Jahresband 1894

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 






 



JAHRESBERICHT.

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Die letzte Generalversammlung des Geschichtsvereins ist am 13. September 1893 zu Ratzeburg statutengemäß abgehalten worden. In derselben hielt Herr Professor Dr. BERTHEAU einen Vortrag über die Urgeschichte der lauenburgischen Kirchenordung, in welchem in lichtvoller Weise auf Grund der im Archiv des Königl. Consistoriums zu Kiel aufbewahrten Visitationsberichte die Verwirrungen und Verirrungen beleuchtet wurden, die in den ersten Decennien nach Einführung der Reformation in vielen Gemeinden unseres Landes geherrscht haben. Sodann machte das correspondirende Mitglied, Herr Dr. HACH in Lübeck, einige Mittheilungen über die bei dem Brande des Doms zu Ratzeburg zerstörten Domglocken und deren Gießer. Darnach brachte der Vorsitzende den räthselhaften Möhnsener Urnenfund zur Sprache, über den Herr SCHRÖDER aus Schwarzenbek referirte. Über diesen Urnenfund findet sich eine Mittheilung in den Miscellen (S. 118 ff.). Der Vorsitzende theilte ferner mit, daß das Ehrenmitglied des Vereins, Herr Hofrath J. v. FALKE, der Vereinsbibliothek sein Buch „Geschichte des Geschmacks“ verehrt und in einem Schreiben seinem Schmerz über den Dombrand Ausdruck gegeben habe. Die Versammlung genehmigte die von dem Vorsitzenden bewirkte Übersendung eines kleinen, den Dom darstellenden Ölbildes

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von Dargen an den Herrn v. Falke, der ja sein Interesse für den Verein so oft bethätigte.

Die Rechnung des Rechnungsführers ward sodann vorgelegt, genehmigt und ihm Decharge ertheilt. Endlich ward zu den Neuwahlen geschritten. Zum Vorsitzenden ward der Amtsgerichtsrath DÜHRSEN wiedergewählt und wurden ebenso die Mitglieder der Sectionen Mölln, Ratzeburg, Lauenburg und Schwarzenbek nach den Vorschlägen der einzelnen Sectionen wiedergewählt, für Ratzeburg aber an Stelle des leider verstorbenen Rectors a. D. Hornbostel der Kreisschulinspector Herr Dr. SCHÜTT erwählt.

Der Gesammtausschuß hielt zwei Sitzungen ab und zwar am 14. Februar cr. in Mölln, in welcher der Vorsitzende einen Vortrag über den Zusammenhang der Ortschaften Mölln und Altmölln hielt, Herr M. SCHMIDT in Ratzeburg über den in Lauenburg a. E. geborenen Maler Findorf und Herr Prof. Dr. BERTHEAU über den Bischof Dräseke sprachen, welch’ letzterer früher in Mölln und in St. Georgsberg als Seelsorger gewirkt hat, und sodann am 30. April cr. in Büchen, in welcher Sitzung Herr Dr. HELLWIG einen Vortrag über Begebenheiten und Zustände im Amt Schwarzenbek in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts hielt und der Vorsitzende einige Mittheilungen über die büchener Kirche und deren interessante Schätze machte. An diese Sitzung schloß sich dann eine Besichtigung der büchener Kirche und später auch der in Pötrau.

Die büchener Kirche ist im vorigen Jahre im Innern gründlich renovirt, jedoch in einer den Altherthumsfreund keineswegs erfreuenden Weise. Die berühmten Frescogemälde im Schiff der Kirche, die aus dem 13. Jahrhundert stammen, sind freilich zum Glück intact geblieben, aber der jetzt als Kirchenblock benutzte Schrein, der in katholischer Zeit und noch darüber hinaus das wunderthätige Muttergottesbild barg, ist modern lackirt worden, die eisernen Theile schwarz, die Holztheile eichenholzfarbig. Wohin übrigens das wunderthätige Bild der Muttergottes St. Maria ad fagum (fagus =

