Jahresband 1894

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Hospital St. Georg zum Sandkruge.

[Johannes Friese]

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Im Vorjahr mußte das baufällig und unbewohnbar gewordene Armenhaus zum Sandkruge bei Lauenburg auf Abbruch verkauft werden, nachdem einige Zeit vorher für die einzige Bewohnerin dieses Hauses ein anderweitiges Unterkommen gefunden war.

Nach den gefälligen Mittheilungen des Herrn Pastors Hoppe zu Artlenburg finden sich über dieses interessante Armenhaus im Haupt-Lagerbuch der dortigen Pfarre verschiedene Eintragungen.

„Das Hospital St. Georg ist ein Armenhaus, von Lauenburgischen Fürsten gestiftet. Das Stiftungsjahr ist unbekannt.“

Auch ruht dort eine im Jahre 1725 ausgefertigte Abschrift der Stiftungsurkunde vom Pastor Peter Lorenz Helm und Hospital-Vorsteher Johann Heinrich Brüggmann,

„nach welcher das Hospital sehr alt sein muß.“

Die Fundationsurkunde enthält folgende Bestimmungen:

1. es soll Niemand in diesem Armenhauß ausgesetzet, auch Niemand eingenommen werden. Es sei denn, daß es mit unserm Vorwissen, Consens und Bewilligung geschehe, auch soll es unserm verordneten Superintendenten zuvor angezeigt werden.

2. es sollen allezeit 6 Persohnen darinnen sein und nicht mehr.

3. es sollen keine angenommen werden, als aus dem Amte Lauenburg (wozu die Parochie Artlenburg gehörte).

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4. es sollen auch allein eingenommen werden, die einen guten, ehrlichen Leumund haben, die Armuth, Alters und Gebrechlichkeit halber solches beneficii benöthigt, doch daß sie gute Gezeugniß bringen, daß sie ihre Güter nicht selber umgebracht und verschwendet, sich irgend selber nicht willig in Armuth gesetzet hätten. Auch sollen eingenommen werden alle Diener und Dienerinnen, die aus anderen Örtern gebürtig und uns auf unsere Häuser und Ämter lange getreulich gedienet und irgend in Unglück gerathen wären.

5. Wer in diß Armenhauß eingenommen wird, soll 10 Mark Lübsch an Rechtem Gelde einbringen, er sei wer er wolle, und was von Betten und andern ein jeder einbringet, soll nach seinem Absterben im Armenhauß bleiben.

Damit die Armen Leute fein gottselig, christlich und friedlich leben mögen, so soll es folgender Gestalt gehalten werden:

1. An Sonn- und Feiertagen, auch in der Woche, wenn gepredigt wird, sollen die Armen Leute, wofern sie die allmächtige Gottes-Gewalt nicht daran hindert, fleißig zur Kirche gehen.

2. Wenn die Bete-Glocke geschlagen wird, sollen sie fein zusammen kommen, niederknien und ihr Vater Unser von Herzen beten, auch Gott mit herzlichen Seufzen anrufen, daß Er unsern gnädigen Fürsten und Herrn, Ihre Fürstl. Gnaden herzliebe Gemahlinn, junge Herrschaft und Fräulein außer- und innerhalb Landes gnädig schützen und seegnen wolle, auch allen, so zu Unterhalt der Armen etwas um Gottes Willen geben, zeitliche und ewige Belohnung widerfahren lassen. Zum

3. Auch sollen die Armen Leute fein einig und friedlich miteinander leben, denn Zänkische und Haderhafte sollen nicht darinnen gelitten werden. Und damit sie sich in der Gottseeligkeit desto mehr üben mögen, soll der Pastor aus Artlenburg jährlich ein paar mahl etwa um Ostern

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und Michaelis in das Armenhauß kommen und die Armen Leute im Catechismo fleißig examiniren und verhören, auch fleißige Nachforschung thun, ob sie sich auch der Ordnung nach im Gebete und Gottseeligkeit verhalten und ob sie auch fein friedlich miteinander leben, und an welchen er Mangel finden wird, soll er dem Superintendenten anmelden, welcher es und ferner in Unterthänigkeit wird zu entdecken wissen und auf unser Befehl mit den Gottlosen, Zänkischen und Haderhaftigen ferner zu verfahren, wie sichs gebühret.

Was den Armen, so in diesem Armenhauße sein, vom Fürstl. Hause Lauenburg und auch von den Vorfahren jährliches zu gewissen zeiten ausgetheilet und gegeben werde:

Ein Schwein vom Fürstlichen Hauße.

