Jahresband 1889

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Das
Missale Raceburgense
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(Hellwig, Dr.)
 

In der Lüneburger Stadtbibliothek befindet sich ein altes, früher offenbar viel gebrauchtes kostbares Buch aus dem Jahre 1492. Es ist in Holzdeckel, welche mit gepreßtem Leder überzogenen sind, gebunden; die metallenen Schließen hat man entfernt. Es giebt über sich selbst Aufschluß in einer Subscription am Ende des ersten Teiles folgendermaßen: Missale integrum secundum Raceburgensis ecclesiae rubricam sive consuetudinem non sine exacta diligentia vigilique studio per Anthonium Koberger Nurnbergae impressum. Anno salutis Milesimo quadringentesimo Nonagesimo tertio Decimo octavo Kal’ Januarij finit feliciter.

Die Paginierung, im eigentlichen Buche oben rechts mit roten römischen Ziffern bewirkt, bezieht sich jedesmal auf ein volles Blatt, auf Vorder- und Rückseite zugleich, deren jede 2 Spalten enthält. Das erste vorhandene Blatt trägt unten rechts in schwarzer Farbe die Paginierung 1, die nächstfolgenden haben ebenso die Paginierung 1J, 11J, 111J, Blatt 5 und 6 sind unpaginiert. Es sind das offenbar 3 Lagen zu je 2 Blättern. Das Buch ist einmal in Buchbinders Hand gewesen, wie verschiedene Flicken beweisen, dabei sind auch 2 dieser Blätter falsch aneinander geklebt. Da nun Blatt 1, linke Spalte, mitten im Worte beginnt: nitus virtutibus: resistere possum hostibus mentis et corporis. Per Christum etc., so ist ersichtlich,

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daß ein Blatt oder eine ganze Lage verloren gegangen ist. Da aber die oben angeführte Subscription ein besonderes Titelblatt nicht erwarten läßt, die Paginierung vollends das vorhandene erste Blatt als erstes in Wirklichkeit bezeichnet, so ist anzunehmen, daß das fehlende Blatt überhaupt nicht auf dem Wege des Drucks hergestellt war, sondern vielleicht ein ganzseitiges gemaltes Initial und auf der Rückseite den Anfang des Gebetes enthielt, dessen Schlußworte auf der vorhandenen ersten Seite stehen. An kleineren gemalten Initialen enthält das Buch noch 2, die weiter unten beschrieben werden sollen.

Am unteren Rande des 1. Blattes findet sich übrigens noch ein Bibliothekstempel neueren Datums mit den monogrammartig verschlugenen Buchstaben B. S. i. M. Die Druckschrrift besteht in schönen großen Lettern mit vielen kleinen Initialen in Rot- und Blaudruck, beziehungsweise großen Buchstaben mit roten hervorhebenden Strichten. Die gebrauchten Abkürzungen sind meist einfacher Natur. Blatt 2, Spalte 2 enthält folgende Subscription in Rotdruck: Reverendus in Christo pater et dominus: dominus Johannes episcopus Raceburgensis Omnibus et singulis christi fidelibus qui, dum sacerdos ad populum dixerit (Ora te pro me peccatore etc.) suprascriptum psalmum cum oratione annexa devote recitaverint, totiens, quotiens id fecerit, Quadraginta dies indulgentiarum ipsis In domino misicorditer relaxavit. Mit dem 7. Blatt, paginiert rechts oben mit der Bezeichnung in Rotdruck: folium I, beginnt das eigentliche Missale. Die linke Spalte zeigt obenan folgende Zeilen in Rotdruck: Incipit missale integrum tam de tempore quam de sanctis secundum rubricam exxlesiae Raceburgensis cum omnibus suis requisitis. Et primo de dominica prima in adventu domini introitus. Darauf folgt das gemalte Initial A. Der Buchstabe ist blau und mit zarten weißen Strichen arabeskenartig durchschnörkelt, die Zwischenräume sind mit ächtem Goldpapier ausgelegt, welches eine doppelte Umrahmung

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mit eingedrückten Punkten und in der Mitte eine aus 6 kleinen Kreisen, die sich um einen 7. gruppieren, gebildete Blume enthält. Ein mehrfach abschattierter, links und rechts rot und gelber, oben und unten grün und gelber viereckiger Rahmen schließt den Buchstaben ein, nur links oben durchbrochen von einem nach außen gehenden Schnörkel. Das Missale beginnt: Ad te levavi animam meam de’ me’, in te confido, non erubescam neque irrideant me innimici mei.

