Jahresband 1887

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 



Die von Krummensee *).
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Ich versuche es, in den nachdolgenden Zeilen einer uralten, längst ausgestorbenen Familie des niederen Adels der Mark Brandenburg ein Gedächtnißmal zu setzen. Die Geschichte derselben spiegelt in deutlicher Weise den Verlauf unserer vaterländischen Historie ab. Ein hervorragendes Denkmal aber auf dem Boden Brandenburgs hat dieses Adelsgeschlecht, so weit ich weiß, nicht hinterlassen. Nur auf einem Grabsteine der Berliner St. Marien-Kirche begegnet uns sein Wappen und in einer kleinen Landkirche einer seiner Leichensteine.

In jenem lieben und schönen Gotteshause der Hauptstadt des deutschen Reiches sind nämlich auf dem hohen Chore zu
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*) Der vorliegende Aufsatz ist mit Genehmigung des Verfassers, Herrn Pastors Oscar Schwebel in Berlin, Sonntagsbeilage der N. A. Z. vom 25. October 1885 (Nr. 43) entnommen und wird hier des Interesses wegen, welches er für Lauenburg hat, den Lesern auch dieser Zeitschrift zugänglich gemacht. Denn es ist ganz zweifellos, daß wir in den von Krummensee die Nachkommen des lauenburgischen Uradelsgeschlechts von Crummesse vor uns haben, welches schon um die Mitte des 15. Jahrhundets vom Schauplatz der Geschichte Lauenburgs verschwindet, bis dahin aber in derselben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat und im Lande reich begütert gewesen ist. Auf solche Identität weist auch die Aehnlichkeit oder vielmehr Uebereinstimmung der Wappen hin: beide stellen einen Zaun dar, der im Wappen der Märkischen Crummesse nur ausgebildeter (mehrzackig) ist. Den von Crummesse gehörte u. A. Burg mit Dorf und Feld Petzeke (Kloster Marienwold). WD.

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rechter Hand ein paar graue Grabsteine der Schlieben aufgerichtet. Auf einem derselben sehen wir unter den Ahnenwappen auch die folgende merkwürdige, ritterliche Zier: Auf goldenem Felde trägt der Schild ein Stück von einem grünen, aus Latten zusammengefügten Zaune! Auf dem Helme steht eine Jungfrau in mittelalterlicher Kleidung; mit den Armen hält sie zwei Stäbe umfaßt, sich auf dieselben stützend. Ein reiches Gewand, eine große, weiße Krause und ein goldenes Halsgeschmeide schmücken sie.

Das ist die ritterliche Wehr DERER VON KRUMMENSEE.

Die Heimath dieses Geschlechtes aber befindet sich außerhalb unserer Mark Brandenburg.

Denn die von Krummensee sind ursprünglich transalbingische Sachsen. Im Herzogthume Lauenburg erscheinen sie zuerst. Dort lebte um die Mitte des 13. Jahrhunderts ein Heinrich von Krummensee. Charakteristisch führt sich der Erste des Geschlechts in die Geschichte ein. Es war in jenen Tagen eine Zwietracht ausgebrochen zwischen der Stadt Lübeck und dem Markgrafen Johannes von Brandenburg. Die aufstrebende Handelsstadt war den Fürsten und dem Adel ja von vornherein ein Dorn im Auge! – War es da wohl verwunderlich, wenn sächsisch-lauenburgische Edelleute sich in den Dienst der Markgrafen begaben, um die „stolzen“ Bürger von Lübeck zu demüthigen? – Gewiß nicht! – So schlossen sich mit den alten brandenburgischen Vasallen, den Grafen Dannenberg, auch Heinrich von Emelndorf, Hermann von Tarlow und Heinrich von Krummensee dem Markgrafen Johannes an, sie befehdeten die Stadt Lübeck „auf’s Grimmigste“. Im Jahre 1252 aber ward endlich ein Friede geschlossen.

