Jahresband 1892

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg



Markgräfin Francisca Sibylla Augusta von Baden,
gb. Prinzessin zu Sachsen-Lauenburg,
Tochter des letzten Herzogs von Lauenburg.

Von W. DÜHRSEN.

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Als Julius Franz, der letzte Herzog von Sachsen-Lauenburg, am 19./29. Septbr. 1689 zu Reichstadt in Böhmen verstarb, hinterließ er nur 2 Töchter: die 1690 an den Pfalzgrafen Philipp Wilhelm von Neuburg vermählte, nach dessen 1693 erfolgtem Tode mit Johann Gasto, nachherigem Großherzog von Tascana wieder vermählte und in Reichstadt 1741 verstorbene Prinzessin Anna Maria Francisca und die am 27. März 1690 mit dem berühmten Feldherrn Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden vermählte, am 21. Jan. 1675 geborene Prinzessin FRANCISCA SIBYLLA AUGUSTA, eine der ausgezeichnetsten Frauen und Fürstinnen ihrer Zeit. Während die Erstere aus dem väterlichen Nachlasse von den böhmischen Gütern Buschtirad, Consorim, Minckwitz, Politz, Ploskowitz, Reichstadt, Schwaden und Schwolino erbte, fielen der Markgräfin Sibylla die Güter Schlackenwerth, Grosengrün, Theusing, Podeschem (Podersamb), Döpelsgrün, Pürles, Udritsch, Havenstein (Hauenberg), Raudnitz und Kupferberg zu. Bekanntlich gelangten diese Güter später in den Besitz des Kaisers von Oesterreich, der daraus das Herzogthum Reichstadt machte, mit dem er seinen hoffnungsvollen Enkel, den ehem. König von Rom, Sohn Napoleons I., ausstattete.

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Die Mutter dieser beiden fürstlichen Töchter war Marie Hedwig Augusta, Tochter des Pfalzgrafen Christian August zu Sulzbach, welche am 13./23. Nov. 1681 zu Hamburg verstarb.

Markgraf Ludwig Wilhelm zu Baden-Baden war der einzige Prinz des Markgrafen Ferdinand Maximilian und seiner Gemahlin, einer geborenen Prinzessin von Savoyen-Carignan und ward in Paris am 8. April 1655 geboren. Sein Pathe war König Ludwig XIV. Da seine Mutter nicht zu bewegen war, Paris, wo sie in angenehmen Verhältnissen lebte, zu verlasen und ihrem Mann nach Deutschland zu folgen, so sah dieser sich genöthigt, um seinem Sohn eine deutsche Erziehung angedeihen lassen zu können, denselben heimlich von Paris nach Deutschland, und zwar nach Baden, entführen zu lassen. Dort blieb er bis er erwachsen war, und erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung nicht nur von seinem Vater, der aber bereits 1669 starb, sondern auch von seinem Großvater, dem er in der Regierung folgen sollte. Schon in seinem 19. Jahre verrichtete er Kriegsdienste gegen die Franzosen, dann unter Montecuculi gegen Turenne, darnach bei der Belagerung und Eroberung Philippsburgs. Schon in diesen Feldzügen legte er viele Proben seiner Feldherrnkunst ab. Nach dem Tode seines Großvaters trat er die Regierung an. Im Jahre 1682 (seinem 28. Lebensjahre) ernannte ihn der Kaiser zum General-Feldmarschall-Lieutenant. Im folgenden Jahre betheiligte er sich lebhaft an den Kämpfen gegen die Türken, die bis Wien vorgedrungen waren. In diesen Kämpfen hat bekanntlich der Markgraf sich mit unvergänglichem Ruhm bedeckt. Ebenso bedeckte er sich in den Kämpfen gegen die Franzosen mit Ruhm und hier würden seine Erfolge noch größer gewesen sein, wenn ihm nicht die Uneinigkeit der Reichsstände und der Feldherren hinderlich gewesen wären. Was die Türkenkriege anbelangt, so hat er 10 Jahre mit dem größten Ruhm an der Donau zugebracht, dem Kaiser das Königreich Ungarn wieder erobert und dessen Grenze über 100 deutsche Meilen gegen Siebenbürgen vorgeschoben. „Er war ein großer Held. 26 Feld-

