Jahresband 1890

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 



Mittelalterliche Gebäudetrümmer bei Glüsing an der Elbe *)

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[v. Binzer, C. A. L.]
 

Unmittelbar neben der uralten Fährstelle der Elbe gegenüber Artlenburg ist das Plateau noch erkennbar, auf welchem bereits Carl der Große eine zur Deckung der Uebergänge über die Elbe und zur Aufrechterhaltung der Herrschaft in der dortigen Gegen bestimmte Veste errichtet hat, die bis zu ihrer Verbrennung durch den vor dem Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahre 1181 nach Stade fliehenden Heinrich den Löwen, eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat. Dieselbe ist am beskanntesten unter dem Namen Erteneburg, während der richtige Name, wie bereits früher an dieser Stelle nachgewiesen worden ist, Striepenburg zu sein scheint. Auch von Hammerstein-Loxten sagt in seiner bekannten Schrift über den Bardengau, daß der in Rede stehende Burgplatz auf einer alten, im hannoverschen Landesarchiv aufbewahrten Karte von Lauenburg mit diesem Namen verzeichnet sei, und zweifellos hat die eigentliche Erteneburg auf dem linken Ufer der Elbe gelegen und dem jetzigen Flecken Artlenburg den Namen gegeben. Die Steine der ausgebrannten Striepenburg haben angeblich dem zum Nachfolger Heinrichs des Löwen eingesetzten Herzog Bernhard bei Erbauung der Lauenburg gedient, aber bis noch vor etwa dreißig Jahren hat man sowohl Ziegel- als Feldsteine auf dem ehemaligen Burgplatze ausgegraben und dieselben zu Hochbauten und zu Wegebauten benutzt.
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*) Abgedr. aus der Belletristisch-Literar. Beilage der „Hamb. Nachr.“ Nr. 22, vom 1. Juni 1890.
Hierzu ist zu vergl. S. 62, wo man eine Zeichnung der Ueberreste der Erteneburg findet, und Band II Heft 3 S. 100 und Band I S. 297 f.
D. R.

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Von dem Burgplatze ist im Laufe der Jahrhunderte ein nicht unbedeutender Theil nach der Elbe abgestürzt. Gegen Osten und Norden ist er von tiefen, trockenen Gräben umfaßt, aber gegen Westen fällt er steil gegen den Hohlweg ab, welcher vom Ufer der Elbe und dem sogenannten Sandkruge, der zugleich Fährhaus ist, zu dem Höhenzuge hinaufführt, welcher bei Lauenburg beginnend, daß nördliche Ufer der Elbe bis über Geesthacht hinaus stromabwärts begleitet.

Etwa eine Viertelmeile vom Sandkruge entfernt, liegt an der alten nach dem Norden führenden Heerstraße das Dorf Schnackenbeck an dem kleinen, nunmehr fast ganz ausgetrockneten Bache gleichen Namens, und etwa zehn Minuten östlich von diesem Dorfe liegt an demselben Bache der aus einigen wenigen Häusern bäuerlicher Bauart bestehende Ort Glüsing, in unmittelbarer Anlehnung an eine Wiese, welche ihre Entstehung der Schnackenbeck verdankt.

Diese Stelle ist es, für welche heute die Aufmerksamkeit des Lesers erbeten wird, und zwar weil dort vor Kurzem, bei Gelegenheit einiger Wiesenplanirungsarbeiten, die Fundamente eines offenbar aus dem Mittelalter stammenden, massiven und wie es scheint architectonisch bemerkenswerthen Gebäudes aufgefunden und theilweise aufgedeckt worden sind, von deren Vorhandensein, außer in der kleinen Ortschaft selbst, bisher Niemand Kunde gehabt hat. Jetzt nach deren Aufdeckung, kommt aus dem Munde des dortigen Gastwirths und Stellenbesitzers Ohle eine Ueberlieferung zur Aussprache, welche von Vater auf Sohn übergehend, in der Familie, welche seit siebenhundert Jahren diese Stelle besessen hat, lebendig geblieben ist und dahin geht, daß hier einstmals ein den Herzogen von Sachsen-Lauenburg gehöriges Schießhaus gestanden haben soll.

