Jahresband 1893

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Das lauenburgische Acker- u. Wiesenland.

Von Konrektor NEHL in Mölln.
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Wer zum ersten Male das lauenburger Land gelegentlich einer Eisenbahnfahrt zwischen Büchen und Mölln zur Erntezeit sieht, braucht kein Landmann zu sein, um zu bemerken, daß er durch einen dürftigen Landstrich fährt; denn die weit von einander stehenden Roggen- oder Haferstiege, der spärliche Graswuchs, der helle Sand und das dunkle Moor reden eine deutliche Sprache. Der Fremde würde sich aber irren, wollte er sich auf Grund dieser Wahrnehmung ein Gesamturteil über die Ertragsfähigkeit des Bodens im Kreise bilden; eine Wanderung durch den nördlichen und westlichen Theil unseres Ländchens und ein Blick auf die gesegneten Fluren daselbst müßte seine Meinung ändern.

Der Kreis Lauenburg hat bei einem Flächeninhalte von 118256 ha an Ackerland 68327 ha aufzuweisen und nimmt hinsichtlich seiner Fruchtbarkeit unter den 20 Landkreisen unserer Provinz die 10. Stelle ein; der Grundsteuer-Reinertrag beträgt im Durchschnitt 22 Mk. 38 Pf. vom ha. Die ergiebigsten Aecker in Schleswig-Holstein hat Eiderstedt, die schlechtesten Rendsburg; die Grundsteuer-Reinerträge der beiden Kreise sind auf 50,91 Mk. und 9,63 Mk. durchschnittlich festgesetzt worden. In Lauenburg liegen die Grenzen zwischen 5,14 Mk. (Langenlehsten) und 40,48 Mk. (Gut Kastorf).

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Von der Mark Brandenburg strahlt nach Nordwesten ein Sandrücken aus, der durch das westliche Mecklenburg-Schwerin geht und vom Segraner Berg bis Büchen die südöstliche Grenze unseres Kreises überschreitet. In Lauenburg streicht er von Süden nach Norden, wird allmählich schmäler und endigt auf der Möllner Feldmark mit der zwischen der Schmilauer und Sterleyer Chaussee belegenen „Heide“. Die Lübeck-Büchener Eisenbahn befährt von Mölln bis Büchen diesen Sandrücken; der Stecknitz-Kanal und die von guten Wiesen eingefaßte Delvenau durchschneiden ihn in vielen Windungen auf derselben Strecke. 16 Bezirke: Büchen, Bröthen, Fitzen, Roseburg, Siebeneichen, Güster, Nüssau, Hornbek, Woltersdorf (Gemeinde), Sarnekow, Besenthal, Göttin, Langenlehsten, Grambek, Lehmrade und Brunsmark sind mit einem Grundsteuer-Reinertrage von weniger als 10 Mk. pro ha eingeschätzt worden; Mölln, Woltersdorf (Gut), Klein Pampau, Müssen (Gemeinde), Pötrau und Gudow (Gemeinde) kommen etwas über 10 Mk. hinaus. Vorstehende 22 Bezirke haben einen Inhalt von 16555 ha, machen also 1/7 der Kreisfläche aus. Wo der Sand in seiner traurigen Vollendung auftritt, erinnert er an die Lüneburger Heide und den Mittelrücken von Schleswig-Holstein. Göttin, Besenthal, Langenlehsten und Bröthen, deren Feldmarken sich begrenzen, liegen über eine Wegstunde von einander entfernt; bedenkt man, daß jedes Dorf etwa ein halbes Dutzend Bauerstellen enthält, so kann man sich von der Größe der letzteren eine Vorstellung machen. Aber sie sind trotzdem kein beneidenswerter Grundbesitz. Der Sand wird hier so feinkörnig und beweglich, daß ihn jeder heftige Windstoß bei trockenem Wetter in Wolken von dannen führt; es ist nichts Außergewöhnliches, wenn bei solcher Gelegenheit die eben gestreute Roggen- oder Haferaussaat unter einem Sandhügel an einem Ende der Koppel zusammengeweht oder auf das Grundstück des Nachbarn geworfen wird. Der magere Boden erzeugt hauptsächlich Buchweizen, Hafer, Roggen und Kartoffeln. Von Getreide wird in trockenen Jahren bis-

