Jahresband 1890

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Löwenstadt.

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[Dr. Hellwig]
 

Helmold erzählt im ersten Buche seiner Wendenchronik, im 85. Kapitel, folgendes:

In jenen Tagen (1156*) wurde die Stadt Lübeck durch eine Feuersbrunst vernichtet, und es schickten die Vorsteher und die übrigen Bewohner der Stadt zum Herzog (Heinrich dem Löwen) und ließen ihm sagen: „Es ist schon lange her, daß auf Euren Befehl in Lübeck kein Handel mehr getrieben werden darf. Bis jetzt ließen wir uns noch in dieser Stadt zurückhalten durch die Hoffnung, mit Eurer Gunst und Verlaub die Marktgerechtigkeit noch wieder zu erlangen, auch ließen uns unsre Häuser, die wir mit vielen Kosten erbaut hatten, nicht wegziehen. (Die Stadt stand damals erst etwa 14 Jahre.) Da aber nun die Gebäude niedergebrannt sind, lohnt es sich nicht der Mühe, sie wieder aufzubauen an einem Ort, wo der Handel nicht zugelassen wird. Gebt uns also eine Stelle zur Errichtung einer Stadt an einem Platze, wo es Euch gefallen wird.“ Infolge dieser Botschaft bat der Herzog den Grafen Adolf, ihm den Hafen und die Insel in Lübeck zu überlassen. Der aber wollte nicht. Da bauete der Herzog eine neu Stadt am Waknitzflusse nicht weit von Lübeck auf Ratzeburger Gebiet und legte sowohl Gebäude als Befestigungswerke an und nannte die Stadt nach seinem Namen „Löwenstadt“, d. h. Stadt des Löwen. Aber da der Ort weder als Hafenort noch als Burgplatz sehr geeignet war und man auch nur mit kleinen Schiffen hinkommen konnte, erneuerte der Herzog die Verhandlungen mit Graf Adolf wegen Abtretung der Insel und des Hafens von
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*) Anm.: Laurents p. 187: 1151, Hoffmann 1157.

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Lübeck und machte große Versprechungen, wenn er ihm willfahre. Notgedrungen gab der Graf endlich nach und überantwortete ihm Schloß und Insel. – (Der Herzog bekam als schließlich mehr als worum er anfänglich gebeten hatte.) – Da nun kehrten die Kaufleute auf des Herzogs Befehl freudig zurück, indem sie die unbequeme neue Stadt verließen, und fingen an die Kirchen und Mauern Lübecks wieder aufzubauen.

Diese Nachricht des Pfarrers von Bosau ist an sich gewiß hochinteressant und es ist wunderbar, daß sich meines Wissens bis jetzt niemand gefunden hat, der sich ernstlicher damit beschäftigt hätte. Der ganze Vorgang ist so außerordentlich bezeichnend für den Charakter Heinrich des Löwen und die Machtstellung, die er damals schon hatte, daß man denselben gern bis in seine kleinsten Einzelheiten verfolgen möchte. Statt dessen ist man mit Gleichgiltigkeit daran vorbeigegangen und jedermann, der darüber sprach, hat, wie es scheint, sich bemüht die Sache zu verwirren statt aufzuklären.

Allgemein begnügt man sich Bangert nachzusprecen, welcher in den Orig. Lub. bei Westpfahlen mon. ined. V. p. 1260 sagt, die Löwenstadt habe an der Waknitz gelegen, da, wo jetzt Herrenburg liege, ohne den krassen Widerspruch zu beachten, der in diesen wenigen Worten enthalten ist. Herrenburg liegt reichlich einen Kilometer von der Waknitz entfernt, und daß die Waknitz in jener Zeit einen andern Lauf gehabt habe, ist absolut nicht anzunehmen. Herrenburg und der Bach, welcher es durchfließt, wird schon 1194 erwähnt in der Originalurkunde Bischof Isfrieds, worin die Teilung zwischen bischöflichen Tafelgütern und Kapitelgütern vorgenommen wird. Es wird dort urbs dominorum genannt. Aus dieser lateinischen Interimsbezeichnung läßt sich allerdings schließen, daß der Ort noch nicht lange bestand, vielmehr der seit 1142 eingeleiteten Colonisation des Landes durch Deutsche seine Entstehung verdankt, auch ist es klar, daß der Name ein bedeutungsvoller ist, nur schließt er gerade die Gründung durch EINEN Mann, nämlich den Herzog Heinrich, aus, obwohl auch Masch’s Vermutung

