Jahresband 1894

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


Die Vorgeschichte der
LAUENBURGISCHEN KIRCHENORDNUNG.

Von
Dr.
BERTHEAU, Ratzeburg.


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Im Jahre 1585 wurde vom Herzog Franz II. die Kirchenordnung für das Herzogtum Lauenburg erlassen unter dem Titel: Kirchenordnung unser von Gottes Gnaden Franzen Hertzogen in Sachsen, Engern und Westfalen, wie es (vermittelst göttlicher Gnaden) in unsern Landen mit christlicher Lehre, Ausspendung der heiligen hochwürdigen Sacramenten, Vocation, Ordination und Verhaltung der Kirchen- und Schuldiener, auch Visitation, Consistorio und andern hiezu gehörigen sachen, vermüge heiliger göttlicher Schrift hinfüro gehalten soll werden, gedruckt in der keyserlichen freien Reichsstadt Lübeck durch Johann Balhorn 1585 Solche Kirchenordnungen, durch welche die Verfassung der lutherischen Landeskirchen oder, wie man bei den freien Städten eigentlich sagen sollte, Stadtkirchen fest begründet und die Ordnung des öffentlichen Gottesdienstes im einzelnen bestimmt wurde, sind in allen benachbarten Gebieten viel früher aufgestellt und von den Ständen oder dem Rate angenommen worden. Im Herzogtum Lüneburg wurde schon im August des Jahres 1527 von Ernst dem Bekenner

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gemeinsam mit den Ständen des Landes das sog. Artikelbuch, die erste Kirchenordnung des Fürstentums, erlassen und durch eine spätere landesherrliche Verfügung vom Jahre 1543 ergänzt. 1) In Lübeck führte der berühmte Bugenhagen, der treue Freund und Mitarbeiter unsers großen Reformators, im Jahre 1531 die Reformation durch, indem er eine besondere christliche Ordnung der kaiserlichen Stadt Lübeck verfertigte. Schon 1529 war nach dem Muster der ebenfalls von Bugenhagen aufgestellten Braunschweigischen Kirchenordnung von diesem eine solche für Hamburg aufgestellt und von dem Rate angenommen worden. Derselbe hatte zuerst in Dänemark Christian III. bei der Einführung der Reformation Beistand geleistet, und die dänische Kirchenordnung wurde mit einigen Abänderungen im Jahre 1542 auch von den Ständen Schleswig-Holsteins auf dem Landtage in Rendsburg genehmigt. In Mecklenburg wurde in den Städten Rostock und Wismar schon in den zwanziger Jahren die lutherische Lehre eingeführt, und die Kirchenordnungen für die Herzogtümer Mecklenburg erschienen um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts. 2)

So sorgten die benachbarten Fürsten und Städte dafür, daß die lutherische Lehre überall durchgeführt wurde und daß die neuen Kirchen eine feste Ordnung und Verfassung erhielten. In dem zwischen allen diesen Gebieten liegenden Herzogtum Lauenburg und auch im Domstifte Ratzeburg herrschte dagegen in kirchlicher Hinsicht die größte Verwirrung. Im letzteren ist wenigstens nach Masch’ Annahme 1566 Abhülfe geschaffen, denn in diesem Jahre scheint das Kapitel den Beschluß gefaßt zu haben, die päpstlichen
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1) S. WREDE, Ernst der Bekenner, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, S. 50.
2) So in „Witteberg“ gedruckt durch Hans Lufft 1552 die Kirchenordnung; wie es mit christlicher Lere, Reichung der Sacramente, Ordination der Diener des Evangelii, ordentlichen Ceremonien in den Kirchen Visitation Consistoris und Schulen im Herzogthume zu Mecklenburg etc. gehalten wird.

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und abergläubischen Ceremonien abzuthun. 1) Ist aber schon hier manches unklar und mangelhaft überliefert, so sind wir noch schlimmer daran bei der Reformationsgeschichte des Herzogtums Lauenburg. Ganz vereinzelt, man möchte sagen: wie eine Oase in der Wüste, steht die Nachricht der Kirchenordnung da: die rechte, reine prophetische und apostolische Lehre ist im Jahre 1531 öffentlichen umb Johannis Baptiste Tag mitten im Sommer zu predigen angefangen. Damit steht die Inschrift über der nördlichen Thür der Kirche zu Lauenburg im Einklang: Anno 785 sind die Sachsen, nachdem ihr König Wedeking sich taufen lassen, zum Christenglauben und 1531 die reine Lehre allhier wieder herfürgebracht. Wir kennen aber nicht den Namen des Predigers, der zuerst allhier, d. h. doch wohl in der Kirche zu Lauenburg diese reine Lehre gepredigt hat. Sclöpken allerdings in seiner historischen Nachricht von dem Heydenthumb, ersten Christentum und Reformation des Fürstenthums Lauenburg fährt nach jener Bemerkung fort: 2) denn in selbigem Jahr am Festtage Johannis des Täufers hat Georgius Uslerus die erste evangelische Predigt im Dom zu Ratzeburg gehalten, aber schon Burmester in seinen Beiträgen zur Kirchengeschichte von Lauenburg 3) hat darauf aufmerksam gemacht, daß erst 1566 eben dieser Georgius Uslerus als erster evangelischer Prediger am Dom eingeführt ist.
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1) S. Masch, Geschichte des Bistums Ratzeburg, S. 522. Dieser beruft sich auf eine Aufzeichnung des Propst Ludolf von Schack. In der neuerdings von Gebler in dem Programm des Ratzeburger Gymnasiums von Ostern 1894 herausgegebenen Kirchenordnung des Petraeus heißt es dagegen, daß der Administrator des Stifts, Herzog Christopher von Mecklenburg „anno 1564 die Kirchen des Stifts völlig reformiren, die päpstlichen Mißbräuche abschaffen und Gottes Wort unverfälschet, oder die reine seligmachende Lehre nach den Prophetischen und Apostolischen Schriften und ungeänderten Augsburgischen Consession in denselben predigen ließ“.
2) S. 70.
3) S. 11.

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Nehmen wir nun wirklich an, daß im Jahre 1531 die Reformation in Lauenburg eingeführt ist, so sind wir von da an bis zum Jahre 1564 ganz im Unklaren über die Verbreitung und Durchführung derselben. Die Kirchenordnung setzt zu jener Nachricht hinzu: Die rechte, reine prophetische und apostolische Lehre ist durch Gottes Gnaden bis auf den heutigen Tag WIEWOHL IN GROSZER SCHWACHHEIT UND WIDERSTAND erhalten worden. Fragen wir nach den Gründen, weshalb in unserem Ländchen so lange eine große Unordnung und Verwirrung der kirchlichen Verhältnisse geherrscht hat, so sind dieselben meines Erachtens vor allem in der Persönlichkeit der damals herrschenden Herzöge und den durch dieselben herbeigeführten traurigen politischen Verhältnissen zu suchen. Diese Fürsten sind Magnus I. von 1507 bis 1543 und Franz I. von 1543 bis 1581. Auf diesen erst folgt Franz II., der, wie im Eingange erwähnt ist, die Kirchenordnung erließ. Als auch dieser schlechten Ratgebern sein Ohr lieh, machte ihm sein Kanzler Dr. Hieronymus Schulze in freimütiger Weise Vorwürfe und fällte dabei über die Regierung seiner Vorgänger folgendes Urteil: 1) Und sein der Herrschaft die viel angenehmer gewesen, so Ratschläge zu geben gewußt, wie man am Hofe viel Reisige, viel hochtrabene, köstliche, schöne Pferde halten und durch Recht oder Krumm zu solcher Unterhaltung entweder von den armen Unterthanen ihr Schweiß und Blut aussaugen oder mit Versetzung, Veräußerung der Lande und Leute, die Notdurft ausrichten und zu Wege bringen möchte. Wie man aber Land und Leute vermehren, recht und gerecht Jedermänniglich mitteilen, Kirchen und Schulen bestellen soll, deshalb hat man sich wenig bekümmert, wie dann auch um solche Leute, so hierzu Rat zu geben gewußt haben. Aber wie ist’s hinaus gegangen mit denselben Eurer Füstlichen Gnaden Vorfahren? Ein Teil, so den Namen an sich genommen, daß sie Reiter heißen wollen, haben so lange
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1) S. KOBBE, Geschichte und Landesbeschreibung des Herzogtums Lauenburg II, S. 325.