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züge, 25 Belagerungen, 13 offene Feldschlachten, in denen er keinmal überwunden worden, sind Zeugen davon. - - Klugheit und Mäßigung, Gnade und Menschenliebe, Treue und Redlichkeit nebst einer erhabenen Großmuth machen, wie seine großen Thaten, seinen Namen unsterblich.“ *) Erwähnt sei noch, daß er nach dem Tode des Königs Johann III. Sobiesky von Polen große Chancen hatte, zum König von Polen erwählt zu werden. Daß es dazu nicht kam, war zum Theil dem kaiserlichen Hof in Wien zuzuschreiben, der ihm doch zu so großem Dank verpflichtet war. Denn wir finden, daß er sich durch seinen Hofmarschall in Wien darüber beschwert und nicht minder über Undank des Kaiserlichen Hofs im Allgemeinen beklagt, der auch dadurch zu Tage getreten, daß der Kaiser zugelassen, daß Hannover das Herzogthum Lauenburg eingenommen und daß das Land Hadeln in Sequester genommen worden, obgleich von beiden Ländern seiner Gemahlin bis zum Austrag der Sache der halbe Theil zukomme. (Der Markgraf hatte sich im Jahre 1690 mit der Herzogin Sibylla von Sachsen-Lauenburg vermählt). Dem Kaiser lag daran, sich für den nun beginnenden spanischen Successionskrieg die Kraft des Markgrafen zu sichern, ließ ihn (1701) nach Wien kommen, zeichnete ihn wiederum aus und versprach ihm, daß er die Ansprüche seiner Gemahlin auf Lauenburg ohne Verzug untersuchen lassen wolle. **) Der Markgraf erhielt auch im selbigen Jahr ein günstiges Urtheil und leistete in diesem Kriege dem Kaiser namhafte Dienste. Am 4. Jan. 1707 starb dieser Held in seinem Residenzschloß zu Rastatt im 52. Lebensjahre; sein Leichnam ward in der größeren Gruft in der Stiftskirche zu Baden beigesetzt.

Wie schon angeführt, hatte der Markgraf sich am 27. März 1690 zu Raudnitz in Böhmen mit Francisca Sibylla Augusta, Tochter des letzten lauenburgischen Herzogs Julius
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*) Sachs, Einl. in die Gesch. der Marggravschaft Baden. III. p. 630.
**) Theatr. Europaeum XVI. p. 60.

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Franz, vermählt. Dieselbe war eine Frau von seltener Schönheit und großem Verstande; sie hat während 20 Jahre mit vieler Klugheit die Vormundschaft über ihre Kinder geführt, deren sie neun geboren hatte, von denen aber nur zwei sie überlebten: Ludwig Georg Simpert, der seinem Vater 1707 unter ihrer, der Mutter, Vormundschaft in der Regierung folgte, und August Georg Simpert, welcher, ursprünglich dem geistlichen Stande gewidmet, seinem Bruder 1761 in der Regierung folgte. – Die Markgräfin sowohl, als ihre Eingangs erwähnte Schwester machten auf die ganze Verlassenschaft ihres verstorbenen Vaters, des Herzogs Julius Franz von Sachsen-Lauenburg, Anspruch, insbesondere auch auf das Herzogthum Lauenburg, welches kein Lehn, sondern freies Eigenthum, weil durch Eilike, Tochter und Erbin des Herzogs Magnus zu Sachsen aus dem Billungschen Hause an Otto den Reichen von Ballenstädt (Askanien), Herzogs Bernhard von Sachsen Großvater, gekommen wäre *) Ganz besonders seinen die Ansprüche an das Land Hadeln begründet, das zweifellos niemals Lehn gewesen. Dagegen ist mit Recht von anderer Seite geltend gemacht worden, daß Julius Franz in seinem 1686 errichteten Testament seine beiden Töchter zu Erbinnen seines Nachlasses an Gütern etc. eingesetzt, das Herzogtum Lauenburg aber den Fürsten von Anhalt als seinen nächsten Agnaten zugedacht hatte. Es ist bekannt, daß außer den beiden Töchtern des Herzogs Julius Franz noch etliche andere Fürsten Lauenburg zu erwerben versuchten: Anhalt, Chursachsen (welches sogar das Land in Besitz nehmen ließ,) die Herzöge von Sachsen Ernestinischen Linie u. a. m., bis Georg Wilhelm von Braunschweig-Celle zuerst als Kreisoberst, dann kraft eigener Ansprüche das Herzogthum Lauenburg mit gewaffneter Hand in Besitz nahm und schließlich auch behielt, während das Land Hadeln, das Carl XI. von Schweden als Herzog von Bremen beanspruchte, vorläufig in Kaiserliche
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*) Die badischen Ansprüche findt man näher begründet in: Gründliche Ausführung des Erbrechts beyder Sachsen-Lauenburgischen Erbprinzessinnen auf Lauenburg. Rastatt 1757.