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Gesch. d. Bist. Ratzeburg p. 82 Anm. 3, in fine nicht zutrifft, daß es Herrenburg heiße, weil 2 Herren, Graf Adolf und Herzog Heinrich, daran gebaut hätten. Uebrigens erwähnt Arnold v. Lübeck IV. c. 9, Herrenburg schon zum Jahre 1192. Will man eine wirklich zutreffende Vermutung über die Gründer Herrenburgs aufstellen, so muß man sich erinnern, daß es eine Zollstätte war und zwar eine gräflich Ratzeburgische, wie sich aus den Ansprüchen schließen läßt, die Herzog Albrecht I. von Lauenburg als Rechtsnachfolger der Grafen von Ratzeburg noch ums Jahr 1261 geltend machte (cf. Masch. I. c. p. 173). Die Grafen von Ratzeburg werden den Ort deshalb auch angelegt haben und zwar Graf Heinrich und dessen Sohn Bernhard I., die schon in der Stiftungsurkunde des Ratzeburger Bistums von 1158 als gemeinsam Regierende aufgeführt werden. Es wäre demnach Herrenburg die urbs dominorum Heinrici et Bernhardi comitum de Racisburg. *) Freilich ist es mit dem ganzen Lande Boitin schon 1158 zur dos der Ratzeburger Kirche gekommen, was jedoch nicht ausschließt, daß die Grafen, welchen die advocatia auch über diesen Landesteil blieb, den Zoll daselbst in ihrem Namen weitererhoben, noch viel weniger wird der Besitzwechsel mit einem Namenswechsel verbunden gewesen sein. Nach diesen Erwägungen scheint es mir viel wahrscheinlicher zu sein, daß Herrenburg gleichzeitig, wenn nicht eher wie Löwenstadt entstand und zwar durch die Grafen von Ratzeburg und nicht durch Heinrich den Löwen. Wie Bangert zu seiner Ansicht kam, ist schwer zu sagen, möglicherweise bloß dadurch, daß Herrenburg der einzige Ort in dortiger Gegend ist, der den Namen Burg, d. i. Stadt, führte.

Man kann sich überhaupt bei der Nachforschung über die Lage der Löwenstadt nur an den einzigen wirklichen Berichterstatter halten, den wir haben, nämlich an Helmold. Sowohl Detmar als Albert Kranz entnehmen ihre Kenntnisse direkt
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*) Als domini werden im 12. Jahrhundert nur erst der Kaiser, die Bischöfe, Herzöge und Grafen genannt, während dieses ehrende Prädikat im 13. Jahrhundert auch niederen Geistlichen, Rittern und Bürgern beigelegt wird.