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weilen kaum die Aussaat wiedergewonnen; dagegen ist der Ertrag der Kartoffeln zuverlässiger, sie sind von vorzüglichem Geschmack und gehen massenweise nach Hamburg, weshalb sie eine wesentliche Einnahmequelle der Sandbauern ausmachen. Zum Lobe des lauenburgischen Sandes muß hervorgehoben werden, daß verhärtete Fuchserde kaum oder doch nur sehr selten vorkommt. Bedeutende Strecken, besonders auf der Ostseite zwischen Brunsmark, Lehmrade und Gudow, tragen Nadelholz in dichten und großen Beständen, so daß z. B. in den „Lehmrader Tannen“ Hirsche als Standwild vorkommen. Wo der Sand nicht bestellt oder aufgeforstet wird, sondern als Oedland mit einem Grundsteuer-Reinertrage von 1 Mk. 20 Pf. pro ha daliegt, siedeln sich Besenginster und Heidekraut an. Diese beiden Gesträuche verleihen dem monotonen Sand ein eigenthümliches Gepräge: der Besenginster mit seinen großen, schön gelben Schmetterlingsblüten im Vorsommer und die Heide im Schmuck ihrer purpurnen Blütentrauben gegen den Herbst. Der Besenginster (Hasenbrahm) gewährt außerdem bei Schneefall dem Wild eine allerdings kümmerliche Nahrung, während die Heide in Zeiten des Mangels als Schaffutter und Streu dient; wichtiger ist dieselbe für die Imkerei, da sie als eine ergiebige Honigquelle geschätzt wird.

Unter dem Sande liegt zwar überall eine Lehm- oder Mergelschicht, leider aber meistens so tief (bis zu 12 m), daß sie für die Bildung der Ackerkrume belanglos ist. An Stellen, wo der Sand weniger hoch aufgeschoben wurde, oder wo die Thonschicht ansteigt, kommt sie der Oberfläche so nahe, daß die Tagewässer am Durchsinken verhindert werden. Sind solche Stellen muldenartig und führt ihnen ein Hügelkranz oder gar ein Bächlein mehr Wasser zu, als durch Verdunstung verloren geht, so entsteht ein See. Sein frisches, grünes Ufer, sein dunkler oder blauer Spiegel, das Auge der Landschaft, macht gerade inmitten einer dürftigen Vegetation einen belebenden und angenehmen Eindruck. Der lauenburgische Sand besitzt über ein Dutzend solcher Seeen,

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von denen einige, wie der Gudower-, Drüsen- und Möllner See durch ihre Ausdehnung, andere, wie der Schmal- und Pinnensee, durch ihre schönen Ufer und der Schwarzsee durch seine düstere Umgebung hervorragen. Alle sind mehr oder weniger fischreich und geben durch Rohrschnitt Ertrag; die bei Mölln gewähren Einheimischen und Fremden durch Baden, Bootfahren, Angeln und Entenjagd gesunde Bewegung und angenehmen Zeitvertreib.

Wo eine undurchlässige, ebene oder schwach vertiefte Thonschicht der Oberfläche nahe liegt, aber die übrigen Bedingungen für die Bildung eines Sees nicht vorhanden sind, da entsteht ein Sumpf oder ein Moor. Der lauenburgische Sand ist reich daran, denn Heide und Moor sind häufig Nachbarn; während an einer Stelle das Wasser fehlt, ist wenige Schritte davon des Guten zu viel vorhanden, hier der helle, feinkörnige Sand und dicht daneben der schwarze, tiefe Morast. Sumpfige Teiche liefern Schleien und Karausche, Sümpfe Rohr, Brüche tragen Erlen und Birken, Moore dienen als Weide und erzeugen Torf, der nicht nur an Ort und Stelle benutzt, sondern auch in der Nachbarschaft als sparsam brennendes Heizmittel für die Küche gern gekauft wird.