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geritten, daß sie am Ende aus Landen und Leuten geritten sind; ein Teil, so sich von keinen anderen, denn Reitersknechten rathen lassen wollen, haben sich und ihre Nachkommen um die Kurwürde gebracht. Die folgenden Herzoge haben stattliche Schlösser, Häuser, Ämter verkaufet, versetzet, verpfändet, daß Eure Fürstliche Gnaden und wohl alle deren Nachkommen mit Schmerzen zu ewigen Zeiten solche von außen anschauen müssen. Also gehet es, wenn man nicht redlicher und verständiger Leute Ratschläge anhören und befolgen will. –

Hier wird den Vorgängern Franz II. besonders mangelhafte Rechtspflege, sowie Vernachlässigung der Kirchen und Schulen und ferner Verschwendung durch üppiges Leben und allerlei Fehden vorgeworfen, und wenn wir die Regierung Magnus I. und Franz I., die hier in Betracht kommen, näher prüfen, so sehen wir, daß der Kanzler Schulze ein allerdings wenig erfreuliches, aber durchaus treffendes Bild der damaligen Herzöge Lauenburgs entworfen hat. Obwohl ihre Unterthanen ganz offenbar das Bedürfnis nach einer Einführung der Reformation und nach einer festen Kirchenordnung hatten, und obwohl es ihr schöner Beruf gewesen wäre, mit den Ständen des Landes wirklich dauernde Zustände in kirchlicher Beziehung herbeizuführen und Ruhe und Ordnung wieder aufzurichten, so sind diese Herzöge doch nicht hierzu gekommen, weil sie durch mancherlei Fehden und durch heftige Streitigkeiten in ihrer Familie in Anspruch genommen waren. Magnus I. ließ allerdings im Lande Hadeln, welches damals zu Lauenburg gehörte, schon im Jahre 1526 eine Visitation vornehmen und erließ darauf am Tage der Heimsuchung Mariae eine Kirchenordnung; von irgend welchen derartien Maßregeln für Lauenburg hören wir aber nichts, und die spätere Unordnung und Zerfahrenheit der kirchlichen Verhältnisse zeigt auch genügend, daß in dieser Beziehung von ihm nichts gethan ist. Dagegen führte er mancherlei Fehden, so besonders mit dem Bischof von Ratzeburg. Sein Nachfolger Franz I. ließ

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allerdings im Jahre 1564 eine Visitation vornehmen, von der uns einiges überliefert ist. Zu geistlichen Visitatoren wurden die beiden Prediger M. Simon Bruns an der St. Johanniskirche in Lüneburg und Franciscus Baringius ernannt, von denen der letztere zwei Jahre später Superintendent zu Lauenburg wurde. Ihnen zur Seite standen vier weltliche Deputierte, nämlich Heinrich und Valentin Daldorf, Rotmar Schenke, Claus Lütken und Andreas Blom. 1) Die Instruktionen, welche die Visitatoren erhielten, sind im wesentlichen dieselben, wie bei der entscheidenden Visitation des Jahres 1582. Vor allem sollen sie die Pfarrherrn und die Capläne derselben auf die Hauptstücke unserer wahren evangelischen Lehre und der Augsburgischen Konfession befragen, ob sie dieselben wüßten und sonst in der heiligen Schrift studierten, daß sie zum Predigtamt tauglich. Die Untauglichen sollen abgesetzt werden. Auch sollen die Visitatoren die Kirchgeschwornen und Ältesten des Caspels nach ihrem Glauben und ihrer Erkenntnis fragen, ob sie die Hauptartikel desselben wüßten; ob auch ihre Pfarrherrn und Capläne ihr Amt fleißig bedienten. Ferner wird den Visitatoren anbefohlen, auf den baulichen Zustand der Kirchen und Pfarren zu sehen und die Kirchengüter, die vom Adel oder Bürger und Bauern entzogen sind und zum Privatgebrauch verwendet werden, ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgeben. Insbesondere wird ihnen ans Herz gelegt, Abgötterei mit Wallfahrten, Heiligendienst und andern unchristlichen Gebräuchen zu befinden und solche gänzlich hinwegzuthun und abzuschaffen. Überhaupt wird ihnen alles befohlen, was sonst zu einer christlichen Reformation der Kirchen dienlich ist. – Wie gering aber das Ergebnis dieser Visitation des Jahres 1564 gewesen ist, geht schon daraus hervor, daß wir bei der entscheidenden Visitation des Jahres 1582
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1) Dieses und das Folgende ist aus Burmesters Beiträgen zur Kirchengeschichte entnommen. S. S. 12 ff.

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fast alle Mißstände, die beseitigt werden sollten, noch vorfinden. Auch der neu eingesetzte Superintendent der Lauenburgischen Landeskirche Franz Baring hat die kirchlichen Verhältnisse nicht gebessert. Die lange ersehnte Kirchenordnung wurde damals noch nicht aufgestellt, und wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir als das größte Hindernis dafür die traurigen Streitigkeiten betrachten, welche damals in der herzoglichen Familie ausbrachen. In der großen Geldnot, in die Franz I. durch seine Kriege und Fehden geraten war, mußte er die meisten seiner Schlösser verpfänden 1) und faßte in dieser bedrängten Lage den Entschluß, die Regierung niederzulegen. Infolgedessen versprach er 1571 seinem ältesten Sohne Magnus II., der sich bis dahin in Schweden aufgehalten hatte und mit der Tochter des Königs Gustav Wasa vermählt war, die Herrschaft über das Herzogtum Lauenburg abzutreten. Dagegen verpflichtete sich Magnus, die Landesschulden zu bezahlen, da er sich in Schweden durche jene Heirat ein bedeutendes Vermögen erworben hatte und, was hier ganz besonders in Betracht kommt, eine gute Kirchen-, Polizei- und Kanzleiordnung anzurichten. Aber unser Ländchen sollte noch nicht zu der lange und heiß ersehnten Ruhe kommen, vielmehr entbrannte jetzt um die Regierung desselben ein erbitterter Streit zwischen Magnus II. einerseits und seinen jüngeren Brüdern Franz II. und Moritz anderseits, da diese sich durch jene Abtretung des Landes an den ältesten Bruder benachteiligt glaubten. Dabei kam ihnen zu statten, daß Magnus sich im Lande mißliebig gemacht und auch nicht alle Schulden desselben bezahlt hatte. Dieses benutzte in geschickter Weise Franz II.; er vertrieb
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1) S. KOBBE a. a. O. S. 264. Verpfändet waren damals Ratzeburg, Kulpin, Anker, Neuhaus, Lauenburg, Hollenbeck und Lemrade. Bekanntlich war schon seit 1359 die ganze Stadt Mölln mit der zugehörigen Vogtei an Lübeck verkauft, und 1568 verpfändete Franz I. auch Steinhorst an Friedrich von Brocktorf. So blieb ihm von seinem Lande fast gar nichts übrig.

