Jahresband 1888

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[MISZELLE.]

Alt- und Neu-Ratzeburg.

[L. Hellwig Dr.]
 

Im Zehntenregister von 1230 (cf. dieses Archiv II, 1 p. 21) ist durch Versehen des Abschreibers einmal die Parochiebezeichnung am Rande weggeblieben und zwar gerade bei den Dörfern, die zur St. Georgsberger Kirche zum Teil noch jetzt gehören. Aus dem Zehntenverzeichnis des B. Isfried vom Jahre 1194 kann das Fehlende indessen leicht ergänzt werden als: in parochia Scti Georgii. Arndt, der erste Herausgeber des Zehntenregisters, glaubt dagegen ergänzen zu sollen: ad ecclesiam S. Georgii prope Raceburg und verrät damit die bisher ganz allgemein geltende Meinung, daß St. Georgsberg von jeher ein selbständiger Vorort Ratzeburgs gewesen sei. Ich habe diese Meinung schon mehrfach bekämpft 1) und gedenke es an dieser Stelle nochmals zu thun.

Es ist doch mehr als auffallend, daß weder in Bischof Isfrieds Verzeichnis noch im Zehntenregister das Parochialdorf, nach dem die ganze Parochie benannt sein soll, erwähnt wird. Sollte es etwa das einzige Dorf gewesen sein, das keine zehntpflichtigen Hufen enthielt; aber auch dann würde nach der
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1) cf. Ratzeburger Wochenblatt 1886 Nr. 6

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ganzen Anlage des Zehntenregisters die Nennung erst recht haben erfolgen müssen unter Anfügung eines erläuternden Zusatzes.

Es bleibt daher schon nach dieser ersten Erwägung nichts über als anzunehmen, daß bis 1230 ein Dorf mit Namen St. Georgsberg nicht existiert hat. Die Flur aber, welche heutzutage zum Dorfe St. G. gerechnet wird, bezeichnet das Zehntenregister in folgenden Worten: ad omnia allodia IN MONTE dimidiam decimam habet praepositus. 1) Dieser Feldcomplex samt der Neu-Vorwerker Flur war also damals gräflicher bezw. herzoglicher Allodialbesitz. Wenn es demnach vor 1230 oder besser vor 1286 – wie unten gezeigt werden wird – ein Dorf St. Georgsberg nicht gab, wenn ferner die Bezeichnung in monte mehr eine Flur- als eine Ortschaftsbezeichnung ist, wie nannte sich dann der Ort, der bis 1154 die einzige Kirche für (!) den Hauptort des Polabenlandes enthielt und wo bis zur Vollendung der Bistumsgebäude der erste Bischof von Ratzeburg wohnte? 2) Darüber giebt die Dotationsurkunde des Bistums Ratzeburg vom Jahre 1158 (M. U. B. 65) genügenden Aufschluß, wo es heißt: Damus etiam Raceburgensi episcopo – omnes ecclesias – in terra Butin, ecclesiam in Nusce, ecclesiam Scti Georgii IN Raceburg et ecclesias adhuc in insula fundandas. Daß hier nicht von der terra Raceburg, sondern nur von der civitas Raceburg die Rede ist, wird sich schwerlich abstreiten lassen. Ein andres Zeugnis bietet das cap. I der acta
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1) Dies hat z. B. auch Hach Z. f. Schl. Holst. G. Bd. 17 p. 360 richtig erkannt.
2) Arnold II, 7. Haec in monte S. Georgii acta sunt, ubi tunc episcopalis sedes erat. Arnold schrieb circa 1210. Seine Bezeichnung, welche im Gegensatz zum späteren Sitz des Bistums in insula gewählt ist, trifft ZUFÄLLIG mit dem später erst auftauchenden Namen St. Georgsberg überein.

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Ansveri, 1) wonach auch das Kloster St. Georg in Ratzeburg lag. Fernere Beweisstellen sind,

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) eine Urkunde des B. Ulrich von Ratzeburg aus dem Jahre 1277 2) wo es heißt: Verum dimidiam decimam totius villae Cowalle .... cum decima .... ac decima dimidia campi in Raceburg apud sanctum Georgium ct.
2) eine Urkunde des Bischofs Konrad von Ratzeburg vom Jahre 1285 3) wo es heißt: Cum unam partem decimarum episcopalium in villa Bocholt, parochiae sancti Georgii in Raceburg – teneatis ct. (cf. Nr. 1442: apud Sct. Georgium!)