Schon diese ersten Krummensee müssen sehr hervorragende und angesehene Edelleute gewesen sein. Denn ein brandenburgischer Kurmmensee begegnet uns in jenen Tagen sogar als WAHLBOTE ZUR DEUTSCHEN KAISERWAHL.

Wir verweilen zunächst bei dieser Thatsache!

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Daß sächsische Edelleute, - Edelleute, welche in näherer Beziehung zu unserer Mark gestanden haben, einen König von Deutschland, einen römischen Kaiser erwählt haben, ist meines Erachtens nur ZWEIMAL geschehen. Ich erinnere an den unglücklichen Nikolaus von Buch, welcher unter unserm Markgrafen Waldemar zur Kaiserwahl ging und durch schwerwiegende, heut noch räthselhafte Einflüsse bestimmt, sein Votum so abgab, daß es Waldemars höchsten Zorn erregte, ja, daß er den heimkehrenden Herrn von Buch gefangen nehmen und ihn als fluchwürdigen Verräter unter schrecklichen Qualen des Hungers sterben ließ. Ja, unter wirklichen Tantalusqualen! Denn von der Decke des Kerkers hing in das Gefängniß des unglücklichen Edelmanns ein Apfel herab, welcher, so oft ihn Nikolaus ergreifen wollte, hinaufgezogen wurde. Vor diesem unglücklichen Claus von Buch aber war bereits ein Ritter Johannes von Krummensee ballenstädtischer Gesandter zur Wahl des deutschen Königs gewesen: im Auftrage seiner Herren, der Herzöge Johann und Albrecht von Lauenburg, gab er 1308 in Gemeinschaft mit dem ritterlichen Wolfe von Schwartenbeke (Lupus a Swartenbeke) die Stimme der Askanier von Sachsen-Lauenburg einem der trefflichsten Könige deutscher Nation: dem guten und großen Grafen Heinrich von Lützelburg, dem früh vollendeten Kaiser Heinrich VII!

Doch schon vor dem Jahre der Kaiserwahl, schon vor 1308, müssen die bei den LAUENBURGISCHEN Ballenstädtern so angesehenen Herren von Krummensee auch in die Lande der BRANDENBURGER Ballenstädter gekommen sein, wenigstens eine Linie derselben, während die andere in Lauenburg fortblühte. Und da ist es eine ganz eigenthümliche Thatsache, welche uns hier entgegentritt.

Von einem „krummen See“ führte das transalbingische Adelsgeschlecht seinen Namen; - einen krummen See fand dasselbe entweder in Brandenburg wieder oder es suchte einen solchen auf. Nun liegt auf dem Barnim, welcher erst um 1230

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deutsch ward, ein nierenförmig gekrümmter, schön blauer See; - bei ihm bauten sich jene altholsatischen Edeldinge an, welche den Zaun, das Zeichen geheiligten Friedens und eine die Grenzpfähle behütende Gaugöttin in dem schützenden Wappenschilde führten. Kurz, die LAUENBURGISCHEN Krummensee gründeten auch ein BRANDENBURGISCHES Dorf Krummensee.

Wie aber kamen sie dazu, - was veranlaßte sie, sich nach der Mark zu wenden? – Auch die Anwort auf diese Frage ergiebt sich uns leicht. Markgraf Otto IV. „der mit dem Pfile“, war mit der schönen Heilwigis von Holstein vermählt. Werden nicht transalbingische Edelleute diese Fürstin begleitet haben in ihre neue Heimath? – Und ferner: die Ballenstädter in der Mark hatten damals gar viel zu schaffen an dem deutschen Meere, der Nordsee, und an der wendischen Küste, der Ostsee; - wie leicht konnte es kommen, daß ein thatenfrohes Geschlecht aus jenen Landen sich ihm anschloß, - daß Lauenburger Edelleute, welche über beträchtliche Mittel geboten, sich dem hochsinnigen, ihrem Fürstengeschlechte stammverwandten Herrscherhause zu Gebote stellten, um eine neugewonnene, wendische Landschaft urbar und DEUTSCH zu machen - .

