Jahresband 1892

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Zur Erinnerung an den
wail. Regierungspräsidenten Grafen
Ludwig Friedrich Georg
von Kielmansegge auf Gültzow etc.

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Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut;
Denn das unterscheidt ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten hohen Wesen,
Die wir ahnen!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Göthe.


[W. Dührsen.]
 

Der letzte lauenburgische Regierungs-Präsident, Graf Ludwig Friedrich Georg von Kielmansegge, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind, ist am 27. Juli 1798 geboren und nach einem viel bewegten Leben in der Nacht auf den 18. Juli 1873 sanft in Cappenberg entschlafen. Viele Lauenburger werden sich noch dieses edlen und ausgezeichneten Mannes erinnern, der sich durch sein liebenswürdiges Wesen seine Verdienste um das Herzogthum und seine Anhänglichkeit an dasselbe die allgemeinste Hochachtung und Verehrung erworben hat.

Er war ein Sohn, der älteste, des k. Hannoverschen Oberst-Stallmeister, Grafen Ludwig Friedrich von Kielmansegge 1850, Erb. und Gerichtsherrn auf Gültzow, Collow und Hasenthal, und seiner Gemahlin Friederike Eleonore Juliane geb. Gräfin von Wallmoden-Gimborn, und war

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verheirathet (seit 1827) mit seiner Cousine, der Tochter des Reichsfreiherrn von und zum Stein, Therese Marianne Magdalene, welche von ihrem berühmten Vater die Standesherrschaften Cappenberg und Scheda in Westphalen und sämmtliche Stein’schen Lehen und Allodialgüter im Herzogthum Nassau ererbte. Sein Großvater Graf Friedrich von Kielmansegge (1890) war Landdrost in Ratzeburg.

Im elterlichen Hause nach damaliger Sitte bis zur Confirmation erzogen und durch tüchtige Hauslehrer unterrichtet, trat er als 17 jähriger Jüngling zur Zeit der Befreiungskriege in die Armee ein und wohnte als Lieutenant der Schlacht bei Waterloo bei. Nachdem der Feldzug beendigt, bezog der Graf die Universität und studirte in Göttingen und Berlin jura und cameralia, nach beendigten Universitätsstudien leistete er wiederum Militairdienste in der hannoverschen Armee, garnisonirte hier und dort und nahm als Militair einen längeren Aufenthalt in England, wo er einen interessanten Verkehr mit den Offizieren der englisch-deutschen Legion pflog. Um die Mitte der 20er Jahre wurde der Graf als Militair-Attaché und persönlicher Adjutant des Generals von Dornberg nach Rußland, und zwar zunächst nach Petersburg gesandt, wo er im Jahre 1825 Zeuge der dem Tode Alexanders I. folgenden bekannten Militairrevolution ward und darnach der Thronbesteigung und großartigen Krönung des Kaisers Nicolaus beiwohnte. Durch den Tod seiner Mutter im Februar 1826 sah er sich veranlaßt in die Heimath zurückzukehren. – Er wurde dann als Rittmeister persönlicher Adjutant des Herzogs von Cambridge, d. Z. Prinzregenten in Hannover, eine Stellung die ihn mit vielen interessanten Persönlichkeiten der damalien Zeit in Berührung brachte. Der Herzog hielt als Prinzregent damals Hof zu Hannover und der Graf stand als Rittmeister bei’m Regiment Königs-Husaren. Einige Jahr danach (1831) ward er zum hannoverschen Geschäftsträger bei’m bairischen Hof in München ernannt und hat diesen Posten bis zum Jahre 1839