Mit Bl. 133 schließt der erste Teil ab. Darauf folgen 10 unpaginierte Blätter mit doppeltgroßer Schrift einspaltig bedruckt mit dem gemalten Initial T beginnend und das große Meßgebet enthaltend. Es beginnt: Te igitur clementissime pater per Jesum Christum filium tuum dominum nostrum supplices rogamus ac petimus: uti accepta habeas et benedicas haec do + na, haec mu + nera, haec san + cta sacrificia illibata etc.

Es folgt nun der 2. Teil: de sanctis. Hier heißt es Bl. 70 1. Seite, Spalte rechts: Ansveri et eius sociorum OFFICIUM. / Gaudeamus. In honore sanctorum martirum, de quorum passione gaudent angeli et collau. COLLECTA. / Deus, qui beatum Ansverum sociosque eius gloriosissimo protomartire tuo Stephano in passione coaequasti: concede propitius, ut eorum meritis et intercessionibus a tormentis perpetuis liberemur et ad vitam perveniamus aeternam. Per dominum nostrum Iesum Christum. EPISTOLA. / Sancti per fidem. GRADUALE. / Iustorum animae. Alleluia. Laetamini in domino. SEQUENTIA. / Pangat chorus. EVANGELIUM. / Videns Iesus turbas. OFFERTIUM. / Laetamini in domino. SECRE. / Oblationem famulorum tuorum suscipe omnipotens deus, quam tibi suppliciter deferimus in honore beati Ansveri sociorumque eius, ut qui tibi semet ipsos obtulerunt hostiam laudis in odorem suavitatis, eorum precibus uniri mereamur unigenito tuo, qui tecum vivit et regnat. COMMU. / Ego vos elegi

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de. COMPLE. / Supplices te rogamus omnipotens deus intercedente beato Ansvero et sociis eius, in quorum festivitate haec caelestia sumpsimus sacramenta et tua in nobis dona multiplices et vitam nostram ab omni adversitate defendas. Per dominum nostrum Iesum.

Ferner findet sich auf Bl. 72, 2. Seite, die Bemerkung: in octavo sancti Ansveri in missa officium sicut in sancto die. Im 1. Bande dieses Archivs, Heft 3 p. 271-282, hat Herr Divisionspfarrer Vollmer eine Uebersetzung des officium sancti Ansveri gegeben, wie es uns Cypraeus aus dem Schleswiger Brevier aufbehalten hat. Während dort aber die Gesänge und Lektionen des Morgengottesdienstes angegeben sind, wird hier das Ritual des eigentlichen Festgottesdienstes beschrieben. Vom officium werden uns nur die einleitenden Worte angegeben, ebenso wie vom Evangelium, den Episteln und verschiedenen formelhaften Gebeten und Gesängen. Der volle Text zu allen diesen muß in anderen Büchern enthalten gewesen sein, so der des officium im Breviarium Raceburgense, das bis jetzt trotz eifriger Nachforschungen noch nicht hat wiedergefunden werden können. Das Buch muß gleichzeitig, wenn nicht älter sein als das Missale. *)

Eines der Gebete, die collecta = gemeinsames Gebet (oratio, quam is, qui clero vel monachis praeest, finito et expleto quolibet canonico officio, velut omnium astantium

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*) Es ist nicht unmöglich, daß ein Exemplar des missale Raceburgense oder des breviarium Raceburgense sich noch im Lande auf den Böden alter Kirchen und Kapellen versteckt findet. Um den Eifer, danach zu suchen anzufachen, möge erwähnt sein, daß ein derartiger Foliant, der zu den ältesten Drucken gehört, wenn er gar, wie das beim breviarium der Fall sein würde, ein Unicum ist, von Bücherliebhabern mit 4-500 Mark bezahlt wird. So bietet z. B. augenblicklich die Buchhandlung von Max Harrwitz in Berlin einen Abdruck aus dem Mainzer Brevier von 1476 für 500 Mark aus. Selbstverständlich würde ich darum bitten mir ein etwa aufgefundenes breviarium Raceburgense vor dem Verkauf erst zugänglich zu machen.

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vota et preces in unum colligens, publice et voce altiore recitat.) findet sich auch im Schleswiger Brevier. Das graduale ist der Gesang des Priesters, welcher auf den Altarstufen stehend allein dem Gesange des Chors antwortet. Das darauf folgende Halleluja ist offenbar Chorgesang, ebenso wie das laetamini in domino, welches später als offertorium wiederkehrt. Offertorium wird derjenige Gesang (mit Orgelbegleitung) genannt, welcher während des Opferbringens der Gläubigen gesungen wird.