Ein Zweig der Krummensee aber verblieb in der alten Heimath, in dem lauenburgischen Sachsenlande zurück; er erscheint daselbst noch 1447, in welchem Jahre ein Hartwig von Krummensee genannt wird. Wir haben es hier indessen nicht mit dieser früh erloschenen lauenburgischen Linie des Geschlechtes, sondern allein mit den märkischen Krummensees zu thun.

Erst in dem Jahre der Abfassung des Landbuches Kaiser Karls IV. werden die Kurmmensee im Lande Brandenburg wieder erwähnt. Betke, Tydike, Arnd, Henning und Ebel von Krummensee erscheinen damals angesessen und zu Abgabenempfang berechtigt in den Dörfern Wesendal, Rosenthal, Beiersdorf und Hohenstein. Auch dem geistlichen Stande der Mark weihte sich ein Mitglied des Geschlechtes: Herr Marquard von Krummensee war 1385 Domherr zu Brandenburg. Schön aber blühte das

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Glück der Krummensee auf in der herrenlosen Zeit der Mark. Eine Sage erzählt, Markgraf Jobst habe ihnen damals die Stadt Alt-Landsberg verkauft oder verpfändet. Wie aber dem immer auch sein mag: gewiß ist, daß 1411, als die Zollern in’s Land kamen, das freundliche Städtchen unsern von Berlin in der Mittelmark ihnen gehörte.

Es fragte sich nun: „Wie würden die Krummensee sich stellen zu der neuen Ordnung der Dinge, - wie zu den Hohenzollern selbst?“

Der Chronist Leutinger, ein Stadtkind von Alt-Landsberg, berichtet nun zwar: „Bevor der erste Friedrich in die Mark kam, eilte Leopold von Krummensee nach Ansbach, um ihm Glück zu wünschen; es wurde ihm daher das Gesammt-Eigenthum, was er besaß, darunter auch die Stadt Landsberg, bestätigt.“ Allein diese Nachricht ist innerlich unwahrscheinlich, ja, eine von den VIELEN Fabeln, welche der Geschichtsschreiber der Mark uns aufgetischt hat.

Wir können zum Glücke aus den Urkunden beweisen, wie damals die Krummensee gehandelt haben.

Auch Ebel und Henning von Krummensee waren mit den Quitzows zu geheimen Widerstande gegen den Burggrafen verbündet gewesen; offen ihm aber entgegenzutreten, wagten sie allerdings nicht. So folgten sie denn im April 1413 dem neuen Verweser der Mark auch zu JENEM Zuge, welcher den räuberischen Maltizten auf der Veste Trebbin galt. Da, im Lager, erwachte die Lust zu einer „That aus dem Stegreife“ auch wieder bei ihnen. Wie um den Burggrafen zu verhöhnen, ritten sie mit den Quitzows aus Friedrichs Lager aus und pochten das Dorf Hennizkendorf unfern von Jüterbogk, welches dem Abte zu Zinna gehörte, aufs Gründlichste aus. Sie nahmen den Landleuten sechs Pferde, zwei Ochsen, Bettgewand und Hausrath, den Freuen auch ihre Kleider, wie es damals Brauch war. Und diese Beute brachten sie ihren Freunden,

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den Maltitzen auf Trebbin, welche sie nur zum Scheine befehdet hatten. Sie thaten sich gütlich in dem Raubneste; - hatten sie doch für 100 Schock böhmische Groschen fahrendes Gut erbeutet, und ritten dann ins Lager Friedrichs wieder ein.

Nachmals verklagte sie der Erzbischof von Magdeburg darum. Wie sehr war auch bei den Krummensees der Sinn für ritterliche Art GESUNKEN!