Daraus folgt, 4) daß das, was wir jetzt als St. Georgsberg bezeichnen, bis zum Jahre 1285 noch unter Ratzeburg mitbegriffen wurde. Schon im Jahre 1286 aber, in einer Urkune desselben Bischofs Konrad, 5) begegnet es zuerst, daß man St. Georgsberg als außerhalb Ratzeburg liegend auffaßt. Die Urkunde ist in Ratzeburg und zwar offenbar auf dem Dom geschrieben. Die hergehörigen Worte lauten: in villa Lankowe, quae est de parochia sancti Georgii prope civitatem Raceburg.

Das Kloster St. Georgsberg, von dem die Rede war, wurde gegründet unter der Herrschaft des Obotritenfürsten Godschalk in den vierziger Jahren des 11. Jahrhunderts. (cf. Adam v. Bremen III, 19.)

Der Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen trug sich
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1) cf. die Ansveruslegende p 87 u. 91 Z. 25 u. Z. 149 in monte non remote a monasterio.
2) M. U. B. Nr. 1442.
3) M. U. B. Nr. 1799.
4) Es ist wohl zu beachten, daß die Urkunde von 1277 in Farchau geschrieben wurde und zwar vom Ratzeburger Kanonikus Hildebrand.
5) M. U. B. Nr. 1825.

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bereits damals 1) mit dem Plane Ratzeburg zum Sitze eines Bistums zu machen. Aber nur wenige Jahre später ward die ganze junge Saat des Christentums in den slavischen Ländern durch jenen gewaltigen Aufstand wieder ausgerottet, der dem frommen Godschalk das Leben kostete und auch in Ratzeburg die Ermordung des Ansverus und die Zerstörung des Klosters herbeiführte. Ein Menschenalter hindurch blieb nun Ratzeburg samt Umgegend im unbestrittenen Besitz der heidnischen Slaven, bis Godschalks Sohn Heinrich mit Hülfe des Sachsenherzogs Magnus die Slaven bei Schmilau im Jahre 1093 schlug. 2) Es ist möglich, obwohl darüber nicht Sicheres verlautet, daß damals das Polabenland in größere Abhängigkeit von den Sachsen kam und daß kraft dessen im Jahre 1142 jener Ländertausch vollzogen werden konnte, bei welchem Heinrich von Botwide die Grafschaft Ratzeburg als sächsisches Lehen erhielt.

Dieser Graf nun ist es gewesen, welcher, wie Helmold I, 77 schreibt, dem ersten Bischof von Ratzeburg, Evermod, die Insel neben seinem Schlosse zum Bewohnen gab: deditque ei (episcopo) comes Polaborum Henricus insulam ad inhabitandum prope castrum. 3)

Dasselbe bezeugt der Denkstein in Ratzeburg von 1167 (?): 4) Heinricus comes ibi christianitatem primus fundavit d. h. „er gab hier einer christlichen Brüderschaft Wohnung und Grundbesitz“. 5) Ferner ist auf die Wortstellung bei Helmold zu achten, wonach nicht insula prope castrum, die ganze Insel, sondern nur der Teil neben dem Schlosse gegeben wird, wie denn in der That nur die Nordspitze der Insel bischöflich
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1) a 1062. cf. Stein, Die wendischen Marken u.s.w. Progr. Dessau 1886 p. 18. Helmold I, 21.
2) cf. Stein a. a. O. p. 35.
3) Wegen der Urkunde M. U. B. Nr. 27, welche ebenfalls ein castrum Razesburg erwähnt cf. dieses Archiv II, 1. p. 125-129.
4) M. U. B. I Nr. 86.
5) Die gewöhnliche Übersetzung: „er gründete hier zuerst das Christentum“ ist falsch.

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gewesen ist. Helmold 1) kennt demnach wohl ein Schloß Ratzeburg in unmittelbarer Nähe der Insel, nicht aber bereits eine Stadt AUF der Insel.

Sehen wir uns nun die Lage dieses Schlosses an. Es stand auf der jetzt noch sogenannten Burgwiese westlich vor der Insel Ratzeburg. Die Insel selbst stellt sich dar als ein nach allen Seiten ziemlich steil in den See abfallender Hügel. An der Westseite befindet sich die sogenannte Demolierung, ein flaches Vorland; von ihr führt ein Damm nach dem Westufer des Sees, das gerade an dieser Stelle seine höchste Höhe erreicht und besonder steil nach dem See zu abfällt. Die sogenannte Burgwiese ist ein völlig flaches Stück Land, welches vermutlich ebenso wie der Damm einer Aufschüttung seine Entstehung verdankt.

