Jahresband 1893

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


Stadt und Feldmark Mölln.
 
Eine topographisch-historische Skizze
von

W. DÜHRSEN.

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Wir besitzen in einer der vielen Streitschriften, die in dem berühmten langwierigen Prozeß zwischen den Herzögen von Sachsen-Lauenburg und der freien Reichsstadt Lübeck um die Stadt und Vogtei Mölln gewechselt und nach damaliger Sitte, vielleicht um für die Sache auch das Publikum zu interessiren, zum Theil gedruckt wurden, eine sehr interessante Karte, welche die Stadt Mölln und deren Feldmark darstellt und wegen ihres Alters (Anfang oder Mitte des 17. Jahrhunderts) wohl verdient, daß wir uns etwas näher mit ihr beschäftigen. Wir wollen also an der Hand dieser Karte die Feldmark Mölln und dann die alte Stadt selber durchwandern. Im Norden finden wir oberhalb Altmölln’s und des Weges nach dem Hammer das Gehölz als „Lauer Holtz“ bezeichnet, ein Name, der vielleicht noch für diesen zum Fürstenthum Ratzeburg gehörigen Forst existirt. Dann durch „Altenmolln“ über den „Altenmöln“schen Berg oder an der dortigen Wassermühle vorbei pilgernd gelangen wir nach einem Feldort, der als „Ohlendorp“ auf der Karte bezeichnet ist und die Wiesen und Felder umfaßt, über die der kürzlich gesperrte uralte Fußsteig nach Altmölln via

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Lausebusch *) führte. Dies ganze Terrain war mit Bäumen bewachsen bis nach der Stecknitz hin. Es ist möglich, daß der Name Ohlendorp darauf hinweist, daß ursprünglich und in grauer Vorzeit an dieser Stelle das Dorf Altmölln gelegen hat und später dorthin verlegt worden ist, wo es jetzt und schon seit langer Zeit liegt. Vielleicht weist der Name Ohlendorp aber auch auf eine eingegangene besondere Ansiedlung hin, denn an dieser Stelle des See’s wird sich schon lange vor Erbauung des Stecknitzkanals, der in einigen Jahren sein 500jähriges Jubiläum feiern kann, ein reger Schiffsverkehr von und nach Lübeck entwickelt haben. Das Seeufer an dieser Stelle wird auf unserer Karte als „Rothe Meer“ bezeichnet, wofür sich schlechterdings eine Erklärung nicht beibringen läßt, es sei denn, daß diese Bezeichnung etwa mit dem röthlich gefärbten Mergel oder Thon sich in Verbindung bringen ließe, der besonders in der Gegend, wo bis vor einigen Jahren noch die Schwaarck’sche Ziegelei lag, zu Tage tritt. Ehe wir auf unserer Wanderung die Gegend von Altmölln verlassen, müssen wir uns noch kurz die Frage vorlegen, wie wohl der Name dieses Dorfes entstanden sein mag. Es liegt keine Veranlassung vor, die Analogie von Alt-Lübeck und Lübeck nicht auch auf Altmölln und Mölln anzuwenden. Alt-Lübeck heißt die Stätte, wo ursprünglich die Stadt Lübeck erbaut worden und gestanden hat, bis man sie dorthin verlegte, wo sie noch jetzt steht. Wenn man nun auch nicht anzunehmen braucht, daß Mölln ursprünglich dort gelegen habe,
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*) Bei dem Wort Lausebusch darf man keineswegs an jenes böse Insekt denken, mit dessen Namen jene Bezeichnung in Zusammenhang zu stehen SCHEINT. In dem Namen steckt das gothische liutan, a. h. d. und m. h. d. luzen (laußen) mit der Bedeutung: verborgen liegen. Lausebusch wäre also der Ort (Hain), wo die Toten verborgen liegen d. i. Friedhof. So giebt es bei Halberstadt einen „Lauseknippel“, bei Wolbrandshausen und Bernshausen im Eichsfelde einen „Luusbarg“, woselbst man manche interessante Antiquitäten gefunden. Als in der Franzosenzeit im Lausebusch Schanzen errichtet wurden, soll man beim Graben auch dort Waffen aus der ältesten Zeit gefunden haben.

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wo sich jetzt Altmölln befindet, so ist doch der Gedanke kaum von der Hand zu weisen, daß es ursprünglich ganz in der Nähe der jetzigen Feldmark Altmölln gelegen habe und zwar am rechten Ufer der Stecknitz gegenüber der Feldmark Altmölln und von dieser nur durch die Stecknitz getrennt, auf jener Erhöhung im Stecknitzthal, die vormals offenbar eine Insel gewesen, hinter dem Ziegelholz. Diese Erhöhung ist noch jetzt zu Zeiten eine Insel und ein Damm führt dahin vom Wege nach dem Walkmüllerholz; ihre Lage und Beschaffenheit lassen auf eine alte Ansiedelung schließen. Es liegt nun nahe, anzunehmen, daß, als diese alte Ansiedelung verlassen und verlegt ward dahin, wo jetzt und seit Jahrhunderten schon die Stadt Mölln liegt, sich der Name dafür mit dem Zusatz Alt erhalten und der unmittelbar gegenüberliegenden und nur durch die schmale Stecknitz getrennten Feldmark einer dort neu gegründeten Ansiedelung mitgetheilt habe und daß, als die Bewohner dieser Ansiedelung, die bis dahin vielleicht Schifffahrt trieben und der Fischerei oblagen, anfingen Ackerbauer zu werden, sie ihr Dorf nach und nach dahin verlegten, wo es noch jetzt unter dem Namen Altmölln steht, während es vorher am See und an der Stecknitz gelegen. Uebrigens muß das alles sehr früh vor sich gegangen sein, wenn es sich so zugetragen hat, wie in diesem Versuch zur Lösung des Problems angenommen worden, denn schon sehr früh kommt antiqua Molne, Altmölln urkundlich vor (1194). Andererseits könnte man aber Altmölln vielleicht auch für gleichbedeutend mit Alte Mühle (Olde Molne) halten, denn die dortige Wassermühle ist sehr alt und schon sehr früh nicht nur im Besitz, sondern (bis 1870) auch unter Jurisdiktion der Stadt Mölln und vielleicht die erste Mühle in dieser Gegend gewesen, weshalb sie sich den Namen der alten Mühle erworben und denselben auch der in ihrer Nähe gegründeten Ansiedelung mitgetheilt haben mag.

In der Nähe der Hanenburg finden wir auf unserer Karte und zwar da, wo jetzt die Holzhude ist, die „Saltz-

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brück“, eine Bezeichnung, die den Schluß erlaubt, daß dort ein Depot von Lüneburger Salz sich befunden habe, welches von dort nach Lübeck verschifft worden. Der Name mag noch aus der Zeit vor Anlegung des Kanals stammen, als das Lüneburger Salz, welches im Handel und Verkehr in alter Zeit, wo das Salz noch etwas knapp war auf der Welt, eine sehr große Rolle spielte, noch zu Wagen hierher transportirt wurde. Denn die alte Landstraße Lüneburg-Lübeck führte an dieser Stelle vorbei. An der Saltzbrück werden also die Lübecker Salzschiffe ihre Ladung eingenommen haben und sie wird eine Schiffbrücke gewesen sein. Den Stecknitzkanal finden wir auf unserer Karte als „neue Graben“, der kleine Bach, der unter der alten, steinernen Brücke am Wege nach Woltersdorf in den Kanal noch jetzt fließt, ist bezeichnet als „offner Graben bey den obern Syhl“. Der Stecknitzkanal spielte ohne Zweifel zu einer Zeit, wo es noch keine Eisenbahnen und nicht einmal Chaussee’n gab, eine sehr große Rolle, nachdem er schon sehr früh als ein Bedürfniß empfunden worden war. Es ist schon angeführt, daß er in nicht allzuferner Zeit sein 500jähriges Jubiläum feiern wird: er ist in der Zeit von 1391-98 angelegt, mithin einer der ältesten Kanäle Europa’s. Welche Verkehrserleichterung er gebildet haben muß, mag man aus dem theilweise noch jetzt vorhandenen Zustand der alten Landstraßen ermessen. Dieselben waren größtenteils so schlecht, daß man die schlimmsten Stellen pflasterte, und so finden wir in den einzelnen, alten, sandigen Landstraßen, z. B. der von Lübeck nach Lüneburg in’s Reich führenden Straße (Weg nach Woltersdorf-Hornebeck), auf dem Wasserkrüger Weg (bei Fredeburg, wo die alte Landstraße nach Mölln abzweigt) und anderswo (z. B. im Steinhorst’schen auf der alten Landstraße Lübeck-Hamburg) vielfach gepflasterte Strecken, sogenannte Steindämme. Das Alter des Kanals aber entschuldigt die manchen ihm anhängenden Schwächen. Wenn man die Zeit berücksichtigt, in welcher er entstanden und in welcher die Technik, die Wasserbaukunst etc. etc.


