht im Einklange.

Man könnte nun annehmen wollen, der ganze Raum sei ursprünglich mit vier Kreuzgewölben überspannt gewesen

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die auf einer jetzt fehlenden Mittelstütze und auf den Wandvorsprüngen sowie über der Eingangsthür ihre Stützpunkte gehabt hätten. Allein hierfür ist jetzt wenigstens im Mauerwerk oder Fußboden nirgends der geringste Anhalt zu finden. Ohne mindestens EINE freistehende Stütze baute aber die romanische Kunst niemals eine Krypta. Nimmt man hinzu, daß jede Krypta, wie wir oben sahen, ihren eigenen Altar hatte, auch von solchem aber in der Lauenburger Gruft gar nicht überliefert ist, auch unter den im Jahre 1320 in der Stadtkirche vorhandenen 7 Vikarien keine auf den Krypta-Altardienst sich bezieht, so wird man auch aus allen diesen Gründen zu dem Ergebniß gelangt sein und es als endgiltig feststehend aussprechen: Die Fürstengruft ist niemals eine Krypta gewesen.

IV.

Wenn aber die Fürstengruft keine Krypta war, was war sie dann? und wie erklärt sich ihr Vorhandensein, wenn man die Annahme festhält, daß sie älter sei, als die baulichen Maßnahmen Herzogs Franz II. in der Kirche?

Auch auf diese Frage ergiebt sich leicht eine Antwort aus der Betrachtung der Örtlichkeit im Vergleich mit ähnlichen an andern Orten hervortretenden Erscheinungen.

Schon bei Haupt und Weyßer S. 89 ist darauf hingewiesen, daß „bei der ungünstigen Ortsbeschaffenheit“ der Boden der Stadtkirche zum Theil erheblich unter dem ihrer Umgebung liegt. Hierin findet auch die Gruft ihre Erklärung. Vielfachgab es zwar unter den Kirchen, besonders auch unter den Chorpartien einschiffiger Kirchen, Grufte, die oftmals und namentlich im südlicheren Theile Deutschlands als Totengrüfte dienten, ja stellenweise die sog. Karner geradezu ersetzten. Nicht selten aber verdanken solche Grüfte ihr Dasein auch lediglich der schlechten Terrainbeschaffenheit, welche namentlich der Feuchtigkeit wegen es erheischte, den Chor höher zu legen. Dies ist nun auch für Lauenburg zutreffend. Denn unmittelbar neben und hinter dem Chore erhebt sich

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noch jetzt steil das Gelände, welches in früheren Zeiten wohl noch dichter an die Kirche im Osten herangetreten sein wird.

Soviel ist jedenfalls aus der ganzen architektonischen Beschaffenheit der Gruft klar, daß sie nicht als ein für den kirchlichen Kultus wichtiges Glied des Kirchengebäudes gegolten hat und nicht zu eigenem Gottesdienst bestimmt war. Die ganze fenster- und lichtlose, alles Schmuckes und der einfachsten architektonischen Auszierung baare Anlage bringt es zu klarem Ausdrucke, daß die Gruft nur als Notbehelf angesehen ward und nur der Notwendigkeit, das Sanktuarium, den Chor, in angemessene, der Feuchtigkeit entrückte Höhenlage zu bringen, ihren Ursprung zu verdanken hat.

Und nun noch einige Worte über die von Prof. Günther so sehr betonte Verschiedenheit der Achsenrichtung zwischen der Gruft und dem Hauptschiff. Diese ist in den Kirchen des Mittelalters etwas so ungemein häufiges, daß man sich gar nicht darüber zu verwundern braucht, um so weniger wenn man mit Prof. Günther annimmt, daß der Bau der Kirche zu verschiedenen Zeiten stattgefunden habe. Schon die verschiedene Richtung der Baulinie je nach der Jahreszeit des Baubeginns verlangt hier Berücksichtigung. Und ferner: Wir wissen über die Zeit der Erbauung des 1827 abgerissenen Chores nichts; die Zeichnung Timmermann’s bei Haupt und Weyßer S. 92 zeigt uns nur, daß er in Formen aufgeführt war, die als gothische in Anspruch zu nehmen sind und vielleicht dem 13. Jh. zuzuweisen, aber auch bis zu Ende des 16. Jhs. in gleicher Weise angewandt sind. Die von Prof. Günther S. 5 erwähnte Thatsache, daß an der Südwand der Gruft sich eine Steinschicht vorgefunden hat, welche nach außen glatt abschloß, ehe das Fundament selbst aufhörte und daß die jetzige Außenwand genau der Richtung der Mittelage des Hauptschiffes entspricht, berechtigt noch keineswegs zu dem Schlusse, daß die jetzige Außenwand mit der Bauzeit des Hauptschiffes gleichaltrig sei. Nichts, am wenigsten die uncharakteristischen Formen der Timmermann’schen Zeichnung, widersprechen der Annahme, daß diese Choranlage ebensogut

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einer der vielen „in den drei letzten Jahrhunderten mehrfach“ vorgenommenen Umschaffungen angehört, als man die schiefe Achse der Gruft erkannt, oder auch von letzterer gar keine Notiz nehmend einer stärkeren Basis für die Chorpartie bedurft hatte.