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oder indirekt diesem Schriftsteller, wie sich leicht nachweisen läßt. Wenn Detmar p. 14 von den Unbequemlichkeiten der Löwenstadt angiebt: wente de schepe kunden nicht by dem overe belanden, so verrät er damit nur, daß er Helmolds Worte nec posset adiri nisi parvis navibus falsch auffaßte und sich überhaupt kein Bild von der Lage Löwenstadts machte. Daß aber Albert Kranz, Wandalia IV. c. 30 seine Worte: sed eum a mari difficilis erat in lacum aditus, transportari multo incommodo de Travena flumine per terram merces videbantur ebenfalls einer falschen Auslegung und Ausmalung der Worte Helmolds verdankt, kann nicht bezweifelt werden. Interessant ist bloß der Ausdruck lacus, der immerhin darthut, daß Kranz sich wenigstens ein Bild von der Lage Löwenstadts gemacht hatte. Er hat offenbar die damaligen Verhältnisse des Einflusses der Waknitz in die Trave im Auge, der nämlich wie jetzt noch, so schon zu Kranzens Zeit durch eine Mühle verschlossen war. Dieselbe muß zufolge des Vertrags der lauenburgischen Herzöge und des Ratzeburger Bischofs mit Lübeck wegen der Stauung der Waknitz 1291 schon vorhanden gewesen sein. Dagegen war dies Hindernis 1156 wahrscheinlich nicht vorhanden. Mag dem aber sein, wie es will, man kann füglich die breite Wasserfläche beim Waknitz-Bellevue in Lübeck einen See nennen. Kranz meint nun, da ja die Löwenstadt nach Helmold an der Waknitz lag, hätte man die Waren doch notwendig aus der Trve erst über Land in diesen Waknitzsee bringen müssen, um sie von dort auf Waknitzschiffen weiter zu befördern. Es ist indessen klar, daß Heinrich, auch wenn der Einfluß der Waknitz in die Trave damals noch offen war, die Waren nach Löwenstadt sicher nicht in so unmittelbarer Nähe von Lübeck vorbeigeführt haben würde, zumal Graf Adolf schwerlich gezögert hätte, nun seinerseits Repressalien durch Auflage eines Zolls zu üben. Gerade dieser Umstand spricht dafür, daß Heinrich für seine Löwenstadt eine andere Verbindung zwischen Trave und Waknitz schaffen mußte. Er hat es, wie wir weiter unten sehen werden, auch gethan.

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Wir haben uns, wie bereits gesagt, einzig und allein wegen Auskunft über die Lage der Löwenstadt an Helmold zu halten. Im Widerstreit der Meinungen sogar zwischen verschiedenen Berichterstattern, wäre diesem ältesten, zeitgenössischen Gewährsmann am meisten Glauben zu schenken, wie viel mehr erst dann, wenn sich die übrigen als bloße Nachbeter erweisen.

Durch Helmold steht erstens fest, daß die Löwenstadt unmittelbar am Ufer der Waknitz errichtet wurde, *) nicht weit von Lübeck und zwar in der terra Raceburg. Es steht ferner fest, daß ein Hafen dabei war, der nur mit kleinen Schiffen erreicht werden konnte. Das alles paßt nicht auf Herrenburg, welches nicht an der Waknitz liegt noch lag, keine Verbindung mit dem Meere und keinen Hafen hat noch hatte. Es ist aber ferner klar, daß Heinrich, als er 1157 bereits die Löwenstadt aufgab, das Gebiet derselben schwerlich zur dos der Kirche gab – es wäre sonst sicherlich in der Dotationsurkunde von 1158 irgend eine Andeutung gemacht – sondern es zu Lübeck schlug, daher wir denn die Stätte der Löwenstadt im heutigen Gebiete der Stadt Lübeck und nicht im Fürstentum Ratzeburg zu suchen haben. Die Grenze, welche das Fürstentum Ratzeburg seit 1307 vom Lübecker Gebiet trennt, die sogenannte lübische Landwehre, bestand aus Graben und Wall. Der Landgraben geht noch heute aus der Schlutuper Bucht bis in die Waknitz bei der Hundenhorst. Diese Grenze existiert schon 1158. (Vergl. die öfters schon angeführte Dotationsurkunde Herzog Heinrichs für das Stift Ratzeburg.) Aber das ist offenbar keine natürliche, keine Volks- oder Stammgrenze.

Die Nordgrenze der Polaben bildete ursprünglich die Trave. Cf. Arnold l. l. cap. 2. 9-10. Inde (ex Obotritis) versus nos Polabi, civitas eorum Racisburg. Inde transitur fluvius Travena in nostram Wagirensem provinciam. Die Uebergriffe Lübecks auf polabisches bezw. ratzeburgisches
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*) super flumen Wochenicze cf. Arnold Lub. l. III. p. I. betreffs Errichtung der Lauenburg: coepit aedificare Lawenburg SUPER LITTUS ALBIAE ad orientalem plagam Erteneburg.