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wenigstens hier im Norden, doch noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe standen, so muß man die Energie bewundern, mit der das für die damalige Zeit große Werk durchgeführt worden. Freilich ist damit nicht die Lässigkeit entschuldigt, mit welcher man es seit seiner Erbauung bei dem vorhandenen Zustande des Kanals hat bewenden lassen; im großen Ganzen ist dieser Zustand eigentlich derselbe, wie vor 500 Jahren. Aber man muß bedenken, daß dabei zwei Landesherrschaften unter Einen Hut zu bringen waren, und das ist nicht immer leicht, besonders wenn es sich um die Republik Lübeck und den Herzog von Lauenburg handelte, die fortwährend Differenzen mit einander hatten. Das Interesse Lübeck’s am Kanal war und ist auch heutzutage offenbar größer als das Lauenburg’s. Dennoch sind Anläufe zur Verbesserung und Vergrößerung des Kanals zu verzeichnen.

Daß man die Mängel und Schwächen des Kanals, als Handel und Verkehr wuchsen, immer mehr erkannte, liegt auf der Hand. Ist doch diese Wasserstraße mit den Krümmungen über 30 Meilen lang *) und hat 13 Schleusen, von denen nur die Hanenburger-, die Grambecker- und die Palmschleuse Kastenschleusen, die übrigen aber Stauschleusen sind. Bedingt wird dieser große Schleusenapparat aber dadurch, daß die Stecknitz von Genin an 37 ½ Fuß bis in den Möllner See und von da bis zum Scheitelpunkte 17 ½ Fuß STEIGT und dann von da bis zur Mündung des Kanals in die Elbe 40 ½ Fuß FÄLLT (vergl. Schröder und Biernatzki, Topographie II p. 476). Daraus folgt, daß der Schiffsverkehr auf dieser Wasserstraße mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und sich auch bei dem günstigsten Winde nur sehr langsam und schwerfällig u bewegen vermag. Die künstliche Wasserstraße, der eigentliche Kanal, beginnt erst zwischen Woltersdorf und Grambeck, wo die Delvenau (Delvunda) entspringt und von wo dieses Flüßchen gerade
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*) Der gerade Weg ist ca. 9 ½ Meilen und die Fahrt von Lübeck nach Lauenburg beträgt im Durchschnitt etwa 14 Tage.

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gegen Süden fließend bei Lauenburg sich in die Elbe ergießt. Dieses Flüßchen verbindet der Kanal mit dem Möllner See und der Stecknitz. Der Name „neuer Graben“ für diesen Kanal ist längst veraltet, war aber noch in Geltung, als unsere Karte entstand. Uebrigens besann man sich erst in der hannoverschen Zeit auf die so nothwendige Verbesserung der ganzen Wasserstraße. Der Oberst Hogreve, beauftragt mit der Anfertigung eines Plans zur Verbesserung der Stecknitzfahrt, erachtete einen Kostenaufwand von 323,925 Thlr. für erforderlich, um die ganze Wasserverbindung so einzurichten, daß der Weg von Lübeck nach Lauenburg in 48 Stunden zu Schiff zurückzulegen sei. Es ward auch mit der Erweiterung des Kanals um 1800-1803 begonnen, jedoch durch die napoleonischen Kriege diese Arbeit unterbrochen und dann leider auch später nicht wieder aufgenommen, obschon Napoleon, die Bedeutung dieser Wasserstraße wohl erkennend, beabsichtigt haben soll, dieselbe zu einem großen, auch für Seeschiffe brauchbaren Kanal umzugestalten. Bekannt ist, daß in der neuesten Zeit das Interesse für diese Wasserstraße wieder sehr rege geworden und namentlich von Lübeck aus viele Anstrengungen gemacht werden, dieselbe den Anforderungen der Neuzeit entsprechend umzugestalten. Aber wie verschwindend wenig forderte Hogreve im Vergleich zu den Kosten, die jetzt veranschlagt werden! – Wenn wir an der Grenze der Grambecker Feldmark den Kanal überschreiten, stoßen wir zunächst auf einen Feldort, den unsere Karte als „Grambecker Mohr“ bezeichnet, und wenn wir neben dem Kanal weiter schreiten, so gelangen wir über den mit Bäumen bewachsenen „Fohrkamp“ und den Broock („auf den Broock“) nach der Hanenburg, woselbst eine Kastenschleuse und Zollstelle (noch bis zum Eintritt Lauenburgs in den Zollverein 1868 ward hier ein geringer Landzoll erhoben). Daß hier jemals eine Burg gestanden habe, wie man nach dem Namen anzunehmen sich versucht fühlen könnte, ist nicht nachzuweisen und auch nicht wahrscheinlich, ebensowenig wie wir bei der Zienburger- und der Seeburgerschleuse aus den

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Namen darauf schließen können und dürfen, daß dort auch ehemals Burgen gestanden hätten. Wahrscheinlich hießen diese Schleusen ursprünglich Zienbuger- und Seebuger Schleuse und daraus ist dann der jetzige Name entstanden. Diese Endung bug kommt in der Gegend dieser Schleusen mehrfach für Feldorte vor und ist vielleicht slavischen Ursprungs; so mag denn der Name unserer Hanenburg früher und ursprünglich vielleicht auch Hanenbug gelautet haben. Ganz in der Nähe der Hanenburg lag der nun eingegangene Feuergräfenteich („Feuergrefendeich“) und nicht weit davon der Piperteich, ebenfalls eingegangen. Zwischen den beiden Teichen lag der Weg nach Grambeck, von dem sich bei’m „Eich Holtz“ ein Weg nach dem Grambecker Moor abzweigte. An der linken Seite jenes Weges ist durch einen Galgen der Platz markirt, woselbst die Hinrichtungen der zum Tode Verurtheilten vollzogen wurden (hinter der Bruhn’schen Fabrik, der Flachsfabrik gegenüber); die ganze Feldmark zwischen dem Kanal und dem Drüsener-, Lütauer- und Schmalsee heißt auf der Karte, wie jetzt noch, das STEINFELDT. Ob von den vielen Steinen, die der Acker enthält? nicht unwahrscheinlich.