Doch es erfreut, zu sehen, daß sich Henning und Ebel von Krummensee bald wieder zu ihrer Pflicht zurückfanden. Schon im Herbste 1413 finden wir sie in völliger Eintracht mit dem Burggrafen, der ihnen allen alten Besitz bestätigt. Ja, Henning von Krummensee muß einer der Helfer Friedrichs gewesen sein in der schweren Irrung mit Herrn Werner von Holzendorf, welcher den flüchtigen Dietrich von Quitzow beherbergt und freundlich gehegt hatte. Henning muß von den Holzendorfschen in Bötzow erschlagen worden sein; denn im Jahre 1420, nachdem Werner von Holzendorf selbst wieder zu Gnaden angenommen worden war, versprach der einstmalige Felon, durch Seelenmessen für das ewige Heil Hennings von Krummensee sorgen zu wollen. Ebel von Krummensee hatte seinen Frieden mit dem neuen Herrn geschlossen; wir finden ihn 1423 am Hofe bei Friedensschlüssen mit den Herzögen von Mecklenburg thätig und bei der Stiftung der Ehepakten zwischen der Hohenzollerntochter Cäcilie und dem Herzoge Wilhelm von Braunschweig anwesend.

Allein trotz alledem scheinen die Krummensees nicht von friedlichstem Sinne gewesen zu sein. Wenigstens fanden sich um 1440 die Brüder Johannes und Sigismund von Schlabbrendorf von ihnen schnöde in ihrem Rechte verkürzt. Die beiden Schlabbrendorf ritten aus der Mark und lagerten an den Straßen; sie fahndeten auf die Krummensees und hatten der ganzen Mark abgesagt. Allein des Kurfürsten Hand schützte die Krummensee in ihrem Besitze; die Schlabbrendorf schlossen endlich Frieden und lieferten ihren Feinden, den Krummensees,

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die gemachten Gefangenen wieder aus. Das ist das Thatsächliche, was wir wissen; die Fehde ist sehr dunkel.

Licht aber ist die Geschichte der Krummensee in dem Hussitenjahre 1432. Auch gegen Alt-Landsberg rückten die Ketzer an; an einen Widerstand konnte die Stadt trotz ihrer Mauern und Thürme nicht denken; ein panischer Schrecken ging überdem vor diesen Fremden einher. Vielleicht, daß dennoch aus dem bei der Stadt gelegenen Schlosse der Krummensee, einem starken, feldsteinernem Hause, den Taboriten ein Bolzenhagel entgegenflog. Jedenfalls wurden sie auf das Höchste gereizt; die Stadt wurde geplündert, sie brannte mit sammt ihrer Kirche ab. Doch Gott Lob! gar schnell verzog sich das Hussitenwetter. Auch die entflohenen Krummensees kehrten zurück und bauten von Neuem sich Burg und Begräbnißkirche. Und wie man heute Friedenseichen pflanzt, so damals GeEDÄCHTNISZ-LINDEN. Auch neben der gothischen Kirche zu Alt-Landsberg pflanzten die Krummensee eine Linde an. Und der Baum wuchs und gedieh, bis er vierundzwanzig Fuß im Umfange erreichte. Er wurde nachmals zum „Friedensbaum“ für den Garten der Oberpfarre und wuchs weiter, demselben einverleibt. Jetzt ist er verdorrt, und nur ein dürrer Stumpf des alten Baumriesen ragt noch bis zu einer Höhe von sechs Fuß auf.