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verwaltet. Dann zog er sich vorläufig in’s Privatleben zurück, um sich der Verwaltung der großen von seiner Gemahlin ererbten westphälischen Besitzungen zu widmen. Im Jahre 1843, nach einem theilweise in Hannover verlebten Winter, sandte ihn die hannoversche Regierung als Minister-Residenten nach dem Haag, wo die Familie sich sehr glücklich fühlte und sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute. Dort besuchte ihn auch sein alter würdiger Vater, der Oberst-Stallmeister, der auf Gültzow residirte. Dieser veranlaßte den Sohn, seine diplomatische Stellung zu quittiren, um die lauenburgischen Besitzungen (Gültzow, Collow und Hasenthal) zu übernehmen. Im Jahre 1846 verließ er demnach den Haag und trat aus dem Staatsdienst aus (von 1843-1846 war er auch am Brüsseler Hof als Minister-Resident accreditirt). In diesem Jahre hatten er und seine Gemahlin das Unglück, daß ihr einziger Sohn, der in Berlin das Friedrich-Werdersche Gymnasium besuchte, am Scharlachfieber so schlimm erkrankte, daß er sich davon niemals wieder erholt hat und die elterlichen Güter nicht hat übernehmen können, weshalb die lauenburgischen Besitzungen an den Bruder des Grafen, den früheren k. hannoverschen Finanzminister Grafen Eduard Georg Ludwig William Howe von Kielmansegge (Kielmansegg), die Stein’schen Besitzungen aber auf die älteste Tochter des Grafen, Frau Gräfin Luise Georgine von Kielmansegge, die später ihren Vetter, den Grafen Thedel Detlev Friedrich von Kilmansegge, Erbherren auf Wiegersen und Borrl im Herzogthum Bremen, heirathete, übergegangen sind. Der Graf widmete sich nun ganz der Verwaltung der lauenburgischen und westphälischen Besitzungen und ward im Frühjahre 1847 als Vertreter der ehemaligen Stein’schen Güter in den ersten vereinigten Landtag nach Berlin berufen, wohin ihm auch seine Familie folgte. Auch an der kurzen zweiten Session des vereinigten preußischen Landtags 1848 betheiligte sich der Verstorbene, um dann, durch das Vertrauen der Lauenburger nach Lauenburg berufen, in Ratzeburg

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durch den Immediat-Bundescommissarius, großh. badischen Bundestagsgesandten Geh. Rath. Dr. Welcker „nach sorgfältiger Prüfung der Wünsche und Bedürfnisse des Landes“ als Landesadministrationsdirector an die Spitze der interimistischen höchsten Landesadministration gestellt zu werden, welche im Allgemeinen an die Stelle der bisherigen Staatsregierung, die seitens des Königs von Dänemark als Herzogs des Landes unmittelbar oder vermittelst der in Kopenhagen befindlichen Behörden seither ausgeübt worden, zu treten berufen war. 1) Dieser „Statthalterschaft“ genannten Behörde würden als Administrationsräthe beigeordnet der Justizrath, Landsyndikus Walter, später Amtmann in Lauenburg a. E. und der Justizrath Höchstädt. Das Herzogthum war „bis zur gänzlichen Herstellung eines definitiven Friedenszustandes zwischen dem deutschen Bunde und der Krone Dänemark im Namen des deutschen Bundes in Administration genommen“, 2) wie einst nach dem Ableben des letzten lauenburgischen Herzogs im Namen von Kaiser und Reich das Lauenburgische Land Hadeln.

In dieser Stellung hat der Verstorbene sich viele Verdienste um Lauenburg erworben; die manchen mit derselben verknüpften Schwierigkeiten wußte er geschickt zu überwinden und die Interessen des Landes vorzüglich zu wahren. Von seinem Amte, daß er mit so großer Uneigennützigkeit und Gewissenhaftigkeit verwaltet hatte, wurde er mit Auflösung der Statthalterschaft und Wiederherstellung er landesherlichen Autorität zu Anfang des Jahres 1851 entbunden. Der Frieden zwischen Dänemark und dem deutschen Bunde war am 2. Juli 1850 abgeschlossen und demnächst ratificirt worden. Damit war „den verhängnißvollen Ereignissen“, wie es in dem Landesherrlichen Patent vom 8. Jan. 1851 heißt, „ein Ziel gesetzt, welche Unser Herzogthum Lauenburg von Unserer landesväterlichen
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1) Vergl. Lauenburgische Verordnungen-Sammlung (Linsen) III. p. 510, No. 313.
2) Vergl. die Verordnungen-Sammlung I. c.