In alter Zeit wurden auf der Hanenburg Pilger, die nach AKEN zu einem wunderthätigen Heiligenbilde pilgerten und die Hanenburg passirten bezw. von dort zurückkamen, dort „aus Gödeken Heysen in Mölln Testament nach einer Vorschrift vom Jahre 1475 gespeiset.“ „Die Testamentarii seel. Godeken Heysen richteten An. 1475 die Speisung deren Pilgrim nach Aken ein, welche vor Möllen bey der Hanenborg geschehen sollte, und worzu vornemlich 16 Mark vermacht waren, jährlich aus einem Hopffen-Hof, genannt to der hoghen Poppelen, belegen außerhalb des Mühlen Thores vor Lübeck, des Weges nach Ghenin“ (Pistorius, amoenitates III p. 560, woselbst auch die Urkunde aus dem Möllner Stadtbuch mitgetheilt ist; u. A. heißt es dort: - - „ so schal men kopen dat beer vnde dat brod, wor dat best is to Molne, vnde ok nicht van eneme effte
 

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van tween personen“ u.s.w.). Aken liegt im Kreise Calbe Rgbez. Magdeburg und ist eine Stadt von der Größe Mölln’s. Der Ort, wohin gepilgert wurde, war aber wohl schwerlich dieses Aken a./Elbe, sonder Aachen (Aix la Chapelle), wohin im Mittelalter viel gewallfahrtet ward wegen der vielen berühmten noch jetzt vielfach besuchten Reliquien in dem von Carl dem Großen gebauten Münster. – Auf dem Siechenberge finden wir auf der Karte den Namen St. Jürgen, identisch mit St. Georg; es lag dort also das Leprosenhaus, das Hospital, woselbst die mit dem Aussatz behafteten Personen internirt wurden. Diese schreckliche Krankheit, die für unheilbar galt und noch gilt und die nach neueren Zeitungsnachrichten noch jetzt hier und da in den russischen Ostseeprovinzen hausen soll, war in der Vorzeit durch ganz Europa verbreitet und aus dem Orient importirt. Schon früh, als man ihre Gefährlichkeit erkannt hatte, wappneten die Städte sich dagegen und zwar dadurch, daß man eigne Leprosenhäuser (lepra – Aussatz) isolirt vor der Stadt aufstellte und einrichtete und dem Schutzpatron der Leprosen, dem heiligen Georg oder Jürgen, weihte und nach ihm benannte. Dem Namen nach existirt noch heutigen Tages in Mölln das Hospital St. Georg. Es lag auf dem Siechenberg, wo man später, als um die Kirche auf dem eigentlichen Kirchhof Leichen nicht mehr begraben wurden, einen Friedhof einrichtete, der nun auch schon nicht mehr als solcher benutzt wird.

Das Steinfeld ward wie auch noch heute von mehreren Wegen durchschnitten, zunächst vom Grambecker Weg, der durch den Forstort „Buch-Holtz“ nach Grambeck führte, dann vom Böker Weg (Büchener Weg), der durch den Forstort „in der Dicke“ und durch die Grambecker Feldmark nach Büchen führte, dann vom „Beutzenburger Weg“, der in die alte Landstraße Wasserkrüger Weg mündete und am Drüsener Holz, am Drüsener Acker und der alten Dorfstelle vorbeiführte, endlich vom Gudower Weg, der über die Lütauer Brücke nach Gudow führte und hinter Drüsen bis kurz vor

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Gudow im Wasserkrüger Weg aufging, während der Boizenburger Weg erst bei Sarnekow in den Wasserkrüger Weg mündet.

Eine Stelle an diesem Weg (etwa wo unterhalb das lange Moor beginnt) ist auf der Karte bezeichnet mit „Bey den Creutz“. Es hat ohne Zweifel hier in der katholischen Zeit ein Heiligenkreuz gestanden, an welchem die den Weg Passirenden ihre Andacht verrichten konnten, wie man solche Kreuze in katholischen Gegenden so vielfach an den Landstraßen und Wegen findet. Durch die Reformation wird es beseitigt sein, während sich der Name der Stelle, wo es gestanden, noch lange erhalten haben mag. Bei der Brücke über den Kanal vom Lütauer nach dem Drüsener See finden wir notirt „die Gegend da vormals die Lütauer Mühle gelegen“. In der That hat dort ebenso wie an der Schaafbrücke vor Zeiten eine Wassermühle sich befunden, deren Spuren sich noch jetzt nachweisen lassen. Urkundlich wird diese Mühle zuerst 1322 erwähnt: Heinrich und Walrave Gebrüder von Duvense, Ritter, hatten die Hälfte der Mühle in Lütow an Johannes Colbergh für 100 Mark verkauft und dieser ließ sie seinem Schwiegersohn Hinrich Block als eine Aussteuer im Rathsbuch versichern. Im Jahre 1385 ward diese Mühle zu 1/3 von den von Godowe (Gudow) dem möllnischen Rath überlassen. Sie ist schon sehr früh eingegangen. Der Kanal hieß übrigens wie auch noch jetzt Lütower Beek. Ob es jemals in dieser Gegend ein Dorf namens Lütow gegeben habe oder ob dieser Name in Verbindung steht mit den Lütow’s, die in der Geschichte der Stadt Mölln eine gewisse Rolle spielen (ein Presbyter Albert Lutow, der sich indes auch Lutolb schreibt, hat etliche der wertvollen Incunabeln in der Kirchenbibliothek gestiftet; sein Wappen ist ein Hund und ein halbes Mühlenrad, was auf einen Zusammenhang mit der Lütower Mühle schließen läßt), kann nicht angegeben werden. – Die Brücke über den Hellbach war schon bei Entstehung unserer Karte vorhanden. – Ueber den „Brünschenmarcker Acker“ gelangen wir nach

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demjenigen Theil der Feldmark Mölln, der auch jetzt noch „Auf der Heyde“ heißt. Der Forstort „im Laaden“ heißt unsers Wissens auch heute noch so, ein anderer (Feldort) in der Nähe des Sterleyer Wegs heißt : „im Roocks Neste“, ein anderer bei’m Pinnsee „Auff dem Wall“. In er Nähe des romantisch gelegenen Pinnsee’s ist die Stelle bezeichnet, auf welcher vormals das Dorf Pinnow gelegen. Dieses der Sage nach durch die Pest eingegangene Dorf mit seiner Feldmark haben die Herzöge Johann und Albrecht von Lauenburg der Stadt Mölln im Jahre 1263 geschenkt mit der Erlaubnis, es zur Stadt zu ziehen (Weichbildsrecht). Uebrigens läßt sich jene Sage von der Pest kaum aufrecht erhalten, denn es liegt doch sehr nahe, anzunehmen, daß die Pinnower, als sie Möllner geworden, allmählig ihre Häuser in Pinnow abgebrochen und in Mölln wieder aufgerichtet und von hier aus ihren Acker bestellt haben. Auf diese Weise (denn die Gültzower werden es ebenso gemacht haben) sind die Ackerbürger in Mölln entstanden. – An der Schaafbrücke hat sich, wie schon angedeutet, ebenfalls eine Wassermühle befunden, die Pinnauer Mühle. Auch von ihr lassen sich noch Spuren nachweisen und auch sie ist schon sehr früh eingegangen, nämlich als man in Mölln selbst die Wasserkraft zu verwerthen begann und an der Stelle, wo die jetzige Wassermühle steht, eine solche anlegte. Das bedingte das Eingehen der Wassermühle an der Schaafbrücke und ev. auch der am Lütower Beek. Damals, zur Zeit des Bestehens der Wassermühle an der Schaafbrücke floß der jetzt auch noch Pinnau genannte Bach (eigentlich die Stecknitz) gerade aus in den jetzigen Hegesee, der damals natürlich noch viel größer war, Alles, was in seiner Umgegend jetzt Wiese ist, mit Wasser bedeckte und bis an das Denkmalsgehölz sich erstreckte. Um nun die Wasserkraft für die in der Stadt Mölln zu errichtende Wassermühle dahin zu leiten, legte man den jetzt s. g. Mühlengraben an und sperrte ihn gegen den Hegesee von der Biegung an durch einen Damm ab, wodurch der Hegesee dazu verurtheilt wurde,

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allmählig auszutrocknen und zur Wiese zu werden. In vielleicht 100 Jahren wird er, besonders wenn Menschenkräfte etwas nachhelfen, dieses Ziel erreicht haben und wo nun immer noch Fische umherschwimmen und wilde Enten ihr Geschnatter ertönen lassen, werden Kühe grasen. Uebrigens lieferte der Mühlengraben auch das erforderliche Wasser für den Festungsgraben von der Wallpforte an bis zum Steinthor, der ja noch vorhanden. Da die Wassermühle in der Stadt urkundlich schon sehr früh vorkommt, so ist anzunehmen, daß die Errichtung derselben in grauer Vorzeit liegt, ebenso wie das Eingehen der Mühle an der Schaafbrücke. Genauere Nachrichten sind uns darüber nicht aufbewahrt. Wahrscheinlich ist zwischen Beidem ein Zusammenhang. Als man die Pinnower Mühle abbrach, legte man die in der Stadt an, wo man ja über dieselbe Wasserkraft verfügte, nachdem der Mühlengraben hergestellt und eingedämmt worden. Die Lütower Mühle ist vielleicht schon eingegangen, als die Pinnower errichtet ward. Es lag wohl im Interesse der Stadt, die Mühle hineinzuverlegen, obwohl ihr kein Zwang beigelegt war und wohl nur die Möllner dort Mahlgäste waren.