Mit der Friedenszeit, welche nach 1432 über der Mittelmark aufstieg, kam auch reicher Segen über die Krummensees. einer des Geschlechtes, der in den Urkunden von 1437-1451 genannt wird, der Ritter ARND VON KRUMMENSEE, erscheint sogar als ungewöhnlich hervorragender Mann, als ein Edelmann von wahrhaft adeliger Sitte, als Rath und Vertrauter seines Fürsten. In Gemeinschaft mit dem Grafen Albrecht von Lindow bekämpfte er die Sachsen; in den pommerschen Streitigkeiten war er 1448 der Rath seines Fürsten. Mit diesem Arnd von Krummensee kommt Licht und Leben und Glanz in die Geschichte des Geschlechtes; denn er gehörte zu den ERSTEN RITTERN DES ORDENS UNSERER LIEBEN FRAUEN

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KETTENTRÄGER. Das wunderschöne Ordenszeichen der Schwanen-Gesellschaft, das strahlenumgebene Muttergottesbild mit dem Schwan in der weißen Binde und den goldenen Glöcklein unten, hat also auch seine Brust geschmückt! Er muß daher ein Mann gewesen sein nach dem edlen und gottesfürchtigen Herzen Friedrich des Eisernen.

Gleich hervorragend scheint nach seinem Tode ein Ebel Krummensee gewesen zu sein, - wahrscheinlich sein Sohn. Wenigstens ist derselbe zugegen, als Friedrich am 20. Januar 1469 die Pfarrkirche in seiner Burg zu Kölln an der Spree zum Domstifte erhob, was jedenfalls dafür zeugt, daß der Fürst auch diesem Krummensee sein volles Vertrauen geschenkt hatte. Es war ein hochfeierlicher Augenblick, als der eherne Kurfürst mit den eisernen Zähnen in der festlich mit Tannenreisig geschmückten, von Kerzenlicht erhellten und von Weihrauchduft durchzogenen Schloßkapelle mit innigem Danke gegen die Vorsehung, die auch ihn wunderbar geführt hatte, die Stiftungsurkunde auf den Altar niederlegte, SELBST im Begrife, von diesem Lande zu scheiden. Nur die getreuesten seiner fränkischen und märkischen Diener umringten ihn an jenem Tage.

Sicherlich sind diese Arnd, diese Ebel von Krummesee oft auch zugegen gewesen bei den feierlichen Gottesdiensten, welche der eiserne Friedrich auf dem Marienberge zu Brandenburg in der Kapelle des Schwanen-Ordens so weihevoll und hochfeierlich hat abhalten lassen. Sicherlich haben auch DIESE märkischen Edelleute den schönen poesievollen Leich des Schwanen-Ordens mitgesungen, das deutsche „Mutter aller Seligkeit,“ welches still friedlich also schließt:

„In der letzten Stunde mein,
Wenn ich leide Schmerz und Pein
Und von hinnen scheide,
Dann, Maria, Du mich tröst’,
Daß ich selig und erlöst
Fahr’ in Deinem G’leite!“

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Wir sehen, die Geschichte des Geschlechtes ermangelt also auch des dichterischen Reizes nicht ganz.

Hochangesehen von ihren Fürsten, zu allen Friedenschlüssen zugezogen, oft als Schiedsrichter thätig, lebten die Krummensee im 15. und 16. Jahrhunderte in den denkbar glücklichsten Umständen. Das ganze Geschlecht heißt unter Johannes Cicero „DES FÜRSTEN RÄTHE“. Die Krummensee sind reich genug, um selbst so wohlhabende Berliner Patriziergeschlechter, wie die Trebus und die Wind, aus ihren Besitzthümern auf dem Barnim auskaufen zu können. Denn diese geldstolzen Stadtgeschlechter waren nicht immer die besten Nachbarn, und die Trebus unterfingen sich sogar einmal, den Krummensees einen Knecht abzufangen und zu schlagen. Es ist nun ganz erstaunlich, welch’ reichen Besitz die Krummensee durch gute Wirthschaft allgemach gewonnen hatten. Sie besaßen um 1500 Alt-Landsberg, welches später vier Rittersitze enthielt, je einen auf dem Schlosse, dem Bohnischen asthofe, der Meierei am Bernauer Thore und der Stätte des reformirten Pfarr- und Schulhauses, - die Dörfer Krummensee, Rosenthal, Holwerddorf, Hohenstein, Schönfließ, Hirschfelde, Wesendal, Buchholz, die Bruchmühle und die neue Mühle bei Alt-Landsberg, 5/6 von Wustrow und Alt-Barnim bei Wriezen, ¼ von Garzin und die Hälfte von Schönefeld im Lebuser Kreise, außerdem Hebungen zu Werneuchen, Beiersdorf, Hohen-Schönefeld, Löhme, Seefeld, Gielsdorf, Zinndorf, Hennickendorf, Rüdersdorf, Altena, Seefeld und von der Hasselbergischen Mühle. Später erwarben sie auch noch Schloß Cossenblat, Paaren bei Nauen und das schöne Schloß Blumberg auf dem Barnim, sowie die Taßdorfer Haide.