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und lauenburgisches Gebiet sind überall nachzuweisen, nur in dem Winkel zwischen Trave, Waknitz und Herzogenbeck (Landgraben) nicht (wenn man nicht eben annehmen darf, daß dieser Landstreifen mitsamt der Löwenstadt 1157 bereits lübisch ward). Was aber kann der Name Herzogenbeck, der schon 1230, bezw. als rivulus ducis schon 1158 vorkommt, bedeuten, auf wen sollte er wohl gehen, wenn nicht auf Herzog Heinrich den Löwen. Es ist schlechterdings keine andere Beziehung zu finden. Herzog Heinrich muß also mit diesem Wasserlauf irgend etwas vorgenommen haben, das dazu berechtigte das ganze Flüßchen Herzogsbach- oder –Fluß (es kommen vor die Ausdrücke fluvius ducis, rivus und rivulus ducis) zu nennen. Was könnte das anders sein, als daß er unter Benutzung natürlicher Wasserläufe diese Verbindung zwischen Waknitz und Untertrave herstellte.

Ich vindiciere mir vollständig die Berechtigung zu dergleichen Schlüssen bei dem Mangel an Urkunden und Berichten, auch wenn sich dadurch die Sache nicht bis zur Gewißheit darthun läßt. Wenn nur eine genügende Zahl von Thatsachen und naheliegenden Schlüssen eine hohe Wahrscheinlichkeit herbeiführen, so muß man sich damit begnügen. Auf Weiterforschen in jedem Falle zu verzichten, wo die urkundlichen Belege aufhören, wäre in der Spezialgeschichte völlig verkehrt.

Erfährt man nun, daß Herzog Heinrich sich vom Grafen von Ratzeburg ein Stück Land abtreten ließ, um an der Waknitz in der Nähe Lübecks eine neue Handelsstadt, ein Trutzlübeck zu errichten, so ist es klar, warum er einen Kanal nach der Untertrave grub, nämlich um die Waren vom Meere beziehen zu können, ohne Lübeck zu berühren. Die Löwenstadt muß daher an der Waknitz und am Herzogsgraben gelegen haben.

Als man 1307 die Landwehr errichtete, zog man dieselbe natürlich, soweit möglich, an der äußersten Grenze. Daß nun die Löwenstadt gerade an der alleräußersten Grenze nach Ratzeburg zu gelegen habe, da man ihr nicht noch einige Kilometer Gebiet auch

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nach Süden zu gelassen hätte, ist doch nicht anzunehmen, wohl aber ist anzunehmen, daß im Jahre 1307 der alte Einlauf des Herzogsgrabens derartig verändert wurde, daß er nunmehr an der äußersten Grenze entlang ging. Kurz, ich meine, der alte Einlauf des von Herzog Heinrich hergestellten Herzoggrabens in die Waknitz ist weiter nördlich zu suchen, als der jetzige. Nun sagt ja Helmold, daß die Löwenstadt einen Hafen gehabt habe; Herzogenbeck und Waknitzhafen müssen also in möglichst nahe Verbindung gesetzt worden sein. Nun sehe man sich den Lauf des Herzogenbeck (jetzt Landgraben) an, wie er bei Brandenbaum plötzlich von seiner Richtung nach Südwesten abweicht. Man denke ihn sich in der Hauptrichtung von Brandenbaum nach Westen verlängert, und man stößt auf die seeartige Ausbuchtung der Waknitz bei der 2. Fischerbude und dem Kaninchenberg. Ja, diese Waknitzbucht hat noch heute einen kleinen Ablauf nach Osten bis zu einem Tümpel, und kaum ein Kilometer von da fließt der Landgraben, alias Herzogenbek. Ich behaupte also – und das Terrain bietet der Annahme nicht das mindeste Hindernis – daß Heinrich der Löwe seine Stadt auf dem Kaninchenberge gegenüber der ersten Fischerbude anlegte, daß er aus der dortigen Waknitzbucht unter Benutzung der natürlichen Wasserläufe einen Kanal nach der Untertrave führte und damit ein wirkliches Trutzlübek schaffen zu können meinte.