„Bei den Blöcken“ heißt auch schon auf unserer Karte der noch heute so genannte Forstort östlich vom Hegesee. Der Name „Pinnauer Wiese“ für die am linken Ufer der Pinnau unterhalb der Waldhalle gelegenen Wiesen dürfte sich wohl auch bis zur Jetztzeit erhalten haben, ebenso finden sich der „grundlose Kolk“ und der „Klüschenberg“ unter ihren jetzigen Namen schon auf der Karte, ersterer so dargestellt, wie er sich noch heute der Nachwelt präsentirt. Ein Theil der Gärten (oder wie man damals sagte: Höfe) am Mühlengraben, in der Nähe der ersten Brücke vor der Schaafbrücke ist bezeichnet als „Nienhöfen“. Das rechte Ufer des „Mühlenbeecks“, wie der Mühlengraben auf unserer Karte heißt, ist bezeichnet mit: „die Dämme“, ein Name, der sich bis jetzt erhalten hat. Dagegen wird wohl Niemand mehr etwas wissen von „Wulfs Gahrn“, ein Terrain, welches,

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jetzt größtentheils Wiese, die ganze Nordseite des Hegesee’s entlang ging bis zum Ausfluß in den jetzigen Schulsee und sich bis an den Sterleyer Weg erstreckte. Wahrscheinlich hatte ein Bürger Namens Wulff hier einen Garten, vielleicht den ersten an dieser Seite des See’s, angelegt. Der Name Schulsee ist noch sehr jung, nicht älter als der Name Schulhof für den „Herrenhof“. Denn die Schulen sind erst in unserem Jahrhundert, ziemlich lange nach der Franzosenzeit, in der das Stadthauptmannshaus als Lazareth diente, dahin verlegt worden und von ihnen hat der östliche Theil des Stadtsee’s den Namen Schulsee angenommen, während früher der ganze See, mit Ausnahme des Hegesee’s, „Möllnsche See“ hieß und man auch den Ausdruck Stadtsee nicht kannte, womit man jetzt den Theil des See’s von der Wasserthorbrücke bis zum Eisenbahndamm bezeichnet.

Wir treten bei Wulffs Gahrn auf die Landstraße, die sich weiterhin nach Osten zu in 2 Wege nach Schmilau und Sterley auflöst, und erblicken zurück nach Süden schauend einen hohen Pfahl in der Ferne: es ist die Stange, an der bei’m Schützenfest der Vogel hängt, und sie steht an derselben Stelle, wo sie noch jetzt in die Lüfte ragt. Damals gab es noch keinen Schützenhof in der Nähe dieser Vogelstange; bei ihr war der Festplatz, dahin alljährlich um Pfingsten die streitbaren Bürger Möllns zogen, um bei Bier und Meeth, später auch Wein, sich im Schießen und Treffen zu üben und vergnügt zu sein. Abends aber zog man zeitig in die Stadt und schloß das Stadtthor hinter sich. Für Speise und Trank aber sorgten auf dem Festplatz viele mit grauer Leinwand gedeckte Buden, die wohl kaum anders ausgesehen haben als heut zu Tage die Buden bei dem Schützenfest. Schwerfällig und schlecht waren noch die Gewehre, die man den kunstvoll gearbeiteten und bis zu großer Vollkommenheit gebrachten Bogen und Bolzen vorzog, schwere entsetzlich donnernde Steinschloßbüchsen, ähnlich den alten Wallbüchsen in unserm Museum; aber sie knallten gut und waren alle gleich gut oder – gleich schlecht, so daß es

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doch immer auf die Geschicklichkeit der Schützen ankam. Später ward der größeren Bequemlichkeit halber der Schützenhof angelegt, so daß die Festgenossen nicht mehr in die Buden zu kriechen brauchten, wenn sie sich erquicken wollten, und nicht mehr unter freiem Himmel oder in einer Bude mit ihren Frauen zu tanzen nöthig hatten, sondern in einem Salon. Wunderbar ist übrigens, daß hier bei uns sowohl als in Ratzeburg und in Lauenburg die Schützenhäuser oder Schützenhöfe in unmittelbarer Nähe der Kirchhöfe liegen und somit in diesen 3 Orten die Schützenfest so nahe bei den Stätten begangen und gefeiert werden, wo die irdischen Ueberreste der im Tode vorangegangenen Festgenossen zur ewigen Ruhe gebettet sind. Ist das nur Zufall? oder hat es etwa einen tiefen, uns verborgenen Sinn?

Der Schmilauer Weg führte wie auch jetzt die Chaussee durch das Wasserthor zur Stadt. Zur Rechten desselben finden wir auch jetzt noch das hohe Holz, das mit „im hohen Holtz“ bezeichnet ist. Wir pflegen den Teil dieses Waldes, in welchem das Hanseatendenkmal errichtet ist, jetzt Denkmalsgehölz zu nennen und bezeichnen mit dem hohen Holze den hinter dem Erlenbruch beim Sitzkrug beginnenden Teil dieses Waldes. Der Heidberg ist auf der Karte als „gultzauer Berg“ angegeben und der Forst- oder Feldort, wo jetzt der Pulverschuppen steht, heißt „Syts Krüger“, das hinter dem Exercierplatz liegende kleine Moor „Sytskrüger Mohr“. An diesem vorbei ging die Landstraße nach Ratzeburg über die Möllner Feldmark am „Brümmel Saal“ und am „Wende Saal“ vorbei, bis sie im Tangenberg die Möllner Feldmark verließ und kurz vor Fredeburg in den Wasserkrüger Weg mündete. Dies (der Ratzeburger Weg unserer Karte) ist die uralte von Lübeck ins Reich führende Landstraße, die, schon bei Anlage der Chaussee zur Forst gezogen, noch in ihrer alten Breite und Schauerlichkeit vorhanden wenn auch ganz zugewachsen ist. Ein Glück, daß die Reisenden und Fuhrleute, ehe sie in diesen Weg