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seinen ältesten Bruder und forderte dann seinen Vater auf mit ihm gemeinschaftlich die Regierung zu führen. Aber auf einem Landtage zu Lauenburg wurde im Jahre 1573 beschlossen, daß Franz I. die Regierung allein wieder übernehmen sollte, und derselbe versprach bei dieser Gelegenheit, alle zwei Jahre Kirchenvisitation zu halten und eine Polizei-, Kanzlei- und Hofgerichtsordnung zu bestellen. Indessen sollte das unglückliche Land noch nicht zur heißersehnten Ruhe kommen. Zwischen Vater und Sohn kam es bald zu einem erbitterten Streite, und wie leidenschaftlich dieser geführt wurde, geht am deutlichsten aus einem Schreiben hervor, welches 1580 die Gemahlin Franz I., sowie deren Söhne Franz II. und Moritz, der auch gegen seinen Vater feindlich auftrat, an diesen richteten. Der alte Herzog wurde in diesem beschuldigt, er habe stets die Sakramente verachtet und das heilige Abendmahl nach seines eignen Seelsorgers Aussage in 38 Jahren nicht genossen, außerdem machte er sich der Unzucht, übermäßiger Zehrung und Versäumnisses der Regierung schuldig. In seinem Rechtfertigungsschreiben hebt Franz I. allerdings hervor, er habe das vor seiner Zeit eingerissene Papsttum, wo es noch im Schwange gewesen, gänzlich abgeschafft und hinwiederum christliche Ordnung und Ceremonien, vermöge Augsburger Confession, in den Kirchen seines Landes stiften und anrichten lassen, aber die Thatsachen widerlegen diese Behauptung, da in Wirklichkeit die traurigsten Verhältnisse in kirchlicher und daneben auch in rechtlicher Beziehung herrschten. Es ist auch sehr charakteristisch, daß Magnus II., sobald er die Regierung übernahm, versprechen mußte, eine gute Kirchen- Polizei- und Kanzleiordnung anzurichten, und daß Franz I., als er wieder als Regent eingesetzt wurde, ähnliche Versprechungen zu machen gezwungen wurde. Bei dem fortdauernden Streite mit seiner Frau und seinen Söhnen war auch keine Besserung dieser Verhältnisse zu erwarten. Erst 1581 beendigte der Tod des alten Herzogs eine Fehde, wie sie nach den Worten eines seiner Söhne, des Erzbischofs

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Heinrich von Bremen, nicht allein im Reiche deutscher Nation, sondern auch unter den Unchristen und Heiden zwischen Ehegenossen, Vater und Söhnen unerhört war. Nun kam Franz II. zur Regierung, und wenn auch die Zwistigkeiten unter den Brüdern noch immer kein Ende nahmen 1), so führte er dennoch die Herrschaft mit festerer Hand als sein Vater und suchte, namentlich durch seinen Kanzler, den schon oben erwähnten Hieronymus Schulze, angespornt, mittelst weiser Verordnungen das kirchliche und weltliche Regiment endlich wieder in einen besseren, geregelten Zustand zu bringen. So erließ er im Jahre 1584 eine Konstitution zur Beförderung der heilsamen Justiz, in welcher er versprach, bald eine Kirchenordnung und eine Hofgerichtsordnung bekannt zu machen. Um die erstere gehörig vorzubereiten, hatte Franz II. schon einige Visitationen vornehmen lassen und zu diesem Zwecke den Superintendenten Ponchenius aus Lübeck berufen. Derselbe war 1526 in Gardelegen geboren, hatte in Wittenberg studiert, wirkte erste in Helmstedt und dann in Braunschweig als Konrektor und wurde 1564 von dem Rate der letzteren Stadt zum Pfarrer an der Martinskirche ernannt. Von hier wurde er als Superintendent nach Lübeck berufen, und weil er wegen seiner „Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit“ bekannt war, bat Franz II. ihn sich als Visitator von den Lübeckern aus.

Aus den Visitationsakten der Jahre 1581 und 1582, welche den folgenden Ausführungen zu Grunde liegen, erhalten wir ein anschauliches Bild von den damaligen kirchlichen und sittlichen Verhältnissen unseres Landes. Die Überschrift lautet: Die Visitation ist von Franz dem Jüngeren mit Zuziehung einer ehrbaren Ritter- und Landschaft ins Werk zu richten verordnet, ist noch 1581 an-
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1) Magnus II., der schon zu Lebzeiten seines Vaters wiederholt verheerend in Lauenburg eingefallen war und den Krieg nach dem Tode desselben fortsetzte, wurde 1588 von Franz II. gefangen und bis zu seinem Tode zu Ratzeburg in strenger Haft gehalten.

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gefangen und 1582 im Julio, soviel vor diesmal geschehen können, glücklich vollendet und beschlossen. Der Vertreter des Landesfürsten war der Superintendent Magister Andreas Pouchenius. Ihm waren beigegeben: von der Ritterschaft Claus Wackerbarth zu Horst, Lüder Lützow zu Dutzow und Vollrath Scharfenberg von Niendorf, ferner vom Hofe: Otto von Bestenbostell, Heinrich Kumbhausen, Hauptmann, Friedrich Aepinus, Secretarius, und Bartholomaeus Blochius, ebenfalls Secretarius.

Bei der Vorvisitation, zu welcher der betreffende Pastor auf das Schloß Lauenburg oder das Haus Ratzeburg geladen wurde, prüften die dazu Verordneten die wissenschaftliche Bildung und die sittliche Würdigkeit des Geistlichen, stellten fest, wie oft und wie er Sacramente reicht und predigt, zeichneten ferner die Personalien des Küsters auf und befragten den Prediger nach dem Verhalten der Zuhörer. Darauf folgte die Landesvisitation in der Gemeinde selbst, bei welcher die Einkünfte des Pfarrers aufgeschrieben und besonders eine Prüfung der Gemeinde angestellt wurde. Als letzter Abschnitt schließt sich der Abschied nach gehaltenem Examine mit dem Volke daran.

Im allgemeinen geht aus den Akten hervor, daß die lutherische Lehre über das ganze Land verbreitet ist. Natürlich finden sich hier und da noch Meßgewänder und Marienröcklein, in Sterlei werden außerdem noch genannt: Nonstrazen, ein Heiligtumhäuslein, silberne Kreuze, sowie die Spangen von einem Marienrocke. „Diese sollen, weil sie nicht mehr von Nutzen sind, zu Gelde gemacht und an gewissen Orten auf Zinsen der Kirche zum Besten belegt werden.“ Von einer wirklichen Verehrung von Reliquien und anderen Resten des katholischen Kultus sind nur noch wenige Spuren vorhanden. So berichtet der Pastor von Niendorf, er habe eine Frau gesprochen, die das heilige Blut angebetet und gesagt habe, es hätte ihr geholfen. Mehrfach finden sich bestimmte Nachrichten von Wallfahrten nach Büchen. So sagt der Pastor von Niendorf, er habe

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eine „wachsene“ Hand gesehen auf dem Altare liegen, so geopfert gewesen. Der Pastor in Büchen nehme das Opfer an. Der Superintendent Franz Baring habe die Hostia, so man daselbst angebetet, hinweggenommen. Den Bauern in Mustin wird verboten, nach Büchen zu wallfahrten, bei Strafe des Gefängnisses. Der Pastor in Gudow berichtet, daß ein Teil seiner Gemeinde noch nach Büchen läuft. Etliche seien seiner Frau noch vor einigen Tagen begegnet. Aus Büchen selbst hören wir, daß die Kirchengeschworenen an den hohen Festen das wunderthätige Marienbild auf den Altar gesetzt haben, und in dem Abschiede wird die abergläubische Abgötterei des Marienbildes unter Androhung von Strafe verboten. – Sectierer und Rottierer sind den Predigern fast gar nicht bekannt. Über Sectenwesen wird nur in Grönau geklagt. Der Pastor berichtet, daß daselbst noch Wiedertäufer vorhanden sind, bemerkt aber dabei, daß sie sich sehr eingezogen halten.