Was dann den Umstand anlangt, daß man bei der Prachtanlage durch Franz II. nicht auch den schiefen Eingang zur Gruft verändert habe, so wird man nicht außer Acht lassen dürfen, daß bei überwölbten Räumen mit so niederen Stirnmauern, wie die Gruft sie bietet, nicht ohne Weiteres überall sich ein genügender Eingang durchbrechen läßt. Auch war man nicht immer pedantisch auf Symmetrie bedacht. Die höchst geringe Differenz zwischen Hauptschiffachse und der ehemals nicht durch besonderen Schlußstein im Eingangsbogen kenntlich gemachten Mittelachse der Gruft, war sicher damals niemandem anstößig, wo leicht vermeidbare, weit größere Unregelmäßigkeiten allgemein und alltäglich waren. Besondere Sorgfalt und Pracht hat Franz II. auf die zur Aufnahme der fürstlichen Leiber bestimmte Gruft sicher nicht angewendet; sie sticht ärmlich und erbärmlich ab gegen das Denkmal und die Pracht, welche er, allen Augen sichtbar, AUF dem Chore und an den Portalen verschwendete. Herrlich und kostbar was das mosaikgeschmückte Mausoleum der letzten lauenburgischen Herzöge beim Piaristenkloster in Schlackenwerth. Aber auch in diesem wahrhaft fürstlichen Mausoleum erweisen sie die unterirdischen Sargbehälter von erschreckender Nüchternheit und Kahlheit, wie sie der Lauenburg’schen Fürstengruft anhaftet. Auf sie wandte man keine Mühe.

Möglich ist, daß dieser der Nothdurft entsprungene Raum schon vor Franz II. als Todtengruft gedient hat, die er dann nothdürftig zur Fürstengruft einrichtete. Eine KRYPTA war, wie wir sehen, diese Gruft niemals; aber wenn auch künstlerisch ohne Interesse, bietet sie doch der historischen Forschung der engeren Heimath Anlaß, sich eingehend mit ihr zu beschäftigen, wie Prof. Günther es in seiner Schrift gethan hat.

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Mußte ich in Einzelheiten seinen Ausführungen entgegentreten und Stützen seiner Schlußfolgerungen und Annahmen als nicht von der vorausgesetzten Tragfähigkeit und Tragweite, wie er sie ihnen beigelegt hat, bezeichnen, so bleibt jene Arbeit doch nicht minder verdienstlich und ist dankbar anzuerkennen. Wie von ihm, so ist auch von mir des Rätsels endgültige positive Lösung noch nicht gefunden worden; es wird auch kaum jemals völlige Lösung gelingen, zumal jetzt, wo unter dem neuen Fußboden, der neuen Tünche vielleicht einer oder der andere, anscheinend noch so geringe Anhalt zu genaueren Feststellungen durch Steinschichtung, Fugen usw. auf lange Zeit ruht. *)
 

LÜBECK im Mai 1896.
 
Th. HACH. Dr.


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*) Es sei mir gestattet, hier noch eine persönliche Bemerkung anzufügen. In der Einleitung seiner Schrift bedauert Herr Prof. Günther, daß sowohl Haupt als ich, durch die Anlage unsrer Arbeiten gezwungen gewesen seien, den Ratzeburger Dom (der kreuzförmigen Grundriß hat) zu übergehen, da er mecklenburg-strelitzschen Gebietes sei. „So erkläre sich die Bemerkung Hach’s: „Es findet sich im Lauenburgischen keine einzige Kirche, deren Grundform ausgeprägt die Gestalt des Kreuzes darböte“, nur aus DIESER BEGRENZUNG AUF EIN POLITISCH GESONDERTES GEBIET, DIE DOCH EIGENTLICH BEI EINER KUNSTHISTORISCHEN DARSTELLUNG NICHT GANZ RATSAM ERSCHEINEN WILL“. Hier darf ich zu meiner Verteidigung wohl sagen, daß ich gar keine „kunsthistorische Darstellung“ habe geben wollen, sondern in der Einleitung jener meiner Schrift über „die kirchliche Kunstarchäologie des Kreises Herzogthum Lauenburg“ S. 8 ausdrücklich betont habe, nur eine „vorläufige Übersicht“ dessen bieten zu wollen und zu können, „was das Gebiet des jetzigen Kreises Herzogthum Lauenburg an kirchlichen Kunstdenkmälern und Alterthümern enthält“, und daß sich meine Untersuchungen auf „DIE KIRCHLICHE KUNSTARCHÄOLOGIE“ jenes Gebietes beschränken. „Kirchliche Kunstarchäologie“ und „kunstgeschichtliche Darstellung“ sind aber zwei, wenn auch vielfach sich berührende, doch ganz selbständige Wissenschaftszweige. Zudem konnte ich den Ratzeburger Dom, wenigstens als Gebäude, um so mehr außer Betracht lassen, als er auf den Kirchenbau im jetzigen Kreis Herzogthum Lauenburg, soweit ich sehen kann, nicht den geringsten Einfluß geübt hat.

H.


 



 

 

 

 



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