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einbogen, sich in der alten Christopher-Schenke zu Fredeburg (das alte Haus, in welches die Chausseeeinnehmerwohnung hineingebaut worden) stärken konnten. Denn sie wurden nicht nur gerüttelt und geschüttelt, sondern gelegentlich auch im Tangenberg von Schnapphähnen überfallen und ausgeplündert, wie das jetzt hin und wieder noch in den Abruzzen in Italien vorkommt. Zwischen dem Tangenberg (dieser Name kommt von dem längst eingegangenen Dorfe Tangmer, welches im jetzigen Forstort Tangenberg gelegen und in Urkunden des 14. Jahrhunderts vorkommt) und Mölln lief die alte Landstraße wie jetzt die Chaussee. Rechts von ihr finden wir dem Sitzkrüger Moor gegenüber auf der Karte den Namen „Nien Baum“, wahrscheinlich eine primitive Brücke über den kleinen aus dem Moor kommenden Bach, und dann am Petzker Bach („Perschen Beek“) den Namen „die Landwehr“. Es ist noch jetzt deutlich warnehmbar, daß dieser Bach einst eine ansehnliche Breite gehabt hat, und daher nur natürlich, daß er bei Errichtung der Landwehr, die 1350 von den Lübeckern und den lauenburgischen Herzögen angelegt ward und vom Ratzeburger See bei Farchau über Fredeburg in den Petzkerbach und mit diesem durch den Knakendiek in die Stecknitz ging, benutzt wurde. Mitten im Bach, der jetzt die Möllner Feldmark von der Marienwolder scheidet, findet man in regelmäßigen Zwischenräumen Pfähle, wahrscheinlich Ueberbleibsel der alten Landwehr. Den alten Wall, den wir hinter dem Denkmal finden und noch vom ehemaligen Seegrund jenseits der Schmilauer Chaussee bis an die Ratzeburger Chaussee durch den Erlenbruch und teilweise über das Sitzkrüger Moor verfolgen können, finden wir auf unserer Karte nicht angedeutet. Er stammt sicherlich aus vorhistorischer Zeit, sein Zweck aber läßt sich nicht einmal ahnen; sein hohes Alter macht ihn jedoch sehr interessant. Einer der Pfähle, die im Moor zu seiner Unterlage gedient haben, befindet sich in unserm Museum, scharf, wie mit dem Messer geschnitten, zugespitzt und doch wahrscheinlich aus einer Zeit stammend, in der das Eisen noch

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unbekannt. Der Wall ist zu alt, um mit der Landwehr in Zusammenhang gebracht werden zu können. Ueberdies ist ja der oben angegebene Verlauf der Landwehr urkundlich festgestellt, und es findet sich nirgends eine Nachricht, wonach eine Abzweigung der Landwehr vom Petzker Bach nach dem Möllner See jemals beabsichtigt oder ausgeführt worden wäre. Sie verlief mit dem Petzker Bach durch den Knakendiek in die Stecknitz. Daß diese ganze Gegend der Möllner Feldmark in vorhistorischer Zeit eine große Rolle gespielt hat, steht fest und wird noch bestätigt durch den in der Nähe befindlichen großen buchenbewaldeten Hügel zwischen der Chaussee und dem Exercierplatz, in dem wir ohne Zweifel ein GROSZARTIGES HÜNENGRAB besitzen. Es ist der Berg, auf welchem 4 Steine das Grab eines Franzosen bezeichnen, der hier in der Franzosenzeit auf Vorposten getödtet wurde und zwar von einem Manne, der nachher noch viele Jahre gelebt hat, aber kein Jahr vorübergehen ließ, ohne das unscheinbare Grab seines Feindes zu besuchen. Nun ist er auch schon etliche Jahre tot und gewiß in einer besseren Welt mit demjenigen wieder vereint, den das grausame Geschick des Krieges durch seine Hand sterben ließ.

Mitten im hohen Holz findet sich auf der Karte noch, wie hier nachzutragen, ein Feldort „Ravens Camp“, eine Fläche Ackerlandes, die wohl schon vor langer Zeit zur Forst gezogen. Auch ist hier noch zu erwähnen, daß Fredeburg eine Festung in der Landwehr bildete und dort vor Zeiten 2 Zölle sich befanden, ein herzoglich lauenburgischer und ein lübeckischer, letzterer ein Wehrzoll, zum Möllner Zoll gehörig und zur Beobachtung des Verkehrs auf der Wasserkrüger Landstraße dienend. – Kurz vor Mölln an der Stelle, wo jetzt der Reitstall *), zweigte sich der Lankauer
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*) Da, wo jetzt der Reitstall ist, stand in alter Zeit die Gertrudenkapelle, die schon vor der Reformation eingegangen zu sein scheint. Ohne Zweifel stammt aber die alte Linde am Reitstall noch aus der Kapellenzeit. Bei allen der heil. Gertrude gewidmeten Kapellen findet sich eine Linde und es knüpft sich daran folgende Legende: die später

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Weg ab, der schräge (nicht wie jetzt parallel mit der Chaussee) über das Gültzower Feld dahin an Marienwold vorbei führte, wo er noch jetzt den Petzker Bach überschreitet. Zwischen diesem Weg und dem Herzberg („Hartz Berg“) liegt das Gültzower Feld und nach der Stadt zu auf dem den Pferdeställen gegenüberliegenden Acker lag in alten Zeiten das Dorf Gültzow, gleich Pinnow (1263) der Stadt im Jahre 1254 vom Herzog Albrecht geschenkt. Wir sahen schon früher, als von Pinnow die Rede, daß die Pinnower und Gültzower höchst wahrscheinlich die Dorfstellen in Acker verwandelten, in die Stadt zogen und von hier aus ihre Landwirtschaft betrieben und so die Gründer und Vorgänger unserer späteren Ackerbürger wurden. An das Gültzower Feld grenzten der schon auf unserer Karte figurirende Doctorhof, der somit ein ehrwürdiges Alter hat, dann „Bullen Mohr“ und der Herzberg. Das Bullenmoor dürfte sich seinen Namen bis heute bewahrt haben; es liegt hinter dem jetzt s. g. Ziegelholz, wo uralte Eichen stehen und viele Krähen nisten, und stößt an den Wehrwinkel, der sich wieder bis an den alten „Ziegelhoff“ erstreckt. Die Gegend hinter der alten städtischen, in die Nähe vom kleinen Knakendieck verlegten Ziegelei war damals bewaldet bis nach der Priesterwiese hin und dieser Wald führt auf unserer Karte den Namen Ziegelholz, der dann später sich dem jetzigen Ziegelholz mitgeteilt hat. Ueber den „Kuckucksberg“ kommen wir nach dem „Walckmüllerfeldt“, welches der Weg nach der Walkmühle durchschneidet. Der „Knaacken Dieck“ erscheint gleich dem kleinen Knaacken Dieck auf unserer Karte noch
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heilig gesprochene Gertrude war eines Verbrechens angeklagt, dessen sie sich nicht schuldig fühlte, dessen aber die Richter sie für schuldig erklärten und sie zum Tode verurtheilten. Am Hinrichtungsplatz betheuerte sie nochmals ihre Unschuld, brach einen Zweig von einer am Wege stehenden Linde, steckte ihn verkehrt (mit den Blättern) ins Erdreich und sprach: so wahr wie aus diesem Zweiglein einst ein großer Baum entstehen wird, so gewiß bin ich unschuldig verurtheilt! Und siehe da, der Lindenzweig wuchs heran und ward ein großer Baum. Seitdem gehört zum Gertrudenheiligtum allemal ein Lindenbaum.

