Jahresband 1887

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


[Miszelle]

Eine uralte Fälschung. Die Urkunde M. U. B. I, Nr. 27 von König Heinrich IV. aus dem Jahre 1062, worin derselbe ein castellum Racesburg an Otto, Herzog von Sachsen, erbeigentümlich verleiht, ist noch immer ein ungelöstes Rätsel.

Im Jahre 1777 fand sie Gercken im Archiv des Domkapitels zu Speier zuerst auf. Jetzt befindet sie sich im Badischen General-Landesarchiv. Sie ist versehen mit dem wohlerhaltenen Siegel Heinrichs; ob auch sein Monogramm thatsächlich dabeisteht, wird nirgends gesagt und ist in der That auch unwesentlich. Außerdem fehlt aber Tag und Monat; die Stelle dafür ist in der Urkunde leer gelassen, dagegen ist die Contrasignatur des Kanzlers und Erzkanzlers vorhanden.

Schon dies erscheint merkwürdig. Fehlte außer der Tag- und Monatsbezeichnung auch die Gegenzeichnung, so könnte man sagen, die Urkunde ist zwar echt, aber unvollzogen geblieben. Aber unter den obwaltenden Umständen ist jenes Fehlen geradezu ein Verdachtsmoment.

Vergleicht man ferner die Urkunde mit andern Kaiserurkunden, z. b. M. U. B. Nr. 22 aus 995, Nr. 52 aus 1150 und Nr. 56 (unvollzogen) aus 1154, so findet man die wesentlichsten Formeln in völliger und beinaher völliger wörtlicher Uebereinstimmung. So, abgesehen von der jahrhundertelang üblichen Eingangsformel: in nomine sanctae et individuae trinitatis. X. divina favente clementia rex, namentlich die Aufzählung der zur Burg gehörigen Pertinenzien und die Formel für die Uebertragung des unbeschränkten Eigentumsrechts: ea videlicet ratione cet. Ferner stimmt die Schlußformel in 27 und 56, abgesehen von dem andern Charakter der Urkunde (traditio und auctoritas concessionis) buchstäblich überein bis auf die Worte omni aevo und per successura temporum momenta, welcher Unterschied übrigens wohl berechtigt ist. Dadurch würde zunächst bewiesen, daß die Fassung der Urkunde ganz ebensowohl aus der Mitte des 12. Jahrhunderts als

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aus der des 11. stammen kann, daß aber aufs genaueste der Stil der kaiserlichen Kanzlei getroffen ist. Auf einige kleine stilistische Eigentümlichkeiten der Urkunde Nr. 27. werden wir weiter unten noch aufmerksam machen.

Die Urkunde sagt nun zunächst aus, daß die Schenkung geschieht zur Vergeltung treuer Dienste, geleistet im Interesse und zur Verteidigung des Königs, und zwar durch Vermittelung und auf Bitten der Reichsverweser, Erzbischöfe Hanno von Köln und Adalbert von Hamburg. Bedenkt man, daß die Urkunde aus 1062 stammen soll, in welchem Jahre sich Hanno des jungen Königs bemächtigte und bestrebt war die Reichsfürsten durch Verleihung von Reichsrechten und Gütern an sich zu fesseln, so ergiebt sich ein plausibler Grund zur Schenung leicht. Soweit hat die Sache einen guten historischen Untergrund. Nur ist es in hohem Grade auffällig, daß der Herzog ein Schloß als Geschenk erhält, von dem ausdrücklich gesagt wird, daß es in seiner Mark und im Polabengau gelegen sei. Es müßte doch vorher Reichsgut gewesen sein.

Da nun von einem wichtigen Slavenkreig um diese Zeit nichts bekannt ist als dem, in welchem der Fürst Ratibor und dessen Söhne fielen an der Hauptschlacht bei Schleswig, 28. September 1043, war auch Herzog Ordulph (alias Otto) von Sachsen beteiligt -, so müßte man annehmen, daß sich die Sachsen damals Ratzeburgs bemächtigt hätten. Dem widerspricht aber die Nachricht, daß der Slavenfürst Gottschalk später in Ratzeburg ein Kloster gründete, was ja nicht geschehen konnte, wenn es nicht zu seinen Staaten gehörte. Nun ist aber in der ganzen Urkunde von Gottschlak oder einem andern Slavenfürsten, der etwa in die Abtretung gewilligt hätte, überhaupt nicht die Rede.

Fernerhin ist bemerkenswerth, daß die Fassung der Urkunde bloß erlaubt an die Schenkung der Burg mit ihrem Zubehör allein, nicht einmal des Burgwards oder gar des ganzen Gaues zu denken, denn sonst müßten ja die dazu gehörigen villae


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erwähnt sein. Allerdings werden gegen Ende des Textes die habitatores terrae eiusdem castelli erwähnt und verpflichtet den Zenten an denjenigen Bischof zu zahlen, zu dessen Sprengel sie gehören. Mit einigem Zwang kann man denn auch die Worte: et quidquid in perpetuum tenere decrevimus auf die Wogiwotinza, die Herzogssteuer, beziehen.

Die Sache wird aber noch wunderbarer und unverständlicher durch einen Zusatz, welcher eine Einschränkung der Verleihung enthält, nämlich daß trotz des vollen Eigentumsrechts an der Burg die Sachsengrenze in voller Integrität erhalten bleiben soll, soweit sie die Sachsen selbst seit Otto des Ersten Zeit thatsächlich oder doch dem Namen nach innegehabt hätten. Das könnte doch nur so verstanden werden, daß man wegen des weiter vorgeschobenen Postens, welchen die Festung Ratzeburg darstellte, die alten Befestigungen der Sachsengrenze nicht verfallen lassen sollte in der Meinung, daß sie nunmehr überflüssig seien.

