Jahresband 1894

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miscelle.]

Zeitungsjubiläum.

[N. N.]
 

Die in Ratzeburg erscheinende, 1818 gegründete Lauenburgische Zeitung feierte am 1. October v. J. ihr 75jähriges Jubiläum, wovon wir doch an dieser

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Stelle Act nehmen zu sollen glauben, da dieses Blatt die älteste aller lauenburgischen Zeitungen ist und „ein Stück lauenburgischer Geschichte . . . mit dem Lande, wonach es seinen Namen führt, in dieser Zeit (1818-93) erlebt“ hat. Wir lassen die Worte, die die Zeitung in Nr. 115 vom 30. September 1893 in dieser Veranlassung an ihre Leser richtet, hier folgen:

„Mit einem Festgruß tritt heute die Lauenburgische Zeitung vor ihre Leser, indem sie den Tag ihres 75jährigen Bestehens begeht.

Zwar ist es kein Tag von weittragender Bedeutung, immerhin aber ist er einiger Beachtung werth, wenn man bedenkt, daß ein so hohes Alter nicht gar vielen Zeitungen beschieden ist. Denn von den ca. 3400 politischen und Anzeigeblättern Deutschlands haben nur 61 ein Alter von 100 Jahren und darüber erreicht. In der Provinz Schleswig-Holstein ist es nur ein Blatt, welches hierzu zählt, nämlich die Glückstädter „Fortuna“, die 1890 ihr 150jähriges Jubiläum feiern konnte. Von den übrigen 117 Zeitungen unserer Provinz haben nur 5 ein Alter von über 75 Jahren; es sind dies das Eiderstedter Wochenblatt (gegr. 1801), das Rendsburger Wochenblatt (1807), die Schleswiger Nachrichten (1811), die Tondernsche Zeitung (1812) und die Itzehoer Nachrichten (1817). Ihnen schließt sich nun die Lauenburgische Zeitung als nächstälteste mit dem Gründungsjahr 1818 an.

Ein Stück lauenburgischer Geschichte, wandelbar im Verlauf, aber zu gutem Ende führend, hat das Blatt mit dem Lande, wonach es seinen Namen führt, in dieser Zeit erlebt, gute und böse Tage hat es gesehen und Freud und Leid mit seinen Lesern getheilt. Denn mehr als zwei Generationen hindurch ist es in vielen Häusern ein ständiger Gast gewesen, frohe und ernste Botschaft bringend, wie es die Tagesereignisse verlangten.

Gleich einem alten lieben Hausfreunde erscheint die Lauenburgische Zeitung jahraus, jahrein in so manchen

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Familien, und dies freundschaftliche Verhältniß derselben zu ihren Lesern veranlaßt uns denn auch, aller Politik und allen Tagesneuigkeiten voran heute einmal ein Lebensbild eben dieses alten Hausfreundes zu geben, indem wir von der Entstehung unseres Blattes erzählen.

Der Begründer der Lauenburgischen Zeitung war Johann Georg Christian Freystatzky. Er entstammte einer alten Buchruckerfamilie, deren Name schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts genannt wird und der auch in der zur 300jährigen Jubiläumsfeier der Buchdruckerkunst 1740 in Leipzig herausgegebenen Festschrift mit „Christian Math. Freystatzky von Lauenburg“ verzeichnet ist. Geboren im Jahre 1771, kam er als vielgereister Mann, der seine Kenntnisse in den großen Druckereien des In- und Auslandes bereichert hatte, 1815 nach Ratzeburg und etablirte sich hier als Buchdrucker. Ort und Zeit seiner Niederlassung waren offenbar glücklich gewählt. Ratzeburg war bereits als alte Druckstätte bekannt, da auf dem Domhofe seit 1660 eine fürstlich privilegirte Buchdruckerei bestanden hatte, aus der mancherlei größere Druckwerke, so um 1695 die sogen. Lüneburger Bibel, hervorgegangen waren. Der letzte Besitzer, Z. H. Gläser, war 1811 verstorben, ohne in den nächsten Jahren einen Nachfolger gefunden zu haben; gewiß eine Folge der bei der Erhebung Deutschlands gegen die napoleonische Fremdherrschaft auch in unserer Gegend ausgebrochenen Unruhen.

Der neue Buchdrucker Ratzeburgs dachte wohl gleich bei seiner Niederlassung an die Herausgabe einer Zeitung, doch mußten ihm auch manche Bedenken gegen ein derartiges Vorhaben aufgekommen sein. Denn zwei ähnliche Unternehmen des letzten Dombuchdruckers hatten sich nicht als lebensfähig erwiesen, indem sowohl die von Z. H. Gläser um 1774 herausgegebene „Neue politische Zeitung“ – ein kleines zweimal wöchentlich erscheinendes Blättchen -, wie das bei ihm von 1808 bis 1810 erschienene und von einer vierköpfigen Kommission redigirte „Fürstlich ratzeburgische

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Intelligenzblatt“ nach kurzem aber hartem Kampf ums Dasein eingegangen waren.