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als das, was er einst gewesen: als ein großer Teich, dem der Petzcker Bach das Wasser zuführte, während letzterer jetzt so schmal ist, daß man ihn überspringen kann, und der Knaackendieck Wiese und Moor geworden ist. Daß das Wasser hier immer geringer geworden, ist wohl auch der Grund gewesen, daß die WALKMÜHLE, die ungefähr da lag, wo sich nun die Ziegelei befindet, eingegangen, denn sie wurde durch das Wasser des Knaackendiecks getrieben. Auf unserer Karte ist sie noch angegeben (etwa da liegend, wo man auf dem Wege nach der Oberschleuse, die früher Schleuse bei der Steinburg hieß, die steinerne Brücke überschreitet.) Daß sie lag, wo sie lag, hat seinen Grund darin, daß man im nahen Foßberg – und nur dort – eine Erde grub, die in früherer Zeit gern und vielfach zum Tuchwalken benutzt wurde, ja dazu vielleicht unentbehrlich war. Diese Erde ist natürlich noch jetzt reichlich dort vorhanden und zog, als Ende der 60er Jahre unser Ländchen geologisch untersucht wurde, die Aufmerksamkeit der Geologen auf sich. Sie ist von grauer Farbe und wird wohl nirgends mehr bei der Tuchwalkerei benutzt. Unsere Mühle aber wird sie zum Gebrauch durch Mahlen u.s.w. zubereitet und versandt haben, denn das Tuch ward in den Städten bereitet und die Mühle wird blos zur Bereitung dieser Walkerde gedient haben. Da hier im Norden nur im Foßberg diese Walkerde sich fand, so kann man annehmen, daß die Mühle viel Material exportirt und ein gutes Geschäft gemacht habe, denn die Tuchbereitung war in früherer Zeit ein blühender Industriezweig und wahrscheinlich florirte sie auch in Mölln. *) Anders jetzt, wo die großen Fabriken die Tuche bereiten und der Walkerde nicht mehr bedürfen. Spuren der Walkmühle lassen sich noch jetzt nachweisen, und der Name hat

*) Daß die Möllner Tuche sich eines guten Rufes auch auswärts erfreuten, ergiebt sich u. A. auch daraus, daß 1473 Hans Borskamp in Lübeck in seinem Testament bestimmte, an Arme sollten ausgetheilt werden: „grawe vnde witte besegelte Mollen’sche Laken.“ Hiernach ist anzunehmen, daß die Obrigkeit die Fabrikation der Tuche überwachte.

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sich im „Walkmüllerholz“, womit man jetzt das nahe Gehölz bezeichnet, erhalten. Dicht bei ihr lag die Priesterwiese, deren Name noch jetzt existirt und die sich bis an den hier in die Stecknitz sich ergießenden Petzckerbach erstreckt. In letzterem ist uns übrigens noch der Name des alten Petzecke erhalten, Dorf und Burg, den v. Crummesse gehörig und von ihnen an den Birgittenorden zwecks Anlegung des Klosters Marienwold verkauft, und Ueberbleibsel der Burg Petzecke haben wir in dem s. g. Spitzbubenberg bei der schwarzen Kuhle vor uns.

In der Nähe Marienwold’s soll, wie hier noch nachzutragen, ehemals eine Mühle gelegen haben, die St. Martinsmühle geheißen. Dort soll im Jahre 1483 eine Konferenz abgehalten worden sein. Historisch läßt sich diese Mühle nicht nachweisen, daß sie aber existirt habe ist durchaus nicht ausgeschlossen. Der Petzckerbach hatte damals soviel Wasser und dies soviel Gefälle, daß es sehr wohl eine Mühle treiben konnte. Wir werden uns dann die Mühle da denken müssen, wo der Bach unter der Eisenbahn fließt, zwischen dem Eisenbahndamm, der Ratzeburger und der nach Marienwold führenden Chaussee, wo das Terrain, wenn man es nicht für Ueberbleibsel der alten Landwehr ansehen und in Anspruch nehmen will, auf das Vorhandensein einer Mühle, eines Mühlenteichs u.s.w. hinzudeuten scheint. Vor der Stadt in der Nähe der uralten Linde, in die man früher (vielleicht auch jetzt noch) mittelst eiserner Nägel seine Kopf-, Zahn- und anderen Schmerzen hineinschlug, wovon noch die vielen im Stamm sitzenden Nägel beredtes Zeugniß ablegen, da wo jetzt der Reitstall steht, lag, wie schon oben in der Note angedeutet, die St. Gertrudenkapelle (Gerdentrukapelle), die urkundlich u. A. 1487 vorkommt, von der wir aber leider nur wenig wissen, da sie schon im 16. Jahrhundert eingegangen zu sein scheint. Vielleicht hat die Reformation sie hinweggefegt und mit ihr die vielen Priester, die zur katholischen Zeit in Mölln waren. Unter den letzteren befanden

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sich zwei, die sich durch Stiftung werthvoller, noch in unserer Nikolaikirche aufbewahrten Bücher aus der ersten Zeit nach Erfindung der Buchdruckerkunst (s. g. Inkunabeln) verdient gemacht haben: Albert Lütow (Lutolb), Presbyter und Radolf (Rudolph) Scoppen, Vikar an der Möllner Pfarrkirche. Letzterer kommt auch als Notar vor, denn in damaliger Zeit versahen die Priester als alleinige des Schreibens kundige Leute vielfach dieses Amt. Albert Lütow, wahrscheinlich der alten Möllnischen Patrizierfamilie der Lütow angehörig, hat gleich Scoppen in die Bücher die Widmung hineingeschrieben, sie dabei für den Gebrauch der Presbyter in Mölln bestimmt und gewissenhaft angegeben, zu welchem Preise (in lüb. Mark oder rheinischen Gulden) er die Bücher erworben. Wir ersehen daraus, daß er sich die Bücher sehr viel hat kosten lassen; auch sein Wappen (halbes Mühlrad und springender Hund) hat er hineingezeichnet. Die aus dem Kloster Marienwold stammenden Bücher, ebenfalls sehr werthvoll, sind bei der Zerstörung des Klosters hierher gelangt durch Möllner Bürger; auch sie befinden sich in unserer Kirche und haben Inschriften in lateinischer Sprache, z. B. folgenden Inhalts: Betet für Pater Segebandus, welcher dies Buch an die Bücherei zu Marienwold geschenkt hat. In einem dieser Bücher befindet sich auch in lateinischen Versen die Beschreibung der Belagerung Mölln’s im Jahre 1506. Das Gedicht ist im ersten Hefte Band I der Zeitschrift des lauenburgischen Geschichtsvereins p. 93 ff. in originali, verbesserter Latinität und Uebersetzung mitgetheilt und rührt von einem Priester her, der die Belagerung als Augenzeuge erlebt und seine Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen in jammervollen Versen schriftlich niedergelegt hat. –

Nachdem wir nun die ganze Feldmark durchwandert, wenden wir uns der alten würdigen Stadt selbst zu. Sie figurirt auf unserer Karte nur in einem kleinen Maaßstabe, der Plan ist aber sehr exact gemacht, so daß wir uns sehr

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leicht orientiren können. Bezeichnet ist sie folgendermaßen: „Die Stadt Mollen so gantz mit einer Maur, an der einen Seiten mit der See, und an der andern Seiten noch mit einem Wall und doppelten waßer Graben umbgeben.“ Eine mit Schießscharten versehene starke Backsteinmauer umgab also unser Städtlein nicht nur nach der Landseite, sondern auch nach der Seeseite hin. Ueberbleibsel derselben sind noch vorhanden im Garten des Schuldirektors und hinter des Rademachermeisters Dettmann Hause; und es ist dringend zu wünschen, daß diese interessanten Erinnerungen an die Möllner Festungszeit erhalten bleiben. Dann war die Stadt nach der Landseite (also etwa von Müthel’s Hôtel bis zur Wallpforte) noch von einem mächtigen Wall umgeben, der zwischen dem inneren und dem äußeren Festungsgraben lag. Es befand sich also zwischen der Stadtmauer und dem Stadtwall ein schmalerer Festungsgraben und dann (von der Stadt aus) hinter dem Wall ein etwas breiterer Stadtgraben, der zum Theil noch heute erhalten ist: das stille Gewässer unterhalb des Klüschenbergs von der Wallpforte bis nach der Bahnhofsstraße bezw. den Gärten bei’m Kriegerdenkmal. Später ist der Wall abgetragen und mit dem Material der zwischen ihm und der Stadtmauer befindliche Graben ausgefüllt. Daraus sind denn für die Anwohner in der Mühlenstraße sehr nette, bis zum äußeren Festungsgraben sich erstreckende Gärten entstanden, für die die Besitzer noch heutigen Tages eine besondere Abgabe an die Stadtkasse zu zahlen haben, die realen Charakters ist und den Namen „Wallgelder“ führt. Der oder vielmehr die Stadtgräben erhielten ihr Wasser aus dem Mühlengraben, dessen Niveau ja bedeutend höher ist, als das des See’s. Bei Belagerungen der Stadt, sollte man denken, muß es ein Leichtes gewesen sein, die Festungsgräben trocken zu legen: man brauchte ja nur den den Mühlengraben einengenden Damm zu durchstechen, dann floß alles Wasser in den Hegesee und die Festungsgräben mußten allmählig von Wasser leer werden. Wir wissen nicht, ob die Belagerer (denn Mölln ist ja