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Fürsorge entfernt gehalten haben“. 1) Der landesherrliche Commissarius Graf v. Reventlow-Criminil löste die Statthalterschaft, Landesversammlung u.s.w. auf (Bekanntmachung v. 16. Jan. 1851) und der Graf trat ins Privatleben zurück. Da damals der geborene Vorsitzende der wiederhergestellten Ritter- und Landschaft, Erblandmarschall v. Bülow auf Gudow, noch minderjährig war, so wurden dem Grafen v. Kielmansegge die Functionen des Vorsitzenden derselben übertragen und auch in dieser Stellung hat er erfolgreich gewirkt. Er widmete sich von nun an ganz seiner Familie und der Verwaltung seiner großen Besitzungen. Gültzow war ihm nach dem Tode seines hochbetagten Vaters bereits 1850 übertragen, die Nassauer Güter und Cappenberg u.s.w. trat die Gräfin Giech, die sie bis dahin besessen hatte, an ihre Schwester, die Gemahlin des Grafen, ab und 1852 feierten Beide das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Der Winter auf 1853 ward in Berlin verlebt, wo der Graf als lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses an den Sitzungen desselben sich betheiligte. Gültzow, wo das Schloß umgebaut und auf das Geschmackvollste eingerichtet worden, war seitdem meist Herbstaufenthalt, schon wegen der Jagden und der guten Verbindung mit Berlin und wohl auch weil der Graf dort sehr gern weilte. Der Winter wurde meist in Berlin zugebracht, wo eine ständige Wohnung der Familie zur Verfügung stand. Zu Neujahr 1863 hatte der Graf den Kummer, seine Gemahlin, die letzte Tochter des großen, verewigten Stein durch den Tod zu verlieren. Sie ist neben ihrem großen Vater im Erbbegräbniß zu Frücht bei Nassau beigesetzt worden. – Die jüngste Tochter des Grafen, Gräfin Mathilde hatte sich bereits 1858 mit dem Grafen Albrecht v. d. Gröben-Ponarien verheirathet; leider verlor sie bereits am 13. Juni 1864 ihren Gatten durch den Tod. – Es war unserm Grafen nicht beschieden, seine Tage in Ruhe und stiller Beschaulichkeit zu verbringen. Als gegen Ende des Jahres 1863
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1) Vergl. Verordnungen-Sammlung IV., p. 1, No. 1.

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nach dem Tode des Königs Friedrich VII. von Dänemark, Herzogs von Lauenburg, die Bundesexecution über die Herzogthümer Holstein und Lauenburg verhängt worden, hannoversche und sächsische Executionstruppen auch unserer Ländchen besetzten und die Regierungsgewalt auf die Bundescommissarien v. Könneritz und Nieper übergegangen war, übertrugen die Letzteren nach dem Ableben des Landdrosten v. Kardorff die dadurch vacant gewordene Stellung eines Präsidenten der lauenburgischen Regierung unserm Grafen (laut Bekanntmachung vom 23. Juli 1864), eine Stellung die er bis gegen Ende des Jahres 1867 inne hatte und in der er sich wiederum um das Herzogthum große Verdienste erworben hat. Das ganze Land freute sich über diese Ernennung und so sehr besaß er das allgemeine Vertrauen, auch der Landbewohner, daß in den Köpfen Einzelner derselben der Gedanke auftauchte, nach der Abtretung Lauenburgs an die Großmächte Oesterreich und Preußen könne und müsse Er nun unser Herzog werden! Wer weiß? Wenn durch ein Plebiscit die Frage zu entscheiden gewesen wäre, so würde er vielleicht zum Herzog erwählt worden sein. Allein es kam bekanntlich anders; Oesterreich ward durch Preußen abgefunden, und der König von Preußen setzte sich mit allseitiger Zustimmung, insbesondere der Ritter- und Landschaft die lauenburgische Herzogskrone auf und übernahm die Regierung des Landes; der Fürst von Bismarck ward lauenburgischer Minister. Erst am 1. Juli 1876 hörte die Personalunion Lauenburg mit Preußen auf. Die Stellung des Grafen war wegen der Neugestaltung aller Verhältnisse gewiß keine leichte und doch überwand er, trotzdem das herrannahende Alter sich schon bei ihm fühlbar machte, alle Schwierigkeiten und ward von S. M. dem König dadurch ausgezeichnet, daß er zum wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikat Excellenz ernannt wurde. Das war im Jahre 1865. Es ist bekannt, daß damals (im September) S. M. der König in Begleitung des damaligen Kronprinzen und des Ministerpräsidenten Grafen

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v. Bismarck persönlich nach Ratzeburg kam, um sich von den Ständen des Landes huldigen, sich die Beamten vorstellen zu lassen und die Verwaltung des Herzogthums zu übernehmen.