Wenn aber auch so die Bevölkerung die lutherische Lehre fast allgemein angenommen hat, so sind doch mancherlei Gebrechen vorhanden. Diese sind auf den Mangel an einem festen Kirchenregiment und auf eine große sittliche Verwilderung zurückzuführen. Zunächst macht sich der Mangel an einer festen Kirchenordnung sehr fühlbar. Die verschiedensten Kirchenordnungen sind im Gebrauche, wie die Lübsche, die Mecklenburgische, die Pommersche, die Lüneburgische und die Braunschweigische; andere Prediger haben gar keine feste Ordnung, einer „braucht sich der Ordnung nach Lutheri Katechismus“, ein anderer benutzt sein Psalmbuch als Agenda. – Bei dem Mangel an einem festen Kirchenregiment sind ferner die Prediger zum Teil unberechtigt in die Pfarren eingedrungen und sind auch teilweise wegen ihrer Unwissenheit und ihres unsittlichen Lebenswandels ihres Amtes unwürdig. Dem Namen nach war bisher Franz Baring zu Lauenburg Superintendent der niedersächsischen Kirche gewesen. Derselbe stammte aus Geldern und war im Dom zu Cöln ordiniert, hatte aber

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kein Zeugnis darüber. Berufen zur Superintendentur war er von Franz I., dem Rate und der ganzen Gemeinde. „Nach dem Papsttum“ hatte er zuerst zu Elverstorf im Lande zu Lüneburg gepredigt, hatte dann fünf Jahre an einem anderen Orte gewirkt, darauf sechs Jahre in Buxtehude, von da war er nach Hamburg an die Petrikirche als Kaplan berufen, hatte aber diese Stelle, wie er sagte, wegen Privatfeindschaft und daß er des Flacii 1) Ding nicht hat wollen unterschreiben, aufgegeben und war nach Lauenburg gekommen. Die Visitation in Lauenburg ergab, daß die Gemeinde von dem Pastor nicht im Katechismus unterwiesen war, und die Folge hiervon, sowie auch von anderen Übelständen war, daß Baring als Superintendent abgesetzt wurde und die Pfarre in Lütau erhielt. Allerdings beklagte er sich, daß er zur Ungebühr bei seinem gnädigen Fürsten und Herrn angegeben sei, er berufe sich seiner Lehre halber auf seine Zuhörer. Indessen wurde er, wie es im Protokoll heißt auf seinen Ort gestellt, und es wäre zu wünschen, wie es weiter heißt, es wäre mit ihm alles in besserer Beschaffenheit. Der Rat und die Kirchengeschworenen sind mit Herrn Franz Baring wohl zufrieden aus Ursachen, wir können alle keine Engel sein.

Als Beispiel dafür, wie bei dem Mangel an kirchlicher Aufsicht Prediger unrechtmäßig in ihre Stellen eindrangen, führe ich hier den Pastor zu Berkentin an. Er war schon ins dritte Jahr daselbst im Amte gewesen und berief sich darauf, von Herrn Johann Eisleben in Berlin ordiniert zu sein, daß Zeugnis hatte er aber nicht zur Stelle. Später zeigte er ein „bacchantisch“ Zeugnis von seiner Ordination vor; dieses war so zerrissen, daß nichts
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1) Flacius Illyricus war von 1557 an Professor in Jena und wirkte hier in leidenschaftlicher Weise als Anhänger der extremsten orthodoxen Richtung gegen Melanchthon, der gegen die Calvinisten zu nachgiebig war. Er wurde später aus Jena ausgewiesen und starb im Elend.

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daran gesehen werden konnte. Weil nun auch der gewesene Hauptmann Zacharias von Horneburg, von dem er angeblich zu seiner Stelle berufen war, dieses leugnete, so schließt das Protokoll über seine Persönlichkeit mit den kurzen Worten: ist also notium und offenbar, daß er sich in die Pfarre eingedrungen. – Seine Wirksamkeit konnte natürlich nicht ersprießlich sein, es heißt am Schluß des Prüfungsprotokolls: Die Leute allhier sind gar unfleißig zum Examine und über vierzig Personen nicht zur Kirche kommen. Auch über seine Unwissenheit wird geklagt. Er sagte, er habe die Biblia, aber er kennt nicht die Namen der Bücher Mosis und ist überhaupt zu wenig in der Bibel bewandert. Ähnliche Klagen hören wir auch über andere Prediger. Der eine weiß nicht das Buch, welches auf die Bücher Mosis folgt, ein anderer kann nicht die Zahl der Propheten angeben. Vom Pastor zu Hamwarde wird berichtet, daß er nur die lateinische Bibel habe; die deutsche habe ihm Herzog Magnus’ Kriegsvolk genommen. Dann heißt es weiter: Er wußte nicht die Reihenfolge der Bücher des alten und neuen Testaments.

Ein anderer Pastor sagt selbst aus, daß sein Weib nicht gerne aus ledigen Kannen trinke und trunksüchtig sei; da ihm selbst aber auch ein ärgerlicher Lebenswandel nachgewiesen wird und da er außerdem durch Kauf in sein Amt eingedrungen ist, wird er gegen Martini abgedankt. Ebenso wird dem Pastor zu Brunstorf wegen seines bösen, ärgerlichen Lebens gegen Michaelis gekündigt. – Auch ein Fall offener Widersetzlichkeit wird angeführt. Ein Pastor hat sich gröblich beschwert über seine fürstliche Gnaden und die, so Rat und That zu dieser Visitation gegeben hätten, daß er nach der Lauenburg kommen müssen und daß man nicht zu ihm wäre kommen. Sagt, man würde Gott deshalben Rechenschaft geben müssen, ihm sei sein Lebenlang solche Visitation nicht vorgekommen, ist mit dem Superintendenten in Wortwechsel gekommen und hat sein unbescheiden Hoffahrt sehen lassen, so daß der Visitator aufgestanden und mit ihm

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nicht wollen zu schaffen haben. Tief entrüstet nennt ihn Pouchenius von allen Uflaten den unflätigsten (est omnium unflatorum unflatissimus). Derselbe sagte aus, er lese die Bibel, wenn er Zeit habe. Er ist ordiniert zu Hamburg, hat aber kein Zeugnis der Ordination gehabt, vociert von Georgen von der Lühe, hat aber sein Vocationsschreiben nicht gehabt. Eingeführt ist er gar nicht. – Bei Pötrau heißt es: Zu dieser Zeit ist kein Pastor daselbst gewesen, darumb man wegen der Lehre und Leben der Zuhörer sich nicht gewisses befragen können, als man aber mit der weiter Visitation den 12. Juli 1582 dahin kommen, hat man einen Pastor daselbst gefunden, welcher nicht ordentlich vocirt gewesen, deshalb man ihn nicht befragen können, sondern sich bei den Kirchgeschworenen erkundigt.

Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, daß es neben diesen zum Teil durchaus unwürdigen Eindringlingen auch eine ganze Zahl würdiger Kirchendiener gab. Aber auch bei solchen macht sich der bisherige Mangel an kirchlicher Ordnung und Aufsicht darin fühlbar, daß sie keine Kirchenregister führten. Dieses wird ihnen in den Visitationsakten streng vorgeschrieben. Eine andere Folge dieses heillosen Zwischenzustandes von der Abschaffung der fest organisierten katholischen Kirche bis zur landesherrlichen Gründung der lutherischen Landeskirche war, daß von den Kirchenländereien ein großer Teil dem eigentlichen Zwecke entfremdet wurde. Hierüber finden sich in dem Visitationsprotokoll mancherlei Aufzeichnungen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.

Auch über die Küster wird wiederholt Klage geführt. Von dem in Ratzeburg heißt es, er sei etwas unordentlich im Leben, ehelich, halte Krügerei mit Branntwein, in seinem Amte aber sei er sonsten fleißig und dem Pastor gehorsam. In der Schule sei er etwas versäumlich bei der Jugend. Pastor und Küster leben mit ihren Weibern friedlich. In Lütau kann der Küster nicht schreiben, ist ein Schneider, geht aber lieber zum Krug, als daß er arbeitet. In Gülzow ist der Küster ein Leineweber, lehret keine Kinder, die Bauern

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sagen, sie wollen Bauern bleiben. Auch in Basthorst unterrichtet der Küster nicht, er treibt ein Handwerk und ist ein Drechsler; in Kuddewörde, wo ebenfalls vom Küster keine Schule gehalten wird, ist er ein Schneider. In Seedorf ist der Küster allerdings ziemlich fleißig, aber ein guter Schluckbruder und lebt mit seinem Weibe nicht gar friedlich. So treibt fast überall der Küster ein Handwerk; dabei liegt aber der Jugendunterricht völlig darnieder, da es den Küstern an der Vorbildung und an der Zeit fehlte Schule zu halten. Im Katechismus werden die Kinder an verschiedenen Orten vom Pastor unterrichtet.

Ein sehr gespanntes Verhältnis ist zwischen Pastor und Küster in Marschhacht. Der letztere hatte unsittliches Treiben in seinem Hause geduldet, war aber von dem Pastor daran gehindert. Darum war er auf diesen scheldig geworden und läutete nur mit großem Zwange den alten Herrn Franz I. zu Grabe, aber Franz II. hochseligen Gemahlin, heißt es, habe er das Grabgeläute verweigert. Er entschuldigt sich allerdings damit, daß der Turm sehr baufällig wäre; aber wenn dieser auch so verfallen ist, daß er hat gestützt werden müssen, so wird diese Entschuldigung doch nicht angenommen, und der Küster wird entlassen. Beschwerend kam noch hinzu, daß er gegen des Herzogs Gebot einen Krug gehalten hatte.

Ein besonderer Abschnitt des Protokolls für jede einzelne Kirche betrifft die Kirchengeschworenen. Auch diese haben ihr Amt oft versämt, die Wohnungen der Kirchendiener verfallen lassen und die Einkünfte der Kirchen nicht genügend zusammengehalten. In Zukunft sollen sie dem jetzt in Kraft tretenden Kirchenregiment darüber Rechenschaft ablegen. So wird den Ratzeburger Kirchengeschworenen befohlen, erstens ein Buch zu machen, in welchem der Kirchen zugehörige Ländereinen an Acker, Wiesen, Höfen und die jährliche Geldrente verzeichnet werden und zum andern, daß sie hinfürder, wie gebräuchlich, dem Rate Rechenschaft

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thun sollen und, wenn jährlich visitiret wird, die Rechnungen den Visitatoren fürlegen.

Daß unter solchen Verhältnissen das kirchliche und sittliche Leben der Gemeinden viel zu wünschen übrig ließ ist leicht zu erklären. Vielfach wird allerdings hervorgehoben, daß sie ihren Pastor ziemlich in Ehren halten, aber selbst an solchen Orten werden von diesem doch mancherlei Klagen erhoben. So heißt es über die Ratzeburger: Die Zuhörer sind säumig zu Gottes Wort und kommen ein Teil selten zum hochwürdigen Abendmahl. Unter der Predigt geht man um den Kirchhof oder bei Sommerzeit auf dem Palmberge spazieren. Oft laufen sie vor dem Segen aus der Kirche und singen unfleißig die Psalmen. Auch wird wohl darüber geklagt, daß die Leute während der Kirchzeit in dem Kruge sitzen und sich voll saufen. In dieser Hinsicht werden von den Visitatoren strenge Verfügungen getroffen. So heißt es in dem Abschiede, der in Ratzeburg nach gehaltenem Examine mit dem Volke gegeben ist: Die unter der Predigt oder Darreichung der Sacramente umb den Kirchhof spazieren gehen oder nach gelesenem Texte des Evangelii aus der Kirche laufen, sollen an das verorduete Halseisen geschlossen werden. Wer unter der Predigt Sonntags Bier, Branntwein und andere Getränke schenkt und sitzende Gäste hat, soll seines Kruges verlustig sein und in vorordnete Strafe fallen.

An einigen Orten ist zwischen Gemeinde und Pastor sogar ein sehr schlechtes Verhältnis. So halten in Hamwarde die Pfarrleute ihren Pastor in Ehren aus Furcht. Der Pastor wird auf Hochzeiten und Kindtaufen ein Landlaufer genannt. In Seedorf halten die Pfarrkinder den Pastor in geringen Ehren, es werden viele gefunden, die in zehn, zwanzig, dreißig Jahren nicht zum Sacramente gewesen; deshalb sind verschiedene ohne christliche Ceremonien begraben worden. In Gudow ist ein Teil der Zuhörer allerdings „ziemlich wohl“ gegen den Pastor, andere aber werden grobe Rülpen genannt, die den Pastor

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auch wohl schmähen. Sie haben diesem einen neuen Weg über seinen besten Roggenkamp gemacht, und der Vogt thut solches selbst. „Machen aus dem Kirchhofe einen Schweinestell, und wenn der Pastor die Luken zumacht, reißen sie dieselben wieder auf. An mehreren Orten wird darüber geklagt, daß der gemeine Mann dem Pastor sein Gebühr „fast unwillig“ bezahlt. So heißt es bei Kuddewörde: Sie geben dem Pastor unnütze Worte, wenn sie ihm sein Gebühr geben sollen. – Fluchen und Schwören werden fast überall hart gerügt. – Selbst den landesherrlichen Visitatoren wurde bei dem Examen nicht immer die schuldige Ehrerbietung erwiesen. Dieses tritt namentlich in Grönau hervor. Da heißt es: In Examine haben sich die Zuhörer gar unverschämt verhalten, sind nicht alleine, so fleißig man sie auch angesprochen, zur Kirchen hinausgelaufen, besonderen auch haben stille geschwiegen und aus Frevel nicht antworten wollen, daß der Herr Examinator das Examen müssen bleiben lassen, hat also insgemein keine Abschied, wie in den anderen Kirchen geschehen, geben können. Doch weil die „sächsischen Leute“ (d. h. die Lauenburger) 1) sich gehorsam gezeigt und Examine ausgewartet haben, erhalten diese wenigstens einen Abschied.