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Buche) verschlagen worden, ist nicht mehr festzustellen. Nach den Raumverhältnissen des Schreins, der für gewöhnlich mit schweren Vorhängeschlössern verschlossen gewesen und unter dem Thürchen, welches geöffnet ward, wenn das Bild den anbetenden Pilgern gezeigt wurde, eine Kasse hatte, in die geopfert wurde, muß man sich unter diesem Muttergottesbilde eine kleine, etwa 1 ½ Fuß hohe hölzerne geschnitzte Figur der Jungfrau Maria vorstellen, die wie eine Puppe angekleidet, gekrönt und mit Schmuckstücken, Münzen u. s. w. geziert war. So sieht auch das von der katholischen Gemahlin des Herzogs Julius Heinrich aus dem säcularisirten Fräuleinstift in Ebstorf in Niedersachsen nach Schlackenwerth gebrachte „Gnadenbild der heiligen Mutter Maria Treu“ aus, welches in der Kirche des ehem. Piaristenklosters zu Schlackenwerth bei Karlsbad sich befindet und wahrscheinlich dort noch immer ungeschwächt Wunder verrichtet. Die büchener Kirche besaß in der katholischen Zeit außerdem noch eine wunderthätige Hostie und „das heilige Blut“. Kein Wunder, daß viele „Beedefahrer“ nach Büchen zogen und daß die Kirche durch deren Opfer so wohlhabend ward, daß ihr nach Einführung der Reformation aufgegeben werden mußte, von dem überflüssigen Silbergeräth 131 ½ Loth zu verkaufen. „Beedefahrer“ wallfahrteten auch nach der Reformation immer noch nach Büchen, zum großen Kummer der kirchlichen Oberen; und wenn wir Haupt glauben dürfen, so ist „einiger Nachglanz alter frommer Sitte sogar heute noch nicht ganz erloschen“; „zahlreiche kleine Andenken, an verborgenen Stellen verstohlen angebracht“, hätten es bezeugt. Die Kirche ist der heil. Maria geweiht und zwischen 1190-1230 erbaut. Der Taufstein, von sehr alter, vorzüglicher Arbeit, aus Porphyr, ist bei der Renovation aus dem Schiff, wo er, ohne gebraucht zu werden, verborgen und eingesunken stand, in die Nähe des Altars gesetzt und dient nun wieder seiner Bestimmung. – Der Ort Büchen ist sehr alt. Wenn er nicht, was nicht feststeht, aber auch keineswegs ausgeschlossen ist, mit der von Karl dem Großen

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am limes saxonicus angelegten Burg „Hobuki“ identisch ist, so haben doch dort seit der ältesten Zeit die lauenburgischen Stände getagt und häufig haben deren Sitzungen die Herzöge persönlich beigewohnt. Noch ist zu bemerken, daß bei der Renovirung die alte hübsche Kanzel, die wie der Altar und die Empore aus der eingegangenen Schloßkirche in Franzhagen (Franzhof) stammt, beseitigt und durch eine neue von Stein ersetzt ist. Das Altarbild, offenbar von einem namhaften Künstler herrrührend, stellt den Herzog Franz II., dessen zweite Gemahlin und seine zahlreichen Kinder in betender Stellung dar, im Hintergrund Jerusalem. Leider ist es in den 40er Jahren von einem Anstreicher versudelt, die Köpfe – die Hauptsache – scheint dieser Künstler jedoch zum Glück mit seinem Pinsel verschont zu haben. Endlich ist noch anzuführen, daß im Schiff der Kirche zwei fürstliche Leichen beigesetzt sind, welche dorthin von der Franzhagener Hofkirche verbracht worden sind: Gustav Rudolph, Sohn des Herzogs Adolph Friedrich I. von Mecklenburg-Schwerin, † 14. Mai 1670 und Erdmuth Sophie von Sachsen-Lauenburg, seine Gemahlin, † 22. Aug. 1689. Die einfachen, schmuck- und inschriftlosen Särge Beider hat man bei der Renovirung gefunden und das kleine Gewölbe zugeschüttet. – Die pötrauer Kirche ist neu; in der Thurmhalle fand sich der noch aus der alten Kirche stammende alte werthvolle Schnitzaltar, der wahrscheinlich einst der büchener Kirche angehört hat, bis diese als Altarbild das Fürstenbild aus der franzhagener Kirche erhielt.

Zu denjenigen Gesellschaften und Vereinen, mit welchen der lauenburgische Geschichtsverein in Schriftenaustauschverkehr steht, sind hinzugekommen: das Museum lübeckischer Kunst- und Culturgeschichte in Lübeck, das Märkische Provinzialmuseum in Berlin, die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften (philologisch-historische Classe) in Göttingen, und die Kurländische Gesellschaft für Literatur und Kunst (Section für Genealogie, Heraldik und Sphragistik) in Mitau, sowie der anthropologische Verein in Schleswig-Holstein zu Kiel.