Das Dörfchen Glüsing, welches in weit zurückliegender Zeit in großen Gebieten Norddeutschland bekannt gewesen ist, und zwar wegen eines dort abgehaltenen Jahrmarktes, einer Art Messe, zu welcher nicht nur die Bewohner der Umgegend, sondern auch Kaufleute aus Lübeck, aus den lauenburgischen,

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holsteinischen und hannoverschen Städten und selbst aus der Stadt Braunschweig herbeikamen, um die Geschäfte und Geldangelegenheiten des vergangenen Jahres abzuwickeln und neue Handelsgeschäfte, besonders in Wolle und Getreide, abzuschließen, ist gegenwärtig eigentlich nur noch als ein anmuthig im Walde belegener Vergnügungsort bekannt, während der Jahrmarkt zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgefunden ist. Zur Zeit seiner Blüthe haben selbst benachbarte Fürsten denselben besucht, und zur Bewirthung der letzteren haben die Herzoge von Lauenburg dem Amte der Residenzstadt dreißig Gulden zur Verfügung gestellt. Seit mehr als 150 Jahren ist indessen für diesen Fonds keine Verwendung mehr gewesen und derselbe ist daher auch nicht mehr bereit gestellt worden. Die ehemalige Messe hat sich im Laufe der Zeiten in einen Jahrmarkt verwandelt, wie ihn viele andere Städte und Flecken ebenfalls haben, indessen hat er den Charakter eines außerordentlich besuchten Volksfestes angenommen, das vor etwa vierzig Jahren noch in voller Blüthe stand. Zahlreiche Kramzelte wurden dort damals noch aufgeschlagen und reihten sich, in unmittelbarer Nähe der Häuser des Orts, unter stattlichen Eichen und Buchen, zu langen Gassen aneinander, malerisch hervorschimmernd zwischen dem Grün des Waldes, ein gegen die Marktplätze der Städte und Flecken weit abstechender Anblick!

Auf der Wiese an der Schnackenbeck wurde der Viehmarkt, auf einer höher belegenen, jetzt mit Nadelholz bepflanzten freien Fläche, welche, an der Lauenburg-Hamburger Heerstraße beginnend, in dem schroff abfallenden Ufer der Elbe ihren Abschluß findet, wurde der Pferdemarkt abgehalten.

Aus weitem Umkreise strömten die Landbewohner von beiden Seiten der Elbe und die Städter, besonders aus Lauenburg, herbei und selbst größere Geschäfte schlugen ihre Buden dort auf.

Der einfache, wenig geräumige Krug bot der großen Anzahl der Besucher nicht die erforderliche Unterkunft und Verpflegung und es waren daher außer den Zelten der Krämer

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größere und kleinere Zelte aufgeschlagen, in welchen Lebensmittel und Getränke aller Art in Menge dargeboten wurden, in Tanzzelten drehten sich die Paare, theilweise noch in ihren alten Volkstrachten, unter denen die der Vierländerinnen die geschmackvollsten und kleidsamsten waren; an Tischen, welche im Freien unter den Bäumen aufgeschlagen waren, ließen sich schmausend und trinkend ältere Bauern und Bäuerinnen nieder und hie und dort waren die Körbe der Vierländerinnen, in denen Kirschen und Erdbeeren in reicher Fülle feilgeboten wurden, von Alt und Jung umworben.

Für denjenigen Theil des Publikums, welcher auf Grund gesellschaftlicher Stellung oder eines gewissen Grades von Bildung eine bevorzugtere Stellung in Anspruch nahm, war ein besonderes größeres Zelt vorhanden, das sogenannte Herrenzelt, dessen geräumiger, von rohen Feldsteinen umrahmter Platz heute noch erkennbar ist. Ein besonderes Musikcorps sorgte hier am Tage für Unterhaltung, bis es am Abend zum Tanz an einer anderen Stelle aufzuspielen hatte.