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wiederholt belagert und auch erobert worden) dieses nahe liegende Hülfsmittel sich zu Nutze gemacht haben; es ist wahrscheinlich, denn das Ende vom Liede war bei den Belagerungen Mölln’s in der Regel dessen Eroberung. – Zwei starke Thore führten in die Stadt: das Steinthor, im Süden, und das Gültzower Thor (später Wasserthor genannt), im Norden. Weil hier der trennende See, den wir uns in einer Breite von der Ratzeburger und der Schmilauer Chaussee bis zum Klagas’schen Hause denken müssen, ein sehr wichtiger Vertheidiungsfaktor war, brauchte das Gültzower- oder Wasserthor nicht so stark zu sein, wie das Steinthor, und thatsächlich war es auch an sich lange nicht so stark wie dieses, dessen Name mit dem Steinfelde zusammenhängt. Wer dahin wollte, mußte dies Thor passiren, wie der, der nach dem Gültzower Felde wollte, das Gültzower Thor passiren mußte.

Der jetzige Schulhof mit dem Amtsgericht, der Volksschule u.s.w. erscheint auf unserer Karte als „das Herren-Haus oder so genandte Hauptmanns Hoff, mit dazu gehörigen Gebäuden“. Hier, in der jetzigen Volksschule, residirte während der langen Dauer des Pfandbesitzes, den die Reichsstadt Lübeck an der Stadt und Vogtei Mölln hatte, der lübeckische Vogt, der in Ansehung der Stadt auch den altehrwürdigen Titel „Stadthauptmann“ *) führte und die Landesherrschaft im Gebiete des Pfandbesitzes vertrat. Häufig wurden mit diesem Amte angesehene Offiziere betraut, die in lübeckischen Kriegsdiensten sich mit Lorbeeren bedeckt hatten. Eine derselben, Spangenberg, hat in unserer Kirche den herrlichen Stadthauptmannsstuhl für seine Nachfolger im Amt gestiftet, ein anderer (P. Basse) hat Bücher gestiftet und liegt im Chor vor dem Altar unter einem herrlich gearbeiteten Stein begraben, ein dritter, von Rantzau, legte sich zu Norden der Kirche an derselben eine Begräbniskapelle an. Während die
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*) Dieser Titel hat für den landesherrlichen Beamten in Mölln bis 1870 fortbestanden.

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jetzige Volksschule, deren Eingang mehrere in Stein gehauene Wappen, u. A. das alt-lübeckische, zieren, die eigentliche Dienstwohnung des Vogts und Stadthauptmanns war, bildeten die jetzigen Lehrerdienstwohnungen Pferde- und andere Ställe und das Amtsgerichtsgebäude das Geschäftslokal, das Gerichts- und Verwaltungshaus; der darunter befindliche, am Schulhof gelegene Keller diente unter dem eigenthümlichen Namen „Bullenkoben“ als Arrestlokal. Der ganze Hof war für sich abgeschlossen und durch ein festes zu Süden des Amtsgerichtsgebäudes angebrachtes Thor gelangte man auf denselben und zu dem Stadthauptmannshause. So war der Hof innerhalb der Festung Mölln wohl befestigt und gewissermaßen die Citadelle, das Capitol der Römer, die Akropolis der Griechen, wie wohl er nicht hoch, sondern eher niedriger lag, als der übrige Theil der befestigten Stadt. Denn auch nach Westen und Norden hin war der Hof befestigt durch die dicken Mauern der Scheune, in die man das Amtsgericht hineingebaut hat, wie sich noch deutlich erkennen läßt, und erst viel später hat man auf die Mauer ein Dach gesetzt. Dies Gebäude war aber auch zugleich Zollhaus, was es blieb bis zum Eintritt Lauenburg’s in den Zollverein (1868). Urkundlich steht fest, daß der Ritter Otto Schack den Lübeckern anno 1447 erlaubte, daß sie das Zollhaus, bei welchem er anwohnte, mit Bollwerk versähen.

Daß der jetzige Schulhof eine für sich abgeschlossene befestigte Burg gebildet habe, ist aber nicht anzunehmen, denn die Herzogin Elisabeth (Schwester des Grafen Gerhard d. Gr. von Holstein, Gemahlin des Herzogs Johann II., des Blinden, Stifters der Möllnischen Linie der Herzöge von Sachsen-Lauenburg, Mutter Albrecht’s III.) hat mit ihrem Sohn als Mitbeherrscherin die von Mölln am Gedächtnißtage Pauli 1329 dahin begnadigt, daß weder in der Stadt Mölln noch außerhalb derselben auf ihren oder ihrer Bürger Feldern jemals eine Burg oder Festung angelegt,

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ihnen auch bei ihrer Huldigung nur ein mündliches Gelübde angemuthet werden solle. *) Demnach muß damals die vorher in oder bei Mölln vorhanden gewesene Burg (die wir uns wahrscheinlich als im See zwischen der Hanenburg und dem Ausfluß der Stecknitz aus dem See liegend zu denken haben) schon eingegangen gewesen sein. In Mölln wird also nur eine herzogliche Wohnung und zwar im späteren Stadthauptmannshause gewesen sein. In einer Urkunde von 1330 heißt es denn auch: curia nostrae habitationis, was für identisch „mit dem in der Stadt Mölln belegenen Amtshause, dem itzigen Hauptmannshofe, welcher vor Alters der Herrenhof, item die Vogtey oder auf der Vogtey genannt worden ist,“ erklärt wird (Carstens l. c.). die Burg eingehen zu lassen, war damals dann üblich, wenn die Stadt, zu deren Schutz sie angelegt worden, gut befestigt war, was bei Mölln der Fall. Das Amtsgerichtsgebäude ward anno 1608 nach Osten mit einem Anbau versehen und zur Erinnerung daran der lübecker Doppeladler in Stein gehauen daran angebracht. Durch diesen Ausbau ist das ursprünglich hübsch angelegte Haus arg verstümmelt worden. In zwei am Hause angebrachten Mauersteinen findet sich die Jahreszahl 1474. Die lübische Herrlichkeit hatte übrigens bekanntlich 1683 ein Ende, nachdem 324 Jahre der Pfandbesitz gedauert. Damals ward die Stadt (die Vogtei Mölln ward erst viel später herausgegeben) dem letzten unserer Herzöge, Julius Franz, übergeben. **) Später (1719) ward der Erblandmarschall Joachim Werner von Bülow auf Gudow für sich und noch 2 Fälle für seine Nachkommen mit der Stadthauptmannsschaft in der Stadt Mölln belehnt und unter dem letzten Stadthauptmann aus dem Hause Bülow-Gudow ward das Stadthauptmannshaus,
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*) Vergl. Carstens, Bericht von der Herzogin Elisabeth, in Heinze’s histor. Abhandlungen I. p. 3237.
**) Als Ratzeburg zerstört war, hat hier im Stadthauptmannshause während mehrerer Jahre die Regierung (mit Hofgericht und Consistorium) residirt und von hier aus das Herzogtum regiert.
 