Die Vorsteher geben ihnen alle Quartal einem jeden 6 ßl. zu 2 Pfund Butter, einem jeden auf Michaelis ein paar Schuh, auch sollen ums ander Jahr 7 Ellen Gewand von den Vorstehern gekauft werden, davon ein jeder Mann einen Rock, eine Frau aber eine Bost Kayff könne machen lassen, das Futter sollen die Armen Leute selber dazu thun, das Machelohn geben die Vorsteher aus.

Ueber dieses bekommen die Armen Leute wie folget:

1. von allen Schiffen, die niederwärts fahren, geben ihnen ein jedes Schiff, so nach Lüneburg fahren, jedesmahl ein Brodt, die andern aber geben ihnen, was ihr guter Wille ist. Zum

2. auch sammeln sie jährlich zu 2 Mahlen in Artlenburg, da ein jeder nach seiner Gelegenheit giebt, was eines jeden guter Wille ist.

3. Aus Lüneburg bekommen sie jährlich eine Tonne Salz und eine Tonne Hering, bisweilen mehr oder weniger, danach der Hering theuer ist 1), auch 28 Pfund Rothspeer (?),
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1) Nach Art. XXVII der Vereinbarungen der am 26. Juli 1816 zu Ratzeburg versammelten Commission der betheiligten Mächte zur Vollziehung der tractatmäßigen Uebergabe des Herzogthums Lauenburg von der Krone Hannover, zuerst an die Krone Preußen und von dieser an

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bisweilen mehr oder weniger, darnach der Rothspeer theuer ist, noch 7 Hpt. Malz, bisweilen mehr oder weniger, darnach das Malz theuer ist.

Die Nonnen zu Lüne geben jährlich 6 ßl. David Brunschweig in Lüneburg giebt jährlich 6 ßl. Grete Eier in Lüneburg giebt jährl. 6 ßl.

Daß diese Abschrift mit dem Original in allen Stücken gleichlautend und übereinstimmt, solches haben hiermit pflichtmäßig bezeugen wollen.

Peter Lorenz Helm, Prediger,
Joh. Heinrich Brügmann, Hospit.-Vorsteher.“

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Das Vermögen des Hospitals hat anno 1753 betragen

an ausstehendem Capital 700 Thlr. 20 ßl.
an baarem Vorrath 102 Thlr. 22 ßl.
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zusammen 802 Thlr. 42 ßl.


Darunter einbegriffen zwei Legate

1. das s. g. Brinningk’sche Legat 50 Thlr. (1635)
2. das s. g. Wedel’sche Legat 50 Mk. (1688).

Ferner finden sich im Pfarrlagerbuche noch folgende Angaben:

„Es wird den Armen Leuten ein Kahn gehalten. In diesem Kahn fahren allezeit 2 Männer aus dem Hospital die ganze Woche hindurch, um von den niederfahrenden Schiffen ein Almosen sammeln zu können, auch im Fall der Noth ein und andere überzusetzen.

Vom Königlichen Amte Lauenburg bekommt das Hospital jährlich 10 Thlr. schwer Geld, alle Jahre ein fettes Schwein 4 Thlr., ein Schaaf 32 ßl., 8 Scheffel und 4 Spind Rocken.
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die Krone Dänemark, wurde nach Feststellung aller in Betracht kommenden Verhältnisse beschlossen:
„Die Verhältnisse der Stadt und Saline zu Lüneburg, des Armenhauses zu Artlenburg zur künftigen Erledigung auszusetzen.“

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Außerdem hat eine von den 2 Frauenspersonen die Woche hindurch in einer verschlossenen Sparbüchse die Sammlung der Almosen von den Reisenden, die über die Elbe kommen.

Von Königl. Kammer jährlich 1 Faden Buchen Brennholz frei geliefert.

Außerdem haben die Armen jährlich ihre gewisse Sammlung, in Artlenburg 3 Mahl, Ostern, Martiny und Weihnachten, Avendorf 2 Mahl, Schnakenbek 2, Krukau, Juliusburg und Krüzen einmahl. Ein jeder giebt ihnen aus gutem Willen nach seinem Vermögen. Der Pastor von Artlenburg und der Amtmann in Lauenburg haben die Verwaltung, und bekommt erster dafür jährlich 4 Mk. schwer Geld, der Vorsteher 2 Mk. schwer Geld.“

Die Stiftungsurkunde selbst ist nicht aufzufinden, es darf aber mit Sicherheit angenommen werden, daß das Hospital von Franz II. gestiftet worden ist, der aus der Zahl der askanischen Fürsten durch Wohlthätigkeit und kirchlichen Sinn besonders hervortrat.

Die wohldurchdachten Fundationsparagraphen entsprechen seinen zahlreichen bekannten Anordnungen.