Hochinteressant ist nun die Sequenz, welche an dieser Stelle nur mit den Anfangsworten Pangat chorus angegeben ist. Indessen hat das Missale noch von Bl. 142-150 einen besonderen Anhang von Sequenzen, und darunter findet sich auch diese, welche in extenso lautet:
 

Pangat chorus laetabundus
nova laudum dragmata,
Nam ad caelum mittit mundus
per tormenti stigmata
Novas rosas et formosas
florentes virtutibus
Nunc Ansverum, testem verum
cum suis comitibus.
Zelo Christi pugnant isti
pro fide non segniter.
Hi periti sic attriti
pugnaverunt fortiter.
Lapidati cruentati
sistunt in certamine;
Hic prostrati celo datae
sunt eorum animae.
Furit fremens paganorum
gens et atrocissima
Quae contrivit sic sanctorum
crudeliter corpora.
Angelorum mittit chorum

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Christus de caelestibus,
Qui sanctorum tollit horum
animas corporibus.
Quod cernentes circumstantes
currunt ad interitum,
Ut cum sanctis possint tantis
possidere meritum.
Quorum prece nos a nece
post haec transitoria,
In eorum iuvent chorum
gaudere cum gloria.

Die Sequenz ist offenbar alt, wenn auch nicht älter als 1329. Latein und Versmaß lassen mancherlei zu wünschen über. Dunkel ist bisweilen der Rede Sinn; aber der Dichter, sicher ein Ratzeburger Priester, war erfüllt von heiliger Begeisterung, und so stimmt uns sein lallendes Lied dennoch zu weihevollem Ernst. *)

*) In Uebersetzung lautet die Sequenz etwa:
Neue Garben des Ruhms
Windet freudig der Engel Chor;
Denn zum Himmel sendet die Welt
Durch Marter und Qualen hindurch
Neue, herrlich-blühende
Tugendrosen,
Den Answar, den wahren Blutzeugen
Mit seinen Genossen.
Nicht säumig kämpfen jene da!
(hinweisend auf die Statuen der Apostel)
Mit Christi Eifer für den Glauben.
auch diese, eingedenk des so! Mißhandelten,
(entweder auf das Crucifix oder auf die Statue des heiligen Stephanus zeigend)
Kämpften tapfer.
Gesteinigt und blutig geschlagen,
Halten sie Stand im Kampfe;
Hienieden zu Boden geworfen,
Kommen ihre Seelen in den Himmel.
Wild und schrecklich wütet
Der Heiden Geschlecht,
Das grausam so!
Der Heiligen Leiber zermalmt.
(Auch hier wahrscheinlich Hinweis auf ein Gemälde, welches die Tötung des Ansverus und seiner Genossen darstellte.)
Da schickt Christus vom Himmel her
Den Chor der Engel,
Welche die Seelen aus der Heiligen
Leichnamen zu sich nehmen.
Als dies die Umstehenden erschauen,
Eilen sie zu ihrem Untergang,
Um mit solchen Heiligen
Das Verdienst zu teilen.
Ja frohlocken mögen sie,
Teilen zu dürfen Ruhm und Freude,
Aufgenommen in den Chor derer,
Durch deren Fürbitte wir nach diesem Leben vom
Tode erlöst werden.

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Die Sequenzen waren Jubelgesänge, so genannt von dem langen Aushalten des Tons am Ende (Canticum exultationis, quae et prosa dicitur, sic appellatum, quia pneuma iubili sequitur.)

Interessant ist, daß auf einem freien Blatte hinter der oben erwähnten 2. Subscription einige Sequenzen von verschiedenen Händen zugeschrieben sind, darunter auch jene berühmte: dies irae, dies illa ct. Schön und jedenfalls auch alt sind die beiden als Secre = Secreta und Comple = complenda bezeichneten Gebete. Secreta ist ein stilles Gebet des celebrierenden Priesters. (oratio, quae [post praefationem] in sacra liturgia secreta et submissa voce a sacerdote dicitur.) Die Complenda ist offenbar das die heilige Handlung abschließende laute Gebet des Priesters.

Einzelne halb- oder ganz druckfreie Blätter des Buches sind, wie schon bemerkt, zu handschriftlichen Ergänzungen benutzt.
 

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Erwähnt sei noch eine Notenbeilage mit der dreifach wiederholten Melodie des Vaterunsers. Ueberschrift ist Solemnia nota. Die Noten stehen nur auf 4 Notenzeilen. Mit Blatt 158 schließt das Buch. Das letzte Wort ist LAUS DEO.

Der in der ersten Subscription erwähnte Ratzeburger Bischof ist der Bischof Johann V. von Parkentin 1479-1511. Warum er das Buch in Nürnberg drucken ließ, während doch so viel näher in Lübeck bereits renommierte Druckereien existierten, ist schwerlich noch herauszufinden.

Dr. HELLWIG.

 



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