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nachdem es in den französischen Kriegen wiederholt als Hospital verwendet worden, an die Stadt Mölln verkauft, welche dort eine, noch jetzt bestehende Volksschule einrichtete und die Ställe zu Wohnungen umbaute. Der Hof (Schulhof) ist nur zur Hälfte mitverkauft, er steht jetzt im gemeinsamen ungetheilten Eigenthum der Stadt und des Fiscus. Das Gerichtshaus blieb Zollhaus und wurde Dienstwohnung des dem Amte Ratzeburg unterstehenden Amtsvogtes für die Amtsvogtei Mölln, der zugleich Zöllner war. – Die St. Nikolaikirche mit ihren Vikarien war zur Zeit der Entstehung unserer Karte nicht anders gebaut, als jetzt. Es waren gar viele Vikarien an unserer Kirche vorhanden; die allerdings nicht alle eine besondere Kapelle hatten: v. St. Spiritus, v. Dithmari Tramm, v. Henr. Wangelow, v. Nicolai Schröders, v. Hinrici Crucouw, v. Henr. Bursten, v. Joh. Brand ad altare Cosmae et Damiani, v. Andreae Tzellen, v. memorie Grotken, v. Stade u. a. m. – Der Thurm unserer Kirche ist äußerst stark gebaut und hat Oeffnungen, die wie Schießscharten aussehen, so daß der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß der Thurm bestimmt gewesen, zur Vertheidigung zu dienen, und dazu wohl auch gelegentlich bei Belagerungen gedient hat. Dazu befähigten ihn ja auch seine gewaltigen Mauern. In der That läßt sich nachweisen, daß Herzog Erich IV. um 1409, um sich in Mölln, das er eingenommen, wider die Lübecker zu behaupten, die Pfarrkirche daselbst zu einer Feste einrichtete, wovon wie angegeben der Thurm noch deutliche Spuren in seinem Innern an sich trägt. *) Das Hospital zum Heil. Geist finden wir auf unserer Karte dort, wo das Armenhaus jetzt liegt, in der Seestraße; dort hat bekanntlich Till Eulenspiegel nach der Tradition seine letzten Tage zugebracht: er ist dort verpflegt und gestorben und von dort aus bei der Kirche an der Stelle begraben (nicht in die Erde gelegt,

*) Vergl. Carstens, Bericht von der Herzogin Elisabeth in Heinze’s histor. Abhandlungen l. c.

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sondern gestellt worden, weil sein Sarg als er eingesenkt werden sollte, den Trägern entglitt und dadurch in dem Grabe aufrecht zu stehen kam), wo bis zu dem französischen Kriege eine alte Linde stand, die viele Anfechtungen zu erleiden hatte, da Jeder, der das Grab besuchte, sich als Andenken ein Stück aus dem Baum schnitt und mitnahm. Die Stelle ist südwestlich vom Thurm und vor einigen Jahren mit einer neuen Eulenspiegellinde beflanzt worden, die gut gedeiht. Zu beklagen ist es, daß der Grabstein des Till in einer verschlossenen, nur durch ein Trinkgeld zu öffnenden Nische im Thurm steht. Dies alte Wahrzeichen Mölln’s, um dessentwillen unsere Stadt in der ganzen Welt bekannt ist, gehört auf den Kirchhof, an die Stelle, wo nach der Tradition unser Till „begraben steht“, damit Jeder, der es sehen möchte, es ohne Weiteres in Augenschein nehmen kann. Das „Armen- oder Siechenhaus zu St. Jürgen“ ist bereits früher erwähnt worden; es lag auf dem jetzt s. g. Siechenberg und verlor mit dem Aufhören des Aussatzes in hiesiger Gegend allmählig seinen Charakter als Leprosenhaus.

Die jetzige Grubenstraße erscheint auf der Karte als „der kleine durch die Stadt fließende Canal, die Grove genandt“, also als ein Gewässer, das in der Hauptstraße, in der Mühlenstraße und in der Seestraße beim Armenhaus überbrückt war. – Außer dem Stein- und dem Gültzower- (Wasser-) Thor hat sich in älterer Zeit noch ein drittes Thor in Mölln befunden: das Pinnauer Thor, welches unterhalb des Klüschenberges, vielleicht in der Gegend des Hinzmannschen Hauses gelegen, aber schon früh eingegangen und durch die Wallpforte ersetzt sein wird.

Nördlich vom Schlie’schen Zimmerplatz befand sich – VENEDIG! Auf der Karte finden wir diesen Namen, ohne auch nur andeuten zu können, woher er rührt und was mit ihm hat bezeichnet werden sollen, oder ob an dieser abgelegenen Stelle etwa ein Haus gestanden habe. Der Platz markirt sich jetzt durch einige Bäume. Während das Wasserthor

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nur einen Thurm hatte, hatte das Steinthor mehrere Thürme. Von einem dieser Thürme mußte nach altem Herkommen der Stadtmusikus Vor- und Nachmittags einen Choral blasen, eine alte schöne Sitte, die mit dem alten Thor zugleich hinweggefegt ist. Das äußerst starke Steinthor ging vom Hille’schen bis etwa zum Böhme’schen Hause und überschritt bei ersterem den ersten Stadtgraben. Zur Rechten etwa bei Müthel’s Hotel nach dem See zu befand sich eine Bastion, die auf der Karte als „der Kurtze-Wall“ bezeichnet ist. Unmittelbar am Thor nach Süden zu lag der „große Zwinger“, ein dicker runder Thurm, der für gewöhnlich wohl als Gefängniß gedient hat, besonders vielleicht für verdächtige, legitimationslose Reisende. Ein dritter, auch noch mit dem Steinthor in Beziehung stehender Thurm, der auf der Karte der runde Thurm genannt wird, lag östlicher in der Stadtmauer, etwa da, wo nun die Haar’sche Herberge sich befindet. Vom Ausgang des Thors am Zwinger vorbei gelangte man über einen beschränkten freien Platz nach dem zweiten und äußeren Festungsgraben, über den eine Brücke führte. Diese lag etwa da, wo jetzt das Gefängniß, der jetzige Zwinger, ist. Ein anderes Befestigungswerk lag noch bei der späteren Wallpforte, sie heißt auf der Karte „das Rondehl.“ In der Kirche befindet sich über dem Rathsstuhl nach Osten noch ein interessantes Epitaph, auf welchem unser Mölln sich vom Siechenberge aus sehr gut dargestellt findet; es stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dort sieht man das Steinthor mit seinen Thürmen und dem Zwinger, die Kirche und das Rathhaus, letzterers aber noch ohne das Storchnest. Dies Bild verdiente wohl vervielfältigt zu werden, denn aus älterer Zeit besitzen wir leider gar keine anderen Abbildungen unserer guten alten Stadt. Wann die Störche vom Rathhaus Besitz ergriffen haben, läßt sich wohl gar nicht mehr nachweisen, wahrscheinlich bald nach dem 30jährigen Kriege, als die Bevölkerung Deutschlands decimirt war und die Störche gar viel zu thun hatten, die entstandenen Lücken auszufüllen. Mölln ist vielleicht im

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Reiche die einzigste Stadt, die sich eines Storchnestes auf dem Rathhaus rühmen darf. Die Störche sind viele, viele Jahre regelmäßig in ihr altes Nest zurückgekehrt, bis vor etwa 10 Jahren ein pietätlöser Jägerbursche muthwillig das Männchen oder Weibchen vom Storchenpaar erschoß. Seitdem haben die Störche auf dem Rathhause nicht mehr genistet, obgleich die Stadtverwaltung in anerkennenswerther Weise das Nest im Gerüst erneuert hat; vorübergehend aber kehren sie wohl einmal dort an und halten Rundschau. Sie sind allen Bewohnern Mölln’s, Jungen und alten, stets willkommene Gäste gewesen und so wollen wir mit dem Wunsche schließen, daß sie von nun an wieder wie in alter Zeit regelmäßig auf dem Dach unseres Rathhauses Quartier nehmen und wie in alter Zeit sich bei uns wohl fühlen mögen.

 

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