Es ergiebt sich auber auch noch eine stilistische Schwierigkeit: die juristische Formel der Eigentumsübertragung wird durch die erwähnten Punkte, Sachsengrenze, Bischofszehnten, Wogiwotinza, so nachläßig unterbrochen, daß ein Relativum, welches nach den Worten dedimus atque tradidimus seine richtige Stelle hätte, erst viele Zeilen später und noch dazu in mißverständlicher Weise anknüpft. Diese Fassung weckt in jedem Unbfangenen den Verdacht, daß jene erwähnten Punkte in den ursprünglichen Entwurf der Urkunde nachträglich eingeschoben sind.

Ferner bemerkenswert sind die Formen Ammagburgensis, Racesburg und Palobi. Letzteres kann einfach verschrieben sein aus Polabi; die Form Racesburg aber scheint für die Zeit (1062) nach Adam von Bremen, der Razzisburg schreibt, und seiner vermutlichen Etymologie nach, nicht die richtige zu sein. Endlich müßte auch Ammagburg ein Verschreiben sein statt Hamma- oder Hammen- oder höchstens Ammaburg, ein wunderbares Versehen in einer Kanzlei, welche um diese Zeit gerade diesen Namen äußerst häufig zu schreiben hatte. Gerade

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diese Namensformen können aber auch dahin aufgefaßt werden, als hätte derjenige, welcher das Concept der Urkunde durchsah, den Anschein der Echtheit dadurch verstärken wollen, daß er ihnen auf Kosten der Richtigkeit etwas Altertümliches verlieh. Ueberhaupt trägt die ganze Urkunde trotz aller feststehenden Formeln das stilistische Gepräge einer gewissen Fülle des Ausdrucks und sorgfältiger Berücksichtigung des numerus und des Wohlklangs.

Wir fassen nun unsere Verdachtsgründe gegen die Urkunde nochmals dahin zusammen:

1. Die Lücke für Tag und Monat ist nicht ausgefüllt. In demjenigen Exemplar, welches als Besitztitel faktisch Verwendung gefunden, wird der Besteller das wohl selbst noch besorgt haben.

2. Die vorliegende Urkunde ist eine zweite Recension, durch welche die Klarheit der ersten Abfassung nicht unwesentlich getrübt wird.

3. Einige in der Urkunde vorkommende Namen sind geradezug unrichtig. Die Form Racesburg z. B. findet sich in Urkunden aus Ratzeburg selbst erst seit Anfang des 13. Jahrhunderts und verschwindet nach einem Menschenalter aus allen Urkunden. Sie verdankt ihren Ursprung einer Art von Volksetymologie, wonach Raceburg die Burg des Race sein sollte, während es eine rein slawische Bildung ist und ursprünglich Ratiborj lautete. (c. f. Dr. Hey. Slavische Ortsnamen in deutschem Gewande. Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. Nr. 20. 1887 p. 117 ff.) Nehmen wir nun an, die Urkunde sei in der That gefälscht, so kann doch die Fälschung kaum wo anders vorgenommen sein als in der kaiserlichen Kanzlei selbst; denn das Siegel ist echt, das ganze Formelwesen ist dem der kaiserlichen Kanzlei entsprechend.

Der Zweck, dem sie dienen sollte, ist leicht ersichtlich, nämlich sie sollte für den rechtlichen Nachfolger der Billunger einen Rechtstitel abgeben, wonach ihm auch die Lehnsoberhoheit über Ratzeburg zustand.

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Eine Gelegenheit das Instrument anzuwenden, würde zuerst das Jahr 1142 oder 43 geboten haben, als der Graf Heinrich von Badewide sich gezwungen sah das von ihm eroberte Wagrien aufzugeben und Ratzeburg, das er sich wahrscheinlich erst erobern mußte, dagegen zu übernehmen. Helmold sagt darüber: dissensiones ergo, quae fuerunt inter Adolfum et Henricum, taliter comparatae sunt, ut Adolfus Sigeberg et omni Wagirorum terra potiretur, Henricus in recompensationem acciperet Racesburg et terram Polaborum. Daß aber Heinrich der Löwe oder seine Vormünder die Belehnung des Grafen mit Ratzeburg vorgenommen haben, berichtet wenigstens die Einleitung zum Ratzeburger Zehntenregister von 1230: Idem vero praenominatus Henricus dux cuidam nobili Henrico de Badwede comitiam Raceburgensem in beneficio dedit. Diese feierliche Belehnung kann übrigens ebensogut viel später vorgenommen sein und es ist fast zu vermuten, daß es erst im Jahre 1154 geschehen sei, wo Heinrich der Löwe anfing sich ernstlich um die dauernde Eroberung des Slavenlandes zu kümmern und seine Macht daselbst auf sichere Grundlagen stellte. Gerade aus diesem Jahre aber stammt die kaiserliche Urkunde M. U. B. Nr. 56, die wir oben zur Vergleichung mit heranzogen.

Schließlich machen wir noch auf einen Punkt aufmerksam, nämlich auf die vorsichtige Ausdrucksweise der Urkunde, daß die Bewohner der terra Raceburg gehalten sein sollen, dem Bischof, in dessen Sprengel Ratzeburg liegt, den Zehnten zu geben. Wenn Erzbischof Adalbert von Hamburg wirklich der Vermittler der Schenkung war, so hätte doch der Concipient von ihm am ehesten erfahren können, zu welchem Bistum Ratzeburg, wo damals bereits ein Kloster stand, gehörte. Dieser letztere ist offenbar im Unklaren, ob er Ratzeburg zu Aldenburg oder direkt zu Hamburg legen soll. Die ungewisse Ausdrucksweise muß aus der Verlegenheit helfen.

HELLWIG DR.

 

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