Man wähnte aber nicht, daß der lauenburgische Sandbauer ein armer Mann sei; er lebt vielmehr, dank seinen Eigenschaften, in bescheidenem Wohlstande. Die magere Scholle, welche sich nur durch harte Arbeit einen sehr mäßigen Ertrag abgewinnen läßt, erzieht ihn zu einem fleißigen und sparsamen Menschen und macht auch sein Vieh von leichtem Schlage ausdauernd und genügsam.

Abgesehen von dem Sandrücken und einigen zerstreut liegenden kleinen Sandinseln und Mooren ist der Boden unseres Kreises fruchtbar. Im Südwesten, wo der Sachsenwald den größten Raum einnimmt, herrscht bisweilen der Thongehalt in dem Maße vor, daß der Boden kaltgründig wird und der Entwässerung bedarf. Der Norden unseres Kreises zeigt die Bodenart des östlichen Holsteins: eine günstige Mischung

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von Sand, Thon und Kalk; hier gedeihen Feldfrüchte aller Art, besonders gewähren Weizen und Oelsaaten vorzügliche Ernten. Der Ueberschuß der landwirtschaftlichen Erzeugnisse geht nach Westdeutschland, weil die Preise für Lebensmittel in dem Maße steigen, wie man sich vom dünn bevölkerten, ackerbautreibenden Osten dem industriellen Westen mit seiner dichten Bevölkerung nähert.

Die Aecker und Weiden sind bei uns, wie im östlichen Holstein, mit Knicken oder Hecken eingefaßt, durch deren Anlage unsere Vorfahren uns ein tüchtiges Stück Arbeit abgenommen haben. Die Knicke bestehen aus Erd- und Steinwällen, die hauptsächlich mit Hasel-, auf Sandboden mit Birkengebüsch bepflanzt sind; sie weisen aber zusammen eine große Mannigfaltigkeit an Holzarten auf: Eichen, Rot- und Weißbuchen, Birken, Ahorn, Haseln, Erlen, Schwarz- und Weißdorn, wilde Rosen, spanischen Flieder, Goldregen, schwarzen Holunder, Schneeball, Süß- und Heckenkirschen (Prunus avium L. u. Lonicera Xylosteum L.) Vogelbeeren, Pfaffenhut (Evonymus L.), Pulverholz (Rhamnus Frangula) und selbst Linden. Durch Dornen und Schlingpflanzen, wie Geisblatt, Hopfen, Zaunwinde und Bittersüß, wird mancher Knick für Menschen und Vieh undurchdringlich, und da er in seinem dichten Laube eine Menge gefiederter Sänger, sowie brummender und summender Insekten verbirgt, so verdient er seine Bezeichnung „lebendige Hecke“ mit Recht. Etwa alle 10 Jahre werden die Knicke abgeholzt. Sie gewähren den Saaten und dem Vieh Schutz vor Frost, Sturm und Regen, bilden eine sichere Einfriedigung, geben den Singvögeln gute Nistplätze, ihrem Besitzer Erbsbusch, Back- und Brennholz und der lieben Jugend Gelegenheit zum Haselnuß-, Kirschen- und Schlehenpflücken. Auch erhöhen sie den Reiz der Landschaft, indem sie derselben ein eigentümliches, gartenähnliches Ansehen verleihen und dem Wanderer die Fernsicht fortwährend öffnen und wieder schließen. Die Knicke schaden dadurch, daß sie dem Ungeziefer: Mäusen, Insekten und Ackerschnecken sichere Schlupfwinkel und Winterquartiere gewähren und die

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nördlich von den Wällen belegenen Ackerstreifen beschatten, auch verzögern sie die Schneeschmelze und das Auftauen des Bodens im Frühlinge; doch wiegt ihr Nutzen den Schaden bei weitem auf.