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Sequestration genommen ward. Unter den übrigen Prätendenten sind noch zu nennen: Braunschweig-Wolfenbüttel, Mecklenburg, Holstein-Sonderburg (die Gemahlin des Herzogs Rudolf, Caroline Eleonore, war eine Nichte des Herzogs Julius Franz) und Holstein-Gottorp (welches die s. g. 8 holsteinischen Dörfer zurückforderte). Mit Recht durfte der verdiente Markgraf sich Hoffnung darauf machen, daß der Kaiser, um den er sich so sehr verdient gemacht, seiner Gemahlin Ansprüche mit Nachdruck vertreten würde. Der Kaiser versprach auch die Belehnung mit Lauenburg, falls das Herzogthum als Lehn an’s Reich zurückfallen (heimfallen) würde. Der Reichshofrath sprach das Land Hadeln 1701 den beiden Erbprinzessinnen sogar zu. Trotzdem ertheilte der Kaiser dem Churhause Hannover 1716 die Belehnung über Sachsen-Lauenburg und 1731 die über das Land Hadeln. Die beiden Erbinnen mußten sich also mit den böhmischen Herrschaften begnügen, von denen die Markgräfin die Eingangs genannten werthvollen Liegenschaften erhielt. Sie machte 1703 zu Aschaffenburg ihr Testament, nach welchem der regierende Markgraf allezeit auch die böhmischen Herrschaften besitzen sollte. Diesem Testament fügte sie 1733 noch einen Codicill hinzu, worin sie sich als eine treue Katholikin manifestirt und auf die Bekennung ihrer Nachfolger im Besitz der böhmischen Herrschaften zur katholischen Religion großten Werth legt. *) Die Markgräfin starb, wie angeführt, zu Ettlingen am 10. Juli 1733 und ward zu Rastatt in der fürstlichen Schloßkirche beigesetzt. Um die Ausstattung und Verschönerung des Schlosses zu Rastatt hat sie sich sehr verdient gemacht. Zu Ehren der Jungfrau Maria von Loretto und Einsiedel stiftete sie zu Rastatt 2 Bethäuser und die Schulden des Landes verringerte sie aus ihren Einkünften um 2 Millionen. Durch das Schloß, daß sie in Ettlingen (an der Alb) in der Zeit von 1728-33 erbaute, hat sie sich ein schönes Denkmal gesetzt, ein schöneres jedoch noch durch das Lustschloß FAVORITE bei Förch (in der Nähe von Kuppen-
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*) Sachs, Einleitung u.s.w. III. P. 642.

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heim), welches 1725 gebaut wurde und in seinem ursprünglichen Zustand bis auf den heutigen Tag pietätvoll erhalten ist. Eine genaue Beschreibung dieses jetzt großherzoglichen Schlosses hat Frh. v. Beust in seinem 1856 zu Rastatt (bei W. Hanemann) erschienenen Büchlein „das großherzogliche Schloß Favorite bei Rastatt“ geliefert, auf welches hiemit verwiesen sei.


 


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