Es ist nun merkwürdig genug, daß, während die rings vom See umflutete Insel zur Errichtung eines festen Schlosses zur Verfügung stand, daslebe trotzdem so errichtet wurde, daß e sich hinter der Insel versteckte. Dagegen schaut es trotzig nach Norden hinauf und der Donjon stand im Westen. Also von Norden her erwartete man vorzugsweise Angriffe, nach Westen dachte man sich im Fall der Not zurückzuziehen bezw. von da Hülfe zu erhalten, mit dem Westufer suchte man durch den Damm eine stets gangbare Verbindung zu erhalten. Entspricht nun diese Lage derjenigen, die man von einer slavischen Burg erwarten sollte? Im Norden wohnten die mit den Polaben eng verbundenen Wagrier, im Osten die eben so eng befreundeten Obotriten. Alle drei Stämme standen meistlich unter einem Oberkönig. Der gemeinschaftliche Feind waren die Sachsen. Eine Grenzfestung wie Ratzeburg mußte entschieden Front nach Westen und Südwesten, nach dem limes Saxonicus zu machen. Es würde gleichbedeutend gewesen sein mit dem Aufgeben des ganzen westlichen Polabenlandes bis zum Westufer des Ratzeburger

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1) Er schrieb etwa 1170.

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Sees, wenn man die Festung im See hätte errichten wollen, von wo aus nicht einmal ein Ausblick ins Westland möglich war. Die slavische Burg Ratzeburg muß daher durchaus auf dem hohen westlichen Uferrande gelegen haben. Daher kommt es auch, daß die ganze Feldmark St. Georgsberg noch 1230 fürstliches Allod ist. Sie ging offenbar aus dem Allodialbesitz der Polabenfürsten in den der deutschen Fürsten über. Ferner sind zu beachten die Ortsnamen in unmittelbarster Umgebung von St. Georgsberg: Albrechtesfelde, Giselbrechtsdorf und Hermannesdorf, die sich zwischen die slavischen Dörfer Lankowe einerseits und Disnack, Pogeez u.s.w. andererseits hineingedrängt haben. Offenbar tragen sie die Namen ihrer ersten Besitzer, und es ist zu vermuten, daß diese zu den Freunden und Genossen Heinrichs von Botwide gehörten, die zum Lohne ihrer Treue Stücken jenes Allods von ihm erhielten. Selbst die Lage des Drogenvorwerks (siccum allodium – Neu-Vorwerk) 1) hinter St. Georgsberg wird verständlich, wenn man annimmt, daß letzteres Alt-Ratzeburg war.

Meine Ansicht von den Verhältnissen um 1142 ist also die, daß, als Heinrich von Botwide ins Land kam, auf dem Georgsberge die alte Slavenstadt und Burg Ratzeburg lag, die vermutlich vom Slavenfürsten (es steht nicht fest, ob er Obotrit, Wagrier oder Polabe war) Ratibor (
um 1042) ihren Namen hatte. Sie genügte den Anforderungen nicht, die an eine deutsche Festung damaliger Zeit zu stellen waren; den Charakter einer Grenzfestung hatte sie ohnedem verloren. Gegen die unruhigen Obotriten galt als solche fortan Gadebusch. Heinrich hatte sich aber auch gegen seinen nachbar Adolf von Holstein, mit dem er bis dahin auf feindseligstem Fuße gestanden hatte, vorzusehen. Da dieser nun im Jahre 1142 an Stelle des alten Bucoweg auf einer Traveinsel, kaum eine Meile vom

1) Vorwerk ist nach Weigand ein vor der Stadt oder dem Herrensitze gelegenes Landgut. Drogenvorwerk scheint Proviantvorwerk zu bedeuten.
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Ratzeburger See entfernt, wohin die Wacknitz als bequeme Wasserstraße führte, die starke Festung Neu-Lüeck errichtete, so wurden für Heinrich Sicherheitsmaßregeln durchaus erforderlich. Daher gründete er auf einer Aufschüttung am Westrande der Insel im Ratzeburger See seinerseits eine Burg, welche den ganzen See in der Richtung nach Lübeck zu beherrschte, und verband sie mit der Altstadt durch einen festen Damm. Das wird bereits 1142 geschehen sein. Als endlich im Jahre 1154 die Gründung des Bistums erfolgte, war es natürlich, daß neben Burg und Dom auf der Insel in kürzester Frist auch eine Stadt entstehen mußte, auf die man den Namen der Altstadt auf dem Berge übertrug. Allmählich sank letztere zum Dorfe herab und verlor ihren alten Namen. Anfangs hieß es, wenn man von ihr redete: „auf dem Berge“, oder auch „beim heiligen Georg“; schließlich ward daraus die offizielle Bezeichnung St. Georgsberg. Ein Bild von Ratzeburg aus dem Jahre 1588 redet noch von „St. Jürgen uffm Berge“.

L. HELLWIG Dr.
 

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