Ueber der Sicherheit wachte als Polizeiherr, in dem sogenannten Gerichtszelte, ein Beamter aus der Stadt Lauenburg, unterstützt von mehreren Landdragonern (Gensdarmen) und einigen Bauernvögten, welche letztere die Verpflichtung hatten, die summarisch abgeurtheilten Excedenten nach Lauenburg zu transportiren, wo sie in den alten Schloßthurm eingesperrt wurden.

Erst spät am Abend nahm das bunte lebhafte Treiben ein Ende und da kein Unterkommen für die Nacht geboten werden konnte, so eilten die Besucher zu ihren heimathlichen Stätten zurück.

Aehnlich und gleich werden die Verhältnisse in der Blüthezeit des Jahrmarktes in früheren Jahrhunderten gewesen sein, und so mag wohl das Bedürfniß sich geltend gemacht haben, wenigstens den weither gekommenen, fürstlichen und anderen vornehmen Gästen ein passendes Unterkommen zu bieten; die Vermuthung liegt nahe, daß das Gebäude, von welchem man,

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wie vorhin gesagt, jetzt die Fundamente und eine Menge Trümmer entdeckt hat, zu solchen Zwecken gedient hat, wenn auch die Tradition davon nichts zu berichten weiß. Sie beschränkt sich auf die Erzählung, daß das Gebäude ein herzogliches Schießhaus gewesen ist, in welchem allerlei Lustbarkeit, besonders aber zum öfteren ein Scheibenschießen veranstaltet worden sei, bei welchem man einen geschlachteten und zerlegten Ochsen verschossen habe. Die dazu bestimmten Ochsen habe der Inhaber der zwischen dem Schützenhause und dem Ohle’schen Kruge belegenen Kathe in den Stall zu nehmen und zu warten gehabt. Es ist immerhin nicht ausgeschlossen, daß das Schießhaus in den Tagen der Messe, vom 26. bis 28. Juni, dennoch dem vorhin angegebenen Zwecke: der Unterbringung fürstlicher und anderer vornehmer Gäste gedient haben kann. Daß der Bau geräumig gewesen ist, verrathen die Fundamente, und daß er architektonisch einigermaßen hervorragend gewesen, zeigen die Formen und die Qualität der über diesen letzteren aufgehäuften Ziegelsteintrümmer. Die Mauersteine sowohl als die Dachziegeln gehören jener vorzüglichen Qualität an, welche das Mittelalter aufzuweisen hatte, und die Formen deuten auf die gleiche Periode hin. Unter den Mauersteinresten finden sich Formen, welche lediglich zu äußeren Verzierungen haben dienen können, darunter die bei mittelalterlichen Gebäuden vielfach verwendete Dreiecksform, außerdem aber auch jene Formen, welche zu Profilirungen im Kabeltaumuster gedient haben, welches besonders häufig an vielen alten, aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert stammenden Häusern der Stadt Lüneburg vorkommt. Man darf also hieraus schließen, daß die Zeit der Erbauung dieses Gebäude in eins der soeben genannten Jahrhunderte fällt. Ueber die Zeit der Niederlegung desselben kann man keinerlei begründete Vermuthung haben, aber es ist immerhin möglich, daß sorgfältige Forschungen dennoch mehr Licht in das Dunkel bringen wird.

Der Annahme, daß das besagte Gebäude aus dem späteren Mittelalter stammt, steht der Umstand nicht entgegen

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daß die Dielung aus einer starken Lehmschicht bestanden hat, welche an einigen Stellen zu Tage tritt.

Ohne Zweifel würde sich bei etwaigen Grabungen noch manches Interessante ergeben und vor allen Dingen wäre es immerhin recht erwünscht, die Lage und Ausdehnung des Fundaments zu ermitteln und wenigstens theilweise bloß zu legen. Vielleicht unterzieht sich der überaus thätige Verein für lauenburgische Geschichte dieser Mühe.

C. A. L. v. BINZER.



 


 


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