Ein Mißbrauch, gegen den Staat und Kirche gemeinsam auftreten mußten, wenn nicht Gesittung und Wohlstand der Bevölkerung zu Grunde gehen sollten, war die lange Dauer der Familienfeste und der große Aufwand, der bei diesen gemacht wurde. So heißt es bei Ratzeburg: Kindelbiere werden zu zweien Tagen gehalten und werden zu vier oder mehr Tischen Volks gebeten und bleiben um solcher Zubereitung willen die Kinder so lange ungetauft. Gevatter werden zu zehn oder mehr gebeten. Die Hochzeiten gehen am Sonntag Abend an und währen vier oder fünf Tage lang, bitten so viele Gäste, daß man drei Häuser damit
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1) Wahrscheinlich im Gegensatze zu den lübschen Leuten, die in Grönau eingepfarrt waren.


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besetzen kann. – An anderen Orten dauern die Kindelbiere drei oder vier Tage und die Hochzeiten an einigen Stellen acht Tage. Dann wird auch darüber geklagt, daß man bei der Einsegnung von Braut und Bräutigam andern Tages in der Hochzeit so sauft, daß man den Pastoren sein Amt zu verrichten dadurch verhindert. In St. Georgsberg wird als Grund für das Aufschieben der Taufe angegeben, daß die Leute mittlerweile, also zwischen der Geburt des Kindes und der Taufe desselben, von dem Herrendienste verschont werden.

Wickerei 1) und Zauberei sind im ganzen den Pastoren nicht bekannt. In Ratzeburg werden aber zwei genannt, die wegen solcher Sünden berüchtigt seien, einer in der Papenstraße wohnhaft und einer, der gegen Hermann Moritzen über wohnt. Auch soll daselbst eine Frau Getränke machen. Ferner heißt es bei Seedorf, von Dargow sei eine weise Frau nach Lübeck zu ihrer Tochter gezogen, heißt Anna Niemannsche, und wie Lüder Lützow, der damalige Besitzer von Seedorf, berichtet, sei sie eine arge Zaubersche. Ferner „haben sich zwei gescholten, daß einer dem andern seine Schweine mit einem Waschholze, darauf des andern Marke gestanden, und in seinem Stalle gefunden, tot gezaubert hätte“. Bei Gudow berichtet der Pastor von einer Person, die berüchtigt wäre, daß sie seinen Vorgänger solle bezaubert haben.

Wegen dieser mancherlei kirchlichen und sittlichen Übelstände konnte es in der Kirchenordnung wohl heißen: Die reine Lehre ist bis auf den heutigen Tag in großer Schwachheit und Widerstand erhalten worden. Wohl war die Bevölkerung zur lutherischen Kirche übergetreten, aber es fehlte noch eine einheitliche Ordnung des Gottesdienstes und ein festes Kirchenregiment, kurz, es war noch keine lauenburgische Landeskirche vorhanden, und diese konnte erst
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1) Vom niederdeutschen schwachen Verbum „wicken“ zaubern, wahrsagen.

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durch eine Kirchenordnung geschaffen werden. Bevor aber dieses Werk, dessen Herstellung längere Zeit erforderte, vollendet war, suchte Franz II. den schlimmsten Übelständen zunächst durch weltliche Gesetzgebung wenigstens in einem Teile seines Gebietes abzuhelfen. Deshalb veröffentlichte er am Donnerstag nach Assumptionis Mariae 1582 auf dem Rathause zu Ratzeburg die bekannte Polizeiordnung 1) unter dem Titel: „Reformation und Ordnung Unsers von Gottes Gnaden Franzen des Jüngeren, so wir zur Erhaltung christlicher Religion und guter Polizei unserer Stadt Ratzeburg zu Nutz, Gedeihen und Wohlfahrt haben verfassen lassen“. Eben weil diese die kirchliche und sittliche Ordnung möglichst bald durch strenge Gesetze wiederherstellen wollte, nimmt der Inhalt zum großen Teile gerade auf diese Verhältnisse Bezug, und der Verfasser ist sich dieses Zweckes auch wohl bewußt gewesen, wenn er die Bestimmung „von der Kinder Taufe und Gevattern“ mit den Worten einleitet: Obwohl diese und andere dergleichen Punkte in die Kirchenvisitationsordnung gehören, haben wir doch, weilen die Übertretungsstrafe der weltlichen Obrigkeit gebühret, mit untergemischt. Schon der erste Artikel: „Von christlicher Religion“, zeigt diesen sozusagen kirchlichen Zweck der Polizeiordnung. Derselbe lautet: Anfänglich setzen und ordnen wir und wollen auch, daß alle, die in unserer Stadt Ratzeburg ihre Wohnung haben oder daselbsten sich wesentlich aufhalten, christlicher Lehre und Leben sich befleißigen, in Religionssachen der augsburgischen Konfession und derselben Apologia, so mit der Propheten und Apostel Lehre übereinstimmt, geleben und gemäß verhalten oder in der Stadt nicht geduldet werden sollen.

Ferner wird gerade den Übelständen, die bei der Visitation sich herausgestellt hatten, durch scharfe Verordnungen entgegengetreten. Fluchen und Schwören wird
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1) S. die Polizeiordnungen der Städte Ratzeburg und Lauenburg, herausgegeben von Günther. Mölln, 1890. Die Lauenburger Polizeiordnung kommt hier nicht in Betracht, da sie erst nach der Kirchenordnung veröffentlicht ist.

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jedermann gänzlich verboten und dem Rate ernstlich befohlen, auf solche Gotteslästerer Achtung zu geben und dieselben nach Unterscheid der Gotteslästerunge, Fluchens und Schwörens mit Geldbuße, Gefängnis, Halseisen oder auch Verweisung und am Leibe zu strafen. – Zauberische Leute, die mit allerhand abergläubisch Segnen, Wicken, Wahrsagen und dergleichen Teufelsbetrug umgehen, sollen in der Stadt nicht geduldet, noch gelitten, sondern, wenn sie befunden werden, der Stadt bei Sonnenschein verweiset, oder, wenn sie ihre Teufelskunst hierselbst geübt, nach gestalteten Sachen mit Staupschlägen oder sonst am Leben gestrafet werden. Inbezug auf die Taufen wird bestimmt, daß die Kinder, welche die Nacht geboren, am folgenden Tage um zwei Uhr, welche Stunde der Pastor darauf zu warten soll schuldig sein, zur heiligen Taufe gebracht werden; die Eltern, welche ihr Kind über drei Tage ungetauft liegen lassen, sollen einen Thaler „unnachlässig“ zur Strafe geben. Um der zu großen Zahl von gevattern vorzubeugen, wird eingeschärft, daß zu einem Knäblein nur zwei Männer und eine Frau, zu einem Mägdlein aber zwei Frauen und eine Mannsperson zu Gevattern gebeten werden sollen bei zwei Mark Lübsch Strafe für jeden Gevatter, der über die gemeldete Zahl gebeten wird, und dem Pastor, der mehr zur Taufe zuläßt, soll allemal ein Quartal an seinem Gehalte abgezogen werden. An einer anderen Stelle werden die ebenfalls bei den Visitationen gerügten Kindelbiere verboten, denn durch den großen Aufwand sowohl bei diesen, wie bei den Hochzeiten „werden die Leute nur erschöpfet und mit den Ihrigen in Armut und Not geführt“. Bei 30 Mark Strafe 1) wird verboten, am Tage der Taufe Kindelbiere zu halten, und überhaupt sollen diese ganz aufgehoben werden. Weil aber den Eltern, „damit sie sich über den göttlichen milden Segen freuen“, wohl eine christliche Ergötzlichkeit zu gönnen ist, wird erlaubt, daß, wenn die Kindelbetterin nach geendigten

1) In der Kirchenordnung werden sogar 60 Mark darauf gesetzt.