So stand die Familie in fast fürstlichem Reichthum da. Auch an trefflichen persönlichen Eigenschaften scheint es den Krummensees nicht gemangelt zu haben, wenigstens heißt es von einem Hans, der zu Joachim II. Zeiten lebte: „Multum apud principem valebat“ und von seinem Sohne Otto: „Nemo cum eo magnificentia et pietate comparari potuit.

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Gewichtige Herren also, ausgezeichnet durch Frömmigkeit und Prachtliebe!

Es ist ferner Mehreres, was der Geschichte des Geschlechtes während des 16. Jahrhunderts ein höheres Interesse verleiht.

Die Krummensee hatten sich in viele Linien und Zweige getheilt; es wimmelte auf dem Barnim förmlich von Junkern dieses Geschlechtes. Aber es herrschte unter denselben nicht eben die beste Einigkeit; sie stritten sich darum, wem zu Alt-Landsberg Backofen und Badestube gehörte, wieviel Schafe ein jeder halten sollte und ob dieser oder jener Junker berechtigt sei, in der Landsberger Haide „Ortsstiele, Staken, Schwellen, und Nutzholz“ zu hauen. Auch mit der Stadt Alt-Landsberg stehen sie oft auf dem Kriegsfuße. Ihre Burg zu festigen, ist ihnen besondere Herzenssache; sie führen hohe Thürme, doppelte Mauern, vorspringende Brüstungen und breite Wälle vor derselben auf, um den alten Steinhaufen vor den Bürgern zu schützen; sie bringen Wurfmaschinen und Donnerbüchsen auf die Thürme, bis endlich Christoph Krummensee um 1550 das Schloß zu bequemerem Gebrauche ausbaut. Streitigkeiten mit der Bürgerschaft waren bei der Komplikation der beiderseitigen Rechte wohl in der That nicht zu vermeiden – und endlich brach es 1556 los. Die Krummensee wollten ihre eigene Stadt nun einmal recht empfindlich züchtigen; ein offener Angriff von ihrem neben der Mauer belegenen Schlosse aus auf das Städtchen war indessen immer doch ein Wagestück. Was also thun? Sie sammelten ganz still und geräuschlos eine Streitmacht und brachten 100 Pferde und eine Menge frommer Landsknechte auf. Die ließen sie im Geheimen des Nachts vor die Stadt rücken und sich „trefflich“ verstecken. Dann schickten sie am Morgen einen der Ihrigen ab, der sich vom Wächter Einlaß in die Stadt erbat. Die Thore wurden geöffnet. Sogleich aber stürmten die Reiter heran; in hellen Hausen drangen die Krummensee ein. Sie verfuhren nicht eben glimpflich mit ihren Unterthanen; sie erbrachen die Hausthüren, fingen die Rathsherren

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und führten sie nach den verschiedensten, nicht grade allzu „lustigen“ Gefängnissen ab. Da mußte mancher dicke Brauherr einige Wochen dürften, und die Fleischer mußten fasten. Aber auch die Bürger waren Trotzköpfe und gaben nicht nach. Schließlich nahm man auf beiden Seiten Vernunft an und vertrug sich wieder auf einige Zeit.