Erst im Jahre 1818 reifte daher der Gedanke zur That und die in jener Zeit etwas langsamen Verhandlungen um das für die Herausgabe einer Zeitung benöthigte Privilegium begannen. Dasselbe wurde allerdings seitens des damaligen Landesherrn, des dänischen Königs Frederik VI., dem Buchdrucker Freystatzky in Ratzeburg ertheilt, jedoch wurde ihm nicht verstattet, „politische Nachrichten in das von ihm herauszugebende Wochenblatt aufzunehmen, wonach sich männiglich allerunterthänigst zu achten“. Unter so erschwerenden Umständen trat das Unternehmen am 1. Oktober des genannten Jahres ins Leben, wohl nicht erfüllt von großen Hoffnungen für seine Zukunft. Denn durch die erwähnte königliche Urkunde wurde der einzigen Zeitung des Herzogthums Lauenburg von vornherein jede Mitwirkung im politischen Leben unmöglich gemacht und ihr der Charakter eines Unterhaltungs- und Anzeigeblattes gegeben.

Als solches führten sich die „Privilegirten Lauenburgischen Anzeigen“ bei ihrem erstmaligen Erscheinen am Sonnabend, den 3. Oktober 1818, denn auch ein. In der die erste Nummer eröffnenden „Vorerinnerung“ wird auf den Werth der neuen Zeitung hingewiesen, welchen dieselbe durch die in ihr erscheinenden allerhöchsten Verordnungen und Verfügungen habe, der noch erhöht werde durch belehrende und unterhaltende Aufsätze. In bescheidenem Format, 4 Seiten Quart, aber in sauberem Druck liegen uns die ersten Nummern des zweimal wöchentlich erscheinenden Blattes vor. Bekanntmachungen der Königl. Dänemarkischen Regierung, der Hofgerichts-Canzlei und des Magistrats zu Ratzeburg, des Justizamts der Landvogtei des Fürstenthums Ratzeburg und anderer Behörden wechseln ab mit kleinen Plaudereien, belehrenden Artikeln aus allen Gebieten des Wissens, Räthseln u.s.w. Bescheiden wagt sich hin und wieder eine Empfehlung geschäftlicher Art in die Spalten; die Backtafel und die Fleischtaxe von Ratzeburg, Hamburger

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Geldkurse und Lübecker Getreidepreise ergänzen den Inhalt. Jahrelang blieben sich die „Lauenburgischen Anzeigen“ nach Form und Inhalt gleich. Als ihr Begründer im Dezember 1829 starb, konnte erwohl kaum hoffen, daß das von ihm herausgegebene Blatt bis auf den heutigen Tag in seiner Familie sich erhalten werde. Von der Wittwe des Verstorbenen und später von seinem Sohne, dem Buchdruckereibesitzer H. H. C. Freystatzky, fortgeführt, gewann die Zeitung allmählich einen größeren Leserkreis, immerhin aber litt sie unter der ihr versagten Aufnahme politischer Nachrichten, zumal gerade in dieser Hinsicht das Lesebedürfniß von Jahr zu Jahr stieg. Bemerkenswerth aus jener Zeit ist nur, daß sich das Blatt die Pflege der Geschichte unserer engeren Heimath besonders angelegen sein ließ und u. A. zahlreiche Aufsätze von Duve und anderen Geschichtsforschern veröffentlichte.

Erst 1857 wurde das oben erwähnte, der gedeihlichen Entwicklung des Blattes hinderliche Verbot der Veröffentlichung politischer Nachrichten auf Vorstellung des Ministerums für die Herzogthümer Holstein und Lauenburg mittelst Allerhöchster Resolution vom 5. Oktober aufgehoben. Das Blatt nahm nun ein größeres Format an und trag unter dem veränderten Titel „Lauenburgische Zeitung“, den sie noch heute führt, in die Reihe der politischen Zeitungen ein.

Doch die fast 40jährige Bevormundung des Blattes und der in den nächsten Jahren häufige Wechsel in der Leitung desselben ließen vorerst keinen Aufschwung zu und erst in den siebziger Jahren zeigte sich eine Hebung der Zeitung.

Im Jahre 1881 verlor dieselbe ihren dritten Besitzer, blieb jedoch auch fernerhin der Familie ihres Begründers erhalten.

In dem Bestreben, das Blatt immer mehr und mehr auszugestalten, wurde zunächst durch die regelmäßige Wochenbeilage „Illustrirtes Sonntagsblatt“ eine den Lesern willkommene Bereicherung ihres Inhalts geboten und vom

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Jahre 1885 ab kam die Zeitung im jetzigen Format dreimal wöchentlich heraus, hiermit den Anforderungen entsprechend, welche der Leser an sein Lokalblatt zu stellen gewohnt ist.

Keiner Partei dienend, hat die Lauenburgische Zeitung, wenn auch in den ihr gegebenen bescheidenen Grenzen, in deutsch-nationalem Sinne gewirkt und den Wahlspruch: „Mit Gott für König und Vaterland“ sich zur Richtschnur ihrer politischen Thätigkeit dienen lassen. Daneben war sie bestrebt, die berechtigten Interessen des Kreises Lauenburg und seiner Bewohner wahrzunehmen und zu fördern. Aufaben, denen das Blatt auch fernerhin seine redliche Arbeit widmen wird.

Die Unterstützung, die der Zeitung hierin von manchem treuen Mitarbeiter zu Theil geworden ist, veranlaßt uns, jener heute in Dankbarkeit zu gedenken. Herzlicher Dank gebührt aber auch all den Lesern, die in jahrelanger Freundschaft zur Lauenburgischen Zeitung gehalten und dadurch die Feier ihres 75jährigen Bestehens mit ermöglicht haben.

Mögen sie alle an der Freude theilnehmen, die uns am heutigen Jubiläumstage beseelt, des Tages, der von dem Segen der Arbeit vernehmlich zu uns spricht und uns zu weiterem freudigen Streben ermuthigt.



 

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