Jahresband 1894

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


MISCELLEN.

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Hieronymus Schulze.


[W. Dührsen.]

Unter den Hamburgern im 32. und 33. Bande der Allgem. Deutschen Biographie führt Herr Dr. W. Sillem in den Mittheilungen des Vereins für hamburgische Geschichte Jahrg. XV 1892 p. 372 sub Nr. 13 u. A. auf: Band 33 Nr. 13 Hieronymus Schulze geb. 1534 in Hamburg, gestorben 1591, lauenburgischer Kanzler (von Krause, Rostock). Dieser Mann hat in der lauenburgischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, da er vermöge seiner Begabung das Amt eines herzoglichen Kanzlers erlangte und in dieser Stellung einen großen Einfluß gewann. Es wird daher allseitig interessiren, über ihn etwas Näheres zu erfahren. Die nachstehenden Mittheilungen sind zum Theil der cit. Allg. D. B. entnommen und der Güte des Herrn Dr. Sillem zu verdanken. Hieronymus Schulze (auch Schulte, Schultheiß, Schultheß genannt), wie schon bemerkt in Hamburg 1534 geboren, war möglicherweise ein Sohn des 1554 verstorbenen, 1547 in den Hamburger Rath gewählten Lüder Schulte dessen 1596 gestorbener Sohn Johann gleichfalls dem Rathe angehörte. Daß er wohlhabende Eltern hatte, darf man daraus schließen, daß er in Bologna studirte und dort wahrscheinlich auch promovirte, denn in Rostock, wo er 1552 immatriculirt ward, kommt bis 1560 sein Name unter

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den Graduirten nicht vor. Auf welche Weise und unter welchen Umständen der junge Hamburger Jurist in den lauenburgischen Staatsdienst gekommen, läßt sich nicht mehr feststellen. Wir finden ihn seit etwa 1570 als Rath der Herzöge von Lauenburg und zugleich der von Holstein und des Administrators des Stifts Ratzeburg. Als Rath oder vielmehr als Kanzler des durch seine Regierung unrühmlich bekannten stets geldbedürftigen Herzogs Franz I. muß er häufig in den ewigen Streitigkeiten seines Herrn mit dessen Söhnen Magnus und Franz II. vermitteln und wird mit dem damaligen Gut Besenhorst belehnt, das er später gegen das adliche Gut Obermarschacht eintauscht *). Nach dem Tode Franz I. dient er auch dessen Nachfolger, dem Herzog Franz II., unter dessen Regierung in den ersten Jahren die Zustände im Lande nicht viel besser waren als vorher. Wir müssen daher den Freimuth bewundern, mit welchem der Kanzler seinem Herrn und Gebieter die Wahrheit sagt. Er überreichte ihm am 7. September 1583 eine Denkschrift, in welcher er dem Herzog bittere Vorwürfe über seine Heftigkeit macht und daß er durchaus keinen Widerspruch vertrage und schlechten Rathgebern sein Ohr leihe. „Und sein“, heißt es darin, „der Herschaft viel angenehmer gewesen, so Rathschläge zu geben gewußt, wie man am Hofe viel Reisige, viel hochtrabende, köstliche, schöne Pferde halten und durch Recht oder Krumm zu solcher Unterhaltung entweder von den armen Unterthanen ihr Schweiß und Blut aussaugen oder mit Versetzung, Veräußerung der Lande und Leute die Nothdurft ausrichten und zu Wege bringen möchte. Wie man aber Land und Leute vermehren, recht und gerecht Jedermänniglich mittheilen, Kirchen und Schulen bestellen soll, deßhalb hat man sich wenig bekümmert,

*) Er wurde 1584 damit belehnt und vergrößerte es durch Ankauf. Mit seinem Urenkel Landrath Hieronymus Werner v. Sch. starb am 2. Mai 1750 das Geschlecht aus und mit dem Gute wurden die Freiherrn v. Bülow wiederum belehnt, die es noch innehaben.