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Der Kreistag hat auch für das Etatsjahr 1893-94 dem Verein eine Beihülfe von 300 Mark bewilligt, wofür hiemit der gebührende Dank ausgesprochen wird. Frau GRÄFIN V. KIELMANNSEGGE auf Cappenberg u. Nassau hat durch einen namhaften außerordentlichen Beitrag ihr Interesse für die Bestrebungen unseres Vereins sowohl im vorigen, als in diesem Jahr bethätigt, wofür auch an dieser Stelle bestens gedankt wird. Dann ist noch zu erwähnen, daß der Director der Anhaltischen Bauschule zu Zerbst, Herr Rob. SCHMIDT, ein geborener Lauenburger, dem Verein einige seiner Arbeiten verehrt hat: „Schloß Gottorp, ein nordischer Fürstensitz, ein Beitrag zur Kunstgesch. Schleswig-Holsteins“, sowie „die ehemalige Stiftskirche der regulirten Chorherren Augustiner Ordens zu Bordesholm“ (beides reich illustrirt) und „Marmorgrabmal König Friedrichs I. im oberen Chor des Domes zu Schleswig“. Auch für diese werthvollen, fortan eine Zierde unserer Bibliothek bildenden Werke sei dem gütigen Geber an dieser Stelle nochmals bestens gedankt. Herr Stadtrath Dr. FRIEDEL in Berlin schenkte ein Schriftchen über Mölln und dem Eulenspiegel und Herr Dr. F. VOIGT in Hamburg den Text zu „die Vierlande bei Hamburg, 50 Lichtdrucke von Carl Griese“. Für beides spricht auch an dieser Stelle der Verein seinen verbindlichsten Dank aus.

Diese Schenkungen legen ein werthvolles Zeugniß davon ab, daß unser Verein trotz seiner Jugend sich auch auswärts einiger Sympathie erfreuen darf. Möge das immer so bleiben!

Endlich ist noch mitzutheilen, daß das germanische Museum zu Nürnberg sich an den Verein mit der Bitte wandte, ihm eine Gypsnachbildung des Eulenspiegelgrabsteins zu verschaffen, daß der Verein aber wegen Mangels an den dazu erforderlichen Mitteln diese Bitte durch den Vorsitzenden dem hiesigen Magistrat überwiesen und dringend befürwortet hat, daß dann die städtischen Collegien die erforderlichen Mittel bewilligt und eine Gypsnachbildung jenes Steins

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durch einen lübecker Künstler haben anfertigen lassen und dieselbe dem Nationalmuseum in Nürnberg übersandt haben. So ist denn der Eulenspiegelgrabstein in Gypsnachbildung jetzt auch in Nürnberg zu finden, wo er im Nationalmuseum füglich auch nicht fehlen durfte. Die Matrize der Nachbildung ist unseren Sammlungen überwiesen. Auf das Original, dessen Alter etc. gedenken wir im nächsten Jahrbuch zurückzukommen.

Die diesjährige Generalversammlung wird im September statutgemäß in Mölln abgehalten werden. Die Einladungen dazu werden den Mitgliedern zugleich mit diesem II. Hefte des IV. Bandes unserer Zeitschrift zugehen.

MÖLLN im August 1894.

Der Vorsitzende
W. DÜHRSEN.


 

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Inhalts-Verzeichniß.

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  Seite
   
Jahresbericht. I-VI
   
Die Vorgeschichte der Lauenburgischen Kirchenordnung.
Von Dr. Bertheau, Ratzeburg
1-26
   
Lowenburgischer peinlicher Proceß und Urgicht des daselbst gefänglich sitzenden Amtsschreibers von Bergersdorf.
Mitgetheilt von W. Dührsen
 
27-90
   
Hospital St. Georg zum Sandkruge.
Von Johannes Friese.
91-99
   
Actenstücke zur Chronik des Domhofes bei Ratzeburg.
Von Dr. Hellwig, Ratzeburg.
100-114
   
Miscellen. (Hieronymus Schulze. Zum Möhnsener Urnenfund. Zeitungsjubiläum.)

115-125


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