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sechs Wochen zur Kirche geht, ein Tisch voll und nicht über zwölf Personen an Mann und Frauen zu einer Mahlzeit, auf der man „über vier Essen“ nicht speisen soll, möge gegeben werden. Wenn jemand mehr Gäste einladet und mehr Schüsseln giebt, soll er für jedes übrige Essen und jede übrige Person mit acht Schilling abwetten und abbüßen. – Ganz besonders ausführlich sind die Vorschriften über die Hochzeiten. Zunächst richten sich diese gegen die in den Visitationsakten oft gerügte lange Dauer derselben. Sie sollen nicht wie bisher am Sonntag Abend, sondern am Montag anfangen, und die eigentliche Feier darf nur bis Dienstag Abend dauern bei 20 Mark Strafe, und zwar sollen die Spielleute nicht länger als zu elf Schlägen in der Nacht zum Tanze oder sonsten auf der Hochzeit spielen. Um ferner dem übermäßigen Aufwand vorzubeugen, wird streng vorgeschrieben, daß an den beiden Tagen nur vier Essen ohne Butter und Käse gespeist werden sollen. Die Zahl der Gäste ist nach der in der Polizeiordnung angenommenen Dreiteilung der Stände verschieden. Die vom Oberstande dürfen nicht mehr als vierzig Paare, die vom Mittelstande dreißig Paare, und der Unterstand darf nur fünfzehn Paare Volks zu Tische haben, die Prediger, Schulmeister, Küster und auch fremde Leute ausbeschieden; für jede Person über solche Zahl sollen acht Schilling bezahlt werden. Am dritten Tage darf nur im engeren Kreise der nächsten Verwandten des jungen Paares, sowie der Schaffer und „Schafferschen“ und derer, die Bräutigam und Braut zu Ehren auf der Hochzeit gedienet, eine Mahlzeit mit drei Essen stattfinden bei 10 Mark Strafe hierüber nicht mehr zu bitten oder mehr Hochzeit zu geben.

Andere Bestimmungen betreffen die Kirchen, Schulen und deren Diener. Wie wir bei der Generalvisitation gesehen haben, war bisher großer Mangel erschienen, daß man dem Pastoren, Schulmeister und Küster ihre gewöhnliche Quartal, wo nicht mehrenteils verweigert, doch nachlässig gegeben. Deshalb werden jährlich vier feste Zahlungstermine auf dem

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Rathause angesetzt, bei denen der regierende Bürgermeister, daneben ein Ratsherr und beide Kirchgeschworene darauf warten, daß Geld empfangen und, die ausgegeben, verzeichnen sollen. Wenn jemand an dem bestimmten Tage nicht bezahlt, soll er anderen Tages solches doppelt geben und den dritten Tag darum ohne alle Gnade gepfändet werden. – Die Eltern sollen ihre Kinder, wenn sie von sechs oder sieben Jahren, zur Schule schicken, und ob sie gleich Armut halber das Schulgeld nicht zu geben vermögen, sollen sie doch vom Schulmeister angenommen und gratis instruiert werden. Solche pauperes sollen nach Verordnung des Schulmeisters zur Schularbeit die Schule auskehren, einheizen oder sonsten dem Schulmeister Dienste zu leisten verbunden und schuldig sein. Wenn solche Kinder zur Schule untüchtig befunden werden, sollen die Eltern sie zur Arbeit halten, zu Ämtern und Handwerkern setzen, damit sie dem Müßiggang entzogen, und keinem derselben, so nicht körperlich gebrechlich ist, soll zu betteln verstattet werden. – Besondere Bestimmungen beziehen sich auf die Kirchgeschworenen, zu denen in Ratzeburg noch die Vorsteher „zum heiligen Geiste“ kommen. Zu diesen Ämtern sollen eheliche, unberüchtigte, verständige Leute, die schreiben, lesen und Register halten können, auch soviel möglich ziemlich wohlhabend sein, erwählt und verordnet werden. Insbesondere wird den Kirchgeschworenen auch die Fürsorge für die Kirchhöfe, über deren Verwahrlosung in den Visitationsakten öfter geklagt wird, dringend ans Herz gelegt. Sie sollen diese als der Christen Ruhekammern ehrlich halten und sie derart verbauen und versehen, daß kein Vieh darauf komme und der Christen Gräber verunreinige und aufwühle. Die letzteren sollen nicht alle Jahre mit Erde erhöht werden, wodurch der Kirchhof ein unsauberlich Ansehen bekommt, sondern ein jeder soll seine Gräber schlicht machen und sich der Höhung enthalten bei acht Schilling Brüche. Sehr ausführlich und eingehend sind die Abschnitte „von dem unfleißigen Kirchgange, von Entheiligung des Feier-

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tages und von feier- und sonntäglichen Gesäuf und Tanzen“. Hier wird namentlich den Bürgermeistern, Ratspersonen, ferner auch den Kirchgeschworenen zu St. Peter, den Vorstehern des heiligen Geistes, den Feuergrefen und Quartiermeistern eingeschärft, „ihre Stelle in der Kirche zu gemeltem St. Peter zu bekleiden“ und der gemeinen Bürgerschaft mit christlichem Exempel vorzugehen bei zwei Schilling Strafe, von denen, die ohne erhebliche Ursache säumig befunden werden, zu erlegen. Die Quartiermeister sollen auf die Hauswirte ihres Quartiers Achtung geben und die zum Kirchgang Säumigen dem Bürgermeister angeben, dieselben sollen bei ernster Vermahnung auch in Strafe genommen werden. Wie schon oben erwähnt, sollen die, welche unter der Predigt göttlichen Wortes auf dem Markte oder Palmberge spazieren gehen oder, wenn sie gleich in die Kirchthüre treten, nach gelesenem Texte wieder davon laufen, als Verächter des göttlichen Wortes, wenn sie betreten werden, an das dazu verordnete Halseisen, andern zum Exempel gestellt und vor der Sonne Niedergang nicht daraus gelassen werden, es wäre denn, daß selbige bei dem Richtherrn abgewetten würde, welche Strafe doch weniger als sechs Schilling nicht sein soll, das Schließgeld ausbescheiden. Ebenso ist bei dem Visitationsabschiede in Ratzeburg oben schon erwähnt, daß der, welcher sitzende Gäste während des Gottesdienstes hält, mit Verlust der Konzession bestraft werden soll. Dieses wird hier näher dahin ausgeführt und gemildert, daß der Wirt zehn Mark, der Gast fünf Mark unnachlässig verbrochen hat und das Trinkgeschirr, daraus getrunken ist, dem Rate heimfallen soll.