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wie dann auch um solche Leute, so hiezu Rath zu geben gewußt haben“, u.s.w. *)

Es scheint, daß diese geharnischte Vorstellung doch einige gute Folgen gehabt hat, denn alsbald (3. Juni 1584) erschien schon Franz II. Constitution zur Beförderung der heilsamen Justiz, welcher demnächst die Kirchenordnung und die erneuerte und verbesserte Hofgerichtsordnung folgten. Dem mannhaften Auftreten des Kanzlers Schulze ist es sicherlich zuzuschreiben, daß Franz II. sich im Allgemeinen als ein tüchtiger Regent während seiner Regierungszeit bewährte. Bekannt ist es, daß u. A. unter seiner eigenen Direction die ersten Kirchenvisitationen im Lande abgehalten wurden.

Als Besitzer des Ritterguts Obermarschacht (das jetzige Vorwerk Fredeburg hat ihm auch eine Zeit lang gehört) hat unser Kanzler mannhaft gegen fürstliche Über- und Eingriffe gekämpft und wohl wesentlich die s. g. Union der Ritter- und Landschaft im Jahr 1585 zu Stande gebracht und mit unterzeichnet. Unter den 4 Ältesten der R. u. L., denen Vollmacht zu deren Einberufung ertheilt ward, ist „Hieronymus Schultze, der Rechte doctor, auf Marßchacht, Cantzler“ als zweiter aufgeführt. – In Schleswig-Holstein war er Rath des Herzogs Adolf I. von Gottorp ( am 1. Oktober 1586), dann der Herzöge Friedrich und Philipp. Nach Adolf’s Tode, als Detlev Rantzau Statthalter des Gottorpischen Antheils wurde, und ein Collegium für die gemeinsame Regierung auf Betrieb des achtzehnjährigen Herzogs Friedrich und der verwittweten Herzogin Christine, geb. Landgräfin von Hessen eingesetzt ward, bildeten dieses der Statthalter, zwei Mitglieder der Ritterschaft: Dietrich Blome und Sievert Rantzau und die drei rechtsgelehrten Räthe Hieronymus S., Kaspar Hoyer und Berent Soltau.
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*) Den Wortlaut dieser Denkschrift werden wir im nächsten Jahrbuch bringen. Er findet sich u. A. in Hartw. v. Perkenthin’s handschriftlicher Sammlung verschiedener Schriften etc.

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S. hatte hier die gottorpischen Rechte auf das Bisthum Schleswig, freilich vergeblich, mit zu verfechten; ebenso gleich nachher den siegreichen ständischen Kampf um das Wahlrecht in Bezug auf die Übertragung der gemeinsamen Regierung gegen die Königin-Wittwe Sophie, die Tochter Ulrich’s von Mecklenburg. So nahm er wieder Theil an dem ganzen Landrath, den Heinrich Rantzau, der produx oder prorex Cimbriae zum Juli 1588 einberief. Daß das Regierungscollegium „bei der herrschenden Confusion und Unordnung“ es nöthig fand, am 13. Februar 1587 untereinander eine Union zu schließen: auf Eintracht und Frieden, gegen Verdächtigungen, üble Nachreden und Angeberei untereinander, bei Anklagen am Hof alle für einen Mann zu stehen und auch nach dem Tode eines Genossen dessen Leumund zu schützen, ist ein schweres Zeichen der Zeit. Den Anstoß wird man nach der Lauenburger Union bei S. suchen müssen. Als Kanzler des Bisthums Ratzeburg nahm er an der dortigen Kirchenvisitation von 1581 Theil. Er starb im Juni 1591. Sein Schwager war der gottorpische Rath und „Staller“ Kaspar Hoyer. Seit 1598 erscheint sein Sohn Heinrich S. in der Lauenburger Ritterschaft auf den Landtagen. Noch 1619 forderte die Familie in Kammerprocessen rückständige Kanzlergehalte, sie wurde, wie bemerkt, später geadelt und starb 1750 aus. *)
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*) Vergl. außer Koppe l. c. Waitz Gesch. Schleswig-Holsteins II, 412 ff. u. Masch, Gesch. des Bisthums Ratzeburg S. 527.

WD.

 

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