Nicht lange nachher hatte der Graf das Unglück in finanzielle Schwierigkeiten zu gerathen. Schuld daran war seine große Vertrauensseligkeit auch Solchen gegenüber, bei denen sie übel angebracht war. Selber von wahrem Adel der Gesinnung setzte er solche auch bei seinen Mitmenschen voraus, insbesondere bei Solchen, mit denen er geschäftlich zu verkehren hatte. Und derer waren nicht wenige, denn in der Verwaltung der großen Besitzungen galt es, mit manchem Alten aufzuräumen und dafür Neues, dem er sehr zugänglich war, an die Stelle zu setzen. So ward er, angeregt durch seinen Aufenthalt in Baiern, Begründer der ersten Bierbrauerei in Westphalen, zu deren Anlage ihn vorzugsweise die Volkswohlfahrt veranlaßte, da er davon ausging, daß das Bier den Branntwein verdrängen und an Stelle des letzteren das Volk ein gesundes Getränk erhalten werde. Dann, angeregt durch seinen Aufenthalt in Holland, erbaute er nach holländischem System Windmühlen, mit darunter angebrachten Wohnungen für die Müller, u. a. m. Jene finanziellen Verlegenheiten, die ihn bestimmten, das Fideicommiß mit Gültzow u.s.w. an seinen Bruder abzutreten, erschütterten leider sein Nervensystem und brachten ihm viele schlaflose Nächte, so daß seine zähe Gesundheit sehr darunter litt. Er suchte Erholung in Obermais (Meran) bei seiner dort weilenden Tochter, erholte sich auch und kehrte in seine amtliche Thätigkeit zurück, aus der er, auf’s Neue erkrankt, im Herbst 1867 ausschied. Im Mai d. Js. hatte er auch noch den Kummer seinen zweiten Schwiegersohn, den Grafen Thedel von Kielmansege, durch den Tod zu verlieren.

Pensionirt und einigermaaßen wieder hergestellt, jedoch geknickt und immer noch krank, verbrachte er seine letzten Lebensjahre theils bei seinen Kindern, theils in Wiesbaden und im

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Schwarzwald. Auf seine alte Zähigkeit bauend, unternahm er dann nach dem französischen Kriege 1870/71, dessen Verlauf er mit dem größten Interesse verfolgte, eine Reise nach England zur Vermählung seines ältesten Neffen, der in London der österreichischen Gesandtschaft als Marineoffizier altachirt war, und diese Reise sollte ihm leider schlecht bekommen. Sein Zustand verschlimmerte sich so sehr, daß er zeitweilig in einem Asyl für Nervenkranke Aufenthalt nehmen mußte. Er erholte sich aber dank seiner guten Constitution wieder, verlebte den Winter 1872/73 in Cappenberg und einen Theil des darauf folgenden Sommers in Nassau, wo er noch einige Waldtouren unternahm. Die Hitze des Sommers aber überwand diese kräftige Natur: in der Nacht zum 18. Juli 1873 machte ein dritter und letzter Schlaganfall seinem vielbewegten Leben zu Cappenberg ein sanftes Ende. Die Trauerfeier ward dort am 23. Juli ds. Js. gehalten und am 25. ds. Mts. wurden seinem letzten Wunsch gemäß seine irdischen Ueberreste im Familiengewölbe zu Gültzow feierlich unter zahlreicher Betheiligung seiner Lauenburger beigesetzt.

So beschloß ein Mann sein Leben, der „durch sein biederes, offenes und aufrichtiges Wesen und durch seine große Leutseligkeit, Freundlichkeit und Herablassung gegen Jedermann nicht blos die Hochachtung, sondern auch die Liebe, Anhänglichkeit und Zuneigung Aller, die ihn kannten, in reichem Maaße sich erworben hat“ (Trauerreden von Nolda und Rodewald in Lünen a. Lippe.)

Zu erwähnen ist noch, daß der Verstorbene nach Auflösung der Statthalterschaft auf Pension verzichtete, sich aber an Stelle desselben 1000 Thlr. auszahlen ließ, die er als Grundstock für eine Art Corrigendenanstalt aussetzte und derren Verwaltung er 1862 der Ritter- und Landschaft übertrug. Dem Capital wurden die Zinsen zugeschrieben und es ist allmählig auf

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13,827 Mk. 9 Pfg. angewachsen. Dies Capital ist verwendet worden zur Errichtung eines Werk- und Armenhauses für das Herzogthum Lauenburg in Mölln und so ist unser Graf gewissermaßen als dessen Stifter anzusehen.

Allen aber, die ihn noch gekannt, wird er unvergeßlich bleiben, ob er gleich fast 20 Jahre schon von der Arbeit dieses Lebens ausruht.


Have pia anima!
 

W. DÜHRSEN.


 


 


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