Für das geistige wie leibliche Wohl der Hospitaliten war hinreichend Sorge getragen. Außer zahlreichen Naturallieferungen und regelmäßig wiederkehrenden Sammlungen in den zugehörigen Ortschaften lieferten das Fährboot und die Sammlungen mit der Büchse bei der überfahrenden Post zwischen Lübeck und Lüneburg ergiebige Einnahmen. Die Sammlung mit der Büchse, welche oft 2 Mark betragen haben soll, fiel aber im Jahre 1864, mit dem Aufhören dieser Post nach Eröffnung der Eisenbahn Lüneburg-Hohnstorf, von selbst weg.

Das Fährboot mußte ihnen genommen werden, weil die Herren Fährleute oft betrunken seinen und die Passagiere in Gefahr gebracht hätten. Es soll auch in dem von Männern und Frauen bewohnten Stift zuweilen ein freies, üppiges Leben mißfällig beobachtet worden sein.

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Die Einsammlungen in den genannten Orten sind eingestellt, weil nach der heutigen Gesetzgebung jeder Ort für seine Armen zu sorgen hat und die Bewohner für das Hospital daher nichts mehr geben wollen.

Obwohl die Zahl der Hospitaliten sich immer mehr und mehr verringerte und sämmtliche verbliebenen Einnahmen vertheilt wurden, war es nach der Mittheilung des Herrn Pastors Hoppe, der seit 1867 als Mitverwalter der Stiftung thätig ist, schließlich nicht mehr möglich, die bleibenden Bewohner genügend zu ernähren. Es mußte in Nothzeiten mit Bewilligung der Regierung selbst das Capital des Hospitals angegriffen werden.

Heute ist, wie bereits erwähnt, nur noch eine Hospitalitin am Leben, die mit ihrer Zustimmung anderweitig untergebracht ist. Die Kosten des Neubas dürften den größten Theil des noch verbliebenen Capitals verzehren.

Mit Genehmigung der Regierung sind jetzt alle Capitalien belegt, um nach genügendem Anwachsen zu ähnlichen Zwecken verwendt zu werden.

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Als im Jahre 1885 der Verein für Hamburgische Geschichte eine Wanderung von Geesthacht nach Lauenburg unternahm, wurde bei der Fährstelle zum Sandkrug gerastet, an dem historischen Orte, wo einst Tiberius 1) mit der stolzen römischen Flotte vorüberfuhr, Karl der Große mit seinen Heerschaaren die Elbe überschritt, Wilzen, Linonen und Bechelanzen, Sachsen, Wenden und Obotriten mit wechselndem Glück lange um die Herrschaft stritten, Heinrich der Löwe Landesversammlungen nach der mächtigen Erteneburg berief und leitete 2), wo einst sämmtliche Schiffe den

1) Vellejus Paterculus. Historiae romanae. II. 106-7.
2) Zu Artlenburg am Strome, da spiegelt sich Gebäu
Vom Thal und von der Höhe. Da hast der starke Leu;
Wenn er die Mähne schüttelt, dann hält kein Wende Stand,
Es schaudern die Feinde des Reiches, und Sturm fährt über das Land.

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üblichen Elbzoll erlegen mußten, die lauenburgische Ritterschaft, Adel, Beamte und Großgrundbesitzer, umgeben von Goyenschützen, jubelnd vorbeizogen, um den von der Hochzeitsreise heimkehrenden Herzog Magnus von der Landesgrenze bei Lüdershausen bis zur Lowenborg zu begleiten, wo der Verkehr des Mittelalters in bunten Bildern sich hin und her bewegte, die Streiterschaaren des 30jährigen Krieges über den Strom setzten, in den Freiheitskriegen Lützower und Tiroler Jäger mit den Franzosen von Ufer zu Ufer Kugeln wechselten, 1851 nach Brückenschlag österreichische Brigaden über die Elbe rückten, 1784 und 1855 Wasserfluthen die Fesseln durchbrachen und den Ort Artlenburg nebst Fluren verwüsteten.

Größeres Interesse als diese historischen Erinnerungen bot den Hamburgischen Geschichtsfreunden das oben besprochene halb verfallene niedersächsische Armenhaus 1), aus dessen oberer Thürhälfte das unverheirathet gebliebene alte „Gretchen“ aus Avendorf in verwahrloster Kleidung und wild herunterhängendem, spärlichen Kopfhaar neugierig den Kopf hervorstreckte, um als einzige Bewohnerin und Nutznießerin der Stiftung einen Gruß aus verschwundenen Zeiten darzubringen.

Schon im Jahre 1881 hatte die letzte Mitbewohnerin das Zeitliche gesegnet.