Manche dieser Krummensee waren bei der leider nun eingetretenen Entartung des Adels aber nicht allein gewaltthätige, sondern gradezu verbrecheriche Gesellen geworden. Von 1546 bis 1581 wirkte in Alt-Landsberg ein würdiger Geistlicher, Nikolaus Leutinger, der Vater des unstäten Historikers. Die Krummensee stellten sich auf ganz verschiedene Weise zu ihm; Hans und Otto zu Blumberg waren seine besten Freunde, Kaspar und Wilhelm zu Alt-Landsberg seine schlimmsten Feinde. Auch diese Junker hatten plötzlich den sprichwörtlich gewordenen „Hunger nach geistlichem Gute“ bekommen und der Landsberger Pfarracker wäre ihnen sehr bequem gelegen gewesen. Allein der Pastor Leutinger ließ sich und der Pfarre nun einmal nichts nehmen. Drob kam’s zu einem gewaltigen Streite, ja selbst zu Thätlichkeiten gegen den Pfarrhern. „Man schoß auf der Schwelle der Kirche und einmal sogar, als er auf der Kanzel stand, mit Kugeln nach ihm, die auch einen eisernen Harnisch durchbohrt hätten, und setzte ihm mehr als einmal die Partisane auf die Brust; aber der Pfarrherr blieb dennoch fest.“

Wenn er indessen im Geheimen den Krummensees Böses gewünscht hat, so erfüllte sich sein Fluch sehr schnell. Von 1560 an ging es mit dem edlen Geschlechte in einer fast unbegreiflich schnellen Weise ABWÄRTS. Die Hauptschuld mochten die fortgesetzten Erbtheilungen tragen; allein es kam anderes noch hinzu. Mehrmals suchte im 16. Jahrhundert die Pest gerade die Heimath der Krummensees heim. Ueber Alt-Landsberg brach ferner wiederholt Brandunglück herein, so namentlich im Jahre 1569, wo der größte Theil der Stadt zerstört wurde. Dennoch erhielt sich die Familie bis etwa zum Schlusse des

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Jahrhunderts ihre 16 Rittersitze: vier zu Alt-Landsberg, zwei zu Krummensee, je einen zu Blumberg, Wegendorf, Hirschfelde, Buchholz, Wesendal, Dahlwitz, Schöneiche, Schönfließ, Schönfeld und Paaren. Aber viele Krummensees waren tief verschuldet und schon 1584 mußte das Stammgut veräußert werden; dasselbe wurde jedoch nachmals noch einmal wieder eingelöst.

Wie gesagt, der Verfall des Geschlechtes begreift sich nur durch diese Theilungen, welche einen größeren Landwirthschaftsbetrieb unmöglich machten. Denn daß die Krummensee sonst vielen Aufwand gemacht hätten, findet sich nirgends verzeichnet. Vielleicht ritt Einer von ihnen noch einmal zu Hofe; aber das kostete ja auch nicht alle Welt! Und seltsam; - andere große Geschlechter hielten etwas auf sich, so z. B. die Burgsdorf, und wenn sie keinen ANDEREN Luxus trieben, wenn auch die Edelfrau daheim sich kleidete gleich einer Bäuerin, so stifteten sie sich doch wenigstens ein Todtenmal, einen buntbemalten Grabstein, eine Wappentafel. Ich sagte oben, die Krummensees hätten kein bedeutsames Denkmal auf märkischem Boden hinterlassen außer dem Wappenstein in St. Marien. Es ist dies nicht ganz richtig. In der Kirche zu Wesendal mögen wohl auch noch heut die grauen Grabsteine eines Hans von Krummensee vorhanden sein, der 1598 starb, und seiner Gemahlin, einer von Burgsdorf. Ich sah sie dort als Knabe. Zu Alt-Landsberg aber ist die Gruft der alten Herren der Stadt schon lange verschüttet. Vielleich, daß sie in dem nun zerstörten Kloster der „MARIENKNECHTE VOM AUGUSTINER-ORDEN,“ welches zu Landsberg einst bestand, sich ein Familiendenkmal gegründet hatten; - sie rühmten sich wenigstens, sie hätten vor Alters gar viel zum Kloster gegeben. Sonst finden wir nur, daß sie bei der Landsberger Stadtkirche ein „HEILIGES DREI-KÖNIGS-LEGAT“ gestiftet haben.