Die Obstbaumzucht ist in Lauenburg nie ganz vernachlässigt worden, obgleich sie sich früher in den Gärten der Landleute nur auf einzelne Arten von Kirschen- und Zwetschenbäumen beschränkte, denn edle Apfel- und Birnensorten waren schwer zu erlangen, wurden auch als entbehrliche Näscherei angesehen. Das hat sich aber in den letzen Jahrzehnten geändert, seitdem man den Marktwert des Obstes, seinen vorteilhaften Einfluß auf die Gesundheit und seine mannigfache Verwendung zu Speisen besser kennt. Der Obst- und Gartenbauverein für die Kreise Segeberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg ist mit Erfolg bestrebt, die Obstbaumzucht durch gemeinverständliche Vorträge und durch Ausstellungen zu heben. Jeder, der sich für die Sache interessirt, erfährt auf diese Weise, welche Sorten für unser Klima passen, was für Eigenschaften sie haben, er sieht ihre Früchte in natura oder täuschend nachgemacht in Wachs, er lernt billige und reelle Bezugsquellen veredelter Stämmchen kennen und wird vertraut mit ihrer Pflege. Wenn man bedenkt, daß ein Stück Erde, welches einen edlen, vollen Fruchtbaum trägt, hohe Zinsen bringt, so wird man die Bestrebungen der Obstbauvereine zu schätzen wissen.

Lauenburg hat 9812 ha Wiesen, das ist 1/12 der gesamten Kreisfläche. Der durchschnittliche Grundsteuer-Reinertrag beläuft sich auf 28,08 Mark vom ha. Nur in Eiderstedt, Süderdithmarschen und Eckernförde ist die Ertragsfähigkeit der Wiesen höher veranschlagt als bei uns, die zuständigen Zahlen sind 35,01 Mk., 28,38 Mk. und 28,17 Mark. Das Wiesenland ist sehr ungleich verteilt, und manche Dörfer leiden empfindlichen Mangel; hier muß durch Anbau von Futterkräutern Ersatz geschaffen werden. Vortreffliche Wiesen liegen an der Delvenau, Stecknitz und Bille; das Futter derselben kann in Bezug auf Menge und Güte mit

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demjenigen der Elbmarschen wetteifern. Das Heu der Moorwiesen ist brauchbar, wenigstens als Pferdeheu, das Gras aber minderwertig, mitunter sogar so schlecht, daß die Kühe auf Moorweiden zeitweilig an Blutharnen leiden, was von gewissen Carex- und Ranunculus-Arten herrührt. Im allgemeinen muß bemerkt werden, daß für die Düngung und Melioration der Wiesen mehr gethan werden kann, als bisher geschehen ist.
 

Im Kreise sind 6 landwirtschaftliche Vereine:
   
1.  Landwirtschafl. Verein für den Kreis Herzogtum Lauenburg, gegr. 1844.
2. Verein für Landwirtschaft und Gartenbau für Mölln und Umgegend.
3. Landwirtschaftlicher Verein für das südliche Lauenburg.
4. Sandesnebener landwirtschaftlicher Verein.
5. Berkenthiner landwirtschaftlicher Verein.
6. Landwirtschaftlicher Verein zu St. Georgsberg.


Außerdem besteht zu Klein-Berkenthin ein landwirtschaftlicher Konsumverein. e. G. m. u. H., welcher zum Verband landwirtschaftlicher Konsumvereine des Schleswig-Holsteinischen landwirtschaftlichen Generalvereins gehört.

Aus:
Heimatskunde
des Kreises Herzogtum Lauenburg
von Dr. HELLWIG, NEHL und SAGER.


 


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