Daß die Sache doch nur ein Notbehelf war, leuchtet ein; gerade die incommoda, welche Helmold anführt, treffen hier zu. Auf dem Graben konnten ja nur kleine Kähne passieren. Es mußte in Schlutup umgeladen werden. Der Weitertransport der Waren von der Löwenstadt aus hatte zu Lande auch seine Schwierigkeiten, zu Wasser konnte er vorläufig nur bis Ratzeburg gehen.

Ich komme nun noch zu einem höchst interessanten Aufschluß. Schlutup, der Ausgangspunkt des Kanals, hieß noch 1225 (cf. M. U. B. Nr. 313) Vretup, doch nannte man es bereits auch Slucop. Beide Bezeichnungen sind deutsch. Jene

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erstere bedeutet „friß auf“; gewiß eine ebenso witzige als von beißender Ironie eingegebene Bezeichnung, wenn es als Spottname des Trutzhafens, welchen Heinrich als Außenhafen der Löwenstadt dort anlegte, genommen wird. Das wird aber fast zur Gewißheit, wenn man den zweiten alten Namen Schlutups betrachtet, der, obwohl anders gebildet, doch genau dasselbe bezeichnet, nämlich „Schluck auf“.

Die Umtaufe geschah offenbar, nachdem Schlutup mit dem gesamten Gebiet der Löwenstadt lübsch geworden war; da hatten die Lübecker den feindlichen „friß auf“ in der That auf- oder übergeschluckt, wie man heutzutage sagen würde, annektiert. „Schlutup“ schließlich wurde bedeuten „Schließ auf“. Dieser dritter Name würde dann dem Paß gelten und dem Turme, welcher mit der Vollendung der Landwehr hier um 1307 hergestellt wurde. Von da ab war Schlutup allerdings das „Schließ auf“, durch welches man von Mecklenburg her nach Lübeck gelangte.

Daß diese Namen nicht zufällig gerade diese Bedeutung haben, sondern ihnen ein tieferer Sinn zu Grunde liegt, kann man aus anderen von den Lübeckern gegebenen derben Bezeichnungen von Örtlichkeiten schließen, wie man z. B. das 1595 lübischerseits am Ende des Ratzeburger Sees beim jetzigen Rotenhausen errichtete Blockhaus „Zwing den Schalk“ nannte. Der Schalk war in diesem Falle Herzog Franz II. von Lauenburg, mit dem die Stadt in erbitterter Feindschaft lebte. Gerade der zeitliche Wechsel in den Namen Vretup, Slucop und Schlutup beweist, daß man sich im Volke der Bedeutung dieser Namen noch vollkommen bewußt war. Erst durch den letzten Namen wird auch das Ereignis, das den ersten beiden zu Grunde lag, aus dem Gedächtnis der Menge geschwunden sein.

Nun könnte man allerdings die Frage aufwerfen, warum Heinrich, wenn ihm das Gebiet von Schlutup zur Verfügung stand, nicht dort seine Stadt anlegte, wo ja alle jene Unbequemlichkeiten vermieden werden konnten. Darauf ist zu erwidern,