Der 30jährige Krieg vollendete den Untergang des Geschlechtes. Landsberg wurde ein paar Dutzend mal geplündert,

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bald von den Schweden, bald von den Kaiserlichen. Am verhängnißvollsten scheint das Jahr 1632 gewesen zu sein. Ein Trupp unbekannter Soldaten näherte sich der Stadt; - wahrscheinlich waren es Marodeure. Man erwartete nichts Gutes von ihnen und schloß daher die Thore. Vom hohen Straußberger Thore herab schloß ein beherzter, aber sehr unkluger Bürger auf den Haufen; er tödtete einen der Krieger. Da brach die Rotte wüthend ein; sie brannten die Stadt erbarmungslos nieder. Als Friedrich Wilhelm die Regierung antrat lagen von 99 Bürgerstellen 40 wüst.

Während des Krieges war der wirthschaftliche Ruin der Familie vollendet worden. Joachim von Krummensee, welcher um 1640 starb, sah den Konkurs über sich hereinbrechen; seine Söhne Hielmar Ernst, Hildebrand, Alexander Ernst und Moritz mußten verkaufen, was noch zu verkaufen war. Der berühmte Otto von Schwerin bildete sich aus den Trümmern ihres Besitzes seine große Herrschaft Alt-Landsberg; auch die Trott, die Kahlenberg und Blechschmidt erwarben Theile des zerstückelten, herrlichen Besitzes. Um 1660 besaßen die Krummensee nur noch Hirschfelde, Schöneiche und Wesendal. Aber auch diesen letzten Besitz vermochten sie nicht zu halten. Zuerst gingen Hirschfelde und Wesendal verloren, und im Jahre 1690 verkaufte Hans Adam von Krummensee Schöneiche an den königlich polnischen und kursächsischen General bei der Infanterie, Herrn Christian Dietrich von Röbel. Freilich nur wiederkäuflich und nur für 7500 Thaler. Allein er leistete später auch auf dies Wiederkaufsrecht Verzicht, und so wurde denn auf seinen Antrag am 22. Oktober 1701 der Lehnsbrief für den neuen Besitzer ausgestellt. Es ist dies der polnisch-kursächsische General von Röbel, welcher zu Hohen-Schönhausen bei Berlin begraben liegt und über dessen Gruft die morschen Fahnenstöcke eines sächsischen Regiments aufgesteckt sind. Noch über ein Jahrhundert haben die Herren von Krummensee ein düsteres, von keinem Sonnenstrahle erhelltes Dasein geführt. „Der Letzte des

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Geschlechtes war ein Carl Aegidius Ludwig von Krummensee, des am 9. September 1790 verstorbenen Carl Aegidius von Krummensee und der am 28. Januar 1813 verstorbenen Charlotte Luise von Horn Sohn, geboren am 13. Juli 1773 und als Königlicher Amtsrath und Kanonikus zu St. Nikolai in Magdeburg den 1. Oktober 1827 mit Tode abgegangen. Denn seine mit Juliane von Horn am 5. Januar 1805 geschlossenen Ehe war kinderlos geblieben.“

So eine Nachricht des verstorbenen Freiherrn von Ledebur.

Die Geschichte des Geschlechtes ist demnach eine sehr wechselvolle. Sie führt zu der Höhe feudaler Macht und glänzenden Rittherthums hinauf, aber auch in die tiefste Tiefe des Verfalls hinab, - ein Beispiel des Unbestandes menschlicher Dinge!


 

 


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