Außer diesen Bestimmungen über das kirchliche und sittliche Leben der Bürger enthält die Polizeiordnung ihrem Zwecke gemäß eine ganze Reihe von Verordnungen, durch welche die rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse derselben geregelt werden, und so ist sie eine wichtige Quelle der Belehrung für den, der die Kulturgeschichte der damaligen

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Zeit kennen lernen will. 1) Indessen kommen hier nur die ersteren Bestimmungen in Betracht, welche allem Anscheine nach Franz II. getroffen hat, um bis zum Erscheinen der Kirchenordnung wenigstens in Ratzeburg den schlimmsten Übelständen zu steuern. Im Jahre 1585 erschien dann die lange und heiß ersehnte Kirchenordnung, und diese enthält in dem vierzehnten Abschnitte des andern Teiles „von dem Kirchspiel Volke, wie sich dasselbige gegen Gottes heiliges Wort, und die hochwürdigen Sacramente, und ihre Seelsorger, verhalten und erzeigen solle“ für die Bewohner des ganzen Herzogtums im wesentlichen dieselben Verordnungen. Natürlich erstreckt sich aber der Inhalt dieser Kirchenordnung viel weiter, denn sie soll die ganze Arbeit der Visitationen zu einem dauerndes Gewinn machen, weil, wie es in der Einleitung heißt, sonst alles, was durch die Visitatio zu Besserung aufgerichtet, bald hernacher gewißlich in Abfall geraten und also alle gehabte schwere Mühe, Arbeit und Unkosten verloren sein würde. So haben wir, heißt es weiter, zu Verhütung solches Unrats, auf Gutachten unserer Räte, auch mit Wissen, Willen und Ratification unserer getreuen Ritter und Landschaft, für eine hohe Notdurft angesehen, daß zu Heil, Aufnahme und beharrlicher Beständigkeit, eine gemeine Kirchenordnung, für unsere Fürstentum verfasset und publicieret würde, nach der sich jeder Zeit alle Kirchen und Kapellen, auch der Hospitalen Vorsteher, wie auch andere in ihren Embtern, Geistliches und Politisches Standes zu verhalten hätten: Neben einer ausführlichen Agenda, wie es in Verwaltung des heiligen Gottesdienstes, richtig und durchaus sollte gepflogen werden: Und haben also über den vorigen, auch zu dieser Arbeit, obgedachten Ehrn Superintendenten zu Lübeck vermocht, daß er solches christliches und hochlöbliches Werk vor die Hand genommen, ausgeführet und geendiget.“

1) Ein anschauliches Bild der Kulturgeschichte Lauenburgs im sechszehnten Jahrhundert hat nach der Polizei- und der Kirchenordnung entworfen Günther in der Beilage zum XVII. Jahresbericht der Albinusschule zu Lauenburg (Ostern 1890).

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Auf den Inhalt dieser Kirchenordnung im einzelnen einzugehen liegt außerhalb der Grenzen dieser kleinen Arbeit, die nur die Vorgeschichte derselben behandeln sollte. Daß übrigens infolge dieser festen Ordnung und Verfassung der lauenburgischen Landeskirche andere Verhältnisse eintraten, zeigt schon ein Bruchstück aus den Visitationsakten des Jahres 1614, das in einem früheren Bande dieser Zeitschrift erschienen ist. 1) Da heißt es von der Schloßkirche zu Lauenburg folgendermaßen: „Der Pastor ist von Fürstliche Gnaden legitime vocieret, vom Superintendenten Johann Erhardt examiniert, ordiniert und introduciert und hat ein testimonium ordinationis, hat die niedersächsische (d. h. lauenburgische) Kirchenordnung und derselben unterschrieben und richtet sich darnach. Hält Register von den getauften Kindern, vertrauten Personen und verstorbenen. Im Examen ist die Gemeinde ziemlich wohl bestanden.“ Von größeren Übelständen in sittlicher Hinsicht ist nicht die Rede, und das Einkommen des Predigers ist genau geregelt.

Zum Schluß bemerke ich noch, daß dieser kleine Aufsatz aus einem Vortrage hervorgegangen ist, der bei der vorjährigen Generalversammlung des Vereins für lauenburgische Geschichte in Ratzeburg gehalten wurde. Demselben lagen vor allem die Visitationsakten aus den Jahren 1581 und 1582 zu Grunde, welche durch die Güte des Herrn Konsistorialrat Soltau zur Verfügung gestellt waren. Wenn nun dieser Vortrag in etwas erweiterter Form hiermit veröffentlicht wird, so war sich der Verfasser dessen wohl bewußt, daß es ihm nicht gelungen ist, das Dunkel, welches einmal über dem äußeren Verlaufe der Reformationsgeschichte unseres Ländchens lagert, aufzuhellen, indessen glaubte er doch mehr, als es bisher geschehen ist, bei der Vorgeschichte unserer Kirchenordnung betont und, so weit es möglich ist,
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1) Von Dührsen im 2. Bande, 2. Heft, S. 106-111 herausgegeben. S. dagegen die von demselben herausgegebenen „Geesthachter Kirchenvisitationen“, im 3. Heft des 2. Bandes, S. 22 bis 30. Hier treten uns die traurigen Verhältnisse vor der Kirchenordnung deutlich entgegen.

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im Zusammenhange ausgeführt zu haben, daß diese Ordnung der durchaus notwendige und lange ersehnte Abschluß einer Zeit voll Verwirrung und Unordnung, voll der größten Übelstände in kirchlicher und sittlicher Beziehung war und daß sei ein Hauptglied bildet in der Reihe der strengen und durchgreifenden Gesetze, durch welche Franz II. diesem traurigen Abschnitte unserer Landesgeschichte ein Ende zu machen suchte. Man würde allerdings fehlgehen, wenn man diesen mit den frommen, geraden und überzeugungstreuen Fürsten der eigentlichen Reformationszeit vergleichen wollte, denn sein Charakter ist durchaus nicht frei von großen Fehlern und Schwächen, wie sie ihm auch sein tüchtiger Kanzler Schulze freimütig vorgehalten hat. 1) Sein Stolz, sein leidenschaftliches, jähzorniges Wesen, seine Selbstsucht treten wiederholt hervor, und wo es sein Vorteil erheischt, geht er auch wohl von dem geraden Wege ab, aber zu seinem Lobe muß gesagt werden, daß er mit fester Hand die Zügel der Regierung ergriff, daß er unter den mißlichsten Verhältnissen dieselben festhielt, und daß er vor allem die ihm gleichsam aufgezwungene Aufgabe in kirchlicher, rechtlicher und sittlicher Beziehung die heillosen Zustände seines Landes zu bessern mit Ernst, Umsicht und Kraft zu lösen suchte.
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1) In dem Schreiben, aus welchem oben S. 4 das Urteil Schulzes über Franz II. Vorgänger angeführt ist, sagt derselbe seinem Herrn folgendes: Eure Fürstliche Gnaden haben von Gott dem Allmächtigen schöne, herrliche, fürstliche Tugend bekommen, aber die alle werden durch den hitzigen Zorn, durch Begierlichkeit desjenigen, so E. F. Gn. nicht gebühret und Sie gleichwohl unterm Scheine, als ob Sie es wohl befugt zu thun, entweder an sich zu bringen, oder da Sie es in Händen haben, mit Rechte nicht zu verlassen, obscuriert und verfinstert, daß Sie den rühmlichen Namen der Friedfertigkeit, Lindigkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit, Mildigkeit bei vielen, sonderlich bei E. F. Gn. Unterthanen und den umliegenden und benachbarten Ständen mehrenteils verloren haben. – S. Duves Mitteilungen zur näheren Kunde des Wichtigsten der Staatsgeschichte und Zustände der Bewohner des Herzogtums Lauenburg S. 328, Anm. 127. – Ohne Zweifel hat Schulze oder, wie Duve schreibt, Schultz seinen Herrn vielfach zur Mäßigung und Vorsicht bewogen und seine glänzenden Regenteneigenschaften zur Entfaltung gebracht.

 

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