Die Hauptanregung zur allgemeinen Aufmerksamkeit gab aber folgende Erzählung.

Im Jahre 1685 wurde der Hamburger Bürger Hieronymus Schnitzer „sampt seiner Liebsten“ von Straßen-
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Von Heinrich, dem Löwenkühnen, der Welschland tapfer zwang
Und zu Artlenburg vom Schlosse weit blickte die Land entlang.
Zur Sadelbande zogen die Führer der Völker heran
Und was dem Reiche von Nöthen, hier ward’s bedacht und gethan.
Professor Haupt (Haupt und Weysser, Bau- und Kunstdenkmäler im Kreise Herzogthum Lauenburg).

1) Eine kurz vor dem Abbruch des Hauses genommene Photographie habe ich zu meiner Sammlung gelegt.
 

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räubern in Hamm überfallen und entführt, die Verfolgung aber durch die Mannschaft des Capitains Ahlers sofort aufgenommen, mit der Weisung, die Entführer anzugreifen an allen Orten und Enden, wo sie dieselben fänden.

Wie Herr Dr. Schrader in den „Mittheilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte“, IX. Jahrgang 1886, erzählt, „erreichten die Entführer mit ihren Opfern um 2 Uhr Nachts die Fähre bei Artlenburg, begehrten aber zum großen Verdruß der Räuber vergeblich die Überfahrt, da der Fährmann erklärte, daß die Fähre bei Nacht nicht gehen dürfe. Man brachte nun die Gefangenen in das Armenhäuschen, wo sie sich, scharf bewacht, ans Herdfeuer setzen und miteinander reden durften. Die Knechte blieben draußen bei den Wagen und Pferden, die Offiziere gingen ein und aus. Der Rittmeister sah Schnitzer’s Briefschaften durch; der Cornet schimpfte und wetterte, daß die Fähre nicht gekommen, da ihm doch Rondeck versichert habe, es sei in Artlenburg schon alles fertig gemacht, die ergriffenen Hallunken ohne Aufenthalt bei Tag oder Nacht an das jenseitige Ufer schaffen zu können und ließ seinen Unmuth über die Verzögerung der Expedition dadurch aus, daß er Schnitzer und dessen Frau verhöhnte und besonders ihr durch allerhand liederliches Geschwätz und Gespött hart fiel. Sie weinte, daß eine Thräne die ander schlug. Gegen Tagwerden mußte Luchs über die Elbe, die Ankunft der Fähre zu beschleunigen, und kaum dämmerte der Morgen, als sie von dem jenseitigen Ufer abstieß. Lange rief zum Aufsitzen und Einsteigen. Schon war der Krahn am Landungsort und die Fallklappe niedergelassen, da stürmten die Hamburgischen Diener über den Berg hinter dem Armenhäuschen und zwischen die Wagen und Reiter. Lange, Potendorp, Luchs, Hoppe und zwei Knechte gingen augenblicklich durch und entkamen unverletzt den Schüssen der Hamburger. Von Brüllen sprengte den Rittmeister an und lösete zugleich eine Pistole auf ihn; dieser, nicht getroffen, schoß wieder, fehlte aber auch; zum zweiten Male gaben

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beide Feuer auf einander, doch ohne Erfolg. Als sich der Rittmeister verschossen hatte, bat er um Quartier; von Brüllen schlug ihn mit der Pistole ins Gesicht, und die reitenden Diener nahmen ihn und die Gebrüder Korbitz gefangen“.

Nach den Mittheilungen des Herrn Dr. Sprengell aus Lüneburg soll die Stadt Lüneburg früher 2 Freistellen in dem allgemeinen „St. Jürgen“ genannten Armenhause gehabt haben, doch ist bei dem Lüneburger Rath darüber nichts bekannt. Auch hier hat sich diese Berechtigung weder aus den Acten des Pfarrhauses in Artlenburg, noch aus mündlicher Übertragung herleiten lassen. Unaufgeklärt bleibt aber auch die Verpflichtung der Lüneburger zu den nicht unerheblichen jährlichen Naturallieferungen an Salz, Hering, Malz u.s.w., die doch auf gewisse Rechte schließen lassen.

Daß das Haus nach Angabe des Herrn Dr. Sprengell früher ein Asyl für Aussätzige, ein „Leprosenhaus“, gewesen, erscheint bei der großen Nähe der verkehrsreichen Fähre wenig glaublich. Auch würde Franz II. zur Einrichtung einer so wohlgemeinten Stiftung schwerlich ein Haus gewählt haben, welches allgemein gefürchtet und von Jedermann scheu und ängstlich umgangen wurde.

Johannes Friese.


 


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