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daß der Ort alsdann feindlichen Überfällen stärker ausgesetzt gewesen sein würde, wie ja der Überfall der Rugianer 1138 gezeigt hatte, bei dem das alte Lübeck an der Schwartau zerstört wurde, und wie der spätere Versuch Niclots 1147 und der seiner Söhne Pribislaus und Wertislaus 1160 beweisen, wobei es bei einem Haare gelungen wäre das neue Lübeck zu überrumpeln. Zweitens wollte ja der Herzog dem Handel Lübecks die Lebensadern unterbinden und mußte daher suchen ihm das Hinterland abzuschneiden. Die neue Pflanzung verging zu rasch, um heute noch erkennen zu können, welche weitschauenden Päne Heinrich damit verband. Ich halte seinen praktischen Blick für scharf genug, daß er möglicherweise im Herzogenbeck nur den ersten Abschnitt eines Elb-Trave-Kanals anzulegen vermeinte. Wenn damals schon die Schiffahrt von Lüneburg in den Schalsee möglich war, wie sie später in der That stattgefunden hat, so lag es für die damalige Zeit bei weitem mehr in der Möglichkeit und Ausführbarkeit, einen Graben vom Schalsee nach dem Ratzeburger See zu ziehen und so die gewünschte Verbindung herzustellen, als das in späteren Jahrhunderten und ja auch heutzutage noch der Fall ist. Welch gewaltige Erdarbeiten hat man in damaliger Zeit nicht unternommen, die dennoch so wenig Erstaunen erregten, daß niemand es der Mühe wert gefunden hat, der Nachwelt darüber zu berichten; hat man doch ohne Zweifel damals den westlichen Damm zur Insel Ratezburg und das Terrain der Schloßwiese erst aufgeschüttet. Tausende von frohnenden Händen regten sich damals, wenn der Wille eines Mächtigen es anordnete, ohne daß ein Deut für die Arbeitskraft bezahlt werden mußte. Zu Burgwerk und Bruckwerk war ausnahmslos jeder verpflichtet. Derartige Arbeiten fallen aber unter diesen Begriff.

Zum Schluß fasse ich das Resultat der Untersuchung nochmals dahin zusammen: Herzog Heinrich errichtete im Jahre 1156 an der Waknitz gegenüber der ersten Fischerbude auf dem Kaninchenberge eine befestigte Stadt, die er Löwenstadt nannte

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bund mit den Bürgern des niedergebrannten Lübeck bevölkerte. Er grub, von der dortigen Waknitzbucht beginnend, einen Kanal bis zur Schlutuper Bucht, der den Namen Herzogenbeck (rivulus ducis) empfing. In Schlutup legte er einen Außenhafen für die Löwenstadt an, wo die großen Schiffe ihre Ladung in kleine Kähne umluden, welche die Waren auf dem Graben nach Löwenstadt beförderten. Die Lübecker nannten diesen Trutzhafen mit beißendem Spott ihr „Friß auf“.

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Excurs. Rivulus, fluvius, rivus ducis. Diese Bezeichnungen finden sich für das Flüßchen, den Bach oder Graben, wie man ihn nennen will, durch den ehemals (und noch jetzt!?) eine Verbindung zwischen Waknitz und Trave hergestellt wurde. Er wird erwähnt als Grenze des zur dos der Ratzeburger Kirche gehörenden Landes Boitin in der Dotationsurkunde von 1158:

Terram itaque Butin com omni sua integritate a rivulo ducis ad cumulum lapidum prope villam Bunistorp.

In der Bestätigungsurkunde von 1174 lautet diese Stelle so: Raceburgensi ecclesiae terram Butin cum omni sua integritate a fluvio, qui ducis fluvius dicitur usque ad cumulum lapidum prope villam Bunistorp.

Die Ausdrücke rivulus und fluvius sind nur scheinbar verschieden. Der erstere bezeichnet das Gewässer als ein kleines, der andere keineswegs als das, was wir heute Fluß oder Flüßchen nennen, überhaupt nicht ausdrücklich als NATÜRLICHEN WASSERLAUF, sondern vielmehr als das, was die Hamburger noch heute als FLEETH bezeichnen.

In der Grenzbestimmung des Bistums Ratzeburg durch Herzog Heinrich den Löwen von 1167 lautet die betreffende Stelle: et ultra Wocniziam in aquam, quae fluvius ducis dicitur, usque quo mare influit, et sic per litus maris usque ad aquam Wissemaram.

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Hier erfahren wir also, daß das Herzogsfleet in der That ins Meer einmündete, oder richtiger gesagt in die Schlutuper Bucht der Trave. Auf der andern Seite ging die Grenze an der Strecknitz bis in die Waknitz. Die Strecknitzmündung ist aber der Waknitzbucht bei der ersten Fischerbude gegenüber gelegen. Es ist ferner zu beachten, daß in den beiden ersten Urkunden höchst wahrscheinlich gerade wie in dieser letzten der rivulus oder fluvius ducis in seiner ganzen Ausdehnung als Grenzlinie gedacht ist.

Die letzte Erwähnung des Flüßchens geschieht in dem Grenzvertrag zwischen Lübecker und Ratzeburger Bischof vom Jahre 1230. a fluvio videlicet Breiding inchoando in loco, qui dicitur Herincwic, ascendendo sursum donec ad colliculos quondam factos vel fossos ad eosdem terminos disting uendos et a colliculis eisdem ascendendo donec ad stagnum, quod Langensee vocatur; et in medio eiusdem stagni donec ad paludem, quae Langebroke dicitur, et per medium paludis eiusdem donec ad rivum ducis videlicet Hertogenbeke, et in medio eiusdem rivi ducis usque ad Wokeniziam. Hier ist allerdings nur klar gesagt, daß der Herzogenbek in die Waknitz fällt. Inbetreff der übrigen Grenzbestimmungen muß angenommen werden, daß von dem Punkte begonnen wird, dem gegenüber der Endpunkt der Ostgrenze der Lübecker Mark gegen Wagrien lag. In der That soll der Sage nach Herrenwik ehemals auf dem südlichen Ufer der Trave gelegen haben. (cf. Schröder-Biernatzky I. p. 519.) Angenommen Herrenwik hätte gelegen an der äußersten Grenze der in die Trave bei Schlutup vorspringenden Halbinsel, so geht also die Grenze, was weiter nicht ausgesprochen wird, am Westrande der Schlutuper Bucht hinab und dann landeinwärts ascendendo sursum bis zu gewissen künstlich aufgeworfenen Hügeln, die indessen nicht gerade, wie hier angegeben wird, zum Zwecke der Grenzebestimmung ursprünglich aufgeworfen zu sein brauchen. Pfäffische Schlauheit mag sich hier wie anderwärts so oft etwas zu Nutze gemacht haben. Ich suche diese Hügel

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beim Dorfe Lauen, 1194 in der Teilungsurkunde wegen der bischöflichen Tafel- und Kapitelsgüter Lewen genannt. Das würde entsprechen dem dat. plur. von , gen. lêwes, got. hlaiv das Grabmal, der Grabhügel. Der Langensee ist der Schwarzmühlenteich bei Schlutup, der Langenbrook jedenfalls dessen sumpfige Fortsetzung nach Süden, in welche der Landgraben, alias Herzogenbek, einmündet, um, ihn nach Norden durchstreichend und aus dem Schwarzmühlenteiche heraustretend, dann noch den Dovensee durchfließend, schließlich in die Trave zu fallen. Es scheint also auch an dieser Stelle die Grenze ein Stück weit über den Herzogenbek, wenigstens an der Mündung, nach Osten hinausgegangen zu sein. Daraus folgt, daß man so summarische Grenzbezeichnungen, wie sie in den Urkunden Heinrich des Löwen gegeben sind, nicht allzusehr drücken darf. Es bleibt allerdings unaufgeklärt, warum 1307 nicht auch an dieser Stelle der Grenzgraben (Landgraben und Landwehre) an der äußersten Grenze gezogen wurde. Man müßte schon annehmen, daß die thatsächlich gewählte Linie der Verschanzungen eine bessere Verteidigung erlaubte als die wirkliche Grenzlinie. *)

Dr. Hellwig.
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*) In der That folgt z. B. die 1350 zwischen Ratzeburg und Mölln errichtete Landwehre (cf. dieses Heft) immer nur der natürlichen Bodensenkung, doch wahrscheinlich, um den Graben als Hauptverteidigungsmittel stets wasserreich zu erhalten.
 


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